Werk X-Petersplatz: Unerträglich lange Umarmung

September 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großstädterseelen, die durch ihren Kosmos geistern

Benjamin Vanyek und Marta Kizyma. Bild: © Edi Haberl

Das Werk X-Petersplatz startet die Saison unter der neuen kuratorischen Leitung von Cornelia Anhaus mit der österreichischen Erstaufführung von Iwan Wyrypajews „Unerträglich lange Umarmung“. Lina Hölscher hat den formal wie inhaltlich anspruchsvollen, hochgradig lyrischen Text als Kooperation mit perlen vor die säue inszeniert, und ihr ist, etwa im Gegensatz zur viel gescholtenen Uraufführung am Deutschen Theater Berlin, ein wundersamer Abend geglückt.

Dies ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Hölscher bei ihrer Regie auf jeglichen Bühnenschnickschnack verzichtet, sie vertraut aufs geschriebene Wort, und wie ihr Darsteller-Quartett es interpretiert. Julia Grevenkamp hat dafür vier von oben beleuchtete Quader auf die Spielfläche gestellt, als wären es Wartehäuschen bis zum Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Von „Zelle“ zu „Zelle“ werden so Versuche der Interaktion unternommen, die aber doch nur die Isolation des Einzelnen ausstellen. Das Publikum sitzt rund um diese starken Positionen im Raum, bespielt von Katharina Paul und Benjamin Vanyek, Marta Kizyma und Felix Kreutzer.

Wyrypajew erzählt von nichts Geringerem als vom Anfang und Ende allen Ich- und Wir-Seins, beziehungsweise wie ersteres es nicht schafft, sich in zweiteres zu verwandeln. Sein Text oszilliert zwischen tragi- und -komisch, seine zynisch hingeworfenen Lebensweis- und -wahrheiten erweisen sich als durchaus wirklichkeitshaltbar. In New York treffen also die Charaktere aufeinander, das Ehepaar Monika und Charlie, Paul und Vanyek, das sich wegen einer Abtreibung entzweit, Emmy und Kryštof, Kizyma und Kreutzer, die sich in eine Sexnacht stürzen, obwohl Emmy auch ein Verhältnis mit Charlie hat.

Marta Kizyma und Felix Kreutzer. Bild: © Edi Haberl

Felix Kreutzer und Katharina Paul. Bild: © Edi Haberl

Das Stück ist ein Trip. Im Wortsinn. Denn immer mehr verschwimmen unter Drogeneinfluss die Grenzen zwischen Realität und Rausch. Die Figuren reisen von Selbstbestimmtheit zur Selbstaufgabe und retour, vier Großstädterseelen und wie sie durch ihren Kosmos geistern. Angeleitet werden sie von einer inneren Stimme, einem Anruf aus dem Universum, hinreißenden Selbstgesprächen, die ihnen helfen sollen, zu ihrer Mitte zu finden. Doch bis dorthin heißt es durchs Inferno gehen. Nach Wien oder auf die Intensivstation. Und durch die Sehnsuchtshöllen der unerfüllten Wünsche. Bis man einander und dem Tod inniglich in die Arme fallen darf …

„Unerträglich lange Umarmung“ im Werk X-Petersplatz ist ein dicht gewebter Theaterabend von Wyrypajews komplex strukturiertem Text, der gerade durch seine minimalistische Umsetzung eine starke Sogwirkung entwickelt. Das Leiden der Figuren an der von ihnen geschaffenen Welt, ihr Ringen um einen zeitgemäßen Gott?, Paradies?, blauen Punkt? zwingt den Zuschauer geradezu zur persönlichen Stellungnahme in Sachen Sinnsuche.

werk-x.at

  1. 9. 2018

Armes Theater Wien: Illusionen

August 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine todernste Komödie über das Trugbild Liebe

Daniel Ruben Rüb, Krista Pauer, Florine Schnitzel. Bild: Christian Vondru

Albert, verwirrt über Sandras späte Liebesgeständnisse: Daniel Ruben Rüb mit Krista Pauer und Florine Schnitzel. Bild: Christian Vondru

Wenn Krista Pauer zu Beginn mit dunklem Timbre Annett Louisans „Belüg mich noch einmal“ singt, ihr „Bring diesen Augenblick für eine Ewigkeit zurück“, gibt sie damit gleichsam den Grundton des Abends vor. Das Arme Theater Wien zeigt Iwan Wyrypajews „Illusionen“, und es mag der Atmosphäre im Ottakringer Bockkeller und seinem Garten geschuldet sein, ist aber sicher der feinfühlig humorigen Regie von Erhard Pauer zu danken, dass man sich in einem modernen Sommernachtstraum wähnt.

Wyrypajew, der russische Theatergründer, Regisseur und Dramatiker, hat einen Vier-Personen-Text über das Trugbild Liebe geschrieben, über die falsche Wahrnehmung von Wirklichkeit, über Selbsttäuschung und die von anderen. Eine leise ironische, todernste Komödie über das Suchen und Nicht-Finden und wenn doch Nicht-Erkennen der wahren Liebe. Ein Stück, in dem die Protagonisten sich nacheinander aufs Sterbebett legen und entschlafen. Keine Angst, sie sind alle weit jenseits der Achtzig und ihr Witz mildert die Melancholie. Pauers Inszenierung zaubert ein Lächeln, dessen Augenzwinkern auch von den paar Tränen rührt, die im Publikum nur allzu gern verzwickt werden. Gelungen ist ein sehr sympathischer Abend mit den großartigen Darstellern Krista Pauer, Florine Schnitzel, Victor Kautsch und Daniel Ruben Rüb.

Sie spielen die beiden Ehepaare Danny und Sandra (Kautsch und Schnitzel) und Albert und Margret (Rüb und Pauer). Seit Ewigkeiten ist man verheiratet und teilweise noch länger befreundet, doch nun, da es ans Ende geht, will jeder dem anderen die „Wahrheit“ sagen. Was in etwa so klingt: Sandra gesteht Albert ein Leben lang nur ihn geliebt zu haben, Gefühle, die dieser nun auch in sich zu entdecken glaubt. Danny räumt ein, immer nur Margret begehrt zu haben. Und Margret bekennt sich zu einer Affäre mit Danny. Doch Vorsicht vor den eigenen Fantasiegebilden. Es wird sich noch herausstellen, welche dieser Bekenntnisse „Illusionen“ sind … Wyrypajews Stück hat einen Leitsatz, der die Hoffnung in sich birgt: „Es muss doch irgendetwas Beständiges geben, in diesem sich ständig wandelnden Universum“.

Daniel Ruben Rüb. Bild: Christian Vondru

Daniel Ruben Rüb. Bild: Christian Vondru

Krista Pauer und Florine Schnitzel. Bild: Christian Vondru

Krista Pauer und Florine Schnitzel. Bild: Christian Vondru

In Rückblenden berichten die Schauspieler von den vier Leben ihrer Figuren, von deren Wünschen und Träumen, davon, was Erfüllung für sie bedeutet, und warum Liebende einander immer missverstehen müssen. Es ist eine Szenenfolge mit Streiten und Stricken, und die Zuschauer sitzen mittendrin in dem, worin man sich ohne große Mühe selbst erkennen kann. Pauer hat den Text als Partitur genommen und seine sich spiegelnden Strukturen wie ein Musikstück umgesetzt. Die Schauspieler sind ebenso in ihren Rollen wie Erzähler über diese, und sie geben einander aus diesen Positionen auch die Regieanweisungen. Da sorgt bei Margret etwa für Unmut, wenn Albert nicht lang genug vor ihr knien will, und Danny reagiert mit Unverständnis, weil Sandra ihn minutenlang wütend umkreist.

Allen voran Krista Pauer und Daniel Ruben Rüb glaubt man die Echtheit der Gefühle in ihrem Changieren zwischen komischer Verzweiflung und tiefer Verletztheit, sie wie immer hinreißend temperamentvoll, doch ist ihre Margret hinter der flotten Fassade fragil wie Glas, er ein gesettelter Teddybär, den die unerwarteten Herzensverwirrungen völlig aus der Bahn werfen. Victor Kautschs Danny ist dagegen unendlich viel kopflastiger, einer, der seinen Platz in der Welt sucht – und diesen, dies nur eine der amüsanten retrospektiven Anekdoten, auf einem australischen Outback-Brocken findet, siehe wütendes Umkreisen von Sandra. Die wird von Florine Schnitzel als bodenständig-patentes ewiges Mädchen gestaltet. Eine, die halt nicht weinen konnte, als mit dem Gemüse irrtümlich eine Schnecke auf dem Griller landete. Was nebenbei vor 40 Jahren passiert ist, ihr aber immer noch vorgeworfen wird …

Florine Schnitzel, Krista Pauer und Victor Kautsch. Bild: Christian Vondru

Danny findet seinen Platz in der Welt, Sandra schäumt: Victor Kautsch mit Florine Schnitzel und Krista Pauer. Bild: Christian Vondru

Die „Illusionen“ sind der Stoff, aus dem sonst Geschlechterschlachten sind, doch Iwan Wyrypajew hat daraus ein versöhnliches Philosophikum über die Treffsicherheit von Amors Pfeilen gemacht. Ein „Drum prüfe, wer sich ewig bindet …“, das das Arme Theater Wien auf heiter-besinnliche Weise umsetzt. Dass es so gut gelingt, mag daran liegen, dass die Liebe und die Art, wie hier Theater gespielt wird, miteinander verwandt sind. Vorstellungen bis 26. August.

www.armestheaterwien.at

Iwan Wyrypajew im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=2016

Wien, 11. 8. 2016

Schauspielhaus Graz: Iwan Wyrypajews „Betrunkene“

Mai 11, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Tiefere Welterkenntnis dank Wodka

Evamaria Salcher, Clemens Maria Riegler und Silvana Veit. Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Evamaria Salcher, Clemens Maria Riegler und Silvana Veit. Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Silvana Veit und Clemens Maria Riegler Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Silvana Veit und Clemens Maria Riegler Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Am 13. Mai hat am Schauspielhaus Graz Iwan Wyrypajews „Betrunkene“ als österreichische Erstaufführung Premiere, übersetzt aus dem Russischen von Stefan Schmidtke. Es inszeniert Bernadette Sonnenbichler, es spielen Fredrik Jan Hofmann, Florian Köhler, Clemens Maria Riegler, Evamaria Salcher, Tamara Semzov, Werner Strenger und Silvana Veit. Sie verkörpern vierzehn Gestalten, die durch die Nacht torkeln.

 

Eben „Betrunkene“, die je nach Anlass den König Alkohol zum Feiern, Trauern, Vergessen oder Gedenken gebraucht haben. In verschiedenen Situationen treffen sie aufeinander, und es treffen auch jene aufeinander, die sich nüchtern nicht begegnet wären, sich nichts zu sagen gehabt hätten, oder die sich unter normalen Umständen nichts gesagt hätten. Das Publikum begegnet Ehepaaren und Junggesellen, einer Prostituierten, dem Direktor eines Filmfestivals, Bankern, Managern, Gutverdienenden – es sind nicht die Verlierer der Gesellschaft, die hier schwanken, sondern vor allem die Gewinner, die Bestimmer, die Entscheider, die Stützen der Gesellschaft. Bei allen hat der Alkohol vorübergehend die Kontrolle übernommen,  lockert die Zungen, löst Geständnisse aus, macht den Weg frei zu umfassender Ehrlichkeit. Und zeigt den schutzlosen, liebesbedürftigen, verletzlichen Menschen in seiner ganzen tragikomischen Lächerlichkeit.

Dass das Stück aus der Feder eines Russen stammt, verwundert nicht, sagt man diesem Volk doch eine besonders große Begabung zu alkoholbasierter tieferer Erkenntnis nach. Dass es mehr ist als eine heitere Posse, versteht sich von selbst: Schon im alten Griechenland war Dionysos, der Gott des Rausches, verantwortlich für die Entstehung dessen, was man bis heute Theater nennt und das wie manches religiöse Ritual die Grenze zur Transzendenz zu überschreiten versucht.

Und so macht der Rausch die Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen durchlässig und vereint die unterschiedlichen Gestalten der Nacht in einer Feier der Liebe und der Erkenntnis des Göttlichen innerhalb und außerhalb ihrer selbst. So, dass am Ende der Spielzeit, die mit „Merlin“ und der Zerstörung einer alten Ordnung und dem gescheiterten Versuch einer neuen Gesellschaft begann, die Utopie einer Welt steht, in der alle – und sei es nur eine berauschte Nacht lang – Brüder und Schwestern und von Gott geliebte Kreaturen sind. Na dann, na sdarowje!

Iwan Wyrypajew. Bild: Lupovsko

Iwan Wyrypajew. Bild: Lupovsko

Über den Autor: 

Iwan Alexandrowitsch Wyrypajew wurde 1974 in Irkutsk geboren, einem der politischen und wirtschaftlichen Zentren Sibiriens südlich des Baikalsees. Er ist einer der wichtigsten russischen Dramatiker seiner Generation und arbeitet als Schauspieler, Regisseur, Autor und Drehbuchschreiber. Seit 2001 lebt er in Moskau. Seine Stücke sind im deutschsprachigen Theaterraum seit 2003 zu sehen, in Wien zuletzt am Schauspielhaus, bei den Wiener Festwochen und im Theater Nestroyhof Hamakom.

Iwan Wyrypajew im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=2016

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 11. 5. 2016

TAG: Shut (me) down

Oktober 9, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Europas Stier ist nur noch ein Totenschädel

Bild: Anna Stöcher

Bild: Anna Stöcher

Was passiert, wenn ein Philosoph und Mathematiker mit kompliziertem Trümmerbruch im Bett liegt? Er schreibt ein Stück. Und zwar ein großartiges. Steffen Jäger verfasste fürs TAG „Shut (me) down oder Der Weg ins Zentrum des Abseits“, fungierte auch gleich als Uraufführungs-Regisseur, und ließ sich für sein Autoren-Debüt von Iwan Gontscharows Roman “Oblomow” inspirieren. Allerdings: Sehr frei nach … dem Bettgenossen. Zur Erinnerung: Der 1859 erschienene „Oblomow“, nach dem auch ein psychiatrisches Symptom benannt ist, ist der Prototyp des faulen russischen Adligen. Er verliert sich in den Traum eines geborgenen, sicheren, von aller Verantwortung freien Lebens, in dem der Schlaf Zentrum und Schwerpunkt der täglichen Verrichtungen ist. Der Roman ist eine engagierte Anklage gegen die herrschende Gesellschaft der Gutsbesitzer, des Land- und des Dienstadels. Oblomows Tod das Ende eines vergeudeten, ungenutzten Lebens.

Nun Jäger: Lilie (Julia Schranz) hat das Investmentbanking im kleinen Finger. Sie fällt die Karriereleiter steil nach oben. Alles scheint berechenbar. Das Leben ist letztlich nur das, was man fest im Griff hat. Doch eines Morgens steht sie einfach nicht mehr aus dem Bett auf. Ihr schwant etwas. DRAUSSEN sieht es nicht gut aus. DRAUSSEN lauert die Verantwortung. DRAUSSEN bricht das System zusammen. „Hatten wir das nicht schon mal?“, ist der leitmotivische Satz, den im Laufe der Inszenierung alle Figuren sagen werden. Und während die Krise DRAUSSEN ihre Wellen schlägt, bleibt Lilie einfach liegen. Ihr irritiertes soziales Umfeld wählt das Mittel der Belagerung … Dabei beginnt alles so schön auf einem weißen Podest (Bühne: Alexandra Burgstaller; Kostüme: Aleksandra Kica), auf dem Lilies Beförderung gefeiert wird. Gut, dass der Börsenbulle nur noch als Skelettschädel daliegt, könnte irritieren. Und, dass Lilies Boss am nächsten Tag verschwunden ist. Schon mal bemerkt, dass die Begriffe Bankenchef und Bandenchef nur ein Buchstabe trennt? Lilie, gerade noch dabei, durch perfektes Investieren Geld zu machen, um es in die nächste Finanzkatastrophe zu stecken – das Spiel der „neuen“ Generation -, verkriegt sich unter  der Bettdecke. Und findet ihr neopoststrukturistisches Heim plötzlich Scheiße.

Der Dramatiker Steffen Jäger entpuppt sich als Satiriker, als Sprachspieler, als Wortejongleur, der seine Figuren in skurril-sarkastische Situationen treibt. Was in den Dialogen nicht passt, wird passend gemacht. Redest du deins, rede ich meins. So kalauert sich das Ensemble durch Halbsätze im Serve-and-Volley-Spiel. Alles ist eindeutig zweideutig. Etwa Julia Schranz‘ U-Bahn-Ansage, man möge den Spalt zwischen Waggon und Perron beachtet. „Je mehr wir in die Renovierung investieren, um so größer wird er.“ Was will man auch erwarten vom „Proletenschlauch“?

Lilies Unproduktivität – und Schranz kann wunderbar mit der Gesteppten von einer Ecke der Bühne in die andere robben – bringt eine Schar weder so irr- noch so witziger Personen auf. Da muss doch was, da muss man doch … Der erste „Durchgreifer“ ist Georg Schubert als Ehemann Robert, ein Lokalpolitiker, für den das alles wahnsinnig peinlich, aber weil Hochzeitstag und so, und Anschleimen sowieso sein Geschäft – keine Chance. Ein Sieg immerhin: Da außer ihm keiner mehr zur Wahl geht, gewinnt er mit 100% der Stimmen. Jens Claßen spielt den vor Zukunftsfurcht ganz zerfressenen Untergebenen Schachinger, der, es wäre wegen einiger Unterschriften … Elisabeth Veit als Schwester Rosa und Emese Fáy als gleich morgen ihren Jahrhundertroman beginnende Schriftstellerfreundin Helene scheitern ebenso beim Deckenwegziehen. Nur Hund Brutus (Raphael Nicholas erfüllt alle Hol’s-Balli- und Gib‘-dem-Fraudi-ein-Bussi-Erwartungen besser als Martin Rütters Vorzeigewauwaus) freut sich. Was gibt es Schöneres, als sich den ganzen Tag im Bett herumzuflätzen? Da kann aus dem Bäuchleinkraulen schon ein „Ja, ja, ja, tu es“ werden. Na ja.

Jäger fügt diesen Merk- noch ein paar Denkwürdigkeiten hinzu. Das Highlight: Der Chor der Obdachlosen, von Claßen, Nicholas und Veit angelegt wie in der griechischen Tragödie, samt Wehgeschrei, bekannt nur aus Performances auf Bühnen, nicht aus dem Fernsehen, vielleicht noch als dokumentarische Häppchen, als sozialkritisches Requisit, auf Festen, auf denen „die anderen“ andere Häppchen fressen. Sehr schön auch Fáy als Mona Lisa (echter Kopf in fotokopiertem Gemälde), die erbost ihre Geschichte erzählt. Nämlich, dass erst der Diebstahl durch Vincenzo Peruggia und die damit verbundene öffentliche Erregung ihr ihren Ruhm beschert hätten (und, dass sie seit 500 Jahren ihren podice nicht mehr gesehen hätte) – ein mit Verve hingeworfenes Kabinettstück über die Werteskala von Kunst. Jäger spielt mit virtual und reality, lässt Konsoleninhaftierte und Autorenschaftinternierte miteinander agoraphobien. My home is my pokey. Und dann natürlich sie: Europa (Veit) mit dem Stier(schädel). Sich beklagend, dass ihr Name nur noch ein Wort zum Handeln, im Sinne von Ware, von Preisschacherei, nicht im Sinne von zur Tat schreiten, ist. „Als Hure habe ich begonnen und als Hure werde ich enden.“

„Schleichende Fehler werden erst bemerkt, wenn sie schon rennen.“ Noch so ein jägerscher Halali-Satz. Und so danken die Darsteller den Menschen zum Schluss, dass sie so konsequent inkonsequent sind. Dank zurück für diesen intelligenten, ironischen Abend, für diesen ideenreichen Text und dessen imposante Darbietung. Anm. laut Prof. Jäger, Lexikon der Krise: Stier sind wir schon, jetzt muss es nur noch in den Schädel rein.

http://dastag.at

Trailer: http://vimeo.com/108120574

Wien, 9. 10. 2014

Theater Nestroyhof Hamakom: Valentinstag

März 8, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frederic Lion inszeniert Iwan Wyrypajew

Ingrid Lang (Katja) Bild: Nick Mangafas

Ingrid Lang (Katja)
Bild: Nick Mangafas

Die großen vaterländischen Väter, von Lenin bis Putin, blicken von oben, von der Vidiwall, auf das Geschehen herab. Dazu hämmern sich ein Sowjetmännerchor und Industriegeräusche in die Ohren, bis sie bluten. Fortschritt! In einem Stück, in dem vornehmlich Rückschritte gemacht werden. Frederic Lion hat an seinem Theater Nestroyhof Hamakom Iwan Wyrypajews „Valentinstag“ inszeniert. Die Tragikomödie einer Dreierkombination. Denn: Die Hassliebe um die es hier geht, kennt drei Protagonisten – Valentin, Valentina und Katja. Die beiden Vs waren – wie Kasimir (eine Rolle, in der Hauptdarsteller Harald Windisch schon zu sehen war www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt/) und Karoline – ein Jugendliebespaar. Auf Missverständnis und Intrige folgte die Heirat mit Katja (Valentina aber blieb seine Geliebte). Und Valentins früher Tod. Ein Herzinfarkt um null Uhr. Zurück bleiben die beiden Frauen und Valentins Gewehr. Und wie bei Tschechow muss es im vierten Akt schießen.

Lions Regie ist „nüchtern“, lässt weder Rührseligkeit aufkommen noch Tränendrüsendruck zu, folgt aber gleichzeitig Wyrypajew auf seinem Weg ins Skurril-Surreale. Eine Disziplin, in der die russischen Autoren Weltmeister sind. Die Zeitebenen Damals und Heute schieben sich ineinander; werden gebrochen durch Rückblenden, das Aufsagen von Briefwechseln und Regieanweisungen und einem Aus-dem-Stück-Aussteigen-weil-die-Figur-die-Handlung-so-nicht-will. Lion macht aus dem Trialog mit einem Toten ein Spiel mit dem Schicksal, das schließlich in Schuldzuweisungen eskaliert. Verrat lauert überall.

Gabriele Dossi ist im violett-glitzernden Zirkusdirektorenfrack als Valentina sarkastisch und spröde, dann wieder wehleidig weinerlich. Durch Beiseitesprechen macht sie sich das Publikum zum Komplizen. Ist sie im Recht? Sie glaubt’s. Ingrid Lang trägt als Katja ein längst verschlissenes Brautkleid, ist mittelschwer gaga und ausgestattet mit gackerndem Gelächter. Eine Alkoholikerin mit Akkordeon. In einer seifenblasigen Traumsequenz steht sie wie Sterntaler und wird doch von den Ereignissen aufgerieben. Ein Opfer. Das schwächste Glied in der Kette? Man mag’s nicht glauben. Wie Elizabeth und Maria Stuart um Graf Leicester gehen die beiden in den Infight um einen Mann, den es nur noch in der Erinnerung gibt. Ihn, Valentin, den Katalysator der Katastrophe, spielt Harald Windisch virtuos. Als Untoter (in den Rückblenden) ist er ein übermütiger, liebenswerter Kauz, als Toter leichenkalt und emotionslos. Ein außenstehender Beobachter des Ehefrau-Geliebten-Dramas, das er einst angezettelt hat.

Wyrypajew seziert die von der Macht der Liebe wundgeschlagenen Körper. Doch er wäre nicht er, wenn er fürs Private keine politische Metaebene parat hätte. Und so seziert er auch die Stagnation Russlands. Vom Kommunismus über Perestroika bis Krim. Die Irrationalität, die Brüchigkeit des Lebens an sich interessiert ihn. Weshalb Frederic Lion in Bild und Ton zu folgendem Ende findet: Pussy Riot und Neil Young – Rockin‘ in the Free World.

Schluss-Szene:  Valentina läuft herein. Sie stürzt zum Tisch und liest:
KATJAS LETZTER BRIEF
Liebe Valetschka, Valja. Valentina! Sollen doch Flugzeuge am Himmel fliegen, Schiffe die Meere durchpflügen, Soldaten Russlands Grenzen schützen. Soll doch jeder das tun, wozu er Lust hat, mir ist das völlig egal. Denn ich mache mich auf zu einer interplanetaren Expedition. Im Rahmen des internationalen Raumfahrtprogramms: „Mars – die Energiequelle“!!
P.S.: Ich wünsche dir viel Glück! Mach’s gut!
P.P.S.: Ja, beinahe hätte ich’s vergessen! Valja, letzte Nacht habe ich von Gott geträumt. Er hat zu mir gesagt, erstens, dass es ihn gibt, und zweitens, dass du an einem Herzinfarkt sterben wirst, heute um Mitternacht, null Uhr. Also nochmals, mach’s gut.
Deinen Wein hab ich doch ausgetrunken. Katja.

Über den Autor:

Iwan Wyrypajew: Geboren in Irkutsk, studierte Schauspiel an der dortigen Theaterhochschule. Nach verschiedenen Engagements an Theatern in Sibirien, gründete er 1998 das Theaterstudio „Spielraum“ und begann eine Regieausbildung an der Moskauer Theaterhochschule Schtschukin. Er arbeitet seit 2001 mit seiner zehnköpfigen Theatertruppe in Moskau als Autor, Regisseur und Schauspieler am von ihm mitgegründeten „Zentrum Neues Drama: Theater.doc“ und beim TV-Sender TVS. „Spielraum“ sowie zahlreiche Stücke Wyrypajews wurden zu verschiedenen internationalen Festivals eingeladen, u.a. zu den Wiener Festwochen. 2006 führte er bei seinem ersten Spielfilm Euforija, dessen Drehbuch er auch schrieb, Regie, 2009 folgte die Verfilmung von Kislorod („Sauerstoff“). Im Wiener Schauspielhaus wurde 2010 sein Stück „Karaoke-Box“ uraufgeführt, 2013 wurde „Illusionen“ ebendort erstmals in Österreich gespielt. Für seine Theaterstücke ist er mehrfach ausgezeichnet worden, 2009 mit dem Bansemer & Nyssen Dramatiker Preis, 2012 mit dem Paszport Polityki in der Kategorie Theater. „Valentinstag“ erhielt 2003 beim „Heidelberger Stückemarkt“ den Publikumspreis. Er zählt zu den wichtigsten russischen Dramatikern seiner Generation.

www.hamakom.at

Wien, 8. 3. 2014