Volkstheater online: Schwere Knochen

Mai 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein prächtig brecht’scher Grand Guignol

Der Notwehr-Krutzler probt den legendären Halsstich: Thomas Frank, „Dostal“ Matthias Luckey und „Podgorsky“ Andreas Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Schwere Knochen“ von Alexander Charim nach dem Roman von David Schalko (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139) dran ­– heute noch bis 18 Uhr und wieder am 8. Mai kostenlos zu streamen auf www.volkstheater.at.

„Es gibt die Geschichte des Tages und die der Nacht. Die eine steht in den Büchern. Die andere erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand“, sagen die Stimmen auf dem Jenseits. Und über dem sich nun erhebenden Leichenhaufen beginnt Thomas Frank die seine zu schildern, heißt: die von Ferdinand Krutzler. Dem Notwehrspezialisten, dem Chef der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: auszurauben – doch bis es soweit ist, wird er erst einmal aus „Krutzlermutter“ Birgit Stögers Bauch geboren.

Unter Jammern und Wehklagen und erschrockenem Aufjohlen – ein Riesenbaby, ein schaiches noch dazu, das aber seinerzeit zum Wiener Unterweltkönig werden wird. In Schlaglichtszenen beleuchtet Regisseur Alexander Charim dieses Avancement, wer grad nicht spielt, wird als Erzähler eingesetzt, das ganze Ensemble großartig als David-Schalko-Charaktere, allen voran Isabella Knöll als die Musch und Thomas Frank als Krutzler, denen ihre Rollen wie angegossen passen. Muss ein Stück Arbeit für Anita Augustin gewesen sein, diesen konsequent in indirekter Rede verfassten Text bühnentauglich zu machen.

Und siehe da, die Übung ist gelungen, lebhaft wiederaufersteht es auf dem Bildschirm (und zwar im zur MQ-Halle-E-Weite jetzt zuschauerfreundlichen Closeup), dieses brutale Milieu, das gemeine Menschen macht, Schalkos unfeinster Jargon und dessen zynische Distanz zur schmerz- und schuldbehafteten Vergangenheitsverdrängung auf gut Österreichisch bestens getroffen, das Goldene Wienerherz samt dazugehöriger Goschn. Vom Heldenplatz 1938 geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow. Sechs Schauspieler und drei Schauspielerinnen gestalten insgesamt 57 Figuren, wobei Protagonist Frank sich als einziger auf eine konzentrieren kann.

Thomas Frank und „Greenham“ Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als „Dr. Harlacher“, Frank und „Honzo“ Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Krutzlers erster Auftragsmord: Thomas Frank und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er, als Typus allein körperlich ideal für Krutzlers „Schwere Knochen“, gibt mit Verve diesen pragmatischen Verbrecher, unmoralisch, unnahbar, unantastbar, oft gepudert, nie geküsst – und wer seinen Kamelhaarmantel åntatscht, braucht sich nicht wundern, wenn er hamdraht wird. Odraht ist hingegen die Viererbande, Krutzlers diebisches Transportunternehmen, Peter Fasching als stotternder Fritz „Der Bleiche“ Wessely, Lukas Watzl als Hurenkind Karl „Der Zauberer“ Sikora und Sebastian Pass als Fleischersohn „Der Praschak“, von dem sich die Knöll wie ein Schwein abstechen lässt.

Unter der Vielzahl der Rollen sind in jeder Hinsicht unmenschliche: Fasching gibt auch den ominösen Dr. Harlacher, Pass dessen Affenweibchen Honzo und den zum Schmuggelgenie „Greenham“ mutierenden Juden Grünbaum, Watzl einfach hinreißend die blondgelockte Krüppelhure Gisela. Matthias Luckey wird aufs Absonderliche abonniert, Musch-Sohn Herwig und SS-Obersturmbannführer Dostal, dessen Uniform Ausstatter Ivan Bazak ins Kostüm eines Horrorclowns verwandelt hat. Weiß geschminkt und mit roter Nase tollt die Herrenrasse durchs KZ, dort nämlich landet die Spedition, als sie sich vom Hundertertrick auf Leerräumen der Nazihuber’schen Liegenschaft verlegt.

Erst Dachau, dann Mauthausen, wo der Krutzler nicht nur die Bekanntschaft von eben Grünbaum/Greenham, sondern auch die vom politischen Gefangenen Alfred Podgorsky macht, ein Erzkommunist, der im Nachkriegswien allerdings Polizeichef wird, weshalb man sich in alter Verbundenheit eine-Hand-wäscht-die-andere-treu bleibt. Andreas Patton spielt ihn – neben dem die Spedition in Zeitlupe umkreisenden Geldscheißerfranz und surreal als nationalsozialistischer Papagei Ahab, und wenn es an diesem Abend etwas zum Ausstallieren gibt, dann dass er im Vergleich zur prallvollen Buchvorlage zu wenig Podgorsky enthält – Podgorsky, Schalkos rote Eminenz, der seine Finger in jedem Intrigenspiel hat.

Der „Geist der Lagerstraße“, „genaugenommen ist das spätere Österreich damals im KZ entstanden“, formuliert Schalko, spukt bei Alexander Charim nur kurz vorbei, wiewohl er es versteht Schalkos sardonisch kolportierte Gangstasaga mit ihrem kuriosen Shoah-Sketch durch seine Zirkuszerrbilder zu verschärfen. Unterstützt von Thomas Frank, der im Moment, als der zum Leibwächter-Kapo ernannte Krutzler dem Dostal seinen legendären Halsstich verpasst, mehr Emotionen zeigt als im Bett mit der Musch – Franks Krutzler, der politisch korrekt lagerierte Racheengel. Im Lager freilich werden die rohen Gesellen zu Ganoven-Diamanten geschliffen, die ihr blutiges Handwerk bei den Meistern gelernt haben.

„Greenham“ Sebastian Pass und Birgit Stöger als KZ-Kapo „Der Zehner“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hausparty für Hilter: Knöll, Sommerfeld, Luckey, Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Matthias Luckey als SS-Obersturmbannführer Dostal. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der bedrohlich rasselnde Kettenglieder-Schnürlvorhang fällt, in den leerem Raum lässt Ivan Bazak nun diverse Interieurs rollen, die Schauplätze mal rotseidenes Puff, mal rosarote Aida, mit einer einzigartigen Mischung aus Pathos und Proletentum wird der Kalte Krieg zum Überkochen gebracht, die Anmutung insgesamt, als würde man Bert Brecht im Grand Guignol aufführen. Ein mit drei Stunden Spieldauer durchaus episch zu nennendes Wurschtltheater, in dem das Krokodil den Kasperl frisst – von wegen, den kaun kana daschlogn: Der Bodycount ist beträchtlich – sechzehn, davon drei Tiere, kommen auf unnatürliche Weise ums Leben. Notwehr, halt.

„Schwere Knochen“ auf Charim’isch ist beides – eine gfeanzte Sozialfarce voll skurrilen Spaß‘, in der zur Heiligen-Panier-Anbetung ein derber Oaschloch-, Fut-und-Geh‘-Scheißn-Spruch geführt wird, durchbrochen durch stimmig-groteske Grausamkeiten wie in der circensischen Mauthausen-Episode oder die Entmenschlichungs-Metaphern durch Schwein, Affe und Lisa-Maria Sommerfeld als sowjetischem Kampfhund. Im Wortsinn unheimlich wandlungsfähig sind die Darsteller.

Birgit Stöger von der politisch beweglichen Krutzlermutter über den KZ-Kapo-Clown „Der Zehner“ bis zur anlassigen Unternehmergattin die Lassnig, mit der der Wessely ein selbstmörderisches Pantscherl pflegt, Lisa-Maria Sommerfeld als „leichtes Mädchen“ Sikoramutter, Praschak-Gattin und Bissgurn Gusti oder Spionin Milady – und über allem Puffmutter Musch, Isabella Knöll, ganz das „Wüdviech“ als das der Krutzler sie benamst, ehrfurchtgebietend ordinär, ihre Krutzlerliebe eine Nahkampfdisziplin, Knölls Zusammenprallen mit Frank intensiv, elektrisch aufgeladen, immer am Rande des Raufhandels.

Im Würgen macht er ihr einen Heiratsantrag: „I bring di um!“, dann „Heirate mich!“, und am Ende seufzt sie ihm ins Grab nach: „Warst kein Guter. Trotzdem hab ich dich geliebt, irgendwie.“ Dass an anderer Stelle bemängelt wurde, die Inszenierung befeuere Schalkos Stereotypen-Schreibe, von den Geschlechterklischees bis zum geldgierigen Gschamster-Diener-Jud‘, naja – honi soit …, genauso gut könnte man sagen, Sebastian Pass spielt den Grünbaum als Nestroy’schen Subaltern-Ungustl. Und wer sich übers „Redfacing“ bei Nazihubers Karl-May-Festspielen aufregt, hat keine Siebzigerjahre-Kindheit beim Rote-Falken-Fasching erlebt.

Lukas Watzl als blondgelockte Krüppelhure Gisela. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zuhälterin Musch mit Sohn Herwig: Isabella Knöll und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Lisa-Maria Sommerfeld als „professionelle“ Sikoramutter. Bild; © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Politik ist bei Schalko/Charim was Beiläufiges, wie’s im Leben der meisten so ist, räsonieren, xenophobieren, rechts wählen, so einfach funktioniert das hierzulande, verkümmerte Seelen, versteinerte Herzen, und Charim präsentiert im Jeder-gegen-Jeden lediglich die üblichen Überlebens- und anderen Treibe, die Sehn- und die weiteren Süchte. Was zweiteres betrifft, Filmisches inklusive, Milady und der Sikora vergnügen sich in der Kaisersuite des Hotel Orient, bei der Winnetou-Orgie vom Nazihuber besudelt der Krutzler ein imperiales Ambiente mit dessen Halsschlagadernblut.

Erst als die Spedition die Erdberger Demarkationslinien aufhebt, Nebel, Schießerei, die Atmosphäre Dritter-Mann-grau, und der Krutzler schreit: „Wien gehört mir!“, ist Schluss mit lustig. Die Tragi- an der -komödie: Gerade jetzt, da in Auflösung begriffen, präsentierte sich das Volkstheater stärker denn je. „Schwere Knochen“ ist das beste Beispiel dafür, geschmeidig inszeniert, jede Szene wie am Ende der Aida-Showdown eine mit Hintersinn, so dass es einem beim Lachen doch kalt über den Rücken läuft.

Alexander Charim karikiert, was bereits Verspottung war – die Mechanismen von Ermächtigung, ein Räderwerk der Gewalt, Existenz auf Kosten anderer, und dass das alles im ideologiedurchtränken wie ideologiefreien Raum gleichermaßen in Gang gesetzt werden kann. „Vermutlich ist etwas ein Mensch, wenn man es behandelt wie einen Menschen“, sagt Schalkos Krutzler. Dreht sich um und tut genau das nicht.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=9HF1PLbIvT4           www.volkstheater.at

  1. 4. 2020

Der Online-Spielplan bis Mitte Mai:

30. April: Der gute Mensch von Sezuan, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, 1. Mai: Alles Walzer, alles brennt, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477, 2. und Mai: Die rote Zora und ihre Bande, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39484, 4. Mai: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28509, 6. Mai: Nathan der Weise, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24591, 9. Mai: Wer hat meinen Vater umgebracht, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36159, 10. Mai: Wien ohne Wiener, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26649, 12. Mai: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36527, 14. Mai: Medea, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23620 und 15. Mai: Stella, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810.

Volx/Margareten: Urfaust / FaustIn and out

Februar 29, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gretchen im Faust’schen Kellerverlies

Kein Eisen ist zu heiß, Gretchens Gegenwehr wird kurzerhand glattgebügelt: Sebastian Pass, Steffi Krautz und Nadine Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Habe nun, ach! Es oft genug gehört, gesagt, gelesen, doch Günter Franzmeier tut’s noch und noch. Der brüchige Balkon mimt die Studierstube, hier sitzt der Schauspieler erster Wahl und rezitiert, repetiert den Welttheatermonolog, synkopiert, verjandlt, verbalsert seinen Faust, je neue Betonung eine neue Bedeutung, alldieweil unter ihm im Zimmer-Küche-Kabinett-Keller die Wiederholung zum Mundhygiene-Ritual wird. Putzen, spucken, der Notdurftkübel, das mit dem Aufbegehren übt sich erst.

Im Volx/Margareten hat Bérénice Hebenstreit Elfriede Jelineks Daunenkissenschlacht gegen Marmorkopf-Goethe inszeniert, „Urfaust / FaustIn and out“, jenen theatralen Kulminationspunkt, an dem die Autorin Margaretes „Ich schreye laut, laut dass alles erwacht“ mit Fritzl-Tochter Elisabeths Satz „Ich habe in all den Jahren oftmals geschrien, aber es hat mich niemand gehört“ kollidieren lässt – und Hebenstreit samt Dramaturg Michael Isenberg haben die Texte derart genialisch verschränkt, dass man verteufelt gut achtgeben muss, wo Geheimrat aufhört und Literaturnobelpreisträgerin anfängt. Sie haben den „Olympier“ nicht etwa über-, sondern die Jelinek fortgeschrieben, nahtlos greift da eins ins andere, bis Doktor Chauvi in der Selbstdekonstruktion angelangt ist.

Nahtlos, das gilt auch für das großartige Raumkonzept von Ivan Bazak, die diversen Lichtstimmungen von Markus Hirscher, die Musik von Kerosin95 aka Kathrin Kolleritsch mit Oliver Cortez. Zu Franzmeier gesellen sich die Unter-der-Erdgeister mit den speziellsten Stimmen des Hauses, Steffi Krautz als GeistIn, Sebastian Pass als Zweiter Geist und Nadine Quittner, deren FaustIn sich zur Gretchen-Figur redupliert. Im Sinne des jeli-neckischen „Ich renne mit der Schaufel und dem Besen hinter ihm her und beseitige den Menschenmüll, den der Klassiker hinterlassen hat“, sind die Eingekerkerten am Großreinemachen, Parkett wischen, Wände wienern, man beachte den Doppelsinn des Wortes „aufräumen“, bügeln. Kein Eisen ist zu heiß, als dass nicht Gretchens Gegenwehr damit zu plätten wäre, die Kellerkinder in Fausts Verlies sind einander Verbündete wie Feinde.

Herr Faust lässt seine Socken sortieren: Pass, Krautz und Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Das Feigenblatt der Versuchung: Quittner, Pass und Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Sie ist gerichtet. Ist gerettet. Oder doch gerichtet: Steffi Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Postfeministisches Kaffeekränzchen: Quittner, Krautz und Pass. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Bis Heinrich-mir-graut-vor-dirs Schwadronade endlich die Widerspruchs-Geister weckt. Haben die drei in ihren blassrosa Puffärmelblusen eben noch mit zusammengekniffenem, damit schärferem Auge schwarze Herrensocken verpaart, Krautz sie vorne auf die Wäscheleine geklammert, während Pass hinter ihr die Kluppen abgeklipst und die Socken ihrem Absturz anheimgestellt hat, heißt: apropos Heim, auch ein Haushalt ist ein Loch, eines ohne Boden, besinnen sie sich nun scheint’s auf ihre stets verneinende Charakterbeschaffenheit.

Der Herr oben ist grad beim Pudel, da pinkeln ihn die unten schon postfeministisch an, pardon, aber die Haxn-Heb‘-Metapher ist von der Jelinek höchstselbst, die Störfaktoten nun beim Kaffeetrinken, Steffi Krautz von geradezu mephistophelischer Süffisanz, Sebastian Pass eine Puck’sche Spukgestalt, das Metawesen mit Migräne und der seinen gefährlichen Spaß treibende Narr – sehr durchdacht ist das alles, sehr klug, wie Hebenstreit den Kanon zwar bedient, aber nie ohne den Hinweis, dass die großen Fragen, die der „Faust“ debattiert, aus Sicht der physisch wie psychisch weggesperrten Frau irrelevant sind. Seine Welt gibt’s für sie nicht. Zutritt verboten.

Ohne den abgenudelten #toxischeMännlichkeit zu bemühen, führt die Regisseurin den 2012er-Text über die Distanz der damaligen Tagesaktualität ins Grundsätzliche männerbestimmter Machtverhältnisse und das fremd- bestimmte In-der-Versenkung-Verschwinden der Frau. Nachdem Quittners Schilderung von Szenen aus dem Fritzl-Keller einem den Magen umgedreht hatten, folgt ihr (auch persönlich empfundener) Protest, wieso allein Margarete zur Büßerin auserkoren ist, folgt die lapidare Feststellung: „Warum all die Mädels in den Kellern? Sie könnten ja in einem Turm gehalten werden. – Aber einen Turm hat nicht jeder.“ Das ist Jelinek pur. Die Tragifarce, die mit ihrer Satire den Dichterfürsten vom Sockel, vom Parnassos in die Alltagsbanalität des Bösen holt.

Faust verschlägt’s vom erhabenen Studierrang in die Tiefen einer TV-Talkshow: Günter Franzmeier mit den jelinekischen Kartonköpfen. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Hebenstreits Ideenreichtum unterstützt die absurde Groteske, siehe Socken, siehe Bügeln, beides wie ein Ballett choreografiert, die Darsteller virtuos beim Sprühnebeln mit dem Spritzerl. Quittner muss den Strom für den Stecker selber produzieren, die Energieversorgung aus dem Oberschenkel funktioniert zwar trotz Elektroschlägen ganz gut, dann hält sie den Stecker ans Herz – und fällt vom Hocker. Welch ein Bild! „Wir sind in bester Form, wenn auch in weiblicher!“, sagt Krautz‘ GeistIn.

Und hat damit einmal mehr die Lacher auf ihrer Seite. Und wieder Zeitenverschiebung, Quittner-Margarete-Elisabeth, die um ihr totes Kindchen trauert, Krautz und Pass, die aufsässigen GeistInnen, die den heiligen O-Ton wie eine Liturgie leiern, Faust, der zornige Zitatenschleuderer, der sich zu guter Letzt gottvaterisch unters Volk mischt. Aber, ach! Der Abstieg ist kein Osterspaziergang, statt in Gretchens Kammer verrennt sich Faust in eine TV-Talkshow, rund um ihn nur Kartonköpfe, die mit ihren Strichcodes irgendwie Elfriede Jelinek ähneln, und seinen Fall öffentlich verhandeln. So kehrt sich das Ist-Gerettet ins Ist-Gerichtet zurück, die Medien sorgen schon dafür, dass das Opfer Mitschuld trägt, und die Online-Foren für passenden Hass und Verachtung.

„Ich habe versucht zu schreien. Aber es kam kein Laut heraus. Meine Stimmbänder haben einfach nicht mitgemacht“, schrieb Natascha Kampusch in ihr Buch. Steffi Krautz spinnt ein Bluthalstuch, aber Nadine Quittner leiht der gehenkten Margarete ihre Stimme. In einem kraftvollen Musikfinale erteilt die FaustIn dem „lieben Menschheitsdrama“ eine Abfuhr, sie rappt sich in Rage, hiphopt sich heraus aus dem engen Rahmen der „immer gleichen Bilder“ von Weiblichkeit. Mit diesem Höhepunkt entlässt einen der fulminante Abend in die Nacht. Ein Beweis für die Spielerstärke des Volkstheater, ein Plädoyer für den Erhalt der Spielstätte im Fünften.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2020

Landestheater NÖ: Lichter der Vorstadt

April 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine feine Collage aus Kaurismäki-Filmen

Bild: Alexi Pelekanos

Im antikapitalistischen Protestcamp fordert ein Hard-Chor lautstark „Ein bisschen Frieden“. Bild: Alexi Pelekanos

Bild: Alexi Pelekanos

Arbeitsplatzpoker: Wer die falsche Spielkarte gezogen hat, fliegt in der Sekunde aus dem Job. Bild: Alexi Pelekanos

Zu Beginn wird ein Arbeiterchor zur Maschine. Er macht vor, wie der Film beginnt. Das Schälen der Baumstämme, die danach in Bänder geschnitten werden und dann in Streifen. Viele Anlagen und ein langes Band sind nötig, bis die Streichhölzer in der Schachtel landen, alles geht automatisch; der Mensch hat sich dem System unterworfen, selbst, wenn er isst, klingt es wie Industrielärm. Später werden aus diesem Chor Büroangestellte, allesamt Anzugträger, die um ihren Arbeitsplatz zittern. Wer die falsche Spielkarte zieht, das falsche Los, der fliegt. Am Schluss rockt dann im antikapitalistischen Protestcamp ein Hard-Chor „Ein bisschen Frieden“.

Alexander Charim zeigt am Landestheater Niederösterreich seine Collage aus Aki-Kaurismäki-Filmen. „Lichter der Vorstadt“ heißt der Abend, wiewohl dies so ziemlich das einzige Werk des finnischen Filmemachers ist, das nicht vorkommt. Trotzdem, die Reverenz an Großmeister Charlie Chaplin zieht sich natürlich durch Charims Inszenierung, sind doch auch hier alle Protagonisten gleichsam der Tramp. Gutherzige in einer gefühlskalten Umgebung, Empathiebegabte und Überlebensakrobaten, denen die Welt an sich und die Mitmenschen im Besonderen den Boden unter den Füßen wegziehen. Emotionell wie materiell. Dabei sind die Figuren bei weitem keine Sympathieträger, sondern karstig und wortkarg. Diese Schicksale im Sinkflug, sie werden ohne Sentiment vorgetragen, als Satire, Kaurismäki verbietet sich und anderen jede „Gefühlsduselei“.

In St. Pölten hat man die Kraft des gesamten Ensembles aufgeboten, um das darzustellen, und, jeder Darsteller in mehreren Rollen, welch eine Kraft. Es scheint, als wäre das Haus diese Saison von Produktion zu Produktion exzellenter geworden, und nun fast an deren Ende auf dem schauspielerischen Höhepunkt.

Charim montierte für seine Arbeit: „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, die Geschichte von Iris, die keiner mag, bis sie sich ein rotes Kleid kauft, doch das Kleid wird ihr Verhängnis und sie greift zu Gift. „I Hired a Contract Killer“ über den lebensmüden, weil eben entlassenen Henri Boulanger, der einen Auftragsmörder engagiert, sich just im selben Moment verliebt und nicht mehr sterben will. „Wolken ziehen vorüber“, in dem das Ehepaar Ilona und Lauri zeitgleich die Jobs verliert, aber nicht den Mut, und mit dem Restaurant „Arbeit“ neu durchstartet. Und nach der Pause „Der Mann ohne Vergangenheit“, eine Erzählung über einen Reisenden, der überfallen und auf den Kopf geschlagen wird und sein Gedächtnis verliert; als anonymer M versucht er sein Leben zu rekonstruieren und findet statt sich selbst eine Frau …

Charims Arbeit ist im ersten Teil zwingend und dicht, von hohem Tempo und hoher Intensität; sie changiert zwischen tragikomisch und brutal grotesk und ist unter ihrer spleenigen Oberfläche lauernd gefährlich. Der Regisseur schiebt die Szenen ineinander, bringt die Working Class Zeros aus mehreren Storys gleichzeitig auf die Bühne, hinten Ilona und Lauri im neuen Lokal, vorne Henri und Margaret beim Rendezvous, das ist so fein verwoben, so fantastisch austariert, dieses Requiem für Aki Kaurismäkis Alltagsantihelden, dass im zweiten Teil der Leistungsabfall fast folgen musste.

„Der Mann ohne Vergangenheit“ erschließt sich einem nicht, auch wenn klar ist, was Charim meint: Alle sind hier M, die werktätige, gesichtslose Masse, austauschbare Nummern statt Namen, weil es mehr als einen Zahlencode fürs Bezahlen von Steuern und Sozialversicherung nicht braucht. Dann allzu abrupt aus, und verrätselt schön und gut, aber irgendwie fügte sich dieses Stück nicht in die anderen; die Frage ist, ob der Wachmann im Vorstadt-Einkaufscenter nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Aber Charim suchte wohl einen versöhnlicheren Ausgang als es für diesen gibt. Aufgeben, sagt er zum abwesenden Koistinen, ist keine Option. Geh‘ den Weg gefälligst weiter als bis zur nächsten Biegung.

Tobias Voigt, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller, Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Vorne „I Hired a Contract Killer“: Tobias Voigt, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller; hinten „Wolken ziehen vorüber“: Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

„Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ in der unguten Stube: Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

Für all das hat Ivan Bazak einen drehbaren Kubus erdacht, der parallel die abgehauste Wohnstube von Iris‘ Eltern und eine grindige Kantine sein kann, als Bühnenprospekt eine hyperrealistisch glückliche Familie, die wie zum Hohn den Existenzen davor beim Scheitern zusieht. Matthias Jakisic und „Sofa Surfer“ Wolfgang Schlögl interpretieren mit Geige, Slide-Gitarre und Akkordeon einwandfrei den finnischen Tango. Charim erzählt sehr „filmisch“, in knappen Sequenzen, lässt neben den Dialogen einen Zwischentext wie Regieanweisungen vortragen und die Charaktere streckenweise gänzlich sprachlos sein … auch dies eine Verbeugung an das schwarze Schaf im Zahnradgetriebe. Die modernen Zeiten haben alle schwer erwischt.

Magdalena Helmig und Lukas Spisser, der Südtiroler ist seit Herbst am Haus und ein echter Gewinn, überzeugen anrührend als Ilona und Lauri, die von Staat und Banken im Stich gelassen beweisen, dass der Starke am mächtigsten zu zweit ist. Schön wie sie zeigen, wie man im größten Schlamassel, als Spielball einer „Unternehmenspolitik“, seine Würde wahren kann, und ist diese Episode der Suomi-trilogia auf Verbundenheit aufgebaut, folgt für Spisser mit Swintha Gersthofer als Iris pures Verlangen, eine beinah kunstturnerische Sexszene. Gersthofer gibt die junge Naive peinlich bis zum Fremdschämen, doch Vorsicht!, irgendwann wollen die working poor, will der Mensch nicht mehr Material sein, dann wird das Lämmchen zum Reiß-Wolf.

Tobias Voigt ist fabelhaft als tollpatschiger Todeskandidat Henri, der Beruf über privat stellt, bis ihn der Beruf vor die Tür setzt. In der zum Glück Lisa Weidenmüller als trotzig-rotzige Margaret steht, eine Aufrüttlerin, wie gemacht für den Durchhänger. Michael Scherff gibt mit großer Spielfreude den mutmaßlich traurigsten Killer der Theatergeschichte. Voigt erlaubt sich noch ein Kabinettstückchen als Hund Hannibal. In den brillanten Darstellerreigen fügen sich Marion Reiser und Helmut Wiesinger unter anderem als Iris‘ Eltern, Christine Jirku, Pascal Groß und Othmar Schratt als Ilonas Kollegen, und Jan Walter als Containerdorfbewohner oder Snack-Bar-Gast. Alle zusammen spielen sie noch, scharfkantig und trocken, Abteilungsleiter und Arbeitsvermittler, Steuerprüfer und Obdachlose und – M.

„Die Arbeiterklasse kennt kein Vaterland“, sagt eine der Figuren an einer Stelle. Das ist freilich eine Zuspitzung, aber: Finnland ist faktisch überall. Kaurismäkis Themen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Einsamkeit sind so individuell wie universell. Doch das kleine Glück und die letzte Hoffnung müssen doch zu verteidigen sein, daran glaubt der Filmphilosoph fest. Alexander Charim hat aus seinen kurzen Geschichten, aus als solche empfundenen und tatsächlichen Katastrophen, ein im Vergleich zu den Originalen opulentes, auch erkennbar politischeres Gesellschaftspanorama entworfen, das Phänomene beleuchtet, die das Hierzulande betreffen. Nicht nur in diesem Sinne ist sein Abend allemal sehenswert. Schließlich: was will man schon groß?, mehr oder weniger alle dasselbe. Sing mit mir ein kleines Lied …

www.landestheater.net

BUCHTIPP: Willy Vlautin: Die Freien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18508

Wien, 23. 4. 2016

Die Geliebte des Teufels

April 14, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Selig verzerrte Sexfratzen in der Höllenglut der Liebe

Die Stars des nazideutschen Films: Tatiana Pauhofová als Lída Baarová und Gedeon Burkhard als Gustav Fröhlich Bild: © Thimfilm

Die Stars des nazideutschen Films: Tatiana Pauhofová als karrierenotgeile Lída Baarová und Gedeon Burkhard als standhafter Gustav Fröhlich. Bild: © Thimfilm

Das Beste zu Beginn: „Die Geliebte des Teufels“, tschechisch-slowakische Filmproduktion von Filip Renč und ab 15. April in den Kinos, ist ein Fest für Schauspieler. Ihnen gilt die Aufmerksamkeit des Regisseurs, sie hat er ins schönste Licht gerückt und wunderbar sorgfältig inszeniert. Tatiana Pauhofová ist eine Leinwandentdeckung, Karl Markovics eine Sensation, Gedeon Burkhard so klipp und klar wie sonst selten, Pavel Kříž ein einwandfreier Adolf Hitler. Der Rest ist … ästhetisches Hakenschlagen.

Renč und sein Drehbuchautor Ivan Hubač nacherzählen eine wahre Geschichte, die in Tschechien und der Slowakei so gut wie jeder kennt, was ihrem Film dort bereits mehr als eine halbe Million Kinobesucher eingebracht hat: Lída Baarová, so auch der schlichte Original-, statt des reißerischen deutschsprachigen Titels, Prager Filmschauspielerin, die zum Ufa-Star avancierte, war eine Geliebte, angeblich die Joseph Goebbels. Eine Bezeichnung, die sie in späteren Interviews mal akzeptierte, mal von sich wies; die Beziehung zwischen Verlangen und Verhängnis, brachte sie ihr bald Berufsverbot ein – Madga Goebbels intervenierte beim „Führer“ persönlich – und führte schließlich zur Inhaftierung und beinah Hinrichtung durch die Kommunisten. Das Filmfestival Crossing Europe widmet seinen diesjährigen Tribute der tschechischen Dokumentarfilmerin Helena Třeštíková. Sie wird in Linz ein letztes Originalinterview mit der Baarová zeigen (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=18752).

Im berühmten Film „Barcarole“ von Gerhard Lamprecht 1935 stand Baarová vor der Kamera, und 1937 in der „Fledermaus“ von Paul Verhoeven, beide Dreharbeiten kommen bei Renč vor, alles vor der Zeit der „Gefährdung der Tschechischen Republik durch das Deutsche Reich“, so der Passus aus den Verhörprotokollen, und auch die Rehabilitierung vom Vorwurf der Kollaboration ist ein – zu kurzer – Teil der Handlung. Da ist Baarovás Familie längst zerstört, der Vater beinamputiert, die Mutter bei einer Befragung am Herzinfarkt gestorben, die Schwester durch Selbstmord, und der abgehalfterte Publikumsliebling zieht weiter zu einem Set in Italien. Man fragt sich, ob Renč den thematisch interessantesten aller möglichen Baarová-Filme realisiert hat.

Eine kurze Affäre, dann ein Karriereschritt Richtung Goebbels: Tatiana Pauhofová und Gedeon Burkhard Bild: © Thimfilm

Erst eine kurze Affäre, dann ein Karriereschritt Richtung Goebbels: Tatiana Pauhofová und Gedeon Burkhard. Bild: © Thimfilm

Der Reichspropagandaminister als Familienvater und Liebhaber: Tatiana Pauhofová und Karl Markovics Bild: © Thimfilm

Der Reichspropagandaminister als Familienvater und Liebhaber: Tatiana Pauhofová und Karl Markovics. Bild: © Thimfilm

Er fokussiert nämlich fast ausschließlich auf die Zeit mit Goebbels. Den spielt Karl Markovics herausragend gut. Wo andere Schauspieler der Versuchung erlegen sind, einen hinkenden, schnarrenden Dämon zu zeigen, gestaltet er, wie er im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt, ein „armes Wurschtl“, einen verliebten Narren, der seine Karriere geopfert hätte, wäre er von Hitler nicht zurückgepfiffen worden. Worauf der „Teufel“ weint und die Geliebte tobt. Alles, was den Architekten des Dritten Reiches in den Köpfen der Zuschauer ausmacht, die Sprache, der Gang, die Gesten, deutet Markovics nur an. Er ist ein verschmitzter Liebhaber und ein liebevoller Familienvater, und wird unter „Sieg Heil!“-Rufen anlässlich einer Rede plötzlich doch wieder gefährlich und bedrohlich und zum Machtmenschen und Manipulator der Massen.

Tatiana Pauhofová gestaltet Lída Baarová zwischen halb zog er sie, halb sank sie hin, zwischen Karrieregeilheit und der für den Mann. Wer würde sich nicht geschmeichelt fühlen, wenn der mächtigste Politiker seiner Welt … und andererseits, wer sagt zu diesem Nein. „Ich denke oft an Sie“, sagt Markovics‘ Goebbels zu Lída und auf Pauhofovás Gesicht zeigt sich ihre Frage: War das Kompliment oder Drohung?

Es ist ihnen anzusehen, wie die Chemie zwischen den beiden Darstellern offensichtlich stimmte. Wie die zum dritten im Bunde, bald drittes Rad am Wagen, Gedeon Burkhard als Gustav Fröhlich. Burkhard macht aus dem charmanten Filmschönling mit jüdischer Frau in London eine Art Widerständler, der Hilter mit „Habe die Ehre“ grüßt, eine ehrliche, als er die Baarová an Goebbels abtreten muss, auch ehrlich eifersüchtige Haut in diesem Geschäft der Illusionen. Wie weit das stimmen mag, ist künstlerische Freiheit, schade ist jedenfalls, dass Renč auf die Ohrfeige verzichtet, die der Schauspieler dem „Bock von Babelsberg“ gerüchtweise gegeben haben soll. Selten noch sah man Burkhard so prägnant und präzise agieren. Pavel Kříž als Hitler hat sich wie Markovics jeglichen Ausflug in die Karikatur verboten, er ist ein stiller, in sich gekehrter „Führer“, Simona Stašová eine bis zur Lächerlichkeit ehrgeizige Eislauf-Mutti, die den ihr verwehrten Traum nun via Tochter auslebt, Martin Huba ein ob der Ereignisse sorgenvoller, skeptischer Vater.

Kameramann Petr Hojda fand für „Die Geliebte des Teufels“ Bilder wie für ein Hochglanzmelodram, die Optik ist den Produkten der damaligen Ufa-Ära angepasst, ein Lack, den Regisseur Renč durch ein paar gewagte bis allzu gewagte Einfälle zerkratzen will. So schafft er einige witzige Szenen zwischen Komödie und Satire, wenn Lída wie Elisa Doolittle mit Flaschenkorken im Mund die korrekte deutsche Aussprache übt, oder beim Vorsingen von „Warum ist es am Rhein so schön?“ der rechte Arm dr.-seltsam-artig  zum Deutschen Gruß in die Höhe fährt. Überblendungen zeigen die Verblendung. Aus einem Berlin mit Weltstadtflair wird ein nationalsozialistisches Engstirnigkeitskaff.

Teetrinken mit Adolf Hitler: Tatiana Pauhofová und Pavel Kříž Bild: © Thimfilm

Teetrinken mit Adolf Hitler: Tatiana Pauhofová und Pavel Kříž. Bild: © Thimfilm

Und über allem wabert Wagner. Witzig beim Tee mit Adolf Hitler, der mit der schönen Frau nicht zu sprechen vermag, und deshalb lieber das Grammophon ankurbelt, und vor dem Schreibtisch wacht brav Blondi, geschmacksverwirrt in der Reichsprogromnacht, durch die Baarová in einer Limousine kutschiert wird, unangetastet vom plündernden und mordenden Mob, so simpel wie Jesus übers Wasser geht.

Einfach nur noch seltsam in einer Sexszene mit Goebbels, als die von der Leidenschaft selig verzerrten Gesichter zwischen den Flammen des Kaminfeuers erscheinen. Der Walküren- als Höllenritt sozusagen. Sagt der Goebbels zur Baarová: Ist es so heiß hier oder bin ich das? Das muss man mögen …

Ebenso wie den Rahmen zur Erzählung. Renč schuf mit Zdenka Procházková–Hartmann eine Interviewsituation in Salzburg im Jahr 2000. Da kommt eine jüdische Journalistin zur alten Diva und verlangt Auskunft und Rechtfertigung. Procházková–Hartmann, bekannt als Oma Putz, gestaltet das unsympathische Alter Ego zur jungen Lída der Spielszenen. Bei Unmengen Rotwein schildert sie sich in Glanz und Gloria und wie Liebe blind sein will und sowieso immer jenseits von Gut und Böse sein muss. „Vielleicht war diese Unterhaltung eine meiner letzten herausragenden Rollen“, sagt sie zum Ende. Und das ist sie. Doch wie sinnhaft ist dieses nachgemachte Aufzeigen, wenn Material mit der echten Lída Baarová offenbar nicht zur Verfügung stand? Anders als beispielsweise in „Der Untergang“, wo die wirkliche Traudl Junge zu Wort kommt. Diesen gequält bemühten Überbau hätte man sich besser geschenkt. Eigentlich geht so was überhaupt nicht. Es ist Unsinn.

Am Ende fährt die abgehauste, zugemüllte Wohnung der Baarová zurück und sie sitzt im Halbdunkel und herein kommt der tote Goebbels in Blütenweiß, um sie mit sich zu nehmen. Also, wenn sonst nix, das will was sagen: Im ewigen Inferno ist immer ein Zimmer frei, drum passe besser auf, mit wem du dich ins Bett legst … Finster und aus. Wie gesagt: ästhetisches Hakenschlagen.

Karl Markovics im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18551

www.lidabaarovafilm.cz

Trailer in deutscher Sprache: www.youtube.com/watch?v=mSTJ5CXmu44

Wien, 14. 4. 2016

Karl Markovics spielt Joseph Goebbels – ein Gespräch

April 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im tschechischen Film „Die Geliebte des Teufels“

Karl Markovics. Bild: © Thimfilm

Filmfan in der Führerloge: Karl Markovics als Joseph Goebels. Bild: © Thimfilm

Diese Rolle hat Schauspieler schon korrumpiert, darstellerisch Vollgas zu geben und sie bis an die Grenze zur Karikatur zu gestalten. Nicht so Karl Markovics. Er spielt im tschechisch-slowakischen Film „Die Geliebte des Teufels“ den Joseph Goebbels. Und zwar wohltemperiert. Alles, was den Propagandaminister des Dritten Reichs ausmacht, die Sprache, der Gang, die Gesten, wird von Markovics nur höchst subtil angedeutet.

Das ist eine brillante Art an diese schwierige Aufgabe heranzugehen, und Markovics macht sich damit gleichsam zum Dreh- und Angelpunkt des Films von Filip Renč. In diesem geht es um den Filmstar Lída Baarová, die, so sagt man, Goebbels große Liebe war, jedenfalls mit ihm eine Affäre hatte. In Tschechien und der Slowakei kennt diese Geschichte jeder; mehr als 500.000 Kinobesucher haben dort „Die Geliebte des Teufels“ bereits gesehen. In Österreich läuft der Film am 15. April an. Karl Markovics im Gespräch über Verführbarkeit und die ethische Verantwortung von Künstlern, und warum er sich wohl nicht mit den Nazis ins Bett gelegt hätte:

MM: Mit welcher Anforderung an sich selbst geht man an die Gestaltung der Rolle Joseph Goebbels heran?

Karl Markovics: Bei historisch bekannten Figuren ist es immer eine Gratwanderung zwischen dem Erfüllen einer Ähnlichkeitserwartung und dem Behalten einer interpretatorischen Freiheit, ohne die mich eine Rolle nicht interessiert. Denn eine perfekte Kopie zu gestalten, ein Anspruch, den man ohnedies nicht erfüllen könnte, das mochte ich in meinem Beruf noch nie. Bei Goebbels fand ich die Möglichkeit reizvoll, eine Figur, die man in ihrer Außenwirkung so gut zu kennen glaubt, weil sie auch so gut dokumentiert ist, es gibt ja diverse Aufnahmen, Bild- und Tonmaterial, so dass jeder das Gefühl hat, er weiß was über den „dämonischen Verführer“, durch diese Geschichte in einer Umgebung zu zeigen, wo er nicht dokumentiert ist.

MM: Nämlich?

Markovics: Hinter den geschlossenen Türen seines Büros, zu Hause mit seiner Frau, in einem Liebesnest, unbelauscht und unbeobachtet. Ich versuchte Goebbels „privat“ zu sein, auf sich, auf seine Liebe zurückgeworfen. Denn es war Liebe, wenn Lída Baarová nur eine weitere Affäre gewesen wäre, hätt’s mich nicht interessiert. Aber in diese Frau, die Tatiana Pauhofová ganz großartig spielt, war er schwer verliebt, bei ihr war er ein Opfer, ein Opfer seiner eigenen Gefühle. Er war Sklave und nicht Sklaventreiber. Er war erbärmlich und jämmerlich und schwach und unglücklich und kindisch. Und all das wollte ich zeigen an einem Menschen, den wir nur gefährlich, dämonisch, „stark“ und böse kennen. Und plötzlich ist er ein armes Wurschtl. Für mich war das eine große Chance, denn genau da konnte ich Zwischentöne spielen. Den offiziellen Goebbels, den kennt man, den brauchte ich nicht zeigen, den haben viele Kollegen vor mir schon gespielt.

MM: Wiewohl der im Film auch vorkommt.

Markovics: Jaja, das waren die schwierigeren Drehtage. Einer Figur wie Joseph Goebbels nähert man sich als Schauspieler ja nicht leichten Herzens. Diese Szenen, beispielsweise mit Pavel Kříž als Adolf Hitler, waren für mich menschlich nicht einfach. Da kann man sich nur auf eine abstrahierendere Ebene zurückziehen …

MM: Es gibt zwei Schlüsselszenen: Eine Teestunde, bei der er mit seiner Frau Magda und Lída eine Menage à trois einzufädeln versucht, also der Manipulator ist, und ein Ausflug an den Wannseestrand, wo er wegen seines körperlichen Gebrechens im Sand stürzt. Da ist er fast schon berührend.

Markovics: Das sind genau die zwei Punkte, zwischen denen sich die Figur bewegt – Machtmensch und “Mensch”. Die Tee-Episode ist in dieser Form nicht belegt, aber sehr wohl, dass Magda die Lída Baarová zu sich eingeladen hat. Dass sie sagte, sie will keinen offiziellen Skandal, sie will da jetzt keine große Geschichte draus machen, das einzige, das wichtig ist, wäre, dass Baarová nicht schwanger wird. Denn das wäre dann „offiziell“ ein Skandal. Das Drehbuch ist also sehr gut recherchiert, die Geschichten darin belegt, umgesetzt natürlich mit einer künstlerischen Freiheit. Genau das hat mich schon beim Lesen angesprochen, wie Autor Ivan Hubač Goebbels Entwicklung von der Offensive in die Defensive zeigt, bis zur Niederlage am Schluss. Er hat alles aufgegeben und geopfert für die größte Liebe seines Lebens: Adolf Hitler. Zu dem Preis, dass er unglücklich wurde.

Karl Markovics. Bild: © Thimfilm

Goebbels „privat“ mit seinen Kindern … Bild: © Thimfilm

Tatiana Pauhofová und Karl Markovics. Bild: © Thimfilm

… und  mit Tatiana Pauhofová als Lida. Bild: © Thimfilm

MM: Erklären Sie mir als Frau Joseph Goebbels den sexuellen Verführer, den Erotiker?

Markovics: Das kann ich Ihnen überhaupt nicht erklären. Ich habe von der historischen Behauptung gelebt.

MM: Sie machen das jedenfalls sehr verschmitzt.

Markovics: Ja, naja, ich mein’ … Goebbels Trumpf bei Frauen war sicher, dass er kultiviert war. Er war belesen, er konnte Klavier spielen, er konnte Gedichte zitieren, er hat Philosophie studiert … aber in allererster Linie war er der drittmächtigste Mann in einem Land. Und auch wenn das fürchterlich sexistisch klingt, das wirkt auf Frauen weit stärker als auf Männer. Männer fühlen sich von einer mächtigen Frau nicht so angezogen, Frauen von einem mächtigen Mann sehr leicht. Und das war sein größtes Plus, behaupte ich. Es ist eine Wechselwirkung, die Macht wirkt nicht nur auf die anderen, sondern auch auf einen selbst. Der König spielt sich von selbst, denn allein durch diese Position wird man sicher und weltläufig. Man strahlt aus: In meiner Nähe kann dir nichts passieren, wenn ich dir Audienz gewähre, bist auch du mächtig; du kannst morgen deinen Kollegen sagen, ich war bei Goebbels. Dass man sich danach einredet, ihm verfallen zu sein, ist nur eine Frage der Zeit, weil man diese Gunst öfter, länger, dauernd haben will, dieses Gefühl, in Sicherheit und Wohlstand leben zu können.

MM: Ist in diesem Sinne jeder Mensch verführbar?

Markovics: Wenn einem jemand das Gefühl gibt, man sei für ihn der wichtigste Mensch auf der Welt, er könne auf alle anderen verzichten, nur auf einen selber nicht, dann ja. So kriegt man mich auch, mit diesem: Dich brauchen wir unbedingt! Ohne dich geht’s nicht! Das packt einen ein wenig bei der eigenen Eitelkeit. Und, ganz ehrlich, es ist doch auch das Geheimnis der Liebe, dieses “Nur du und sonst keiner”.

MM: Die Geschichte der Lída Baarová ist in Tschechien so bekannt, wie hierzulande die anderer Schauspielerinnen, die sich dem Regime ergeben haben. Der Film hat also etwas Universelles, diese Verführung oder Verhaftung des Künstlers durch die Macht.

Markovics: Das war es auch, was mich in erster Linie an dem Projekt angesprochen hat. Es gibt eine Art Rahmenhandlung, in der sich die 80-jährige Baarová in einer Interviewsituation mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, sich ihrer Vergangenheit stellen muss, das fand ich sehr spannend. Weil mich das auch immer wieder umgetrieben hat, und im Zuge der Beschäftigung mit diesem Projekt natürlich erneut als Frage aufkam: Wie hätte ich damals reagiert? Wäre ich bei denen gewesen, die nichts gemacht haben und froh waren, dass sie beim arischen Schauspielerverband sein dürfen, obwohl sie Markovics heißen? Oder wäre ich emigriert? Oder wäre ich so weit gegangen wie Robert Stolz, der tatsächlich jüdische Deutsche mit seinem Wagen außer Landes geschmuggelt hat? Durch seine Position vor einer Kontrolle geschützt, aber wer konnte damals schon sicher sein? Ob ich diesen Mut aufgebracht hätte, ich weiß es nicht. Oder den des Hans Moser mit seiner Frau, der eine Art stilles Übereinkommen durchgesetzt hat.

MM: Und wenn für einen Künstler seine einzige große Zeit, die einzige Möglichkeit seine Kunst zu leben und Karriere zu machen, in die eines totalitären Regimes fällt, und er ergibt sich ihm ideologisch, kann man dafür Verständnis haben? Darf man das verstehen?

Markovics: Nein, nein. Das heißt: ja. Man darf es natürlich verstehen, aber man darf es nicht akzeptieren. Man sollte an einen Künstler so hohe moralische Anforderungen stellen, wie an einen Politiker. Damit meine ich nicht, ob jemand seine Frau betrügt, sondern ob er sein Gewissen betrügt, ob er die Menschen betrügt. Es geht mir um die allerhöchsten Prinzipien, und so viele gibt’s da ohnedies nicht, beim Rest bin ich sicher kein Moralapostel. Ich rede von Ethik bei den allerhöchsten Grundsätzen, denn alles, was Menschenwürde und Menschenrecht ausmacht, ist nicht verhandelbar. Ebenso wenig wie die Freiheit. Das Glück ist ein Kind der Freiheit. Und die Freiheit ist ein Kind des Mutes. Und um diese Haltung geht’s im Leben.

Tatiana Pauhofová und Pavel Kříž. Bild: © Thimfilm

Audienz bei Adolf Hitler: Tatiana Pauhofová und Pavel Kříž. Bild: © Thimfilm

MM: Jetzt haben Sie sich die Frage, wie Sie gehandelt hätten, doch beantwortet.

Markovics: Ich kann’s nicht wissen. Ich kann’s nicht sagen. Heute, wie ich hier sitze, behaupte ich, ich hätte mich nicht mit den Nazis ins Bett gelegt.

MM: Regisseur Filip Renč und sein Kameramann Petr Hojda haben eine Filmsprache zwischen hartem Realismus und einer fantastisch anmutenden Albtraumhaftigkeit der Bilder gewählt. Das kommt manchmal ein bisschen unvermutet, etwa bei einer Bettszene zwischen Goebbels und Lída, die im “Fegefeuer” oder „Satansnest“ des Kamins endet. Gefällt Ihnen dieser Stil?

Markovics: Ich weiß nicht, ob man einem Schauspieler diese Frage stellen darf, oder ob er diese Frage überhaupt beantworten kann. Ein Schauspieler hat keine auch nur annähernd objektive Wahrnehmung von Filmen, in denen er mitspielt. Ich habe diesen jetzt zwei Mal gesehen, einmal als Rohfassung, einmal bei der Premiere in Prag, noch dazu tschechisch synchronisiert …

MM: Immerhin von Viktor Preiss.

Markovics: Ja! Aber insofern will ich Ihnen diesbezüglich gar nichts sagen, weil ich nicht weiß, unter welchem ernstzunehmenden Urteilseindruck ich das tun könnte. Ich kann nur sagen, dass ich froh war, dass es im Film immer wieder diesen Einschlag ins Groteske gibt, der für mich sehr wichtig ist, gerade im Umgang mit diesem opulenten Hochglanzkinomelodram. Ein Melodram ist immer dann gefährlich, wenn es keine Haltung einnimmt, nicht Stellung bezieht, weil es dann dazu neigt, eine etwas schwammige Oberfläche zu haben. Deshalb braucht es scharfer Elemente und Kunstgriffe, die diese Oberfläche aufrauen, damit man sich dran spießt. Ich fand ganz wichtig, dass Filip Renč solche Szenen drin hat.

MM: Im Sinne vom Brechen einer Ästhetik?

Markovics: Sowohl im Sinne des Brechens einer Ästhetik als auch im Wunsch radikal zu sein.

MM: War das Ihre erste tschechisch-slowakische Produktion?

Markovics: Ja. Ich hab’ zwei Mal mit deutschen Produktionen in Tschechien gedreht. Ich habe auch schon einen holländischen, einen polnischen, zwei amerikanische Filme gemacht, einen in Litauen, und es ist heute wirklich so, dass der Standard ein allgemeiner ist. Es gibt keine Unterschiede mehr, selbst wenn ich die Sprache nicht verstehe, kenne ich mich am Set binnen Minuten aus, weil der Ablauf in der ganzen westlichen Hemisphäre gleich ist. Als Schauspieler findet man sich da überall zurecht. Was es im Speziellen eher ausmacht, sind Kleinigkeiten, die das Drehen gar nicht betreffen: gewisse altmodischere Umgangsweisen bei den Chefs der Abteilungen, bei den Kostümbildnern, bei den Architekten … In Norwegen merkt man überall dieses skandinavische Demokratieverständnis. Da weiß man beim gemeinsamen Mittagessen nicht, ist das vis-à-vis ein Komparse oder der Aufnahmeleiter. Das hat mich fasziniert.

MM: Das Essen?

Markovics: Naja, in Österreich gibt es für Komparsen Lunchpakete oder ein billigeres Menü. In Tschechien muss man am Buffet bezahlen, da nehmen sich viele die Jause von Zuhause mit. In Norwegen kriegen alle das selbe Luxuscatering, das vom Feinsten ist, das ich je hatte. Darin gibt es Unterschiede, bei der Arbeit nicht.

MM: Der Norwegen-Bezug ist Ihnen eingefallen, weil Sie dort „Kongens Nei“, Die Entscheidung des Königs, gedreht haben.

Markovics: Ein Film von Erik Poppe, der im September anläuft. Ich spiele den deutschen Botschafter in Oslo, Curt Bräuer, und Jesper Christensen König Haakon VII. Im Film geht es die Besetzung Norwegens durch Nazideutschland. Bräuer ist eine tragische Gestalt, er sollte eine Putschregierung durchsetzen, doch die Norweger verweigerten ihr die Gefolgschaft, worauf Hitler Bräuer abzog und zur Strafe an die Ostfront schickte, wo er in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet …

MM: Schon wieder Drittes Reich, das Thema lässt Sie nicht los.

Markovics: Offensichtlich gibt es noch genug Geschichten, die zu erzählen sind. Es gibt ja den Spruch, es sei alles schon einmal gesagt worden. Aber noch nie so: es ist ein Unterschied, ob ein Deutscher, ein Israeli oder ein Norweger etwas übers Dritte Reich erzählen. Die haben klarerweise alle ihre eigenen Geschichten, und gerade Norwegen eine sehr hehre, wo man sich eher fragt, warum ist die nicht schon lange erzählt. Die hatten einen Obernazi namens Vidkun Quisling und auf der anderen Seite einen – übrigens gewählten – König, der mit den Nazis nicht kollaboriert hat. Nicht wie die meisten anderen Staaten, Dänemark, Schweden, die haben alle irgendwie gedealt, aber er ist standhaft geblieben. Haakon ist erst im Land versteckt, dann von den Briten außer Landes gebracht worden. Die Geschichte ist in Norwegen überall präsent, jeder ist dort in irgendeiner Art damit verflochten. Ich saß in Oslo auf dem Flughafen und ein Mitarbeiter hat mich gefragt, woher ich bin und was ich hier mache und ich erzähle. Und er sagt: Mein Großvater war einer von denen, die geholfen haben, Haakon in Sicherheit zu bringen.

MM: Apropos, alle Geschichten erzählt. Welche würden Sie nicht erzählen, heißt: was stört sie an Dritte-Reich-Filmen?

Markovics: Mich stört prinzipiell an historischen Filmen, die mit menschlichen Tragödien verbunden sind, wenn sie vordergründig sind, wenn sie, um es brutal zu sagen, das emotionale Material als einzigen Grund nehmen, den Film zu machen, und darüber hinaus keine Geschichte erzählen wollen, keine Aussage haben und keine Haltung beziehen. Dann kann ich drauf verzichten, weil dann ist es obszön. Wenn ein Film in irgendeiner Form eine neue Perspektive auf etwas wirft, und mich vielleicht sogar an etwas erinnert, das in meiner Gegenwart in der einen oder anderen Weise wieder in diese Richtung läuft, dann ist es legitim.

MM: Dazu als Abschluss die Frage, wann man wieder eine Arbeit von Ihnen als Regisseur erwarten darf?

Markovics: Ich arbeite an drei verschiedenen Stoffen. Wie lange es dauert, bis einer davon was wird, kann ich noch nicht abschätzen. Es ist noch nichts sehr konkret, aber früher oder später wird ein Film von mir kommen.

www.lidabaarovafilm.cz

Trailer in deutscher Sprache: www.youtube.com/watch?v=mSTJ5CXmu44

Wien, 5. 4. 2016