Salzburger Festspiele: YDP IV • Der Abschied

August 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Walter Kappachers Text über Georg Trakl

Büchnerpreisträger und Romanautor Walter Kappacher, wie Georg Trakl Salzburger, hat nach einem Text über Gustav Mahler 2011 den Salzburger Festspielen mit „Der Abschied“ nun ein Auftragswerk über Trakl geliefert. Sein erstes Bühnenstück. Er lässt darin Trakl von seinen Kriegserlebnisse, von seiner fast ungesund innigen Liebe zur Schwester, von seinen Gedichten, die er auch zitiert, erzählen. Ort der Handlung: Erster Weltkrieg, Nervenheilanstalt in Krakau. Man behandelte den Dichter dort wegen eines Selbstmordversuchs nach den traumatisierenden Erlebnissen im ostgalizischen Grodek.

Paul Herwig Bild: © Salzburger Festspiele / Bernhard Müller

Paul Herwig
Bild: © Salzburger Festspiele / Bernhard Müller

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düster hinrollt; umfängt die Nacht /Sterbende Krieger, die wilde Klage /Ihrer zerbrochenen Münder. Doch stille sammelt im Weidengrund / Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt, / Das vergossne Blut sich, mondne Kühle; / Alle Straßen münden in schwarze Verwesung. Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen / Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain, / Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter; / Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes. O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre, / Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz, / Die ungebornen Enkel.

Schrieb Trakl darüber. Regisseur Nicolas Charaux und Bühnenbildnerin Pia Greven haben ein passendes Bild für die Situation Trakls nicht nur in der Klinik, sondern in seinem Leben gefunden. Ein mächtiger schwarzer Kubus inmitten von Kriegslärm; ein Mann schlägt sich mit einer Axt einen Ausgang aus dem Gebilde. Sinnbildlich auch aus seinem eigenen Bewusstsein. Schauspieler Paul Herwig, 2010 für seine Darstellung des Johannes Pinneberg in Luk Percevals Fallada-Inszenierung mit Preisen überhäuft, wirft sich mit Kraft in die Rolle des  Trakl. Kahlgeschoren und in weißem Hemd über einer Uniformhose spielt er einen einfachen Soldaten, ein Opfer des Krieges. Mal tonlos den Mund aufreißend, mal voller Wut tanzend. Das Objekt wird zum Spielpartner. Herwig reagiert Trakls innere Kämpfe an dem Kasten ab, umkreist ihn, steigt hinein und hinaus, reißt Fetzen heraus, zerbröselt sie. Eine starke One-Man-Performance zu diesem kunstvollen Monolog. Der Schluss des Abends ist dann wahrhaftig unprätentiös. Herwigs Trakl legt sich zum Selbstmord still in den Kubus. Eine Überdosis Kokain. Herzstillstand. Kappachers Einblick in die letzten Tage des Schwierigen sind aufwühlend und erschütternd. Und das, obwohl er schwierig ist. Ein gewagtes Projekt zum Abschluss des Young Directors Project. Man wird diese Aufführungsschiene vermissen.

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Wien, 18. 8. 2014