Landestheater NÖ: Online-Stream als Osterspecial – mit drei Highlights der aktuellen Saison

April 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine digitale Fotoschau führt in die „Theaterräume“

Tilman Rose in der Maske. Bild: Tilman Rose

In der Karwoche zeigt das Landestheater Niederösterreich die Produktionen „Italienische Nacht“, „Die Nibelungen“ und „Der Parasit“ aus der aktuellen Spielzeit als Online-Stream. Die Aufzeichnungen der Generalproben, die der Filmemacher Johannes Hammel realisiert hat, werden auf der Webseite www.landestheater.net jeweils für 24 Stunden ohne Anmeldung frei verfügbar sein. Backstage führt bereits ab 3. April die digitale Foto- ausstellung „Theaterräume“ von

Ensemblemitglied Tilman Rose, der mit der Kamera die persönlichen Momente des Berufes mit seinen Kolleginnen und Kollegen festgehalten hat – während der Proben, vor den Auftritten auf der Hinter- und Seitenbühne, in der Maske, in der Garderobe und beim Pendeln ins Theater. Entstanden sind wunderschön atmosphärische Porträts, die nun als wöchentlich erweiterte Reihe präsentieren werden.

„Italienische Nacht“: Tobias Artner und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

Die „Italienische Nacht“ von Ödön von Horváth in einer Inszenierung von Alia Luque mit Tobias Artner, Silja Bächli, Tim Breyvogel, Marthe Lola Deutschmann, Bettina Kerl, Tilman Rose und Michael Scherff ist am 4. April ab 16 Uhr zu sehen. Die Handlung ereignet sich 1930 im oberbayerischen Murnau: Einen bunten Abend mit Musik und Tanz haben die Mitglieder vom sozialdemokratischen „Schutzbund der Republikaner“ in einem Gartenlokal organisiert, ihre „Italienische Nacht“.

Und sie wollen beim Feiern von niemandem gestört werden. Draußen marschieren allerdings die Faschisten auf und begehen ihren „deutschen Tag“. Ein Konflikt zwischen den beiden verfeindeten Parteien scheint unvermeidbar. Noch könnten die Republikaner den Faschismus abwenden, noch könnte Mut und Zivilcourage über den Opportunismus und die Feigheit vor den aufsteigenden Nazi siegen. Aber private Probleme und politisch-ideologische Streitereien scheinen den Sozialdemokraten wichtiger zu sein, als der Kampf um den Bestand der Demokratie … Trailer: www.youtube.com/watch?v=4TkdcJOiS6s

„Die Nibelungen“: Valentin Postlmayr, Philip L. Kelz. Bild: Alexi Pelekanos

„Die Nibelungen“ nach Friedrich Hebbel, in Szene gesetzt von Mathias Spaan und gespielt von Philip Leonhard Kelz, Bettina Kerl, Laura Laufenberg und Valentin Postlmayr steht am 9. und 18. April ab 16 Uhr auf dem Programm. „Die Nibelungen“ sind das bekannteste europäische Heldenepos, aber zugleich ein großes Liebesdrama, ein Ritterspektakel und eine Geschichte um Freundschaft und Verrat. Angesiedelt ist das Ganze im Donauraum.

In einer Epoche zwischen magischer Vorzeit und dem Beginn der westlichen Zivilisation. Der Mord an Siegfried setzt eine Spirale der Rache in Gang, deren Showdown durch politische Motive im sich verändernden Europa und persönliche Interessen beschleunigt wird. Mit allen Ingredienzien heutiger Fantasy-Blockbuster erzählt dieser klassische Stoff von den Bruchlinien der Menschlichkeit. Trailer: www.youtube.com/watch?v=A_t0AT1vRMI&t=1s

„Der Parasit“: Tobias Voigt, Tobias Artner als Schlitzohr Selicour, Heike Kretschmer und René Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

„Der Parasit“, eine Komödie von Friedrich Schiller, in der Regie von Fabian Alder mit Tobias Artner, René Dumont, Heike Kretschmer, Emilia Rupperti, Dominic Marcus Singer, Rafael Schuchter, Petra Strasser und Tobias Voigt folgt am Ostersonntag, 12. April, ab 16 Uhr. Der große klassische Dramatiker entführt das Publikum auf einen humorvollen Trip in politische Abgründe. Denn die Spezies Schmarotzer gibt es überall. Kollegen, die immer ein bisschen länger in der Chefetage sitzen, die gerne fremde Ideen als ihre eigenen ausgeben.

Geht aber was schief, dann schicken sie jemand anderen vor. Zahlen werden frisiert, Gelder veruntreut, kaum ist der Skandal aufgedeckt, wird versucht, die Fakten zu vertuschen, sodass niemand für den Schaden verantwortlich ist. Bei Friedrich Schiller ist der Parasit auf den mittleren Sprossen der Karriereleiter zu finden. Dort siedelt er im gehobenen Beamtenmilieu sein furioses Lustspiel an, das mit feinstem Komödienbesteck die Winkelzüge des titelgebenden Parasiten Selicour und die Mechanismen von Manipulation und Machtgewinn filetiert. Trailer: www.youtube.com/watch?v=7IxnEfOnF1k

www.landestheater.net

2. 4. 2020

Theater zum Fürchten: Eine italienische Nacht

Januar 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sozialdemokratie knapp vor der Sperrstunde

Beim Lehninger-Wirt sind zahlende Gäste jeder Gesinnung willkommen: Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Ob links oder rechts, beim Lehninger-Wirt sind zahlende Gäste jeder Gesinnung willkommen: Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Aus Zorn, sagt Bruno Max, hätte er Ödön von Horváths „Eine italienische Nacht“ auf den diesjährigen Spielplan genommen, aus Zorn über das Erstarken einer neuen unverschämten Rechten und der angesichts dieser Tatsache völlig versagenden Linken, die sich in Flügelkämpfen, Pfründe-Sichern, Status-Quo-Erhalten aufreibt, statt endlich Konzepte gegen ewig gestrige Geister zu entwickeln. Das Ergebnis von Bruno Max‘ Erbostheit hatte nun in der Scala Premiere – und es ist großartig.

Horváth versah seine Komödie mit der Zeitangabe „1930 bis ?“ und der TZF-Prinzipal lässt mit seiner Arbeit keinen Zweifel daran, dass dieses Fragezeichen jetzt ist. Er hat das Stück zur Stunde inszeniert, hat es auf den Punkt genau inszeniert, und es ist erschreckend, wie wenig er dazu in den Text eingreifen musste. Was Horváth vor 85 Jahren geschrieben hat, ist so gegenwärtig, dass es einen gruselt.

Die „italienische Nacht“ soll das Sommerfest einer Sektion Sozialdemokraten in einer Kleinstadt werden. Im Gastgarten vom Lehninger-Wirt will man feiern, tanzen, trinken, blöd nur, dass sich zum gleichen Zeitpunkt eine Gruppe Rechtsextremer angesagt hat, die zum „Deutschen Tag“ aufmarschiert. Die Parteijugend ruft zu Gegenaktionen auf, die saturierten Honoratioren kalmieren, „Ich stelle den Antrag, dass wir uns nicht stören lassen“, sagt einer. Ein Kriegerdenkmal wird demoliert, die Situation eskaliert. Plötzlich ist Kampf angesagt …

Den das Publikum auf Tuchfühlung mit den Schauspielern erlebt. Bruno Max und Marcus Ganser haben für die Aufführung eine Raumlösung erdacht, wie man sie von den bewährten und beliebten Dinner-Produktionen des TZF kennt. Die Zuschauer sitzen mitten im Wirtshausgarten rund um die Tische der Darsteller. Wein und Kracherl stehen bereit, und während einen der Wirt noch an seinen Platz führt, werden schon Anträge verhandelt und vertagt. Es gibt, wie sich’s gehört, eine Pawlatsche und ein Toilettenhäuschen, und auf dem Höhepunkt der Stimmung, kann’s einem passieren, dass man zur Polonaise aufgefordert wird.

Horváth rechnet in seinem Stück weniger mit der Rechten ab, als dass er die Linke schilt. Er stellt die demokratische Ohnmacht gegenüber einem faschistischen Fanatismus aus; was das anrichtet, hat er geradezu prophetisch vorhergesehen, dieses „Lasst die Republik ruhig schlafen“, dieses man lasse sich von „ein paar dummen Buben“ doch nicht provozieren. Die Buben sind Wiedergänger, sie schließen die Reihen und sie marschieren. Die Demo wird zur Bedrohung für die Demokratie, und während die Sozialdemokratie ihre Wahlverluste als von einem – Zitat Horváth – „feindlich gesinnten höheren Schicksal“ gesandt annimmt, wird alles für den Ausbruch des gerechten Volkszorns vorbereitet.

Die italienische Nacht fordert von den Sozialdemokraten vollen Einsatz: Georg Kusztrich, Jacqueline Rehak, Wolfgang Fahrner, Christoph Prückner, Christina Saginth und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Die italienische Nacht fordert von den Sozialdemokraten vollen Einsatz: Georg Kusztrich, Jacqueline Rehak, Wolfgang Fahrner, Christoph Prückner, Christina Saginth und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Die Parteijugend macht sich bereit zum Kampf gegen Rechts: Wolfgang Fahrner und Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Die Parteijugend macht sich bereit zum Kampf gegen rechts: Wolfgang Fahrner und Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Seine politische Fabel bevölkert Horváth mit vielschichtigen Figuren, die Bruno Max mit seinem Ensemble scharf konturiert hat. Entstanden ist so ein Panoptikum an Parteigängern, wie es real existierender kaum sein könnte. Georg Kusztrich gibt als selbstzufriedener, satter Stadtrat Ammetsberger die institutionalisierte Linke, Bernie Feit als Oberschulrat Betz die intellektuelle. Christoph Prückners Kranz ist der Typ leutseliger Mitgliedsbeitragsmarkenverkäufer, Marion Rottenhofers Engelbert ist korrektes Gendern wichtiger als der Widerstand gegen rechts. Komme was wolle, ihre Hauptsorge gilt dem Binnen-I.

Ganz anders da die nächste Generation Genossen. Wolfgang Fahrner ist als Martin ein aufrechter Marxist. Der Schauspieler, der nach „Brassed Off“ zum zweiten Mal für das TZF arbeitet, spielt sich mit seiner prägnanten und präzisen Darstellung des jungen Wilden in den Mittelpunkt der Aufführung. Und mit ihm Thomas Marchart als Martins von Hormonen gebeutelter bester Freund Karl, Claudia Waldherr als seine Freundin Anna und Jacqueline Rehak als Karls völlig unpolitische – Leitsatz: Völlig egal, wer uns regiert, es bescheißen uns ohnedies alle – Angebetete Leni.

Sie alle gestalten ihre Rollen mit großer Spielfreude, besonders auch Karl Maria Kinsky, der als Lehninger fürs abgründig Humorige sorgt. Sein Wirt ist ein Opportunist, dem es letztlich egal ist, wem er drei Bier verkauft. Mit Gelächter quittierte das Publikum die Szenen, in der sich die Sozialdemokraten bei ihm über die rechte Übernahme ihres Stammtisches beschweren und er seelenruhig die Nelken in den Tischvasen gegen Kornblumen tauscht. Dass sich die Zeiten ändern, entnimmt er den Sprüchen, die an die Häuslwand geschmiert werden – statt pornografisch nur noch politisch, das kann die Welt nur zum Schlechteren wenden.

Horváth zeigt eine Sozialdemokratie knapp vor der Sperrstunde. Nicht nur symbolisch, so lange will man nämlich im Gastgarten ausharren, will man, weil das schließlich auch die bewährte Proporzproblemlösung ist, die Faschos aussitzen. Die Frauen werden typisch horváthisch erst zu Opfern, dann zu Heldinnen. Martin schickt Anna auf den politischen Strich, sie soll die Wehrsportkameraden auskundschaften und wird dabei sexuell misshandelt. Ammetsberger behandelt seine Frau Adele wie einen Putzlappen, dabei wird sie es sein, die die Schreihälse in ihre Schranken weist. Christina Saginth gibt der Figur Profil, Leopold Selinger mit Kärntner Akzent den Kameradschaftsführer.

Am Ende bleibt alles beim Alten, heißt: beim Stadtrat. Er brüstet sich mit einem moralischen Sieg, der nicht der seine ist. Und Bruno Max entlässt einen in die Nacht mit der bangen Frage, wie lange diese Art von Wegschauen und ja nicht Hinhören Politik noch funktionieren kann, bevor rot gegen rechts endgültig den Kürzeren zieht.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 15. 1. 2017