Glück ist was für Weicheier

Februar 6, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Martin Wuttke schwört auf Walgesänge

Stefan Gabriel, Alleinerzieher zweier Töchter, arbeitet als Bademeister und ehrenamtlich als Sterbebegleiter: Martin Wuttke. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zum Schluss des Films hebt sich die Kamera von Christian Stangassinger hoch über die Siedlung. Eine Kleinstadt, die an Wald und Wiesen grenzt, die schmuck- wie geschmacklosen Häuser an den Baustil der 1960er-Jahre erinnernd, alle so ziemlich gleich, die Rollläden herunten, mit zugepflasterten Hinterhöfen und lange nicht mehr benutzten Swimmingspools.

Das Setting macht den Film, und dieses, Spießbürgertum und Kleingeistigkeit geradezu atmend, könnte ein übliches Die-Provinzler-zur-Rechenschaft-Ziehen sein. Ist es aber nicht. Denn in „Glück ist was für Weicheier“ von Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu, ab Freitag in den Kinos, geht es nicht um die Grenzen im Kopf, sondern um die, die einem der eigene Körper setzt. Protagonistin ist Jessica, ein burschikoses Mädchen, darob eine Außenseiterin, die im pubertär beginnenden Boy-meets-Girl-Spiel ihren Platz sucht. Lăzărescu erzählt das mit großer Liebe und viel Respekt für die von ihr abgefilmten Figuren und einem leisen, subtilen Witz, der nie verletzend oder holzhammerig wird. Denn die Handlung ist tatsächlich alles andere als zum Lachen, leidet Jessicas Schwester Sabrina doch an einer tödlichen Lungenkrankheit.

Und während sie schon ihr Begräbnis samt Brass-Musik organisiert, schmieden die beiden noch einen letzten Plan. Die Entjungferung, heißt: Sex, soll das Sterben abwenden, so steht es zumindest in den pseudo-okkulten Büchern, die Jessica und Sabrina wälzen – und für die Tat muss ein Kandidat gefunden werden. Lăzărescu findet dafür eine gehörige Prise absurden, doch nie überzogenen Humors. Sie nimmt ihr Thema überaus ernst, aber es ist eben zum Schmunzeln, wenn der Vater der Töchter, Bademeister und ehrenamtlicher Sterbebegleiter, im Hospiz einem Dahinscheidenden zeitgleich den „Orgasmus des Todes“ schildert, und in seiner Euphorie zu helfen erst gar nicht merkt, dass sein Gegenüber längst gegangen ist.

Mit seiner burschikosen, zwangsneurotischen Tochter Jessica: Martin Wuttke und Ella Frey. Bild: © Bernd Spauke

Mit seiner todkranken Tochter Sabrina: Martin Wuttke und Emilia Bernsdorf. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Wuttke spielt ganz wunderbar diesen Stefan Gabriel, der seit dem Tod seiner Frau Alleinerzieher ist, und bemüht, drei Leben in den Griff zu bekommen, obwohl ihm diese mehr und mehr entgleiten. Um Stress abzubauen, hört er via CD Walgesänge. In diesen Augenblicken zieht Wuttke selig lächelnd durch die Straßen, aber derart Momente dauern nur kurz. Hat er doch nicht nur mit den körperlichen Beschwerden von Sabrina zu kämpfen, sondern auch mit Jessicas seelischem Zustand, die sich ob der familiären Verhältnisse in diverse Zwangsneurosen hinein manövriert hat.

Als da wären das unkontrollierbare Rauf- und Runterziehen von Socken wie der Glaube an die Gefährlichkeit verschiedener Zahlen. Und zahlreiche andere ausgefeilte Ticks. Ungelenk ist ein passendes Wort für die Art, wie sich die Figuren bewegen, und ungelenk ist auch der Psychotherapeut, Christian Friedel, zu dem Jessica geschickt wird, oder die Leiterin der caritativen Einrichtung, Sophie Rois, die bei Stefan einen Annäherungsversuch unternimmt, der natürlich scheitern muss.

Die einzige, die hier ihrer selbst bewusst zu sein scheint, ist Emilia Bernsdorf als die stets durchgestyle, scheußlichste Horrorfilme wie einen Fetisch betrachtende Sabrina. Sie ist, was man eine alte Seele nennt. Dass diese Coming-of-Age-Geschichte niemals zur Karikatur gerät, sondern immer wahrhaftig bleibt, liegt allerdings überwiegend an Ella Freys Jessica, die sich schließlich in den einen, älteren, Mitschüler verliebt, nur um zu erkennen, dass der andere, gleichaltrige, die für sie bestimmte Wahl ist. Aus dem Off lässt Lăzărescu deren Gedanken herbeiflüstern, dieses Gerade-noch-Kind, das sich zur Schadensabwehr in „heilige“ Rituale flüchtet, schwer gezeichnet von dem, was es tragen muss.

„Glück ist was für Weicheier“ ist ein stiller, unsentimentaler Film mit Zeitpunkten komischer Verzweiflung. Etwa, wenn Wuttke einen um sein Leben strampelnden Marder aus dem Pool befreit, nur um später auf der stolzen Probefahrt mit dem angedacht neuen Auto einen Hirsch anzufahren. Dessen starkes Geweih umklammernd, kann er nicht verhindern, dass das Tier von ihm geht. Welch ein Symbolbild.

Ein vergeblicher Annäherungsversuch: Sophie Rois geht als Sterbehospiz-Leiterin aufs Ganze, aber Martin Wuttke will eigentlich nur reden. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Wuttke spielt unprätentiös und authentisch und ergibt sich ganz der resignierten Sprödheit seiner Figur. Ella Frey, die 15-Jährige fällt nicht zum ersten Mal positiv auf, bezaubert mit ihrer ausdrucksstarken Darstellung. Ein verstörter Teenager, weil sie sich in ständiger Gefahr glaubt, dass etwas Schlimmes passieren wird. Was dann selbstverständlich auch eintritt.

Wuttkes Bademeister Gabriel wird schließlich ein Mädchen retten, vor dem Ertrinken, und diese Tat wird eine sein, die er für sein eigenes nicht wiederholen kann. Starker Stoff, karge Bilder, draußen ist Leben, doch drinnen zieht es vorbei – aber immerhin das Ende ist lyrisch und zart.

www.glueckistwasfuerweicheier-film.de

  1. 2. 2019

Akademietheater: Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos

Dezember 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk ≠ Groteske

Die böse Göttin und ihre Kreatur in der Plastikblase – Frau Grollfeuer mit Herrmann Wurm: Barbara Petritsch und Nikolaus Habjan. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nun lag es also an Barbara Petritsch, zu zeigen, was der Mensch kann, was die Puppe nicht kann. Die Grande Dame für kantige Charaktere macht aus Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ am Akademietheater ihr persönliches Bravourstück. Entgegen dem alten Aberglauben, niemals mit Puppen aufzutreten, würden die einen Schauspieler schließlich doch nur an die Wand spielen, dreht sie in der Rolle der Frau Grollfeuer den Spieß um.

Sie dominiert die Bühne als archaisch-gefährliche Muttergöttin, die ihre Kreaturen mit unsichtbarer Hand würgt, hängt und ihnen am Ende die Luft nimmt. Wie sich die Petritsch von der sich vom Pöbel distanzierenden feinen, alten Dame zur zeternden Säuferin zur durchtriebenen Mörderin wandelt, dann aus dem letzten Moment einen hingetanzten Hauch Liebe macht, das ist große Kunst. Dabei ist diese Strippenzieherin in Nikolaus Habjans Inszenierung die einzige, die keine Puppe führt. Habjan hat als Regisseur, Puppenbauer und Puppenspieler für sein Hausdebüt kunstvoll deformierte, degenerierte Figuren erdacht, hässliche Klappmaulaufreißer, für die Francis Bacon Pate gestanden sein könnte, in ihren Fehlbildungen grandios – und dennoch den Werner Schwab’schen Krüppelmenschen, seinem Schwabischen, seinem abgrundtiefen Blick in ungustiöse Seelen nicht gewachsen.

Ist ihr Verhalten zwar vordergründig brutal, doch nie hintergründig bösartig. Was den Figuren abgeht, ist das abgefeimt Gfeanzte. Beständig wird sich gegenseitig mit Bierflaschen auf die Schädel geschlagen, wird wie beiläufig Inzest betrieben, droht der Sohn der Mutter an, sie erst zu töten und ihr dann in den Kopf zu brunzen. Das alles ist grell und plakativ und voller Drastik, doch fehlen dem Puppenspiel die Zwischentöne, fehlt das Doppelbödige. Fehlt das unmissverständlich Missverständliche dieser Davonvogelsprache, von der es anzunehmen gilt, dass sie die Schwab’schen Fäkaliendramen, dieses hier vom Autor „Radikalkomödie“ genannt und vom Regisseur mit dem heiligen Ernst eines Schwab-Hochamts zelebriert, ausmacht.

Frau Wurm mit Krüppelsohn Herrmann: Nikolaus Habjan und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Familie Kovacic: Dorothee Hartinger, Alexandra Henkel, Nikolaus Habjan und Sarah Viktoria Frick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Mag sein, dass, so wie Satire in der Regel nicht allzu viele Regiegimmicks verträgt, hier die Verfremdung der Verfremdung nicht funktioniert. Grotesk – die Puppen ≠ Groteske – das Stück. Als ausgewiesenen Nikolaus-Habjan-Fan erfreut, besser gesagt: berührt und aufrüttelt, einen dieser Abend nur halbwegs.

Nichtsdestotrotz ist anzumerken, wie fabelhaft dem Ensemble der Umgang mit den Figuren gelingt, wie bemerkenswert es ist, dabei zuzusehen, wie die Burgschauspieler hinter die Puppen zurücktreten, die ihnen an der Hüfte aus dem Körper entspringen, und wie sie diesen sozusagen den Spielraum überlassen. Dorothee Hartinger agiert als hartleibige, bigotte Frau Wurm, Nikolaus Habjan als deren klumpfüßiger Künstlersohn Herrmann.

Sarah Viktoria Frick macht aus Herrn Kovacic eine Mannsbildkarikatur, Alexandra Henkel ist eine proll-chice Frau Kovacic, und zusammen bewegen Frick und Henkel auch noch die Tussi-Töchter der Familie. Die Hölle im Zinshaus hat Bühnenbildner Jakob Brossmann zweigeschossig angelegt. Unten, und damit unter einer Plastikblase, wohnen die Wurms und die Kovacics.

Erstere in einer ärmlichen, kargen Stube, eine Kredenz, ein Grablicht auf dem Küchentisch, zweitere in einem Fototapetenalbtraum mit Federplüschlampe, in den pink-leopardscheckigen Outfits von Cedric Mpaka. Darüber thront die Grollfeuer, lange Zeit unbewegt und im Wortsinn außen vor bleibend, bis sie die zu beiden Seiten befindliche hölzerne Prunktreppe für ihren großen Auftritt nutzt.

Habjans hässliche Klappmaulaufreißer bevölkern die Geburtstagstafel der Grollfeuer. Herrmann, Frau und Herr Kovacic und deren Töchter. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting, und diese „Speisekammer voller Schmerzen“ ist eines von Schwabs als Grazer Hausmeisterinnenkind höchstpersönlichen, sieht man, wie Mutter und Sohn Wurm ihre Hassliebe ausleben, sich mit Beschimpfungen und Demütigungen an- und beherrschen, sich Familie Kovacic kollektiv in den Rausch trinkt, und deren Vater tatsächlich zum horriblen Hamsterkiller wird.

Bis im dritten Akt endlich, während sich Kyrre Kvams Musik zum Furioso steigert, Petritschs Grollfeuer herabsteigt, und zu ihrer Geburtstagstafel samt vergifteter Torte bittet. Und während die Puppen im Ausdruck stets gleich bleiben müssen, nichts den Druck zur Selbst- und gegenseitigen Zerfleischung deutlich macht, der Schwab’sche Überdruck ergo nie entstanden ist, weiß die Petritsch, wie man eine ungehemmt ausschweifende Schwabiade pointiert und akzentuiert. Die Hexe mit dem Silberhaar, die ihre Mieter wie Tiere in einem Gehege betrachtet und sie mit Gehstockhieben gegen dieses quält, ihnen das Konfettikanonenblut aus den Körpern schleudert, enthüllt nun ihr schnapsgetränktes, wirres Weltbild aus Übermenschenfantasien und Untermenschengefasel. Und weil derart Denken ein ewig untotes ist, auferstehen auch die Puppen. Um zu singen: „Der morgige Tag ist mein“.

www.burgtheater.at

30. 11. 2018

Alles ist gut

November 29, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

In aller Stille implodieren

Burgtheaterschauspielerin Aenne Schwarz bringt als schweigendes Vergewaltigungsopfer Janne eine beachtliche Leistung. Bild: Trimafilm

„Alles gut“ oder „Danke, gut“, das sind die gesellschaftlich bevorzugten Floskeln, wenn es darum geht, Wogen zu glätten, ein Gegenüber zu beruhigen, eine Situation zu deeskalieren. In diesem Sinne ist wohl der Titel von Eva Trobischs Spielfilmdebüt zu verstehen:

„Alles ist gut“, ab Freitag in den Kinos, ist sozusagen das Mantra ihrer Protagonisten, der unendlich daran gelegen ist, „die Sache nicht so hoch zu hängen“. Die Sache ist immerhin eine Vergewaltigung. Doch Janne ist es gewohnt, ihr Dasein mittels der beständigen Beschwichtigung anderer zu bewältigen, und so schweigt sie auch diesmal. Burgtheaterschauspielerin Aenne Schwarz spielt diese Janne, und ihr dabei zuzusehen, wie sie in aller Stille implodiert, ist ein bemerkenswertes Erlebnis.

Die Tat passiert nach einem Klassentreffen, von dem Janne den hochintellektuell anmutenden Martin mit nach Hause nimmt, der hat wie Janne einen sitzen, ist aber durchaus charmant, bis er zudringlich wird. „Echt jetzt?“, ist Jannes Verzweiflungsfrage, als er in sie dringt. Janne wird Martin bei ihrem Jugendfreund und späteren Arbeitgeber Robert wiedertreffen, und da ist noch ein Mann, der ihr Leben beherrscht: Piet, von dem man erfährt, dass er mit einem gemeinsam mit Janne gegründeten Buchverlag pleite gegangen ist, sich aber schon vorher rausgekauft und einen Bestseller veröffentlicht hat.

Piet hängt wie ein Schatten über der Beziehung, und da er der impulsive Typ ist, fragt man sich, ob Jannes kontrollierte Art, die Tatsache, dass sie alles auf sich abladen lässt, mit seinem schwierigen Charakter zu tun hat. Als Janne schneller als er einen neuen Job hat, nämlich Cheflektorin bei Robert, reagiert Piet mit aggressiver Gekränktheit und flüchtet sich in Sarkasmen. Und so macht Janne nicht nur ihren eigenen, sondern auch den Wert ihrer neuen Tätigkeit klein. Das alles erzählt Regisseurin und Drehbuchautorin Trobisch mit einer erschreckenden Beiläufigkeit; die Unaufgeregtheit, mit der sie im Film Unheil an Unheil reiht, wirkt auf den Betrachter ziemlich irritierend. Umso mehr, als sich Trobisch trotz des schweren Themas immer wieder eines kurzangebundenen, trockenen Humors bedient.

Wie mit der Situation umgehen? Aenne Schwarz als Janne mit Hans Löw als Martin. Bild: Trimafilm

Impulsiv trifft introvertiert: Aenne Schwarz als Janne und Andreas Döhler als deren Freund Piet. Bild: Trimafilm

Als Cast ist ein Best-of des Burg-, des Thalia Theaters und des Berliner Ensembles versammelt. Hans Löw ist als Martin zu sehen, Andreas Döhler als Piet. Tilo Nest ist als Robert sozusagen Jannes Gegenpol, ist er doch in einer Ehe mit einer viel jüngeren Frau und deren Kinderwunsch gefangen, hier wird die Situation explodieren, und sie ihn grün und blau treten, weil sie nicht schwanger wird. Falk Rockstroh hat einen Kurzauftritt als Insolvenzberater, Juliane Köhler einen als mondäne Autorin.

Sie alle beeindrucken mit ihrem reduzierten, spröden, nüchternen Spiel. Beinah verstörend zu nennen ist eine Szene, in der Löws Martin Schwarz‘ Janne in Roberts Verlag wiedersieht, seine Befangenheit schier greifbar, seine Augen, die um Absolution bitten, Wangenküsschen als Tarnung vor dem Chef.

Und zwischen den Männern eine Frau, die kein Problem haben und keines sein will. Wobei ihre Verdrängungsstrategie die Narben nur noch tiefer treibt. Dass Trobisch Jannes heiklen Balanceakt, ihren Versuch, die Dinge rational durchzustehen, scheitern lässt, ist ein logischer Schlusspunkt. Aenne Schwarz brilliert in diesem Porträt einer Frau, die nicht als Opfer gesehen werden will, und dafür einen hohen Preis bezahlt. Wie sie hinter der kühlen, letztlich selbstzerstörerischen Fassade die Aufgewühltheit ihrer Figur erkennen lässt, das ist im Wortsinn großes Kino. „Alles ist gut“ wurde von Eva Trobisch vor #MeToo erdacht, und bringt die Debatte darum, um ein Schweigen, das Gewalt bestärkt und zulässt, dennoch auf den Punkt.

allesistgut-derfilm.de

  1. 11. 2018

Elizabeth Strout: Alles ist möglich

November 19, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Irgendwie im Innersten verstanden

Alles ist möglich von Elizabeth Strout

Eine der Figuren, die Elizabeth Strout in ihrem jüngsten Roman zum Ensemble versammelt, kennt man bereits. Lucy Barton, die Bestsellerautorin, war die Protagonistin in „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21705). Damals lag sie im Krankenhaus und haderte mit ihrer unerträglichen Mutter, nun erfährt man endlich mehr über Lucys Background und versteht vieles besser, die Schriftstellerin stammt von einem Einschichthof, die Familie extrem arm, die Eltern auf seltsame Weise sadistisch.

Als Lucy deren Haus einen Besuch abstattet, mit Bruder und Schwester auf der ramponierten Couch sitzt, erleidet der Literaturstar eine Panikattacke. Sie will trotz besten Willens nichts hören von den verrohten Verhältnissen der Vergangenheit, und Lucy, die bei einer Lesung den Wahrheitsgehalt des Geschriebenen einfordert, nimmt vor ihrer Herkunft Reißaus …

In der Figur Lucy Barton laufen Strouts Handlungsfäden zusammen, sie dient den anderen Charakteren als Projektionsfläche, auch Reibebaum, alle kennen ihre Bücher, und schwanken zwischen Neid und Beglückung darüber, dass es eine von ihnen geschafft hat – rauszukommen aus Amgash, Illinois.

Mit „Alles ist möglich“ ist die große Erzählerin Strout ihrem Meistermetier treu geblieben: in sich verwobenen Kleinstadtgeschichten. Unsentimental und ohne jemals in Stereotype zu verfallen, breitet sie ihr Antiidyll über Amerikas wirtschaftlich abgehängten, geistig verstockten, seelisch verkümmerten Mittleren Westen aus. Eine Welt zwischen Maisfeldern, Sojabohnenanbau und Windparks, in dem ein genügsamer, schweigsamer, in sich gekehrter Menschenschlag lebt, dessen Wortkargheit sie mit einer einfachen Sprache illustriert. Und es ist wie stets bei der Strout, wiewohl die Grundvoraussetzungen für die Figuren nicht die besten sind, und deren Grundton ein melancholischer, sind ihre Short Cuts ein Herzenswärmer.

Weil man sich wie die, diese zwar sachlich, aber nie distanziert schildernde, Autorin alsbald in die Akteure verliebt. Allen voran in die übergewichtige Lehrerin Patty Nicely, sie die zweite Klammer der lose verknüpften Kapitel, die sich von ihren Schülern demütigen lassen muss, und heimlich den Buchhändler Charlie Macauley anhimmelt. Der sich wohl von seiner hysterischen Frau Shirley scheiden lassen möchte, aber nicht für Patty, sondern für die Prostituierte Tracy, die ihn schlussendlich um viel Geld erleichtert. In den Schulwart Tommy Guptill, der seine Farm durch einen Brand verlor. In Pattys Schwester Linda, die für ein Leben im Wohlstand die Partykeller-Vergewaltigungen ihres Ehemanns erduldet, und in Pattys beste Freundin Angelina, die nicht fassen kann, dass ihre Mutter, noch dazu in Italien, eine späte Liebe findet.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Strouts Geschöpfe sind allesamt nicht mehr jung, sondern zwischen Fünfzig und Achtzig, zackig, mit zwei, drei kühnen Strichen sind sie als Figur entworfen. Sind vom Leben und vom Krieg, und die USA sind ja ständig in einem, Beschädigte. Leiden an Angst und Scham, vor anderen und vor allem sich selbst und die Frauen dazu wegen ihres Körpers – „Das Bild, das Annie vor sich sah, war das einer Wurst: eine Wurst, in deren Pelle sie ein Löchlein gepiekst hatte, und durch dieses Löchlein versuchte sie sich ins Freie zu winden … die Pelle der Wurst war Scham. Ihre Familie war in Scham eingeschweißt.“ Strout, Psychopathologin für dysfunktionale Charaktere, lässt sie ihre Gefühle wie folgt vergleichen – als Echo von Schmerzen, die im Bewusstsein widerhallen: „Damals hatte er gemerkt, dass es, wenn man statt dem Nagel den Daumen erwischte, einen Sekundenbruchteil gab, in dem man dachte: Komisch, dafür wie fest ich zugeschlagen habe, geht es eigentlich … Und erst dann, erst nach diesem Moment trügerischen, ungläubigen, dankbaren Aufatmens, kam der Schmerz herangetobt.“

Amgash, das kleine Provinzkaff mitten im Nirgendwo der Prärie, wird durch Strout zur Schmiede diverser Schicksale, diese wie stets bestimmt durch Einsamkeit und Verwirrtheit und einem den Umständen-Ausgeliefertsein, durch Katastrophen und Unglücksfälle und immer wieder Ehedramen. Doch mehr als man’s gewohnt ist, lässt sie in ihre Storys diesmal Gewalt und Missbrauch einfließen. „Eine Frau, die seufzt und klagt, ist wie eine Portion Dreck, die man dem lieben Gott unter den Fingernagel schiebt“, denkt dazu an einer Stelle Dottie, und es ist eine der originellsten in dieser Perlenreihe kurioser, auch geheimnisvoller Geschichten, wie die Besitzerin einer Frühstückspension von Zimmermietern veralbert wird, und wie sie dafür Rache nimmt. Bei aller Trostlosigkeit lässt Strout ihre Figuren doch immer wieder Trost durch derlei verwegene Taten zukommen.

Das hallt im Leser lange nach, und man fühlt sich selbst als Mensch wie Patty bei der Lektüre von Lucy Bartons neuem Buch: Irgendwie im Innersten verstanden. Und am Ende, ein Hoffnungsschimmer, wird es eine neue Lucy geben, ein Mädchen, rotzfrech und renitent, und ihm wird ebenfalls die Flucht vom flachen Land gelingen …

Über die Autorin: Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21705) kam auf die Longlist des Man Booker Prize 2016. Erschienen sind außerdem „Das Leben natürlich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6494) und „Bleib bei mir“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11917). „Alles ist möglich“ erhielt ein überwältigendes Presseecho in den USA und stand in allen großen Medien auf den Empfehlungslisten; die Übersetzungsrechte wurden in 16 Länder verkauft. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Luchterhand Literaturverlag, Elizabeth Strout: „Alles ist möglich“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sabine Roth.

www.randomhouse.de/luchterhand/

  1. 11. 2018

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ernst ist das Leben

Juni 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Dandys sind diesmal herr-liche Damen

Die Damenriege übt sich in Theatralik: Maresi Riegner, Elzemarieke de Vos, Karola Niederhuber, Maria Hofstätter, Marie-Christine Friedrich, Raphaela Möst, Miriam Fussenegger und Michou Friesz. Bild: Lalo Jodlbauer

So weiß wie die Bühne ist hier niemandes Weste, weshalb in Kostümen, die so schrill sind wie die Stimmung, ordentlich Komödienvollgas gegeben wird. Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf inszenierte Intendant Michael Sturminger Oscar Wildes „Ernst ist das Leben / Bunbury“ und setzte dabei weniger auf Subtilität und britisches Understatement, denn auf Tempo, Timing und Tohuwabohu. Ein Spaß, der vor allem nach der Pause voll aufgeht.

Sturminger spielt, gekonnt auch in Orientierung auf das Privatleben des berühmtesten Dandys der Welt, der vier Tage nach der Bunbury-Uraufführung seinen unglückseligen Prozess begann, mit den Geschlechterrollen. Sein Ensemble besteht ausschließlich aus Frauen, und da gibt es in der deutschsprachigen Fassung von Elfriede Jelinek nicht nur sprachliche, sondern auch sexuelle Zweideutigkeiten, wenn eine Frau, die einen Mann spielt, dessen bestem Freund Avancen macht, den ebenfalls eine Frau darstellt. Und so ist es ein Küssen und Knutschen zwischen Jack Worthing und Algernon Moncrieff, in deren Rollen Raphaela Möst und Elzemarieke de Vos schlüpfen, um zu zeigen, wie man Ennui in Exaltiertheit verwandelt.

So turnt die Truppe durch Irrungen und Wirrungen, Wortspiele und Intrigen. Mit der Jelinek’schen Feder werden Versprechen rasch zu Versprechern, Sturminger bespielt die Frivolität dieser Vorlage gekonnt, so entsteht eine spritzige, quirlige, überdrehte Aufführung, die die Exzellenz der Dekadenz feiert. Und schließlich in der unvermeidlichen Kuchenschlacht endet. Möst und de Vos erlauben sich den Scherz ihre Figuren bisexuell anzulegen – das Treiben der Geschlechter ist bei Sturminger generell ein doppeltes Spiel -, die beiden bleiben süffisant, auch wenn Algie sich und Jack zunehmend in Schwulitäten bringt. De Vos ist, man braucht es nicht zu erwähnen, die geborene Komödiantin. Eine Poserin in bester Wilde’scher Manier, eine Zynikerin und – der personifizierte Un-Ernst. Wie sie lasziv durch die Szene schlakst, der Welt ebenso zugetan, wie von ihr angewidert. Nichtstun ist ihr die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist erfordert.

Spiel mit den Geschlechtern: Elzemarieke de Vos und Raphaela Möst. Bild: Lalo Jodlbauer

Komödienvollgas bei der Kuchenschlacht: Maresi Riegner, Karola Niederhuber und Miriam Fussenegger. Bild: Lalo Jodlbauer

De Vos hat Perchtoldsdorf  bunburysiert. Wie alle anderen Abbilder der dortigen Upperclass, und davon finden sich im Publikum nicht wenige, ist sie Besitz ergreifend und setzt zu diesem Zwecke auch aufs Lügen. Möst ist ihr eine ebenbürtige Partnerin, ihre verschwitzte Verlegenheit weist eine aus, die wohl weiß, was richtig wäre, aber wohlweislich das Falsche tut. Versuchungen muss man eben nachgeben, keiner ahnt, ob sie je wiederkommen. Die beiden Damen ihrer Auswahl, Gwendolen und Cecily, geben Miriam Fussenegger und Maresi Riegner. Riegner gestaltet mit naiv geschürztem Mündchen eine Unschuld vom Lande, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihre Cecily ist ein so frühreifes Früchtchen, dass einem um Algernon beinah bange wird. Fusseneggers Gwendolen ist ein resolutes Fräuleinwunder, eine, die dem Ansturm des Mannes zuerst nur widersteht, um ihn dann am Rückzug zu hindern.

Dass hier eine ganze Gesellschaftsschicht klemmt, die ganze Gesellschaft geladen ist, zeigen auch Marie-Christine Friedrich als Gouvernante Miss Prism und die großartige Michou Friesz als Lady Bracknell – zwei einwandfreie Schreckschrauben, zweitere eine schrullige, quasselstrippige Moralhüterin, erstere Typ durchgeknallte alte Jungfer, in deren verblühender Brust aber die Glut lodert. Mit ihren An- und Auszüglichkeiten kann sie Maria Hofstätters Pastor Chasuble gekonnt aufreizen. Was bleibt dem Manne anderes übrig, als dem Weibe zu zeigen, wo Gott wohnt? Kurz vor alles eitel Wonne kommt’s dann noch zu Tortenschlacht und Slapstick, da ist das Publikum längst bestens gelaunt und dankt mit langem Applaus. Schade, dass diese Premiere wetterbedingt im Neuen Burgsaal stattfinden musste, open air ist es sicher noch der doppelte Genuss.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2018