Volksoper: Cabaret

September 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der ersten bis zur letzten Minute WOW!

Willkommen, Bienvenue, Welcome: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ hieß es gestern zum Saisonauftakt an der Volksoper. Zum ersten Mal zeigt das Haus das Musical „Cabaret“ von Komponist John Kander, Librettist Joe Masteroff und Liedtexter Fred Ebb, inszeniert von Gil Mehmert und mit Lorenz C. Aichner am Pult, und mit der Wirkung: von der ersten bis zur letzten Minute WOW! Es wird wenige geben, die bei dieser frivol-frechen Hommage ans Berlin der Goldenen Zwanziger nicht an Liza Minnelli in Bob Fosses 1972er-Film denken.

An der Volksoper singt und spielt Bettina Mönch die Sally Bowles, und begeistert mit einem Timbre und einem Temperament, die dem US-Superstar alle Ehre machen. Mit ihr brilliert Ruth Brauer-Kvam als androgyner Conférencier und BesitzerIn des Kit Kat Clubs. Erst im Juni sprach John Kander im Interview mit der Welt über ein „Cabaret“-Comeback, da ja Nationalismus, Populismus und Rassismus gerade Revival feiern. Gil Mehmert hat diesen Sager mit seiner Arbeit bereits vorweggenommen, verliert er doch in dieser keinen Moment die politische Dringlichkeit des Stücks aus den Augen. Die Volksopernfassung, teils in deutscher, teils in englischer Sprache, beinhaltet zu den Bühnensongs die drei für die Verfilmung geschriebenen Evergreens „Money“, „Mein Herr“ und „Maybe This Time“ – und so konnte Mehmert beispielsweise für „Money“ eine an Georg Grosz‘ Gemälde „Stützen der Gesellschaft“ erinnernde Figur erfinden, einen Banker mit Goldgehirn und Tresorbauch.

Ich hatte eine Freundin namens Elsie: Bettina Mönch als Sally Bowles mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maybe This Time: Bettina Mönch als Sally Bowles und Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Auch die anderen Nummern im Kit Kat Club sind um diese gesellschaftliche Brisanz angereichert: Zu „Two Ladies“, ursprünglich ein schamloses Bekenntnis zur Ménage-à-trois, tanzt der Conférencier, angetan als „Führer“, mit einem deformiert-maskierten Mussolini und einem Stalin einen teuflischen Dreier. Das dem deutschen Kunstlied nachempfundene „Der morgige Tag ist mein“ intonieren erst ein urgermanischer Männerchor, dazu Fackelzug und eine HJ mit ihren Trommeln, bevor es das von Johanna Arrouas hinreißend biestig dargestellte Fräulein Kost als ihren neuen Gesinnungsgesang übernimmt.

Dass ausgerechnet das aufsässige Matrosenliebchen, das in Fräulein Schneiders Pension die Seemänner im Stundentakt aufmarschieren lässt, und der Obskurant Ernst Ludwig, Peter Lesiak gestaltet den Unsympath vom Nadelstreifanzug zum Braunhemd, vom illegalen Parteigänger zum SA-Mann, schlussendlich „an die Macht“ kommen, dient Mehmert zusätzlich als Metapher für aktuell Rechtsrückende in ihren aberwitzigsten Ausprägungen. Für all das hat Heike Meixner eine monumentale Drehbühne samt Showtreppe und riesiger Klaviatur entworfen.

Dies die Hälfte auf der Mönchs Sally Bowles als lasterhaft leicht geschürzte Nachtclubsängerin durchs Zwielicht der Bühne wirbelt – Kostüme: Falk Bauer, Choreografie: Melissa King –, während sich auf der anderen die Schneider’sche Pension, vier bieder eingerichtete Zimmer, befindet. Eine Welt wird, wie sie’s auch musikalisch tut, spiegeln sich doch die Pensions-Balladen im Kit-Kat-Uptempo-Jazz, so zur Kehrseite der anderen, Bohème und Hausbacken in trauter Eintracht im Makrokosmos der Stadt, deren Name in Leuchtbuchstaben über allem steht. Es ist Ruth Brauer-Kvams Conférencier, der die beiden Milieus verbindet, er laut Mehmerts Interpretation ein Narr, der wie eine lichttaumelnde Motte durchs seinesgleichen bald verbrennende Geschehen flirrt, wobei den nosferatanischen Glatzkopf wie jeden Faxenmacher die Gabe der Weitsicht plagt, mittels der er lang vor den übrigen den Millionentod am sich verdunklenden Horizont dräuen sieht.

I Don’t Care Much: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Two Ladies: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dass Bettina Mönch und Ruth Brauer-Kvam vom Publikum mit Riesenjubel bedankt wurden, bevor’s am Ende sogar Standing Ovations gab, versteht sich, doch stehen die weiteren Solistinnen und Solisten, die Kit Kat Girls und Boys, unterstützt vom Volksopernorchester, das Dirigent Lorenz C. Aichner mit Verve durch die revueartigen Nummern aus Ragtime, Swing und Big-Band-Sound führt, den beiden in nichts nach. Und so überzeugt Hausdebütant Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw mit angenehmer Stimme und viel Spiellust, sich vom homosexuelle Erfahrungen gemacht habenden Schriftsteller, ein Alter Ego von Autor Christopher Isherwood, auf dessen „Berlin-Stories“ das Musical basiert, zum Sally-Lover zu entwickeln.

Womit er die – von Anfang an zum Scheitern verurteilte – selbstauferlegte Aufgabe übernimmt, der exaltiert-erotischen Realitätsverweigerin die Augen über den Zustand der Weimarer Republik zu öffnen. Sein Schlager „Wer will schon wach sein?“ markiert denn auch den Schlusspunkt der Aufführung. Dem verrückt verliebten Paar Sally und Cliff stehen mit sozusagen selbem Leitmotiv die gutbürgerlichen Fräulein Schneider und Herr Schultz gegenüber, die Pensionswirtin und der Obsthändler, die in Mehmerts Regie einen wichtigen Platz einnehmen, ans Herz rührend verkörpert von Dagmar Hellberg, die mit „Berliner Schnauze“ und einer gehörigen Portion Resoltsein ihre Gutmütigkeit zu verbergen versucht, und einem Süßholz raspelnden Robert Meyer, der zu den Klezmer-Anklängen von Herrn Schultzens großem Song „Mieskeit“ sogar eine „Solo-Hora“ wagt.

Und dann steht man da, sagt beseligt Ja: Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider und Robert Meyer als Herr Schultz, rechts oben: Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der morgige Tag ist mein: Johanna Arrouas als Fräulein Kost und Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies beim Verlobungsfest der beiden in ihrer späten Liebe Schwelgenden, von denen er Jude ist, was eingangs kurz erwähnt wird, wo’s noch keine Rolle spielt, und wo Schulz‘ Aber-was?-Motto noch lautet: „Das geht vorbei. Regierungen kommen und gehen“. Doch so, wie überall mehr und mehr Hakenkreuzbinden und Totenkopfabzeichen aufblitzen, der aufkeimende Nationalsozialismus stärker und stärker das ausschweifende Nachtleben unterminiert, so fliegt der erste Pflasterschein durchs Schaufenster von Schultz‘ Obstgeschäft, so flieht Fräulein Schneider in das ihr sicher scheinende Deutschtum

Sie ist der Charakter, an dem sich verdeutlicht, wie schnell Gesinnung von rechts in der Mitte der Menschen ankommen kann. Herr Schultz wird indessen bei seiner Flucht ins Ausland, denunziert von Fräulein Kost, aufgegriffen und abgeführt, und Berlin verabschiedet sich für „1000 Jahre“ von seiner Weltoffenheit … „Cabaret“ an der Volksoper kann einfach alles. Gil Mehmert versteht es, die Atmosphäre des Abends von sinnlich, lustvoll, verrucht in Angst und Schrecken kippen zu lassen. Und Ensemble wie Orchester sind meisterlich darin, diese Stimmungen in den Zuschauerraum zu tragen. „I Don’t Care Much“ singt der Conféren- cier noch. Doch genau das gilt es jetzt zu tun …

www.volksoper.at

  1. 9. 2019