Volx/Margareten: In der Strafkolonie

Januar 10, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Franz Kafka als fantastisches Live-Hörspiel

Extended Rage Metal im düsteren Stroboskop-Licht-und-Schatten-Spiel. Lukas Böck, Sören Kneidl und Robin Gadermaier. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

„Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja weiter nichts, der Mann fängt bloß an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden.“

Im Oktober 1914, als er eigentlich an seinem „Prozess“ arbeiten sollte, schrieb Franz Kafka die Erzählung „In der Strafkolonie“. Ein schmaler Text von solcher Grausamkeit, dass der Überlieferung zufolge Zuhörerinnen einer ersten und einzigen Autoren-Lesung der Reihe lang in Ohnmacht fielen. Ein Literaturkritiker nannte Kafka hiernach einen „Lüstling des Entsetzens“ – das alles doch wie gemacht für Sören Kneidl, der nach dem Publikumserfolg „Frankenstein“ nun und wieder mit Lukas Böck und Robin Gadermaier diesen Horrorklassiker präsentiert.

Von der Roten Bar ist das Nachtvolk ins Volx/Margareten ausgezogen, um dort die von Kneidl mit Michael Isenberg und Edwin Vanecek atmosphärisch dichte Fassung zu Gehör zu bringen. Ohr deshalb, weil die Bühnendreiheit ihr Projekt tatsächlich playing things down ein Live-Hörspiel nennt. Aug‘ und Ohr, weil sich Kneidl nicht umsonst als Regisseur ausweist, ist der Abend doch eine hochtheatrale Angelegenheit, ein sehenswertes Spektakel zwischen Schlagzeug, Jazzbass und Tonbandsalat. Und wäre das Ganze nicht ein gewaltdurchwirkter Grusel, so wie Kneidl seine Natur- und Kunststoffrequisiten für diverse Soundeffekte entfesselt, man müsste an Max Böhm als „Geräuschemacher beim Hörspiel“ mitsamt des legendären rhabarber-murmelnden Bachs denken.

Umrahmt von Böcks Batterie und Gadermaiers Gitarrengemenge lässt Kneidl das in jedem Wortsinn starke Stück sich auch an den Turntables abspielen, seine Stimme mitunter mittels Loops zu einem spukhaft-bedrohlichem Über-Ich angeschwollen, dröhnend wie die harten Beats und die vibrierenden Becken. Eine Performance, ein Kafka-Kommentar, der für dessen zu Papier gebrachten Albtraum buchstäblich neue Saiten aufzieht, die Musik ein Mix aus Extended Rage Metal, kakophonischem Psychedelic und wie zerspringend klingendem Free Jazz, im düsteren Stroboskop-Licht-und-Schatten-Spiel eines Tonstudiosettings, in dem Kneidl vielstimmig mal Ich-Erzähler, mal Offizier, mal melancholischer Akkordeonist ist.

Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Bild: © Christine Miess / Volkstheater

„Und nun begann die Exekution! Kein Misston störte die Arbeit der Maschine. Manche sahen nun gar nicht mehr zu, sondern lagen mit geschlossenen Augen im Sand; alle wussten: jetzt geschieht Gerechtigkeit … der Reisende dagegen war sehr beunruhigt; die Maschine ging offenbar in Trümmer; ihr ruhiger Gang war eine Täuschung. Die Egge schrieb nicht, sie stach nur, wie sie es sonst erst in der zwölften Stunde tat.“

Man muss ein Faible fürs Makabre haben, um diesem Kafka-Hörspiel zu lauschen, dann allerdings sieht man sich in einen Zustand intensivster Gefangennahme versetzt. So auch die Delinquenten auf einer abgelegenen Tropeninsel, wo eine barbarische Exekutionsmaschine eine absurde Rechtsprechung erledigt. Ein Forschungsreisender, europäischer Experte auf dem Gebiet des Strafvollzugs, soll den kompliziert zu steuernden Apparat in Augenschein nehmen, der sich als Folterinstrument herausstellt, dass dem Angeklagten ohne vorherige Verlesung des Urteilsspruchs ihm diesen stattdessen ins Körperfleisch ritzt.

Eine blutige, viele Stunden dauernde Marter, eine Hinrichtung, denn schlussendlich wird die Prozedur bis zum Tode des Verurteilten fortgesetzt, aktuell soll einem offenbar befehlsverweigerndem Soldaten der Schriftzug „Ehre deinen Vorgesetzten!“ eingraviert werden, doch da der verantwortliche Offizier in seiner Funktion als Politamtsträger den abgestoßenen Wissenschaftler von seiner Methode zu überzeugen sucht, kommt alles noch viel schlimmer … Das geht einem unter die Haut als sei’s mit der Tatöwiernadel des Teufels gestochen, die Deutungen dazu von Gleichnis des christlichen Martyriums über Darstellung persönlicher Schreibqual bis visionäre Vorwegnahme noch zu kommender Kriege.

Lukas Böck. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Robin Gadermaier. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Mit derlei Interpretationen „meiner kleinen schmutzigen Geschichte“ – so Kafka 1917 in einem Brief an Verleger Kurt Wolff – hält sich Kneidl gar nicht erst auf, wenn er die hündisch ergebenen Sträflinge mit ihren Ketten rasseln lässt, hohnschreit, schmerzensseufzt, schließlich verröchelt, während Böck und Gadermaier den instrumentalen Wahnsinn entfachen. „Die Schuld ist immer zweifellos“, behauptet der Offizier, und den Reim auf Dingmachung durch Entmenschung, die Todesstrafe als Volksvollstreckung, den Rechtsruck aufgeklärter Rechtsvorstellungen kann sich ein jeder selber machen. „In der Strafkolonie – Ein Live-Hörspiel“ ist ein hochenergetisches Kopfgewitter zur Humanitas und der Frage, wie sich heute deren politisches Aushebeln verhindern lässt.

„Das Blut floss in hundert Strömen … ,Helft doch!‘ schrie der Reisende zu den Soldaten; der Reisende musste zu ihnen hinübergehen und sie mit Gewalt zu dem Kopf des Offiziers drängen. Hierbei sah er fast gegen Willen das Gesicht der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels.“

www.volkstheater.at           www.youtube.com/watch?v=QyIvBAE2fsk           vimeo.com/220284236

10. 1. 2020

Volkstheater/Bezirke: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

November 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die 114 Suren als Symbol für Sein Lenkrad

Fahrstunde mit dem Koran als Lenkrad: Dominik Warta, Bagher Ahmadi und Michael Abendroth. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Am Ende, das heißt: am neuen Anfang, wenn Momo die geerbte Schatulle öffnet, wird ein warmes Strahlen auf sein Gesicht fallen. Im hölzernen Kästchen nämlich befindet sich eine Ausgabe des Heiligen Buchs des Islam, und der Lichtvers aus dessen 24. Sure – „Gott führt zu Seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an“, steht darin geschrieben – ist nicht nur die Inspirationsquelle des Sufismus, sondern gleichsam auch der Leitsatz von Éric-Emmanuel Schmitts „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.

Vom elsässischen Bestsellerautor erst als einer von drei Bühnenmonologen über die Weltreligionen verfasst, arbeitete Schmitt seinen Text später zur Erzählung um, bis die Story schließlich mit Omar Sharif in der Titelrolle zum Kino-Blockbuster wurde. Für die Bezirke-Tour des Volkstheaters haben Regisseur Jan Gehler und Dramaturg Michael Isenberg den tragikomischen Roadtrip für drei Schauspieler aufbereitet, Michael Abendroth, Bagher Ahmadi und Dominik Warta, und es ist vor allem der aus Afghanistan stammende Schauspielstudent an der Wiener MUK, der mit seinem Feuer und seinem Charme die Herzen des Premieren- publikums entflammt.

Die Inszenierung ist, wie die Franzosen formulieren würden, super sympa, und neben der liebenswerten Behandlung von Schmitts Pariser Rue-Bleue-Charakteren, ist Gehler auch die intensive Beschäftigung mit der jüngsten der Abrahamsreligionen hoch anzurechnen. Wie Schmitt in seinem literarischen Viertel Faubourg-Montmartre an jedem Detail feilte, so auch Gehler, bis zum Symbol der Rose, deren zwei getrocknete und gepresste Momo im Buch findet, und deren Beschaffenheit die Stationen in der Entwicklung des Derwischs darstellen – die Dornen die Schari’a, das islamische Gesetz, der Stängel Tariqa, den mystischen Weg, die Blüte Haqīqa, die Wahrheit, die als Duft Ma’rifa, die Erkenntnis, in sich trägt.

Überhaupt versteht sich die Aufführung auf Zeichen, und dies am schönsten, wenn das Koran-Kästchen bei der bevorstehenden Autofahrt emblematisch zu Seinem Lenkrad wird. Die Spielfläche bleibt bis auf die Vordersitze leer. Die Darsteller gestalten mit Kreidezeichnungen den Raum – Eiffelturm, Sacré-Cœur und Moulin Rouge werden an eine schwarze Tafel gekritzelt, ein Baguette, eine Flasche Beaujolais, in Emmareh- oder Einweihungsblau ein sich drehender Derwisch. Denn Monsieur Ibrahim, der einzige „Araber“ in der jüdischen Straße, ist gerade das nicht, dafür alles andere: alteingesessener Citoyen in der Stadt der Liebe, ursprünglich vom Goldenen Halbmond, Kolonialwarenhändler und Sufi.

Moses erfährt vom Selbstmord seines Vaters: Ahmadi und Warta. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die erste Lektion des Monsieur Ibrahim lautet „Lächeln!“: Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Monsieur Ibrahim nimmt Moses als Sohn an: Abendroth und Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Michael Abendroth stattet die Figur mit einer stoischen Verschmitztheit aus, die sowohl Monsieur Ibrahims spirituellen Habitus als auch seinen Hang zur Schlitzohrigkeit glaubhaft macht. Dieser Mann weiß, dass in der Ruhe zwar die Kraft, im Lächeln aber das Glücklichsein liegt, und dies ist lediglich eine der Lehren, die er Momo auf die Reise Richtung Levante und durchs Leben mitgibt, als der meint, die Mundwinkel nach oben zu ziehen, sei nur was für reiche Leute. Momo, eigentlich Moses, ist ein elfjähriger jüdischer Junge, der bei seinem Vater, einem Rechtsanwalt ohne Fälle, wohnt. Die Mutter hat vor dem unerträglichen Misanthropen bald nach Momos Geburt die Flucht ergriffen. Weshalb der nun den Sohn zum Haushaltssklaven degradiert.

Moses holt sich die Liebe, die er in der kalt-geheimniskrämerischen Atmosphäre seines Zuhauses nicht kriegt, bei den käuflichen Damen im Arrondissement, den darob entstehenden Geldverlust kompensiert er, indem er „beim Orientalen“ Konserven stiehlt – was Monsieur Ibrahim freilich längst bemerkt hat. Es ist ein Kunst- wie Glücksgriff Gehlers diesen diebischen Moses von Bagher Ahmadi verkörpern zu lassen, und im Sinne selbiger Liberté, Égalité, Fraternité den Muslim vom gebürtigen Hamburger mit Hauptwohnsitz Wien Abendroth. Nicht nur passt die Chemie der beiden, nicht nur können’s die zwei wunderbar zwischenmenscheln lassen, Ahmadi erweist sich auch als temperamentvoller, starker Sprecher, der seine Sätze mitunter, statt auf Hebräisch, in Farsi spricht.

Derart mäandern die 80 Minuten von Bonhomie zu melancholischem Humor, bis Moses‘ Vater, der seine binären Codes nach der Gleichung Jude sein ist gleich depressiv sein wie den Teufel an die Wand malt, Selbstmord begeht. Dem großartigen Dominik Warta kommt die Aufgabe zu, von Szene zu Szene zu sie alle zu sein: der finstere Vater, der nicht aus seinem Schneckenhaus kann, der unsensible Polizist, der die Todesnachricht überbringt, die überraschend auftauchende, von der Situation aber überforderte Mutter … Zwei Kabinettstücke liefert das Darstellertrio ab:

Das strahlende Licht aus der Schatulle macht aus Moses Mohammed: Bagher Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Im Adoptionsamt, denn Ibrahim will Moses an Kindes statt annehmen, mit Warta als bärbeißigem, aufs Prozedere pochenden Beamten, und in der Fahrschule mit Warta als Karntnarisch parlierendem Fahrlehrer. Und auch als bezaubernde Brigitte Bardot entpuppt sich Warta als Idealbesetzung. Mit der Weisheit des Koran und seinem unerschütterlichen Optimismus im Gepäck nimmt Monsieur Ibrahim Momo nun mit auf eine Expedition in neue Erfahrungswelten, und er lädt ihn ein zum Tanz zum Gedeih der Seele.

Der Schluss ist bekannt: Momo wird das Heilige Buch und die Greißlerei bekommen, zu Mohammed und zum neuen „Araber“ im Laden um die Ecke werden. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ für die Volkstheater-Bezirke-Tour ist eine hinreißend gefühlvolle Produktion, die eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer übers Aufeinander-Zugehen statt Voneinander-Abschotten verbindet, und von Regisseur Gehler bei aller Reduktion der Mittel mit genau dem Maß an Kitsch versehen, den das Ganze braucht. Nächste Termine: ab 4. Dezember.

www.volkstheater.at

www.bagher-ahmadi.com

  1. 11. 2019