Wiener Festwochen: Mary Said What She Said

Juni 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sensationelles Solo einer Schauspielkönigin

Bild: © Lucie Jansch

Die Aura eines Weltstars einzuatmen, dafür ist das Wiener Theaterpublikum immer schon zu haben gewesen. Nun also findet man sich im MuseumsQuartier von Angesicht zu Angesicht mit der grandiosen Isabelle Huppert, die französische Schauspielikone und Michael-Haneke-Intima, die bei den Festwochen einen Maria-Stuart-Monolog vollführt. „Mary Said What She Said“ heißt der fulminante Abend, natürlich restlos ausverkauft.

Für den Huppert nach „Orlando“ 1993 endlich wieder mit Regiegroßmeister Robert Wilson und Autor Darryl Pinckney zusammenarbeitet. Pinckneys Test orientiert sich an Originaldokumenten wie Briefen ebenso, wie am Stefan-Zweig-Roman und mutmaßlich auch an Schillers großem Königinnendrama. Mit einem Verweis für Auskenner geht die Aufführung auch los, die drei Schläge der dilettantischen Hinrichtung, die später dumpf zu hören sein werden, und die Mär vom Schoßhündchen, das Maria unter ihren Röcken versteckt hielt, und das, nachdem der Kopf schließlich gefallen war, blutverschmiert und verängstigt unter dem roten Stoff hervorstiebte. Wilson lässt in einem goldenen Bilderrahmen, der einen royalen Samtvorhang teilt, einen kleinen Terrier in Loops laufen. Er spitzt die Ohren zur Drehorgelmusik, fixiert die eintreffenden Zuschauer, dann geht’s wieder im Kreis dem eigenen Schwanz hinterher. Bis es als Untertitel dasteht: „You fool me, I’m not too smart“, ein weiterer, ein zynischer Fingerzeig auf die Ausweglosigkeit der Lage, in der sich die Getriebene in der Gefangenschaft befindet.

Vorhang hoch und Blick frei auf den Wilson-typischen leeren Raum. Die schottische Königin steht weit entfernt, eine Silhouette im Gegenlicht eines gigantischen Rundhorizonts, in dem beständig dämmriges Grau, rote Schlieren, bleiches Blau ineinander verschwimmen. Als wär’s ein Gemälde in Bewegung. Das Spiel der Huppert darin ist statisch, in dunkelbrokatener Robe inszeniert sie majestätisch Gesten und Posen, zelebriert sie den Auftritt Marias als immer noch Herrscherin. In Wilsons raffinierter Bewegungschoreografie wirkt sie wie eine Marionette, die der Meister per einer rätselhaften Maschine kontrolliert. Musik setzt ein, komponiert von Ludovico Einaudi, wechselt von feierlich zu melodramatisch zu bedrohlich – und ist mitunter so dicht, dass sie wie eine weitere von außen wirkende Kraft ist, gegen die die Königin sich stemmen muss. Was Darryl Pinckney der Huppert auf den Leib geschrieben hat, ist der Gedankenstrom, der in den letzten Momenten vor ihrem Tod durch Marias Kopf wirbelt.

Bild: © Lucie Jansch

Bild: © Lucie Jansch

Wild kreist ihre Gefühlswelt, wenn sie über Familie spricht, ihre kindlich-geilen, seelisch schwachen Männer, die Last ihrer Schönheit, den Hass auf die Schwiegermutter, ihre Feindin, „die gepuderte Jungfrau“, die Liebhaber durch die Hintertür hereinlässt, immer wieder kommt die Rede auf jene anderen vier Marys, wie sie damals kleine Mädchen, die ihr als Kammerdienerinnen nach Frankreich mitgegeben wurden. Sie grübelt über das Schicksal ihrer Haustiere, über Katholizismus und Kerkerhaft, über Macht, Liebe und Verrat. Dabei enthalten ihre Worte keinen Funken Verzweiflung oder Bedauern, sie sind vielmehr ein Versuch, ein Leben in politischen und privaten Vorkommnissen, zwischen Intrige, Mord und dem Chaos der eigenen Existenz zu fassen. Die Marys von früher adressiert sie dabei, als könnte sie sie tatsächlich noch ansprechen – vor wem sich rechtfertigen und wofür?

Lange agiert Huppert im Schatten. Jacques Reynauds Kostüm lässt ihren Kopf wirken, als wäre er bereits vom Körper abgetrennt, totenweiß gepudert liegt er auf der Halskrause, ein Objekt in Wilsons in ihrem Minimalismus plakativen Tableaux, wie ein hell leuchtender Schuh oder gegen Ende ein Stuhl, den Lichtstrahlen und Nebelschwaden auf seine wohl transzendente Bedeutung hin betonen. Alldieweil wird Mary auf ihrem Weg auf die andere Seite zunehmend jenseitiger. Huppert steigert sich in rasantem Tempo und ungeheurer Präzision in einem Sog aus Emotionen, der tiefe Fall einer hoheitlichen Frau, dass es einen Staunen macht.

Ihr Gesicht dabei eine einzige Verachtung, Hohn und Spott über ihre Gegner, dann wieder grelles Lachen, ein Grunzen, ein Brabbeln, ein Antworten auf die eigene Stimme, als würde der Wahnsinn sie längst regieren. Sie tanzt eine einsame Quadrille, durchmisst die Bühne mit rudernden Armen oder im Rückwärtsgang die Schräge hinauf – in furioser Trance schneidet sie Wilsons Raum in Teile, der sich prompt von oben herab meldet. „Mary Said What She Said“ ist als Gesamtkunstwerk perfekt, die Ästhetik, kühl und kühn, kontrastiert mit der exaltierten Performance der Huppert. Dass Maria Stuart sich immer als „die einzig Wahre“ bezeichnet hat, ist bekannt. Gleiches mag nach diesem Solo einer Schauspielkönigin auch für Isabelle Huppert gelten.

www.festwochen.at

  1. 5. 2019

Landestheater NÖ: Um die Wette

September 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerangel um den nächstgrößeren Fauteuil

Der Großbürgerliche-Welt-Schwindel als gigantisches Sitzmöbel: Martin Brunnemann, Cathrine Dumont, Tilman Rose, Gisa Flake und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Und schon schwebt der nächste von der Decke herab, wieder massiver, wieder wuchtiger als sein Vorgänger. Ein Symbol für den Größenwahn von Kleinbürgern, deren Hang zur Hautevolee hier in immer schwereren und schwerer zu erklimmenden Sitzmöbeln symbolisiert wird. Isabelle Kittnar, zuständig auch für die knallbunten Kostüme, hat sich das köstlich kuriose Bühnenbild einfallen lassen. Für Philipp Moschitz‘ Inszenierung von Eugène Labiches Komödie „Um die Wette“ am Landestheater Niederösterreich.

Die war am Premierenabend ein voller Publikumserfolg. Kein Wunder, lässt Moschitz den Wortwitz und die unzähligen Bonmots des französischen Lustspieldichters von seinen fabelhaften Darstellern doch höchst präzise über die Rampe bringen. Das Tempo der Aufführung ist hoch, das Timing stimmt, und ein wenig Klipp-Klapp darf auch sein, wenn sich die Schauspieler unter den Zuschauern Verbündete für die jeweils eigene Sache suchen. Ein Herr in den vorderen Reihen wird so kurzerhand zum Kutscher, und kommt den Rest des Abends nicht mehr von der Schaufel runter.

In „Um die Wette“ geht es, so bei Labiche üblich, um Schein und Sein des Mittelstands. Emmeline und Frédéric, hoffnungsvoller Nachwuchs der Familien Malingear und Ratinois, haben sich in einander verguckt. Die Eltern stehen der Verbindung grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber, nur: wie ist das mit den finanziellen Verhältnissen? Weil jedes Paar die des anderen als die höheren einschätzt, beginnt ein Wettrüsten, um vermeintlichen Reichtum vorzutäuschen. Mit Fantasie und viel Aufwand werden Ansehen, Wohl- und Bildungsstand großzügig nach oben korrigiert. Doch als es schließlich um die Mitgift für das junge Glück geht, drohen die mühsam errichteten Kartenhäuser zusammenzubrechen …

Die Meister im Rauflizitieren sind Gisa Flake und Michael Scherff als die Malingears und Cathrine Dumont und Tilman Rose als Ehepaar Ratinois. In bis auf einen Spiegelrahmen identen Salons läuft ihr Spiel ab, unter den Schwindlern die Frauen die Drahtzieherinnen, die Männer deren Erfüllungsgehilfen. Wunderbar die Damen im Wettstreit, Dumont, die ihre Constance vom Hausbackenen ins Hochherrschaftliche changieren lässt, Flake als Blanche Malingear von Haus aus mondän im Selbstgenähten. Gisa Flake, die Braunschweiger Schauspielerin und Sängerin, derzeit auch in der Til-Schweiger-Komödie „Klassentreffen 1.0“ im Kino zu sehen, ist einfach eine Wucht, ein über die Bühne tobendes Temperamentsbündel mit einer Röhre, dass die Wände wackeln.

Mit „Money Money Money“ gelingt das Eheschmieden: Michael Scherff, Gisa Flake, Martin Brunnemann, Laura Laufenberg, Anton Widauer, Cathrine Dumont und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Noch haben die Ratinois den kleineren Fauteuil: Anton Widauer, Tilman Rose und Cathrine Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

Überhaupt ist das Ensemble musikalisch wie turnerisch top, singt – auch dies natürlich in Konkurrenz zu einander – Eurythmics, Edith Piaf und Abba, klettert und kraxelt – je nach Vermögen, dies im doppelten Wortsinn – über die prestigeträchtigen Polstersessel. Michael Scherff lässt sich gar einmal einklatschen wie ein Leichtathlet, bevor er die nächste Höhe nimmt. Sein Malingear ist ein gutmütiger Tropf, der sich von Roses im Innersten hasenfüßigem Ratinois über die Hürden jagen lässt.

Laura Laufenberg und Anton Widauer beäugen dies Treiben als Emmeline und Frédéric mit zunehmender Skepsis, sie mit dem Potenzial zum durchsetzungskräftigen Trotzkopf, er schon jetzt in der Spur zum Pantoffelhelden. Wie zur Strafe muss er „La donna è mobile“ im Falsett singen. Martin Brunnemann schließlich macht auf Tausendsassa, gestaltet als diverse Diener und Dienstmädchen ironische Kabinettstücke – und wird am Ende als tatsächlich begüterter Onkel Robert dieses zu einem guten führen.

Philipp Moschitz ist mit dieser Regiearbeit ein wunderbarer Abend mit hohem Spaßfaktor gelungen. Als gleichsam Reverenz an einen ganz Großen der französischen Komödienzunft hat sich Moschitz Louis de Funès‘ legendären Spruch ausgeborgt und in seine Inszenierung eingebaut. Dessen „Nein! – Doch! – Ohh!“ ist als Dialog an Schlagfertigkeit aber auch kaum zu überbieten. Die Produktion ist am Landestheater Niederösterreich bis 22. Jänner zu sehen, Silvestervorstellungen um 16 und 20 Uhr, und zu Gast an der Bühne Baden am 29. und 30. Jänner.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 9. 2018

Michael Hanekes „Happy End“

Oktober 5, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die staubtrockene Heiterkeit von Selbstmord

Die Familie Laurent. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Dies die erste Szene: Ein Hamster wird mittels Antidepressiva ins Jenseits befördert. Die Pillen gehören der Mutter, die gerade den x-ten Selbstmordversuch unternimmt, mit äußerster Gelassenheit dokumentiert und analysiert von Tochter Eve via Handyvideo und mobilem Texten. Bis sie die Rettung ruft. Diesmal gelingt der Plan der absurd Erziehungsberechtigten.

Das Scheidungskind übersiedelt zum Vater und dessen neuer Frau. Heißt: Neue Familie, doch in Calais ist alles anders, Calais ist alles andere als ein Daheim. „Happy End“ ist der jüngste Film von Michael Haneke, ab Freitag in den Kinos, und ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt. Ein im Grunde düsteres Familienporträt, an das der Filmemacher mit einer ungewohnten Heiterkeit, in seinem Falle freilich einer staubtrockenen, herantritt. Fast scheint’s, als wollte der Realist Haneke diesmal ein Märchen über Selbstbehauptung und Selbstbefreiung erzählen, eine Empfindung, zu der auch die bestechend schönen, mitunter gesofteten Bilder von Christian Berger beitragen. Fast scheint’s, als hätte Haneke sich für diese Arbeit die Seinsphilosophie von Thomas Bernhards Großvater Johannes Freumbichler zu eigen gemacht. Man könne, formulierte der Heimatschriftsteller, das Leben nur überleben, weil Suizid ein jederzeit möglicher Ausweg aus ihm sei …

Einen Großvater gibt es auch in „Happy End“. Jean-Louis Trintignant spielt ihn grandios diesen Georges Laurent, auch er ein Freiwilliger für den Freitod. Isabelle Huppert mimt wieder die Tochter, wie schon in „Amour“, als der Alte seiner Frau den Gnadentod gewährte (was Georges, Achtung: Querverweis, seiner Enkelin in einem schwachen Moment anvertraut). Nun will er selbst nicht mehr. Der Patriarch ist längst zurückgetreten und hat die Geschäfte an die Patriarchin weitergereicht, sie aber keine Fädenzieherin, sondern nur noch -zusammenhalterin. Man ist im Bauwesen tätig, und in einer enervierend langen Einstellung hält die Kamera aus weiter Ferne auf eine Baugrube zu, bis endlich eine riesige Stützmauer unter Getöse einbricht. Mehr Zitat braucht es nicht.

Isabelle Huppert. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Jean-Louis Trintignant. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Ein Arbeiter wird schwer verletzt. Enkel eins, Franz Rogowski als Annes Sohn Pierre, ein vom Ekel über die eigene Existenz durchs Leben getriebener junger Mann und höchst unfreiwilliger Mitarbeiter im Familienbetrieb, soll’s richten. Die kleine Eve indes, Fantine Harduin als Enkel zwei, wird sich an den Tabletten der toten Mutter versuchen. Was sie später, sie überlebt, mit dem morbiden Argument rechtfertigen wird, dass doch dem Nachwuchs das Austesten jener Grenzüberschreitung gestattet sein müsse, an der die Erwachsenen hier Tag und Nacht basteln.

In Cannes hinterließ „Happy End“ ein zwiegespaltenes Publikum. Mittlerweile hat Haneke seinen Film in einem Interview als Bemühung übers Komische dargestellt. Mit Querverweis auf Georges Feydeaus Farcen. In diesem Lichte lässt sich sein galliges Werk neu deuten, die großbürgerliche Fassade, hinter der die Figuren je nach Temperament im- oder explodieren, die bestsituierten Verhältnisse unter deren Oberfläche es brodelt, bis einer ausbricht. Aus diesen Zwängen und wie ein Vulkan. Es wird natürlich Pierre sein. Von Rogowski gespielt als angry young man, als wär‘ er eine junge Ausgabe von Joaquin Phoenix – dies als Kompliment gemeint. Wie überhaupt der ganze Cast durch sein intensives Spiel in Bann zieht.

Franz Rogowski. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Fantine Harduin. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Die Huppert brilliert als vorwurfsvoll ermahnende Mutter, die ihrem Enfant terrible bei Ungehorsam auch schon einmal einen Finger ausrenkt. Die kleine Fantine Harduin ist schlicht fabelhaft, sie die schweigsame, verstörte Heldin des Films, die Protagonistin, die es aus dem zurückgezogenen Leben an der Seite der Mutter in die High Society würfelt, ohne das ihr jemand die neuen Spielregeln erklärt. Trintignants Darbietung ist von exzellent zynischem Feinschliff. In einer der schönsten Szenen kommt es zur Annäherung Großvater – Enkelin, dieser intime Moment samt – siehe oben – beinah biblischem Erlösergeständnis gleichsam das Herzstück der Handlung.

Haneke hat seine gewohnten Versatzstücke in Position gerückt. Von geheimen Überwachungsbildern über sadistische Experimente und darob Verzweiflungstaten bis zu kindlicher Grausamkeit ist alles da, was die Motive des frankophilen Wiener Regiestars ausmacht. Eves Vater, Mathieu Kassovitz als Thomas, hat eine lange Zeit anonym bleibende Geliebte, die ihm via Mail-Verkehr ihre sadomasochistischen Wünsche für den körperlichen mitteilt. Der ach so liberale Laurent-Clan hält sich ein nordafrikanisches Haushälterpaar und einen bissigen Wachhund, und als der nach dem Dienerkind schnappt, muss sich Vater Rachid (Hassam Ghancy) noch verantworten, warum er die Bestie nicht besser verstaut hat. Der aufgelösten Mutter (Nabiha Akkari) teilt die Huppert großbürgerlich-gelassen mit, das sei doch alles nicht so schlimm. Vor allem angesichts dieses formidablen Arbeitsplatzes.

Am Set: Fantine Harduin, Michael Haneke und Jean-Louis Trintignant. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Haneke macht sich die sozialen Medien für seine Zwecke zu Nutze. Es gibt Online-Chats zum Mitlesen, You-tube-Videos, und aus all diesen Fragmenten setzt sich die lange Zeit rätselhafte Story zusammen, die erst während sie Fahrt aufnimmt, beginnt Sinn zu ergeben. Es dauert, bis sich die episodenhaften Skizzen zu einem Ganzen fügen. Der Witz, erkennt man dann, ist:

Man zelebriert eine alten Privilegien entstammende Dekadenz, die man als Mensch des 21. Jahrhunderts vorgibt, überwunden zu haben. Doch Klassenbewusstsein und das Selbstverständnis, im Gegensatz zu Menschen mit Migrationshintergrund der Grande Nation anzugehören, machen nach wie vor die Lebensart des Laurent-Clans aus. Aus diesem Schein vs Sein entfaltet sich tatsächlich so etwas wie Feydeau’sche Gfeanztheit. Nur wird hier, was der Dramatiker zur Tollheit treibt, in gemessener Langsamkeit zelebriert. Haneke lässt sich Zeit, um seine Themen zur Zeit abzuhandeln.

Am Ende, im unpassendsten Moment, keimt Georges Todeswunsch erneut. Lebensunfähigkeit und Empathiebefreitheit und Eskalation brechen sich Bahn. Ausgerechnet bei Annes Verlobungsfeier mit Lawrence – der wunderbare Toby Jones, dem Haneke leider kaum etwas zu spielen gibt. Pierre erscheint im Nobelrestaurant mit einer Gruppe schwarzer Flüchtlinge, man bemüht sich hektisch für die Außenseiter einen Tisch zu richten. Trintignant nutzt die Verwirrung, um sich von Eve mit dem Rollstuhl ins Meer schieben zu lassen. Doch, oh weh: Das Wasser steht ihm (wie uns allen) nur bis zum Hals. Soweit die Schlusspointe in Hanekes seelenruhiger Selbstmördersaga. Ob die Oscar-Jury damit etwas anfangen kann? Es wird sich zeigen …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mzk8ds7xUM0

www.festival-cannes.com/en/films/happy-end-1

BUCHTIPP: Am 25. September erscheint im Zsolnay Verlag „Michael Haneke: Happy End. Das Drehbuch“. 160 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen und einem Nachwort von Ferdinand von Schirach.

  1. 10. 2017

Burgtheater: Geächtet

November 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Glaubensfragen mit Anchovi-Fenchel-Salat

Eine Einladung zum Abendessen wird Folgen haben: Katharina Lorenz, Fabian Krüger, Nicholas Ofczarek und Isabelle Redfern. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Die Einladung zum Abendessen wird Folgen haben: Katharina Lorenz, Fabian Krüger, Nicholas Ofczarek und Isabelle Redfern. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Zum Schluss überschlug sich das Publikum vor Glück. Darsteller, Regisseurin und Autor wurden mit tosendem Applaus bedankt, der Beweis dafür, dass Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann einmal mehr das richtige Gespür dafür hatte, womit man Zuschauerreihen und Kasse füllt. Heimkehrerin ans Haus Tina Lanik inszenierte das 2013 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete Debütstück „Geächtet“ des US-Autors Ayad Akhtar als Österreichische Erstaufführung.

Akhtar hat seine familiären Wurzeln in Pakistan, und aus diesem Umstand hat er einen Text gezimmert, nach dem Motto: Treffen sich ein Jude, ein Muslim, eine Weiße und eine Afroamerikanerin zum Abendessen … Oft und gerne wird er mit Yasmina Reza verglichen, was stimmt punkto der Schablonenhaftigkeit seiner Figuren, was nicht stimmt hinsichtlich ihrer scharf geschliffenen, sarkastischen Dialoge. „Geächtet“ ist weder Boulevard, wiewohl sich Lanik für ihre Arbeit vieler seiner Mechanismen bedient, noch Konversationsstück, und auch nicht deren beider „Anti“-Spielart. Es ist ein sich gegenseitig bereits sattsam bekannte Urteile und Vorteile An-den-Kopf-Werfen, eine platte Belanglosigkeit über Glaubensangelegenheiten bei Anchovi-Fenchel-Salat, und auch, wenn Theater auf das Rätsel, warum die drei abrahamitischen Religionen nicht und nicht miteinander können, natürlich keine Antwort geben kann, so wären doch zumindest spannendere Fragen möglich gewesen. Nichts Neues gibt es hier zu erfahren und zu begreifen oder gar anzunehmen. Ob es sein muss oder ob es tatsächlich so sein muss, das weltpolitisch brisanteste Thema dieser Tage in der Art auf einer Bühne zu verhandeln, ist immerhin eine der offenen, mit denen man das Theater nach eindreiviertel Stunden verlässt.

„Ironie wird überbewertet“, heißt es an einer Stelle im Stück, doch Lanik weiß sich Luft zu verschaffen, indem sie Witz und Gewitztheit über ihre Inszenierung einbringt. Als wolle sie das, was sie da so konservativ-konventionell im designerweißen Ambiente von Stefan Hageneier abschnurren lässt, konterkarieren, arbeitet sie mit kleinen Gesten heraus, dass hinter Akhtars teilweise zutiefst amerikanischen Klischees auch eine Wahrheit über gesellschaftliche Gruppenidentitäten und deren Krisen steckt, über ein „Wir“- und „Ihr“-Gefühl, dass in Europa längst, sicher länger als in den USA beheimatet ist. Lanik verlässt sich ganz auf ihre Schauspieler, und sie tut gut daran, weil die vier es meisterlich verstehen, ihren Figuren Fleisch und Blut anzuhaften.

Vor allem Fabian Krüger und Nicholas Ofczarek gelingt das glänzend, Katharina Lorenz und Isabelle Redfern haben es etwas schwerer, weil die Frauenfiguren besonders blass sind, doch beide finden mit Bravour eine Linie in der Konturlosigkeit ihrer Rollen. Krüger spielt als Amir überzeugend einen Mann, der sich gegen die Islamophobie seiner Umgebung einen Schutzpanzer aus lässiger Coolness zugelegt hat. Alles hat er getan, um einer unter gleichen zu werden, selbst den pakistanischstämmigen Familiennamen Abdullah gegen den gefälligeren indischen Kapoor getauscht. Dem Islam und dem Koran hat er, weil „eine lange Hate-Mail an die Menschheit“ abgeschworen, nun wartet der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt darauf, zum Partner seiner Kanzlei befördert zu werden. Er ist so überheblich, borniert und gelackt, wie die WASP, von denen er gern einer wäre, doch hat er sich diesen Status nur erheiratet.

Isaac will mehr als nur Emilys Bilder ausstellen. Katharina Lorenz und Nicholas Ofczarek. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Isaac greift bei Emily gern einmal zu: Katharina Lorenz und Nicholas Ofczarek. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Am Ende eskaliert die Situation in häuslicher Gewalt: Katharina Lorenz und Fabian Krüger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Am Ende eskaliert die Situation in häuslicher Gewalt: Katharina Lorenz und Fabian Krüger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Durch Emily, dargestellt von Katharina Lorenz, eine verträumte, leicht verpeilte Malerin, die sich ein ihren Bedürfnissen angepasstes Bild vom Islam zurechtgerückt hat. Das besteht vor allem in ihrer großen Bewunderung der Ornamentik und des Architekturdekors, was sich als der große Ehekonflikt mit Amir entpuppt – hie Kunst, hie IS-„Kalifat“, da Verklärung, dort Verteufelung. Der zweite teflonbeschichtete Erfolgsmensch ist Isaac, Nicholas Ofczarek gibt den Kurator vom Whitney als von sich selbst besoffenen, süffisanten Intellektuellen. Extradry attackiert er Amir mit seinen alltagsrassistischen Sticheleien.

9/11, dieses große Trauma, muss vorkommen, ebenso der Israel-Palästina-Konflikt. Isaac ist Jude – und verheiratet mit einer Afroamerikanerin, Isabelle Redfern, die es aus dem Ghetto an die Spitze der New Yorker Anwaltschaft gebracht hat. Sie wird Amir die Beförderung vor der Nase wegschnappen. Der hat sich nämlich durch familiäre Verstrickungen verdächtig gemacht und ist nun im Visier von Freunden und Vorgesetzten. Was folgt, ist klar, wie das Amen im Gebet: Alkohol und Eskalation. Amir wird in eine Verteidigungshaltung gedrängt, und es sind die besten Momente des Abends, wenn Krüger und Ofczarek sich mit ihren Provokationen gegenseitig hoch lizitieren.

Dabei wird wie unterm Stammtischwimpel mit den Begrifflichkeiten jongliert, Glaube, Religion, ihn vereinnahmende, sie ausführende Institutionen, Fanatismus bis zum Terrorismus, alles schlagen Amir und Isaac über ein Leisten, ohne, dass der Autor an einer Stelle deutlich definierend eingreift. In den USA, und auch in Deutschland, wo das Stück unter anderem am Münchner Residenztheater zu sehen war, wurde „Geächtet“ von islamophilen wie islamophoben Gruppen mit lautem Hurra! begrüßt. Auch dies ein Zeichen dieser Zeit. Und unterm Strich betrachtet das stärkste, das Ayad Akhtar zu setzen vermag.

Am Ende gibt’s häusliche Gewalt, der in der öffentlichen Meinung Unterdrückte rächt sich, indem er, wie’s ihm Sure 4:34 ja gestattet, seine Frau abwatscht, und mit Christoph Radakovits einen Neffen, der sich in einer Moschee den Islamisten angeschlossen hat. Im Programmheft zieht Dramaturg Florian Hirsch Lessings weisen „Nathan“ an den Haaren herbei. Bei Akhtar kommt das Christentum gut weg, weil’s nicht vorkommt, seine jahrhundertelange, Globus umspannende Missionierung als Mordsinstrument des Herrn, die Verfolgung Andersgläubiger, die Geldbeschaffungsmaschine „Glaube“ … Dem Judentum wird ewige Wehleidigkeit und Verfolgungswahn bescheinigt – dies aber mutmaßlich schon Inhalt des ältesten jüdischen Witzes der Welt.

www.burgtheater.at

Wien, 27. 11. 2016

Neu am Volkstheater: Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner

März 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spielen in „Isabelle H. (geopfert wird immer)“

Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner
Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Am 10. März startet das Volkstheater gemeinsam mit dem Max Reinhardt Seminar und den Wiener Wortstaetten das Festival Neues Wiener Volkstheater. In dessen Rahmen wird Thomas Köcks mit dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ausgezeichnetes Stück „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ aufgeführt.

Katharina Klar (mehr: www.volkstheater.at/person/katharina-klar/) und Christoph Rothenbuchner (mehr: www.volkstheater.at/person/christoph-rothenbuchner/) spielen den aus dem Afganistan-Einsatz heimgekehrten Soldaten Daniel C. und eine illegale Immigrantin, die sich nach der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert nennt. Das Verhältnis der beiden, gefangen in einer Schicksalsgemeinschaft, scheint von klaren gesellschaftlichen Vorzeichen geprägt. Doch der traumatisierte Soldat und die eigenwillige Flüchtlingsfrau offenbaren Seiten an sich, die gängige Klischees unterlaufen. Die Machtfrage wird in jeder Situation neu verhandelt. Regie führt Felix Hafner, Student der Schauspielregie am Max Reinhardt Seminar, Premiere ist am 12. März. Ein Gespräch mit den Darstellern:

MM: „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ ist Teil des neuen Festivals Neues Wiener Volkstheater. Was verstehen Sie darunter?

Die beiden lachen. Christoph Rothenbuchner: Entschuldigung, aber diese Frage haben wir uns bei den Proben auch schon gestellt. Ich weiß nicht, ob das Stück genau ins Wiener Volkstheater reinpasst, aber es betrifft das Volk und Wien und es ist neu. Also insofern sind alle drei Aspekte erfüllt.

Katharina Klar: Wir hatten eine Diskussion darüber, dass man den Begriff weit fassen muss. Wir haben uns dann geeinigt, dass es Stücke mit aktuellem Zeitbezug sind, die vielleicht auch etwas mit Wien zu tun haben. Ich habe zum Begriff Volkstheater bisher keine Beziehung, außer, dass unser Theater eben so heißt. Hoffentlich bin ich nach dem Festival klüger. Ich finde die Fragestellung fast ein bisschen künstlich, warum man hier Volkstheater machen sollte. Die Frage nach Relevanz für die Zeit und auch den Ort muss sich Theater sowieso immer stellen.

Rothenbuchner: Und gerade unter einer neuen Intendanz, die mit neuem Konzept und neuer Besetzung kommt. Die Frage ist, wie wir hier Theater machen, nicht ob das Volkstheater ist. Für mich ist eine schöne Nische, die Rote Bar zu bespielen, da kann man sich anders ausdrücken als am großen Haus. Da habe ich letztens etwas gemacht, einen Syrien-Abend, der meiner Meinung nach ins Volkstheater passt. Weil es ein halb aufklärerischer Abend war, ein sinnlicher Aufklärungsabend, simpel und einfach gehalten, das passt für mich in ein Volkstheater.

MM: Ist das eine Qualität dieses Hauses? Die vielen Spielorte, an denen man sich in mehreren Schienen erproben kann? Frau Klar, Sie haben sich in der Roten Bar schon als Autorin und in einem musikalischen Abend gezeigt. Herr Rothenbuchner, wann wird man Sie in Wien als Tänzer sehen?

Rothenbuchner: Nächste Spielzeit, vielleicht.

Klar: Ich hoffe, dass es uns gelingt, die Rote Bar und das Volx/Margareten in der Außenwahrnehmung wieder stärker zu einem Teil des Volkstheaters werden zu lassen. Das ist ein großer Wunsch des Ensembles. Wir hatten in Graz zwei gut funktionierende Nebenspielstätten, die Probebühne und die Ebene 3, und das soll es in Wien auch geben. Wir wollen die beiden Spielorte zum Leben erwecken und nicht immer nur diesen riesigen Kasten bespielen.

Rothenbuchner: Man kann in kleineren Räumen intimer arbeiten, sich anders präsentieren und auch ganz andere Inszenierungen zeigen.

Klar: Bei kleineren Inszenierungen werden ganz andere Risiken eingegangen und das ist etwas, das ich mir sehr wünsche.

Rothenbuchner: Insofern ist, zumindest für mich, die Hoffnung da, dass es nächstes Jahr vielseitiger wird. Und dass es, um Ihre Frage zu beantworten, vielleicht zum Tanzen kommt.

MM: In „Isabelle H.“ geht es um …

Klar: … einen Soldaten und eine Flüchtlingsfrau. Sie verschanzen sich in einer Lagerhalle vor der Polizei, nachdem sie sich zufällig an einer Raststätte kennengelernt haben. Daniel C. hat einen Polizisten erschossen und jetzt überlegen die beiden, wie sie aus der Sache wieder rauskommen. Wie sie weiter vorgehen werden. Wir erfahren sehr viel über Daniel C.s Geschichte, aber weniger über Isabelle H., weil sie das verweigert. Die Figur steigt immer wieder aus der Handlung aus und stellt sie und die ganze Geschichte permanent infrage. Und ihre Rolle als Opfer, weil sie so nicht besetzt sein will.

MM: Wie stellt Thomas Köck das dar?

Rothenbuchner: Nicht als Betroffenheitsstück. Er spielt mit den Ebenen des Theaters und damit, wie Geschichten erzählt werden. Es geht ihm um Rollenzuschreibungen in unserer Gesellschaft und da hat er als Beispiel den Flüchtling gewählt, den man glaubt zu kennen und dem man alles Mögliche zuschreibt. Dazu kommt der psychisch Kranke. Ich finde die Bilder, die Köck findet, teilweise sehr brutal, sehr stark. Aber es ist sicher nicht Betroffenheitstheater.

Klar: Es ist sogar eine Abrechnung damit. Thomas Köck stellt das total infrage, das Einzelschicksal, von dem man sich kurz rühren lässt, bevor man wieder nach Hause geht …

Rothenbuchner (unterbricht): Dagegen verwehre ich mich. Ich möchte den Daniel C. schon als berührendes Schicksal zeigen.

Klar: … Thomas Köck war mal bei einer Probe und hat da erklärt, dass die beiden Charaktere für ihn damals, als er das Stück geschrieben hat, beide für das standen, was eine Gesellschaft ausblendet. Wie für Abgrenzung gesorgt wird und was ausgegrenzt wird. Durch die aktuellen Ereignisse hat aber die Flüchtlingsseite so einen Fokus bekommen, dass sie auch die Gewichtung im Stück verschiebt. Wie werden sehen, ob das interessant ist, oder seltsam.

MM: Sie wollten was sagen?

Rothenbuchner: Nämlich, dass sich auch Daniel C. nicht als Opfer sehen will. Er erzählt seine Geschichte, die von außen betrachtet vielleicht simpel und typisch ist. Deshalb empfinde ich diese Form von Theater auch als Volkstheater, und dieser Geschichtenaufbau funktioniert absolut, da muss man Kitsch und Tragik hernehmen, um zu erzählen und um diese Erzählung wieder brechen zu können. Mich interessiert, dass man sich immer gemütlicher damit abfindet, Opfer zu sein. Mit diesem “Man kann ja nichts machen, Geld haben wir nicht, Zeit auch nicht, was sollen wir also schon groß ausrichten”. Ich merke auch bei mir, dass ich mich mit solchen Argumenten rechtfertige, warum ich das und das nicht tue. Das ist im Grunde eine Opferhaltung. Die Rolle macht mir das Leben einfacher. Alles, was ich mache, ist dadurch legitimiert, dass ich Leid erfahren habe. Und das ist die Rolle, die Isabelle H. ganz klar zugeschrieben wird, und die der Soldat sich über die Theatererzählung einverleibt.

Klar: Das macht Opfersein zu einer begehrten Rolle, weil man in diesem Opferstatus unangreifbar ist. Andererseits wird die Opferrolle ja oft extrem zurückgewiesen. Niemand will Mitleid, wenn’s wirklich schlimm ist, oder?

MM: Das klingt alles so wahnsinnig ernst. So schreibt Thomas Köck doch gar nicht.

Rothenbuchner: Das Publikum wird schon lachen können.

Klar: Das Stück unterläuft sich ja ständig selber. Es gibt sehr viele sehr gut geschriebene Pointen drin. Es wird immer wieder etwas aufgebaut und dann kaputt gemacht, was ja doch meistens witzig ist.

MM: Wie ist das Arbeiten mit Felix Hafner, der im letzten Jahr seines Schauspielregie-Studiums am Max Reinhardt Seminar ist? Während Sie schon fertig und geprüft sind?

Klar: Er ist der erste Regisseur, der jünger ist als ich.

Rothenbuchner: Es ist sehr entspannt. Es gibt einen guten Umgang miteinander. Wir können auch nicht den Mund halten, manchmal, also meistens, und so haben wir oft Spaß.

Klar: Er ist überhaupt sehr humorbegabt, deshalb sind die Proben sehr witzig.

Rothenbuchner: Er ist aber andererseits in aller Ernsthaftigkeit keiner, der einen Vorschlag nicht annimmt, nur weil die Idee nicht von ihm ist.

MM: Wie sind Sie beide Schauspieler geworden?

Klar: Ich bin übers Wiener Kindertheater zum Theater gekommen, eher zufällig damals. Und irgendwie irgendwann wollte ich dann unbedingt Schauspielerin werden.

Rothenbuchner: Ich hatte ein Erlebnis …

Klar: Wirklich, hattest du das? Ich möchte auch so gern erzählen können, das hat mich zur Bühne gebracht, aber so war das bei mir irgendwie nicht.

Rothenbuchner: Doch, das war eine Inszenierung am Wiener Schauspielhaus. Da sind die Zuschauer in Zwanzigergruppen mit je einem Darsteller zum Westbahnhof gezogen und wir waren wie in einer Prozession hinter einer spanischen Schauspielerin her und ich dachte, das ist es. Ich habe dann studiert, ein Jahr, und noch ein Jahr, und dann bin ich ans Theater und dachte, mal schauen, ob mir der Beruf überhaupt gefällt, und jetzt komme ich langsam dorthin, nicht mehr zu sagen, ich will Schauspieler sein, sondern ich bin Schauspieler.

MM: Sie beide sind nun vom Schauspielhaus Graz nach Wien gekommen. Sie sind aber ursprünglich Wiener. Aus Döbling und Floridsdorf. Wie war das Heimkommen in die Stadt?

Klar: Für mich sehr schön. Ich war lange in Graz, weil ich dort auch die Ausbildung gemacht habe, und ich genieße es, jetzt wieder in einer großen Stadt zu sein. Ich hatte erst Befürchtungen, dass das Nachhause kommen eng wird. Aber Wien ist wie eine neue Stadt, in der aber auch Menschen leben, die man schon lange kennt.

MM: Eng wird, im Sinne von: Die Mutti weiß wieder, was man macht?

Klar: Nein, davor habe ich keine Angst, ich bin sehr antiautoritär erzogen. Eng, weil man es aufgibt, ein Doppelleben zu führen. Ich hatte immer in Graz Arbeit, in Wien Urlaub, ein Leben da, ein Leben dort, getrennt, mit verschiedenen Personenkreisen. Ich mochte das auch gern, zwischen zwei Welten zu wechseln, jetzt mischt sich das mehr, aber: läuft.

Rothenbuchner: Ich war davor in Bern, dann Graz. Das war von 126.000 auf 260.000, jetzt sind’s 1,7 Millionen Menschen. Das hat mich anfangs schon geflasht. Ich bin sehr naturverbunden, ich mochte in Graz Mountainbiken, laufen, spazieren gehen, das geht mir in Wien ein bisschen ab. Ich bin halt ein Landei geworden. Aber Großstadt ist schon super. Ich bin extra nicht mehr in den 17., 18. Bezirk gezogen, sondern nach Favoriten, um nicht in alte Denkmuster und Gewohnheiten zu fallen. Ich muss sagen, es ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Ich wohn‘ beim Reumannplatz, das ist okay, aber die Distanzen sind enorm … Ich muss mir einfach ein gutes Rad besorgen.

Klar: So groß ist Wien auch wieder nicht. Man kann doch eh nicht durch die Burggasse gehen, ohne zwei Schauspieler zu treffen. Da weiß ich auch nicht, wie lange das gemütlich ist …

MM: Was wollen Sie vom Beruf? Was erwarten Sie sich?

Rothenbuchner: Dass ich ihn mit spannenden Projekten, mit Herausforderungen mein Leben lang ausüben kann. Ohne Angst. Dass ich nichts zum Essen habe. Dass ich ihn verliere. Sag‘ ich jetzt einmal so grad heraus.

Klar: Das Schöne an dem Beruf ist, als Gruppe in einen gemeinsamen Prozess zu gehen und etwas entstehen zu lassen, von dem man nicht weiß, wo es hinführt. Ich hätte gerne, dass das möglichst oft der Fall ist. Dass man ergebnisoffen arbeitet und, dass man wirklich zusammenkommt. Und vielleicht etwas erzählen kann, das für den Zuschauer die Perspektive verschiebt.

MM: Sie sind hier am Haus in zwei Produktionen, „Zu ebener Erde und erster Stock“ und „Romeo und Julia“, denen von der Kritik nicht einstimmig zugejubelt wurde. Wie gehen Sie damit um?

Klar: Es weht hier ein schärferer Wind als in Graz. Was ja auch bis zu einem gewissen Punkt interessant ist. Wir arbeiten daran, Produktionen auch intern gemeinsam auszuwerten. Wir besprechen, was wir von Inszenierungen halten, unabhängig davon wie sie draußen ankommen. Das ist mir sehr wichtig. Mir hilft es, wenn ich weiß, was ich in einer Sache sehe, wenn ich dahinter stehe, dann ist mir ein bisschen egaler, ob sie bei der Presse ankommt oder nicht. Was mich zuletzt geärgert hat, war, dass wir Schauspieler als Opfer eines Regiekonzepts dargestellt wurden. Keiner will das Opfer sein, siehe oben. Und es stimmt auch so nicht. Ich weiß schon, was ich tu.

Rothenbuchner: Ich fühle mich nicht persönlich angegriffen, wenn ein Abend generell verrissen wird. Gut, es steigert jetzt nicht die Motivation oder die Lust so einen Abend zu spielen. Es ist schon ein Dämpfer, es hat eine andere Energie in einer gefeierten Produktion rauszugehen.

Klar: Es macht auch etwas mit der Produktion. Schlechte Kritiken brauchen ein paar Vorstellungen, bis sie aus den Köpfen raus sind. Man kann sich aber nicht nur danach richten. Wichtig ist, in welche Richtung sich das Haus entwickeln soll.

MM: Womit wir wieder bei Neues Wiener Volkstheater wären. Wie bekommt man dazu neues Wiener Publikum? Was hat „Isabelle H.“ einer jungen Zuschauergeneration zu bieten?

Rothenbuchner: Das ist die alte Frage, warum junge Leute wenig ins Theater gehen. Außer in Schülervorstellungen und da sind sie ja quasi gezwungen. So wie meine Freunde, die ich nötige. Wenn ich da ein Patentrezept wüsste … „Isabelle H.“ eröffnet einen Diskurs über die aktuelle Flüchtlingssituation. Das dürfte ja schon mal interessieren.

Klar: Das Stück hat Irritationen zu bieten. Wenn man sich das ansieht, werden viele Fragen offen bleiben. Ich glaube, das ist etwas Gutes. Und ich hoffe auch, man ist gut unterhalten.

Rothenbuchner: Ich würde es mir auf jeden Fall anschauen. Das Schicksal des Daniel C.s allein ist es wert, sich das anzuschauen.

Klar: Ja, ja.

MM: Herr Rothenbuchner, Sie haben am Haus auch ein Projekt Junges Volkstheater im Rahmen der „Spieltriebe“ (mehr: www.volkstheater.at/junges/spieltriebe-die-spielclubs-des-jungen-volkstheaters/).

Rothenbuchner: Genau, „Generationen“, gemeinsam mit Bérénice Hebenstreit. Da machen Menschen um die 17 bis 21 mit Menschen ab 65 gemeinsam Theater. Da ist sehr spannend, wir arbeiten viel über Improvisation und Tanz. Sehr viel geht um die Begegnung, um die Auseinandersetzung miteinander. Es ist schön so viele unterschiedliche Menschen auf der Bühne zu sehen, und deren Freude und Interesse ist so groß, dass ich gar keine Inszenierung bräuchte.Aber wir werden konkret werden und ein Stück unserer Arbeit zeigen, bei einem Festival im Mai. Wir sind sehr entspannt, weil wir so viel Material, so viele Geschichten haben, die wir erzählen können. Der Kurs ist immer am Dienstag. Ein Lichtblick in der Woche.

Klar: Das ist doch ein wunderschöner Abschluss eigentlich.

Rothenbuchner: Ich weiß nicht, ich bin noch nicht zu Ende … Die beiden lachen.

Mehr zum Festival Neues Wiener Volkstheater: www.mottingers-meinung.at/?p=17988

www.volkstheater.at

Wien, 10. 3. 2016