Kammerspiele: Acht Frauen

November 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod steht ihnen gut

Die Damen werden handgreiflich: Isabella Gregor, Marianne Nentwich, Susa Meyer, Silvia Meisterle, Swintha Gersthofer und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

Suspense so geschmeidig in Chansons umzusetzen, das muss einem erst einmal gelingen. Franz Wittenbrink führt nun an den Kammerspielen der Josefstadt très français vor, wie’s geht. Er hat für Herbert Föttingers Neuinszenierung der Krimikomödie „Acht Frauen“ die Bühnenmusik komponiert. Mal darf frech gejazzt werden, mal eine zum Tango sinnlich sein, immer psychogrammatisch entlang des jeweiligen Typus und seiner besonderen Charakterzüge.

Die Damen des Ensembles beweisen solcherart nicht nur ihr schauspielerisches Können, sondern entpuppen sich als wahre Showtalente. Pauline Knof als ungebetener Gast Pierrette legt eine sexy Einlage hin, von der man nicht ahnte, dass derlei in der Charakterdarstellerin schlummert.

Der Inhalt von Robert Thomas‘ Text ist bekannt: Auf einem französischen Landsitz, abgelegen und eingeschneit, findet die Vorweihnachtsstimmung ein jähes Ende, als der Hausherr mit einem Messer im Rücken tot aufgefunden wird. Den „Acht Frauen“, Verwandten wie Bediensteten, erschließt sich bald, dass die Mörderin unter ihnen zu suchen ist. Jede hatte ein Sträußchen mit dem Verstorbenen auszufechten, Motive gibt es ergo genug, aber keine Alibis. So beginnt ein scheinheiliges Intrigenspiel, in dem scheinbar aufgeschreckte Hühner sich als skrupellose Erbschleicherinnen erweisen, tablettensüchtige Dramaqueens gegen eiskalte Königinnen der Nacht antreten, und mehr dunkle Geheimnisse ans Licht kommen, als der Mischpoche lieb sein kann.

Föttinger dämpft in seiner Arbeit den Schenkelklopfimpuls, der durchaus als Gefahr im Stück lauert. Zu sagen, er hätte daraus eine subtile Satire gemacht, wäre für den amüsanten, doch – nicht zuletzt aufgrund Ece Anisoglus uninspiriertem Grauen-Haus-Bühnenbild und Birgit Hutters elegant gestrigen Kostümen – etwas antiquiert wirkenden Abend wohl etwas viel. Doch der Regisseur kann sich auf seine Komödiantinnen verlassen, die wissen, wie sarkastisch geht, wie man Zwischentöne und Spitzen setzt und so Zwietracht sät. Föttinger gibt ihnen den Raum, sich in allen Facetten schillernd zu entfalten. Dass in seiner Interpretation die Fallhöhe vom vermeintlichen Familienidyll zur lügendurchtränkten Täterinnensuche gering ist, ist eine Entscheidung, die es anzunehmen gilt.

Das Verhältnis der Frauen untereinander ist von Beginn an ein brüchiges, die Worte zwischen ihnen fallen streitsüchtig und gereizt, es kommt nicht nur einmal zu Handgreiflichkeiten. Man ärgert sich über die Hysterie und Hypochondrie der anderen, vor allem aber über Mamys „Wunderheilung“. Als diese glänzt Marianne Nentwich. Die langgediente Josefstädterin ist von der Gaby, die sie in einer Aufführung 2004 noch spielte, zur Gabys-Mutter-Rolle avanciert, und sie macht sich sichtlich einen Spaß daraus, immer dann aus dem Rollstuhl zu hüpfen, wenn es Spannenderes zu tun gibt, als auf den Nerven der anderen spazieren zu fahren. Die Gaby ist nun Susa Meyer, die von gutbürgerlicher Hausherrin blitzschnell auf bitterböse und bissig umzuschalten weiß.

Silvia Meisterle als kesses Kammerkätzchen Louise. Bild: Sepp Gallauer

Susa Meyer, Silvia Meisterle, Sandra Cervik und Swintha Gersthofer. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof beweist als mondäne Pierrette ihr Showtalent. Bild: Sepp Gallauer

Swintha Gersthofer und Anna Laimanee, sie in ihrem ersten Engagement neu am Haus, gestalten die Töchter Susanne und Catherine zwischen teenageraufsässig und jungdamenhaft. Dass Sandra Cervik in die Figur von Gabys Schwester Augustine schlüpft, ist ein Glück. Cervik macht aus der altjüngferlichen, verbiesterten Giftspritze ein Kabinettstück, mit Hingabe tut sie deren Verdächtigungen und Vermutungen und Vorstellungen von korrektem Verhalten kund, bis sie mit Verve das Entlein in einen Schwan verwandelt. Pauline Knof schließlich als letztes Mitglied der skandalösen Sippe spielt Gabys Schwägerin Pierrette als mondäne Lebefrau.

Isabella Gregor und Silvia Meisterle sind als Köchin Madame Chanel und Dienstmädchen Louise zu sehen, nach außen hin resigniert-ergeben, aber durchaus mysteriös die eine, verführerisch kess und nur widerwillig gehorchend die andere. Insgesamt lässt sich über die Darstellerinnen sagen: Der Tod steht ihnen gut. Nach Drehungen und Wendungen, Manipulationen und unsauberen Machenschaften, und dem wahren Satzfragment „Wenn wir Frauen doch nur besser zusammenhielten“, wird die Tat zweieinhalb Stunden später enttarnt. Sollte es jemanden geben, der tatsächlich keine Ahnung hat, wie’s geschehen ist – anschauen …

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=2A9t_C2x54s

www.josefstadt.org

  1. 11. 2018

Werk X: Aufstand der Unschuldigen

Oktober 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beobachtung eines Brainstormings

Die Schauspieler schreiten schließlich zur Tat: Annette Isabella Holzmann, Felix Krasser, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Wenn die Schauspieler knapp vor Schluss aus den Situationen treten und den Produktionsprozess diskutieren, dann ist das wie ein Fishing For Verständnis. Sieben Wochen habe man gearbeitet, und was habe man nun? – nichts! Keine Szenen, keine Dialoge, „keine einzige sinnvolle Zeile zu den Problemen unserer Zeit“. Nun, so schlimm ist es nicht.

„Aufstand der Unschuldigen“ im Werk X, dieser als Agitprop-Posse für Dummys angekündigte Abend, ist nur weniger Ali M. Abdullahs erste „Stück“-Entwicklung fürs Haus, als vielmehr das Beobachten eines Proben-Brainstormings zu Themen, die dem Ensemble dieser Tage vordringlich sind. Und so ist der Abend Werk-X-isch, wie man’s schon kennt, anarchistisch, kämpferisch und suggestiv, spannend, immer auch spaßig, und das Ende tumultös. Zu sagen, hier wäre was nicht fertig geworden, geht gar nicht, weil draußen in der wirklichen Welt ja auch nichts zum Abschluss gebracht ist. Die Debatte ist nicht beendet, der Fall nicht abgeschlossen – und kein Ausweg nirgendwo. Also.

Worum es geht, ist, kurz gefasst, die Frage danach, was wahr und was echt ist. In einer Zeit, in der fremdgefertigte Bilder und schreihälsische Parolen die Wahrnehmung bestimmen, muss man sich, so die Message, dieser Fernsteuerung entziehen und wieder lernen, vernunftbegabt eigene Entscheidungen zu treffen. Das Leben ist eben nicht „wie im echten Film“, und auch, wenn die Österreicher das gern tun, könne man nicht immer „nur zuschauen“ – dazu eine etwas lang geratene Episode über das Nichteingreifen heimischer UNO-Soldaten auf dem Golan.

Palavern in der Box: Peter Pertusini, Holzmann, Krasser, Griesser, Hemmer und Musiker Moritz Wallmüller. Bild: © Alexander Gotter

„Florian Klenk“ in der Greißlerei: Holzmann, Krasser, Griesser, Pertusini und Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Gefangen zwischen gelebten Geschichten und erzählter Realität versuchen die Schauspieler in knapp zwei Stunden, sich der selbstauferlegten Aufgabe zu stellen. Auftreten nun Verschwörungstheoretiker und Retrofuturisten, beide auch in ihrer Anti-Form, Doomer und Terroristen. Peter Pertusini gibt einen auf Gefahren aller Art vorbereiteten Prepper, der in komischer Verzweiflung Gewaltszenarien wie den Teufel an die Wand malt.

Den vielleicht stärksten und die Stoßrichtung der Veranstaltung vorgebenden Moment hat Christoph Griesser der vom martialisch brüllenden Anführer einer Roomclearing-Einheit zum traumatisierten Syrienkrieg-Heimkehrer wird. Eben noch wird das Publikum angeschnauzt, warum es seine Zeit im Theater vergeude, statt an seinen Schießübungen teilzunehmen, schließlich müssten sich auch Kulturbegeisterte zu wehren wissen, schon fällt er, ein Häufchen Mensch, in sich zusammen.

Palavert wird viel. Der Smalltalk auf einer Intellektuellen-Party wird rasch zum Streit, wenn jeder seine Ängste bloßlegt; Fußball-Hooligans, Herzinfarkt, Haie, das sei zu wenig brisant, befindet Annette Isabella Holzmann.

Angst, so die richtige, wichtige Aussage, ist ein mächtiges Tool in den Händen der Manipulierer. Wenn man aus dem Werk X und diesem Freie-Assoziation-Abend was mitnehmen kann, dann immer wieder Denkanstöße. In einer Fernsehtalk-Runde überbieten einander die Ideologienschleudern RAF-Gründer Andreas Baader, „Homeland“-Star Claire Danes, Identitären-Sprecher Martin Sellner und Globalisierungskritiker Jean Ziegler mit Argumenten darüber, ob Klasse vor Rasse gehe, rechts- vor linksradikal, Dachidentität vor Individualität, Grenzen dicht machen vor internationaler Solidarität.

Wie als Kontrastprogramm zu den Kopfgeschüttelten geht’s in eine Greißlerei und zu einer Gratiszeitung-Schlagzeilen-Lesung der Gemeindebauler. Martin Hemmer bestellt sich als Figur „Florian Klenk“, im Original Falter-Chefredakteur und also solcher Enthüllungsjournalist, ein Käsebrot und wird in ein Wortgefecht über globale und hausgemachte Katastrophen verwickelt. Dass er zwischendurch „gescheite“ Bücher über den Populismus aller Seiten in die Kamera hält, entwickelt sich zum Running Gag.

Sperrholzplatten-Labyrinth, Vidiwalls und Leuchtschriftbänder: Die aufwendige Spielraumgestaltung von Renato Uz. Bild: © Alexander Gotter

Überhaupt ist die Kamera das bestimmende Stilmittel dieser Aufführung. Renato Uz hat drei miteinander verbundene Boxen auf der Spielfläche aufgestellt, ein Sperrholzplatten-Labyrinth als Symbol für die medialen Verschachtelungen einer modernen Welt, von keinem Sitzplatz aus sieht man alles, aber viel über die beiden riesigen Vidiwalls. Auf zwei Leuchtschriftbändern laufen Zitate von Kurz und Kickl. Von ersterem unter anderem: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder abgehen.“

Musikalisch ist der Abend, mit Moritz Wallmüller an der Gitarre und Martin Hemmer am Schlagzeug top, die Darsteller singen sich von Zager and Evans‘ „In The Year 2525“ über den M.A.S.H-Song „Suicide Is Painless“ zu Led Zeppelins „Stairway To Heaven“.

Die Unschuldigen aus dem Titel werden übrigens definiert, als diejenigen, die nichts dafür können in einem Land zu leben, dass die Demokratie sukzessive abschafft. (Wobei es an dieser Stelle Karl Kraus zu bemühen gilt: Es wäre mehr Unschuld in der Welt, wenn die Menschen für all das verantwortlich wären, wofür sie nicht können.) Felix Krasser wird als Selbstmordattentäter ausgewählt, wütende weiße Schauspieler müssten endlich die Vorstellung von dunkelhäutigen Extremisten verdrängen, doch bevor’s zum großen Kabumm kommt, ist er seinen Sprengstoffgürtel schon wieder los. Im Programmfolder-Interview sagt Fragensteller Abdullah, „dass wir langsam Antworten brauchen“, dass die kritische Linke anfangen müsse, Lösungen vorzuschlagen. „Aufstand der Unschuldigen“ bemüht sich zumindest darum, diese gesellschaftliche Klemme zu beschreiben. Motto: Brainstorming ist aller Problembewältigung Anfang.

werk-x.at

  1. 10. 2018

Volkstheater: Der Kaufmann von Venedig

September 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Antisemitismus auch noch Sexismus

Vermögen weg, Tochter weg: Anja Herden überzeugt als hasserfüllte Jüdin Shylock. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In der Pause schwören Insider Stein und Bein, dass hier nichts gefakt sei, dass alles mit rechten Dingen zugehe, und Anja Herden augenscheinlich nicht damit gerechnet hätte, tatsächlich gewählt zu werden. Es sei. Für die Eröffnungsproduktion am Volkstheater hat sich Direktorin Anna Badora einen besonderen Kniff einfallen lassen: Das Publikum kann sich einen von drei Shylocks aussuchen; die Abstimmung wird per Applausometer überwacht. Jan Thümer, später der Lorenzo, der als Conférencier diese Abstimmung leitet, stellt eingangs die Kandidaten vor.

Ein Spiel mit Klischees hebt also an, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat, die Frage, die sich stellt, lautet, was einen Juden ausmache – und so stehen zur Wahl: Shylock, der seriöse Banker, Rainer Galke, der traditionelle Wiener Jude, kenntlich gemacht durch seine Schläfenlocken, Sebastian Pass, und eben Anja Herden, die als Geschäftsfrau, noch dazu mit Migrationshintergrund, ausgewiesen wird. Thilo Reuther hat für Badoras Interpretation des Shakespeare’schen Stücks ein Casino auf die Bühne gestellt, man versteht: der Casino-Kapitalismus wird damit aufs Korn genommen, dieses Synonym für hoch risikoreiches Geschäftemachen, wie’s Antonio betreibt.

Beinah unablässig, wie die Roulettemaschine, dreht sich die Bühne, Schicksal ist gleich dem eingespielten Geräusch vom Fallen der Kugel in den Kessel. Und während die venezianische Schickeria mit Jetons um sich schmeißt, taucht die Shylock samt ihrem Geldverleiher-Kabäuschen aus dem Untergrund auf. Mit Anja Herdens Darstellung bekommt die geschichtlich angepatzte Figur eine unerwartet neue Dimension. Eine verdächtig freundliche Fassade hat sich die „Madam“ im Feindesland zurechtgelegt, hinter der brodeln Hass und Wut ob erlittener Demütigungen, und wenn sie mit sanfter Stimme von Antonio sein Pfund Fleisch verlangt, dann ist klar, dass sie sich dafür rächt, von ihm am Rialto angespuckt und als Hündin beschimpft worden zu sein.

Antonio will für Bassanio sein Pfund Fleisch geben: Evi Kehrstephan, Rainer Galke, Peter Fasching, Nils Hohenhövel und Lukas Watzl. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bassanio öffnet Portias richtiges Kästchen: Peter Fasching und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für diese Shylock gibt es gleich drei Ausschließungsgründe aus der Gesellschaft: den Glauben, das Geschlecht, die Hautfarbe. Mehrmals wird darauf hingewiesen. Und so kommt diesmal zum Antisemitismus auch noch Sexismus. Die Männer sind allesamt Unsympathen und Machos. Rainer Galkes Antonio trieft vor ekelhaft verächtlichem Hochmut, Jan Thümers Lorenzo behandelt Evi Kehrstephans Jessica als würde er sie am Nasenring führen, Sebastian Kleins Gratiano ist so antisemitisch wie frauenfeindlich, Peter Faschings Bassanio würde seine frisch angetraute Portia jederzeit für Antonios Wohl opfern. So steht’s bei Shakespeare, und Badora lässt in der dekadenten Spaßpartie leicht homoerotische Tendenzen durchschimmern.

In dieser von den Premierenzuschauern gewünschten Fassung spielt Isabella Knöll die Portia. Auch ihr vom verstorbenen Vater verordnetes Kästchenrätsel ist ein Glücksspiel. Im Glitzerkleid lädt die ganz auf Girlie gepolte Knöll die Werber zum Drehen eines Glücksrads ein, sie moderiert deren Fortune als wär’s eine Fernsehgameshow. In Anlehnung an das berühmte Zitat sagt sie: „All the world’s a game and I am the prize.“

Jan Thümer stellt die drei Shylocks zur Wahl: Rainer Galke, Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Elisabeth Plessens Textfassung lässt einiges weg. So ist etwa Sebastian Pass‘ Rolle als Lanzelot Gobbo reduziert, Günter Franzmeier, der ein möglicher Antonio wäre, fallen diesmal nur die kleinen Parts von Tubal und dem Dogen zu. Marius Huth treibt als Dienerin Nerissa Badoras Spiel um Geschlechterrollen auf die Spitze. Am Ende wird Shylock in einer Fast-Vergewaltigungsszene buchstäblich zu Boden gerungen, während Antonio sich diesmal natürlich standhaft weigert, seine Hälfte von deren Vermögen zurückzugeben. Die schlimme Schmach Shylocks währt aber nur kurz, weil Jan Thümer das Publikum schnell in die Nacht hinaus verabschiedet.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2018

Volkstheater: Lazarus

Mai 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Programmheft als Beipackzettel

Newtons Museum der Erinnerung: Maria Stippich, Anja Herden, Katharina Klar, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der tosende Schlussapplaus war abzusehen, schließlich wurde schon jeder einzelne Song heftig bejubelt. 17 an der Zahl, von „This Is Not America“ bis „Absolute Beginners“, von „The Man Who Sold The World“ bis „Life On Mars?“ – das musikalische Vermächtnis des David Bowie, der zum Sterben krank sein Lebenswerk zum Musical machte. Das ist es also: „Lazarus“ als österreichische Erstaufführung im Volkstheater.

Das ist also das, was der ratlose Rezensent gern mit dem Etikett enigmatisch versieht, das Nicht-Verstehen mit Meisterwerk gleichsetzend. Wie der Fiebertraum eines auf Genesung Hoffenden zieht dieser Abend an einem vorbei. Immerhin das Programmheft dient als eine Art Beipackzettel. Eine Assistentin Elly gebe es, steht da, und einen früheren Mitarbeiter Michael, ein Verbrechensopfer und den Serienmörder Valentine. Und Lazarus, diese biblische Symbolfigur für Auferstehung, die hier nicht sterben kann. Sie ist weitergedacht jener Thomas Jerome Newton, der Außerirdische, den sich Bowie in Nicolas Roegs Film „The Man Who Fell To Earth“ 1976 anverwandelt hat. Und der nun seinen Weltenschmerz mit Gin betäubt.

In der Inszenierung von Miloš Lolić interpretiert ihn Günter Franzmeier. Und was das betrifft, ist die Gratwanderung perfekt gelungen. Franzmeier, kühl, unnahbar, mit reduziertem Spiel, macht sich die Songs zu eigen, er gibt ihnen eine Färbung, die Erinnerungen ans Original mitschwingen lassen, und legt an ihnen dennoch neue Gefühlsschichten frei. Gleich zu Beginn, wenn er wunderbar seelenwund den titelgebenden Song singt, Look up here, I’m in heaven / I’ve got scars that can’t be seen, weiß man, dass die Aufführung musikalisch gelungen ist. Unter der diesbezüglichen Leitung von Bernhard Neumaier stellen das besonders Katharina Klar als ermordetes Mädchen, Christoph Rothenbuchner als androgyner Todbringer und Gábor Biedermann mit seiner Rockstar-Attitude unter Beweis. Großartig ist am Ende das hoffungschöpfende „Heroes“-Duett von Franzmeier mit Klar.

Brillant als Bowies Alter Ego: Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Musikalisch top: Maria Stippich, Anja Herden, Christoph Rothenbuchner, Gábor Biedermann und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch die darob Ergriffenheit weicht beim zweiten Hinsehen der Ernüchterung. Neben der Musik sind die Szenen und Dialoge, die Enda Walsh mit Bowie erarbeitete, eben ein weiterer Aspekt des Musicals. „Lazarus“, das wird bald klar, erzählt keine Story im eigentlichen Sinne. Das Gespielte dient wie das Gesungene eher als atmosphärische Momentaufnahme, gemeinsam sollen sie wohl so was wie die Vereinsamung, die Verwirrung, die Verirrung des Protagonisten widerspiegeln. Sie sind Newtons Kopfkino. Dies darzulegen versucht Lolić nicht. Er flüchtet sich in Ausstattung, wo Auslotung vonnöten gewesen wäre.

Denn das Bühnenbild von Wolfgang Menardi ist opulent, ein „Museum der Erinnerung“ nennt es sich, und ist vollgestopft mit ausgestopften Tieren aus dem Nachbarmuseum, mit zahlreichen bunten Vitrinen und anderen Versatzstücken, und die Drehbühne dreht und dreht sich. Punkto Kostüme lässt Jelena Miletić von Retrofellwesten über Pailletten und Schlaghosen bis durchsichtigen Plastikmänteln wenig aus, was irgend dem Seventies-Showklischee entspricht. Auch etliche Haare müssen von Bowie-Blond bis Ziggy-Stardust-Rot dran glauben. Ob all dieser Bühnenzauber den Blick auf die wahre Ambivalenz des Stücks verstellt, ob diese tatsächlich vorhanden ist, dies sei dem Betrachter dahingestellt.

Katharina Klar als das gemordete Mädchen, das Newton zur Rettung wird. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Newtons Tanz über den Abgrund begleiten des Weiteren Maria Stippich, Evi Kehrstephan und sehr sexy Anja Herden als Teenage Girls/Backgroundsängerinnen, Rainer Galke als Michael, Isabella Knöll als Elly und Kaspar Locher als deren Mann Zach. Claudia Sabitzer geistert als Japanerin durchs Spiel. Warum, man weiß es nicht, und hakt auch das unter „enigmatisch“ ab.

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  1. 5. 2018

Werk X: Raststätte oder Sie machens alle

April 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Sex mit Stofftieren

Poledance ist auch nur ein Sport: Thomas Kamper, Arthur Werner, Sandra Bra, Sebastian Klinser und Markus Mariacher. Bild: Yasmina Haddad

Am Ende werden Teddybär und Plüschelch genüsslich zerlegt, in ihre Leckerlis zerfleischt und aufgefressen. Und siehe, hinter den ohnedies schon zu Stofftieren sich degradierenden Bestien auch nur der Mensch – im anatomischen Modellanzug. So schaut das aus, wenn Regisseurin Susanne Lietzow Elfriede-Jelinek’sche Figuren zum Striptease lädt. „Raststätte oder Sie machens alle“ hat die zweifache Nestroy-Preisträgerin nun im Werk X inszeniert.

Und am Satyrspiel zu Totenauberg das zotig Farcenhafte betont. Tatsächlich nennt Lietzow den Text im Gespräch einen „Porno-Feydeau“. Dessen Grundlage allerdings Mozarts „Così fan tutte“ ist: Zwei frustrierte Ehefrauen verabreden sich via Sexinserat auf einer Autobahntoilette mit zwei Tieren, von denen sie sich ebensolchen, triebhaft-zügellosen Beischlaf erhoffen. Inmitten einer zermüllt-desolaten, von Peter Laher erdachten Bühne setzt Lietzow ihre Handvoll Darsteller ab. Doch nichts geht, Potenz wird zum Problem, denn in den Kostümen treffen die Frauen unverhofft auf ihre eigenen Männer. Die Liebe ist, man sieht es gleich am ersten Bild, ein Überraschungsei …

Dass das nicht alles auf den ersten Blick verständlich ist, ist systemimmanent. Auch die mäandernden Sprachkaskaden der Nobelpreisträgerin sind nicht Wort für Wort zu nehmen, sondern als Komposition, als Klang. Und durch klingt – Lebensthemen – ihre Kritik an Geschlechterrollen, an versuchter seelenbodenloser Selbstoptimierung (dies gern durch Sport, in dessen Bekleidung bekanntlich „wenig Platz für Lebensgenuss“ ist) und ein scharfer Blick auf Entfremdungsursachen, auf hiesige und andernortige Neidgesellschaften, die auf der Suche nach einem ureigenen Zentrum sich selbst in die Randlagen verlieren.

Highlight des Abends: Gilbert Handler mit Arthur Werner und Thomas Kamper: Bild: Yasmina Haddad

Vor der Plakatwand: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz. Bild: Yasmina Haddad

Lietzow assoziiert da frank und frei. Pinnt Da Pontes „Fremdländer“ auf ein paar Heimatwahlplakate, die nicht weniger obszön sind als verwandte Originale, die Abart als aktuelles Schleuderblatt für alle, die Abgrenzung zum anderen brauchen. Steckt Klaus Huhle vom allmächtigen Wirtsmenschen zurück in den Baby-Fatsuit. Lässt Gilbert Handler begnadet singen, er der Höhepunkt des Abends, wenn er Liebeslieder bis hin zum Ave Maria interpretiert. Steigert ihre Arbeit mehr und mehr in albtraumhafte Szenen, während sie das Explizite aus der Jelinek kitzelt.

Dazwischen die vier, Isolde und Kurt, Claudia und Herbert, längst Negativspiegelflächen ihrer einmal gewählten Partner, die nun erwarten, dass sie „von anderen Menschen zum Klingen gebracht werden“: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz als die Durchschnittlichen, die so gerne einmal Über- wären. Sebastian Klinser und Markus Mariacher als die Kostümierten, die Bau- und Büromaschinenvertreter, die aus der fremden Haut schlüpfen, um in der eigenen gekillt zu werden. Wie die Schauspieler hier Lust auf Frust reimen, wie’s statt Körpertrost nur Trostlosigkeit gibt, ist sehenswert.

Und schließlich von der durchaus auch zeitpolitisch zu nehmenden Erkenntnis: „Man kann sich wie ein großes Tier anziehen, deshalb ist man es noch nicht.“

werk-x.at/

  1. 4. 2018