Sarah Glidden: Im Schatten des Krieges. Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei

März 5, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gezeichnete Berichte aus dem Brennpunkt Naher Osten

Wer aktuell sein will, dem kann’s passieren, dass er vom Tagesgeschehen überrollt wird. So ging’s Autorin Sarah Glidden, die 2010 mit befreundeten Journalisten in den Nahen Osten aufbrach, um deren Reportagen und Interviews über die Folgen des Irak-Kriegs und die Kriegsflüchtlinge in Zeichnungen festzuhalten. Mehrere hundert Stunden Tonmaterial hat sie auf Papier gebannt. Das dauert. Nun ist ihre Graphic Novel „Im Schatten des Krieges. Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei“ erschienen, mitten hinein in den syrischen Bürgerkrieg, die IS-Gräuel im Irak und den Umbau der Türkei in eine Diktatur, und es ist seltsam, über all diese Länder zu lesen, in denen es im Vergleich zu heute vor sieben Jahren noch relativ ruhig war.

Nichts desto trotz ist Gliddens Buch lesenswert. Denn nie war es ihr Ansinnen, von „der Front“ zu berichten. Der jungen Amerikanerin ging es von Beginn an darum, Geschichten aus dem Hinterland zu sammeln, Menschen und ihre Schicksale zu dokumentieren, und das tut sie als einfühlsame Beobachterin der Situationen.

Dass dem Europäer dabei manches ein wenig kindlich anmutet, ist zu verzeihen. Schließlich ist die Graphic Novel für den US-Markt gedacht, und in Trump-Land ist es vermutlich gut, dass sie etwas Lehrbuchhaftes hat. Glidden beleuchtet nicht nur die ahnungslose Naivität ihrer Landsleute, was das Weltgeschehen und die selbst auferlegte Rolle der USA als Weltpolizei betrifft. Sie bezieht auch klar Stellung, wenn sie erklärt, dass viel von dem, was sie an Zerstörung und Zertrümmerung von davor westlich modernen Städten und ergo Flüchtlingsströmen aus diesen sieht, auf die Einmischung und die militärischen Einsätze der USA in diesen Ländern zurückgeht. Wie nebenbei ist „Im Schatten des Krieges“ auch eine griffige Auseinandersetzung mit dem dieser Tage gebeutelten und diffamierten Berufsbild Journalist, ein gezeichnetes Plädoyer für die „vierte Macht“ und deren unabhängige Berichterstattung.

Bild: Sarah Glidden/Reprodukt Verlag

Bild: Sarah Glidden/Reprodukt Verlag

Und so sind sie also aufgebrochen. Sarah Glidden, ihre Journalistenfreunde Sarah Stuteville und Alex Stonehill vom Seattle Globalist (www.seattleglobalist.com) – und Dan O’Brien, ein Jugendfreund und Ex-Marine, der nun als Zivilist in den Irak zurückkehren möchte. Dieser Dan ist es, der in weiterer Folge für Zündstoff sorgen wird. Denn erst nach und nach entfaltet sich seine Story und das damit verbundene Trauma. Eine weitere widersprüchliche Figur ist der Iraker Sam Malkandi, dem die Flucht in die USA zwar gelungen war, der aber wegen des Verdachts, Kontakt zu den 9/11-Terroristen gehabt zu haben, ausgewiesen wurde.

Malkandi beteuert seine Unschuld so heftig, wie Dan vehement behauptet, er hätte als Soldat Gutes bewirken wollen. Und so schwankt man als Leser zwischen deren und den eigenen Argumenten, zwischen Mitleid, Sympathie und Abneigung. Spannend liest sich auch, wie unterschiedlich Iraker und Kurden den Irak-Krieg für sich bewerten. Ein kurdischstämmiger Chauffeur missversteht, weil der englischen Sprache nicht so sehr mächtig, einen Scherz des Quartetts. „No, Mossul! No, Mossul, no!“, schreit er entsetzt, als er glaubt, man würde ihn auf der Autobahn zum Abbiegen Richtung der Stadt zwingen, die heute wieder heiß umkämpft ist. Dass Syrien weiland einen Großteil der irakischen Flüchtlinge aufnahm, die durch die US-Invasion aus ihrer Heimat vertrieben wurden, ist eine bittere Erkenntnis für die vier Reisenden. Mittlerweile gehören Syrien und der Irak zu den sieben Staaten, über deren Bürger Trump ein Einreiseverbot verhängte.

Glidden trifft Internet-Blogger und Frauenaktivistinnen, sie wird in Privatwohnungen eingeladen, geht zu den Menschen in Flüchtlingscamps, begleitet Sarah und Alex zu ehemals politischen Häftlingen und Kriegsopfern. All diese Begegnungen hält die Autorin in schlichten Tusche- und Aquarellzeichnungen fest. Sie selbst bleibt über weite Strecken eine Stimme von außerhalb des Bildrands. Ist um Objektivität bemüht. Was ihr nicht immer gelingt. Und so sind denn auch die Episoden am interessantesten, in denen sie ihre Beobachterposition verlässt. Auch Golfkriegsveteran Dan wird sich Sarah schließlich öffnen. „Ich wünschte, wir wären nie in den Irak einmarschiert. Unsere Außenpolitik sollte den ganzen Militärkram einfach lassen“, sagt er da.

Bild: Sarah Glidden/Reprodukt Verlag

Bild: Sarah Glidden/Reprodukt Verlag

Über die Autorin:
Sarah Glidden, geboren 1980 in Boston, studierte Malerei und gewann 2008 den Ignatz-Award in der Kategorie “Vielversprechendes neues Talent”. Ihr erstes Buch, “Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger” (Panini), erschien 2011 und wurde auch hierzulande von der Presse hoch gelobt.

Reprodukt Verlag, Sarah Glidden: „Im Schatten des Krieges. Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei“, Graphic Novel, 304 Seiten. Aus dem Englischen von Ulrich Pröfrock.

sarahglidden.com

www.reprodukt.com

Wien, 5. 3. 2017

Kevin Wilson: Die gesammelten Peinlichkeiten …

April 23, 2013 in Buch

Ein ganz großes Herz für die ganz besonders Verrückten

Wilson_KDie_gesammelten_Peinlichkeiten_125483Gäbe es einen Preis für den längsten Buchtitel der Welt, der US-Autor Kevin Wilson gehörte zu den sichersten Kandidaten für die Auszeichnung. „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“ heißt sein Romandebüt. Und das ist in erster Linie unterhaltsam. Punkt. Absatz. Wer sich von bedeutungsschwangerer europäisch-russisch-chinesischer-Nahost … Wir-arbeiten-an-der-Bewältigung-unserer-Geschichte-Literatur – jeder Satz mit Doppelt-, Dreifach- und Hintersinn – erholen will, für den ist Wilson genau richtig. Und zwar ohne, dass er je in die Trivialität abgleiten würde. Das Buch ist einfach amerikanisch. Verrückt. In versuchter  Tradition mit den frühen Matt Ruffs oder Stewart O’Nans. Und: Es verlangt Vertrautheit mit der US-Kunst- und Medienszene, um die zahlreichen Anspielungen zu erfassen. Alle abstrus, exaltiert, klischeehaft und letztlich auf oberflächliche Effekte hingestylt.

Es geht um die Familie Fang – Caleb und Camille, die Performancekünstler/Eltern; Kind A(nnie) und Kind B(uster), beide mittlerweile so eine Art erwachsen und als die Handlung einsetzt, gerade dabei, am Leben zu scheitern. Annie, Schauspielerin und schon einmal Nebenrollen-Oscar-nominiert, flieht vor einer Oben-Ohne-Szene vom Hollywood’schen Filmset – was alles andere als karriereförderlich ist. Buster, ein genial-verkrachter Schriftsteller, der nun für das obskure Herrenmagazin „Potent“ arbeitet, wird bei einer Reportage über aus dem Irak heimgekehrte Soldaten mit einem Erdapfel ins Gesicht getroffen (Pa-Rohr!) und schwer verletzt. Also: Heim zu Mama und Papa. Trotz der Altlasten, die einem wegen der ehemaligen schrillen, peinlichen, marktschreierischen (man war meistens in Shoppingmalls)  „Happenings“ auf die Seele drücken … Die Fangs, eine geschlossene Einheit, eine lebende Kunstgattung, auf dem Pannenstreifen neben der Normalspur. In Einschüben berichtet Wilson von diesen traumatisierenden Erfahrungen: „Schall und Wahn“, 1985. Da mussten A + B vor einem Einkaufszentrum schmerzhaft falsch singen, um Geld für die Heilung ihres todgeweihten Hundes zu sammeln. Bis Daddy sich „entrüstet“ dazwischen warf und die unmusikalischen Kinder zur Räson brachte. Resultat: Für Caleb ein blaues Auge, für die Kunst einen Artikel in der New York Times. Motto: Provoziere lauthals Gesellschaft und Staat und finde lukrative Anerkennung in der Szene! Selbst einander mit Schusswaffen zu verletzen, muss da drin sein („Sniper“, 1975). Natürlich samt notariell beglaubigter Erklärung, dass da ein Event stattfand. Es soll ja niemand hinter Gitter.

Zwischen Alkohol und Schmerztabletten versuchen Annie und Buster, sich daheim wieder einzurichten. Ihre Erzeuger: im Glück. Endlich können die vier Fangs wieder loslegen. Doch der letzte Auftritt bleibt ohne Wirkung. „Die Leute sind heute sogar zu blöde und abgestumpft, um sich provozieren zu lassen“, konstatiert Caleb. Und verschwindet samt Camille. Die Polizei findet literweise Blut und glaubt an Raubmord, die Kinder an eine weitere radikale Aktion. Müssen Künstler sich nicht kompromisslos neu erfinden, wenn das Alte nicht mehr greift? Wilsons Fantasie kennt keine Grenzen, wenn er sich über die Flower-Power-Generation lustig macht und kräftig-satirisch gegen jene anschreibt, die dem anarchischen Kunstbegriff der Siebziger Jahre nachhängen. Terry Fox, Robin van Arsdol, Henry Flynt … Dennoch hat er ein großes Herz für seine Freakshow; dieser Autor liebt seine Wahnsinnigen, er distanziert sich nicht von ihnen. Albernheit darf ja auch einmal Selbstzweck sein, oder?

Kevin Wilson: Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung. Verlag Luchterhand. 380 Seiten.

Zur Person: Kevin Wilson begann mit dem Schreiben, weil er einsam war und glaubte, sobald er gute Geschichten schrieb, würde er unwiderstehlich werden. Heute lebt er mit seiner Frau Leigh Anne Couch und ihrem gemeinsamen Sohn Griff in Tennessee, wo Wilson geboren und aufgewachsen ist. Er unterrichtet Kreatives Schreiben an der University of the South. Seine Erzählungen wie sein Roman „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“ wurden von Kritikern wie Lesern begeistert aufgenommen. Wenn Kevin Wilson seine Frau heute fragt, ob es an seinen Erzählungen lag, dass sie ihn küssen wollte, antwortet sie, sie seien vielleicht der zweite oder dritte Grund gewesen. Er ist mit dieser Antwort mehr als zufrieden.

www.randomhouse.de/luchterhand

Von Michaela Mottinger

Wien, 23. 4. 2013