Wiener Festwochen: Oameni obişnuiţi / Gewöhnliche Menschen

Juni 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein etwas langatmiges Antikorruptionskabarett

Die Whistleblowerin und ihre Widersacher: Marius Turdeanu, Ioan Paraschiv, Mariana Mihu, Florin Coşuleţ und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Die Whistleblowerin und ihre Widersacher: Marius Turdeanu, Ioan Paraschiv, Mariana Mihu, Florin Coşuleţ und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Die rumänische Regisseurin Gianina Cărbunariu und das Teatrul National Radu Stanca Sibiu zeigen bei den Wiener Festwochen ihre Arbeit „Oameni obişnuiţi / Gewöhnliche Menschen“. Whistleblower aus Großbritannien, Italien und Rumänien wurden für diese Produktion befragt, nicht Medienstars wie Snowden oder Assange, sondern Alltagshelden, in Workshops mit einem ersten Publikum der Text erarbeitet.

Doch was nun im Theater Akzent zu sehen ist, hat die theatrale Relevanz der PULS4-Show „Bist du deppert!“. In seinen besten Momenten wirkt der Abend wie ein etwas langatmig geratenes Antikorruptionskabarett. Was umso mehr schmerzt, als man Cărbunariu als „das Enfant terrible, den aufstrebenden Regiestar des rumänischen Theaters“ vorschussbelorbeerte.

Hier aber präsentiert sie zwei Stunden lang more of the same, zwar ein Psychogramm von Whistleblowern, aber deren Story ist eben immer die selbe: Aufdeckung, Verrat, Mobbing, Entlassung, schwere Erkrankung bis hin zu Krebs. Es ist, als würden einem all diese Don Quijotes von der Bühne herunter zuraunen: Freundchen, wenn du je in so eine Situation kommst, lass‘ bloß die Finger davon, Idealismus zahlt sich nicht aus. Dieser Eindruck relativiert sich erst, als in Videozuspielungen die tatsächlichen „Nestbeschmutzer und Kollegenschweine“ zu Wort kommen, starke Persönlichkeiten, die über ihr Nicht-Anders-Können angesichts der entdeckten Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten berichten, und die nach all ihren negativen Erfahrungen sicher und selbstbewusst in die Kamera sagen, jederzeit würden sie’s wieder so tun. Sie sind ihre besten Anwälte, und eigentlich hätte man lieber sie in einer Filmdoku als dieses Dokutheater gesehen. An dem fraglich bleibt, ob es überhaupt seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird, wollte Cărbunariu doch den Fakt zur Fiktion überhöhen.

Dass ihr derlei nicht gelungen ist, ist auch der von ihr gewählten Spielweise geschuldet. Die Schauspieler agieren kaum miteinander, sondern adressieren lieber das Publikum. Die Zuschauer werden stellvertretend für die Mitspieler angesprochen, als bräuchte es einen Dritten um die Dialoge auszuführen, sie werden einbezogen, verschwörerisch um ihre Meinung befragt, doch weil da nichts zurückkommt, bleibt diese Art der Kommunikation eine Einbahnstraße. Und dass die Bühnenwand von Mihai Păcurar, ähnlich der von Anja Rabes in Jossi Wielers „Rechnitz“, alle Stückln spielen kann, ist allein nicht abendfüllend. So bleibt’s bei einer Aneinanderreihung gesagter Unsäglichkeiten; Cărbunariu lässt ihre Informationsveranstaltung zum Thema Whistleblowing auf keinen Kulminationspunkt zusteuern, und wie wichtig es auch sein mag, all diesen couragierten Aufdeckern Gehör zu schenken, die Skandale von Altenpflege bis Autobahnbau, von Spitalswesen bis origineller Spesenabrechnung sind soweit bekannt.

Es wird kein Gedanke dazu ausgeführt, weitergeführt, und auch jüngste Entwicklungen, wie etwa eine aufgrund von LuxLeaks erst Mitte April beschlossene neue EU-Richtlinie für den Schutz von Geschäftsgeheimnissen, sind nicht eingearbeitet. Das ist schade, muss einem Theatermacher, der sich einem derart aktuellen Gegenstand widmet, doch klar sein, dass sein Werk work in progress ist.

Dana Taloş kämpft als Eileen Chubb um das Wohl von Demenzkranken. Bild: Sebastian Marcovici

Dana Taloş kämpft als Eileen Chubb um das Wohl von Demenzkranken. Bild: Sebastian Marcovici

Ständig unter Beobachtung - vom Aufdecker zum Mobbingopfer: Ioan Paraschiv und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Ständig unter Beobachtung: Ioan Paraschiv und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Im Gedächtnis bleiben von dieser Aufführung zwei Namen: Eileen Chubb – und ihr Bühnen-Alter-Ego Dana Taloş, die den systematischen Missbrauch von Demenzkranken in einem Pflegeheim aufdeckte. Sie sei eher der verschreckte, stille Typ gewesen, sagt sie von sich selbst, nun kämpft sie als Politaktivistin an vorderster Front für die Rechte von Whistleblowern. Und Ian Foxley, dargestellt von Schauspieler Ioan Paraschiv. Der Ex-Militär lehnte sich gegen die mächtigen Airbus Industries auf, indem er unheilige Verquickungen zwischen dem britischen Verteidigungsministerium und dem saudischen Königshaus bloßlegte. Seine Flucht aus Riad ist tatsächlich filmreif, doch sein Prozess läuft nach sechs Jahren immer noch …

Video: www.youtube.com/watch?v=7ZvB5yuDfjc

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt: www.mottingers-meinung.at/?p=20380

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Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 1. 6. 2016

Servus TV: Kein Betriebsrat, keine Kündigungen

Mai 3, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mateschitz lässt den Sender weiterleben

In der Causa Servus TV war in diesen Minuten unter dem Titel „Positive Wendung bei Servus TV“ Folgendes per Aussendung zu erfahren: „Mittwochnachmittag trafen sich die Verantwortlichen von Arbeiterkammer, Gewerkschaft und Red Bull. Basierend auf gegenseitiger Akzeptanz und Respekt sowie dem Verständnis der jeweiligen Positionen und Standpunkte kam es zu einem konstruktiven Gespräch betreffend Servus TV. Nicht überraschend für einen Betrieb, der für seine hohen sozialen Standards bekannt ist, lehnt die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter einen Betriebsrat ab. Im Gespräch mit AK und ÖGB wurde diese Haltung der Belegschaft respektiert und damit bestehende Vorbehalte beseitigt. Die Fortsetzung der partei-politischen unabhängigen Linie wird von allen Beteiligten begrüßt. Red Bull führt daher den Sender weiter, und die Kündigungen werden zurückgenommen. Die Verantwortlichen glauben, dass sie dadurch eine gute Basis und Strategie gefunden haben, um die jeweiligen Ziele – die überwiegend gemeinsame und im Weiteren ähnliche Ziele sind – zu erreichen.“

Wien, 4. 5. 2016

Was bisher geschah:

Mateschitz will keinen Betriebsrat: Servus TV wird eingestellt. Das ist auch das Aus für Holenders „kulTour“

Bald nicht mehr auf "kulTour": Ioan Holender mit Opernstar Heinz Zednik. Bild: mottingers-meinung.at

Bald nicht mehr auf „kulTour“: Ioan Holender auf dem Bild mit Opernstar Heinz Zednik. Bild: mottingers-meinung.at

Dietrich Mateschitz‘ Servus TV stellt voraussichtlich noch im Juni den Betrieb ein. „Obwohl wir Jahr für Jahr einen nahezu dreistelligen Millionenbetrag in Servus TV investiert haben, lässt sieben Jahre nach Einführung die aktuelle Markt- und Wettbewerbssituation keine wirklich positive Entwicklung erwarten. Der Sender ist daher für unser Unternehmen wirtschaftlich untragbar geworden“, ließ das Haus heute via Aussendung wissen.

Der in den Red-Bull-Milliardenkonzern eingebettete Privatsender war 2009 mit hohem Anspruch an Qualität und Unterhaltung gestartet. Er überraschte mit dem naturwissenschaftlichen „Terra Mater“ und „Moderne Wunder“, mit Theater- und Opernübertragungen oder mit Ioan Holenders so tief- wie hintergründigem Kulturmagazin „kulTour“.

Ernst Swoboda, Vorstandsvorsitzender des Verbands Österreichischer Privatsender, reagiert schockiert: „Die Entscheidung des Eigentümers, den Sender aus wirtschaftlichen Gründen einzustellen, muss natürlich respektiert werden. Aber diese Entscheidung ist ein scharfes Alarmsignal für die österreichische Medienpolitik. Denn die derzeitigen Rahmenbedingungen behindern nach wie vor massiv die Entwicklung eines wirtschaftlich tragbaren, privaten Rundfunkmarkts. Das Ende von ServusTV ist die bittere Konsequenz, wenn ein Sender hochqualitative, teilweise öffentlich-rechtliche Inhalte privat finanzieren muss, während die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt mit Gebühren Kommerz-TV betreibt.“ Auch Kultur- und Medienminister Josef Ostermayer zeigt sich „betroffen“. Mit dem Ende von Servus TV verlieren 264 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Sie sind bereits beim AMS angemeldet worden. Das Printmagazin Servus in Stadt und Land ist von der Maßnahme nicht betroffen.

Nachdem laut Standard „am Dienstag hartnäckig das Gerücht die Runde machte, dass Mateschitz wegen eines Rundmails, das von einer externen Mail-Adresse gekommen sei, empört gewesen sei. Darin sei vorgeschlagen worden, online über die Gründung eines Betriebsrats abzustimmen – was neue, bessere Verträge zur Folge gehabt und den Konzern mehr Geld gekostet hätte. Deshalb soll es dem Red-Bull-Boss gereicht haben, berichteten Mitarbeiter“ (mehr: derstandard.at/2000036231337/Schock-bei-Mitarbeiter-Viele-Redakteure-stehen-vor-dem-Nichts), erklärte Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz den Salzburger Nachrichten, dass für ihn die beabsichtigte Gründung eines Betriebsrats der Hauptgrund war, um Servus TV einzustellen.

„Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Unbeeinflussbarkeit insbesondere durch politische Parteien, egal welcher Richtung, war von Anfang an ein tragender Pfeiler von Servus TV, so Mateschitz. Die Betriebsratsgründung hätte diese Werte insbesondere durch die Art und Weise ihres Zustandekommens – anonym, unterstützt von Gewerkschaft und Arbeiterkammer – nachhaltig beschädigt. Dass diese Vorgehensweise bei der Entscheidung in der aktuellen Situation des Senders nicht gerade dienlich war, ist evident.“

Ein Statement des Verbands Österreichischer Privatsender dazu steht noch aus.

www.servustv.com/at

Wien, 3. 5. 2016