Burgtheater: „Tosca“ mit Birgit Minichmayr abgesagt

Februar 6, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stattdessen inszeniert Martin Kušej „Das Interview“

Birgit Minichmayr. Bild: © Katarina Šoškić

Wegen künstlerischer Differenzen muss die geplante Inszenierung „Tosca“ in der Regie von Kornél Mundruczó abgesagt werden. Anstelle dieser Premiere wird das Burgtheater am 23. Februar im Akademietheater eine Neuinszenierung von „Das Interview“ nach Theo van Goghs Film in der Regie von Martin Kušej präsentieren. Es spielen Birgit Minichmayr und Oliver Nägele.

Kušej inszeniert diesen Text zum zweiten Mal, wiederum mit Birgit Minichmayr als Katja. Seit ihrer ersten Beschäftigung mit dem Thema vor mehr als zehn Jahren, diese 2009 als Gastspiel des Zürcher Neumarkt-Theaters am Schauspielhaus Wien mit Sebastian Blomberg als Pierre zu sehen (Rezension der NZZ: www.nzz.ch/der_kuschelteppich_als_minenfeld-1.4074619), sei das Vertrauen in die Bilder, die öffentlich produziert werden, weiter erodiert. „Zeit für eine Wiederbegegnung mit diesem brisanten Stück“, so das Burgtheater in seiner Aussendung.

www.burgtheater.at

6. 2. 2020

The Interview

Februar 12, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Film, den wir niiiiiemals sehen sollten

Kim Jong Un (Randall Park), Dave (James Franco) und Aaron (Seth Rogen) Bild: © 2015 Sony Pictures Releasing GmbH

Kim Jong Un (Randall Park), Dave (James Franco) und Aaron (Seth Rogen)
Bild: © 2015 Sony Pictures Releasing GmbH

Erst wurden Geheimnisse des Hollywood-Studios Sony gehackt. Sony Pictures wurde von einer mysteriösen Hacker-Gruppe namens „Guardians of Peace“ (GOP) erpresst, „The Interview“ nicht ins Kino zu bringen. Die GOP stellten die vertraulichsten Unterlagen von Sony – Drehbücher, Gewinnmargen, Gehaltslisten, Email-Verkehr – ins Netz und drohten gar mit physischen Angriffen auf Kinos, die den Film zeigen würden. Das FBI behauptet, das Kim-Regime stecke hinter der Attacke; im Film sieht man die Nordkoreaner allerdings bei steinzeitlichen Kommunikationsmethoden. Dann hat Sony zurückgezogen. US-Präsident Obama höchstselbst schaltete sich ein. Eine Veröffentlichung nur auf DVD wurde angedacht. Nun wird der Film in den heimischen Kinos gezeigt. Und ist so grottenschlecht, dass man vermuten muss, Sony hätte mit der ganzen Hackerei nur eine Heklerei, sprich: ’nen Werbegag, veranstaltet. Mediensatire sieht anders aus. Das hier ist eher dumm und dümmer.

Und das ist er, der Film, über den jeder spricht: Dave Skylark (James Franco) ist der König der Star-Interviewer und der Moderator der erfolgreichen Late Night Talk  Show  „Skylark  Tonight“. Der kluge Kopf hinter Daves Imperium ist  sein  Produzent  und  bester Freund Aaron Rapoport (Seth Rogen). Doch Aaron fühlt sich  mit  seiner Arbeit unterfordert und sehnt sich danach, etwas Bedeutsames  zu  tun. Er bekommt die Chance seines Lebens, als es ihm gelingt, für Dave  ein Interview  mit  Kim  Jong-Un  zu  vereinbaren,  dem  mysteriösen, rücksichtslosen, hier sehr infantil dargestellten Diktator des nuklearbewaffneten  Nordkorea.  Kurz  vor ihrer Abreise nach Nordkorea, nimmt die CIA Kontakt zu Dave und  Aaron auf und bittet sie, Kim zu ermorden. Sie nehmen  die  Mission  an  und werden zu den  zwei  am  schlechtesten  qualifizierten  Männern  aller Zeiten, die je den Auftrag hatten, den gefährlichsten Mann der Welt zu töten – oder zu interviewen. Nicht zuletzt, weil Skylark dem Charme und dem Lebensstil des Diktators erliegt … Wie hat sich Charakterdarsteller James Franco eigentlich in diesen Film verirrt? Das Regieduo Rogen und Goldberg hingegen verirrte sich nicht, es verliert sich. In albernem und häufig unter die Gürtellinie gerutschtem Humor, der vom Hauptdarstellerduo Rogen und Franco hemmungslos zelebriert wird. Besonders Letzterer lässt seinen Entgleisungen in Mimik und Gestik völlig freien Lauf und befindet sich jenseits der Grenze zum Over-Acting.

„The Interview“ in seinem „Ist-doch-gar-nicht-ernst-gemeint“-Modus ist ein Aberwitz. Obwohl einige der skurrilen Situationen ihren Humor (?) erst daraus beziehen, dass sie übermäßig ausgereizt werden, wird der Punkt überschritten, bis zu dem ein Gag noch funktioniert und ab dem er nur noch unerträglich ist. Provokation sieht definitiv anders aus. Kim findet übrigens nicht das zunächst vorgesehene Ende. Es gab eine Version, in der Kims Kopf zerplatzte und Gehirnsplitter in Zeitlupe über die Leinwand wirbelten. Sie wurde nach einer Intervention von Kazuo Hirai, dem Chef des Sony-Mutterkonzerns, entschärft. Hirai hatte versucht, zu retten, was nicht mehr zu retten war. Die Konsequenzen sind noch in keinster Weise abzusehen. Der neue Film des Komikers Steve Carell, ebenfalls in Nordkorea angesiedelt, wurde bereits abgesagt. Ben Stiller twittert, es sei schwer zu glauben, dass man „auf eine Gefährdung der Meinungsfreiheit in Amerika“ so reagiere. Michael Moore schickt eine zwiespältigere Botschaft an die Sony-Hacker: „Nun, da ihr Hollywood regiert, hätte ich auch gern weniger romantische Komödien, Michael-Bay-Filme und keine weiteren ,Transformer‘.“ Hollywood ist eben, wenn man trotzdem lacht …

http://www.theinterview.de/site/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=cedwa_NtUJM&list=UUn-z5y-cFNPoPWDwTBMDLlQ

Wien, 12. 2. 2015

Alexander Pschill im Gespräch

September 16, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das Interview“ am Theater in der Josefstadt

Alexander Pschill (Pierre Peters), Alma Hasun (Katja Schuurman) Bild: © Moritz Schell

Alexander Pschill (Pierre Peters), Alma Hasun (Katja Schuurman)
Bild: © Moritz Schell

Am 17. September hat am Theater in der Josefstadt Theo van Goghs Stück „Das Interview“ Premiere. Inhalt: Ausgerechnet der Nachrichtenredakteur Pierre Peters (Alexander Pschill), ein politischer Journalist und Kriegsberichterstatter, soll ein Interview mit der populären und attraktiven Soap-Darstellerin Katja Schuurman (Alma Hasun) führen. Nachdem er über eine Stunde auf die attraktive „Diva“ warten musste und nach anfänglichen Eisigkeiten, kommen sie gehörig wie ungehörig miteinander ins Gespraech, taxieren sich gründlich … um letztlich den Kampf um die eigene Position wieder aufzunehmen. Regiedebüt: Christina Tscharyiski. Der niederländische Schauspieler, Autor und Regisseur Theo(door) van Gogh, geboren 1957 als Urgroßneffe des Malers Vincent van Gogh, wuchs in großbürgerlichen Verhaeltnissen auf. Von 1982 bis 2004 prägte er als Regisseur den niederländischen Film, u.a. mit “Luger”, “Blind Date” und “In het belang van de staat/Aus Staatsraeson”, für die er jeweils mit dem Niederlaendischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Van Gogh vertrat eine gegenüber der niederländischen Gesellschaft kritische Haltung, thematisierte Probleme der multikulturellen Gesellschaft und wandte sich gegen emanzipationsfeindliche Tendenzen im Isalm. Er wurde im Alter von 47 Jahren im November 2004 auf offener Straße erschossen, offenbar im Zusammenhang mit dem Film “Submission: Part I” über Missbrauchserfahrung und religiös motivierte Unterdrückung islamischer Frauen, den er in Zusammenarbeit mit der aus Somalia gebürtigen Islamkritikerin und Parlamentsabgeordneten Ayaan Hirsi Ali realisierte und der im August 2004 im niederländischen Fernsehen gezeigt wurde. Die Ermordung Theo van Goghs provozierte eine Welle von sozialen Unruhen und Brandanschlägen in den Niederlanden.

Ein Gespräch mit Hauptdarsteller Alexander Pschill zu „Das Interview“:

MM: Sie eröffnen mit Alma Hasun mit „Das Interview“ an der Josefstadt eine neue Reihe: „Unter dem Eisernen“. Was darf man sich da vorstellen?

Alex Pschill: Die Idee ist, mobile Stücke mit kleinem Ensemble und kleinem, aber feinem Bühnenbild zu schaffen. Wir spielen auf einer relativ schmalen Fläche, vier Meter nach hinten ungefähr, was dem Ganzen einen intimen Rahmen verleihen soll.

 MM: Ihre Rolle, Pierre, ist ein Kriegsberichterstatter, der – wie er es empfindet – zum Gesellschaftsredakteur degradiert wird. Man hat schon unterschiedlichste Interpretationen gesehen. Was sagt Pierre Ihnen?

Pschill: Das ändert sich im Lauf der Proben. Ich habe erste Ideen gleich bei der ersten Leseprobe über Bord geworfen, vieles um 180 Grad geändert. Anfangs war mir die Tatsache, dass der Kriegsberichterstatter ist, wahnsinnig wichtig. Ich habe mir Dokus angeschaut, Interviews mit „Journalisten“-Veteranen. Und die Wahrheit ist: Die sind alle anders. Gemeinsam haben sie, dass sie alle Furchtbares gesehen, erlebt haben. Aber diese Ereignisse haben die einen zu kalten Zynikern gemacht, andere zu Humanisten, die vor Ort helfen wollen, und deshalb immer wieder zurückkehren. Manche sagen, der Krieg ist ihre „Heimat“ geworden, andere weinen und sagen, sie wollen nichts mehr damit zu tun haben. Ich musste also meinen eigenen Weg wählen. Alles, was ich zu Pierre konstruiert habe, hat sich geändert – und ich sehe ihn jetzt nur als ein Gegenüber seiner Partnerin. Was handeln die beiden miteinander aus? Warum führen die dieses Wort-Duell? Das ist es, nichts anderes. Nur die Frage: Wer zieht seinen Colt schneller, um ein Western-Bild zu bemühen, wessen Finger zittern nicht am Abzug, wessen Augenlider flattern nicht und so weiter. Sie beschimpfen sich ja, weil sie Ähnlichkeiten aneinander entdecken. Und das kann ich gut nachvollziehen: Meine schlechten Eigenschaften gehen mir auch, wenn ein anderer sie hat, auf die Nerven.

 MM: In wie weit fließen eigene Erfahrungen mit Interviewern in diese Arbeit ein?

Pschill: Ich finde, dass sich Journalisten in Österreich immer sehr respektvoll verhalten, dass es immer eine Freude war, wenn sich ein Gespräch entwickelt. Was dann manchmal schwierig wird, ist, wenn gedruckt dann was anderes steht, als man gesprochen hat. Mit Kritikern hat man als Schauspieler sowieso seine eigene Beziehung …

MM: Nämlich?

Pschill: So wie es im Stück auch abgehandelt wird: Wenn es persönlich wird, das ärgert mich. „Schauspieler/in XY platzte aus dem Korsett, war zu jung, alt, dick, dünn für die Rolle“. „Vor dem Vorhang“ ist man wehrlos, man kommt sich gefesselt vor, man schreibt ja nicht zurück. Das ist manchmal frustrierend. Wobei es mir selber interessanterweise nichts ausmacht, wenn ich als Regisseur verrissen werde – da tobt dann nur meine Freundin; als Schauspieler tut’s mitunter schon weh, wenn ein ziemlich brutaler Angriff kommt. Aber das ist Teil des Jobs. Und den hat man sich selber ausgesucht.

 MM: Eine Frage zu einer weiteren Farbe des Journalismus. Pierre taucht ja als Societyreporter auf, Katja lässt ihn freiwillig rein zur „Homestory“. Kann man sich als bekannter Künstler der Gesellschaftsberichterstattung entziehen?

Pschill: Katja lässt ihn rein, weil sie glaubt, das sie das Spiel beherrscht. Als sich Pierre nicht als der übliche Sparringpartner entpuppt, wird das Spiel für sie erst richtig spannend. Sie, das Soap-Starlet, hat ja eine dickere Haut als er, der politische Journalist. Sie denkt, sie öffnet einer langweiligen Society-Story, die sie mit links abfertigt, die Tür, und das ist es dann nicht. Sie ist ihm allerdings mehr als gewachsen. Deswegen lässt sie sich auf das Gespräch mit Pierre ein. Was nun mich persönlich betrifft, so vermeide ich alles, was ins Persönliche geht. Ich versuche es zumindest. Immer gelingt es nicht. Ein Beispiel: ich war einmal privat mit einer guten Freundin unterwegs, und am nächsten Tag war in einem bunten Blatt ein Foto von uns beiden: Alexander Pschill mit seiner Lebensgefährtin. Zum Glück ist meine wirkliche Freundin mit der guten Freundin auch befreundet. So konnten wir zu dritt herzlich lachen. Blöd, wennn’s anders gewesen wäre. So etwas passiert am laufenden Band, ist journalistisch unprofessionell, aber was soll man da machen?

MM: Die Produktion jetzt bestreitet ein sehr junges Team. Alma Hasun spielt ihre zweite Rolle am Haus, Regisseurin Christina Tscharyiski debütiert, Bühnen- und Kostümbildnerin Eleni Boutsika-Palles ist auch blutjung. Kommt da noch ein eigener Drive, ein eigener Flow rein?

Pschill: Total. Wobei junges Team nicht ganz stimmt. Ich bin genauso alt, wie die Rolle: 43. Also zwanzig Jahre älter als alle anderen (er lacht). Ich bin sozusagen der Otto Schenk dieser Produktion. Es ist toll. Die sprühen alle vor Energie, vor Ideen, und ich habe mich da anstecken lassen, ich „alter“ Theaterhase. Die sind alle super, immer gut drauf, kreativ, nie „abgeklärt“, was ihre Arbeit betrifft, was mich an Kollegen manchmal stört, wenn sie schon so leidenschaftslos an eine Sache herangehen, weil der Kritiker wird mich eh wie immer lieben und der Kritiker eh wie immer verreißen. Bei uns ist es so, dass ich mitgerissen werde, von dem Elan und Schwung um mich herum.

MM: Autor Theo van Gogh wurde 2004 von einem Islamisten ermordet, weil er in seinem Film „Submission“ die Unterdrückung der Frau durch den Islam dargestellt haben will. Van Gogh war eine umstrittene Figur, ein Provokateur. Hat man das beim Spielen des Pierre im Hinterkopf?

Pschill: Auch, wenn es mit „Das Interview“ nichts zu tun hat, bleibt van Goghs Lust an der Erregung natürlich hängen. Es ist kein Wunder, dass er so ein Stück geschrieben hat, in dem die beiden Protagonisten einander provozieren, schockieren. Das sollte man wissen, aber dann auch gleich wieder wegschieben, um sich nicht davon vereinnahmen zu lassen. Sekundärmaterial raus aus dem Schädel! Das Stück lässt viele Interpretationen zu, der Autor lässt die Beweggründe von Pierre und Katja offen. Da muss man tief in sich selber was suchen und finden. Seine Figuren sind zweidimensional, Schablonen, die es zu füllen gilt. Während etwa bei Schnitzler oder Tschechow Figuren acht-, neu-, zehndimensional sind. Da ist im Text – und im Subtext – alles vorhanden, hier ist man von van Gogh zur Mitarbeit aufgefordert. Ich muss Pierres dritte Dimension selbst erfinden.

MM: Und?

Pschill: Jaaaaa, ich warte noch auf den Moment, wo es Klack macht, und die Beschäftigung mit dem Stoff sich von Kopf auf den Bauch umschaltet. Dann habe ich die Figur.

MM: Ist Ihnen Pierre sympathisch?

Pschill: Ja und Nein. Wenn er begegnen würde, wäre er mir absolut unsympathisch. Aber die Arbeit mit ihm ist mir sympathisch, je länger ich mich mit ihm beschäftige, umso mehr wächst er mir ans Herz. Er lässt zu – wenn es mir gelingt -, dass man eine ganz dreckige, schiache, blutige Seite rauslässt. Und zwar nicht kopfig, wie bei Turrinis Monolog „Endlich Schluß“, den ich zuletzt am Haus gespielt habe, sondern interaktiv mit einer Partnerin, die mir auch einschenkt. Ich fühle mich irrsinnig gut, seit ich mit dem Pierre proben darf, weil er mir die Grauslichkeit abnimmt. Und die müssen wir doch alle irgendwann, irgendwo einmal rauslassen. Ich darf das zum Glück auf der Bühne. Psychohygienisch ist das fantastisch: Endlich einmal Arschloch sein!

MM: Sie haben auch eine eigene Theatertruppe gebildet, mit der Sie „Das weite Land“ gespielt haben.

Pschill: Genau. Einen Theaterverein, der heißt el ABSOLOM. Ich habe ihn zusammen mit meiner Freundin Kaja Dymnicki gegründet, wir wollen auf jeden Fall weiter machen, überlegen schon, ob als nächstes Stoppard oder Dostojewski, aber es ist halt wie alles eine finanzielle Frage. Diese Arbeit ist eine Riesenfreude, dieses Scheitern und Ausprobieren und noch einmal Probieren. Man ist freier. Ich habe mich gefreut, wenn wir ausverkauft waren, aber darum ging’s mir gar nicht so sehr. Ich konnte was hinstellen und sagen: Take it or leave it! Das ist mein Ding, mein Labor, mein Experiment. Ich war deshalb auch gar nicht nervös. Als Schauspieler an einem Haus bin ich das sehr wohl, weil ja ein anderer hauptverantwortlich ist. Da fragt man sich dann: Kommt’s beim Publikum an? Mache ich Quote? Bei meinem Projekt ist mir das egal. Ich habe aber viel über das „Handwerk“ Theater gelernt, dass jetzt auch bei „Das Interview“ einfließt. Eine Art tieferes Verständnis, ein freudiges empirisches Interesse daran, warum manche Dinge heute funktionieren und morgen nicht. Na Hauptsache, es funktioniert bei der Premiere (er lacht).

MM: Apropos, Quote: Sie sind ab Oktober im ORF in der Serie „Janus“ zu sehen.

Pschill: Das ist ein Siebenteiler, der am 1. Oktober startet, ein Krimi. Wir sind ein Team, in dem es einen Psychologen gibt, den ich spiele, eine Polizistin, einen Staatsanwalt … Das sind Freunde, keine Berufskollegen. Was mir an den Drehbüchern gut gefallen hat, ist, dass die in die Fälle mehr oder minder reinstolpern. Denen „passieren“ die Fälle – und sie sind alle nicht wahnsinnig toll in ihrem Job. Der Bogen, der sich über alle sieben Teile spannt und sie auch miteinander verknüpft, hat mit „Janus“, hier der Name eines Konzerns, und natürlich mit den zwei Gesichtern des Januskopfs zu tun. Mit dabei sind Franziska Weisz, Barbara Romaner, Andreas Kiendl, Barbara Kaudelka und der wunderbare, vielgeliebte Joachim Bissmeier in einer Episodenrolle.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=47IYe2fhvVA&feature=youtu.be

Wien, 16. 9. 2013

Theater Ballhaus Naunynstraße: Interview mit Michael Ronen und Jerry Hoffmann

April 16, 2013 in Bühne

Premiere von „Ich rufe meine Brüder“ in St. Pölten

Am 20. April findet in der Theaterwerkstatt des Landestheaters Niederösterreich in St. Pölten die deutschsprachige Erstaufführung von „Ich rufe meine Brüder“ von Jonas Hassen Khemiri statt. Ein Selbstmordanschlag in Stockholm im Dezember 2010, bei dem der Attentäter starb und zwei Passanten verletzt wurden, diente Khemiri als Ausgangslage für sein Stück. Khemiris Protagonist Amour geht am Tag nach dem Anschlag durch die Straßen der Stadt und sieht sich konfrontiert mit den ängstlichen und ablehnenden Blicken der Menschen auf ihn, seine dunkle Haut, seine schwarzen Haare und Augen. Er telefoniert mit seinen „Brüdern“ und sagt: „Wer sind die Anderen? Es gibt keine Anderen. Es gibt Extremisten auf allen Seiten, die uns weismachen wollen, es gäbe die Anderen. Jeder, der über die Anderen spricht, ist ein Idiot.“ Das Stück entstand im Rahmen des Theaternetzwerks Europe Now. Im Jänner 2013 wird die Uraufführung im Riksteatern Stockholm und Stadttheater Malmö stattfinden. Das Landestheater Niederösterreich präsentiert die Inszenierung als Koproduktion mit dem Berliner Theater Ballhaus Naunynstraße – das sich den Themen Migration, Rassismus und kulturelle Vernetzung verschrieben hat – und in Zusammenarbeit mit dem Maxim Gorki Theater Berlin, wo die Produktion im Herbst 2013 nach der Spielserie in St. Pölten aufgenommen wird. Ein Interview mit Regisseur Michael Ronen und Hauptdarsteller Jerry Hoffmann                                                                      

Jan Walter, Jerry Hoffmann, Marion Reiser, Nora Abdel-Maksoud Bild: Margarita Broich

Jan Walter, Jerry Hoffmann, Marion Reiser, Nora Abdel-Maksoud
Bild: Margarita Broich

MM: Was hat Sie bewogen, diese Produktion zu inszenieren beziehungsweise mitzuspielen?

Michael Ronen: Seit ich für das Ballhaus Naunynstraße in Berlin arbeite, beschäftige ich mich mit dem Thema Solidarität. Das Theater beschäftigt sich ja in erster Linie mit migrantischen und postmigrantischen Anliegen. Shermin Langhoff wollte, dass dieses Stück, in dem es um Mitmenschen mit Migrationshintergrund geht, von mir, dem Enkelkind eines jüdischen Österreichers, der 1935 aus Österreich fliehen musste, das in Israel geboren ist und sich mit seinem jüdischen Erbe beschäftigt, inszeniert wird. Wir alle sind „die Anderen“. Aus politischen Gründen, aus religiösen Gründen, aus „optischen“ Gründen – das herauszuarbeiten, ist mir sehr wichtig. „Ich rufe meine Brüder“ ist für mich ein Ruf nach einer neuen Gemeinschaft, einem neuen Miteinander. Interessant fand ich auch die Form, in der Jonas Hassen Khemiri sein Stück geschrieben hat. Bei uns wird es ein Mix aus Comic, Manga, Film noir, Sin City, Triphop …

MM: Im Stück geht es gar nicht um religiöse Konflikte. Es gibt in Stockholm ein Selbstmordattentat. Und daraufhin fällt jeder, der „so“ aussieht, dunkle Haut, dunkle Haare, hat, unter eine Art Generalverdacht. Da wird eine Kollektivschuld über eine Gruppe Menschen gestülpt. Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Jeder! Denn er kann nur ein Bombenschmeißer sein.

Jerry Hoffmann: Das ist eine Erfahrung, die ich auch schon machen musste. Insofern verstehe ich die Figur Amor, den Protagonisten des Stücks, den ich darstelle. Ich bin gebürtiger Hamburger, mein Vater kommt aus Ghana. Neulich am Flughafen Zürich wurde ich aus der Warteschlange geholt werde und mein Gepäck wurde untersucht. Andererseits ist es lustig, dass Ober – wie hier im Cafe Landtmann – mir automatisch eine englischsprachige Speisekarte geben und Michael eine in Deutsch. Obwohl er kaum Deutsch spricht. Man wächst auf und sieht sich mit Vorurteilen konfrontiert. Das ist auch etwas, womit wir in dieser Inszenierung spielen: Gibt es diesen Generalverdacht – oder ist er nur eine Einbildung der Betroffenen – in diesem Fall Amor, der sich ungerecht behandelt fühlt, der Solidarität unter seinen „Brüdern“ sucht und nicht findet, und mit der Ohnmacht, der Trauer, der Wut ringt, nichts dagegen tun zu können.

MM: Ist es so, dass Migranten der dritten Generation immer noch nicht als vollwertige Staatsbürger wahrgenommen werden?

Ronen: Ja, das hat sich nicht verändert. Nicht in Schweden, nicht in Deutschland, nicht in Österreich, nicht in Großbritannien. Dort ist man zwar Commonwealth-Staatsbürger, aber nicht „british“. Das ist ja, was Amor so wütend macht, dass er nicht wirklich dazugehört zu den Schweden. Dabei können Migranten eine Kultur sehr bereichern, neue Einflüsse einbringen, die ganze Textur eines Landes verändern. Das ist natürlich die Vision, der Traum vom Ballhaus. Wir machen Revolution mit Kunst und Liebe und Internationalität.

MM: Glauben Sie, dass Stücke, wie die von Khemiri, die Menschen zum besseren Verständnis füreinander bringen können?

Ronen: Theater ändert die Realität nicht. Sagt man. Als Regisseur und Darsteller hoffe ich aber, dass das intime Treffen mit einem Publikum doch was erreichen kann …

Hoffmann: Ich glaube, dass Theater oder Filme in den Köpfen etwas in Bewegung setzen können! Eine Idee, eine Vorstellung davon, dass man ein Problem vielleicht auch von einer anderen Seite andenken, beleuchten kann.

Ronen (grinst): Jerry hofft auf ein politisches Nachbeben in St. Pölten.

MM: Fühlen Sie beide sich als Kinder zweier Kulturen?

Hoffmann: Ich bin  in Deutschland geboren, aufgewachsen. Die Frage nach „meinen Wurzeln“, „meiner wirklichen Heimat“ wird mir dennoch regelmäßig gestellt.

Ronen: Home is where your heart is!

MM: Khemiri hat dieses Stück 2010 geschrieben, bevor der Amoklauf vom rechtsradikalen Anders Breivik Skandinavien erschütterte. Kam damit ein Umdenken? Oder ist es trotzdem immer noch von Vorteil „blond und blauäugig“ zu sein?

Ronen: Natürlich ist es besser blond und blauäugig zu sein. Es war seltsam, seine Begründung für seine Tat zu hören. Aber an den Vorurteilen oder auch nicht Vorurteilen in der Bevölkerung hat das nicht geändert. Ein: Einer „von uns“ kann so etwas auch machen, kam da nicht. Ich kenne das auch aus dem nationalistischen Israel. Ich bin in Tel Aviv aufgewachsen mit der Angst, in jeden Bus, in jedes Eiscafe könnte sich ein Selbstmordattentäter eingenistet haben. Täglich Terror! Ich verstehe den Punkt, den wir im Stück ansprechen, dass Angst die Menschen zusammenschweißt total. Angst vor dem Anderen, dem Fremden, dem, was man nicht versteht. Das kenne ich.  Aber die Welt wird lernen müssen, mit dieser Angst umzugehen. Denn diese Angst schafft Totalitarismus. Diese Angst spielt gewissen Politikern und dem Militär in die Hände. Was in den USA nach 9/11 passiert ist, ist Wahnsinn: Menschen willkürlich festnehmen, wegsperren, foltern. Wir hören nur aus weiter Ferne, was sich dieser Tage in Guantanamo ereignen soll. Denn die Öffentlichkeit darf nichts hören, nichts sehen, nichts wissen … Auch darum geht es in „Ich rufe meine Brüder“. Amor hat ja seine Gymnasiumsclique verloren, weil eben nun jeder etwas studiert, ein Teil seiner Familie ist nach Tunesien zurückgegangen, um mit Ferienhäusern für Touristen Geld zu verdienen, sein bester Freund hat Frau und Kind. Amor ist einsam. Auch er hat Angst.

MM: Im Stück gibt es einige Szenen, die man mit Humor inszenieren könnte. Etwa, wenn die „Attentäter“ üben unauffällig normal zu gehen. Oder Amor in den Schlüsselsituationen seines Lebens am Telefon ständig von einer Tierschutzorganisation belästigt wird, sein Anruf bei seiner schwedischen Oma. Eine Frage an den Regisseur: Werden wir auch lachen?

Ronen: Ich hoffe das wirklich! Unser Familienname in Österreich war ja Fröhlich.(Er lacht.)

MM: Ist Amor der Attentäter?

Ronen: Ja, das ist die Frage! Ich denke, dass das jeder für sich entscheiden sollte. Khemiri hat das Stück so geschrieben, dass jeder mit seinen eigenen Bildern im Kopf aus dem Theater gehen kann, gehen soll!

MM: Für uns alle wurde doch der Abrahamsbund geschlossen. Warum können wir nicht Leben und Leben lassen? Warum stören sich die einen an einem Kopftuch und die anderen an einem Bikini?

Ronen: Weil Kolonialismus, Faschismus, Totalitarismus für ihre Machtkonzepte ein Feindbild aufbauen mussten und müssen. Nur, wenn ich „draußen“ einen künstlichen Konflikt schaffe, kann ich von Problemen im Land ablenken. Leider gehen immer noch zu viele Menschen solchen „Führern“ auf den Leim. Du und ich und Jerry und der Kellner und der Busfahrer, der uns hergebracht hat, WIR kommen doch großartig miteinander aus.

Zu den Personen: Jonas Hassen Khemiri wurde 1978 in Stockholm als Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers geboren. Er studierte Wirtschaft und Literatur in Stockholm und Paris. Bereits 2003 machte er mit seinem Debütroman „Das Kamel ohne Höcker“ auf sich aufmerksam, für den er den renommierten Borås Tidnings Debütpreis bekam. Dem Folgeroman „Montecore“ wurde 2006 der Per-Olov-Enquist-Preis zuerkannt. Als Dramatiker trat er erstmals 2006 mit „Invasion!“ am Stadttheater in Stockholm in Erscheinung. „Invasion!“ wird derzeit von der „Jungen Burg“ im Burgtheater-Vestibül gezeigt (nächste Termine: 19. und 21. April). 2008 präsentierte Khemiri „God Times Five“, sein zweites Theaterstück. Diesem folgte „We Are A Hundred“, das 2009 am Stadttheater in Göteborg uraufgeführt wurde und den HEDDA Award for best play 2010 erhielt. Inzwischen werden Khemiris Stücke im gesamten deutschsprachigen Raum zahlreich gespielt.

Die Regie von „Ich rufe meine Brüder“ übernimmt Michael Ronen, Hausregisseur am Ballhaus Naunynstraße. Michael Ronen,geboren 1982 in Jerusalem als Enkelkind österreichischer Einwanderer, studierte Regie an der London Academy of Music and Dramatic Arts, wo er 2006 das Künstlerkollektiv Conflict Zone Arts Ayslum gründete. Am Ballhaus Naunynstraße war Michael Ronen bereits an zahlreichen Produktionen beteiligt. 2010 inszenierte er die Science-Fiction-Komödie „Warten auf Adam Spielman“ von Hakan Savas Mican und 2011 Perikızı von Emine Sevgi Özdamar.

Darsteller des Amor ist Jerry Hoffmann. Er wurde 1989 in Hamburg geboren. Er studierte Schauspiel zunächst an der Otto-Falckenberg-Schule in München und wechselt dann an die Universität der Künste Berlin. Sein Filmdebüt gab er 2009 mit der Darstellung des Samir in dem Kinofilm „Shahada“. Seit 2011 ist er neben Martin Wuttke an der Volksbühne Berlin in „Schmeiß dein Ego weg“ von René Pollesch zu sehen. Das Serientestemonial „Wir sind wieder wer“ (u.a. mit Heiner Lauterbach, Regie Thomas Stuber) gewann 2012 den No Fear Award beim deutschen Nachwuchspreis First Steps. 2012 drehte er den TV-Mehrteiler „Zeit der Helden“ unter der Regie von Kai Wessel. Außerdem ist er als Sprecher für Hörbuch, Hörspiel und Synchron tätig. 2013 wurde er für den Berlinale Talent Campus ausgewählt.

www.landestheater.net

www.burgtheater.at

www.ballhausnaunynstrasse.de

www.gorki.de

Michael Ronen hat außerdem ein Internetprojekt, in dem er Orte mit ihren Geschichten verbinden will: www.capsuling.me

Von Michaela Mottinger

Wien, 16. 4. 2013

Interview mit Sandra Cervik und Raphael von Bargen

März 20, 2013 in Bühne

Die Josefstadt ist auf „Speed“

Am Donnerstag, 21. März, hat am Theater in der Josefstadt „Speed“ deutschsprachige Erstauführung. Jack und Annie, ein glückliches Paar im heutigen New York. Er, vielversprechender Autor, sie, Hausfrau, die sich ihren Alltag mit „Glückspillen“, Amphetaminen (Speed), verschönert. Als sich ein prominenter Verleger für Jacks Roman interessiert, gerät das Leben von Jack und Annie außer Kontrolle. Die Party des Verlegers wird zum peinlichen Desaster: Annie ist auf Speed und sagt unverblümt, was sie von den Partygästen hält. Jack sieht seine Chance auf Erfolg zunichte gemacht. Doch das Paar verbindet ein Geheimnis, das jetzt ans Tageslicht zu kommen droht.  Der amerikanische Drehbuchautor und Dramatiker Zach Helm hat mit „Speed“ eine große Liebesgeschichte und eine aberwitzige Satire auf den Literaturbetrieb geschrieben. Die Uraufführung von „Speed“ in der Regie von Hollywoodstar John Malkovich wurde 2007 in Paris von der Kritik und dem Publikum bejubelt und 2008 in der Kategorie „Beste Regie“ mit dem begehrten Theaterpreis „Molière“ und dem französischen „Crystal Globe Award“ für das beste Stück ausgezeichnet. Ein Gespräch mit „Annie“ Sandra Cervik und „Jack“ Raphael von Bargen.

Speed

Sandra Cervik, Raphael von Bargen
Bild: Erich Reismann

MM: Ohne einen Vergleich anzustreben, „Speed“ nach dem „Mentor“: Die Josefstadt scheint sich in dieser Saison Stücken zu widmen, die den Kulturbetrieb kritisch beleuchten?

Sandra Cervik: Nur vordergründig. In „Speed“ geht es natürlich um den Literatur-, den Kulturbetrieb, aber das Thema ist eine große Liebesgeschichte, die Seelenzustände einer Frau.

Raphael von Bargen: Es geht um eine Beziehung – einerseits – und darum, wie man sich andererseits als Individuum in der Welt positioniert. Dass die Story am Thema Literatur aufgehängt ist, ist hier sozusagen die große Kunst.

MM: Ich wundere mich, dass von einer Liebesgeschichte gesprochen wird. Ist es nicht die Geschichte einer großen Ausnutzung und Ausbeutung einer Frau?

SC: Auch das, natürlich.

RvB: Und man muss sich die Frage stellen, wer hier wen ausbeutet. Die Täter-Opfer-Rollen sind nicht so klar aufgeteilt in dem Stück. Das finde ich das Schöne daran. Es ist schwierig, auf eine der Figuren den Finger zu legen, und zu sagen: Du bist schuld.

SC: Jack, Raphaels Rolle, ist nicht der Täter. Annie, meine Figur, passt nicht in diese Welt. Sie kann sich nicht zurechtfinden, weil sie den Konventionen nicht entspricht oder nicht entsprechen will. Aber er wäre nicht das Problem, er ist sogar ein Mann, der ihre Probleme relativ gut handhaben kann. Sie zerreibt sich an der Gesellschaft.

MM: Wie ist diese Annie? Ihr Mann wird gerade Literaturbetriebs-Shootingsstar – und sie sitzt daheim und fadisiert sich? Der „deutsche“ Titel „Speed“ enthält die Droge und das Tempo, beim englischen Titel „Good Canary“ denkt man an den braven, schön singenden Vogel, der im goldenen Käfig gefangen ist …

SC: Ja, aber „Speed“ pfeift als Titel mehr als „Der gute Vogel“. (Sie lacht.) Ich glaube, Annie ist glücklich, so wie’s läuft. Das Lied von Liz Phair aus dem „Good Canary“ entliehen ist, kommt aber auch bei uns am Schluss vor.

RvB: Ohne etwas zu verraten: Aber sein Aufstieg war ja auch ihre Idee. Das ist defintiv eines der wichtigsten, kompromisslosesten Dinge an diesem Stück. Nur keine Schwarzweiß-Malerei!

SC: Ich glaube auch nicht, dass ihr fad ist. Speed ist keine Droge, die man nimmt, wenn einem fad ist, da müsste man etwas Bewusstseinserweiterndes nehmen. Speed ist eine heiter machende, schneller machende Droge. Die nimmt sie, weil sie die Welt nicht so akzeptieren kann, wie sie ist. Sie ist – um dich zu zitieren – kompromisslos. Was schwer ist, wie die anderen.

MM: Agiert Jack selbstlos?

RvB: Bis zu einem gewissen Grad: Ja. Das ist die Frage, die hinter dieser Figur steht: Wie weit kann man gehen bevor man sich selbst verrät? Und wie weit kann man gehen, bevor man sein Gegenüber verrät? Das ist Jacks Komplexität. Die Fassade beider Figuren beginnt aber im Laufe dieses Stücks zu bröckeln …

MM: Kann man das als Künstler verstehen, dass einer eine Droge braucht, um sich seine Authentizität zu bewahren?

SC: Ja, schon. Das kann ich gut verstehen. Es ist wirklich manchmal nicht leicht, in einer Welt wie dieser zu versuchen, kreativ zu sein. Es wird ja nicht immer nur alles liebevoll aufgenommen, was man tut, es ist nicht immer nur ein schöner Prozess, sondern über weite Strecken ein schmerzhafter. Dass man da irgendetwas braucht, um das ertragen zu können, ist durchaus nachvollziehbar.

RvB: Stanislawski schreibt, dass man, wenn man auf die Probe geht, sein Privatleben zu Hause zu lassen hat. Die Frage ist, wie feinstofflich ist jeder von uns, wie viel Außenwelt kann man durchlassen, was geht nicht mehr. Wenn ich – was ich im Idealfall tue – mich als Ganzes in einen künstlerischen Prozess einlasse, komme ich ganz schnell an die Grenzen. Da schauen einem Leute über die Schulter und sagen: Das ist aber ein Sch***, was du da machst. Da schalte ich auch Filter zwischen. Natürlich soll man immer offen sein für Kritik, aber es geht nicht immer – und dann müssen sich manche Künstler eben aus der Realität schießen.

MM: Was pusht Sie auf?

SC: Cola. Das war die pragmatische Antwort. Jetzt kommt die philosophische:

RvB: Überhaupt nicht. Klimmzüge und Liegestütze. Muskulär warm werden.

MM: Sie haben beide schon mit Regisseurin Stephanie Mohr gearbeitet. Was ist das Spezielle an ihr? Ist es gut, dass dieses Stück in Frauenhand ist?

SC: Ich bin total froh, dass dieses von einem Mann geschriebene Stück von einer Frau inszeniert wird. Das ist eine gute Kombination. Stephanie Mohr ist wahnsinnig fantasievoll und gibt einem viele Freiräume, ohne, dass sie einen alleine lässt. Freiraum kann auch unschön sein, wenn vom Regiepult nix mehr dazu kommt. Sie aber weiß genau was sie will – und lässt einen trotzdem von der Leine.

RvB: Sie lässt nie aus. Sie ist immer da, immer präsent, immer bei der Sache. Das ist bei Regisseuren sehr selten. Das ist eine außergewöhnlich schöne Art zu arbeiten, dass man weiß, am Ende des Tages, hat einer ein Auge auf dich gehabt.

MM: Der Höhepunkt, der Wendepunkt des Stücks ist eine Verlegerparty, die Annie sprengt, weil sie dem Verleger die Meinung geigt. Der ist für mich eine mephistophelische Figur einerseits und zeigt andererseits die Brüchigkeit des Systems: Er kennt Jacks Buch gar nicht. Ist Ihnen Ähnliches schon widerfahren?

RvB: Das findet man sehr oft. Kunst ist auch ein Geschäft und in diesem habe auch ich Menschen kennen gelernt, die interessiert nicht die Bohne, worum’s geht, wer man ist. Die wollen eine Produktion und damit Geld verdienen. Kürzlich erst hatte ich so ein Gespräch, da hatte mein Gegenüber wirklich keine Ahnung, worüber das Stück handelt, das er machen will.

SC: Ich unterschreibe das. Ich kenne das auch gut.

MM: Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie „Speed“ gelesen haben?

SC: Es ist scheißgut und hat tolle Rollen. Ich war echt überrascht, weil ich lange nicht ein so gutes, neues Stück gelesen habe. Well-made Play kann man nicht sagen – einerseits ist es eines, andererseits nicht. Der zweite Gedanke war: Wie spiele ich diese eine oder diese andere Szene, im Sinne von: Gott, welche Reise steht mir da bevor. Annie ist eine Rolle, die weh tut, das ganze Stück eine Grenzerfahrung.

RvB: Ein harter Ritt. Schön, aber sicherlich etwas, wo man Federn lässt. Womit wir wieder beim Kanarienvogel wären. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich habe mir schon beim Lesen überlegt, wie nah ich diesen Stoff überhaupt an mich heranlassen kann.

MM: Sie haben die Käfigtür geöffnet und sind in die Freiheit geflattert, heißt: Sie sind vom Ensemblebetrieb weg und arbeiten nun als freier Schauspieler. Vor- und Nachteile?

RvB: Das vollständig zu erklären, würde jetzt sehr weit führen. Mir persönlich macht es immer wieder Angst, frei zu sein. Auf der anderen Seite habe ich dadurch – siehe Woyzeck – viele Möglichkeiten bekommen. Habe Sandra kennen gelernt – das nicht getan zu haben, wäre ein Riesenverlust. Aber: Ich muss zugeben, den Terminkalender anzuschauen und nicht zu wissen, was morgen drinnen stehen wird, ist ein großer Nachteil. Da kriegt man Ängste, die man im Ensemble nicht hat.

MM: Steht im Terminkalender schon was nach „Speed“?

RvB: Ja, im Sommer spiele ich in Perchtoldsdorf den „Revisor“.

In der Regie von Stefanie Mohr spielen Peter Scholz, Ljubisa Lupo Grujcic, Christian Futterknecht, Dominic Oley, Cornelia Köndgen und Wolfgang Schlögl.

www.josefstadt.org

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 3. 2013