Landestheater NÖ: Marie Rötzer im Gespräch

September 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Intendantin über ihre Pläne für das Haus

Marie Rötzer ist die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Marie Rötzer ist beginnend mit dieser Saison die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Am 16. September startet das Landestheater Niederösterreich unter neuer Leitung in die neue Saison. Marie Rötzer hat die Intendanz des Hauses in St. Pölten übernommen und große Pläne. Ein Gespräch über die ersten Premieren, das junge Ensemble – und wie Rötzer das Theater zum Publikum bringen will:

MM: Warum Theater?

Marie Rötzer: Das hat mit der großen Liebe zur Literatur begonnen. Aber erst am Theater wird der Text lebendig. Am Theater haben wir es mit Menschen zu tun. Theater ist hautnah, ein Live-Erlebnis, ein Gemeinschaftserlebnis. Die Geschichte wird durch den Schauspieler greifbar gemacht. Die Darstellung des Menschen, des Menschseins, das finde ich am Theater als Kunstform am faszinierendsten.

MM: Was muss Theater für Sie können? Glauben Sie an Theater als moralische Anstalt?

Rötzer: Für mich ist Theater ganz klar eine politische Kunstform, mit den verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten dessen, was politische Kunst sein kann und soll. Ich glaube, dass man als ein anderer Mensch aus dem Theater hinausgeht, als man hineingegangen ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass Theater den Menschen verändern kann, ihn zu einem besseren Menschen machen kann.

MM: Da Sie von verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten sprechen, welchen Stempel wollen Sie dem Landestheater Niederösterreich aufdrücken? Wie wird Ihre Handschrift sein?

Rötzer: Mir ist sehr daran gelegen, dass wir erneut eine Humanismus-Debatte entfachen, dass wir ganz konkret über Werte nachdenken, über Werte der Aufklärung, Toleranz, Freiheit, Meinungsfreiheit, da möchte ich ganz klar auf heutige Geschehnisse eingehen. Wir leben in einer sehr turbulenten, schwierigen Zeit, einer Umbruchszeit, in der sich in Europa neue Situationen darstellen. Darauf möchte ich mit dem Theater auf jeden Fall reagieren. Auch in dem Sinn, dass man am Theater wie in einer Laborsituation über unterschiedlichste Dinge nachdenken kann. Mein Schlagwort dafür ist „Denk- und Spielraum ohne Grenzen“. Im Kopf und im Herzen. Ich denke nicht, dass wir uns in einem europäischen Schrebergarten einigeln können. Wir müssen uns weiter öffnen.

MM: In diesem Sinne lautet auch Ihr erstes Spielzeitmotto „Die Welt ist groß“?

Rötzer: Richtig. Das hat damit zu tun, dass ich denke, dass uns die Offenheit nur bereichern kann. Auch, wenn viele Fragen ungeklärt sind und man nicht auf alles Antworten geben kann, muss man die Angst überwinden. Wir können einander Geschichten erzählen, die erklären, wie eine Welt ohne Grenzen aussehen könnte. Am Theater kann man die Welt darstellen, nicht wie sie ist, sondern wie sie sein könnte. Man kann über Visionen, Utopien nachdenke.

MM: Sie waren in Ihren beruflichen Anfängen schon einmal am Landestheater, in der Dramaturgie. Ist das jetzt eine Art Heimkommen?

Rötzer: Ich habe während meines Studiums zwei Spielzeiten hier gearbeitet, damals hieß das Haus noch Stadttheater und war ein Vierspartenbetrieb, mittlerweile ist alles auf das Schauspiel fokussiert. Das Haus hat sich sehr verändert, aber ich finde die neue Struktur für mich sehr passend, weil ich ja ursprünglich Schauspieldramaturgin bin.

MM: Diesen wird mitunter angelastet, dass sie für ein kopflastiges Theater stünden.

Rötzer: Kopflastig ist ja nicht unbedingt negativ, sagen wir doch kopfbefreiend oder kopfluftig. Auf jeden Fall geht es mir darum, dass wir über uns selber nachdenken sollten. Was heißt Menschsein? Warum sind wir hier? Was hebt uns übers Normale hinaus? Theater hat die Möglichkeit, dies alles sehr lustvoll zu überlegen, sinnlich zu sein. Ich finde es schön, wenn man am Theater lachen kann, wenn man sich gut unterhält, aber auch, wenn unterschiedlichste Kunstdisziplinen gezeigt werden, wenn Musik, Lichtdramaturgie, Video und anderem gearbeitet wird. Und natürlich mit der Körperlichkeit der Schauspieler.

MM: Wenn wir nun schon bei Ästhetiken sind: Warum haben Sie das Haus violett gebrandet? Eine aufregende Farbe …

Rötzer: Wir wollten unseren Neustart mit einer prägnanten Farbe kenntlich machen. Violett hat sehr schöne Assoziationen, es steht für Spiritualität, Frieden, Schönheit. Das sind alles Dinge, die gut mit dem Theater in Einklang zu bringen sind.

MM: Lassen Sie uns über die Dinge sprechen, die neu werden. Erstens: das Ensemble.

Rötzer: Als künstlerische Leiterin wollte ich natürlich Menschen mitbringen, mit denen ich schon gearbeitet habe und die ich gut kenne. Außerdem wollten sich viele, die hier waren, verändern. Ich habe ein Drittel des bisherigen Ensembles übernommen, Michael Scherff, Lukas Spisser, Helmut Wiesinger und Othmar Schratt. Dazu kommen nun unter anderem Kollegen von Graz bis Mainz. Katharina Knap kommt aus Stuttgart, sie wurde von Theater heute 2014 zur besten Nachwuchsschauspielerin gewählt. Bettina Kerl kommt aus Düsseldorf, die kennt man, weil sie schon bei Andreas Beck am Schauspielhaus Wien gearbeitet hat. Tim Breyvogel, der in der Wiener Off-Szene sehr bekannt ist, kommt zu uns; er war zuletzt im Werk X in der „Proleten Passion 2015ff.“ zu sehen. Und dann Stanislaus Dick, ein Abgänger vom Konservatorium Wien, der für mich ein Phänomen ist, weil er mehrere Instrumente spielt. Wie überhaupt das Ensemble mit Musik sehr vertraut ist, singen kann und ein gutes Rhythmusgefühl. Außerdem haben wir noch Tobias Artner, Vidina Popov und Zeynep Bozbay, drei Mozarteum-Absolventen engagiert.

MM: Und Sie bringen Johannes Silberschneider, der mir noch in Graz gesagt hat, niemals, niemals nach Wien.

Rötzer: Jaha (sie lacht). Es macht ihm Spaß bei uns, er ist gerade mitten in den Proben mit Sandy Lopičić. Johannes Silberschneider ist ein wunderbarer Schauspieler.

Erste Premiere: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Erste Premiere: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: "Das goldene Vlies" mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: „Das goldene Vlies“ mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

MM: Womit wir bei der ersten Produktion sind: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ nach dem Bestseller-Roman von Ilija Trojanow, Premiere am 16. September. Siehe Spielzeitmotto: Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Rötzer: Für mich ist Ilija Trojanow einer der Schriftsteller, der ganz explizit auch ein politischer Autor ist, der auch Texte und Essays über politische Themen verfasst. In seinen Romanen geht es immer um die Vielfalt der Welt, da gibt es ein großartiges Zitat, in dem er sagt, wie in der Natur die Vielfalt zur Entwicklung notwendig ist, so auch in der Gesellschaft. Diese Neugier auf fremde Kulturen, auf Menschen, die aus anderen Zusammenhängen kommen, diese Begegnung zwischen dem anderen und dem eigenen, das ist für ihn ein dramaturgischer Faden. Und das alles findet auch in „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ statt.

MM: Worum geht’s?

Rötzer: Um eine Fluchtgeschichte, die auch biografisch ist. Er erzählt sehr fantasievoll die Flucht, die er gemeinsam mit seinen Eltern aus dem kommunistischen System Bulgariens in den Westen geschafft hat, und erzählt aber auch sehr schonungslos von einer Desillusionierung. Dieser Traum, den man von einem besseren Leben geträumt hat, erfüllt sich für sein Alter Ego erstmal nicht, doch dann greift für ihn die Kraft der Poesie, indem er diesem Jugendlichen einen Paten aus dem fernen Bulgarien schickt – und so machen sich die beiden auf die ganze Welt zu erobern. Auf dieser Reise emanzipiert sich dieser Junge und merkt, wie bunt und aufregend das Leben sein kann. Er verliert Ängste und Depressionen, die er vorher hatte, er reist zu seinen Wurzeln und darüber findet er seine Identität. Mit einem Wort, ein modernes Märchen.

MM: Und eine schöne erste Gelegenheit, für einen Großteil des neuen Ensembles, sich dem Publikum vorzustellen.

Rötzer: Da es die Welt repräsentiert, ja, zwei Drittel des Ensembles sind in dieser Produktion und eben Johannes Silberschneider. Außerdem sind vier Musiker auf der Bühne, die Strottern, Matthias Loibner, der Drehleierspieler, und Maria Petrova, eine bulgarische Percussionistin, weil jede Station anders musikalisch erzählt werden wird.

MM: Trojanow wohnt ja in Wien. War er schon schauen?

Rötzer: Noch nicht, aber er wird auf jeden Fall zur Premiere kommen.

MM: Worauf freuen Sie sich sonst noch?

Rötzer: Jedes Projekt dieser Spielzeit ist für mich ein Herzensanliegen. Wir haben zwei Themenbereiche, die bereits angesprochene Achse Heimat und Fremde; der zweite Teil ist ein Nachdenken über Utopien, alternative Lebensformen, das Sichüberlebthaben des Kapitalismus, und da gibt es zwei besondere Produktionen: Shakespeares „Wie es euch gefällt“, bei der Regisseur Gottfried Breitfuß die in den Wald verbannte Hofgesellschaft als eine Art Hippiekommune zeigen wird, der es um die Freiheit der Liebe und der Rede geht, um eine emanzipierte Gesellschaft ohne Druck und Repressalien. Die andere wird in der Theaterwerkstatt sein, für die Dramaturgin Julia Engelmayer eine Idee darüber entwickelt hat, wie Leben auch anders funktionieren kann.

MM: Und wird heißen?

Rötzer: Sie heißt „Utopia“ und ist eine Anlehnung an das Werk von Thomas Morus, der bereits im 16. Jahrhundert über Werte wie Gleichheit der Menschen gearbeitet hat. Das wird die Grundlage für ein Projekt, mit dem wir aus dem Landestheater nach Niederösterreich hinausgehen wollen, das Theater sozusagen direkt zu den Menschen bringen wollen. Wir wollen vor Ort mit Menschen Interviews machen, die schon nach den Gedanken Thomas Morus‘ leben und dies in das Stück einfließen lassen. Es geht mir sehr darum, dass wir aus dem Theater treten, den Menschen entgegengehen, die Schwellenangst nehmen … Damit die Menschen nicht immer zu uns kommen müssen, sondern wir auch zu den Menschen gehen. Wir sind ein Teil von Niederösterreich und wollen die Niederösterreicher mit unserem Theatervirus begeistern.

MM: Dies gedacht als Maßnahmen, um ein neues, ein junges Publikum zum Theater zu holen?

Rötzer: Genau. Meine Vorstellung ist schon, dass sich Theater nicht nur hinter Mauern versteckt, sondern mitten im Leben stattfinden muss. Wir wollen mit einem möglichst großen Publikum in Kontakt kommen. Wir wollen Theater für alle machen.

MM: Das Landestheater Niederösterreich hat ja bereits eine große Tradition bei Publikumsbeteiligungsformaten. Nun führen Sie zwei neue ein: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ und „Außer der Reihe“. Was wird das sein?

Rötzer: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ entspricht dem Gedanken, den ich eingangs erwähnt habe, nämlich dass Theater eine Form des Dialogs ist. Wir laden die Menschen ein, über ihre Themen, Sorgen und Nöte zu sprechen, und dazu bitten wir „Fachleute“, Philosophen bis Politiker, ihre Haltung zu vertreten. „Außer der Reihe“ werden Monologe, Liederabende, Kabarettistisches …, die wir in Kaffeehäusern, Wirtshäusern, Wohnzimmern zeigen wollen.

MM: Sie machen alle Schubladen auf: Landestheater goes Off.

Rötzer: Landestheater goes on and goes outside. Ja, das sind alles ambitionierte Pläne, wir werden sehen, wie sich das alles wird umsetzen lassen. Aber Theater ist ja work in progress, wir wollen experimentieren und die Menschen auf diesen Weg mitnehmen.

MM: Erfolgsdruck, oder: wann wird für Sie Erfolg sein?

Rötzer: Natürlich wünsche ich mir, dass gleich unsere erste Premiere gut angenommen werden wird. Es kann nur miteinander gehen, ich kann nur ermöglichen und helfen, das sehe ich als meine Aufgabe als Intendantin.

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=20180

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Wien, 5. 9. 2016

Landestheater NÖ: Neue Intendantin Marie Rötzer

Mai 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Programm der Spielzeit 2016/17: „Die Welt ist groß“

Spielplanpräsentation im Landestheater Niederösterreich: Die neue Intendantin Marie Rötzer mit Johannes Silberschneider und Julia Engelmayer: Bild: Gerald Lehner/www.herrundfraulechner.at

Spielplanpräsentation im Landestheater Niederösterreich: Die neue Intendantin Marie Rötzer mit Gastschauspieler Johannes Silberschneider und Dramaturgin Julia Engelmayer: Bild: Gerald Lehner/www.herrundfraulechner.at

„Die Welt ist groß“, unter dieses Motto stellt die neue Intendantin des Landestheater Niederösterreich ihre erste Saison. Montag Vormittag präsentierte Marie Rötzer ihre Pläne für die kommende, ihre erste Spielzeit. Namhafte Gäste, internationale Gastspiele, Kindertheater und Lesungen werden auch weiterhin im Landestheater zu sehen sein. Neue Formate wie das „Theater – Stücke – Fest“, die Gesprächsreihe „Hier wird deine Sache verhandelt“ oder „Außer der Reihe“ sind in Planung. Rötzers Ensemble besteht aus elf Schauspielern.

Zu Michael Scherff,  Lukas Spisser, Othmar Schratt und Helmut Wiesinger kommen neu Tobias Artner, Zeynep Bozbay, Tim Breyvogel, Stanislaus Dick, Bettina Kerl, Katharina Knap und Vidina Popov ans Haus. Als Gäste werden unter anderem Johannes Silberschneider, Toni Slama, Claus Peymann, Bibiana Beglau und Die Strottern zu sehen sein.  „Das Theater ist ein großer Spielraum, in dem vieles möglich ist und vieles möglich sein muss. Das Theater in einer Balance zwischen Unterhaltung und Aufklärung soll die Herzen öffnen und das Denken verändern. Das Landestheater im speziellen soll ein Mutmacher und eine Ideenmaschine für die Zukunft sein, gesellschaftspolitische Verantwortung übernehmen und sich als Spiel- und Denkraum ohne Grenzen präsentieren“, sagt Rötzer.

Das Bürgertheater wird unter der neuen Leitung von Nehle Dick weitergeführt und mit Alfred Komarek als Autor auf Spurensuche nach verschwundenen Orten in St. Pölten und Niederösterreich gehen. Geplant sind vier Uraufführungen, eine österreichische Erstaufführung und drei Österreich-Premieren, gespielt wird ab diesem Herbst zwei Monate länger, die Spielzeit beginnt im September und endet im Juni.

Eröffnet wird die erste Spielzeit von Marie Rötzer am 16. September mit der Premiere von Die Welt ist groß und Rettung lauert überall nach Ilija Trojanow. Der Musiker und Regisseur Sandy Lopičić wird das moderne Märchen über Heimat, Flucht und Fremde als musikalisch-theatrale Reise auf die Bühne bringen. Mit dabei sind die Die Strottern und Johannes Silberschneider. Am 17. September gibt es ein großes Eröffnungsfest, einer der Höhepunkte ist Philipp Hochmairs theatral-musikalische Performance  Jedermann reloaded. Der Schauspieler zeigt gemeinsam mit der Band Die Elektrohand Gottes am Rathausplatz seinen außergewöhnlichen Theaterabend nach Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“.

Am 1. Oktober steht die Premiere von Franz Grillparzers Das goldene Vlies auf dem Spielplan. Die junge katalanische Regisseurin Alia Luque, die zuletzt für das Burgtheater die Uraufführung „die hockenden“ inszenierte, bringt alle drei Teile des Epos – „Der Gastfreund“  „Die Argonauten“ und „ Medea“ – in kompakter Besetzung auf die Bühne und verfolgt mit ihrer Inszenierung die Frage, welche Opfer der Erwerb von Macht verlangt. Als Gast im Ensemble ist Silja Bächli in der Rolle der Medea zu sehen. Danach inszeniert Sarantos Zervoulakos Alan Ayckbourns Schöne Bescherungen, Premiere ist am 1. Dezember.

Die Spielzeit in der Theaterwerkstatt eröffnet die Uraufführung von Josef Winklers Romandramatisierung Roppongi am 20. Jänner. Die Regisseurin Julia Jost möchte in ihrer Dramatisierung den dörflichen und familiären Kosmos des Romans auf der Bühne erfahrbar machen, dabei den Bogen nach Japan und Indien schlagen und erkunden, was die Menschen hier mit diesen weit entfernten Orten, den Menschen dort und ihren Traditionen verbindet – oder trennt. Am 4. März folgt die nächste Uraufführung in der Theaterwerkstatt: Utopia nach Thomas Morus. Das Wiener Theaterkollektiv YZMA nimmt den Roman zum Ausgangspunkt für eine Entdeckungsreise zu neuen, heutigen Utopien. Auf der Basis von Videointerviews und dokumentarischem Material vermessen die Performer dieses Land für eine Landkarte der Utopien und hinterlassen dabei ihrerseits Spuren aus der Zukunft. Regie führt Milena Michalek.

Tim Breyvogel ist neu im Ensemble. Bild: Katja Kuhl

Tim Breyvogel ist neu im Ensemble. Bild: Katja Kuhl

Toni Slama kommt als Gast. Bild: Landestheater NÖ

Toni Slama kommt als Gast. Bild: Landestheater NÖ

Gottfried Breitfuß, Schauspieler am Zürcher Schauspielhaus und Regisseur, wird Wie es euch gefällt von William Shakespeare inszenieren. Als Gäste im Ensemble werden, neben dem Musiker Helmut Stippich, André Willmund und Toni Slama zu sehen sein. Premiere ist am 18. März. Regie-Shootingstar Matthias Rippert zeigt am 28. April in der Theaterwerkstatt die österreichische Erstaufführung von Schere Faust Papier von Michel Decar. Das Stück versteht sich als künstlerische Antwort auf die Absurdität und Komplexität des Weltenlaufs, der Versuch, das Ungreifbare zu durchdringen: bunt, temporeich und ungemein komisch.

Die letzte Premiere im Großen Haus ist am 5. Mai die Uraufführung von Die Eroberung des goldenen Apfels – Geschichte einer Belagerung, ein Theaterprojekt von Hakan Savaş Mican. In einer Theatercollage mit viel Musik lotet der in Berlin lebende, türkischstämmige Regisseur das historisch gewachsene Verhältnis zwischen Europa und der Türkei aus. Szenen aus der Zeit der Türkenbelagerungen und zeitgenössische Dokumente, wie Briefe junger Dschihad-Sympathisanten, spannen einen Bogen über Jahrhunderte, die von Faszination, Ressentiments und kulturellem Austausch geprägt sind.

Neben den Eigenproduktionen gibt es drei Gastspiele als Österreich-Premieren: Am 13. Oktober kommt das Deutsche Theater Berlin mit münchhausen von Armin Petras. In der Inszenierung von Jan Bosse wurde der geisteswitzsprühende Monolog über den Schauspieler als Künstler und Mensch zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Das Schauspielhaus Zürich zeigt am 17. und 18. Februar Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise in der Inszenierung von Daniela Löffner mit Gottfried Breitfuß, Robert Hunger-Bühler und Elisa Plüss. Und das Thalia Theater Hamburg ist am 8. und 9. Juni mit Warten auf Godot von Samuel Beckett zu Gast, eine Inszenierung von Stefan Pucher.

Die abgelaufene Saison 2015/2016, die letzte von Bettina Hering vor ihrem Wechsel zu den Salzburger Festspielen, hatte bei insgesamt 201 Vorstellungen mit etwa 40.000 Besuchern eine Auslastung von mehr als 90 Prozent. Mit 2.763 Abonnenten konnte zudem ein Allzeit-Rekord seit Bestehen des Landestheaters aufgestellt werden.

Zur Person Marie Rötzer:

Marie Rötzer, geboren in Niederösterreich, studierte in Wien Theaterwissenschaft und Germanistik. Während ihres Studiums war sie am damaligen Stadttheater St. Pölten als Dramaturgin engagiert.  Sie arbeitete in der Dramaturgie des Berliner Maxim Gorki Theater, dann als Chefdramaturgin am Schauspielhaus Graz, ab 2006 im Team von Intendant Matthias Fontheim als Chefdramaturgin am Staatstheater Mainz. Neben dieser Tätigkeit ist sie an der Uni Mainz als Lehrbeauftragte und bei der Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“ als Kuratorin engagiert. Von Dezember 2012 bis September 2015 war Marie Rötzer Persönliche Referentin des Intendanten Joachim Lux am Thalia Theater in Hamburg.

www.landestheater.net

Wien, 23. 5. 2016

Andrea Eckert im Gespräch

Mai 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ist neue Intendantin der Raimundspiele Gutenstein

Andrea Eckert. Bild: Laurent Ziegler

Prinzipalin Andrea Eckert. Bild: Laurent Ziegler

„Prinzipalin“ steht auf der Webseite der Raimundspiele Gutenstein neben dem Namen Andrea Eckert – und als solche zeigt sich die Schauspielerin beim Interview auch. Vor einem dreiviertel Jahr hat sie ihre neue Aufgabe begonnen, hat sich ihr künstlerisches Team gewählt, wurde erstmals mit den Sorgen einer Intendanz konfrontiert – und hat sich so richtig ins Zeug geworfen. Nach dem Motto: Problem? – Lösung!

Am 21. Juli geht’s los, mit „Der Diamant des Geisterkönigs“. Die Eckert spielt die „Hoffnung“, weil’s zu diesem Neubeginn passt, wie sie findet. In Gutenstein soll es ab diesem Jahr nämlich ein Fest für alle Sinne geben. Mit Zauberzelt und magischen Wesen und einem Park, der in eine mystische Landschaft verwandelt wird. Ein Gespräch über Publikum mit Picknickkörben, ein Filmprojekt über minderjährige Flüchtlinge und ein Theaterleben ohne Wiener Bühne:

MM: Wer keine Sorgen hat, wird Intendantin?

Andrea Eckert (sie lacht): Ich habe diese Aufgabe Ende 2015 übernommen. Ich freue mich sehr darüber, aber wenn man im Jänner anfängt, Regisseurin und Schauspieler für den Sommer zu suchen, lacht jeder nur. Nach vielen Gesprächen hatte ich das Glück, Cornelia Rainer zu treffen. Bei unserem ersten Treffen sagte sie einen Satz, der mich staunen ließ :“Bei Raimund gibt es ganz viel Traurigkeit.“ Sie war die Erste, die jene tragische Seite von Ferdinand Raimund angesprochen hat, die zwar im Leben dieses großen Dichters eine zentrale Rolle gespielt hat, in den Aufführungen seiner Stücke aber so gut wie nie spürbar ist. Ich glaube, der Neubeginn der Raimundspiele in Gutenstein ist ein guter Moment, um Raimund aus einer gewissen lieblichen Entrücktheit wieder in unsere Nähe zu bitten und uns auch mit den Dämonen und Ängsten zu beschäftigen, die ihn sein Leben lang verfolgt haben, ohne dabei den „Volksdichter“ zu beschädigen. Darüberhinaus habe ich mir natürlich Gedanken gemacht, wie ich, von Raimund abgesehen, das durch den vielfältigen niederösterreichischen Theatersommer verwöhnte Publikum verführen kann, nach Gutenstein zu kommen.

MM: Sie haben sich 2003 aus der Bewerbung um die Volkstheater-Intendanz zurückgezogen. Sind nun die Voraussetzungen besser?

Eckert: Das ist nicht  zu vergleichen. Das Volkstheater war mein Lebensort, mein künstlerisches Zuhause, an dem ich über lange Jahre mit  vielen Menschen verbunden war, nicht nur mit Schauspielerinnen und Schauspielern, auch aus den Sparten Bühne, Maske, Kostüm, Technik gab es Leute, die ich unglaublich schätze wegen ihres Könnens und ihrer Liebe zum Theater, und mit denen ich gerne weitergearbeitet hätte. Als ich mit diesem Vorhaben gegen die Wand gefahren war, beschloß ich, derartiges nie wieder zu versuchen. Mein Verlangen  nach Selbstverletzung ist endenwollend. Aber die Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich Leute versammeln kann, um eine künstlerische Idee gemeinsam zu verwirklichen, ist geblieben. Vielleicht glückt es in Gutenstein. Bei meinem ersten Kontakt mit Bürgermeister Michael Kreuzer stellte ich erstaunt fest, wie wichtig ihm die Zukunft der Raimundspiele ist und sein ehrlicher Enthusiasmus war für mich ausschlaggebend, die Aufgabe der „Prinzipalin“ zu übernehmen (sie lacht).

MM: Nun denkt man bei der Schauspielerin Andrea Eckert nicht als erstes an Raimund-Rollen. Das ist doch gar nicht ihr „Fach“?

Eckert: Es stimmt, vielleicht passe ich nicht wirklich in diese Wiener Volksstücke, ich habe auch nie Nestroy gespielt, aber nein, falsch! Raimund habe ich gespielt!  Ein einziges Mal, natürlich am Volkstheater. Und zwar die „Hoffnung“ im „Diamant des Geisterkönigs“. Diese kleine, wunderschöne  Rolle werde ich auch in Gutenstein spielen. Die „Hoffnung“ ist eine Allegorie, die sich dem Wienerischen Flair und Duktus entzieht. Eine Intendanz ist eine schwierige Aufgabe mit viel Verantwortung. Es war mir klar, daß ich während der ganzen Spielzeit vor Ort präsent sein will, und dachte mir, da kann ich ja gleich mitspielen. Ich freue mich auf den Sommer. Die „Hoffnung“ wird dort in jeder Hinsicht meine Rolle sein.  (Sie lacht.) Ich denke nun beinah täglich an Emmy Werner. Jetzt verstehe ich erst, was es heißt, mit einem Haufen Individualisten ein künstlerisches Projekt auf die Welt zu bringen. Ich bekomme viel Unterstützung von allen Beteiligten, für ihren Enthusiasmus kann ich nicht genug danken. Der technische Leiter des Volkstheaters,  Michael Mayerhofer, hat bei uns in Gutenstein die technische Leitung übernommen und wir können Teile unseres Bühnenbilds in den gerade noch bestehenden Werkstätten fertigen lassen. Das ist großartig, denn dort arbeiten Menschen, die ihr Handwerk wirklich verstehen.

MM: Bleiben wir beim Thema Geld. Subventionsgeber und Sponsoren?

Eckert: Ja, das liebe Geld!!!  Ich bin auf der Jagd nach Sponsoren. Es gibt das Land Niederösterreich als Hauptgeldgeber, die Gemeinde hat Sponsoren aus der Gegend, ich schnorre, wo ich kann. Ich fühle mich dem Geld und der Kunst verantwortlich, das ist ein Spagat, der mich zuweilen um den Schlaf bringt.

MM: Konkret heißt das?

Eckert: Dass ich ein sparsamer Mensch bin. Wir haben 230.000 Euro, 20.000 mehr wären gut. Da könnte ich entspannter agieren.

Die Intendantin mit einem Modell des neuen Zelts. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

Eckert mit einem Modell des neuen Zelts. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

Regisseurin Cornelia Rainer. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

Regisseurin Cornelia Rainer. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

MM: Regisseurin Cornelia Rainer haben Sie für diese Inszenierung erst kennengelernt. Das Ensemble sind alte Bekannte und ein Best of der jungen Kräfte in Österreich.

Eckert: Ich habe Schauspieler angesprochen, die ich schätze, und da ich viel ins Theater gehe, standen einige bereits auf „der Liste“. Im Hamakom  habe ich Alexander Meile gesehen, der Eduard spielen wird. Lisa Weidenmüller ist sein „Diamant“, Amine,  Matthias Mamedof, ehemals Volkstheater, der ideale Florian, Annette Isabella Holzmann – sie hat mit mir in dem Stück „Du bleibst bei mir“ gespielt – ist das Mariandl. Karl Ferdinand Kratzl, Edu Wildner und Christoph Moosbrugger runden den Cast ab, weiters werden noch Sophie Behnke, Uli Hübl, Tany Gabriel und Ronald Rudoll zu sehen sein.

MM: Wie Sie schon sagten, Sie planen ein Fest für alle Sinne, das sozusagen bei der Gutensteiner Ortstafel beginnt. Dafür haben Sie sich einen ganz besonderen Verbündeten geholt: Edgar Tezak.

Eckert:  Egar Tezak ist ein großartiger Maler, der sein Leben auf Reisen verbracht hat, lange in Indien und New York gelebt hat, bevor er sich  wieder in Österreich niedergelassen hat. Er ist bestens bewandert in der Fantasiewelt Ferdinand Raimunds und hat meinen Vorschlag, unser Theaterzelt mit Motiven, inspiriert von der Fantasiewelt des Dichters zu versehen, schöner verwirklicht, als ich es mir je hätte träumen lassen.  Auch im Park werden im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten Lichtskulpturen von Edgar Tezak aufgestellt, er gestaltet unser Plakat, die Eintrittskarten, alles. Ich möchte für die Zeit der Raimundspiele den Park, das Theaterzelt und den Ort verwandeln. Mir schwebt auch eine andere Art des üblichen Theaterbuffets vor, an dem man sich üblicherweise bis zum Pausenende um ein Getränk anstellt:  Picknickkörbe und Decken werden bei uns bereitgestellt sein, damit das Publikum es sich vor oder nach der Vorstellung im Park gemütlich machen kann und sich eingeladen fühlt, noch ein wenig zu verweilen. Ich hoffe, das klappt alles so und wird schön für die Leute …

Edgar Tezak gestaltet das Theaterzelt und den Zaubergarten. Bild: © / www.raimundspiele.at

Edgar Tezak gestaltet das Theaterzelt und den Zaubergarten. Bild: © Karl Denk / www.raimundspiele.at

MM: Den Willen, eine regieführende Intendantin zu sein, haben Sie nicht?

Eckert: Ich habe großen Respekt vor diesem Beruf, den ich nicht erlernt habe, und hohe Ansprüche an mich selbst. Beim Dokumentarfilm mit einem kleinen Team habe ich die Erfahrung gemacht, ja, das kann ich. Am Theater, bei derartig personenreichen, komplizierten Stücken wie bei Raimund, traue ich mir das nicht zu. Ich nehme die Intendanz sehr ernst, die Aufgabe allein ist eine Herausforderung, ich bin im Grunde für alles verantwortlich und zuständig. Regie soll jemand führen, der Erfahrung hat und sich darauf konzentrieren kann.

MM: Sie haben den Wunsch geäußert, die Raimundspiele in Gutenstein mögen kommendes Jahr wieder Mitglied des Theaterfests Niederösterreich sein. Was muss dafür geschehen?

Eckert: Ich bin noch nicht ganz in diese Materie eingedrungen, aber ich habe zur Kenntnis genommen, dass Gutenstein bei der Ankündigung des Theaterfests Niederösterreich nicht dabei war. Ich möchte das natürlich ändern. Wir gehören zu Niederösterreich, wir möchten einen ernsthaften künstlerischen Beitrag leisten, also wollen wir auch Teil des Theaterfestes sein, mit aller zusätzlichen Bewerbung, die das mit sich bringt. Ich freue mich auch sehr über Besuch von Intendanten-Kolleginnen und -Kollegen, denn ich halte viel vom Miteinander, um gemeinsame Anliegen zu realisieren.

MM: Sie bereiten auch einen neuen Dokumentarfilm vor?

Eckert: Das ist eine Geschichte, die mir sehr am Herzen liegt, die aber immer noch in der Projektfinanzierung steckt. Ich habe glückliche Zeiten meiner Kindheit  in der Nähe von Eggenburg verbracht, einer kleinen Stadt im Weinviertel. Bis heute bin ich dort verwurzelt wie nirgends sonst. Seit Kurzem sind in Eggenburg 50 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Über sie, ihre erschütternden Lebensgeschichten und über die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Eggenburg möchte ich einen Dokumentarfilm machen. Kann man sich einander annähern? Überwiegen Ablehnung und Vorurteile oder Solidarität und Empathie? Es findet dort gerade ein mutiges Wagnis statt, gerade in der momentanen Situation, mit offenem Ausgang …

MM: Woher kommt Ihre Liebe zum Dokumentarfilm?

Eckert: Aus  Begegnungen mit herrlichen Menschen und dem Trauma des endgültigen Abschieds – diese Erfahrung, dass mit den Menschen ihre Erinnerungen, eine ganze Welt, verschwindet. Ich empfinde das als ungeheuren Verlust. Und so sind all diese Filme entstanden, aus der Sehnsucht, Wesen wie die Zirkusartistin Lucia Westerguard, den Schriftsteller Frederic Morton oder den Schauspieler Walter Schmidinger hier zu behalten, für uns zu bewahren. Ein ganz egoistischer Wunsch. Trotzdem: diese Art des Filmemachens  ist das genaue Gegenteil vom Schauspielen.  Man konzentriert sich ganz auf den anderen,  versucht nur, eine Membran für ihn zu sein, um die richtige nächste Frage zu stellen und ihn noch tiefer zu sich selbst zu bringen. Es ist so wohltuend, auf sich selbst zu vergessen. Wir Schauspieler kreisen ein Leben lang um unsere  Rollen und damit in gewisser Weise um uns, da ist Egozentrik ein notwendiges Arbeitsvehikel. Beim Dokumentarfilm geht es ausschließlich um das gegenüber und wie man es am Richtigsten erfassen kann. Zuhören, zuhören, zuhören …

MM: Haben Sie auch weitere Pläne für die Bühne?

Eckert: Nicht in Wien. Ich mache im Herbst ein schönes Theaterprojekt in Zürich, ich spiele von Deutschland über Israel bis in die USA meinen Lotte-Lenya- und andere -Chansonabende, und ich freue mich darüber, dass diese selbst kreierten Arbeiten weite Kreise ziehen. An Wiener Theatern  finde ich zur Zeit  nicht statt.

MM: Was wird in Zürich sein?

Eckert: Eine Crossover-Produktion zwischen Musikern, Tänzern und  einer Schauspielerin, die im Zentrum  des Abends steht. Es ist ein Projekt über Arnold Schönberg, seine Frau Mathilde und Richard Gerstl, der ja mit ihr liiert war und sich nach dem Scheitern der Beziehung erhängt hat. Premiere wird in Zürich sein, dann gehen wir nach Frankfurt, New York – und kommen damit eventuell auch nach Wien.

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Wien, 13. 5. 2016