H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hofmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hofmann im Amalthea-Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hofmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hofmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hofmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

amalthea.at           www.mandelbaum.at           www.residenzverlag.com           www.suhrkamp.de

13. 4. 2021

Frankfurter Buchmesse: Aufarbeitung der Zeitgeschichte

Oktober 13, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Fünf Lesetipps zum Gastland Indonesien

5233955935_3868b14e4e_bIndonesien ist kein Land der Leser, sagen die Indonesier. Man lasse sich Geschichten lieber vom traditionellen Schattenspiel Wayang Kulit erzählen. Oder vom Fernsehen. Werden Bücher gelesen, dann religiöse, Unterhaltungsliteratur und Lyrik. Indonesien ist ein Land mit gesellschaftspolitisch höchst aktiven Autoren. Sie wollen von Vorkommnissen erzählen, die von öffentlicher Seite verschwiegen wurden (siehe unten: „Kurze Geschichte Indonesiens“). Siebzig von ihnen kommen zur Frankfurter Buchmesse.

Die Frankfurter Buchmesse beginnt am 14. Oktober. Vorab fünf Lesetipps:

Laksmi Pamuntjak, Journalistin aus Jakarta, legt mit Alle Farben Rot ihren ersten Roman vor. Er ist ein Anschreiben gegen das Vergessen der Gräuel des Suharto-Regimes, eine wichtige Stimme im Prozess der Aufarbeitung der indonesischen Zeitgeschichte, in der, wie die Autorin sagt, „Gut und Böse schwer zu trennen sind“. Jahrzehnte nach Suhartos Sturz 1998 sucht eine Frau auf der Gefangeneninsel Buru nach den Spuren des Mannes, den sie in jenen Tagen geliebt und dann verloren hat. In den Wirren einer Straßenschlacht wurden Amba und Bhisma auseinandergerissen, und Amba wusste all die Jahre nichts über das Schicksal ihrer großen Liebe. Bis sie eines Tages eine anonyme Mail erhält, aus der hervorgeht, dass Bhisma damals nach Buru verschleppt wurde. Und so macht sich Amba auf, um endlich Antworten auf die Fragen zu finden, die sie schon so lange quälen. Entlang der Linien des indonesischen Nationalepos Mahabharata, dieser großen Erzählung von Liebe und Krieg, entfaltet Laksmi Pamuntjak das Panorama einer jungen Nation und ihres bewegten 20. Jahrhunderts. Dabei gelingt es ihr Ästhetik, Schönheit von Sprache, mit ihrem Willen zur Aufklärung zu vereinen.

Leila S. Chudoris Roman Pulong (Heimkehr nach Jakarta) besteht aus Briefen, abgeschickt aus dem Gefängnis und abgeschickt aus dem Exil in Paris. Das Buch verknüpft historische Ereignisse mit dem persönlichen Schicksal zweier Generationen. Dimas Suryo, der 1965 im Ausland war und nicht mehr nach Indonesien zurückkehren konnte, lebt als Mitbesitzer eines indonesischen Restaurants in Paris und leidet lebenslang unter seiner Heimatlosigkeit. Lintang Utara, seine Tochter mit der Französin Vivienne, reist 1998 für ihr Filmstudium nach Jakarta und begegnet auf ihre Art der Geschichte und Gegenwart Indonesiens. Sie gerät in die Studentenunruhen, die zum Ende der Ära Suharto führten. Die indonesische Gesellschaft stehe, so Chudori in einem Interview, dem Leid anderer immer noch gleichgültig gegenüber. Dies ein Erbe der Diktatur, zu sehen auch an einem staatlichen Museum, in dem bis heute den Suharto-Generälen und ihren Metzeleien gehuldigt wird. Chudori schuf im Roman eine eindrückliche Szene, in der Lintang Utara dieses Museum besucht. In den intellektuellen Kreisen des Landes wird das Buch als „Gegengift gegen die offizielle Version der Geschichte“ und gegen das allgemeine Schweigen gelobt. Der Roman ist mit seinen verschiedenen Zeitebenen und Erzählperspektiven komplex gebaut. Und weil Teile davon von einem Restaurant handeln, gibt es auch jede Menge Kochrezepte.

Andrea Hirata schrieb mit Die Regenbogen-Truppe den aktuell meistverkauften Roman Indonesiens, musste sich allerdings auch vorwerfen lassen, mit seiner verklärenden Art Armut zu schildern, huldige er einem „Disney-Stil“. Hirata selbst, auf der Insel Belitung östlich von Sumatra geboren, sieht sich als Mann mit Bildungsauftrag; als solcher müsse er „Lesbares“ zu Papier bringen. In „Die Regenbogen-Truppe“ erzählt er von seiner eigenen Schulzeit: Söhne und Töchter von Fischern und Minenarbeitern wollen nicht eine einzige Unterrichtsstunde verpassen, denn für sie ist die Schule die einzige Möglichkeit, der Armut zu entkommen. Da ist zum Beispiel Lintang, das mathematische Genie, oder Mahar, der Künstler und angehende Schamane. Und Ikal, der seinen Weg macht: von der Armenschule über das Studium in Paris und London zum gefeierten Schriftsteller. Hirata eröffnet tiefe Einsichten in ein zerrissenes Land, in dem Bildung nach wie vor ein Privileg ist. In diesem Sinne ist sein Roman auch mehr als ein autobiografisches Dankeschön an seine Lehrerin, sondern ein Plädoyer dafür, allen Kindern dieser Welt den Weg in Schulen zu ermöglichen. Das Buch wurde bereits verfilmt.

Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Seno Gumira Ajidarma ist einer von Indonesiens profiliertesten und einflussreichsten Autoren. Sein Motto “Wenn Journalismus zum Schweigen gebracht wird, muss Literatur sprechen” spiegelt sich in seinen Werken wider, die meist gegenwärtige soziale, kulturelle und politische Zustände Indonesiens dokumentieren. In Jazz, Parfüm & Der Zwischenfall setzt sich Ajidarma mit der militärischen Gewalt in Ost-Timor während der indonesischen Besatzungszeit auseinander: Ein Journalist empfängt unzählige Berichte über Massenmorde und Folterungen in einer der indonesischen Provinzen. Er liest die Texte langsam, mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit, und seine Gedanken driften ständig zu seinen großen Leidenschaften ab: Jazz und Parfüm. Nach und nach wird deutlich, dass seine Gedankensprünge zu Miles Davis und Dior einen bestimmten Grund haben: Er ist gezwungen, die meisten der Informationen zu zensieren. Der Journalist spielt auf Zeit – aber zu welchem Zweck? Ein poetischer Text von politischer Brisanz.

Last, but not least, und um den Kreis zu Laksmi Pamuntjak zu schließen: Pramoedya Ananta Toer. Er gilt als der große alte Mann der indonesischen Literatur, er ist das Gewissen der Nation. Der 2006 verstorbene Autor war mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert. Bereits von den holländischen Besatzern wegen „antikolonialem Denken“ inhaftiert, brachte ihn Suharto erneut hinter Gitter. Die Zensoren des Suharto-Regimes belegten seine Werke mit dem Bannfluch des „Marxismus, Leninismus und des Kommunismus“ und verboten sie wegen ihres „subversiven“ Gehalts. Selbst Personen, die diese Bücher nur besaßen, landeten im Gefängnis. Dennoch blieb Pramoedya der meistgelesene zeitgenössische Autor des Landes. Seine Schriften wurden im großen Stil hektographiert und unter der Hand weiter gereicht. Seine Tetralogie Bücher der Insel Buru, auf der Gefangeneninsel Buru begonnen und unter Stadtarrest vollendet, ist Indonesiens Beitrag zur Weltliteratur. „Pram“, wie die Indonesier ihn liebevoll nennen, erzählt die Geschichte seines Landes von den holländischen Besatzern bis in die Jetztzeit. Die allgegenwärtige Repression veranlasste ihn allerdings, die Handlung dieser Romane in die Zeit um 1900 zu verlegen. Der Hauptprotagonist, der javanische Adelige Minke, erlebt – sehr kurz gefasst – gesellschaftlichen Aufstieg, Diskriminierung wegen seiner dunkleren Hautfarbe und Vertreibung ins Exil. Leitmotivisch durchzieht Prams Schriften die Auseinandersetzung der einheimischen mit der europäischen Kultur und damit die Schärfung historischen und sozialen Bewusstseins. Immer geht es ihm um die Sprache als Instrument von Herrschaft und als Medium des Widerstands. Subtil vermittelt er seine Botschaft: „Bediene dich deines Verstandes und schärfe dein Erinnerungsvermögen, um die Verhältnisse erst zu verstehen und dann zu verändern“.

Kurze Geschichte Indonesiens

Mit der Ankunft eines kleinen Expeditionskorps 1596 begann die holländische Kolonialzeit in Indonesien. Noch vor dem 1. Weltkrieg entstanden die ersten nationalistisch-indonesischen Parteien. Ihre Hauptidentifikationsfigur: der spätere Staatspräsident Sukarno. Der Kampf gegen die holländische Besatzung wurde intensiver. Im März 1942 kapitulierte die kleine holländische Schutztruppe nach dem Verlust Batavias vor den ganz Südostasien unterwerfenden Japanern. Nach dem Ende der brutalen japanischen Besatzung erklärte am 17. August 1945 der erste Präsident Sukarno zusammen mit Mohammad Hatta Indonesien für unabhängig. Die wieder anrückenden Holländer reagierten mit Gewalt. Erst am 27. Dezember 1949, nach starkem internationalen Druck, erkannten sie das südostasiatische Land offiziell an.

Sukarno leistete wichtige Arbeit bei der Bildung eines indonesischen Selbstbewusstseins und der Identifikation der Einwohner mit ihrem Staat, und es gelang ihm zu Beginn möglichst viele Bevölkerungsgruppen – der insgesamt 360 – anzusprechen. Trotz dieser Erfolge verschärften sich besonders die Konflikte zwischen Kommunisten (PKI) und dem Militär. Sukarno wiederum nutzte die zahlreichen Lücken in der Verfassung und rief 1960 die „gelenkte Demokratie“ und die „gelenkte Wirtschaft“ aus, was besonders von den USA nicht gerne gesehen wurde. Am Schluss ernannte ein von ihm ausgewähltes Gremium ihn zum Präsidenten auf Lebenszeit. Während dieser Zeit wurden einzelne Parteien verboten, insbesondere jene, die sich entlang ethnischer Linien geformt hatten, auch um ein Auseinanderbrechen des indonesischen Staates zu verhindern. Sukarnos zunehmende Willkürherrschaft führte schließlich zu einem Umsturzversuch, der der mitgliederstarken Kommunistischen Partei des Landes angelastet wurde. Bis heute ist ungeklärt, was wirklich geschah. Die offizielle, das heißt von den Militärs kolportierte Version lautete, dass am 30. September 1965 Kommunistische Frauen Generäle entführt und diese nicht nur getötet, sondern zudem noch verstümmelt hätten.

Der bis zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Hintergrund agierende Generalmajor Suharto machte die Kommunisten (PKI) für die Ereignisse verantwortlich und übernahm die Befehlshoheit. Es folgte ein erfolgreicher Gegenputsch rechtsgerichteter Armeeeinheiten. Die Welle der Gewalt, die landesweit von der Armee organisiert wurde, richtete sich vor allem gegen tatsächliche oder vermeintliche Anhänger der PKI und Chinesen und kostete mehr als einer halben Millionen Menschen das Leben, einige Quellen sprechen sogar von bis zu einer Million Toten. Ganze Dörfer wurden mitsamt ihrer Einwohner ausgelöscht, wenn sie im Verdacht standen, der falschen Seite nahe zu stehen: einer der größten politisch motivierten Massenmorde im 20. Jahrhunderts. Die Vorgänge sind bis heute nur unzureichend untersucht, daher sind genaue Angaben zur Zahl der Opfer nicht möglich. Nach wie vor gilt diese Zeit in Indonesien als Tabuthema. Darüberhinaus wurden zahlreiche regimekritische Politiker, Künstler und Schriftsteller als politische Gefangene inhaftiert und mussten Zwangsarbeit leisten. Der neue starke Mann Suharto wurde am 12. März 1967 „geschäftsführender Staatspräsident“, Sukarno blieb vorerst noch nominelles Staatsoberhaupt. Erst am 27. März 1968 übernahm Suharto formal das Amt des Staatspräsidenten, Sukarno starb 1970 nach längerer Krankheit.

Als Folge der Ereignisse wurde die kommunistische Partei des Landes nahezu ausradiert, dafür erhielt Suharto durch die USA breite militärische Unterstützung. Doch die Gewalt des Regimes richtete sich nicht nur gegen Kommunisten und Chinesen. Am 6. Juni 1975 besetzten indonesische Truppen die portugiesische Enklave in Westtimor, im Oktober desselben Jahres auch grenznahe Gebiete der Kolonie Portugiesisch Timor. Suharto befahl am 7. Dezember 1975 die militärische Invasion Osttimors. In den folgenden Wochen wurden 60.000 Menschen, 10 Prozent der Bevölkerung, getötet. Ein weiterer Massenmord, bei dem die Weltöffentlichkeit tatenlos zusah. Osttimor wurde am 17. Juni 1976 dem indonesischen Staatsverband eingegliedert. Mit der Wirtschaftskrise 1998 und zunehmenden Korruptionsvorwürfen kam es zu den ersten Protesten, in deren weiterem Verlauf der Diktator nach blutigen Unruhen in der Hauptstadt Jakarta zum Rücktritt gezwungen wurde. Während seiner 32-jährigen Regierungszeit wurden die Menschenrechte in allen Bereichen mit Füßen getreten.

1999 wurde erstmals ein Staatspräsident frei gewählt. Im selben Jahr wurde nach internationalen Protesten und der Landung einer Friedenstruppe in der zukünftigen Hauptstadt Osttimors, Dili, die Besetzung Osttimors aufgegeben. Zuvor hatten die indonesischen Streitkräfte das Land in Schutt und Asche gelegt. Am 20. Mai 2002 erhielt das kleine Land seine Unabhängigkeit. Indonesien mit seinen 17.500 Inseln ist heute der Staat mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung (ca. 200 Mio. von 240 Mio. Einwohnern). Immer wieder wird das Land von terroristischen Anschlägen erschüttert (z. B. 2002 auf Bali), die von radikalen islamischen Gruppen verübt werden. 2014 wurde Joko Widodo zum Staatspräsidenten gewählt.

Ullstein Buchverlage, Laksmi Pamuntjak: „Alle Farben Rot“, Roman, 672 Seiten. Übersetzt von Martina Heinschke.

Weidle Verlag, Leila S. Chudori: „Pulong (Heimkehr nach Jakarta)“, Roman, 432 Seiten. Übersetzt von Sabine Müller.

Hanser Berlin, Andrea Hirata; „Die Regenbogentruppe“, Roman, 272 Seiten. Übersetzt von Peter Sternagel.

Angkor Verlag, Seno Gumira Ajidarma: „Jazz, Parfüm & Der Zwischenfall“, Roman, 160 Seiten. Übersetzt von Guido Keller.

Unions Verlag, Pramoedya Ananta Toer: “Bücher der Insel Buru”, vier Romane. Übersetzt von Brigitte Schneebeli und Giok Hiang Gornik.

www.ullsteinbuchverlage.de

www.weidleverlag.de

www.hanser-literaturverlage.de

angkor-verlag.blogspot.co.at/

www.unionsverlag.com

www.buchmesse.de

Wien, 13. 10. 2105

Salzburger Festspiele: The Forbidden Zone

August 11, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bei Katie Mitchell dürfen Frauen ein Schicksal haben

Giorgio Spiegelfeld (French Soldier) Bild: © Salzburger Festspiele / Stephen Cummiskey

Giorgio Spiegelfeld (French Soldier)
Bild: © Salzburger Festspiele / Stephen Cummiskey

Sehr gescholten hat einmal ein selbsternannter Wiener Literaturpapst, als man sagte, es gebe so etwas wie „Frauenliteratur“. Und damit nicht Rosamunde Pilcher meinte. Aber das hat Seine Männlichkeit, ein wahrer Frauenversteher, nicht verstanden. Oder einem schon nicht mehr seine Aufmerksamkeit geschenkt. Nun der nächste Satz: Katie Mitchell macht „Frauentheater“. Nicht als erste und nicht als letzte hört sie auf Frauen und macht, dass diese gehört werden. Das ist bei der Regisseurin genauso Programm, wie die Tatsache, dass etliche Kameramenschen ihre Darsteller quer über die Bühne verfolgen und das tatsächliche Geschehen sich auf der Leinwand abspielt. Video killed the Stage Star. Wer das nicht mag, braucht bei Mitchell gar nicht reinzugehen.

Nun inszenierte die Britin auf der Perner Insel „The Forbidden Zone“. Thema: natürlich Erster Weltkrieg. Als Textcollage von Virginia Woolf, Emma Goldman, Simone de Beauvoir, Hannah Arendt und Mary Borden. Inhalt: Wie männliches Verhalten und das Außenvorlassen von Frauen die Gesellschaft und ihre Schrecken dominiert(e). Das Projekt wurde im Zuge der Vor- und Probearbeiten immer größer. Bis ein Schnitt gesetzt werden musste. Deshalb: Inhalt: Protagonistin Claire ist die Enkelin von Clara Immerwahr und Fritz Haber. Der deutsch-jüdische Chemienobelpreisträger, sowohl Erfinder von Düngemitteln als auch eines Giftgases, das im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam, hat das Bewusstsein seiner Enkelin geprägt. Sie forscht vor dem Zweiten Weltkrieg in Chicago an einem Gegenmittel zu chemischen Waffen und hat gerade erfahren, dass ihre Forschung eingestellt wird, weil das Militär ABC-Waffen unterstützen will. Parallel wird das Schicksal von Großmutter Clara Immerwahr erzählt. Sie versuchte vergeblich, ihren Mann von seinen tödlichen Forschungen abzuhalten. Doch der war davon überzeugt, dass mit seiner Waffe der Krieg schneller zu beenden sei und es weniger Opfer geben werde. Da Clara, selbst Chemikerin, ihn nicht von seinen Forschungen abhalten kann, erschießt sie sich. Zeitgleich steigt in Amerika Claire aus dem Zug, holt sich Gift aus ihrem Labor und begeht ebenfalls Selbstmord.

Mitchell nutzt zwei Zugabteile als Spielräume beziehungsweise Filmsets. In den auseinander ziehbaren Räumen bringt sie ihre Figuren, Fakten und Fiktion, Handlungen und Haltungen, erfundene Situationen und historische Wahrheit unter. Sehr gelungen sind ihre Montagen, die sich über Zeit und Raum hinwegsetzen. Gräueltaten an der Menschenheit werden „nüchtern“ dargelegt, persönliche Krisen emotional ausgeschlachtet. Ein Widerspruch, der jedem Sinn macht, der Weltnachtrichten liest oder schaut. Besonders kommt das im „Doppelselbstmord“ vor Augen, wenn zwei Frauen aus Protest, aus Vernunft, wegen der ihnen eigenen Moralvorstellungen in den Tod gehen. Nicht schmerzfrei, sondern wie die Giftgasopfer sich in Todeskrämpfen windend.

Das Schlussbild ist ein Soldat, der sich, mit Chlorgas vollgesogen, mit dem Rest seines Lebens abquält. Er wird aus diesem scheiden. Sein Leiden als Großbild lässt wohl niemanden kalt. Wie seine Kollegen entfaltet er im Sterben eine sensible, ausdrucksstarke, seltsame Kraft. Mitchells Abend ist so sinnhaft wie sinnlich. Auf dem Weg allen Fleisches begleiten einen poetische Bilder. Ein kleiner Trost. Aber ein großes Aufrütteln zu einem Niemals Wieder.

Wien, 1. 8. 2014

www.salzburgerfestspiele.at

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2014/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-die-letzten-tage-der-menschheit/

Teichtmeister ersetzt Krisch

Mai 18, 2013 in Bühne

Salzburger Festspiele: „Lumpazivagabundus“

Florian Teichtmeister Bild: Agentur Kelterborn

Florian Teichtmeister
Bild: Agentur Kelterborn

Die Verletzung von Burgschauspieler Johannes Krisch scheint ihn doch längerfristiger außer Gefecht zu setzen, als erhofft. Burg-Herr Matthias Hartmann, der heuer (in Kooperation mit seinem eigenen Haus) bei den Salzburger Festspielen Nestroys „Lumpazivagabundus“ inszeniert, musste deshalb umdisponierten: Florian Teichtmeister, Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt, übernimmt die Rolle des Leim, der dafür ursprünglich vorgesehene Nicholas Ofczarek die des Knieriem. Michael Maertens als Zwirn ist der Dritte des „liederlichen Kleeblatts“.

Premiere: 1. August auf der Perner-Insel.

www.mottingers-meinung.at/johannes-krisch-erkrankt/

www.mottingers-meinung.at/burgtheater-spielplanprasentation-201314/

www.josefstadt.org

www.burgtheater.at

www.salzburgerfestspiele.at

Von Rudolf Mottinger

Wien, 16. 5. 2013

Corinna Harfouch: Große Liebesgeschichten

Mai 3, 2013 in Buch, Tipps

Lesung am Landestheater NÖ in St. Pölten

Corinna Harfouch  Bild: (c) Thomas Ammerpohl

Corinna Harfouch
Bild: (c) Thomas Ammerpohl

Von großen Liebesgeschichten berichtet die große Schauspielerin Corinna Harfouch am 7. Mai im Landestheater Niederösterreich: Harfouch liest von Etel Adnan die Erzählung „Die Macht des Todes“, in der sie uns mit der Form von Liebe konfrontiert, bei der Banalitäten keinen Platz haben. „Eine einsame menschliche Stimme“ ist dem Band „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ von Swetlana Alexijewitsch entnommen. In literarischen Monologen, die aus Gesprächen entstanden sind, zeichnet sie Porträts von Menschen, die von der Reaktorkatastrophe direkt betroffen sind. Es entsteht ein ungeheuerliches Requiem der Klage und der Anklage, mit dem sich die Autorin ohne Zweifel neben Tschechows „Die Insel Sachalin“ und Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ gestellt hat, wie die Frankfurter Rundschau schreibt.

Die Autorinnen Etel Adnan, geboren 1925 in Beirut, ist Kosmopolitin: Als Kind eines syrischen Vaters und einer griechischen Mutter erfährt sie schon früh, was es heißt zwischen verschiedenen Kulturen aufzuwachsen. Etel Adnan studierte an der Sorbonne, in Berkeley und Harvard Philosophie. Sie lebt in Paris und Kalifornien.

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 im ukrainischen Iwano-Frankiwsk als Tochter eines Weißrussen und einer Ukrainerin geboren. Sie arbeitete als Reporterin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Über ihre Interviews fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem halbdokumentarischen „Roman in Stimmen“. Seit 2000 lebt sie mit Unterbrechungen im westlichen Ausland.

Die Schauspielerin Corinna Harfouch gehört zu den wichtigsten Bühnen- und Filmdarstellerinnen Deutschlands. Nach dem Schauspielstudium arbeitet sie mit Ruth Berghaus und Heiner Müller und findet im Berliner Ensemble eine erste wichtige Wirkungsstätte. Seit 1991 ist Corinna Harfouch freie Schauspielerin, gastiert am Deutschen Theater, der Schaubühne Berlin, dem Stuttgarter Staatsschauspiel und vielen anderen Bühnen. Als Filmdarstellerin ist sie in Filmen von Margareta von Trotta, Michael Gwisdek, Bernd Eichinger, Tom Tykwer, Andreas Dresen und Matthias Glasner zu sehen. Ihre Filme, wie aktuell „Was bleibt“ von Christian Schmid, gelangen zur Berlinale und anderen wichtigen Filmfestivals. Corinna Harfouch wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet (u. a. Gertrud-Eysoldt-Ring, Deutscher Filmpreis, Bayerischer Filmpreis, Schauspielerin des Jahres 1997).

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013