Max Winter: Expeditionen ins dunkelste Wien

April 24, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich hatte Elendsmaskerade angelegt“

Sein journalistisches Programm hieß Aufklärung und Aufdeckung. Er war bestrebt, Missstände durch stringente Beweisführung aufzuzeigen, Verantwortliche zu nennen und Verbesserungen zu erzwingen: Max Winter. Für seinen Blick von „ganz unten“ begab er sich vor hundert Jahren in die Welt der Wiener Elendsklasse, der Arbeits- und Obdachlosen und der Sandler, die er auf ihren Wegen durch die Großstadt begleitete. Er schuf damit erschütternde Gegenbilder zu einem überliefert verklärt-sentimentalen k.u.k.-Kitschpanorama. Mehr als 1500 Sozialreportagen hat Max Winter verfasst. Die eindringlichsten hat der Picus Verlag nun im Buch „Expeditionen ins dunkelste Wien“ herausgegeben, eine einmalige Gelegenheit, die bis dato nur in Archiven und Bibliotheken aufliegenden Texte nachzulesen.

Max Winter war ein Meister der Verkleidung, in vielerlei Gestalt drang er in unterschiedlichste Milieus vor. Diese Rollenreportagen machten es ihm möglich, nicht von außen, sondern von innen den Alltag Benachteiligter zu schildern. So nächtigte er im Asyl für Obdachlose, kroch mit einem Strotter durch die Wiener Kanäle, war Polizeihäftling, im Tschecherl, unter Praterstrizzis, im Spielercafé … Den Wechsel seiner Identitäten beschreibt er beispielweise so: „Ich hatte Elendsmaskerade angelegt: den Kragen meines alten Lodenspenzers aufgestülpt – den verstaubten Filz in die Stirn gedrückt, die Hände in den Taschen der Sommerhose vergraben, so stehe ich dort und friere in den Füßen …“ Das Foto auf dem Umschlag des Buches zeigt Winter in einer seiner Aufmachungen.

Die so entstandenen Texte sind bar jeder Patina. Winter erzählt mit schmuckloser Geradheit, die Wärme, die seine Artikel dennoch ausstrahlen, ist unsentimental, die Schilderungen sind ruhig, trocken, einfach, ohne Pointen und drastische Effekte, aber nicht ohne feinen Humor. Ein Glossar im Anhang erklärt die von Winter oft verwendeten Soziolektbegriffe und Worte aus der Gaunersprache: „Neben dem großen Neunzehnjährigen verschwindet ein kleiner Knirps in einem blauen ,Barchentjanker‘, ein ,Schräuferl‘ im Ohr …“, steht da. Oder: „Da hab’n S’ jetzt an Gadern.“ Besonders erschütternd: „Eine Stunde in der Wärmestube“, wo die Ärmsten der Armen die Nacht im Sitzen auf Bänken verbringen müssen, weil es keine Betten gibt: „134 an der Zahl. Mann an Mann in drangvoller Enge durchseufzen die Nacht, für die ihnen kein anderes Obdach wird als dieser Notunterschlupf, den die Gemeinde Wien gar zu gern zur ständigen Einrichtungen gestalten möchte.“

Winter stieß immer wieder nach, organisierte spontan Demonstrationen und Geldsammlungen, und zwang so die Behörden zur Reaktion. „Der Fall Hofrichter“ aus dem Jahr 1910 wurde zu einem seiner größten Erfolge: Winter deckte die Willkür der Militärgerichtsbarkeit so überzeugend auf, dass diese in der Folge reformiert werden musste. Seine unkonventionellen Vor-Ort-Recherchen, die Not am eigenen Leib erfahrend, untermauerte er akribisch mit wissenschaftlichen Ergebnissen, Statistiken und amtlichen Sozialberichten, sie sicherten seine qualitativen Standards.

In „Im Zeichen der roten Laterne“ berichtet er schließlich sehr persönlich, was ihn bewegt: „Man müsste Bände schreiben, wollte man alles schreiben, was man sieht, hört, und was man erfährt und miterlebt. Wer erfahren will, wie das Volk lebt, siecht und stirbt, wer die Leiden der Proletarier intim studieren will, der studiere die Erfahrungen der Rettungsgesellschaft … Er wird Dinge erfahren, die er sich sonst nicht erträumt, an deren Wahrheit er zweifeln würde, wenn er sie liest.“ Einer wie Max Winter fehlt.

Über den Autor: Max Winter wurde 1870 in Tárnok bei Budapest geboren. Als Zwanzigjähriger begann er seine journalistische Laufbahn beim Neuen Wiener Journal, bis ihn Victor Adler 1895 zur Arbeiter-Zeitung holte, für die er bis zu deren Verbot 1934 und zu seiner Emigration mehr als 1500 Reportagen verfasste. Winters sozialreformerisches Engagement blieb nicht auf den Journalismus beschränkt, er baute unter anderem die Kinderfreunde-Bewegung in Graz aus und gründete in ganz Österreich Kinderbibliotheken. Auch als Quereinsteiger in die Politik war er erfolgreich, war von 1919 bis 1923 einer der drei Vizebürgermeister der Stadt Wien und bis 1930 im Bundesrat. Nach dem Verbot der sozialdemokratischen Partei 1934 ging Winter in die USA, wo er beruflich nicht Fuß fassen konnte. Er starb 1937 einsam und verarmt in Hollywood.

Picus Verlag, Max Winter: „Expeditionen ins dunkelste Wien. Meisterwerke der Sozialreportage“, Sachbuch, herausgegeben von Hannes Haas, 304 Seiten.

www.picus.at

  1. 4. 2018

Volkstheater: Der Lechner Edi schaut ins Paradies

November 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Moderner Wanderzirkus mit famosem Herrn Direktor

Wie ein Wanderzirkus: Adrian Hildebrandt, Thomas Frank, Evi Kehrstephan, Christoph Theussl und Thomas Butteweg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sie versuchen es mit Zauber- und anderen Kunststücken, einem patscherten Breakdance, einer aufgrund des Protagonisten Gewichts zu Boden gewalzten Slackline, dem Verschwindenlassen einer leeren Bierdose – fünf Arbeitslose auf der Donaukanalbrücke. Die haben sie zugemüllt mit den Requisiten, mit denen sie ihre Tricks aufführen. Ein Leben am Rand einer städtischen Wohlfühlzone, ein Leben am Rande von Werktätigkeit. Oder eine neue Art von …

Eine Blechbüchse geht herum, spärlich fallen Münzen hinein, das Publikum im Volx/Margareten weiß nicht recht, was tun. Zum Glück entkrampft das gemeinsame Lachen. So beginnt Christine Eders Inszenierung von Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“ für das Volkstheater in den Bezirken.

1936 hat Soyfer sein linkes Volksstück voll Kampfgeist, Witz und Poesie verfasst. Als Mittelstück für die „Literatur am Naschmarkt“, politische Kritik umrahmt von Kabarett. 350.000 Arbeitslose gab es damals in Österreich, heute sind es 7,9 Prozent bei verschobener Sachlage. Schrieb Soyfer, als Kommunist und Jude bald doppelter „Volksschädling“, schrieb der Schöpfer des Dachau-Liedes, der sich im KZ mit Typhus ansteckte und 1939 mit nur 26 Jahren starb, noch gegen eine Automatisierung an, die die Menschen brotlos machte, hat nun die Digitalisierung bereits das Ende einer Arbeitsgesellschaft eingeleitet. Wenige werden überbleiben, die sich „was leisten“ können, die Politik ist darob ideen- und konzeptlos.

Unterwegs auf der Suche nach den Schuldigen: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit dem Auto zurück in die Zukunft: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies der moderne Rahmen, den Eder Soyfers didaktischem Zaubermärchen gibt: Eine der Figuren liest zwischendurch immer wieder aus dem „Manifest der Glücklichen Arbeitslosen“. Sätze fallen wie „Arbeit verhöhnt die Freiheit!“, „Arbeit ist Massenmord oder Genozid!“ (Zitat Bob Black) und natürlich „Arbeiter aller Länder entspannt euch!“.

Unter diesem theoretischen Überbau darf sich aber herzhaft amüsiert werden. Eder hat einen wunderbaren Wanderzirkus für die Bezirke erschaffen, sie zeigt Theater wie aus dem Koffer, mit einem fabelhaften Thomas Frank als Zirkusdirektor. Die Ruderleiberlrolle des Lechner Edi ist eine mehr, die ihm wie auf den Leib geschneidert ist; wechselnd zwischen aufrechter Wut und komischer Verzweiflung legt Tausendsassa Frank dessen naive Weltsicht mit entwaffnender Logik dar.

Weil also der Fortschritt an allem schuld ist, muss dieser aufgehalten werden. Gemeinsam mit seiner Geliebten Fritzi (Evi Kehrstephan) und „Petersens elektrischem patentierten Industriemotor“, kurz Pepi (Christoph Theussl), macht sich der Edi auf den Weg in die Vergangenheit.

Einst waren er und Pepi, der aggressiv-bullige Proletarier gegen den schlanken Motor, Konkurrenten um den Arbeitsplatz, jetzt steht auch die Maschine auf der Straße, abgebaut, weil sich die von ihr produzierte Ware niemand mehr leisten kann. Und so reist man von Galvani zu Galilei, von Columbus zu Gutenberg (alle: Adrian Hildebrandt), singt dazu statt dem „Wanderlied der Zeit“ Udo Jürgens „Tausend Jahre sind ein Tag“, doch von Erfinder zu Entdecker lässt sich feststellen, keiner von ihnen ist verantwortlich.

Bis das Trio endlich vor den Pforten des Paradieses landet. Wo Edi beschieden wird, dass der Mensch selbst seine Entscheidung von „Ja oder Nein“ treffe und nichts eine Zwangsläufigkeit sei, dass Geschichte von der Masse gemacht wird und von ihr zu gestalten ist. Dies Soyfers marxistisches Credo.

Das Ensemble agiert mit großer Spielfreude. Mit viel Humor turnt es über die Bühne und durch das Soyfer’sche Pathos, die teils gereimten Textstellen werden wie Kalendersprüche aufgesagt. Auch das lockert den Abend. Ein Tuch wird zum Segel der Santa Maria, zack aufgezogen, zack weggeräumt, Thomas Buttewegs Beine werden zu zuckenden Froschschenkeln, Pappkartons zu Roboterbauteilen oder zum Auto. Gutenberg schließlich wird mit heutigen Druckerzeugnissen zur Räson gebracht, angesichts derer schmilzt er sogar seine Lettern ein.

Im Hintergrund laufen derweil auf einer Scheibe – denn wäre die Erde nur eine solche geblieben! – Bilder von Arbeitswelten anno dazumal und künstlichen Intelligenzen samt Knight Rider, Terminator und den neuesten Humanoiden wie dem „Atlas“.

Die drei von der Donaukanalbrücke: Evi Kehrstephan, Christoph Theussl, Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Neben Evi Kehrstephan als resoluter Pepi und Manifest-Vorleserin brillieren Christoph Theussl als pragmatischer Pepi und Adrian Hildebrandt als toter Freund Toni und als mal abgeklärter, mal aufgeklärter Forscher. Ein feiner fünfter Mann ist Thomas Butteweg, der nicht nur den blinden Andraschek gibt, sondern auch Matrosen, Wachhunde und Inquisitoren – und auf Wassergläsern wunderbare Musik macht.

In den 1980er-Jahren gab es in Wien am Spittelberg ein „Jura Soyfer Theater“, nach dessen Ende war es auf den heimischen Bühnen lange still um den bedeutenden politischen Autor. Ein Theatermacher, vor einiger Zeit darauf angesprochen, meinte, Soyfer sei nicht mehr zeitgemäß, seine vor Feierlichkeit und Inbrunst glühenden Stücke seien einem jetzigen Publikum nicht mehr vorzusetzen. Christine Eders Aufführung beweist mit Verve das Gegenteil. Alles ist möglich, wenn man die richtigen Einfälle hat.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2017

Kasino des Burgtheaters: Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe

November 11, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Heimathassliebe im Tanzgleichschritt

Tino Hillebrand, Tobias Wolfsegger und Marcus Kiepe. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es ist ein kühner Text, der Josef Winkler da gelungen ist. Ein Monolog von betörender Schönheit und grausamster Brutalität. Kraftvoll. Prosa, die wie ein Gedicht klingt. Die theatral gemachte Realität von Paternion. Vater – das Wort schwingt im Namen der Ortsgemeinde schon mit, einer Gemeinschaft deren Bestandteil Winkler kaum je war. Einen Brief, wird es am Ende des Textes heißen, hat er geschrieben:

„Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe“, ersteres ein Dialektausdruck für jemanden schelten, mit Schimpf und Schande nach Haus schicken, zweites eine Zeile aus einem Gebet, uraufgeführt nun im Kasino des Burgtheaters. Winklers Schreiben entzündet sich von jeher an seinen Elternhauserfahrungen, es ist Heimathassliebe und fürbittende Vaterverachtung und die fehlende Mutterumarmung. Winklers Schreiben ist ein Lautgeben gegen das Verstummen, Verdummen und Schweigen, kollektiv wie individuell, und so fährt sein schonungsloser Stift auch diesmal entlang seines Lebensthemas. Versehrtheit durch Vergangenheit. Das betrifft sowohl die Vaterwatschn wie Mutters Nervenkrise, betrifft den Alltagsfaschismus im patriarchalen Kärntner Bauerndorf wie den dort herrschenden scheinheiligen Katholizismus.

Im Zentrum von „Lass dich heimgeigen, Vater …“ steht die Empörung des Ichs ob des Umstands, dass jahrzehntelang totgeschwiegen wurde, dass im Gemeinschaftsacker der sogenannten Sautratten der Massenmörder an den Juden Odilo Globocnik nach seinem Zyankali-Selbstmord von der britischen Besatzungsmacht einfach verscharrt worden war. Der „Globus“, der „Nazibluthund“ – „Zwei Millionen ham’ma erledigt!“, heißt es – als Lebensspender fürs Getreide, aus dem das tägliche Brot gemacht wurde, das verschlägt dem Autor später so das Essen, dass er fast bis zum Ableben abmagert.

Branko Samarovski, Marcus Kiepe und Leon Haller. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Liebe Vater! Böser Vater! Warum hast du geschwiegen, warum hast du es wohl verschwiegen, denn du mußt, wie all die anderen Dorfleute, wenn du uns deine Kriegserlebnisse und Kriegsabenteuer erzählt hast, vor allem zu Allerheiligen und Allerseelen, zu Ostern … auch auf der Feuchtwiese der Sautratten — du mußt es gewußt haben, gib’s zu, mein Vater …“ So beginnt die Anklageschrift.

In der sich Josef Winklers Kindheitserinnerungen und eben seines Vaters Kriegserfahrungen als Soldat und beider Entbehrungen mischen. Mit dem Onkel Franz, der bei der SS in Nürnberg „nur“ Schreibtischtäter war, und dem Onkel Hermann mit dem Hitlerbärtchen wird sich an diversen Feiertagstafeln ausgetauscht. Über gesunde Diktaturen und die Schweine-Russen und die noch viel schlimmeren Juden, ohne deren Selbstvernichtungstrieb man Stalingrad genommen hätte. Dazu die im Szegediner Gulasch rührende Mutter, in der guten Stube immer wieder verstorbene und aufgebahrte Großelternteile. Winklers Erinnerungsarbeit ist ein Schlachtengemälde, nie moralisierend, sondern maximal ausstellend, dabei privat mit politisch untrennbar verbunden. Strophen der Ungehorsamkeitsballade „Der Bauer schickt den Jockel aus“, die die einzelnen Textstellen einleiten, steigern die Non-Handlung ins Groteske.

Als wolle sie Winklers starke Sprachbilder nicht beschädigen, hält sich Regisseurin Alia Luque mit ihrer Inszenierung extrem zurück. Sie lässt im kahlen Saal spielen, erschafft ihn gleichsam neu als artifiziellen Raum, indem sie sich jeder realistischen Abbildung des Textes verweigert. Für fünf Schauspieler, Branko Samarovski, Marcus Kiepe, Leon Haller, Tino Hillebrand und Tobias Wolfsegger hat sie Bewegungsmuster erstellt. Eine Choreografie an Gängen und Gesten, einen Tanzgleichschritt als Winkler’sche Erinnerungsschleifen, kaum mehr ist ihr dazu aber eingefallen als Rennen durch den Regen und eine Anlehnung ans Ministry of Silly Walks. Währenddessen wird immerhin auf höchstem Niveau vorgetragen.

Branko Samarovski, Tino Hillebrand und Tobias Wolfsegger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Darsteller sind zu interpretieren als hypothetische Winkler-Alter-Egos, seine Sprach-Figuren, Wolfsegger der Knabe, Hillebrand der Handelsschüler, Haller der Jungautor, Samarovski der Schriftsteller im Jetzt, changierend zwischen einem Versuch von Altersweisheit und dem immer noch Aufbegehren. Marcus Kiepe nimmt die Sonderposition ein, als eine Skizze der in Winklers Text abwesenden, sich abwesend machenden Frauen.

Aus Kiepes (Ver-)Kleidung ergeben sich auch mögliche Vater-Mutter-Kind-Konstellationen. Tatsächlich ist er optisch wie schauspielerisch die Erscheinung des Abends, sein Agieren von großer Wahrhaftigkeit. Wie er mal wie somnambul, mal mit humoriger Süffisanz, mal mit plötzlicher Aggressivität durch die Sätze turnt, sie mal zerkaut wie zähes Fleisch, das will gehört werden. Seine Geste: eine einladende, ausladende, eine Umarmung andeutende.

Ganz wie die piksüßen, schwarzweißen Schlagersängerinnen, die über das einzige Requisit, einen alten Fernsehapparat, laufen. Dalida, France Gall, Milva, Melina Mercouri, Juliette Greco, Mireille Mathieu … Inwieweit diese Idee Luques sinnhaft gebraucht wird, wo der Konnex italienischer, französischer Musikshows zum „Vergib uns unsere Schuld“ eines Nachkriegsösterreichs sein soll, sei dahingestellt. Mitunter stören die geträllerten Chansons das konzentrierte Bühnengeschehen. Immer ekstatischer wird das Spiel, nicht nur Kiepe beherrscht das frontale mit dem Publikum, auch Hillebrand und Haller kokettieren giftig damit, wenn sie von zerstückelten Plastiksexpuppen und grün phosphorisierenden Kruzifixen erzählen, Samarovski sowieso gespenstisch gut, allerdings wenig gefordert, Tobias Wolfsegger eine Entdeckung, die auch mit zwei Tanzeinlagen parallel zum beschwingten Beschwichtigungs-TV glänzen darf.

Bei einem späteren Besuch im Elternhaus „kam der Onkel Peter mit meinem ersten Buch, auf dem ein Selbstmörder aus dem Dorf abgebildet war, aus dem Zimmer …, schlug der Onkel Peter neben meiner Mutter mein Buch mehrmals an seine Oberschenkel und rief: ,Sex und Kruzifix und Kruzifix und Sex! Abstellen! Abstellen! Er soll zu schreiben aufhören!‘“, berichtet Winkler schließlich zum Schluss. Das Kind, das einmal war, wird er in sich umbringen, dazu weiterschreiben müssen. Mit diesem grausigen Hoffnungsschimmer endet eine interessante, auch anstrengende Aufführung.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

mumok: Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre

November 7, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Objekte vom Wohnzimmer bis zum Gäste-WC

George Segal: Woman in a Restaurant Booth, 1961. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln. Bild: mumok
© Bildrecht Wien, 2017

Das Rheinland war in den 1960er-Jahren ein wichtiger Schauplatz für die Umwälzungen in der zeitgenössischen Kunst. Damals brach eine neue, international vernetzte Generation von Künstlerinnen und Künstlern mit dem traditionellen Kunstverständnis. Inspiration lieferte der Alltag. Alltagsgegenstände bildeten das Material. Diese Künstler arbeiteten zudem im städtischen Umfeld. Sie durchbrachen die Grenzen der Disziplinen und kollaborierten mit Musikern, Literaten, Filmemachern und Tänzern.

Am Puls dieser ungewöhnlichen Zeit begann der Kölner Restaurator Wolfgang Hahn die neue Kunst zu erwerben. Über die Jahre trug er eine der heute bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst mit Werken des Nouveau Réalisme, Fluxus, Happening, der Pop Art und Konzeptkunst zusammen. Nach einer erfolgreichen ersten Station der Ausstellung im Kölner Museum Ludwig wird die Sammlung des passionierten Kunstliebhabers ab 10. November auf zwei Ebenen im mumok zu sehen sein.

Yayoi Kusama: Silver Dress, 1966. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln. Bild: mumok

Daniel Spoerri: Hahns Abendmahl, 1964. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln. Bild: mumok © Daniel Spoerri/ Bildrecht Wien 2017

Hahn war Chefrestaurator am Wallraf-Richartz-Museum und später am Museum Ludwig in Köln. Doch bekannt wurde er vor allem durch seine Tätigkeit als Sammler, Vermittler und insbesondere Gastgeber. Hahn lebte nach der Forderung der Avantgarden: Kunst und Leben bildeten für ihn eine Einheit. Seine Beschäftigung mit der Kunst endete nicht mit getaner Arbeit. Sie wurde bei Galerienrundgängen und bis zu später Stunde im eigenen Haus weitergeführt. Künstler gingen dort ein und aus. „Das war unser Alltag, unsere Normalität. Derartige Abende waren zahlreich; interessant und belebend waren sie alle“, erinnert sich die Witwe Hildegard Helga Hahn an das Leben mit der Kunst.

Und so füllte sich die Doppelhaushälfte der Hahns nach und nach mit Arbeiten der heute wichtigsten Künstlerinnen und Künstler der 1960er-Jahre. Treppenhaus, Wohn- und Schlafzimmer, selbst Keller und Garten bis hin zum eineinhalb Quadratmeter großen Gäste- WC wurden zu Ausstellungsräumen für die von ihnen erworbenen Werke, darunter Arbeiten von Arman, Joseph Beuys, George Brecht, John Cage, Christo, Jim Dine, Robert Filliou, Allan Kaprow, Yayoi Kusama, Gordon Matta-Clark, Claes Oldenburg, Yoko Ono, Nam June Paik, Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri, Paul Thek, Jean Tinguely, Franz Erhard Walther, Andy Warhol, Lawrence Weiner, Wolf Vostell und vielen mehr.

Wolfgang Hahn im Wohnzimmer umgeben von Objekten aus seiner Sammlung, Köln, um 1970. © ZADIK – Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung, Köln. FotografIn unbekannt

Hahn war ein entscheidender Impulsgeber. Der blendend aussehende junge Mann, immer korrekt gekleidet im meist blauen Anzug, war stets der Erste und besuchte die Schauen oft noch vor der Ausstellungseröffnung. Gefielen ihm die Arbeiten, erwarb er sie. Als Daniel Spoerri Anfang der 1960er-Jahre mit seinem „Koffer“ unterwegs war und ihn unter anderem in Köln präsentierte, war Hahn vor Ort.

Seinem chronistischen Gespür folgend, kaufte er das Objekt später an. Ihm ging es jedoch nicht darum, seinen Geschmack oder einen Status Quo zu zementieren.

Hahn war beim Ein- und Verkauf risikofreudig. Seine Sammlung wurde beständig erweitert und ergänzt. Immer wieder verkaufte er Stücke, um Platz für neue Arbeiten zu schaffen. 1978 konnte ein Großteil der Sammlung vom mumok angekauft und 2003 durch einen weiteren Ankauf vervollständigt werden. Dazu kam 2005 die Schenkung der Bibliothek Hahn durch Hildegard Hahn. In der Gesamtheit bildet sie die ganze Komplexität der Kunst der 1960er-Jahre ab. Nun kann die Sammlung erstmals in vollem Umfang der Öffentlichkeit präsentiert werden.

www.mumok.at

7. 11. 2017

Lisa Eckhart: Metrische Taktlosigkeiten

Mai 27, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine schweinsfreche Sauklaue

Der vordergründigste Grund – und dieser ist tatsächlich tiefgründig, Lisa Eckhart zu mögen ist, dass sie eine extrem attraktive junge Frau ist. Eine, die sich stylt und die Haare schön hat und die Lippen rot und das Outfit immer vom Feinsten. Weil, Frauen generell, und sich aufmotzende Frauen noch mehr, haben in dieser mannsdominierten Welt nicht geistreich zu sein, und schon gar nichts zwischen satirisch bis sarkastisch. Das Kabarett noch dazu ist ein Machobauchladen, bis auf wenige Widerständlerinnen, eine Art sich klug die intellektuellen Fussel aus dem Nabel kletzelnder King Kong: Blonde Frau, schweig, du Opfer!

Und dann kommt das Mädchen Lisa, die wohl mehr als zufällig nach ihrem Simpson-Pendant heißt, und sagt: Fuck you! Wobei der dazu gekrümmte Mittelfinger kein Penisersatz, sondern ein Zeichen für die Überwindung der weiblichen Scham ist. Die Geste wurde derart bereits 1905 von Friedrich Salomon Krauss gedeutet. Wurscht. Lisa Eckhart also, Österreichischer-Kabarettpreis-Preisträgerin, hat ihre Dichtungen zwischen zwei Buchdeckeln verstaut: „Metrische Taktlosigkeiten. Eine Einführung ins politische Korrektum“. Und siehe, das schweinsfreche Schandmaul hat auch eine Sauklaue!

Siebzehn bitterböse Bühnentexte, in denen sie die Lebensrealität genussvoll zwischen den Fingern zerbröselt, und fünf pointierte Stellungnahmen zur Zeit hat sie zu einem Ganzen zusammengestellt, gemeine Reime, von genial bis trivial. Eckhart fleddert die illustren Leichen der Literatur und erschafft aus deren einzelnen Teilen entzückend pathetische Balladen-Bastarde. Beispiel I:

Es ist ein ganz normaler Tag, und mir wie immer schrecklich fad, ich lieg nur reglos und sinniere, esse Kuchen, masturbiere … Ich gönn mir kleinen Kelch Absinth, obgleich der Morgen erst beginnt, doch fremd ist mir jed Anstandsmauer, für einen Alkoholiker ist jede Stunde Happy Hour. Ich fühl mich schick wie Oscar Wilde, und, am Toilettenrand verkeilt, frag ich mich, ob auch dieser sich damals so schick erbrach wie ich …

Es gibt Neudichtungen von „Faust“ bis zur Bundeshymne, Politisches über die FPÖ (Faux-pas-Österreich) und andere Parteiwiedergänger, der Weihnachtsmann wird zum Kinderschänder, und der Osterhase verpaart sich mit der Osterhenne – dies das grauslichste Gedicht von allen. Erstaunlich überhaupt ist, wie intensiv sich Eckhart mit der Religion beschäftigt, am heftigsten im kannibalistischen Poem „Der letzte Abendgemahl“, wo man doch dachte, nur die bayerischen Kabarettisten müssten sich herkunftsbedingt nonstop am Brachial-Barock-Katholischen abarbeiten. Beispiel II:

Gott … wurde sich des Ausmaßes seiner Machteinbuße erst vor einigen Jahren bewusst und verteilte daraufhin in Panik erstmals Feedback-Bögen an die Menschheit. „Bewerten Sie die derzeitige Schöpfung mit Prädikaten wie 1. Hosanna, Juchhe! 2. Leiwand. 3. Befriedigend. 4. War schon mal besser. 5. Bitte, Gott, lass mich sterben!“ Es wurde allerdings strenggenommen kein internationales Ergebnis erzielt, da nicht alle Antworten ordnungsgemäß ausgewertet werden konnten. Die dritte Welt hat die Fragebögen gegessen, Österreich nicht anständig zugeklebt und Israel und Palästina haben das Papier lieber zerrissen, zu kleinen Bällchen gerollt und sich damit gegenseitig bespuckt. Dennoch trat ein eindeutiges Stimmungsbild zutage. Unter dem Punkt Verbesserungsvorschläge schrieb fast ein jeder der Befragten: „Lass es gut sein, Gott.“ Und Gott sah, dass es gut war und trat von seinem Amt zurück.

Sozusagen als Bonustrack im Buch gibt es ein Interview, das Michael Niavarani mit Eckhart führt, ihn hier den „Entdecker des Talents“ zu nennen, wäre siehe oben uähh!, aber die beiden haben einander was zu sagen. Sei’s über die political correctness als Einbahnstraße, den (Irr)sinn des Genderns oder den Willen des Kabarettisten zur Macht. Wem Schopenhauer zu optimistisch, Nietzsche zu wehleidig und Kafka zu fröhlich ist, der könnte an diesem Werk genesen.

Niavarani: Hast du jemals daran gezweifelt, ob du Künstlerin bist, oder nicht?

Eckhart: Also, ich war immer überzeugt davon, dass ich ein Publikum verdiene.

Lisa Eckhart hat nicht nur ein Schandmaul, sondern auch eine Schweinsklaue. Bild: Moritz Schell

Über die Autorin:
Lisa Eckhart, geboren 1992 in Leoben in der Steiermark, ist Poetry-Slammerin und Kabarettistin. Sie wuchs bei ihren Großeltern auf, studierte später in Wien und Paris, lebte in London und Berlin. Die erste Masterarbeit zum Thema Weiblichkeit und Nationalsozialismus ausgehend von Joseph Goebbels Tagebüchern wurde verworfen, ihre zweite Masterarbeit – schließlich ein „Sehr gut“ – befasst sich mit der Figur des Teufels in der deutschsprachigen Literatur. Nach dem Studium absolvierte Eckhart mehr als zwanzig erfolglose Vorsprechen an Schauspielschulen und entdeckte schließlich den Poetry Slam für sich, weil dort „angeblich selbst der untalentierteste Auswurf eine Bühne findet“ (O-Ton Eckhart). 2015 gab sie mit „Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“ ihr Kabarett-Solodebüt, für das sie mit dem Förderpreis des Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet wurde. Eckhart ist immer wieder Teil des Rateteams in der ORF-Show „Was gibt es Neues?“

 

Verlag Schultz & Schirm, Lisa Eckhart: „Metrische Taktlosigkeiten. Eine Einführung ins politische Korrektum“, Bühnendichtung, 144 Seiten.

www.lisaeckhart.com

www.schultzundschirm.com

Wien, 27. 5. 2017