Schauspielhaus Wien: F for Factory

Oktober 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Halte die Verzweiflung privat und kurz …

Bei Maximilian Brauer geht’s um die Wurst. Bild: © Matthias Heschl

Zum vermuteten Ende hin verliest Maximilian Brauer eine Art Manifest, in dem unter Punkt sechs, oder war es sieben?, aufgelistet steht: „Halte die Verzweiflung privat und kurz“. Nun denn, sie sei in diesem einen Wort formuliert: entbehrlich; ebenso möglich: Zeitvernichtung. Das Schauspielhaus Wien eröffnete die Saison, nachdem das ursprünglich dafür vorgesehene Projekt des Duos Vinge & Müller verschoben werden musste, mit der Stand-up-Anarchie „F for Factory“.

Eine Aktion, die Vinges Stammschauspieler Maximilian Brauer tonangebend ausführte. Dies natürlich eingedenk des norwegischen Theatermachers, und völlig neben der Spur, lässt man sich von der Schauspielhaus-Seite dazu verleiten, irgendetwas von/über/mit Andy Warhol und seinem legendären New Yorker Studio zu erwarten. Die ganze Irreleitung hält sich vielmehr für so impulsiv, dass das Schauspielhaus nicht einmal eines seiner sonst stets inhaltsreichen Programmhefte für angebracht erachtete; statt eines solchen gibt’s einen Vierseiter mit vielen Fotos und ein bisschen Werbung.

„Gleich beginnt der Theaterabend“, verkündet Brauer bereits im Foyer, und als er dies zum x-ten Male tut und eine Dreiviertelstunde „Werkeinführung“ verstreicht, hat man begriffen, dass diese Verabredung nicht eingehalten werden wird. Und düster steigt die Ahnung auf, hier geschieht nichts Wesentliches mehr, hier findet die Komplettverweigerung statt. Theater kann von der Mode also tatsächlich nicht nur zertrümmert, sondern auch zu Tode gequatscht werden, mit dem Ergebnis eines diffusen post-post-post … postfaktisch, und weil dieses bekanntlich schon gestern war, postintellektuell, jedenfalls aber post jeden Inhalts.

Unter Ausschluss von großen Teilen der nicht einmal seinen Haarschopf sehenden Zuschauer kaspert sich Brauer durch den Schauspielhaus-Vorraum, verteilt Sekt und Schokobananen, versucht sich an „Malen nach Zahlen“ und einen Diaprojektor in Gang zu bringen, und gibt einem vorbeifahrenden D-Wagen Regieanweisungen: „Etwas leiser bitte!“ Um Klamauk und Kalauer keine Sekunde lang verlegen, setzt sich das Geduldsspiel schließlich doch im Bühnensouterrain fort, an drei Seiten um die Spielfläche sind Podien fürs Publikum aufgestellt, in der Mitte verspricht Brauer, inzwischen angetan mit einem Quarterback-Kostüm und Runde um Runde übers Parkett drehend, diesem „eine Art Zaubershow ohne Tricks“.

Jesse Inman gibt alles, was immer das auch sein mag. Bild: © Matthias Heschl

Kurz noch die Handgelenke in der ersten Reihe per Handblitz „gescannt“ und auf einer Personenwaage „das Gewicht des Abends“ ermittelt (Brauers 71 Kilo), dann geht’s auch schon los mit dem … Einsudeln mit Ketchup und Schlagobers und Dosenbohnensuppe und dutzendfachen Auslegen desselben Posters als „Siebdruck-Serie“. Brauers „Es geht um Reproduktion“ ist in diesem Moment ohnedies eh klar, heiliger Pop-Art-Artist, bitte für uns …

Wozu, und wirklich: wozu?, Vera von Gunten die Rumpelstilzchen-Litanei „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Andy Warhol heiß‘!“ zum Besten gibt. Und apropos, Bestes, darum bemüht sich auch Jesse Inman als Was-auch-immer. Höhepunkt der krausen Gedankencollage sind zwei Gastauftritte, ein Pizzabote, der bemitleidenswert irritiert ins Tohuwabohu stolpert, bis man ihn aufklärt, wer die beiden Margarithas bestellt hat, und ein Rosenverkäufer mit deutlich mehr Entertainerqualitäten, der – Applaus-Verbeugung-Applaus – beinah nicht wieder aus dem Saal zu kriegen ist.

Dazu Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, Laurent Pellissier, kann aber auch Franz Beil sein, als Old Shatterhand für Ärmere, während Brauer einen Rucksack mit der Aufschrift „Verantwortung“ schultert und palettenweise Cola und Gummibonbons ins Publikum schleudert. Auch die Pizzen wurden brüderlich-schwesterlich geteilt. So ist immerhin der Bauch voll, wenn schon der Rest sinnleer. Die Berliner Band Goshawk, zwei E-Gitarren, ein Schlagzeug, schrammelt, als ob ihr Leben daran hänge. Menschen gehen und sind gegangen, andere kommen mit Bier oder nach der Toilette zurück. Zwei Frauen lassen sich selbst durch einen Brauer-Strip nicht zum Bleiben bewegen.

„Ich hoffe es stört euch nicht, wenn ich bis zur nächsten Vorstellung durchspiele“, soll Brauer noch gedroht haben, aber da hörte man selber das Schwermetall von Goshawk schon vom Usus aus – Stichwort: Seelentrösterzweigelt. Was man nach „F for Factory“ fühlt, ist wie Pädagogen-Burn-out. Nach stundenlanger Beobachtung von Zappel-Mäxchen hat einen dessen mit blinkenden Dinosauriern und einem ferngesteuerten Auto ausgelebte Hyperaktivitätsstörung doch ziemlich ermüdet. Wie schrien dereinst Country Joe & The Fish & die Community in Woodstock? „What’s that spell?“ – „F***!“ „F for Factory“ ist jedenfalls was für Sitzfleischmalträtierer und Gehirnmasochisten.

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  1. 10. 2019

Schauspielhaus: Das Leben des Vernon Subutex 1+2

Mai 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Currysuppe gegen Dreigangmenü

In der Bar Rosa Bonheur: Clara Liepsch als Céleste, Steffen Link als Daniel, Simon Bauer als Patrice, Jesse Inman als Vernon Subutex, Sebastian Schindegger als Xavier und Anna Rot als Hyäne. Bild: © Matthias Heschl

Die Zweiklassengesellschaft gibt es sogar beim Nachtmahl. Besteht dies doch für die einen aus Currysuppen-Street-Food, immerhin einzunehmen in Anwesenheit des Titelantihelden, für die anderen hingegen wird Boboausspeisung aufgewartet, Spargelrisotto und so, an der prächtigen Tafel von Marie-Ange und Xavier. Die Kluft zwischen oben und unten symbolisiert mit Plastikschüsseln vs Porzellantellern, auf dem ureigensten Gebiet der Franzosen also, der Küche.

Das passt perfekt zum kapitalismuskritischen Grundton von Virginie Despentes‘ Bestsellerromanen „Das Leben des Vernon Subutex“. Deren Teile 1+2, in Buchform ist die Trilogie vollendet, zeigen Tomas Schweigen und Tobias Schuster nun in von ihnen erstellter Bühnenfassung am Schauspielhaus Wien, Regie: Schweigen, und die Erwartungen an dessen szenische Umsetzung der literarischen Sensation der Jahre 2015 bis 2017 werden nicht enttäuscht. Schweigen packt Despentes‘ witzig-wütenden Text über Abstiegshysterie und Anspruchsdenken in eine vierstündige Tour de Force für sieben Schauspieler. Bis auf Jesse Inman als Subutex haben alle mehrere Rollen zu stemmen, und sie tun dies mit dem für sie typischen Mix aus Eindringlichkeit und Nonchalance.

Vernon Subutex, der Vorname einem Pseudonym des französischen Autors Boris Vian entliehen, der Nachname der eines Schmerzmittels, das man in der Behandlung Heroinabhängiger einsetzt, ist ein pleitegegangener Plattenladenbesitzer. Allein der Beruf schon Hinweis auf Vernons Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein, und nachdem er verkauft hat, was irgend verkauft werden konnte, der nächste Schicksalsschlag: Sein Finanzspritzen setzender Freund und Popstar Alex Bleach stirbt an einer Überdosis. So wird Subutex zum Sofasurfer, kurvt von einer Couch zur nächsten, erschleicht sich Schlafgelegenheiten bei ewig nicht mehr gesehenen Freunden, ehemaligen Geliebten, Ex-Bandkollegen.

Ein letztes Ass hat Vernon noch im Ärmel: Alex hat ihm die Videoaufzeichnungen eines Selbstinterviews hinterlassen, das letzte Zeugnis des Musikgenies, ein Gottesgeschenk für den Boulevard. Und so hat es Vernon bald nicht nur mit seiner früheren Bassistin, jetzt schwer übergewichtigen Emilie, dem verkrachten Drehbuchautor Xavier oder seinem alten Freund und Frauenprügler Patrice zu tun, sondern auch mit dem skrupellosen Filmproduzent Dopalet, der Vernon zwecks Erhalt der Bänder die „Hyäne“ auf den Hals hetzt … So verrückt das klingt, so irre ist es auch. Despentes lässt vom identitären Skinhead bis zur muslimischen Jusstudentin, vom koksenden Trader über den transsexuellen Pornodarsteller, von der promiskuitiven Musikjournalistin bis zur Cyber-Mobberin keine Spielart der Gattung Mensch aus, um ihre These einer radikalisierten Einzelkämpfergesellschaft zu untermauern.

Vernon mit Patrice und Xavier: Simon Bauer, Jesse Inman und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Vernon gibt Emilie die Bänder mit Alex Bleachs Autointerview: Vera von Gunten und Jesse Inman. Bild: © Matthias Heschl

Den karriere- und gewinnorientierten Druckkochtöpfen stellt sie ein Personal an abgeklärten Aussteigern gegenüber, etwa die überzeugte Obdachlose Olga, und so nimmt es nicht wunder, dass in all dem Chaos ausgerechnet der abgesandelte Vernon Subutex der Ruhepol ist. Jesse Inman spielt ihn mit der würdevollen Lässigkeit eines, dem das Begreifen dafür fehlt, was das Dasein an Tiefschlägen für ihn vorgesehen hat. Ihre Desillusionstiraden lassen Simon Bauer als Dopalet und Patrice, Vera von Gunten als Emilie und Lydia Bazooka, Schauspielhaus-Neuzugang Clara Liepsch als Olga und Céleste, Steffen Link als Kiko und Daniel, Anna Rot als Sylvie und Hyäne und Sebastian Schindegger als Xavier auf ihn los. Jacob Suske begleitet den Angst-und-Aufgebrachtheitschor als Musiker.

Wiewohl Schweigen und Schuster von den aberhunderten Romanseiten etliche streichen mussten, ist ihnen ein konzises Destillat der ersten beiden Vernon-Bände gelungen, das kein Despentes-Thema – furchtsam-verunsicherte Mittelschicht, Aufstieg der Neuen Rechten, Islamisierung, Digitalisierung …- unerwähnt lässt. Wie die Autorin betreiben auch die Theatermacher in den von ihnen ausgebreiteten Milieus soziologische Devianzforschung. Dies in Form szenischer Miniaturen, dann wieder in Erzählpassagen, auch Spielfilmsequenzen, umgesetzt von Nina Kusturica und Michael Schindegger, sind ein Mittel der Wahl.

Live oder via Leinwand zeigt sich das Schauspielhaus-Ensemble in Hochform. Jesse Inman schafft auf sympathische Weise den Wandel vom Zero zum Szene-Hero und retour. Extrem wandlungsfähig sind auch Steffen Link, der sich nicht nur von Debbie zu Daniel verändert, sondern auch vom Rechtsdenker Kiko zum rechtsradikalen Schläger Loïc, und Clara Liepsch, die von der kurzgeschürzten Kellnerin zur matronenhaften Olga optisch die größte Metamorphose durchmacht. Und gerade als die Sache wegen ausufernder Monologe aus dem Ruder zu laufen scheint, fällt der Vorhang, heißt: das Projektionstuch, und gibt den Blick auf ein schickes Loft und die Party darin frei. Vernon Subutex arbeitet mit genialischem Gespür für den Geschmack des Publikums seine Playlists ab, die Zuschauer sind zur Gemeinschaftsekstase auf die Spielfläche eingeladen. Da kann man verschmerzen, dass einen das in den letzten Band der Trilogie verweisende apokalyptische Ende ohne entsprechendes Vorwissen nicht wirklich erreicht, Hinweis: es geht um die Terroranschläge vom 13. November 2015 in Paris, Hauptsache das Leben ist ein Rave.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=PJ5ETBPDvZo

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1. 5. 2019

Schauspielhaus Wien: Die Hauptstadt

September 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Menasses Inside-Brüssel-Roman als Bühnensatire

Die Fädenzieher im Hintergrund: Steffen Link als Romolo Strozzi und Jesse Inman als schweinsköpfiger Attila Hitegkuti. Bild: © Matthias Heschl

Man könne, so dachte man, mit der Umsetzung von Robert Menasses mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Brüssel-Bestseller „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646) auf der Bühne nur in Schönheit scheitern. Zu viele Protagonisten, viel zu viele verzwirbelte Handlungsstränge, als dass ein solches Unterfangen gelingen könnte. Falsch gedacht.

Am Schauspielhaus Wien zeigen Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster, beide für die Bühnenfassung des Texts verantwortlich, wie’s geht. Sie haben die Essenz dieser Europa-Satire exemplarisch destilliert, und behandeln in knackigen zwei Stunden Menasses große Themen – vom scheint‘s undurchdringlichen Dickicht der EU-Bürokratie über die grotesk-intrigante Beamtenschaft und auf eigenstaatlichen Standpunkten beharrenden Politiker bis zum nicht klein zu kriegenden Geist des Nationalismus.

Dieser entzündet sich diesmal an einem eigentlich für ein Prestigeprojekt gedachten Papier: Weil die Europäische Kommission unter Imageproblemen zu leiden hat, soll die Generaldirektion für Kultur zum 50. Geburtstag derselben einen Festakt organisieren. Ergo macht man sich in der ungeliebten, vernachlässigten Abteilung Gedanken um ein mögliches Motto – und landet bei Auschwitz. Das Vernichtungslager der Nazis als Motor der Gründung der Europäischen Union, geschuldet einem Niemals Vergessen! und einem Nie mehr wieder! Ein entsprechender Plan wird ausgearbeitet und rundgemailt – und schon bricht die Hölle los, brechen alte Gräben auf. Die Beamten darin Aufrechterhalter eines Status quo, ohne Vorstellungskraft für die Zukunft, die Politiker festgezurrt an ihr Modell des Nationalismus als Identifikationsobjekt für ihre jeweils wahlberechtigen Bürger.

Bihler verlegt das Geschehen in eine von Josa Marx gestaltete Bar wie aus grünem Onyx. Darin tummeln sich seltsame, kafkaeske Gestalten, die Gesichter weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, aber fesch glänzend in Schale, die ganze untote Brüsseler Beamtenschaft. Viel Pantomimisches läuft hier ab, ein Zombietanz, ein Gespensterballett, immer wieder Stasis, Zeitlupe, dann Zeitraffer-Bilder, Zuckungen wie von Insekten, die gegen Flammen fliegen. Der Zeremonienmeister in dieser Szenerie ist Bardo Böhlefeld als diabolischer Barmann. Er ist gleichsam Erzähler wie Spielleiter, eine Art Maschinenmensch mit zunehmender Funktionsstörung. Unheimlich, wie er um die anderen Figuren schleicht, wie er Vanitas-Videos, ein verrottendes Stillleben mit Milch und Motte, an die Wand werfen lässt, bis ihm selbst schließlich wortwörtlich der Saft ausgeht.

Der diabolische Spielmacher und seine Beamtenfiguren: Jesse Inman, Bardo Böhlefeld und Sophia Löffler. Bild: © Matthias Heschl

Brüsseler Zombietanz: Simon Bauer, Steffen Link, Jesse Inman, Sophia Löffler und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Antiheld des Ganzen ist Simon Bauer als Martin Susman, ein schwermütiger, ein österreichischer Mensch ganz am Rande des Machtzentrums, aufgerieben zwischen den Begehrlichkeiten seines Bruders, der den Jüngeren als Lobbyist für seine Schweinezucht-Interessen instrumentalisieren will, und denen seiner Vorgesetzten Fenia Xenopoulou, die eigentlich auf dem Sprung zum nächsten Karriereschritt wäre, der aber nicht kommen mag, so lange sie in der „Kultur“ vor sich hin dümpelt.

Bauer stattet seinen Susman mit einer augenrollend komischen Verzweiflung aus, Sophia Löffler macht aus Fenia eine flirrende Person, die um vermeintlich höher Gestellte verlegen umhertänzelt, während sie ihre eigene Truppe mit harschem Kommando führt. Ständig arbeitet es in ihrem um „Visibility“ bemühten Gesicht, aber ach, der Pragmatismus … Jesse Inman darf als Susmans begrenzt enthusiastischer Kollege Bohumil Smekal Elvis singen (muss sich aber gleichzeitig wegen der Heirat seiner Schwester mit einem tschechischen Nationalisten grämen), und als Attila Hitegkuti Fenias Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Schließlich Steffen Link, der sich als Fenias Liebhaber Frigge zähnebleckend geschmeidig macht, und als Florian Susman zum typisch hiesigen Funktionär, bevor er als Kabinettchef Romolo Strozzi – dieser cool in güldenen Frauenkleidern und auf High Heels – Fenias Plänen die Fäden zieht. Bihler zeigt Robert Menasses heiter bis wolkige Liebeserklärung an die große Idee Europa als Brüsseler Spitzen. In genau jenen Zerrbilder und Klischees, die für etliche die unelastischen EU-Eingeweide ausmachen. Viel ließe sich über die Aufführung am Schauspielhaus noch sagen. Böhlefeld etwa berichtet über den im Buch überaus wichtigen David de Vriend, einen Holocaustüberlebenden, der nun in einem Altersheim seinem Lebensabend entgegendämmert. Kommissar Émile Brunfaut und dessen Mörderjagd fehlen, was verständlich, aber schade ist, weil seine Geschichte direkt mit der de Vriends zu tun hat. Die Sau, die Menasse leitmotivisch durch seinen Roman laufen lässt, eine Metapher für eine ganze Breite ideologisch geprägter Europabilder, taucht im Schweinsgalopp der Inszenierung immer wieder nur kurz auf.

Bleibt Professor Alois Erhart, der zweite Österreicher im Setting, gespielt von Sebastian Schindegger, und bereits im Roman eine faszinierende Figur. Wie ein Fremdkörper tritt er immer wieder dann in Erscheinung, will er sich offenbaren, wenn die anderen mit „wichtigen Geschäften“ beschäftigt sind. Ein sympathisch-tollpatschiger Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Thinktank über die Zukunft der Union eingeladen. Den sprengt er ob des dargebotenen Schwachsinns mit einer Rede, in der er seine Sorge formuliert, Europa könnte derzeit von Politikern gemacht werden, von denen der europäische Grundgedanke so weit weg ist, wie eine gute Kinderstube. Dem lässt sich angesichts aktueller Entwicklungen nichts hinzufügen. Auf der Schauspielhaus-Bühne wird indes mit Robert Menasse weiter diskutiert werden über dieses als nachnationale Gemeinschaft gedachte Gebilde, geboren aus einem europäischen Wahnsinn, den jetzt viele wieder für normal halten.

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  1. 9. 2018

Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

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  1. 1. 2018

Schauspielhaus Wien: Blei

April 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spurensuche in kollektiven Gedächtnislücken

Zwiegespräch mit einem Zeitzeugen: Sebastian Schindegger und auf der Leinwand Zvonimir Springer. Bild: Matthias Heschl

Es ist die Geschichte, die ihr Großvater, der begnadete Geschichtenerzähler, nie erzählte: „Blei“. Benannt nach Bleiburg, nach Beilegung des unsinnigen Ortstafelstreits: auch slowenisch Pliberk, und nach dem Blei, das dort noch im Boden liegt. Munition und Waffen in einem Acker, der stummer Zeuge eines Kriegsmassakers ist. Geschehen im Mai 1945. Gräuel, die bis in die Jugoslawienkriege der 1990-Jahre, bis zu heutig-umstrittenen Gedenkfeiern nachwirken.

Und wie so oft bei derlei Schreckenstaten sind die Grenzziehungen Täter-Opfer, Gut-Böse, Überforderung-Mutwilligkeit nicht einfach zu ziehen. „Blei“ heißt die jüngste Produktion am Schauspielhaus Wien. Die junge Autorin Ivna Žic hat sich gemeinsam mit Hausherr Tomas Schweigen und seinem künstlerischen Team auf Spurensuche in ihrer Familiengeschichte begeben und ist dabei auf kollektive Gedächtnislücken gestoßen. Die Ergebnisse der Theaterrecherche, ein erster Work-in-Progress-Zwischenstand, sind teils auf Leinwand und live-synchronisiert zu sehen, teils als Dokudrama, für das Vera von Gunten, Jesse Inman, Sebastian Schindegger und Jacob Suske in verschiedene Positionen schlüpfen. Von der eigenen in die der Autorin (von Gunten zunehmend verzweifelnd in den Laptop hackend) und deren Großvater (Schindegger kettenrauchend in einer aufgebauten Wohnküche). Oder in die von Gottfried Glawar (Suske), der in Bleiburg ein Fundstückemuseum betreibt. Oder von Zvonimir Springer, einem der letzten noch lebenden Überlebenden …

Die Geschichte beginnt 1941. Hitler gibt Befehl zum Einmarsch in Jugoslawien, und Kroatien gründet sich als faschistischer Nazi-Puppenstaat neu. Die Geschäfte liegen in der Hand der Ustascha und deren „Führer“ Ante Pavelić, der nach seinem großen Vorbild den Genozid an Serben, Juden, Roma vorsieht. Schnitt. 8. Mai 1945. Die Partisanentruppen unter Tito, nunmehr bereits die „Jugoslawische Volksbefreiungsarmee“, dringen bis Zagreb vor. Das dortige Militär entscheidet sich für die Kapitulation, will sich jedoch den bereits hinter der slowenisch-österreichischen Grenze in Stellung gegangenen Briten ergeben.

Je nach Quelle 150.000 bis 300.000 Menschen sollen sich auf den Weg gemacht haben. Darunter viele Zivilisten, wie die Geschirr- und Kinderspielzeugfunde belegen. Doch die Soldaten immer noch schwer bewaffnet – und Hitlerverbündete. Weshalb ein ob der Massen in die Enge getriebener und mangels funktionierendem Feldtelefon von seinem Stab abgeschnittener Brigadier Scott – natürlich eine Rolle für Jesse Inman – die Schutzsuchenden „zwangsrepatriierte“. Was nun folgte, wird je nach Blickwinkel anders politisch instrumentalisiert, als Kreuzzug überschrieben oder als Todesmarsch vereinnahmt. Noch in Kärnten, außerhalb der Sichtweite der Briten, kam es zu ersten Hinrichtungen. Die Zahl der ums Leben Gekommenen – unklar, Teile ihres Hab und Guts – im Bleiburger Acker, mit dabei – Großvater Žic, bis zuletzt schweigsam …

In Großvaters Wohnküche. Bild: Matthias Heschl

Live-Kamera auf die Landkarte: Statt Soldaten begeben sich sinnbildlich Schachfiguren in Grenzsituationen. Bild: Matthias Heschl

Wollte er sich über seine Vergangenheit bedeckt halten oder war die Erinnerung zu schmerzhaft? Diese und andere Antworten gibt „Blei“ nicht, der Abend ist eher dazu angetan, weitere, neue Fragen aufzuwerfen – in langen Einstellungen sieht man die müden, durchgefrorenen Schauspielergesichter und wie sie sie denken -, und das ist ob der unterschiedlichen Lesarten der historisch eruierten Fakten gut so. Die Übersetzung des Dokumentarischen von der Leinwand ins Künstliche, ins Künstlerische der Bühne scheint der einzig mögliche Schachzug, einer für Nachgeborene schwierigen Einordnung der dort vorgestellten Erinnerungen beizukommen. Bleiburg bleibt ein Feld des Unsagbaren.

Am Ende, in einem starken, (nach so viel Realismus-Bemühen) poetischem Schlussbild, kapituliert auch das Schauspielhaus-Ensemble. Vor dem Nichtwissen, vor dem sowieso Nicht-Verstehen-Können. Es mehren sich die Zweifel am selbst gesuchten Projekt, an den eigenen Erkenntnismöglichkeiten, an der Chance generell, Geschichte fassen zu können. Aus x-en Erdsäcken wird auf der Spielfläche der Bleiburger Acker aufgeschüttet, man suhlt sich in einer dreckigen Vergangenheit, besudelt sich mit ihr. Ivna Žic, auf der Leinwand selbst präsent, will ihre Arbeit als Beginn eines Dialogs über eine (für sie anzunehmen schmerzhafte) Familienvergangenheit verstanden wissen. Als ein nie geführtes Gespräch mit dem Großvater. Nur so, über diesen persönlichen Zugang, ist die historische Dimension des Gezeigten im Schauspielhaus wohl zu deuten.

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Wien, 22. 4. 2017