Werk X im Wohnzimmer: Je suis Fassbinder

April 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gruppenkuscheln in Kokomo

In der Krise – Gruppenkuscheln: Lisa Weidenmüller, Annette Isabella Holzmann, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Matthias Heschl

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Schreit auf der Bühne einer „Aus““, dann hat sich entsetzte Andacht einzustellen. Nicht so im Werk X. Dort kann sich Martin Hemmer die Lunge aus dem Leib quetschen, Andreas Dauböck wird seinen Solo-Jam bis zur letzten Note ausführen. Eine schwere Schlappe, die der unterm behaglich warmen Lampenschirmlicht sitzende Multiinstrumentalist der selbstbehaupteten Autorität von Hemmers Bühnen- charakter Stan da verpasst.

Macht und Kontrolle, die dieser zu haben vermeint, weil er hier so etwas wie Autor-Regisseur in Personalunion ist. Ein Filmemacher, und nicht irgendeiner, Stan spielt den großen Rainer Werner, „Je suis Fassbinder“, wie er getreu des Stücktitels von Falk Richter erklärt, und noch bis Sonntag um Mitternacht ist dessen Inszenierung von Amina Gusner beim Werk X im Wohnzimmer auf werk-x.at kostenlos zu streamen.

Der designierte neue Spielmacher der Münchner Kammerspiele ist bekannt für sein Handanlegen beim radikalen Gegenwartstheater, um damit der Rechten eine aufzulegen. Hier zieht er Parallelen zwischen den restriktiven Regierungsmaßnahmen aufgrund des RAF-Terrors 1977 und dem nicht-erklärten Ausnahmezustand aktueller Tage. Als Folie dient der Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ von Schlöndorff, Kluge und eben Fassbinder, und klar ist, dass Stan Schauspieler Arthur Werner gleich eingangs dessen Interview mit Mutter Liselotte Eder proben lässt (das Original: www.youtube.com/watch?v=LL14D9gmqMM), und gut ist, das Gusner Falk Richter von Anfang an den Suaden-Zahn zieht.

Werk-X-like mengt Gusner die Posse ins Politische, die Groteske unter die Gesellschaftskritik, das sorgt für Deeskalation auf der nach oben offenen Richter-Skala. Zwischen den Schminkspiegeln der Künstlergarderoben und einer weiß ausgeschlagenen Spielfläche, das Probensituationssetting wie stets von Gusner-Schwester Inken, sekkiert Stan die Kollegenschaft bis aufs Blut. Immer wieder muss Werner, blond und im Leopardenmantel, die Worte wiederholen, Liselotte wünsche sich einen „autoritären Herrscher, der ganz gut ist und ganz lieb und ordentlich“, bis er schon nicht mehr weiß, was irr und was real ist. „Bei mir ist alles Text“, bescheidet ihm Stan.

Und zwar immer und mega-meta. All the world’s a stage, and all men and women merely players. Äußert sich Christoph Griesser auf höchst problematische Weise über „Opfer“ sexueller Übergriffe, bei Arabern kreischt ihr, aber ein geiler Italiener wär‘ euch sehr willkommen, brüllt Lisa Weidenmüller nicht ihn an, sondern fragt panisch: „Stan? Hast du das geschrieben?!“, darauf Griesser schüchtern: „Das war die Rolle, nicht ich“. Als das Team klare Vorgaben fordert, entgegnet Stan: „Europa hat keine Richtung. Wie soll ich da eine Richtung haben?“

Annette Isabella Holzmann mit Petra-Perücke. Bild: © M. Heschl

Christoph Griesser gibt wie immer alles. Bild: © Matthias Heschl

Arthur Werner als Liselotte im Leopelz. Bild: © Matthias Heschl

Andreas Dauböck bei der Arbeit. Bild: © Matthias Heschl

Lisa Weidenmüller, angstvoll. Bild: © Matthias Heschl

Fassbinder, verzweifelt: Martin Hemmer. Bild: © Matthias Heschl

Wie zeitlos zeitgemäß das ist. Die Furcht vorm „schwarzen“ überwiegt die Abscheu vorm starken Mann, es folgt eine ominöse Werte- und Abschiebediskussion, geschrieben im Schatten der Kölner Silvesternacht, die Angst vorm Gewaltpotenzial der Ausländer, Feindbild Flüchtlinge. Zustände im Land, die „Frau“ Werner so lautstark beklagt, wie jene Yoga-Jammerlappen, zu denen die einheimischen Herren der Schöpfung verkommen seien.

Der Filmcast geriert sich als Wohlstandserhalter, der/die wütende Weiße, der/die jene Welt beherrscht, die die Populisten so einfach zu erklären wissen, nur kein differenziertes Denken auf diffizile Inhalte verschwenden!, und der/die trotzdem oder deswegen in Verwirrung, Verdrängung, Verständnislosigkeit lebt. Man formiert sich zum Soldateka-Chor, im Gleichschritt werden imaginäre Gewehre repetiert, wer die Qual der Wahl hat, wofür er sich engagieren soll, ist im Zweifelsfall gegen alles. Ferngesteuert, fehlgeleitet, fremdbestimmt.

Die Falk-Richter-Figuren sind fassbinderisch in Rainerkultur. Hemmer changiert vom fiebrigen Berserker zum charismatischen Seelenbeschauer zum verzweifelten Zeitdiagnostiker zum Manipulator seiner Mitarbeiter, ein unerbittlicher Clan-Chief und ein demütig Gläubiger im moralischen Anstaltstheater. „Stopp, gleich nochmal, Kamera läuft, und bitte, gut – danke, wir haben’s“, kommandiert er, während die Impro seine Viererbande ins Private entgleisen lässt. Familienkrieg und Festung Europa, Geschlechter- und weitere darzustellende Rollen, Klassen- und andere künstlich geschaffene Unterschiede, Fassbinders Frauen erscheinen, Petra, Martha, Maria, Lola, Veronika, Feminismus stellt sich contra Faschismus …

Mehr und mehr werden die inneren Strukturen der Truppe freigelegt, es folgen Schnaps- und Schattenspiele, Lisa Weidenmüller trimmt sich mit überbordender Spielfreude auf Zicke, kann aber „die Leere“ am Schminktisch, da ein solcher nicht vorhanden ist, nicht mit Text füllen, Annette Isabella Holzmann macht mittels Brautschleier ihre Herzensangelegenheiten deutlich, aus Weitblick wird Innenschau, der überforderte Regisseur klampft E-Gitarre, bis sich einer, Christoph Griesser nämlich, gleich dem vollalkoholisierten Fassbinder im Film nackig macht – und als pervers beschimpft wird. Theater-auf-dem-Theater meets Film-im-Film.

Im Gleichschritt zum Erhalt der Werte: Lisa Weidenmüller, Christoph Griesser, Martin Hemmer, Arthur Werner und Annette Isabella Holzmann. Bild: © Matthias Heschl

Was Tragikomisches hat das, wie ausgerechnet das diktatorische Regime Kunstschaffen, „es gibt hier nur einen, der das Sagen hat, und das bin ich“, dreht Stan durch, Demokratie vorleben will. Versuch gescheitert im Streit um fette Szenen und das beste Scheinwerferlicht und den blankärschigen Spanier-Schnuckel im Arm! Mit Verve setzen Falk Richter/Amina Gusner die Krämpfe im künstlerischen Prozess mit den Kämpfen im gesellschaftspolitischen gleich.

In „Deutschland im Herbst“ weiß Fassbinder nicht mehr weiter. Nach dem Baader-Meinhof-Terror steht er auf einer Sympathisantenliste, ist gereiht als intellektueller Verdächtiger, und wankt zwischen Bespitzelung und Selbstzensur. Falk Richter reiht Stammtischphrasen und Allgemeinplätze zum aggressiven Loop, Gusner macht den Wiederholungszwang systemimmanent, Sicherheit durch Überwachungsstaat, Tracking-App auf der Suche nach #Corona-Sündern, darf man dagegen mitprotestieren, auch wenn’s andernorts die Falschen tun? Wie sich die „Angst essen Seele auf“ gleicht. Als wären 40 Jahre ein Tag.

„Je suis Fassbinder“ ist ein beklemmend komisches Stück über Konsequenzen, die aus der Geschichte bestens bekannt sind. Die präsentierten Pendants sind erwünscht und alles andere als zufällig, nichts wird hier mutwillig auf einen Haufen geworfen. Nur die Darsteller. Am Schluss. Beim Gruppenkuscheln. Die Wirkmächtigkeit im Für- und Mit- statt Gegeneinander. Denn Liebe ist … auch wenn man keinen Film fertiggebracht hat. Und Andreas Dauböck singt „Kokomo“ von den Beach Boys. In Moll und superslow.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=QtFyn9mhtfg&feature=emb_logo

werk-x.at/premieren/stream-je-suis-fassbinder

TIPP: Die Woche von 27. April bis 3. Mai steht beim Werk X im Wohnzimmer ganz im Zeichen von Händl Klaus: Da sein Stück „Dunkel lockende Welt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35553) derzeit nicht gespielt werden kann, liest und interpretiert das Ensemble Prosa-Texte, die der Autor dem Haus zukommen hat lassen. Dabei sind drei sehr unterschiedliche Filme entstanden, die auf werk-x.at zu sehen sind.

  1. 4. 2020

Kosmos Theater: Jetzt müssen wir auf morgen warten

Januar 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sch(m)erzhaft satirische Selbstbetrachtungen

Claudia Kottal, Constanze Passin und Anna Kramer. Bild: Bettina Frenzel

Die akustisch besten Jahre? Das sind nämlich jene, von denen man ständig gesagt bekommt, man befände sich in ihnen, obwohl man sich gar nicht danach fühlt. Diese Feststellung ist nur eine der unzähligen treffenden aus Amina Gusners Text „Jetzt müssen wir auf morgen warten“, der gestern im Kosmos Theater Wien uraufgeführt wurde, in Koproduktion mit dem von Claudia Kottal und Anna Kramer ins Leben gerufenen Kulturverein XYZ.

Der die Autorin nicht nur mit diesem Recherchestück beauftragte, sondern Gusner auch die Regie übertrug. Entstanden ist so ein Abend der sch(m)erzhaft satirischen Selbstbetrachtungen. Für den das in Klammern gefasste M bedeutet, dass hier zwar viel Vergnügtheit verbreitet wird, ist doch, wenn Schadenfreude einen selbst betrifft, das Lachen stets am schönsten, die Sätze aber genau aus diesem Grund auch tief ins Fleisch schneiden. Weil man etliches des Gesagten wie aus dem eigenen Leben gegriffen empfindet und daher als traurig, aber wahr bezeugen kann.

Claudia Kottal, ab Freitag auch in der Kinokomödie „Love Machine“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31598) zu sehen, Anna Kramer und Constanze Passin zeigen drei Schwestern, ob wirklich oder im Geiste ist schwer auszumachen, wird doch immer wieder von Scheidungstrauma, daraus entstandenem Mutterkomplex und einem nun zu versorgenden, weil alleinstehenden Vater gesprochen, im Ringen um ihre Existenzberechtigung und in der Erwartung, dass die kleinen Glücksversprechungen zum Dasein endlich eingelöst werden. Die Moral von der Geschichte lässt sich leicht vorwegnehmen und lautet, das Leben fängt erst an, wenn man anfängt zu leben.

Claudia Kottal. Bild: Bettina Frenzel

Constanze Passin. Bild: Bettina Frenzel

Doch bis diese Erkenntnis keimt, spielen die Schauspielerinnen, live unterstützt von Singer-Songwriterin Clara Luzia, ein schwarzhumoriges Spiel mit Klischees und stereotypen Rollenbildern, allesamt landläufig bekannte Schablonen, in die Frauen gedrängt werden – oder in die sie sich ganz von allein zwängen. Und so werden zwischen hingehauchten Luftküsschen und sekkanter Launenhaftigkeit Themen wie Dauerdiät, Hyaluron-Spritzen und Kaufrausch abgehandelt, ist einem das Erscheinungsbild doch eigentlich nie gut genug, – und natürlich der K(r)ampf unter den Geschlechtern.

Dieser für Frauen als ewiges Wechselbad zwischen Selbstzweifel, Selbstaufgabe und Selbstachtung dargestellt. Eine Tatsache, die die Geschiedene, die Beziehungsgeschädigte und die Langzeitehefrau vom Lebensziel „einen Mann kriegen“ übers Warten auf den einen Ring und der Angst „übrigzublieben“ bis zur gesellschaftlichen Wertigkeit und dem schwindenden Selbstwertgefühl bei Kinderlosigkeit abhandeln. Kommunikationsprobleme werden mit Rücksicht auf das Geschlecht, das beim Angenörgeltwerden in sich zusammen schrumpft, und mittels Hätscheln von dessen Selbstbewusstsein gelöst, wobei’s kein Ding sein darf, selber den Orgasmus vorzutäuschen.

Kottal, Kramer und Passin agieren mit vollem Einsatz, erschaffen spielerisch Übergänge von der Persiflage zu bitterer Ernsthaftigkeit und wechseln gekonnt die Tempi vom Stakkato-Sprechen zur raumgreifenden Stille. Sie tanzen, singen (unter anderem „Ich find‘ dich scheiße“ von Tic Tac Toe), wüten und schluchzen über Trennungsgespräche und Familienkonflikte und, ja, die mangelnde Frauensolidarität ist echt zum Schmunzeln, wenn der einen vorgeworfen wird, sie solle ihrem Partner gegenüber endlich „niedlich und anhimmelnd sein, statt ständig kritisierend“. Oder wenn, apropos Partner-in, darüber diskutiert wird, man müsse eine neue für den Vater finden, damit man selber nicht mehr für ihn waschen, kochen und putzen müsse.

Anna Kramer, Constanze Passin und Claudia Kottal. Bild: Bettina Frenzel

Amina Gusner hat – im Bühnenbild und mit den Kostümen ihrer Schwester Inken Gusner – keine Facette von Frau-Sein ausgelassen, ihre Figuren wollen weiblicher, am weiblichsten werden, und wenn zu deren selbstauferlegter Aufgabe, mitgegebene Muster ungefragt zu übernehmen, Sätze wie der von der Verantwortung fallen, die ungleich schwieriger sei, wenn man versuche man selber zu sein, und nicht das, was die anderen wollen, dann tut das schon weh.

Derart ist „Jetzt müssen wir auf morgen warten“, von Gusner auf der Grundlage von Gesprächen mit verschiedensten Frauen entwickelt, in Wortsinn aus dem Alltag gegriffen. Situationen zum Lachen, zum Weinen, zum Ärgern folgen Schlag auf Schlag, ein Puzzle an Begegnungen, die am Ende ein Ganzes ergeben, und immer geht es um ein persönliches Sich-Behaupten, ein Brücken bauen und Grenzen einreißen. Dies ja gleichsam das Vereinsmotto von XYZ: die Vielfalt von Lebensformen jenseits von Chromosomen-Normen sichtbar und spürbar zu machen. So sagen Claudia Kottal und Anna Kramer: „Empathie ist in diesen Zeiten ein vom Aussterben bedrohtes Gut und Theater einer der wenigen Orte, wo man sie nähren kann.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=_0mfElTOYtk

kosmostheater.at

  1. 1. 2019