Theater Nestroyhof Hamakom: Herbst der Untertanen

Januar 19, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Dienstbotenkrieg von gnadenloser Grausamkeit

Christine Dorner, Tonia Fechter und Katharina Schumacher. Bild: © Marcel Köhler

Im Halbdunkel raunt es: „Existiert das Land noch, aus dem sie kommt?“, dann: „Wo ist die Waffe?“ Seit Tschechow weiß man, gibt’s im ersten Akt eine Waffe, wird im dritten damit geschossen. Man wird sehen … Im Theater Nestroyhof Hamakom wurde nach mehrmaliger Cov19-Verschiebung endlich die österreichische Erstaufführung von „Herbst der Untertanen“ der georgischen Autorin Nino Haratischwili über die Bühne gebracht.

Doch einer fehlte – Regisseur Michael Gruner, der am 20. Oktober 2021 verstarb. Und so legt beim Schlussapplaus Ingrid Lang, die Leiterin des Hamakom, eine rote Rose auf seinen Platz und verbeugt sich vor ihr. Ein bewegendes Bild. Davor war’s weniger seelenvoll zur Sache gegangen. „Herbst der Untertanen“ erzählt von den letzten drei Bewohnerinnen einer palastähnlichen Villa (wofür sich das angekratzte Jugendstil-Ambiente des Hamakom wunderbar eignet), in einem Land, offensichtlich einer Diktatur, in der zum wiederholten Male ein Bürgerkrieg tobt. Eine Revolution gegen das Regime, die Partisanen rücken auf die Stadt zu, draußen vor der Tür fallen Schüsse, detonieren Granaten.

Der Hausherr, General und erster, gleichzeitig meistgehasster Mann im Staat, hat sich nebst Gattin abgesetzt. Auch haben sämtliche Hausangestellte das Weite gesucht. Einzig Rina, die alte Köchin, Kaela, die Haushälterin, und eine junge Dienstmagd, ein Flüchtlingsmädchen aus dem in den Bürgerkrieg hineingezogenen Nachbarland, vom General lustvoll sabbernd „Lucy“ genannt, sind geblieben. Christine Dorner gestaltet die Rina zum Gruseln gut, den Kadavergehorsam der Patriotin um jeden Preis, die im festen Glauben, ihr General werde zurückkehren, der Herrschaft allabendlich ein Festmahl zubereitet.

Christine Dorner, Tonia Fechter und Katharina Schumacher. Bild: © M. Köhler

Tonia Fechter und Katharina Schumacher. Bild: © Marcel Köhler

Kaela bricht zusammen: Katharina Schumacher. Bild: © Marcel Köhler

„Eine ausgemergelte Sadistin, die die Moral der Welt für sich gepachtet hat“, nennt Kaela sie, Katharina Schumacher als angriffslustige, spöttische Rebellin im Adlerhorst, die endlich den Luxus genießen will, Madames Kleider tragen, in deren Bett schlafen, deren Essen essen – Cordon Bleu und teurer Wein statt des Angestellteneintopfs. Gruner, Experte für psychologische Tiefenbohrung, entfaltet ein Machtspiel um Befehlsgewalt, Erniedrigung und Menschenwürde. Die zwei von Kriegen gezeichneten Frauen (Lucy steigt erst später in den Irrwitz ein, noch ist sie Opfer, nicht Täterin) begegnen einander mit gnadenloser Grausamkeit – so wie sie’s wohl von der Herrschaft gelernt haben, so wie jene wohl mit ihnen umgegangen ist. Nichts anderes kennend erhalten, replizieren, ahmen die Frauen die Strukturen des „Führer“-Staates nach.

Irrwitz, das Wort war hier nicht zufällig gewählt. „Herbst der Untertanen“ ist auch eine Farce, ein brutaler Spaß, in der es Kaela ist, die das Leben meistens als Groteske nimmt. Katharina Schumacher bringt mit ihrer Spielenergie das Setting von Alina Amman zum Leuchten. Bald schlüpft sie in die Generalsuniform, imitiert diesen zu Lucys Amüsement, dann probieren die beiden Champagnertrunken die Abendkleider der Gnädigen auf dem Balkon (wie schön, dass der auch mal bespielt wird!), was Rina naturgemäß erzürnt. Und während Gruner mit Tonia Fechters Lucy die Ambivalenz von Abscheu und Empathie auslotet, gehen die Gegnerinnen Rina und Kaela wie Kampfhündinnen aufeinander los. Frauensolidarität? Fehlanzeige!

Imitiert den General in seiner Uniform: Katharina Schumacher als Kaela, hi.: Tonia Fechter. Bild: © Marcel Köhler

Jedes Mittel ist den beiden recht, um den Schmutz der Vergangenheit freizulegen, Sätze werden wie Streubomben abgeworfen, um möglichst viel emotionalen Schaden anzurichten. Rina schildert explizit und en detail die Massenvergewaltigung Kaelas durch Soldaten, und Christine Dorner spielt das mit diebischer Freude und großer Genugtuung. Diese rächt sich mit einem Auftritt im militärischen Tarnanzug. „Zieh‘ das aus“, kreischt Rina. Man erfährt, die „Mutter aller Tugenden“ hat ihren Sohn, als der vom Staatsheer zum Widerstand wechselte, an seine Folterer und Mörder ausgeliefert.

Prägnant, präzise und böse wird dieses genüssliches Stochern in offenen Wunden in den Spielraum gestellt, noch wird Lucy wie ein Pingpong-Ball, weinend, verzweifelt, zwischen den Älteren hin und her geworfen. Auf Geheiß Rinas muss sie Kaela mit einem nassen Putztuch prügeln. Ein Haus des Wahnsinns. „Ihr seid ja krank“, stellt die zwischen Hoffnungslosigkeit und Zweckoptimismus changierende Lucy immer öfter fest. Sie selbst will nun endlich raus aus der klaustrophobischen Situation, will die Eltern und die Schwester wiederfinden, da eröffnen ihr Rina und Kaela, welche Informationen der General bei der Flüchtlingshilfe über sein neues Hausmädchen eingeholt hat … (worauf Tonia Fechter mit ein bissl viel hysterischer Theatralik reagiert).

Gruner dreht permanent stärker an der Schraube. Anfangs noch subtile Nebenbemerkungen werden bald offen auf dem Schlachtfeld ausgetragen. Er treibt seine Schauspielerinnen Christine Dorner, Katharina Schumacher und Tonia Fechter zum Äußersten, hetzt Rina, Kaela und Lucy wieder und wieder aufeinander los. In extremen Zeiten, sagt Gruner, ist gegenseitige Zerfleischung wahrscheinlich „menschlicher“ als Zusammenhalt. Das Ende naht, die Apokalypse. Es gibt keine Vorräte mehr, kein Wasser. „Wo ist die Waffe?“, raunt es wieder im Halbdunkeln. Da hört man ein Geräusch von Lucy aus der Küche. „Ach, du Scheiße!“

Zu sehen bis 11. Februar.

www.hamakom.at           Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/609756156778637

  1. 1. 2022

Hamakom: Roland Schimmelpfennigs „100 Songs“

September 28, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Happy End ist eine aufgefangene Kaffeetasse

Gottfried Neuner, Sofia Falzberger, Sören Kneidl, Ana Grigalashvili, Katharina von Harsdorf und Tobias Voigt mit der Toten-Statisterie. Bild: © Marcel Köhler

„Songs Of Love and Death“ hieß vor Jahren das Debütalbum der bombastischen Symphonic-Metal-Band Beyond the Black, und auch wenn deren Dämonentanz im Theater Nestroyhof Hamakom nicht vorkommt, so ist dieser Danse macabre doch exakt Form und Inhalt von Roland Schimmelpfennigs „100 Songs“. Nach dem gesundheitsbedingten Rückzug von Frederic Lion hat die nunmehrige künstlerische Gesamtleiterin des Hauses,

Regisseurin Ingrid Lang, den Text als österreichische Erstaufführung inszeniert. Also sprach Schimmelpfennig über Nietzsches Apokatastasis. Denn des Philosophen zyklisches Geschichtsbild vom verlorenen hin zu einem Zustand der „Allaussöhnung“ und Einheit aller Wesen, wird die kommenden zwei Stunden bestimmend sein – die Gottesfrage sowieso. Auftreten in Schimmelpfennigs szenischer Versuchsanordnung Sofia Falzberger, Ana Grigalashvili, Katharina von Harsdorf, Sören Kneidl, Gottfried Neuner und Tobias Voigt als vom Autor sogenannte „Gruppe von Frauen und Männern“. Beobachter, Boten, Betroffene, Passanten, Passagiere, gar Erzähler aus dem Totenreich? Ratlos sind sie, da alles „zu kompliziert“, „erschreckend einfach“, „erschreckend kompliziert“ scheint. „Zu weit weg von allem, was man denken kann.“

Schimmelpfennig hat sein Stück im Gedenken an die Madrider Zuganschläge verfasst, Ingrid Lang holt es nach dem Attentat vom 2. November 2020 nach Wien. Das Thema dieser Jukebox der kollektiven Erinnerung ist: der Terror. Die Sprachlosigkeit im Angesicht des Unsagbaren, das betretene Schweigen, die Fantasie des Theaters, über den Tod mit der prallen Wucht des Lebens zu berichten. Zug fährt ein, Trillerpfeife schrillt, im Radio läuft „Bette Davis Eyes“ von Kim Carnes, Sally, der Serviererin im Bahnhofscafé, fällt eine Kaffeetasse zu Boden – und dann: noch mehr Songs, von Iggy Pops „The Passenger“ über „Upside down“ von Diana Ross zur „Road to Nowhere“ der Talking Heads.

„Es war, als ob hunderte Songs gleichzeitig liefen, Tausende von Songs, Millionen, Milliarden“, sagt Tobias Voigt, er und das Ensemble der vielstimmige Chor eines Requiems, eine Pop-Kakophonie aus Liedern, in denen ein paar Minuten ein ganzes Leben besingen. Im zerrissenen Bühnenbild von Vincent Mesnaritsch entwerfen Schimmelpfennigs Figuren Biografien, Beziehungsprobleme, beiläufige tragikomische Tragödien in Endlosschleife, und dies so banal, dass es besonders ist. Immer wieder von Neuem rekapitulieren sie ihre Sehnsüchte und Schwächen während der Vor-Katastrophen-Frist von 8.51 und 8.55 Uhr. Vier Minuten, und die sogenannte Zivilisation in Flammen, und die Zeit ihre Protagonistin.

Eben noch war Gottfried Neuner der Mann am Fenster gegenüber den Gleisen, schon ist er ein Verletzter auf dem Bahnsteig. Sofia Falzberger singt im Wortsinn den Sirenen-Gesang. Zwischen der zutiefst gläubigen Stripperin/ Ana Grigalashvili, dem Mann aus Kabul/ Sören Kneidl, der Fremdgeherin/ Katharina von Harsdorf, dem Verwaltungsbeamten in den besten Jahren/ Sofia Falzberger und Tobias Voigt als 16-jähriger Friseur-Azubi mit Katie Melua in den Kopfhörern sind die Gendergrenzen gesprengt wie die Waggons. Die Atmosphäre ist: Gefangen im Bardo.

Bild: © Marcel Köhler

Bild: © Marcel Köhler

Bild: © Marcel Köhler

Bild: © Marcel Köhler

Schön die getanzt-gefightete Szene, in der das studentische Liebespaar mit dem in Trennung befindlichen Ehepaar korrespondiert. Eine Frau verpasst die Abfahrt um Sekunden. Was rettet einem das Leben? Der Zufall, die Suche nach den Allergietabletten, Zuspätkommen, die Schicksalsmelodie? Und wieder ist es 8.55 Uhr. Zerfetzte Kopfdialoge, Gedanken-Gänge, Spiegelungen und Selbstgespräche, Trillerpfeifen-Alarm, das Leben, weiß der empathische Soziologe Schimmelpfennig, ist stets nur ein Vielleicht. Gottfried Neuner als Pfarrer, der zum Begräbnis eines 6-Jährigen unterwegs ist, wird in den Raum stellen, ob Gottes An- oder Abwesenheit für den Menschen günstiger ist.

Neuner ist es auch, der die Pferdemetapher aufbringt, mit Sleipnir, Odins achtbeinigem Kampfross; Kneidl, „dunkelhäutig“ und mit Vollbart, liest über Buraq, ein Reittier mit Frauenantlitz, das der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed für seine Himmelfahrt überbrachte; der Pfarrer sieht in den Wolken die apokalyptischen Reiter. Ist das rote Pferd der Krieg oder die Liebe, das schwarze mit der Waage die Teuerung oder die Gerechtigkeit? Das weiße jedenfalls Jesus Christus und das fahle der Tod … Schimmelpfennigs zwischen Traum und Traumata schwebende Auslassungen sind so surreal wie die Sinnfrage, wie das Sterben an sich.

Und immer noch ist in all den ans Publikum gerichteten Paradoxien nicht klar, wer aus dem Figurenreigen der/die SelbstmordattentäterIn sein mag. In Schimmelpfennigs brutaler, vom Ensemble mit Verve auf die Spielfläche gebrachter, galgenhumorig-poetischer Playlist, ist eine oder einer die Vorstellung des und der anderen. Macht. Erregung. Angst? Erregung. Macht. Angst! Diese Topografie des Allzu-Unmenschlichen, dazu die von den Österreich-Touristen Voigt und von Harsdorf brennend ausgebreitete Landkarte, könnte auch nur der Polt einer Profiler-Fernsehserie sein. Eine Totenreich-Statisterie stellt jene St.-Jakobs-Lichter auf, die vor zwei Jahren den Desider-Friedmann-Platz zum Mahnmal machten.

Im vollbesetzten Hamakom singen Sofia Falzberger, Ana Grigalashvili, Katharina von Harsdorf, Sören Kneidl, Gottfried Neuner und Tobias Voigt „Don’t Dream It’s Over“ von Crowded House, hey now, hey now, eine Polonaise wär‘ ein Superschluss, beschließt man: Und Erwin fasst der Heidi von hinten an die  … Schulter … Im letzten Moment fängt Gottfried Neuner als „Mann mit der Sporttasche“ die Katharina von Harsdorfs Sally entglittene Kaffeetasse – „gerade nochmal gutgegangen“ und Happy End! Oder? Sie werden einander nur durch zwei Glasscheiben begegnen. Splitter, Scherben, der tolldreiste Gesellschafts- ein grausiger Totentanz, die „100 Songs“, Schimmelpfennigs Wunschkonzert zum Weltuntergang, jedenfalls ein Sog auf diesem Verschiebebahnhof von Gestern, Heute und Morgen. Bis 29. Oktober. Eine Empfehlung.

www.hamakom.at

  1. 9. 2021

sirene Operntheater online: Die Verwechslung

Januar 5, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pauken und Trompeten über die Berliner Mauer

Kaffee-und-Kuchen-Tristesse bei Dauters: Johannes Czernin als Gustav, Ingrid Haselberger als Oma, Günther Strahlegger als Vater, Katrin Targo als Tante Ilse. Bild: © Kristine Tornquist

Mit keiner geringeren Idee als „Die Verbesserung der Welt“ waren Kristine Tornquist und Jury Everhartz im Herbst angetreten, um das interessierte Publikum mit ihrem Neuen Musiktheater zu erfreuen. Da jedoch das siebenteilige Kammeropern- festival entlang der christlichen Werke der Barmherzigkeit #Corona-bedingt nicht auf der Bühne beendet werden konnte, hat sich das sirene Operntheater entschlossen,

dessen letzten Teil zu verfilmen und ab sofort als kostenlosen Stream anzubieten. Nach unter anderem Zusammenarbeiten von Antonio Fian und Matthias Kranebitters „Black Page“, Thomas Arzt und Dieter Kaufmann oder Martin Horváth und PHACE, widmen sich Autorin Helga Utz und Komponist Thomas Cornelius Desi nun Kirchenvater Lactanius‘ Punkt sieben nach der Endzeitrede Jesu, Gefangene vom Feind loskaufen. „Die zunehmende verbale und ethische Verwahrlosung des Diskurses, die Verhärtung gegen jene, denen es schlechter geht, und das Gefühl, mit Europa und der Welt gehe es unaufhörlich bergab, hat uns dazu inspiriert, ja fast gedrängt, dem etwas Positives entgegenzusetzen“, so Everhartz und Tornquist.

Die auch die Verfilmung der Wien-Modern-Kooperation übernommen hat. „Die Verwechslung“ heißt das Werk, das die Zuschauerin, den Zuschauer in die DDR des Jahres 1981 versetzt, 1981 das Datum, zu dem der 24-jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera unter bis heute ungeklärten Umständen stirbt, und zu dem an Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Vorbereitung seiner Flucht in den Westen das letzte Todesurteil der DDR-Justiz vollstreckt wird.

„please release me ostseefisch“: Johannes Czernin als Gustav. Bild: © Kristine Tornquist

Gustav hat sich die Freiheit auf die Fahnen geheftet: Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Das Geheimnis um Hedwig hat Vater alles gekostet: Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Das belauschte Gebet: Günther Strahlegger und Katrin Targo. Bild: © Kristine Tornquist

All das mag Helga Utz beim Schreiben im Hinterkopf gehabt haben. Kristine Tornquist zeigt in Raum und Requisiten von Markus und Michael Liszt, Kostüm und Maske: Katharina Kappert und Isabella Gajcic, die Kaffee-und-Kuchen-Tristesse der Familie Dauter. Dauter, das klingt nach doubter, und solche hat’s hier zwei: den Vater und seinen Sohn Gustav, Günther Strahlegger und Johannes Czernin. Ingrid Haselberger ist dessen verwirrt-verängstigte Oma und Katrin Targo die kadertreue Tante Ilse.

Schon heben sie an, die Streitgesänge um Staats(zuge)hörigkeit, Revolutionär Gustavs Haare nach der jüngsten „Außenseiter“-Mode so Puhdys-lang, dass er die Parteiparolen nicht hören kann, bis der Vater ein (Ohn-)machtwort spricht. Hedwig, wird man später erfahren, ist das Geheimnis, das Vater alles gekostet hat, die Ehefrau, die „rübermachte“. Die Streicher des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik unter der Leitung von François-Pierre Descamps unterstreichen das düstere Szenario, und werden auch Omas Konfusion wie ein Bienenschwarm umschwirren.

Chaos, Kakophonie, das Libretto ein Familienzwist in gesungen-gestammelten, sich wiederholenden Halbsätzen, wortdeutlich!, denn der vorgeführte SED-Stimmraub ist ein stimmgewaltiger – und ein „please release me ostseefisch“ aus Gustavs Kassettenrekorder im Kinderzimmer. Wo er sich eine „Freiheit“ auf die Fahnen heftet, für die er verhaftet und unter Schreibmaschintippen und Handschellenklirren verhört wird. Gefängnis, Folter, drei Tage nackt im winterkalten Haftanstaltshof, das hat das Regime perfekt von der Vorgängerdiktatur gelernt. Sie habe Faschisten, Rote Armee, Flucht im Schnee überlebt, singt die Oma und macht sich, während Ilse fürchet, „Gustav wird uns alle mit in die Tiefe ziehen“, auf die Suche nach dem im System verschollenen Enkel.

Indoktrinationstelefonat: Haselberger und Targo. Bild: © Kristine Tornquist

Czernin, Haselberger und Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Köfferchen gepackt: Strahlegger und Haselberger. Bild: © Kristine Tornquist

„Die Verwechslung“ beweist sich als Parabel über gleichgeschaltete Gesellschaften, über Message Control und Meinungsmainstream. Filmisch ist das vom Feinsten umgesetzt, mittels welchen Mediums sonst könnten Solistinnen und Solisten in Gedanken singen? Tornquist besorgt mit Überblendungen Rückblicke und Schauplatzwechsel im Stakkato, die verliebt-verträumte Jung-Ilse im roten Kleid, nun Arm in Arm mit NVA-Mann Knut, ein übler Bursche, wie Oma weiß, während das Publikum ihn beim Flirten mit Ilse sieht.

Es sind derlei Einfälle, die die sirene-Produktion besonders machen. Verwanzte Festnetztelefonate, die Ilse offenbar steuern, frei nach Nestroy: die beste Nation ist die Indoktrination, der Vater unter West-Spitzel-Verdacht, sein Gebet, Du sollst keinen Gott nehmen Erich Honecker haben …, von Ilse belauscht, ein musikalisch lyrischer Moment, seine Sünde die Mehrzimmerwohnung. Das Liszt’sche Labyrinth aus Räumen, durch das die Protagonistinnen und Protagonisten gleich Versuchstieren irren, wird vom Kamera-Auge aus immer wieder ungewöhnlichsten Big-Brother-Winkeln eingefangen.

Nicht zuletzt dank „Knut“ Gebhard Heegmann, Kari Rakkola und Bärbel Strehlau als bösartigem Beamtenapparat ist „Die Verwechslung“ eine hochdramatische Arbeit, in die das gesanglich naturgemäß exzellente Ensemble auch darstellerisch sein ganzes Herzblut fließen lässt. Der Titel des Werks entschlüsselt sich zum Schluss, Gustav wird auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt, wo ihm Krankenschwester Pauline, Marelize Gerber als Schutzengel in Weiß, zur Identität eines eben verstorbenen Insassen verhilft.

Stasi-Verhör: Kari Rakkola, Gebhard Heegmann, Bärbel Strehlau und Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Vaters Anklage: Katrin Targo, Ingrid Haselberger und Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Stasi-Folter: Kari Rakkola und Johannes Czernin „im winterkalten Hof“. Bild: © Kristine Tornquist

Auf der Krankenstation: Rakkola, Heegmann, Marelize Gerber und Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Dieser war Sohn eines „OFS in der AKG der HA IX“, heißt: eines Offiziers für Sonderaufgaben in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit, verblüffend, was Helga Utz so alles recherchiert hat, und so kommt Gustav nicht nur mit einem blauen Auge ist gleich gebrochenen Rippen davon. Gustav soll sogar, begleitet vom freilich ebenso wie er falschem Vater, im Westen behandelt werden, die Puschkinallee 28 wird das regeln, „Die Verwechslung“ sein Leben retten.

Der Mensch im Arbeiter- und Bauernstaat ist längst nur noch Aktenzeichen, da fällt sowas nicht weiter auf. Mit Pauken und Trompeten, also zwei Schlagwerkern und Flötentönen, geht’s für Gustav und Vater freudetanzend über den DDR-„Schutzwall“. Vater, der sich nun Herwig nennt, und den damit nur noch ein Buchstabe von seiner Frau trennt. Und die Moral von der Geschicht‘: Mag es auch immer und überall Menschen geben, die „gleicher“ sind (© George Orwell), Grenzen können überwunden werden, Mauern stürzen ein. Nur Mut! Mut!

www.sirene.at/video/verbesserung-der-welt-7-die-verwechslung          www.sirene.at           www.wienmodern.at

  1. 1. 2021

Landestheater NÖ online: „Molières Schule der Frauen“ als Silvester-Vorstellung

Dezember 11, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Am Ende heißt’s „Alles Tango!“ Laura Laufenberg als Agnès und Tobias Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

In seiner Reihe #wirkommenwieder bietet das Landestheater Niederösterreich zu Silvester ab 19.30 Uhr und danach für 24 Stunden Ruth Brauer-Kvams „Molières Schule der Frauen“ als kostenlosen Online-Stream auf der Homepage www.landestheater.net an. Hier Auszüge aus der Premieren-Kritik:

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité!

Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im

Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt. Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt.

Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung … Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers Arnolphe in die Quere kommt … Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanoss

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt. Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain:

Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt. Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusstwird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen … Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser … die ganze Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41393, Trailer: www.youtube.com/watch?v=eK70Z4bkrTQ

Bettina Kerl und Julia Engelmayer. Bild: Alexi Pelekanos

Spaziergang durchs jüdische St. Pölten

Bereits ab 18. Dezember, 19.30 Uhr und frei für 48 Stunden, ist der digitale Stadtspaziergang „Es gab ein jüdisches Leben in St. Pölten“ zu sehen. Schauspielerin Bettina Kerl und Dramaturgin Julia Engelmayer haben Lebensgeschichten von St. Pöltner Jüdinnen und Juden recherchiert. Nun nehmen sie das Publikum mit auf ihrem Weg durch die barocke Innenstadt, erzählen von Schicksalen und historischen Hintergründen. Ausgangs- punkt ist die ehemalige Synagoge, aufgenommen wurde das Ganze von Filmemacher Johannes Hammel.

www.landestheater.net

  1. 12. 2020

Theater Nestroyhof Hamakom: Ich bin der Wind

Oktober 14, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Anne Bennent in Jon Fosses Mystikdrama

Anne Bennent und Jakob Schneider. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom startet mit der Eigenproduktion „Ich bin der Wind“ in die Saison 2020/21 und bringt das Stück des norwegischen Ausnahmeautors Jon Fosse, einer der großen Mystiker der europäischen Gegenwarts- literatur, ab 14. Oktober zur österreichischen Erstaufführung. In der Regie von Ingrid Lang spielen Anne Bennent und Jakob Schneider. „Ich bin der Wind“ ist ein Stück Überleben. Eine zärtliche Auseinandersetzung mit Leben

und Tod, Depression und Alkoholismus, mit den tiefsten Ängsten und der größten Lust. Ein mutiger liebender Blick ins eigene Gesicht, gespiegelt in einer unruhigen Wasseroberfläche. Eine Meditation über das Menschsein, über Beziehungen und Nähe, über die Angst vor dem Alleinsein, die Lust des Verschwindens und die Unaussprechlichkeit dessen, was den Menschen eigentlich ausmacht.

Das Ganze spielt auf einem von zwei namenlosen Gestalten imaginierten Segelboot. Der Eine ist lange schon fort, er ist leicht wie der Wind und schwer wie ein Stein, allein kann er nicht sein, aber auch nicht unter den anderen, eine Betonwand ist er, die krachend zerfällt und so ist das passiert, wovor er Angst hatte, es zu tun … Der Andere versucht zu verstehen, versucht ihn in der Gegenwart zu halten. Aber das sind nur Worte, nur was man so sagt. Und so schweigen sie und segeln. Nebel hängt über dem Wasser, grau schimmern die Inseln und Schären. Schön und hässlich. In einer Bucht genehmigen sie sich einen Ankerschnaps. Sie essen, sie reden, einer trinkt. Er steuert auch das Boot, fährt weiter und weiter aufs offene Meer hinaus, wo er dem Anderen das Ruder übergibt und in die Wellen stürzt …

Vorstellungen bis 4. November.

www.hamakom.at           Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/338670324028835

14 10. 2020