Theater Nestroyhof Hamakom: Ich bin der Wind

Oktober 14, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Anne Bennent in Jon Fosses Mystikdrama

Anne Bennent und Jakob Schneider. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom startet mit der Eigenproduktion „Ich bin der Wind“ in die Saison 2020/21 und bringt das Stück des norwegischen Ausnahmeautors Jon Fosse, einer der großen Mystiker der europäischen Gegenwarts- literatur, ab 14. Oktober zur österreichischen Erstaufführung. In der Regie von Ingrid Lang spielen Anne Bennent und Jakob Schneider. „Ich bin der Wind“ ist ein Stück Überleben. Eine zärtliche Auseinandersetzung mit Leben

und Tod, Depression und Alkoholismus, mit den tiefsten Ängsten und der größten Lust. Ein mutiger liebender Blick ins eigene Gesicht, gespiegelt in einer unruhigen Wasseroberfläche. Eine Meditation über das Menschsein, über Beziehungen und Nähe, über die Angst vor dem Alleinsein, die Lust des Verschwindens und die Unaussprechlichkeit dessen, was den Menschen eigentlich ausmacht.

Das Ganze spielt auf einem von zwei namenlosen Gestalten imaginierten Segelboot. Der Eine ist lange schon fort, er ist leicht wie der Wind und schwer wie ein Stein, allein kann er nicht sein, aber auch nicht unter den anderen, eine Betonwand ist er, die krachend zerfällt und so ist das passiert, wovor er Angst hatte, es zu tun … Der Andere versucht zu verstehen, versucht ihn in der Gegenwart zu halten. Aber das sind nur Worte, nur was man so sagt. Und so schweigen sie und segeln. Nebel hängt über dem Wasser, grau schimmern die Inseln und Schären. Schön und hässlich. In einer Bucht genehmigen sie sich einen Ankerschnaps. Sie essen, sie reden, einer trinkt. Er steuert auch das Boot, fährt weiter und weiter aufs offene Meer hinaus, wo er dem Anderen das Ruder übergibt und in die Wellen stürzt …

Vorstellungen bis 4. November.

www.hamakom.at           Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/338670324028835

14 10. 2020

Landestheater NÖ: Molières Schule der Frauen

September 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti, Michael Scherff, Laura Laufenberg, Tim Breyvogel, Tobias Artner und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité! Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia

dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt.

Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt. Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung. Was dem präfeministisch kritikasternden Climène im allgemeinen Chaos auch mal eine für Arnolphe gedachte Ohrfeige einbringt, wohingegen die Position der Uranie im Damenfrack eine abgeklärt-belustigte ist.

Sätze wie „Ihr Frauen habt die Pflicht, uns untertan zu sein“ wollen erst einmal gesagt, Weltbilder, wie das von der Frau als Suppe, in die ein Fremder seinen Löffel tunkt, erst einmal ausgesprochen sein, ehe/wehe man sich zu lachen traut. „Wer macht denn heute noch sowas?“, empört sich Climène. Und nur so, genau so kann man’s machen, dieses ein wenig aus der Zeit gekippte Stück, in dem ein reicher Mann ein Mädchen in vollkommener Abgeschiedenheit zur Unterwürfigkeit, heißt: pflegeleichten Gattin erziehen und sie sicherheitshalber ungebildet lässt, weil: „Die Dumme frei’n heißt, nicht der Dumme werden! Frauen mit Geist – das bringt Beschwerden“. Bis die Ziehtochter bereit ist fürs Heiraten. Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers in die Quere kommt.

Artner, Scherff im Schwitzkasten, Rose und Breyvogel: Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

*Fußnote: Pikanter Fakt zur Fiktion ist, dass der 40-jährige Molière just 1662 die zwanzig Jahre jüngere Armande Béjart ehelichte, sie seit Kindesbeinen Schauspielerin in seiner Theatertruppe und offiziell die jüngere Schwester seiner Ex-Geliebten Madeleine Béjart, in Pamphleten aber als deren uneheliche Tochter, sogar Molières Kind geoutet – Blutschande! Was nichts daran ändert, dass Armande Molière gleich nach der Hochzeitsnacht betrogen haben soll, aber Arnolphes Fremdgeh-Paranoia erklärt.

Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren. Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Alles Tango! Rupperti, Rose, Breyvogel, Kelz, Laufenberg und Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain, Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt.

Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusst wird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen. Dies endet in einem Tauziehen mit Arnolphe, einem gegenseitigen Einwickeln, bis er sie als Paket von der Bühne schleppen kann. Würde enden. Denn auf der Zielgeraden dieser Hochgeschwindigkeits-Inszenierung kratzt Molière die Kurve, Tobias Artner erscheint mit Paten-Stimme und Rabenschwingen als Horaces Vater Oronte, um ihn mit der Tochter eines gewissen Enrique zu verheiraten. Und der, Tim Breyvogel als fransengeflügelter Deus ex USA im güldenen Ami-Schlitten, ist Agnès‘ leiblicher Vater.

Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser. Michael Scherffs Climène hält ein Plädoyer gegen männlichen Despotismus und wirbt um Verständnis zwischen Mann und Frau. Ihm selbst bleibt die Liebe verwehrt. Mit seiner bierernsten Art hat er sich bei der komödien-begeisterten Frau lächerlich gemacht. Uranie lässt ihn abblitzen. Fürs Erste, wie sie betont, und Scherff singt mit Michel-Sardou-Timbre „La maladie d’amour“. Und der Flow, der den ganzen Abend zwischen Bühne und Zuschauerraum floss, entlud sich in viel Jubel und Applaus – auch wenn der Saal nur halb gefüllt war. Fürchtet euch nicht, kommet und amüsiert euch, die #Corona-Sicherheitsmaßnahmen im Landestheater sind top!

Zu Gast an der Bühne Baden, Dienstag 17. und Mittwoch 18.11., 19.30 Uhr.

www.landestheater.net           www.facebook.com/Landestheater.Niederoesterreich/videos/253610582528707

  1. 9. 2020

Theater Nestroyhof Hamakom: Der letzte Mensch

Oktober 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Selbstverdauung als positivstes Zukunftsszenario

Erinnerungsarbeit mit alten Fotos: Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova sind drei Mal die Protagonistin Liv van der Meer:. Bild: © Alina Amman

Vorstellung for Future, das ist im doppelten Wortsinn, heißt: Fantasie wie Aufführung, der Leitgedanke mit dem das Theater Nestroyhof Hamakom gestern in die Jubiläumssaison zu seinem zehnjährigen Bestehen startete. Uraufgeführt wurde Philipp Weiss‘ Stück „Der letzte Mensch“, Weiss bekannt als der Autor, der vergangenen Herbst mit tausend auf fünf Bände verteilten Seiten seinen Debütroman vorlegte: „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“.

Ein literarischer Größenwahn auf höchstem Niveau, der vom Feuilleton gehypt zum Sensationserfolg avancierte. Weiss‘ Ansinnen, sich nun mit einem auf ferne Zukünfte gerichteten Text, das Thema der Gegenwart vorzunehmen, ist ein hehres, soll doch der Klimawandel, der besorgte Bürger allüberall um- und auf die Straße treibt, endlich auf der Bühne verhandelt werden. Allein, der Wille steht fürs Werk. Weiss‘ neuerlicher Ausflug ins Dramatische – nach „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ 2013 (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=8475) – ist kein großer Wurf. Immerhin: „Der letzte Mensch“ ist eine Frau in dreifacher schauspielerischer Ausführung, die Figur Liv van der Meer, für die ihr Schöpfer drei hypothetische Verläufe des 21. Jahrhunderts und innerhalb dieser Paralleluniversen drei mögliche Leben erdacht hat.

„Sie treibt im Kollaps-Szenario auf einem aus Müll zusammengeflickten Floß unter der glühenden Sonne des Nordpolarmeers. Sie driftet im Transzendenz-Szenario in einer technisch transformierten Welt durch den Asteroidengürtel des Sonnensystems. Zuletzt schwimmt Liv im Utopie-Szenario in der Tiefsee – als ein Hybrid aus Mensch, Maschine, Koralle und Oktopus – und widmet sich der Heilung auf den Trümmern einer geschundenen Welt“, heißt es dazu im Programmheft. Tatsächlich aber ängstigt einen auch die letzte Fiktion als eine dystopische, wird schließlich als positivste Vision und ergo letzte Chance auf Selbstrettung die Selbstverdauung ausgewiesen …

„Der letzte Mensch“ ist eine verquaste, quasselige Cli-Fi-Story, die sich höflich enigmatisch nennen ließe, weil das als Synonym fürs durchs Nebulöse irrende Nichtauskennen immer gut kommt. Neben der Schilderung von Tentakelsex in der Tiefsee, spricht aus dem Off ein Androide, der einzige „Mann“ im Ganzen, während sich die Darstellerinnen mal Chimäre, mal Kinder der Nemesis nennen, mal Zwiegespräche mit inneren Stimmen, mal miteinander führen. Das alles ist so futuristisch wie das Futur II, das Weiss für seine Szenenabfolge verwendet, „Was wird einmal gewesen sein?“, so klinisch-kühl, so steril, dass Emotion und Empathie gar nicht erst aufkommen. Dies sehr zum Schaden einer publikum’schen Betroffenheit über die Weltlage, denn wo kein Gefühl, da auch kein Mitgefühl.

Auf den Trümmern einer geschundenen Welt: Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova. Bild: © Alina Amman

Ana Grigalashvili schwebt als Astronautin in der Schwerelosigkeit. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Der Glücksstrahl an der Sache ist die Inszenierung von Ingrid Lang, die mit viel Feinsinn für Weiss‘ Fantastik an das Stück herangeht, und mit enormer Einbildungskraft diese Arbeit stemmt – indem sie die gedämpfte Stimmung, die fast schon bleierne Schwere des Abends mit ein paar gezielt platzierten Ideen wie Unterwasservideos der nackten Liv, hypnotischen Bildern vom Kampf mit dem Element, oder einem Spiegel, in dem „Schwerelosigkeit“ stattfinden kann, bricht. Komparsen mit Papiertierköpfen erscheinen, ein schwarzer Projektionsquader wird durch eine Änderung des Lichts durchlässig und entpuppt sich als Spielfläche, alte Fotos fallen von oben auf die Zuschauer herab.

Da sind Weiss und Hamakom-Co-Direktorin Lang bei der Erinnerungspflege, der sich das Theater verschrieben hat, wenn Livᶟ von einer Inhaftierung im Lager berichtet, von Todeszonen und Gewaltakten von Herrenmenschen, vom Einsatz von Giftgas und von Pogromen. Zum ersten Jahrzehnt Hamakom erweitert das Haus seine Perspektive von den immer noch schwärenden Traumata der Vergangenheit zu möglicherweise bevorstehenden, denn ohne Behandlung der ersteren, kein Abwenden der zweiten.

Livs Dasein in der Klimaapokalypse, später ihre Maschinenträume von der technologischen Selbstüberwindung, am Ende ihre Metamorphose zu einem neu zu definierenden Wesen gestalten Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova, Martini dabei die Frau vom Meer, stark bis zum Schluss, ein noch im Sterben selbstbestimmtes Individuum, Ivanova danach das symbiontische Flechtwerk, ein Hybrid von hohem Alter, der keinen sozialen Sinn mehr kennt. Wie sie unter Zuckungen zu diesem Meeresriesen evolviert, wird nur übertroffen von Ana Grigalashvili als einer Art Astronauten-Liv.

Liv wird zum Hybrid aus Mensch, Maschine, Koralle und Oktopus: Daria Ivanova. Bild: © Alina Amman

Allein auf dem Nordpolarmeer: Theresa Martinis Liv ist ein starkes, selbstbestimmtes Individuum. Bild: © Alina Amman

Die in Georgien geborene Künstlerin ist ausgebildete Tänzerin, und das merkt man ihrer Performance an, wenn sie sich, auf einem schwarz glänzenden Podium liegend, in aberwitzige Körperpositionen bringt, die von einem Deckenspiegel zurückgeworfen wirken, als würde sie wirklich durchs All gleiten. Wenn am Ende das Oktopodenallerlei eine Rede ans globale Parlament hält, kommen die Sätze von einem blechernen Lautsprecherorgan, zu dessen Playback die Schauspielerinnen nur die Lippen bewegen. Die auffordernde Botschaft: „Wir können etwas verändern. Zusammen. Und es geschieht. Heute. Jetzt.“

So nimmt Weiss sein stoisches „praemeditatio malorum“ doch noch raus aus seinen Überlegungen. In Summe aber ist dies Durchspielen von Worst-Case-Szenarien zu wenig atmosphärisch, zu wenig beseelt, um sich zum Stimmungsbarometer der allgemeinen Wetterlage zu machen. Weniger Hirnakrobatik, mehr Herzenswärme hätte diesem After-Endzeit-Drama nicht geschadet.

TIPP: Mit einem umfangreichen Begleitprogramm rund um „Der letzte Mensch“ widmet sich das Theater Nestroyhof Hamakom von 13. bis 27. Oktober in Zukunftsgesprächen den Folgen des Klimawandels, Exodusgelüsten der Menschheit ins Posthumane sowie der Möglichkeit einer technologischen Transformation. Autor Philipp Weiss diskutiert mit jeweils einer Expertin. Am 22. Oktober liest Weiss aus seinem Roman „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“.

Mehr dazu: www.youtube.com/watch?v=V9uKyPRkTJ4           www.hamakom.at           www.philippweiss.at

  1. 10. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Dibbuk

Dezember 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geister, Glückskekse und „Küchen“-Kabbalah

Besessen vom Dibbuk: Katharina Knap erzählt und spielt. Bild: © Marcel Köhler

Der Dibbuk ist der oftmals böse Totengeist eines vor der Zeit Verstorbenen, der sich dort an einen Lebenden heftet, wo eine Schuld nicht abgetragen ist. Dessen Körper wird in Besitz genommen, der Dibbuk spricht durch den Besessenen. „Der Dibbuk“ ist ein Theaterstück von Salomon An-Ski, der Klassiker der jiddischen Literatur, und schildert die Heimsuchung der Händlerstochter Leah durch den Dämon des vor Gram dahingeschiedenen Jeschiwa-Studenten Chanan.

Man war einander versprochen worden, doch dann erwählte Leahs Vater den reichen Menasche zum Bräutigam. 1938 zeigte die in Wien bei Publikum und Presse beliebte hebräische Truppe Habimah das Drama als Gastspiel im heutigen Theater Nestroyhof Hamakom, damals „Jüdische Künstlerspiele“. Es ist dies die letzte belegte Produktion am Haus, bevor es im Zuge des „Anschluss“ von den Nationalsozialisten geschlossen wurde.

„Der Dibbuk“ ist auch eine Kurzgeschichte der polnischen Schriftstellerin Hanna Krall aus ihrem Buch „Existenzbeweise“. Angesiedelt in Kalifornien erzählt die Short Story vom erfolgreichen Architekten Adam, dessen im Warschauer Ghetto umgekommener Halbbruder Abram nun in ihm wohnt. Der ehemals Sechsjährige weint, wie verlassene Kinder weinen – und natürlich soll er ausgetrieben werden. Aber im letzten Moment besinnt sich der Besessene und ruft ihn zurück.

Szenenfoto einer Aufführung der Rolandbühne aus dem Jahr 1925. Bild: © KHM-Museumsverband, Theatermuseum, Wien

Die „Jüdischen Künstlerspiele“ im Nestroyhof. Bild: © YIVO Institute for Jewish Research / Michael Preiss

All das, dazu Texte von Shahar Arzy, Moshe Idel bis zu Frederic Lion und Zeitungsausschnitten aus dem Jahr 1938, verweben Regisseurin Milena Michalek und Schauspielerin Katharina Knap nun im Theater Nestroyhof Hamakom zum Abend „Dibbuk“. Der hat es sich im Setting von Sam’s Bar gemütlich gemacht, als das Publikum, versehen mit Speis‘ und Trank, zu den Bistrotischen strömt. Größtenteils humorvoll, dann wieder ans Herz rührend, wenn es nicht zerreißend, wird Knaps Geisterbeschwörung nun sein – gegenüber der Bar die einstige Bühne, ein leerer Raum, als Andenken an die Darsteller, die von dieser vertrieben wurden.

Knap erweist sich als großartige Entertainerin. Wie ein Irrwisch wirbelt sie zwischen den Zuschauern umher, verteilt an diese Glückskekse, fragt sie nach Befindlichkeiten, versucht sich an „Küchen“-Kabbalah und mittels Schultafel die Sache mit den Sephiroth, den zehn göttlichen Emanationen entlang des Lebensbaums, zu erklären, oder zeigt den Mizwe-, den chassidischen Hochzeitstanz. Von Knaps Temperament verschont bleibt niemand, das wird spätestens dann klar, wenn sie die „Dibbuk“-Rollen, es sind nicht weniger als vierzig, unter den Anwesenden verteilt. „Jeder schlechte Gedanke, der gegen einen selbst gerichtet ist, ist nicht von einem selbst“, sagt sie.

Und wechselt von der Dibbuk-Therapeutin zu „Patient“ Adam und Abram zu Leah und Chanan, ihr orangefarbenes Outfit dabei einmal der Sanghâti des buddhistischen Mönchs, der Abram endlich ins Licht schicken soll, einmal ein Schal für Leah. Knap verschiebt die Ebenen von Mythos und Mystik, zwischen Schmerz und Scherz. Fürs Jahr 2019 will sie einem mitgeben, sagt sie, dass es da draußen mehr gibt, als man sich denken mag. Dass der Schein trügt. Und dass die Dinge Bedeutung haben. Und ganz im Sinne des Orts, ha-Makom, ruft sie dazu auf, sich mit den Geistern der Vergangenheit auseinanderzusetzen, damit die Zukunft neu werden kann.

Ingrid Schmoliner sorgt für den Sound. Bild: © Marcel Köhler

Begleitet wird Katharina Knap von der wunderbaren Live-Musik der Ingrid Schmoliner. Die Töne, die die Klangkünstlerin ihrem – unter anderem mit Stäbchen und Klebeband – Präparierten Klavier entlockt, wie sie singt, das erst erschafft die perfekte Atmosphäre für diese Uraufführung. „Dibbuk“ im Theater Nestroyhof Hamakom ist ein Abend, den man unbedingt gesehen haben sollte. Es folgen noch sieben Aufführungen bis 21. Dezember.

www.hamakom.at

  1. 12. 2018

Theater Nestroyhof Hamakom: Orgie

Mai 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

50 Shades of Pasolini

Ein gewaltig guter Schauspieler: Jakob Schneider. Bild: Marcel Köhler

„Aber der Friede hinterlässt blutige Spuren wie der Krieg. Anstelle der Massenmorde steht hinter seinen Inszenierungen eine andere Ungeheuerlichkeit“, heißt es an einer Stelle im Stück. Dies, die über dem Raum schwebende Rechtfertigung für alles, was in weiterer Folge geschieht, ist gleichsam wohl die programmatische Erklärung dafür, warum sich das Theater Nestroyhof Hamakom für den Stoff interessierte. „Orgie“ von Pier Paolo Pasolini. Sexuell so explizit, dass der Abend erst für Zuschauer ab 18 Jahren empfohlen wird.

Ingrid Lang hat inszeniert. Im Vorjahr gelang ihr mit Carol Churchylls Dystopie „In weiter Ferne“ ein unerwarteter Erfolg, nun schließt sie an, mit einem der sechs Stücke, die das italienische Film- und Theatergenie 1966, nach aufgeplatztem Magengeschwür im Krankenbett ausharrend, als seine radikal-utopistische Vorstellung von Theater entwarf. Diese Nahtoderfahrung, Pasolini kippte in einem Restaurant blutig gekotzt aus der Toilettentür, kommt im Text vor. Der Schauspieler gibt einen sich kürzlich erhängt Habenden, der von sich erklärt „nicht Konformist genug“ gewesen zu sein, „um von der Macht guten Gebrauch zu machen“. Immerhin, die Möglichkeit zu Tode zu kommen, hat er gut genutzt.

Vor diesem Tod nun, jenseits aller Zeit, in einer Welt der Hypothesen und Illusionen ereignet sich – rittlings über dem eigenen Grab, möchte man sagen – ein andersartiges Leben, ein Leben von „Andersartigen“, ein sadomasochistisches Ritual, das vorgibt, kein Spiel mehr zu sein. Eine Zimmerschlacht tobt. Zwei adrette Menschen quälen sich unter Wortkaskaden bis zum bitteren Ende. „Gedemütigt sein“, sagt die Frau zum Mann, „ist eine Lust ohne Boden“. Und sie erklärt die Rollenverteilung: „Du das Opfer, das töten will, und ich der Henker, der sterben will.“ Auch sie will Rache üben – Wofür? Egal! Rituale sind die Tragikomödien der Macht.

All dies ereignet sich in einer von Peter Laher liebevoll aufgebauten Bühnenwohnung. Vorne Salon, links Badezimmer, rechts Küche, hinter dem Salon das Schlafgemach, gutbürgerlicher Wohlstandshorror. Sie sitzt in der Badewanne, er auf der Toilette. Anfangs. Jakob Schneider ist großartig im scheuen Versuch, einen Normalbürger zu mimen. Verschreckt lässt er sich von einer Regieassistentin bis aufs Hemd ausziehen, kaum nackt und bloß, muss er sich mitten im Satz auch noch das Mikrophon wegnehmen lassen. Der stets fragende Ton seiner Monologe weicht der Anklage gegen ihn, den späteren Mörder, aus.

Ein bereits Toter lässt sich an- …: Jakob Schneider. Bild. Marcel Köhler

… und kurz vor dem Erhängen auskleiden. Jakob Schneider. Bild: Marcel Köhler

Johanna Wolff als seine Frau fasziniert mit ihrer Ambivalenz und ihrer hinter aller Verwundbarkeit erkennbaren Kraft. So angreifbar zart kann sie gar nicht vor dem Manne stehen, so brüchig ihre Stimme gar nicht sein, dass man in ihr ein Opfer erkennt. Mit einem Mal wird das Prinzip Dom/Sub sonnenklar: Der Sub, sie also ist es, die die Gangart vorgibt, weil sie Bestrafung einfordert, nur so kann erotische Rollenverteilung funktionieren. Der Mann: „Es ist kein Spiel … Ich will dich wirklich töten, ich will wirklich sterben. Aus diesem Traum erwache ich nicht mehr. Er bringt wirklich das Ende von allem.“ Danach wechselt er von der Frau zum Mädchen. Mina Pecik wird die nächste sein, die in seine Falle geht, gefesselt, bedroht, ums Überleben ringend …

In Pasolinis Sechzigerjahre-Stücken, der damaligen Zeit entsprechend so hektisch wie wortreich mit Entlarvungen und Tabubrüchen beschäftigt, klingen heute manche Stellen allein beim Lesen nach Papier. Doch wenn man es nur recht laut knistern und rascheln lässt, kann man mit ihnen immer noch ein Feuer entzünden, das seine Flammen bis in heutige Tage überträgt. Ingrid Lang konterkariert die Lyrik des Textes durch darstellerischen Realismus. Er schneidet sich die Zehennägel, während sie über ihre Bettlektüre hinweg über Krieg und anders Körperliches plaudert.

Dann wieder bricht Lang ihr sorgsam geschaffenes Set, lässt eine Visagistin live und in aller Ruhe Blutergüsse und Striemen schminken. Ein Video zeigt die dazu passenden Momente von Gewalt, Schmerz und Lust. In der erschreckendsten Szene des Abends sitzen einander Mann und Frau im Halbdunkel gegenüber und verhandeln ihre nächste Misshandlung durch ihn. Dazu Klassik vom Plattenspieler, von dem später ihre eigenen Stimmen kommen werden. Dazu tanzen sie; sprachlos; gespenstisch ist das, soghaft in der Wirkung. Aus derlei Pausen entsteht der Psychothrill, entschwindet auch das Mitleid für den oder die ProtagonistInnen. Er zieht sich ihre Unterwäsche an und legt sich die Schlinge um den Hals. Ausflucht folgt auf Erklärung folgt auf Weltanklage. Seine selbstgerechte Suada ist, als würde er sich sinnbildlich einen runterholen …

Und die Frage, wer bei Sadomaso der Stärkere ist: Johanna Wolff und Jakob Schneider. Bild: Marcel Köhler

Naivität heißt bei Pasolini Reinheit. Ihr Ende, die „Orgie“. In seiner autobiographischen Erzählung „Unkeusche Berührungen“ klagt er: „Die Verzweiflung heute Nacht gleicht genau der Verzweiflung jenes Sonntags; es sind dieselben Gründe, die sie hervorrufen. Doch 43, noch jungfräulich im Körper, nicht gänzlich meiner selbst bewusst, hatte ich ein Schauspiel inszenieren können, mich nach etwas außerhalb oder in mir auf die Suche machen können. Nun bin ich eine ganz erforschte Wüste, bin ganz Bewusstsein; es gibt kein Mittel mehr, mich zu retten.“

Wie zur Zeit der Reinheit das Sendungs-, gehört zur Zeit der Verzweiflung das Schändungsbewusstsein. Ingrid Lang hat das verstanden, sie reißt der „Orgie“ die pornographische Maske vom Gesicht, sie kokettiert mit dem Armageddon. Pasolini duldet keine falsche Scham. Und Langs Inszenierung weiß das, sie ist skandalös plastisch, psychologisch präzise, von unglaublicher Intensität. Pasolinis Vision war ein asketisches Theater ohne Bühnenbild, ein leerer Raum ohne Effekte und Musik. Dieser Vorgabe, gleich der klassischen griechischen Tragödie, folgt Lang nicht. Auch nicht seiner Vorstellung eines „Theaters des Skandals“, das funktioniert anno 2017 wohl nur noch schwer. Doch an sein „Theater des Wortes“ hält sie sich, an die Debatte, und das mit drei herausragenden Darstellern. So muss Theater sein. Auf ins Hamakom!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SfapM9Gcda0

www.hamakom.at

Wien, 10. 5. 2017