Theater Nestroyhof Hamakom: Ia Und Nein

Oktober 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bissig-böse Protokolle eines Menschenbeobachters

Albert Drach. Bild: © Privat

Nach der fulminanten Inszenierung seines satirischen Volksstücks „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30026, zu sehen noch bis 21. November) setzt das Theater Nestroyhof Hamakom den „Drach/Herbst“ mit der szenischen Einrichtung von dessen drei Erzählungen „Ia Und Nein“ fort.

Die zwischen 1983 und 1988 veröffentlichten Prosatexte des Ausnahmeautors Albert Drach sind in den pittoresken Backsteinkatakomben der Bühne zu erleben, eingerichtet von Hausherr Frederic Lion, Lisa Niederwimmer und Patrick Rothkegel, zu Gehör gebracht von Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz. „Ich bediene mich eines Stils“, sagte Drach einmal, „in dem das Leben gegen den Menschen schreibt.“ – „Protokollstil“ nannte der studierte Jurist diesen, ein ziemlich sonderbares, veraltet klingendes Gemisch aus Beamten- und Dichterdeutsch, ein umständliches Idiom von splitteriger Musikalität. Wollte man Vergleiche anstellen, wären die vielleicht: surreal wie Asimov, skurril wie Kafka, in jedem Falle aber schwarzpoetisch und sarkastisch. Man hat zu Recht darauf verwiesen, dass Drach, ein Meister des Nebensatz-Mäanderns, mit seiner Sprache die herrschende demaskiert. Dabei ist er mehr als nur Gesellschaftskritiker. Drach attackiert mit seinen schneidenden Kommentaren zur Ist-Zeit nicht etwa die Brecht’schen „menschlichen Verhältnisse“, sondern die Unmenschlichkeit an sich.

Seine Protagonisten sind stets dubiosen, dunklen, vor allem aber durch und durch banalen Kräften unterworfen, deren Ursprung und Zielrichtung sie nicht kennen, deren Motive unklar bleiben, von denen hingegen eines klar ist, nämlich dass sie ihnen nichts Gutes wollen. Zu Drachs 90. Geburtstag wurde geschrieben, müsse man sich den Gott des Schriftstellers vorstellen, so sei der sicher bei bissl k.u.k. Ministerialrat – pflichtversessen penibel und geistig ein klein wenig beschränkt und in gnadenloser Perfektion Katastrophe auf Katastrophe häufend … Mit den nun im Hamakom zu hörenden drei Erzählungen bestätigt Albert Drach seinen Ruf als Meister so abgründiger wie tiefgründiger Geschichten. Niemand schildert so schonungslos abwegige Gelüste und seelische wie körperliche Brutalität. Dennoch gerät bei ihm die Demaskierung des Bösen nie zum reinen Selbstzweck, sondern entspringt dem verzweifelten Trotz eines scharfsichtigen, scharfzüngigen Moralisten.

Das grotesk-morbide, postatomar-apokalyptische „IA“, einerseits Eselsruf, andererseits am Ende als ein Ja interpretiert, führt eine überalterte Gesellschaft von 16 Männern vor, die in einem unterirdischen Klinik-Bunker beratschlagt, wem die Aufgabe zukommen solle, den einzigen weiteren Überlebenden, ein weibliches Neugeborenes, mit Beischlaf zu beehren, um das Fortleben der Menschheit zu sichern. „UND“ handelt von einem verschollenen Richter mit einer ausgeprägten Abneigung gegen das Bindewörtchen, dessen Haushälterin samt eines Ex-Polizisten glaubt, auf den Zettelnotizen des Unauffindbaren, auf denen er seine Und-Abneigung zu begründen sucht, wichtige Hinweise über dessen Verbleib zu finden. „NEIN“ wiederum ist die Geschichte eines Findelkinds mit dem „ehrlichen deutschen Namen“ Max Mayer junior, der im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs, bevor er zum braven Beamten wurde, offenbar aber noch den jüdischen Jakob Weißschopf trug. Ein Umstand, der, so wie seine Eigenart, gerne lustvoll in menschliches Fleisch zu beißen, seiner Karriere nicht gerade zuträglich ist …

Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz nähern sich den Drach-Texten auf ihre je eigene Art, mal stoisch vortragend, mal sich wie ängstlich duckend, mal als verschmitzter Strizzi. Die Maux nimmt ihre Aufgabe als Protokollantin auch in der Art ernst, dass sie unablässig Bleistifte spitzt. Als spitzfindige Menschen- und Zuständ‘-Beobachter entwerfen sie, ohne es so zu benennen, ein Österreich-Bild vom Feinsten. Während Drach seine Erzählungen zwischen Drittem Reich und Zweiter Republik schweben lässt, kommt einem vieles kurios aktuell vor. Die in „IA“ satirisch vorgenommene Einführung des Ein-Stunden-Tags, die Bildung als „überwundener Begriff“, der Rechtsstaat, der „Grenzen haben muss“, wie die politischen Gruppierungen „von der äußersten Rechten bis zur innersten Linken“ beschließen.

Erst in hohem Alter, in den 1990er-Jahren, wurde Albert Drach, 1939 vor den Nazis geflohen, 1947 nach Österreich zurückgekehrt, für sein literarisches Schaffen gewürdigt. Dennoch ist er bis heute nicht allzu vielen als Autor ein Begriff. Dass das Hamakom, dies nun ändern will, noch dazu mit hervorragend gestalteten Abenden, ist erfreulich. Beim „Drach/Herbst“ muss man dabeigewesen sein.

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018

Murer – Anatomie eines Prozesses

März 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Freispruch für den Schlächter von Vilnius

Karl Fischer (Mitte) als Franz Murer. Bild: © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

„Schreiten in die neuen Zeiten, Hand in Hand mit alten Nazis“, sagt der Journalist zum Politiker. Ein Satz, der klarstellt, was Regisseur Christian Frosch am Thema interessierte, nämlich „weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die Täter und die Opfer in der Republik Österreich darstellten und darstellen. Das Spannende ist, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert“,

so der Filmemacher. „Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären …“ Ein brisanter Gerichtsthriller eröffnet heute Abend die diesjährige Diagonale, landesweiter Kinostart ist am Freitag. Graz 1963. Der angesehene steirische Lokalpolitiker und Großbauer Franz Murer steht wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht. Die Beweislage ist erdrückend. Doch in den Zentren der Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen. Der braune Bodensatz klebt fest in der Politik, in den Ministerien, latenter und offener Antisemitismus regiert. Murer wird schließlich auf Intervention, aufgrund einer „Weisung aus Wien“, so stellt es der Film dar, freigesprochen werden.

Anhand der originalen Gerichtsprotokolle eines der wohl größten Justizskandale der Zweiten Republik zeichnet Frosch den Fall Murer nach, eines Mannes, der von 1941 bis 1943 als „Schlächter von Vilnius“ einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in der heutigen litauischen Hauptstadt war. Simon Wiesenthal stolperte bei seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig über den mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebenden, als Sadist verschrieenen Verbrecher. Unzählige Überlebende der Shoah reisten an, um auszusagen und späte Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens.

„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Schauspieler Karl Fischer als Franz Murer. Dazu fährt die Kamera von Frank Amann über die Gesichter der Geschworenen und des Publikums. Da lacht der eine oder andere, nickt zustimmend, skeptisch, ungläubig, erschrocken wird auf die Zeugenaussagen reagiert. Kaum einer im Saal will mehr wahrhaben, was nicht gewesen sein darf. Was Wunder, hat man doch selbst „dem Herrn Mandelbaum günstig das Geschäft abgekauft“. Dazu eine Geräuschkulisse, die einen erschaudern lässt. Ein Orchester beim Einstimmen, Kakophonie und dazu – Schreie, Schüsse? Frosch ist ein atmosphärisch dichter, ein intensiver Film gelungen, seine protokollarische Vorgehensweise ändert nichts daran, wie hochemotional die Sache wird.

Karl Markovics als Simon Wiesenthal. Bild: © Katharina F. Roßboth / Prisma Film

Inge Maux tritt als Zeugin auf. Bild: © Patricia Peribanez / Prisma Film

Erschreckend, wie schlecht mit den Zeugen umgegangen wurde, wie Murers Verteidiger sie unglaubwürdig macht, nur weil sie sich an die kleinste Kleinigkeit nach so langer Zeit nicht mehr erinnern können. Erschreckend auch die Scham und Verzweiflung der Überlebenden. Im Zeugenstand können sie ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden abgekanzelt, weil sie nicht die genaue Farbe von Murers Uniform wissen.

Mit Hintergrundsequenzen und parallelen Handlungssträngen im Umfeld des Prozesses, etwa, wenn die Zeugen mit den Mitläufern gemeinsam mit Gasthaus sitzen müssen, kombiniert Frosch die Szenen im Gerichtssaal zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild. Zum miefigen Sozialpanorama eines 190er-Jahre-Österreich. Samt (damals also auch) „Lügenpresse“-Paranoia. „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, zieht Frosch ein düsteres Resümee aus seiner Arbeit am Film.

„Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ Neben Karl Fischer, der Murer beinah regungslos, mit angespannter Zurückhaltung verkörpert, mehr Floskel und Fassade als tatsächlicher Mensch, brilliert eine Riege österreichischer Schauspieler: Klaus Rott, Susi Stach, Inge Maux, Robert Reinagl, Franz Buchrieser, Erni Mangold, Christoph F. Krutzler … Karl Markovics spielt den als Aggressor verunglimpften Simon Wiesenthal. Am Schluss noch einmal ein Zitat, diesmal der Politiker zum Journalisten über dessen Berichterstattung zum Prozess: „Das Bravo der linksgerichteten Intellektuellen bringt uns im Gemeindebau keinen Meter weiter.“ Wie furchtbar zeitnah dieser Film doch ist.

www.murer-film.com

  1. 3. 2018

Theater Nestroyhof Hamakom: In weiter Ferne

April 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Folteropfer tragen Designerhüte

Matthias Mamedof und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Eine Pussy-Riot-Maske entsteht: Matthias Mamedof und Johanna Wolff. Bild: Marcel Köhler

Sacco und Vanzetti waren zwei aus Italien in die USA eingewanderte Tagelöhner, die sich der anarchistischen Arbeiterbewegung angeschlossen hatten. Sie wurden, nachdem in ihrem Umfeld, etwa einer einschlägigen Druckerei, viel verhört und gefoltert worden war, des doppelten Raubmordes angeklagt. Obwohl keine Beweise gefunden werden konnten und die beigebrachten Zeugen einander widersprachen, wurden die Männer am 22. August 1927 in Massachusetts auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Das steht hier, weil Joan Baez Sacco und Vanzetti einen Song gewidmet hat, „Here’s To You“, dessen Refrain die letzten Zeilen aus Vanzettis Abschiedsbrief an seine Frau wiedergibt: “The last moment belongs to us, that agony is our triumph!”

Das Protestlied der berühmten Politaktivistin ist der Soundtrack zu Ingrid Langs Inszenierung von „In weiter Ferne“ im Theater Nestroyhof Hamakom, er ist gleichsam die Baseline der Produktion. Die britische Dramatikerin Caryl Churchill entwirft in ihrem Stück ein politisches Horrorszenario. An einem weder zeitlich noch räumlich näher beschriebenen Ort übernimmt eine „Opposition“, „eine Bewegung, die sich der Verbesserung der Umstände verschrieben hat“, die Macht. Zuerst, scheint es, werden nicht-systemkonforme Subjekte aus dem Weg geräumt, weshalb die Masse bald brav Richtung Mitmarschieren einschwenkt, am Ende steht der totale Krieg. Wobei sich Churchill allzu offensichtliche Verbindungen zur Sportpalastrede verbietet. Ihr Text lässt Assoziationen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu. Genaueres wird ohnedies nicht gesagt. Das Unfassbare steht unsagbar präzise zwischen den Zeilen.

Inge Maux und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Die große, böse Wölfin überzeugt das Unschuldslamm von ihrer Wahrheit: Inge Maux und Johanna Wolff. Bild: Marcel Köhler

Lang folgt Churchill bei ihrem Regiedebüt mit großem Einfallsreichtum in die Rätselhaftigkeit. Von Anfang an sind zwar Angst und Erschrecken da, schwere Schritte und Hubschrauberlärm, aber der Schrei in der Nacht kann doch nur von einer Eule gewesen sein. Und jener Mann dort, der Onkel – ist er Folterer oder Fluchthelfer? Joan, so auch der Name der Protagonistin des Dramas, wird vom misstrauischen Kind zur kampferprobten Mordmaschine.

Johanna Wolf spielt sie mit hoher Intensität, eindringlich gestaltet sie eine naive Aufgewühltheit ob der gesellschaftlichen Zustände, die sich in Abscheu und Zorn verwandelt. Die Frage ist allerdings, wovor und worüber, denn Churchill führt das Publikum permanent aufs Glatteis. Wen auch immer man als Widerstandskämpfer vermutet, enttarnt sich im nächsten Satz als Kollaborateur, wer auch immer auf der richtigen Seite zu stehen scheint, hat tatsächlich diese Grenze längst überschritten. Lediglich Tante Harper, keine Schreckenssage ohne große, böse Wölfin, darf sich relativ rasch gefährlich zeigen. Inge Maux changiert bravourös zwischen betulich und bedrohlich, während ihr immer wieder neue Lügen einfallen. Mit lauernder Ruhe spricht sie ihre Warnung aus: „Manchmal sind auch Kinder Verräter.“ Bald wird ihre ideologische Verbissenheit sich Bahn brechen und sie dem neuen totalitären Regime offen huldigen.

Peter Laher hat wie als Synonym für den vom System durchleuchteten Menschen einen drehbaren Glaskubus als Bühnenbild erdacht. Nach Tantes Wohnung dient er im zweiten Bild als Modistenwerkstatt, denn Joan wird Hutmacherin – und begegnet nun Todd alias Matthias Mamedof. Der ist ein Aufbegehrer, ein Aufwiegler, über die Gewerkschaft spricht er und über gerechte Arbeitsbedingungen und darüber, dass er nächtens im Fernsehen „die Prozesse“ verfolgt. Eine Art Pussy-Riot-Maske entsteht, Joan und Todd werden Liebende, doch da ist man schon gewarnt, auf nichts mehr zu vertrauen. Und in der stärksten, schmerzhaftesten Szene lässt Lang eine Kolonne von Komparsen defilieren. Sie tragen die künstlerischen Kreationen von Joan und Todd wie mittelalterliche Schandhüte, auf dem Weg vom Gefängnis zum Gericht, die halbnackten Körper der Folteropfer mit Blutergüssen und Schrammen übersät, mit Blüten und Vögelchen auf den geschundenen Köpfen der Lächerlichkeit preisgegeben. „Schade“, sagt Joan, „dass man mit ihren Leichen auch die schönen Hüte verbrennt.“

Matthias Mamedof und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Die Gefangenen werden auf ihrem Weg zur Hinrichtung lächerlich gemacht. Bild: Marcel Köhler

Churchill, von ihr gibt es unter anderem auch Stücke über Großbritanniens Kolonialvergangenheit und den „Rechtsruck der Labourpartei“ unter Tony Blair, hat ihre Politparabel in dem ihr eigenen Stil verfasst. Die Feministin und Sozialistin lässt sich von keinen Konventionen einengen. „In weiter Ferne“ ist ein fantastisch experimenteller Entwurf, so skurril surreal wie sarkastisch realistisch. Im dritten Teil kippt das Geschehen ergo in einen Nonsense-Text über den Krieg.

Jeder ist nun gegen jeden, jeder kann Täter oder Opfer sein. Lettische Zahnärzte genauso wie Marokkaner in Frankreich. Die Terroranschläge von Daressalam werden erwähnt, das Stück ist aus dem Jahr 2000, und Mamedof erzählt von „Menschen, die kopfüber an den Füßen baumeln“. Elefanten und Niederländer haben sich gegen die Stare und die Computertechniker verbündet, das Wetter kämpft auf Seiten der Japaner – doch bevor sich dieser globale Krieg ad absurdum führen kann, fällt einem ein, dass Pol Pot die Brillenträger ermorden ließ. Durch ihre Fehlsichtigkeit als „Intellektuelle“ ausgewiesen, waren sie todgeweiht. Es gibt nichts am Theater, das es im Leben nicht schlimmer gibt. Und dann hat Todd den Überblick verloren, wer aktuell der Feind ist, und Joan steht im Drillich in der Tür. Paranoid, aber gehorsam … oder? Regierung oder Rebellen, an einem bestimmten Punkt der Grausamkeiten angekommen, ist es egal, wer sie begangen hat, sie sollen nur aufhören.

Regisseurin Lang lässt im Sinne der Autorin viele Fragen offen. Sie lässt die Aufführung in einem vagen Nicht-Wissen-Können oder Nicht-Wissen-Wollen verschwimmen, ins Dunkel abdriften, obwohl man so gerne noch mehr gewusst hätte über was und wie und wer jetzt ein guter. Klarheit immerhin gibt es über die symbolisch dünne Folie, die den Modistenberuf von Mitläufertum und Mördersein trennt. Mitmenschlichkeit und Mitleid sind nur ein leicht abzukratzender Firnis auf den Gedankengebäuden westlicher Zivilisation. Soll man etwas schreiben über den immer noch fruchtbaren Schoß? Churchill weiß, welche Gesellschaft sie möchte: „… dezentralisiert, nicht autoritär, gemeinschaftlich, nicht sexistisch – eine Gesellschaft, in der Leute auf ihre Gefühle vertrauen und Kontrolle über ihr Leben haben …“ In diesem Sinne: ein eindrücklicher Abend.

www.hamakom.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=5shmfWO2xNc

Wien, 7. 4. 2016

Elisabeth Scharangs Unterweger-Film kommt ins Kino

August 31, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch ist „Jack“

Bild: © Thimfilm

Bild: © Thimfilm

Diese Woche wird Österreich seinen Kandidaten für den Auslandsoscar bekannt geben. Die Aufgabe sollte angesichts von Elisabeth Scharangs Kinofilm „Jack“ eigentlich ein No-Brainer sein. Nicht (nur), weil der Fall Unterweger bis nach Los Angeles führt und die Amerikaner deshalb mit der Story mutmaßlich was anfangen können, sondern viel mehr, weil genau das wurscht ist. Kinostart der epo-Film-Produktion ist am 11. September.

Da sitzt er also nackt in seiner neuen Wohnung auf dem Fußboden und lacht. Nur für Sekunden. Schiach ist das. Zum Fürchten ist Johannes Krisch als „Jack“, als Bad Boy mit den Originaltattoos. Ein Dr. Jackyll und Mr. Häfnpoet. Er hat etwas Intensives, Raubtierhaftes – und diese Stimme – ein Gänsehautgarant, oder besser: eine, die leicht erotisch-wohlige Schauer macht. Hier macht ein Täter kein Geheimnis aus seinem Trieb … Schon in die Falle gegangen, schon interpretiert, schon projiziert auf diese Schauspielfläche, die Scharang anbietet. Die Regisseurin und Drehbuchautorin hat Unterweger Anfang der 90-er Jahre kennengelernt. Nach mehreren Versuchen einer Doku hat sie einen Spielfilm gemacht. Fern aller Mythen, Klischees und Meinungen. Fern von Schuld- und Unschuldsvermutungen. „Jack“ ist kein Unterweger-Biopic. Scharang dekliniert dieses Leben nicht durch. Sie hat sich von den Fakten gelöst, um Fiktion, um Fantasie leben zu lassen. „Jack“ ist absoluter als es ihr Friedrich-Zawrel-Film „Mein Mörder“ sein konnte und ihre Franz-Fuchs-Semidoku sein wollte. Er variiert gekonnt und kunstvoll Realität.

Scharang nähert sich ihrer Hauptfigur über Frauencharaktere. „Jack“ trianguliert eine ménage à trois. Da ist die von Corinna Harfouch großartig gespielte Architektin Susanne, eine Rolle, angelehnt an die Frau eines österreichischen Industriellen, Unterwegers heimliche Geliebte, die für einen Großteil seiner Unkosten inklusive Wohnung aufkommt, die mit masochistischer Hingabe den liebt, der Grenzen überschreitet, sobald er an Grenzen stößt. Da ist die Journalistin Marlies, von Birgit Minichmayr als berechnende Bitch dargestellt. Die „Heilige“, die mit Jack Sex hat, und die „Hure“, die ihn vermarktet, die die mediale Hysteriemaschine durchaus aus Eigennutz befeuert. Wie sie bei seiner Buchpräsentation in die Menge grölt: „Literat und erfolgreicher Frauenmörder!“ Da ist Jacks Mutter (Inge Maux), die ihn mit ihrer Penetranz zu Wutficks mit Prostituierten animiert. Da ist Sarah Viktoria Fricks „Charlotte“, die bei dem einen gestandenen Sexualmord dabei war. „Ich kann mich selber nicht vergessen, schade, dass du mich auch nicht vergessen kannst“, sagt sie, als er sie nach Jahren, nach verbüßter Haftstrafe aufstöbert. Selbst die grausliche Kulturschickeria wird mit Birgit Doll als Frau personifiziert. Auch in dieser Beziehung löst Jack, die Resozialisierertrophäe, eine Rolligkeit aus. Jack, die Sau, die durchs Künstlerdorf getrieben wird … Bestechend agiert auch Paulus Manker als Psychologe Ziehofer, ein süffisaner Zweifler an Schönredetheorien, einer, der keine Sekunde an Jacks Unbeflecktheit glaubt, der sich festgebissen hat, der daheim eine Profilertafel mit Fotos und Zeitungsausschnitten über die Prostituiertenmordserie füllt.

„Jack“ ist ein spröder Film. Subtil, brutal, poetisch, fordernd, ausgestattet mit einer Unterkühltheit, die dem Thema gut tut. Der meiste Text (ent-)steht in den Sprechpausen. Scharang inszeniert den Selbstinszenierer Jack narzistisch wie ein Gerichtsgutachter: Krisch, in dessen Gesicht es unablässig arbeitet, mit verwegen wehendem Mantel, das ist fast schon John Woo. Kameramann Jörg Widmer, Terrence-Malick-erfahren, schuf dazu Traumbilder von beklemmender Schönheit. Klaustrophobischen Gefängnismomenten stellt er Naturaufnahmen, rasante Kamerafahrten über Schneeflächen und Waldbächleinantiidyll, gegenüber. Eine bizarre Vogelperspektive, als in der von weihrauchigem Nebel durchwaberten Baumkathedrale von plastikweißgewandeten Trupps Leichen geborgen werden. Die eindringliche Musik von Naked Lunch komplettiert die Stimmung; Oliver Welters schmerzhaft zerrissene Stimme erschafft einen Jack, Facetten von Jack, wie es ohne sie nicht möglich gewesen wäre.  Am Schluss kommen die beiden zusammen, Welter und Krisch, singen was passt: Weeping Dog. Da trifft Jack sein (erstes) Opfer; die Winterwunderwelt ihrer Todesstätte ist für ihn schon jenseitig. Kein rechtskräftiges Urteil mehr möglich. Außer das über diesen Film. Es lautet schlicht: grandios.

www.jack-film.at

Wien, 31. 8. 2015

Volkstheater: Haben

Februar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Relativität der Zeitwahrnehmung

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold Bild: © Christoph Sebastian

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold
Bild: © Christoph Sebastian

Róbert Alföldi, ehemaliger Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, für den es heute schwierig bis unmöglich ist, in seiner Heimat zu arbeiten, der sich trotzdem weder als „Opfer“ denn als „Flüchtling“ verstanden haben will, inszenierte erstmals am Volkstheater. „Haben“ von Julius Hay hat er mitgebracht. Und allein die Geschichte des Autors ist eine Geschichte wert: Das Schicksal des heute zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, geboren 1900 im ungarischen Abony, war so wechselvoll wie das 20. Jahrhundert: Der ewige Exilant floh 1919 vor der Räterepublik aus Ungarn nach Deutschland, das er 1933 als Jude Richtung Österreich verließ, wo er als Kommunist verhaftet und inhaftiert wurde. Nach seiner Freilassung führte ihn sein Weg weiter in die Sowjetunion. 1945 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1956 – diesmal als Antikommunist – zu sechs Jahren Kerker verurteilt wurde. 1963 emigrierte er erneut – in die Schweiz, wo er 1975 starb. „Haben“, seinen subversivsten und vielschichtigsten Text (basierend auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1929) schrieb er – in deutscher Sprache – zwischen 1934 und 1936 im Exil. Es ist ein erschreckendes, allem Witz zum Trotz grausames Stück über Werte und Klassenfragen, darüber, was käuflich ist im Leben, und was für Geld nicht zu haben ist: Das kapitalistische System, das hier von einer Hebamme errichtet wird, ist eine Zone, in der Vieles im Grau versinkt. „Haben“ wurde 1945 als erste Nachkriegspremiere im zerstörten Budapest gespielt. Und auch am Volkstheater gehörte es zu den ersten Premieren nach Kriegsende. Günther Haenels Inszenierung mit Dorothea Neff, Karl Skraup, Hans Putz und Marianne Schönauer führte zum ersten Theaterskandal der Zweiten Republik: Die Madonnenstatue als Giftdepot gab Anlass zu heftigem Protest, der in tumultartigen Szenen und einer Schlägerei gipfelte.

In einem kleinen ungarischen Dorf, dessen Äcker von feudalen Großgrundbesitzern wie von einem eisernen Gürtel umschlossen sind, sterben die Männer nämlich wie die Fliegen. Niemand ahnt, dass die Frauen des Dorfes hinter den Todesfällen stecken: Angetrieben von der Hebamme Képes vergiften sie ihre Männer aus Gier nach Besitz und persönlicher Freiheit. Auch die junge Árva Mari schreckt vor Mord nicht zurück, als sie um seines Besitzes willen den angegrauten Großbauer Dávid heiratet. Doch dann beginnt sich der Gendarm Daní, der in Mari verliebt ist, für das seltsame Männersterben zu interessieren …

Alföldi destilliert aus dem Text sowohl ewig gültige Aussagen über die menschliche Natur, macht ihn aber auch zu einer Abrechnung mit der gegenwärtigen politischen Lage seiner Heimat. Er erteilt Kapitalismus und Konsumgeilheit ebenso eine Absage, wie dem Nationalismus und der Angst vor einer allmächtigen Obrigkeit, dem Komitat. In einem Dorfantiidyll mit Grasböschung, Madonna hinter Glas, „Tarnzelten“ an den Seiten und einer Himmels-Leinwand (erdacht von Róbert Menczel) präsentiert er ein Sammelsurium seltsamer Figuren, Muttergottesanbeterinnen, die ihre engstirnigen, angesoffenen, übellaunigen Opfer fangschreckenwürdig zur Strecke bringen. Da wäre auch viel zum Thema Frauensolidarität und deren Mangelhaftigkeit angesichts männlichen Überlegenheitsgehabe zu sagen gewesen. Vom Weiberkampf zum Kampf zwischen den Weibern.

Doch Alföldi verzettelt sich. Eine Stunde fünfzehn Minuten dauert allein seine episch-elegische Exposition. Da wäre jede Naturdoku über Schwarze Witwen spannender. Er unterinszeniert sein Ensemblemonster (22 Darsteller), stellt auf der wimmelvollen Bühne die Figuren wenig bis gar nicht vor. Dem The-Walking-Dead-Syndrom entkommen nur die Schauspieler, die es aus eigener Kraft schaffen, aus ihrer Rolle einen Charakter zu formen. Das schaffen einige mit nur Drei-Satz-Auftritt. Etwa Claudia Sabitzer als Witwe Biró oder Inge Altenburger, die als Tante Rézi schon vier Männer unter die Erde gebracht hat oder Annette Isabella Holzmann, die als Zsófi, Dávids Tochter, nunmehr auch Maris Stieftochter, ihr Zuvielwissen ebenfalls mit dem Leben bezahlt. Alexander Lhotzky ist ein wunderbar abgeklärter Inspektor, Patrick O. Beck ein hasenfüßiger Hochwürden. Thomas Kamper ringt als Schulmeister mit dem Temperament seiner Frau. Rainer Frieb, wie immer in Hochform, malt sich seine Miniatur zur Kostbarkeit, als alter Politagitator Vágó. Andrea Bröderbauer und Aaron Friesz sind jeder für sich genommen gut. Sie, die binnen Tages von der unterdrückten Dienstmagd zur andere unterdrückende Gutsbesitzerin wird; er, der wiewohl auf der falschen Fährte, nur an mögliche Beförderung denkt. Als Liebespaar aber sind sie bis zum die Kehle zusammendrückenden Ende letztlich leidenschaftslos. Selbst eine Sexszene misslingt mangels Oberarmmuskulatur – ehrlich, in dem Winkel geht sich das nicht aus. Dann aber muss Dani einen Haftbefehl schreiben, für …

Die Inszenierung wäre völlig abgesoffen, hätte Alföldi nicht Erni Mangold als Motor. Mit ihr auf der Bühne nimmt die Sache Fahrt auf. Als Frau Képes, die Hebamme, gibt sie die Bigotte wie die Gifthexe. Tänzelt, lacht böse, verschlagen und teilt natürlich Schläge aus. Vor der Pause geht sie durch den Mittelgang des Zuschauerraums ab, diese schöne, unmögliche 88 Jahre junge Naturgewalt. Das Publikum jubelt ihr nach, wie es ihr beim Schlussapplaus zujubelt. Von ihr, von ihrem weiteren Schicksal hätte man gern mehr gesehen. Die echte Hebamme Gyuláné Fazekas entzog sich der Justiz durch Selbstmord. Mit Gift.

Aber Alföldi, dessen Arbeit auf wunderbare Weise die Relativität von Zeit oder Zeitdilatation bestätigt, befindet, dass nach mehr als 20 Minuten Spielzeitverlängerung so um 22.15 Uhr auch einmal Aus sein muss. Manche Pobacke wird es ihm gedankt haben. Andere mögen enttäuscht aufgerüttelt worden sein. Schließlich ist Theaterschlaf immer noch der beste Schlaf.

www.volkstheater.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=CGvsLofmEGU#t=43

www.mottingers-meinung.at/robert-alfoeldi-im-gespraech

Wien, 28. 2. 2015