Halloween-Tipps: Party machen in Gruselgebäuden

Oktober 26, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

The Murder House / The Mortuary / Das schaurige Haus

The Mortuary. Bild: Polyfilm Verleih

Nur wegen #Corona muss Halloween 2020 noch lange nicht ausfallen. Zwar ist vor Trick-or-Treat-Umzügen abzuraten, doch Party machen in Gruselbauten ist allemal möglich – wann sonst als an Samhain sollte man sich schon mit einer Maske schmücken? Zu den bekannten Kürbisköpfen wie Michael Myers, dem guten

alten Freddy, Leatherface oder Mörderpuppe Chucky gesellen sich dies Jahr ein paar neue Spukgestalten. Netflix bietet auf www.netflix.com/at/browse/genre/108663 Serien wie „Spuk in Bly Manor“, „Der Nebel“ und „Ratched“ (über die böse Oberschwester in „Einer flog über das Kuckucksnest“) teilweise kostenlos an. Dazu Horror-, Psycho- und Kinderfilme von „House at the End of the Street“ über „Haus der 1000 Leichen“ bis „Hotel Transilvanien“, und Haus, das ist auch das Stichwort für drei besondere Halloween-Tipps:

The Murder House

Das „American Horror Story“-Mörderhaus öffnet sich am Halloween-Wochenende für einen paranormalen Livestream, beginnend am 29. Oktober in der Abenddämmerung bis Sonnenuntergang am 1. November. Hausbesitzer Prof. Dr. Ernst von Schwarz und Gattin Angela Oakenfold veröffentlichen auf mottingers-meinung.at vorab eine Teilnehmerliste zur Veranstaltung im berüchtigten historischen Denkmal in Los Angeles:

Screenshot: The Murder House

Screenshot: The Murder House

Die allererste paranormale Untersuchung wird von Exorzisten-Bischof James Long durchgeführt, der in „Ghost Adventures“, „The Possessed“, „Gates Of Hell“, „Exorcism Live!“ und „Portals To Hell“ aufgetreten ist.  Die berühmte Hellseherin und weiße Hexe Patti Negri aus „Ghost Adventures“ wird die erste Séance des Hauses leiten. Michelle Belanger, Vampir-Spezialistin und gefeierte Autorin, die in „Paranormal State“, „Portals To Hell“ und „The Real Vampire Files“ zu sehen war, wird in die gespenstische Welt des Okkulten eintauchen. Zur Geisterjagd wie zur Séance sind die Zuschauer herzlich eingeladen.

Die renommierte Historikerin und Halloween-Expertin Lisa Morton nimmt einen mit auf eine Entdeckungsreise durch die Geschichte und Traditionen von All Hallows’ Eve. Die Tarot-kundige Sasha Graham wird die Rätsel des Kartensets lüften, und ein glücklicher Ticketbesitzer erhält eine virtuelle Lesung live on air. Energieheiler Satish Dholakia wird Ratschläge geben, wie man sich vor negativen Energien und unerwünschten bösen Entitäten schützen kann. Der Psychiater Dr. Waguih Ishak wird über die süchtig machende Natur des Grauens und die Pathologie der Angst sprechen. Hausbesitzer und Kardiologe Prof. Dr. Ernst von Schwarz vertieft sich in die Geschichte der mittelalterlichen Foltertechniken.

Der „Murder House“-Livestream wird mit 15 Kameras, die im gesamten 10.000 Quadratmeter großen Haus aufgestellt sind, das ganze Wochenende lang live übertragen. Über den Live-Stream hinaus sehen die Zuschauer das tägliche Programm. Während der Live-Stream mit Eintrittskarte für alle zugänglich ist, wird „The Murder House“ sein Innerstes für sechs glückliche – oder unglückliche – Fans öffnen. Je zwei von ihnen werden sich für je eine der drei Nächte im schrecklichen Keller wiederfinden, während sie live in die Welt gestreamt werden – und ein Arzt ihre Lebenszeichen und ihren psychologischen Zustand überwacht …

Ein Ticket zu 25$/knapp 22€ ermöglicht drei Tage lang 24 Stunden virtuellen Zugang zum Haus und allen Veranstaltungen. www.themurderhouse.com           Trailer: vimeo.com/469181741

The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte

Eine dunkle Erzählerstimme raunt Bedrohliches, die Kamera entschwebt durch einen Wald, vorbei an einem Schild mit der Aufschrift „Raven’s End“, ein Unwetter tobt, die Raben krächzen – und ein Bub hastet mit seinem Fahrrad durch Forst und Flur. Bis er zu einem abgelegenen Anwesen kommt, dem örtlichen Leichenschauhaus, das zugleich ein Krematorium ist.

Mit seinem Spielfilmdebüt „The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte“, seit Freitag in den Kinos zu sehen oder z.B. via Amazon zu streamen, hält Drehbuchautor und Regisseur Ryan Spindell an jener Gruselatmosphäre und seinem Sinn für morbiden Spaß fest, die man von seinen schwarzhumorigen Kurzfilmen kennt. Wie in diesen mixt er auch hier Horror-, Fantasy- und Comedy-Elemente. „The Mortuary“ ist als Anthologie konzipiert, die Episoden sind mit einer Rahmenhandlung verknüpft – und fürs Finale hat Spindell seinen 22-Minüter „The Babysitter Murders“ aus dem Jahr 2015 wieder aufgegriffen.

The Mortuary: Clancy Brown. Bild: Polyfilm Verleih

The Mortuary. Bild: Polyfilm Verleih

The Mortuary. Bild: Polyfilm Verleih

The Mortuary. Bild: Polyfilm Verleih

Vor allem aber beschert einem „The Mortuary“ ein Wiedersehen mit spooky Highlander Clancy Brown. Denn wer in Raven’s End stirbt, landet auf dem Tisch des von ihm grandios verkörperten Leichenbestatters from Hell Montgomery Dark. Bei ihm sind die Verstorbenen in besten Händen. Als sich eines Tages die furchtlose Sam, Leinwandentdeckung Caitlin Fisher, um die freie Assistentenstelle bewirbt, ist er beeindruckt von ihrer Faszination fürs Makabre – und auf ihren Wunsch hin beginnt er Geschichten über seltsame Todesfälle zu erzählen. Und so geht es von einem kurzen Kammerspiel, das in den 1950er-Jahren angesiedelt ist und einer Diebin im Badezimmer des gerade Bestohlenen eine höchst unangenehme, Cthulhu-artige Überraschung beschert, zu einem drastischen Stück Body-Horror, das in ein Sixties-College führt.

Wo einem arroganten Aufreißer-Studenten eine tödliche Lektion in Sachen Safer Sex erteilt wird – Stichwort: Wo kommen die Babys her? Ja, genau … Von Szene zu Szene steigert Spindell die Subtilität seines Horrors, auf nicht wenig Blut folgen ungeahnte Absurditäten, auf eine düstere Geschichte in den 1970er-Jahren über einen verzweifelten Ehemann, der in einem mörderisch moralischem Dilemma steckt, und wie perfide, man identifiziert sich tatsächlich mit ihm, nicht mit dem Opfer, folgt schließlich jene „Halloween“-Variation um eine junge Frau in einem nächtlichen Haus und eine grausame Mordserie in einem US-Vorort der 1980er. Ryan Spindell bedient sich des episodischen Horrorgenres wie „Der grauenvolle Mr. X“ und „Die Todeskarten des Dr. Schreck“, und Clancy Brown steht großen Vorbildern wie Vincent Price, Peter Cushing oder Christopher Lee in nichts nach.

Spindells volle Aufmerksamkeit gilt aber der Sam von Caitlin Fisher, der er nicht den weiblichen Stereotyp von Hysterie, Kreischen, hilf- und vor allem kopflosem Wegrennen, sondern die Rolle einer intelligenten, so gar nicht unschuldigen Frau auf den Leib geschrieben hat. Dieser gehört das trick- und twistreiche Ende: ein entschlossener Babysitter, Verfolgungsjagden durchs Haus, Gegner, die sich bis zum Letzten bekämpfen und alles als Waffe hernehmen, das zur Hand ist, ein gestresster Tunnelblick, verzerrte Stimmen – und die feministische Erkenntnis, das nichts zwingend so sein muss, wie es auf den ersten Blick scheint … www.trapdoorpictures.com/the-mortuary-collection-main          Trailer:www.youtube.com/watch?v=f9T3ld_juyo           www.youtube.com/watch?v=iZHg9xcK83s

Das schaurige Haus

Für weniger starke Nerven und als Gruselspaß für die ganze Familie empfiehlt sich das Spielfilmdebüt „Das schaurige Haus“ von Daniel Geronimo Prochaska, Sohn des mit „Das finstere Tal“ oder „In 3 Tagen bist du tot“ genre-affinen Filmemachers Andreas Prochaska. Der Mystery-Film, ab Freitag im Kino, der auf dem gleich- namigen Jugendroman der deutschen Autorin Martina Wildner basiert, erzählt vom 16-jährigen Hendrik aus Hannover, der mit Mutter und kleinem Bruder Eddi nach Bad Eisenkappel/Železna Kapla in Kärnten übersiedelt.

Schon kurz nach der Ankunft mehren sich die seltsamen Geschehnisse im eher Bruchbude als Bauernhaus zu nennendem neuem Heim. Eddi beginnt mit Schlafwandeln, Hendrik plagen Albträume, ein Foto der Vorgängerfamilie hängt, wie oft auch weggeräumt, am nächsten Morgen wieder an seinem Platz an der Wand, in die Eddi plötzlich slowenische Wörter ritzt, die geheimnisumwitterte Nachbarin steht betend am Fenster, und – eh klar – hinterm Hof liegt ein verwitterter Friedhof.

Das schaurige Haus. Bild: Filmladen Filmverleih

Das schaurige Haus: Inge Maux. Bild: Filmladen Filmverleih

Als Eddi auch noch Slowenisch zu sprechen anfängt, die Augen in diesen Szenen pechschwarz angelaufen, ach, es gibt nichts Schöneres als unheimliche Kinder, als sich Hendrik mit Nerd Fritz anfreundet und in die fesche Ida verliebt, beschließen die Jugendlichen dem Spuk ein Ende zu bereiten. Die Story dahinter kennt Fritz: Einst wohnte im Haus eine aus Slowenien stammende Mutter, die ihre beiden Söhne ermordet haben soll, bevor sie sich das Leben nahm – und deren Geister wollen nun via der Körper von Hendrik und Eddi Rache nehmen.

Die Leinwand-Adaption von „Das schaurige Haus“ trieft gleich „The Mortuary“ vor Genreklischees, nur weiß man hier nicht mit so nonchalantem Augenzwinkern damit umzugehen. An der Goonies’schen Coming-of-Age-Abenteuer-Horror-Story: „Outcast mit nervigem Sidekick meets Teenagerromanze“ erfreuen, neben den jugendlichen Darstellern León Orlandianyi und Benno Rosskopf als Gebrüder Hendrik und Eddi, Marii Weichsler als toughe Ina und dem wundersamen Lars Bitterlich als Fritz, Inge Maux als seltsame Nomen-est-omen-Nachbarin Frau Seelos, die sich mit Salzringen gegen jenseitige Mächte schützt, und last, but not least Michael Pink als Immobilienmakler Röckl.

Der Friesacher in perfektem Karntnerisch, der das Sinistre seiner Figur erst gar nicht verbirgt. Bei ihm laufen die Fäden denn auch zusammen, in einem Schluss, der sehr nach „Landkrimi“ schmeckt (der noch nicht ausgestrahlte Kärntnerische, betitelt „Waidmannsheil“, ist übrigens tatsächlich von Daniel Geronimo Prohaska). Die Zuschauer wird das am Filmvergnügen nicht hindern, doch sei’s gesagt: Der Teufel steckt im Detail. Und so verärgert, im Buch geht es um eine norddeutsche Familie, die ins Allgäu zieht, warum ein slowenisches Gespensterkind „Ralf“ heißen muss, wo doch ein Radin oder Rajko möglich gewesen wäre, oder wie ein Paar aus dem bäuerlichen Milieu sich eine „Haushälterin“ einstellen sollte, wo’s eine Wirtschafterin sein müsste.

Dass Daniel Geronimo Prohaska für seine Deix‘ischen Dorfbewohner den Humor fürs Culture Clashen gepachtet hat, ist der große Pluspunkt des Films. Im wirklichen Leben, mit einer amerikanischen Freundin, die drüben natürlich Deutsch-Deutsch lernte, folgender Szene selbst beigewohnt: Hendrik/US-Freundin geht in die Greißlerei und verlangt sechs Brötchen. In Floridsdorf, Greißlerin: Brötchen is bei mir wos mit an Ei und an Gurkerl. Im Film, Greißlerin: Ah, wos? Ah so, Semmeln!

Das schaurige Haus: www.dasschaurigehaus.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=IdrDBKfeTgw

26. 10. 2020

Theater Nestroyhof Hamakom: Ia Und Nein

Oktober 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bissig-böse Protokolle eines Menschenbeobachters

Albert Drach. Bild: © Privat

Nach der fulminanten Inszenierung seines satirischen Volksstücks „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30026, zu sehen noch bis 21. November) setzt das Theater Nestroyhof Hamakom den „Drach/Herbst“ mit der szenischen Einrichtung von dessen drei Erzählungen „Ia Und Nein“ fort.

Die zwischen 1983 und 1988 veröffentlichten Prosatexte des Ausnahmeautors Albert Drach sind in den pittoresken Backsteinkatakomben der Bühne zu erleben, eingerichtet von Hausherr Frederic Lion, Lisa Niederwimmer und Patrick Rothkegel, zu Gehör gebracht von Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz. „Ich bediene mich eines Stils“, sagte Drach einmal, „in dem das Leben gegen den Menschen schreibt.“ – „Protokollstil“ nannte der studierte Jurist diesen, ein ziemlich sonderbares, veraltet klingendes Gemisch aus Beamten- und Dichterdeutsch, ein umständliches Idiom von splitteriger Musikalität. Wollte man Vergleiche anstellen, wären die vielleicht: surreal wie Asimov, skurril wie Kafka, in jedem Falle aber schwarzpoetisch und sarkastisch. Man hat zu Recht darauf verwiesen, dass Drach, ein Meister des Nebensatz-Mäanderns, mit seiner Sprache die herrschende demaskiert. Dabei ist er mehr als nur Gesellschaftskritiker. Drach attackiert mit seinen schneidenden Kommentaren zur Ist-Zeit nicht etwa die Brecht’schen „menschlichen Verhältnisse“, sondern die Unmenschlichkeit an sich.

Seine Protagonisten sind stets dubiosen, dunklen, vor allem aber durch und durch banalen Kräften unterworfen, deren Ursprung und Zielrichtung sie nicht kennen, deren Motive unklar bleiben, von denen hingegen eines klar ist, nämlich dass sie ihnen nichts Gutes wollen. Zu Drachs 90. Geburtstag wurde geschrieben, müsse man sich den Gott des Schriftstellers vorstellen, so sei der sicher bei bissl k.u.k. Ministerialrat – pflichtversessen penibel und geistig ein klein wenig beschränkt und in gnadenloser Perfektion Katastrophe auf Katastrophe häufend … Mit den nun im Hamakom zu hörenden drei Erzählungen bestätigt Albert Drach seinen Ruf als Meister so abgründiger wie tiefgründiger Geschichten. Niemand schildert so schonungslos abwegige Gelüste und seelische wie körperliche Brutalität. Dennoch gerät bei ihm die Demaskierung des Bösen nie zum reinen Selbstzweck, sondern entspringt dem verzweifelten Trotz eines scharfsichtigen, scharfzüngigen Moralisten.

Das grotesk-morbide, postatomar-apokalyptische „IA“, einerseits Eselsruf, andererseits am Ende als ein Ja interpretiert, führt eine überalterte Gesellschaft von 16 Männern vor, die in einem unterirdischen Klinik-Bunker beratschlagt, wem die Aufgabe zukommen solle, den einzigen weiteren Überlebenden, ein weibliches Neugeborenes, mit Beischlaf zu beehren, um das Fortleben der Menschheit zu sichern. „UND“ handelt von einem verschollenen Richter mit einer ausgeprägten Abneigung gegen das Bindewörtchen, dessen Haushälterin samt eines Ex-Polizisten glaubt, auf den Zettelnotizen des Unauffindbaren, auf denen er seine Und-Abneigung zu begründen sucht, wichtige Hinweise über dessen Verbleib zu finden. „NEIN“ wiederum ist die Geschichte eines Findelkinds mit dem „ehrlichen deutschen Namen“ Max Mayer junior, der im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs, bevor er zum braven Beamten wurde, offenbar aber noch den jüdischen Jakob Weißschopf trug. Ein Umstand, der, so wie seine Eigenart, gerne lustvoll in menschliches Fleisch zu beißen, seiner Karriere nicht gerade zuträglich ist …

Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz nähern sich den Drach-Texten auf ihre je eigene Art, mal stoisch vortragend, mal sich wie ängstlich duckend, mal als verschmitzter Strizzi. Die Maux nimmt ihre Aufgabe als Protokollantin auch in der Art ernst, dass sie unablässig Bleistifte spitzt. Als spitzfindige Menschen- und Zuständ‘-Beobachter entwerfen sie, ohne es so zu benennen, ein Österreich-Bild vom Feinsten. Während Drach seine Erzählungen zwischen Drittem Reich und Zweiter Republik schweben lässt, kommt einem vieles kurios aktuell vor. Die in „IA“ satirisch vorgenommene Einführung des Ein-Stunden-Tags, die Bildung als „überwundener Begriff“, der Rechtsstaat, der „Grenzen haben muss“, wie die politischen Gruppierungen „von der äußersten Rechten bis zur innersten Linken“ beschließen.

Erst in hohem Alter, in den 1990er-Jahren, wurde Albert Drach, 1939 vor den Nazis geflohen, 1947 nach Österreich zurückgekehrt, für sein literarisches Schaffen gewürdigt. Dennoch ist er bis heute nicht allzu vielen als Autor ein Begriff. Dass das Hamakom, dies nun ändern will, noch dazu mit hervorragend gestalteten Abenden, ist erfreulich. Beim „Drach/Herbst“ muss man dabeigewesen sein.

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018

Murer – Anatomie eines Prozesses

März 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Freispruch für den Schlächter von Vilnius

Karl Fischer (Mitte) als Franz Murer. Bild: © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

„Schreiten in die neuen Zeiten, Hand in Hand mit alten Nazis“, sagt der Journalist zum Politiker. Ein Satz, der klarstellt, was Regisseur Christian Frosch am Thema interessierte, nämlich „weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die Täter und die Opfer in der Republik Österreich darstellten und darstellen. Das Spannende ist, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert“,

so der Filmemacher. „Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären …“ Ein brisanter Gerichtsthriller eröffnet heute Abend die diesjährige Diagonale, landesweiter Kinostart ist am Freitag. Graz 1963. Der angesehene steirische Lokalpolitiker und Großbauer Franz Murer steht wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht. Die Beweislage ist erdrückend. Doch in den Zentren der Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen. Der braune Bodensatz klebt fest in der Politik, in den Ministerien, latenter und offener Antisemitismus regiert. Murer wird schließlich auf Intervention, aufgrund einer „Weisung aus Wien“, so stellt es der Film dar, freigesprochen werden.

Anhand der originalen Gerichtsprotokolle eines der wohl größten Justizskandale der Zweiten Republik zeichnet Frosch den Fall Murer nach, eines Mannes, der von 1941 bis 1943 als „Schlächter von Vilnius“ einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in der heutigen litauischen Hauptstadt war. Simon Wiesenthal stolperte bei seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig über den mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebenden, als Sadist verschrieenen Verbrecher. Unzählige Überlebende der Shoah reisten an, um auszusagen und späte Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens.

„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Schauspieler Karl Fischer als Franz Murer. Dazu fährt die Kamera von Frank Amann über die Gesichter der Geschworenen und des Publikums. Da lacht der eine oder andere, nickt zustimmend; skeptisch, ungläubig, erschrocken wird auf die Zeugenaussagen reagiert. Kaum einer im Saal will mehr wahrhaben, was nicht gewesen sein darf. Was Wunder, hat man doch selbst „dem Herrn Mandelbaum günstig das Geschäft abgekauft“. Dazu eine Geräuschkulisse, die einen erschaudern lässt. Ein Orchester beim Einstimmen, Kakophonie und dazu – Schreie, Schüsse? Frosch ist ein atmosphärisch dichter, ein intensiver Film gelungen, seine protokollarische Vorgehensweise ändert nichts daran, wie hochemotional die Sache wird.

Karl Markovics als Simon Wiesenthal. Bild: © Katharina F. Roßboth / Prisma Film

Inge Maux tritt als Zeugin auf. Bild: © Patricia Peribanez / Prisma Film

Erschreckend, wie schlecht mit den Zeugen umgegangen wurde, wie Murers Verteidiger sie unglaubwürdig macht, nur weil sie sich an die kleinste Kleinigkeit nach so langer Zeit nicht mehr erinnern können. Erschreckend auch die Scham und Verzweiflung der Überlebenden. Im Zeugenstand können sie ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden abgekanzelt, weil sie nicht die genaue Farbe von Murers Uniform wissen.

Mit Hintergrundsequenzen und parallelen Handlungssträngen im Umfeld des Prozesses, etwa, wenn die Zeugen mit den Mitläufern gemeinsam mit Gasthaus sitzen müssen, kombiniert Frosch die Szenen im Gerichtssaal zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild. Zum miefigen Sozialpanorama eines 1960er-Jahre-Österreich. Samt (damals also auch) „Lügenpresse“-Paranoia. „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, zieht Frosch ein düsteres Resümee aus seiner Arbeit am Film.

„Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ Neben Karl Fischer, der Murer beinah regungslos, mit angespannter Zurückhaltung verkörpert, mehr Floskel und Fassade als tatsächlicher Mensch, brilliert eine Riege österreichischer Schauspieler: Klaus Rott, Susi Stach, Inge Maux, Robert Reinagl, Franz Buchrieser, Erni Mangold, Christoph F. Krutzler … Karl Markovics spielt den als Aggressor verunglimpften Simon Wiesenthal. Am Schluss noch einmal ein Zitat, diesmal der Politiker zum Journalisten über dessen Berichterstattung zum Prozess: „Das Bravo der linksgerichteten Intellektuellen bringt uns im Gemeindebau keinen Meter weiter.“ Wie furchtbar zeitnah dieser Film doch ist.

www.murer-film.com

  1. 3. 2018

Theater Nestroyhof Hamakom: In weiter Ferne

April 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Folteropfer tragen Designerhüte

Matthias Mamedof und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Eine Pussy-Riot-Maske entsteht: Matthias Mamedof und Johanna Wolff. Bild: Marcel Köhler

Sacco und Vanzetti waren zwei aus Italien in die USA eingewanderte Tagelöhner, die sich der anarchistischen Arbeiterbewegung angeschlossen hatten. Sie wurden, nachdem in ihrem Umfeld, etwa einer einschlägigen Druckerei, viel verhört und gefoltert worden war, des doppelten Raubmordes angeklagt. Obwohl keine Beweise gefunden werden konnten und die beigebrachten Zeugen einander widersprachen, wurden die Männer am 22. August 1927 in Massachusetts auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Das steht hier, weil Joan Baez Sacco und Vanzetti einen Song gewidmet hat, „Here’s To You“, dessen Refrain die letzten Zeilen aus Vanzettis Abschiedsbrief an seine Frau wiedergibt: “The last moment belongs to us, that agony is our triumph!”

Das Protestlied der berühmten Politaktivistin ist der Soundtrack zu Ingrid Langs Inszenierung von „In weiter Ferne“ im Theater Nestroyhof Hamakom, er ist gleichsam die Baseline der Produktion. Die britische Dramatikerin Caryl Churchill entwirft in ihrem Stück ein politisches Horrorszenario. An einem weder zeitlich noch räumlich näher beschriebenen Ort übernimmt eine „Opposition“, „eine Bewegung, die sich der Verbesserung der Umstände verschrieben hat“, die Macht. Zuerst, scheint es, werden nicht-systemkonforme Subjekte aus dem Weg geräumt, weshalb die Masse bald brav Richtung Mitmarschieren einschwenkt, am Ende steht der totale Krieg. Wobei sich Churchill allzu offensichtliche Verbindungen zur Sportpalastrede verbietet. Ihr Text lässt Assoziationen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu. Genaueres wird ohnedies nicht gesagt. Das Unfassbare steht unsagbar präzise zwischen den Zeilen.

Inge Maux und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Die große, böse Wölfin überzeugt das Unschuldslamm von ihrer Wahrheit: Inge Maux und Johanna Wolff. Bild: Marcel Köhler

Lang folgt Churchill bei ihrem Regiedebüt mit großem Einfallsreichtum in die Rätselhaftigkeit. Von Anfang an sind zwar Angst und Erschrecken da, schwere Schritte und Hubschrauberlärm, aber der Schrei in der Nacht kann doch nur von einer Eule gewesen sein. Und jener Mann dort, der Onkel – ist er Folterer oder Fluchthelfer? Joan, so auch der Name der Protagonistin des Dramas, wird vom misstrauischen Kind zur kampferprobten Mordmaschine.

Johanna Wolf spielt sie mit hoher Intensität, eindringlich gestaltet sie eine naive Aufgewühltheit ob der gesellschaftlichen Zustände, die sich in Abscheu und Zorn verwandelt. Die Frage ist allerdings, wovor und worüber, denn Churchill führt das Publikum permanent aufs Glatteis. Wen auch immer man als Widerstandskämpfer vermutet, enttarnt sich im nächsten Satz als Kollaborateur, wer auch immer auf der richtigen Seite zu stehen scheint, hat tatsächlich diese Grenze längst überschritten. Lediglich Tante Harper, keine Schreckenssage ohne große, böse Wölfin, darf sich relativ rasch gefährlich zeigen. Inge Maux changiert bravourös zwischen betulich und bedrohlich, während ihr immer wieder neue Lügen einfallen. Mit lauernder Ruhe spricht sie ihre Warnung aus: „Manchmal sind auch Kinder Verräter.“ Bald wird ihre ideologische Verbissenheit sich Bahn brechen und sie dem neuen totalitären Regime offen huldigen.

Peter Laher hat wie als Synonym für den vom System durchleuchteten Menschen einen drehbaren Glaskubus als Bühnenbild erdacht. Nach Tantes Wohnung dient er im zweiten Bild als Modistenwerkstatt, denn Joan wird Hutmacherin – und begegnet nun Todd alias Matthias Mamedof. Der ist ein Aufbegehrer, ein Aufwiegler, über die Gewerkschaft spricht er und über gerechte Arbeitsbedingungen und darüber, dass er nächtens im Fernsehen „die Prozesse“ verfolgt. Eine Art Pussy-Riot-Maske entsteht, Joan und Todd werden Liebende, doch da ist man schon gewarnt, auf nichts mehr zu vertrauen. Und in der stärksten, schmerzhaftesten Szene lässt Lang eine Kolonne von Komparsen defilieren. Sie tragen die künstlerischen Kreationen von Joan und Todd wie mittelalterliche Schandhüte, auf dem Weg vom Gefängnis zum Gericht, die halbnackten Körper der Folteropfer mit Blutergüssen und Schrammen übersät, mit Blüten und Vögelchen auf den geschundenen Köpfen der Lächerlichkeit preisgegeben. „Schade“, sagt Joan, „dass man mit ihren Leichen auch die schönen Hüte verbrennt.“

Matthias Mamedof und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Die Gefangenen werden auf ihrem Weg zur Hinrichtung lächerlich gemacht. Bild: Marcel Köhler

Churchill, von ihr gibt es unter anderem auch Stücke über Großbritanniens Kolonialvergangenheit und den „Rechtsruck der Labourpartei“ unter Tony Blair, hat ihre Politparabel in dem ihr eigenen Stil verfasst. Die Feministin und Sozialistin lässt sich von keinen Konventionen einengen. „In weiter Ferne“ ist ein fantastisch experimenteller Entwurf, so skurril surreal wie sarkastisch realistisch. Im dritten Teil kippt das Geschehen ergo in einen Nonsense-Text über den Krieg.

Jeder ist nun gegen jeden, jeder kann Täter oder Opfer sein. Lettische Zahnärzte genauso wie Marokkaner in Frankreich. Die Terroranschläge von Daressalam werden erwähnt, das Stück ist aus dem Jahr 2000, und Mamedof erzählt von „Menschen, die kopfüber an den Füßen baumeln“. Elefanten und Niederländer haben sich gegen die Stare und die Computertechniker verbündet, das Wetter kämpft auf Seiten der Japaner – doch bevor sich dieser globale Krieg ad absurdum führen kann, fällt einem ein, dass Pol Pot die Brillenträger ermorden ließ. Durch ihre Fehlsichtigkeit als „Intellektuelle“ ausgewiesen, waren sie todgeweiht. Es gibt nichts am Theater, das es im Leben nicht schlimmer gibt. Und dann hat Todd den Überblick verloren, wer aktuell der Feind ist, und Joan steht im Drillich in der Tür. Paranoid, aber gehorsam … oder? Regierung oder Rebellen, an einem bestimmten Punkt der Grausamkeiten angekommen, ist es egal, wer sie begangen hat, sie sollen nur aufhören.

Regisseurin Lang lässt im Sinne der Autorin viele Fragen offen. Sie lässt die Aufführung in einem vagen Nicht-Wissen-Können oder Nicht-Wissen-Wollen verschwimmen, ins Dunkel abdriften, obwohl man so gerne noch mehr gewusst hätte über was und wie und wer jetzt ein guter. Klarheit immerhin gibt es über die symbolisch dünne Folie, die den Modistenberuf von Mitläufertum und Mördersein trennt. Mitmenschlichkeit und Mitleid sind nur ein leicht abzukratzender Firnis auf den Gedankengebäuden westlicher Zivilisation. Soll man etwas schreiben über den immer noch fruchtbaren Schoß? Churchill weiß, welche Gesellschaft sie möchte: „… dezentralisiert, nicht autoritär, gemeinschaftlich, nicht sexistisch – eine Gesellschaft, in der Leute auf ihre Gefühle vertrauen und Kontrolle über ihr Leben haben …“ In diesem Sinne: ein eindrücklicher Abend.

www.hamakom.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=5shmfWO2xNc

Wien, 7. 4. 2016

Elisabeth Scharangs Unterweger-Film kommt ins Kino

August 31, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch ist „Jack“

Bild: © Thimfilm

Bild: © Thimfilm

Diese Woche wird Österreich seinen Kandidaten für den Auslandsoscar bekannt geben. Die Aufgabe sollte angesichts von Elisabeth Scharangs Kinofilm „Jack“ eigentlich ein No-Brainer sein. Nicht (nur), weil der Fall Unterweger bis nach Los Angeles führt und die Amerikaner deshalb mit der Story mutmaßlich was anfangen können, sondern viel mehr, weil genau das wurscht ist. Kinostart der epo-Film-Produktion ist am 11. September.

Da sitzt er also nackt in seiner neuen Wohnung auf dem Fußboden und lacht. Nur für Sekunden. Schiach ist das. Zum Fürchten ist Johannes Krisch als „Jack“, als Bad Boy mit den Originaltattoos. Ein Dr. Jackyll und Mr. Häfnpoet. Er hat etwas Intensives, Raubtierhaftes – und diese Stimme – ein Gänsehautgarant, oder besser: eine, die leicht erotisch-wohlige Schauer macht. Hier macht ein Täter kein Geheimnis aus seinem Trieb … Schon in die Falle gegangen, schon interpretiert, schon projiziert auf diese Schauspielfläche, die Scharang anbietet. Die Regisseurin und Drehbuchautorin hat Unterweger Anfang der 90-er Jahre kennengelernt. Nach mehreren Versuchen einer Doku hat sie einen Spielfilm gemacht. Fern aller Mythen, Klischees und Meinungen. Fern von Schuld- und Unschuldsvermutungen. „Jack“ ist kein Unterweger-Biopic. Scharang dekliniert dieses Leben nicht durch. Sie hat sich von den Fakten gelöst, um Fiktion, um Fantasie leben zu lassen. „Jack“ ist absoluter als es ihr Friedrich-Zawrel-Film „Mein Mörder“ sein konnte und ihre Franz-Fuchs-Semidoku sein wollte. Er variiert gekonnt und kunstvoll Realität.

Scharang nähert sich ihrer Hauptfigur über Frauencharaktere. „Jack“ trianguliert eine ménage à trois. Da ist die von Corinna Harfouch großartig gespielte Architektin Susanne, eine Rolle, angelehnt an die Frau eines österreichischen Industriellen, Unterwegers heimliche Geliebte, die für einen Großteil seiner Unkosten inklusive Wohnung aufkommt, die mit masochistischer Hingabe den liebt, der Grenzen überschreitet, sobald er an Grenzen stößt. Da ist die Journalistin Marlies, von Birgit Minichmayr als berechnende Bitch dargestellt. Die „Heilige“, die mit Jack Sex hat, und die „Hure“, die ihn vermarktet, die die mediale Hysteriemaschine durchaus aus Eigennutz befeuert. Wie sie bei seiner Buchpräsentation in die Menge grölt: „Literat und erfolgreicher Frauenmörder!“ Da ist Jacks Mutter (Inge Maux), die ihn mit ihrer Penetranz zu Wutficks mit Prostituierten animiert. Da ist Sarah Viktoria Fricks „Charlotte“, die bei dem einen gestandenen Sexualmord dabei war. „Ich kann mich selber nicht vergessen, schade, dass du mich auch nicht vergessen kannst“, sagt sie, als er sie nach Jahren, nach verbüßter Haftstrafe aufstöbert. Selbst die grausliche Kulturschickeria wird mit Birgit Doll als Frau personifiziert. Auch in dieser Beziehung löst Jack, die Resozialisierertrophäe, eine Rolligkeit aus. Jack, die Sau, die durchs Künstlerdorf getrieben wird … Bestechend agiert auch Paulus Manker als Psychologe Ziehofer, ein süffisaner Zweifler an Schönredetheorien, einer, der keine Sekunde an Jacks Unbeflecktheit glaubt, der sich festgebissen hat, der daheim eine Profilertafel mit Fotos und Zeitungsausschnitten über die Prostituiertenmordserie füllt.

„Jack“ ist ein spröder Film. Subtil, brutal, poetisch, fordernd, ausgestattet mit einer Unterkühltheit, die dem Thema gut tut. Der meiste Text (ent-)steht in den Sprechpausen. Scharang inszeniert den Selbstinszenierer Jack narzistisch wie ein Gerichtsgutachter: Krisch, in dessen Gesicht es unablässig arbeitet, mit verwegen wehendem Mantel, das ist fast schon John Woo. Kameramann Jörg Widmer, Terrence-Malick-erfahren, schuf dazu Traumbilder von beklemmender Schönheit. Klaustrophobischen Gefängnismomenten stellt er Naturaufnahmen, rasante Kamerafahrten über Schneeflächen und Waldbächleinantiidyll, gegenüber. Eine bizarre Vogelperspektive, als in der von weihrauchigem Nebel durchwaberten Baumkathedrale von plastikweißgewandeten Trupps Leichen geborgen werden. Die eindringliche Musik von Naked Lunch komplettiert die Stimmung; Oliver Welters schmerzhaft zerrissene Stimme erschafft einen Jack, Facetten von Jack, wie es ohne sie nicht möglich gewesen wäre.  Am Schluss kommen die beiden zusammen, Welter und Krisch, singen was passt: Weeping Dog. Da trifft Jack sein (erstes) Opfer; die Winterwunderwelt ihrer Todesstätte ist für ihn schon jenseitig. Kein rechtskräftiges Urteil mehr möglich. Außer das über diesen Film. Es lautet schlicht: grandios.

www.jack-film.at

Wien, 31. 8. 2015