Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau

Januar 13, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Von den Bolschewiken zu ewigem Luxus verdammt

Lebenslanger Hausarrest im Hotel Metropol. So lautet 1922 das Urteil des Volkskommissariats über den „Genossen“ Alexander Iljitsch Rostov. Der Graf, kaum 30, nur deshalb nicht erschossen, weil er als „Held der vorrevolutionären Zeit“ gilt und ohnedies im Haus residierend, wird von seiner eleganten Suite in eine Dachkammer im Dienstbotentrakt verfrachtet. Ein neues Leben muss beginnen. Und der Blaublüter beschließt, kein Edmond Rostand samt dessen Rachegelüsten zu werden, sondern wie Robinson Crusoe eine „neue Insel“ zu entdecken …

Dies die Ausgangsposition von Amor Towles‘ Roman „Ein Gentleman in Moskau“. Der US-Autor legt damit nach „Eine Frage der Höflichkeit“ sein zweites Buch vor, und auch dieses besticht mit seiner schönen Sprache und die schelmische, liebevoll sarkastische Art, mit der die Figuren gezeichnet sind und deren Handlungen verfolgt werden. Es ist ein Lesevergnügen in die Tiefen des vornehmen Metropol abzutauchen; Rostov, die in Ungnade gefallene „Ehemalige Person“, entdeckt sie auf seinen von der Langeweile getriebenen Streifzügen als Welt im Kleinen mit Restaurants und Cafés, mit Blumenladen, Zeitungskiosk und hauseigenem Barbier.

Und während mehr zwischen den Zeilen als ausgeschrieben die neuen Zeiten heraufdämmern, pflegt Herr Graf, wie ihn das Personal unverwandt nennt, den freundlichen Konversationston. Eine besondere Höflichkeitsform, so opulent wie altmodisch – und absolut charmant. „Denn Gepränge hält sich mit großer Hartnäckigkeit. Außerdem ist es listig. Demütig senkt es das Haupt, wenn der Kaiser die Stufen hinabgestoßen und auf die Straße geworfen wird. Doch dann, nachdem es eine Weile still abgewartet und dem neu ernannten Lenker in sein Jackett geholfen hat, macht es ihm zu seinem Aufzug Komplimente … und Gepränge richtet sich abermals neben dem Thron ein, nachdem es sich wieder einmal die Herrschaft über die Geschichte gesicherrt hat.“

Nun stehen im Leben des Adeligen große Veränderungen an. Die eine ist die Bekanntschaft mit dem Mädchen Nina Kulikowa, der Vater ein hoher Beamter, sie ebenfalls eine „Gefangene“ des Hauses, weil die ländlich-sittliche Gouvernante den Schritt hinaus ins Moskauer Stadtleben nicht wagt. Ein altkluges Kind, das die versunkene Welt der einstigen Prinzessinnen kennenlernen will, und den Grafen zu gemeinsamen Erkundungen durch das Hotel anstiftet. Eben der, dank seiner guten Manieren und seines exquisiten Geschmacks nur für eine Aufgabe im Haus geeignet, wird Oberkellner im Nobelrestaurant Bojarski.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

So geht es durch die Jahre. Durch die Säuberungsaktionen der neuen Sowjetregierung, schließlich durch den Zweiten Weltkrieg; eingeschlossen in seiner Blase erkennt der Graf die nun regierende politische Willkür und erlebt, wie Mitläufer zu Chefs werden. Dabei verändert er mit seiner alten Art die Leben in seiner Umgebung, vom Portier bis zur Näherin. 1954 wird es schließlich werden – und kein Ende seines Ausgehverbots abzusehen. Der Graf, Beispiel für zeitlose Werte und Tugenden, bleibt dabei stets der gleiche, nur die Welt dreht sich, das Hotel Metropol mit seinen je nach Machtgefüge wechselnden Gästen ein Abbild davon. Sogar Rostovs bester Freund und ehemaliger Studienkollege Mischka passt sich an. Er wird ein wichtiges Mitglied im kommunistischen Schriftstellerverband …

Towles gelingt es, dem Leser im Zeitraffer die jüngere wechselhafte Geschichte Russlands – Lenin, Stalin, Chruschtschow – zu vermitteln. Dass Bolschewismus, Kommunismus und ihre politischen Führer dabei heftig, wenn auch wenig konkret, sondern akademisch-amerikanisch, gescholten werden, während das frühere feudalwirtschaftliche Adelssystem ohne Kratzer davonkommt, ist eine Verklärung, die man hinnehmen muss, will man mit dem „Gentleman in Moskau“ seine Freude haben. „Ein Gentleman in Moskau“ ist ein Buch zum Drinwohnen und sich Wohlfühlen, wie es sich für ein Luxushotel gehört. Dass draußen der jeweils systemimmanente Mord-und-Totschlag tobt, will man da nur gedämpft wahrnehmen. Der Roman verhält sich zur Wirklichkeit wie die „Dr. Schiwago“-Verfilmung zu Boris Pasternak.

Und so lässt einem der „glücklichste Mensch Russlands“ mit seinem fein-hintergründigen Humor und seiner spitzfindigen Wortwahl über die Welt an sich und den politischen Alltag im Besonderen das Herz aufgehen statt zusammenkrampfen. Das Ende? Ah ja, noch nicht ganz, aber: Nina wird Funktionärin beim Komsomol, und sie wird eine Tochter haben, Sofia, und die wird sie, wie sie’s selbst war, in die Obhut des Grafen im Hotel geben …

Über den Autor:
Amor Towles hat in Yale und Stanford studiert. Er ist in der Finanzbranche tätig und gehört dem Vorstand der Library of America und der Yale Art Gallery an. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Manhattan.

List Verlag, Amor Towles: „Ein Gentleman in Moskau“, Roman, 560 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 1. 2018

Theater in der Josefstadt: Maria Stuart

Januar 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Reclamheft hätte man mitbringen sollen

Elisabeth Rath und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Vorsicht, hier wird Theater gespielt! Auf diesen Punkt bringt es Regisseur Günter Krämer von Beginn seiner „Maria Stuart“-Inszenierung an der Josefstadt. Lautsprecherdurchsagen von der Abendregie, noch wird auf der Bühne Staub gesaugt, da tritt sie auf, die Diva, memoriert ihren Text, muss im Reclamheft nachlesen. Minuten später, mit weiß geschminktem Gesicht, wird sie Königin Elisabeth sein. Eine unerbittliche Herrscherin.

„Das ist neu“, flüstert jemand im Publikum. Und tatsächlich muss man sich in dieser Aufführung an vieles Neue gewöhnen. Manches erschließt sich, doch ebenso vieles nicht. Krämer hat sich von Schiller weitgehend gelöst, leider auch von dessen Sprache. Zwar versteht er „Maria Stuart“ sehr schön als Kammerspiel, macht daraus einen Kraftakt für eine Handvoll großartiger Schauspieler, zeigt eine durchgestylte, durchchoreografierte Arbeit, in der jede Geste sitzt – doch Motivationen? Nebbich! Wer was warum tut, geht in der würzigen Kürze unter. Vor allem die Handlungen der Herren erschließen sich nicht.

Hätte man ein Reclamheft mitbringen sollen? Krämer verzichtet auf den einleitenden ersten Akt, verzichtet auf alle guten Geister rund um Maria, die den Finsterlingen am Londoner Hof Widerpart zu geben bereit sind. Er beschränkt sich auf Leicester, Davison, Mortimer und den französischen Gesandten. Die Stuart tritt mit einer halben Stunde Verspätung auf, und zwar mit jenem Monolog aus Goethes „Iphigenie“, in dem sie das Land der Griechen mit der Seele sucht. Ein typischer Fall von „originell“ statt Original … Krämer verschiebt ganze Textpassagen, oktroyiert sie anderen Figuren auf, dichtet auch noch dazu.

Immerhin: Mit Sandra Cervik als Elisabeth und Tonio Arango als Leichester steht ihm ein erprobt großartiges Bühnenpaar zur Seite. Die Strippenzieherin und der Puppenspieler. Sie, Beherrscherin der in ihre Intrigen verstrickten Militärs, er, Politiker und Opportunist. Zu deren exaltiertem Tonfall, Cervik wird über Strecken zum Grimassenschneiden bis zur Knallchargigkeit verdammt, findet Elisabeth Rath als schottische Königin, als „die Fremde“, einen gänzlich anderen Klang. Angesiedelt zwischen fröhlicher Verzweiflung und einem Hauch Wahnsinn bietet sie ihre Sätze an, und immer hat man im Hinterkopf, dass dieser fabelhaften Schauspielerin bei mehr Anleitung mehr möglich gewesen wäre.

Sandra Cervik mit Tonio Arango. Bild: Moritz Schell

Am Höhepunkt der Aufführung treffen die beiden aufeinander, eine Wildsau blutet aus, Elisabeth kommt von der Jagd mit Armbrust und Schießbrille. Maria wird eine Gipsmaske zerbrechen, als sie von der endlich vorgesehenen Vollstreckung des Todesurteils erfährt. Was noch? Papierflieger. Sie verkünden Leichesters Flucht nach Frankreich. Roman Schmelzer als Davison ist ein sturschädeliger Uniformträger, Raphael von Bargen als Mortimer alles andere als ein hitzköpfiger Liebender und gänzlich charmebefreit, Florian Carove bleibt als Graf Aubespine blass. Der Applaus war enden wollend.

Video: www.youtube.com/watch?v=MF0F9LXWAlk

www.josefstadt.org

  1. 1. 2018

Theater in der Josefstadt: Professor Bernhardi

November 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Heraufdämmern einer neuen Zeit

Der Herrscher und der Kronprinz-Gegenspieler: Herbert Föttinger als Bernhardi, Florian Teichtmeister als Ebenwald. Bild: Sepp Gallauer

Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ist stets das Stück zur Zeit, geht es um Kalkül und politisches Kleingeld. Selten aber tritt das so zutage, wie in der Inszenierung von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt, die Donnerstagabend Premiere hatte. Beinah fröstelt es einen ob der Aktualität der hier gesagten Sätze. Kica arbeitet das Heraufdämmern einer neuen Zeit, den Schnitzler’schen Subtext, mit scharfer Klinge heraus, dabei steht ihm ein exzellent agierendes Ensemble zur Seite, beinah zwei Dutzend der Spitzenkräfte des Hauses, mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle – ein primus inter pares. Mutmaßlich noch nie war Föttinger so brillant denn als Professor Bernhardi.

Drei Stunden lang entrollt sich das Spiel für Männer (mit Alma Hasun in der einzigen Frauenrolle der Krankenschwester Ludmilla) in der renommierten Privatklinik Elisabethinum. Hierarchien werden ausgelotet, Intrigen und Pläne geschmiedet, Machtkämpfe um Karrierebestrebungen ausgetragen. Da begeht Bernhardi fast im Wortsinn den „Kardinalfehler“. Er lässt einen Pfarrer nicht zu einer Sterbenden vor, die sich in ihren letzten Stunden in einem euphorischen Zustand befindet.

Er möchte ihr einen schönen Tod bereiten, die Letzte Ölung soll sie nicht erschrecken. Die Frau stirbt ohne Salbung, und ein unfassbare Hexenjagd gegen den „Juden“ setzt sich in Gang. Etwas, das man heute wohl Dirty Campaigning nennen würde … Föttinger hat sich den Bernhardi anverwandelt, er holt die Figur nahe an sich heran. So nahe, dass man sicher meint Dinge, wie „Dass ich im Ernstfall der Mann bin durchzusetzen, was ich will, habe ich schon einige Male bewiesen“ oder „Es ist immer meine Gewohnheit gewesen, den Leuten ins Gesicht zu sagen, was ich denke“, nicht nur aus dem Mund des Klinik-, sondern auch des Theaterdirektors schon im Wortlaut gehört zu haben. Viel von sich hat er in die Figur fließen lassen. Föttingers Bernhardi ist erst ein nonchalanter, dennoch apodiktischer Herrscher, changierend zwischen dem freundlichen Wissen um seine Bedeutung und deren Überschätzung, als er den Sturm auf sich zukommen sieht. Dann aber ist er bereit, den Preis für seine Integrität zu bezahlen.

Auf ironische Art hinterfragt er die ernstesten Angelegenheiten, wie Kicas Arbeit überhaupt bemüht ist, den schwarzen Humor der Götter in Weiß, den sarkastischen Grundton des Schnitzler-Textes nicht in der Gedankenschwere des Themas versinken zu lassen. Fürs Ende, nach Bernhardis Verbüßung seiner Haftstrafe, hat sich Föttinger weder ein Aufbegehren noch die Resignation überlegt. Sein Bernhardi ist ruhiger geworden, auch grantiger. Mitten im Weltanschauungskonflikt tritt er leise ab. Er will mit Politik, die ihn mittels einer nicht namentlich genannten Parlamentspartei erst zum Buhmann degradierte, nun – die Liberalen natürlich – zur Lichtgestalt machen will, nichts zu tun haben.

Die Ärzteschaft in heller Aufregung: Wojo van Brouwer, Johannes Seilern, Alexander Strömer, André Pohl, Peter Scholz und Michael König. Bild: Sepp Gallauer

Hochwürden hat keine Handschlagqualität: Matthias Franz Stein mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Aussprache mit dem Minister: Bernhard Schir als Teflonmann Flint mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Womit er der einzige ist. In Kicas Lesart macht jeder Politik, selbst der Geistliche, Matthias Franz Stein hat als Franz Reder seinen großen Auftritt nach der Pause, der die Moral seiner Kirche über medizinische Barmherzigkeit stellt, und der keinen Präzedenzfall schaffen wollte, indem er auf sein Recht aufs Sakrament verzichtete. Das Elisabethinum ist in zwei Lager gespalten. Für Bernhardi sind André Pohl als Ehrenmann Dr. Cyprian, Michael König als aufbrausender Dr. Pflugfelder oder – ganz wunderbar – Johannes Seilern als schelmischer Idealist Dr. Löwenstein.

Auf der Gegenseite gehen die Christen in Stellung. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, befindet Christian Nickel als Dr. Filitz mit vor Empörung zitternder Unterlippe ob der Affäre Bernhardi und droht zu demissionieren. Peter Scholz‘ Dr. Adler versucht sich mit Opportunismus über die Runden zu retten, doch selbst das Bernhardi-Protegé Wenger (Alexander Strömer) stellt sich gegen seinen Beförderer …

Kica lässt das alles in großer Einfachheit und Klarheit spielen. Keine Geste ist hier zu viel, kein Tonfall eine Übertreibung, die Aufführung ist so straight, wie die Männer, die in ihr auftreten. Das Bühnenbild ist weiß-grau-karg; zwei verschiebbare Wände und ein paar Versatzstücke genügen Kica, um Klinik und Privatwohnung des Professors anzudeuten.

Mit Föttinger dominieren zwei Darsteller das Geschehen. Florian Teichtmeister ist als Vizedirektor Dr. Ebenwald der Kronprinz-Gegenspieler und outet sich gleich in der ersten Szene als Antisemit. Weil Bernhardi bei der Klärung einer Fachfrage die Oberhand behalten hat, schießt er mit judenfeindlichem Geschütz: „Große Freude in Israel – wie?“

Gallig süffisant und gleichzeitig jovial dauergrinsend ist Teichtmeisters Ebenwald (im Pausengespräch meinte jemand: „Zum Speiben gut!“), ein ehemaliger Burschenschafter mit immer noch buberlhaftem Charme, den die Überzeugung verließ, als sie der Karriere schadete. Nun kann sie wieder hochkochen. Bernhard Schir überzeugt als Minister Flint (mit einem großartig bärbeißig-beamteten Martin Zauner als Hofrat Winkler an seiner Seite), ein eitler, großsprecherischer Teflonmann, als Politiker ein so guter Schauspieler, dass er seine Parolen bald selber glaubt. Schir gestaltet den Flint als Karl-Kraus’sche Figur. Er sei der Mann, der eben mache, was gemacht werden müsse, kommt ihm locker über die Lippen. Auch solche Aussagen erkennt man aus diesen Tagen wieder.

Bernhardis Maxime „Du sollst dich nicht in die Nähe der Politik begeben“ hält Föttinger übrigens nicht immer durch. In einer Werbekampagne zu Saisonbeginn produzierte die Josefstadt selbst satirische Fake News. Unter anderem fand sich da die „Meldung“, HC Strache gehe für ein Jahr in Bildungskarenz. Das veranlasste die FPÖ im Gemeinderat zu einer Anfrage an Andreas Mailath-Pokorny: Wegen der „Ehrenrührigkeit“ der Aussage solle er die Subventionsgelder vom Theater zurückfordern. Der Kulturstadtrat hat naturgemäß abgelehnt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=uk82aGywkiM

www.josefstadt.org

  1. 11. 2017

Soho in Ottakring: Die Arbeit ist noch nicht zu Ende

Oktober 20, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotoschau über das „Jenseits des Unbehagens“

honey & bunny: Putzen. Bild: Stummer, Hablesreiter und Akita

Ab 25. Oktober zeigt „Soho in Ottakring“ im Alten Kino im Sandleitenhof die Fotoausstellung „Die Arbeit ist noch nicht zu Ende“ als Teil des diesjährigen Festivalmottos „Jenseits des Unbehagens. Vom Arbeiten an der Gemeinschaft“. Gezeigt werden vier künstlerische Positionen, die sich mit Themen zu Arbeits- und Produktionsverhältnissen befassen.

Mit deren Bewertung aufgrund von Machthierarchien, mit Ausgrenzungen in der Arbeitswelt und mit Strategien der Selbster­mäch­tigung. In den modernen westlichen postindustriellen Gesellschaften ist Arbeit immer noch wesentlich für Anerkennung, Sinnfindung, und Überwindung von sozialen Ungleichheiten. Die Erwerbs­tätigkeit von Frauen oder die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten sind gute Beispiele, wie Teilhabe an der Arbeitswelt zu sozialer Gerechtigkeit führen kann. Der Arbeitsplatz ist vor allem ein Ort der Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten: Menschen lösen Probleme und werden dadurch selbstbewusster, sie fühlen sich nützlich und integriert. Andererseits bewirken Arbeitslosigkeit und gesetzlicher Ausschluss aus der Erwerbstätigkeit Krisen. Gleichermaßen führen Tätigkeiten, die als minderwertig abgetan werden, zu Erfahrungen fehlender sozialer Achtung und zu einem sinkenden Selbstwertgefühl. Prekäre und flexible Arbeitszeitstrukturen verhindern, Arbeit als erfüllend zu erleben.

Teaching while black. Bild: Abiona Esther Ojo

Werkzeuggespräche 2017. Bild: Paul Sturm

Neben „Putzen“ von honey & bunny und „Fluxus Fire“ von FXXXism (Iv Toshain und Anna Ceeh) sind der Text- und Bildzyklus „Waste“ von Wolfgang Krammer und die Installation „Teaching while black“ von Belinda Kazeeem zu sehen. Während sich der Landschaftsfotograf mit dem „Wegwerfartikel“ Möbel befasst, zeigt Kazeem die Probleme schwarzer Unterrichtender in einem weißen Bildungssystem auf. Zu den Themen finden außerdem „Werkzeuggespräche“ statt.

www.sohoinottakring.at

20. 10. 2014

Wachau in Echtzeit: Drei Tipps aus dem Programm

Oktober 19, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Zirner, Palfrader und Bohatsch & Skrepek

Bild: August Zirner

Bereits zum sechsten Mal präsentiert Ursula Strauss die herbstlich-winterliche Veranstaltungsreihe „Wachau in Echtzeit“. Dieses Jahr dürfen sich die Besucherinnen und Besucher in der Zeit vom 27. Oktober bis 2. Dezember auf zwölf Abende im besonderen Ambiente außergewöhnlicher Spielorte freuen. Das Programm reicht von Theaterabenden und Konzerten bis hin zu szenischen Lesungen und Liederabenden. Drei Highlights aus dem Programm, für die es noch Karten gibt:

27. Oktober, Burgruine Aggstein: August Zirner erzählt „Frankenstein“. Bereits 2015 fesselte August Zirner als grandioser Musiker und Erzähler das Publikum von „Wachau in Echtzeit“. Nun kehrt er zurück – mit brandneuem Programm und gewohnt sonorer Stimme. Ein dunkles Labor, eine furchterregende Kreatur und ein Wissenschaftler mit Gottkomplex – Mary Shelleys Kultroman „Frankenstein“ ist ein Meisterstück der romantischen Schauerliteratur. Im schaurig-schönen Ambiente der Burgruine Aggstein haucht Grimme-Preisträger August Zirner Frankensteins Monster neues Leben ein. Stimmig umrahmt wird die theatralisch-musikalische Lesung von den Klangwelten des Spardosen-Terzetts (August Zirner: Lesung und Querflöte, Rainer Lipski: ePiano, Kai Struwe: eBass, Mickey Neher: Schlagwerk). Ein Klassiker neu erzählt, Gänsehaut garantiert.

Bild: Christian Bauer

10. November, Bibliothek Maria Langegg: „Blank“ von Nassim Soleimanpour mit Robert Palfrader. Keine Proben, keine Vorbereitungen, kein Bühnenbild – nur ein lückenhafter Text, den Robert Palfrader erst zu Beginn der Vorstellung erhält. Das unvollständige Skript wird im Dialog mit dem Publikum ergänzt, die so entstehende Geschichte jedes Mal neu und gänzlich anders erzählt. Das Konzept ist simpel, das Ergebnis immer wieder überwältigend. Unter aktiver Mitwirkung des Publikums entfaltet sich auf der Bühne das Leben des Autors, des Schauspielers und eines zufällig gewählten Zuschauers –  von der ersten Begegnung bis hin zum eigenen Tod.

Nach „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ ist „Blank“ der zweite Streich des iranischen Autors Nassim Soleimanpour. Das Stück kehrt die traditionelle Theatererfahrung um, dem Publikum bleibt es überlassen das Skript fertigzustellen. Ein aufregendes Experiment, das die Konstruktion von Identitäten untersucht und die menschliche Vorstellungskraft feiert.

Bild: Katrin Karall-Semler

24. November, Kellerschlössel Domäne Wachau, Dürnstein: „Auf da Wöd“ mit Helmut Bohatsch und Paul Skrepek. Wer sich auf eine Reise mit Bohatsch & Skrepek begibt, dem bleibt nichts erspart – nicht das Schaudern und das Heulen, nicht das Schmunzeln und das Lachen, und schon gar nicht das Lieben. Ohne Pathos, aber mit enormer Musikalität und feinem Humor erzählen Bohatsch & Skrepek von der Schönheit des Lebens.

Dem seit über zehn Jahren diskret agierenden Duo entspringt eine Fülle an zündenden Gedanken, die in wunderbare Lieder gegossen werden. Die Musik ist reduziert bis überbordend aber immer glasklar. Wienerlied, Jazz, Pop, Experimentelles – es darf alles sein. Paul Skrepek nimmt dazu seine Kontragitarre zur Hand. Helmut Bohatsch, der als schrulliger Spurensicherer in der Erfolgsserie „Soko Donau“ Todesfälle aufklärt, singt dazu die lodernden Texte im Dialekt. Das alles im intimen Rahmen des Kellerschlössels der Domäne Wachau.

www.wachaukulturmelk.at/de/wachauinechtzeit

19. 10. 2017