Wiener Festwochen: Orest in Mossul

Juni 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater aus der Todeszone

Bild: © Michiel Devijver

Von „Breiviks Erklärung“ bis „Kongo Tribunal“, von Ceausescus Rumänien bis zum Völkermord in Ruanda – der Schweizer Theatermacher Milo Rau ist einer, der den Finger in die Wunden dieser Welt legt, und dies nicht in der geschützten Werkstätte eines Stadttheaters, sondern vor Ort, mitten im Krisengebiet. Wobei Rau ein solches zur Verfügung steht, das Nationaltheater Gent, dessen Leiter er ist, und mit dessen Ensemble er das sogenannte „Genter Manifest“ veröffentlicht hat.

Erster Satz: „Es geht nicht mehr nur darum, die Welt darzustellen. Es geht darum, sie zu verändern.“ Oberste Maxime: Mindestens eine Produktion pro Jahr in einer Gefahrenzone zu erarbeiten – „wörtliche Adaption verboten“. In Wien, wo Raus Arbeiten bisher selten zu sehen waren, präsentiert er nun im MuseumsQuartier seine jüngste, „Orest in Mossul“, für die das NTGent vergangenen Winter in den Irak reiste. Mossul, nördlich von Bagdad, nach diesem die zweitgrößte Stadt des Landes, 2014 vom Islamischen Staat eingenommen, drei Jahre später von irakischen Streitkräften zurückerobert, liegt in Trümmern. Auch durch die Bombardements der britischen und amerikanischen Verbündeten. Der IS ist zwar vertrieben, aber keineswegs komplett besiegt.

In diese Ausgangssituation stellte Rau nun „Die Orestie“ des Aischylos, gespielt von flämischen, deutschen und irakischen Schauspielern, für letztere das Ganze mit einem Workshop verbunden, sie sind nun via Video als Chor zu sehen. Die Aufnahmen wurden in der zerstörten Kunstakademie von Mossul gedreht. Mit der Produktion durch Europa zu touren wird den Irakern nicht gestattet, Behörden befürchten Asylanträge.

Rau liebt das symbolisch Bedeutungsschwangere, hier ist es Mossul gleich Mykene, die endlose Reihe von Gewalt und Rache und Gegengewalt im Geschlecht der Atriden gleich der Lage der Menschen in Mossul. Doch während in der antiken Tragödientrilogie Pallas Athene den Mörder Orest freispricht, durch quasi Einführung der Demokratie dessen Taten tilgt – und auch noch die Erinyen zu Eumeniden besänftigt -, muss die Bevölkerung Mossuls die Waagschalen von Vergebung und Vergeltung ohne göttlichen Richtspruch austarieren. Und ist, um dies gleich vorwegzunehmen, zum Verzeihen nicht bereit. Am Schluss der Aufführung steht ein Weder-Noch: Nicht töten, aber auch nicht von der Schuld lossprechen. Da braucht’s nicht lang nachzudenken, wieviel Konfliktpotenzial das birgt.

Bild: © Michiel Devijver

Bild: © Michiel Devijver

Was Rau an der „Orestie“ interessiert, die Einführung eines modernen Rechtssystems, ein Ende der blutigen Abwärtsspirale durch einen Prozess, der eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft erlaubt, findet in der Realität nicht statt. Die Darstellerin der Athene, Khitam Idress, und ihre Familie waren direkt vom IS-Terror betroffen, so gibt sie bei der Abstimmung zwar wie vorgeschrieben Orest ihre Stimme, nicht aber gefangengenommenen Kämpfern des Kalifats. Derart spiegelt Rau jede Szene, lässt Filmsequenzen von Moscheeruinen und menschlichen Überresten auf Schutthalden mit auf der Bühne Gespieltem reagieren und umgekehrt. Die Ankunft von Agamemnon und Kassandra, Johan Leysen und Susana AbdulMajid, ist als Live-Video zu sehen, ein Begrüßungsmahl mit zunehmend gereiztem Smalltalk. Elsie de Brauw gestaltet die Klytaimnestra mit hoher Intensität und einer Anspannung, die sich elektrisierend auf den Zuschauer überträgt.

Dann wieder fällt Rau vom Künstlerischen ins Brisant-Politische. Nach dem Bild eines Hochhauses von dessen Dach der IS Homosexuelle in den Tod stürzte, zeigt er Orest und Pylades, Duraid Abbas Ghaieb und Risto Kübar, als schwules, sich küssendes Paar – keine ganz neue Idee, die hatte weiland schon Pasolini, und in der Halle E nicht der Rede wert, in Mossul hingegen ein lebensgefährlicher Protestakt und von Athene natürlich als „haram“ verteufelt. Auch die als Reenactment vorgeführten Hinrichtungen können in diese Kategorie eingeordnet werden.

Eine Neudeutung der „Orestie“ darf man sich von Milo Rau nicht erwarten, was „Orest in Mossul“ auslösen will, ist Betroffenheit. Und über diese ein weiteres Nachdenken. Das gelingt perfekt. Wenn einer der Darsteller sagt, laut Aischylos habe man aus dem Leiden zu lernen, die Frage sei nur: Was?, dann lässt einem dieser er/lösungsfreie Satz kaum Luft zum Atmen. Im Wissen, dass das Drama hier ja Wirklichkeit ist, und ein antiker Familienfluch ganz nah an einer heutigen Kriegsbiografie.

Video: www.youtube.com/watch?v=YzJlCzvLpII

www.festwochen.at

7. 6. 2019

Volksoper: Orpheus in der Unterwelt

Juni 3, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft himmlischer Höllenritt

Angestachelt von Pluto proben die Götter den Aufstand: Vincent Schirrmacher (li.) mit Gernot Kranner als Merkur, Birgid Steinberger als Diana, Elvira Soukop als Minerva, Jakob Semotan als Cupido, Christian Graf als Juno, Martin Winkler als Jupiter, Annely Peebo als Venus, Daniel Ohlenschläger als Mars und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Eric Stoklossa

Bei Jacques Offenbach werden die wirklich wichtigen Fragen gestellt, zum Beispiel: Muss man erst tot sein für ein Gläschen Rotwein? Kommt darauf an, gibt’s in der Hölle doch keine Promille- und ergo keine Schamgrenze, während im alkoholfreien Olymp gähnende Langeweile herrscht – neben Göttervater Jupiter, versteht sich. Also auf nach unten, wo Pluto nicht am Rebensaft und die Damen und Herren Teufelchen nicht an nackter Haut sparen. Welch ein Spaß ist diese Wiederaufnahme von „Orpheus in der Unterwelt“ an der Wiener Volksoper.

Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten holt Hausherr Robert Meyer die Eröffnungspremiere seiner Direktionszeit aus dem Jahr 2007 auf die Bühne zurück, die Inszenierung von Helmut Baumann neu einstudiert von Karin Schnyol-Korbay, am Pult Guido Mancusi, und bis auf Meyer selbst als Hans Styx und Gernot Kranner als Merkur sämtliche Solistinnen und Solisten in Rollendebüts. Das Ergebnis ist ein gut gelaunter Operettenabend, ein wahrhaft himmlischer Höllenritt, mit viel ironischem Wortwitz und etlichen Ibiza-Anspielungen.

Das Ensemble zeigt sich einmal mehr nicht nur gesanglich sattelfest, sondern auch als großartige Komödianten, die mit Schwung und Spaß bei der Sache sind, und gilt es auf hohem Niveau zu mäkeln, dann einzig darum, dass man ein wenig mehr von dem Feuer, das die numinosen Brüder mit Blitz und Donner versprühen, auch das Orchester für die mal tirilierende und gurrende, mal tanzwütige und champagnerprickelnde Partitur hätte entflammen können. Durchaus mehr Einfallsreichtum hätte die Choreografie von Roswitha Stadlmann vertragen, wiewohl es sicher nicht einfach ist, etwas Neues zum Cancan zu erfinden.

Martin Winker als Göttervater Jupiter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf als Juno und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer als Hans Styx und Rebecca Nelsen als Eurydike. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss als Orpheus mit den kessen Teufelchen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Ouvertüre wird zum Prolog, der erzählt, dass der Fürst der Finsternis eine Ehe als himmlisches Bündnis zu brechen gedenkt, um seine Macht zu demonstrieren. Da hat er beim „drittklassigen Tutti-Spieler“ Orpheus und der ihm überdrüssigen Eurydike nicht viel zu tun, sie verfällt dem vermeintlichen Schäfer – und Exitus. Rebecca Nelsen, mit schönem, höhensicherem, geschmeidig jubilierendem Sopran und Carsten Süss sind fabelhaft als letztlich Spießerpaar zwischen Blumentapeten-Tristesse, er ein sich selbst lorbeerkränzender Künstler, der an seine Geigenschülerinnen grapscht, sie ringend mit sehr viel Sexappeal samt entsprechendem Appetit. Auftritt Vincent Schirrmacher, wie immer auch stimmlich eine Freude, in Rockstarkluft, der die Schöne per Riesenjoint gefügig macht, was er eigentlich gar nicht muss.

Er ist ein charismatischer Unterweltler, und auch seine kuriose Truppe schwarzgeflügelter Untoter, die ihm stets auf den Fersen ist, macht Laune. Und während Süss‘ Orpheus noch den Abgang der Gattin bejubelt, trifft ihn die Öffentliche Meinung wie ein Schlag, Regula Rosin als knallharte Reporterin, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die abendländischen Werte zu verteidigen und folglich und schon gar nicht einem Celebrity ein Lotterleben durchgehen lassen kann. Als Bittsteller machen sich die beiden auf Richtung Olymp, den Mathias Fischer-Dieskau weiland als Luxusspa angelegt hat, in dem die Götter in Bademänteln auf Wellnessliegen herumlungern und sich fadisieren, der Chor eine schläfrige High Society. Bis Pluto kommt, und ihnen zeigt, wie man den Aufstand probt für, natürlich, mehr antike Demokratie.

Nicht immer geht’s ja gut mit Aktualisierungen, oft genug bleiben Politanspielungen unfreiwillig peinlich, doch die aufgepeppte Textfassung von Peter Lund bringt das Premierenpublikum zum lauten Lachen. Wenn die Kinder des Olymp Chef Jupiter zu „Wir kennen dich, Jupiterlein“ jede Vorbildfunktion absprechen, weil er sich beim letzten Fremdgehen dummerweise auf Video hat aufnehmen lassen, was „Jupi“ freilich als mediale Schmutzkübelkampagne abtut. Wenn Pluto auf Jupiters korruptes Ansinnen, die entführte Eurydike miteinander zu teilen, reimt „kaum glaubst du, du hast den Hauptgewinn, hängst du schon im Verein mit drin“. Worauf Daniel Ohlenschläger als Mars meint, die Regierungsgewalt müsse nun Zack! Zack! Zack! von der nächsten Generation übernommen werden …

Die Unterwelt beehrt den Olymp: Vincent Schirrmacher als Pluto mit gruseliger Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, Lokalaugenschein in der Unterwelt, wo Jupiter versucht, Eurydike als Stubenfliege zu erobern, die Öffentliche Meinung – und nicht nur sie – mit dem Vergessenswasser des Lethe betrunken gemacht wird, und sich alles im köstlichen Galop infernal auflöst. Wunderbar ist Martin Winkler mit dem ihm eigenen voluminösen Bariton als Jupiter, den er zwischen komisch-gravitätisch und tollpatschig intrigant changieren lässt.

Robert Meyer im HipHop-Aufzug ist ein hinreißend untertänigst nervtötender Hans Styx. Wie er in seinem Couplet „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ ein Höchstmaß an bezirzender Höflichkeit zusammenstammelt, ist vom Feinsten. Birgid Steinberger als Diana, Annely Peebo als Venus und Elvira Soukup als Minerva sind ganz im Divenmodus, Jakob Semotan ist ein aufmüpfiger Teenager-Cupido. Bleibt die Götterkönigin der Herzen, Christian Graf, der die Juno nicht nur mit seiner delikaten Silhouette, sondern auch mit Opéra-bouffe-mäßiger Würde ausstattet. Mit einer solch „herrlichen“ Grande Dame im Ensemble, könnte sich die Volksoper trotz des großen Vorbilds ruhig wieder an eine „La Cage aux Folles“ wagen.

Video: www.youtube.com/watch?v=s2vZOZgt-8E

www.volksoper.at

  1. 6. 2019

Theater in der Josefstadt: Radetzkymarsch

Mai 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die papierene Welt wird in der Luft zerrissen

Freunde im Feld: Florian Teichtmeister als Carl Joseph von Trotta und Alexander Absenger als Rittmeister Tattenbach. Bild: Moritz Schell

Dass man am Dramatisierungsversuch des Joseph-Roth-Romans „Radetzkymarsch“ nur in mal mehr, mal weniger Schönheit scheitern kann, haben schon andere bewiesen. Nun darf sich auch Regisseur Elmar Goerden in diese Riege durchaus illustrer Namen reihen, sein Zugriff auf den Stoff vom Theater in der Josefstadt stolz Uraufführung genannt und gestern ebendort über die Bühne gegangen, seine Inszenierung ein knapp zweistündiges Experiment.

Das lediglich an der Oberfläche des monumentalen Wunderwerks kratzt, aber nie wirklich unter die Haut geht. Was der Aufführung fehlt, ist diese gewisse Tanz-auf-dem-Vulkan-Atmosphäre, mittels der sich Untergang der Habsburger Monarchie und Niedergang der Trotta-Dynastie mischen, wenig weist hier auf den Seelenzwiespalt von dekadenter Lebensführung, Standesdünkel und devoter Pflichterfüllung hin, die der besseren k.u.k.-Gesellschaft schließlich zum Schicksal wurde. Nichts verweist ins Heute, da ein neuer Nationalismus die Länder Europas wie dereinst im Vielvölkerstaat gerade wieder auseinandertreibt.

Goerdens Arbeit ist, wiewohl Carl Joseph von Trotta dem Trunke ja nicht abgeneigt ist, allzu nüchtern. Florian Teichtmeister, den Hausherr Herbert Föttinger bei der Premierenfeier Richtung Burgtheater verabschiedete, zeigt ihn nicht als sensiblen, weichen Charakter, sondern von Beginn weg resignativ, müde, ohne Hoffnung auf ein – in jeder Bedeutung des Wortes – Fortkommen.

Peter Scholz, hier als Kapturak, mit Florian Teichtmeister und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Joseph Lorenz als Bezirkshauptmann Franz von Trotta und Florian Teichtmeister. Bild: Moritz Schell

Das mag daran liegen, dass ihm eine schwarzgewandete Parze gleich zu Anfang sein Ende vorhersagt, den tödlichen Treffer beim Wagnis, für seine Kameraden Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen. Der Gedanke tut sich auf, ob das Ganze so etwas wie Carl Josephs Albtraum ist, dem er erstaunt zusieht, während ihn die Geister seiner Vergangenheit heimsuchen. Andrea Jonasson gibt die hier androgyn schillernde Figur des Grafen Chojnicki als eine Art mephistophelischen Conférencier, ein Chacun à son Goût umlächelt ihre Lippen, doch wie das Gros der Darsteller wechselt sie zwischen Erzählstimme und ihrer Rolle, beides in ausschließlich Originaltext.

Und in einem Tempo, das so rasch von der Totalen ins tiefste Innere der Figuren zoomt und wieder zurückschnellt, dass einem schwindlig werden könnte. Das ist einer der gelungenen Einfälle Goerdens, wenn auch nicht nagelneu, um die Diskrepanz zwischen Gedachtem und Gesagten zu verdeutlichen. So kommt‘s beispielsweise in einer Abschiedsszene zwischen Bezirkshauptmann und Leutnant Trotta aus dem Off: „Obwohl er sagen wollte: Ich liebe dich, mein Sohn!, sagte er lediglich: Halt dich gut.“

Andrea Jonasson als Graf Chojnicki. Bild: Moritz Schell

In diversen Rollen: Pauline Knof, Alexander Absenger, Alexandra Krismer, Michael König und Oliver Rosskopf. Bild: Moritz Schell

Diesen Franz von Trotta stattet Joseph Lorenz als erstem Leidenden am Mythos des Helden von Solferino mit steifer Oberlippe aus, seine Kaisertreue ist das verkrustete Korsett, das ihm die Atemluft aus dem Körper presst, und Lorenz, ein Meister in der Gestaltung des Altösterreichischen, gelingt es, diese Haltung zu wahren, obwohl er in der schnellen Szenenabfolge de facto nicht viel zum Spielen kommt. Mit Jonasson, Teichtmeister und Lorenz hat es sich auch schon mit der Ausführung nur einer Figur, andere stemmen bis zu fünf Rollen.

Michael König etwa alle Alten, vom verwichenen Stammvater Trotta, der sich per Blick durch seinen Gemälderahmen bemerkbar macht, bis zum sterbenden Diener Jacques, der ihm allerdings zur Nachthemd-Karikatur gerät. Gelungen dafür, apropos: Nachthemd, sein Sekundenauftritt als Kaiser Franz Joseph, den der König nicht als senilen Herrscher zeigt, sondern als einen, der in diskreter Audienz mit Trotta-Lorenz die Angelegenheiten für Trotta-Teichtmeister regelt. Nicht viel mehr als vorbeihuschen auch Pauline Knof als die Geliebten Katharina Slama und Eva Demant, mit beide Mal letalem Ausgang.

Und Alexandra Krismer, die Carl Josephs Nummer drei, Valerie von Taußig, wenigstens etwas groteske Exaltiertheit anzuhaften vermag. Mit Alexander Absenger und Oliver Rosskopf ist sie auch auf diverse Offiziere abonniert, wobei das Trio das militärische Personal in unterschiedlichen Schattierungen von schrill anlegt. Peter Scholz ist erst der jüdische Regimentsarzt Doktor Max Demant, dann Kasinobetreiber Kapturak, bleibt aber in Goerdens Versuchsanordnung in beiden Rollen blass.

Zum papierenen Gesamteindruck passt das Setting von Silvia Merlo und Ulf Stengl, ein mit dem empfindlichen Material ausgekleidetes Gerüst, Stelen einer steril-weißen Welt, die mit Ausbruch des Krieges vom Ensemble in der Luft zerrissen wird. Als wär’s das Synonym einer strahlenden Fassade, die längst am seidenen Faden hing. Immerhin: Ein stimmiges Schlussbild für einen Abend, der den Weitblick in den Abgrund zwar verweigert, aber vom Publikum mit freundlichem Applaus bedankt wurde.

www.josefstadt.org

  1. 5. 2019

Kasino des Burgtheaters: Sechs Tanzstunden in sechs Wochen

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei supersympathische Dancing Stars

Tango mit Pasión: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich Regisseurin Martina Gredler und Kostümbildnerin Lejla Ganic an Outfits für Markus Meyer ausgedacht haben, ist für sich genommen schon eine Show. Vom goldglitzernden Matador-Jäckchen über eine weiße Fantasieuniform mit Sisi-Enten-Shirt bis zu Jeanshotpants mit „Stars ans Stripes“-Leggins, so angetan wirbelt Meyer als Tanzlehrer Michael Minetti ins Leben der pensionierten Lehrerin Lily Harrison.

Andrea Eckert, die am Burgtheater in der Andrea-Breth-Inszenierung von „Die Ratten“ eine großartige Frau Knobbe gibt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521), spielt nun in dieser Kasino-Produktion die – zumindest anfangs – spaßgebremste Schülerin, die sich über den exaltierten Kerl, der da in ihrer Tür steht, nur erstaunen kann. Und während sie noch seinen verqueren Humor und seine sozialen Groschenweisheiten für gewöhnungsbedürftig hält, kippt er schon ins Unflätige, muss „die alte Schachtel“ aber letztlich um diesen Job anflehen, weil weit und breit kein anderer in Aussicht ist …

Ein Tüll-Traum für den Walzer: Andrea Eckert. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der exaltierte Michael: Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mit dem tragikomischen Feel-Good-Stück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ des US-Dramatikers Richard Alfieri geht Burg-Herrin Karin Bergmann ins Finale ihrer Direktionszeit. Dass die ansonsten aufs Experiment zugeschnittene Spielfläche auch als Parkett für leichte Theaterkost taugt, ist vor allem den supersympathischen Darstellern zu danken, Markus Meyer in Jugendjahren Turniertänzer, Andrea Eckert seit dem Alter von fünf „Tänzerin aus Leidenschaft“, die an Spielfreude mit Verve für ihre Figuren alles geben. Es ist im Stück nicht anders, als bei den Original-Dancing-Stars: Zwei verlorene Seelen zicken um die Wette, kommen sich beim Ankeifen menschlich aber durchaus näher.

Man will sich dem anderen gegenüber anders zeigen, als es tatsächlich ist, doch – von diesem Spannungsbogen profitiert das Ganze – nach und nach fallen die Masken, werden Schicksale enthüllt, kommen die kleineren Flunkereien und die größeren Unwahrheiten ans Licht. Mit jeder Trainingsstunde offenbaren die beiden mehr von sich, etwa, dass Lily gar keinen Tanzkurs, aber Gesellschaft braucht, um ihr zu viel an Zeit zu füllen, oder, dass Michael nicht nur am Broadway gescheitert ist, sondern in New York auch seine große Liebe Charly begraben musste. Bald ist es zwischen dem Schwulen und der Witwe ein gespielter Witz, wer die größere Bitch ist, und derart holen sich die Hitzköpfe gegenseitig aus den Schneckenhäusern der selbstgewählten Isolation.

Autor Alfieri versteht es in bester amerikanischer Well-made-Play-Manier die Themen Alter, Einsamkeit und Tod in Screwball-Pointen zu verpacken. Eine Krebskrise noch schnell, dann sind Lily und Michael BFF – Best Friends Forever. Neben Eckert und Meyer brilliert noch ein dritter Akteur, das schmissige Salonorchester, bestehend aus Lenny Dickson, Andreas Radovan, Emily Stewart sowie Alexander und Konstantin Wladigeroff, das swingen und rocken und grooven vom Feinsten kann. Bühnenbildnerin Sophie Lux deutet das Seniorenparadies Florida mit einem luftig-kühlen Luxusappartement an, in dem die Eckert in mal sexy, mal eleganten Kleidern die Frustration, auch Wut, ihrer Lily mit viel Elan ausstattet, was den Konfrontationen mit Meyers Michael natürlich Pepp gibt. Dieser gibt nicht nur in den Choreografien von Daniela Mühlbauer Vollgas, sondern auch im Komödiantischen.

Aus zickigen Tanzpartnern werden beste Freunde fürs Leben: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Lehrer glaubt er an die ganzheitliche Methode, weswegen er beim Tango „spanish“ lispelt und beim Walzer ins „Gnä’ Frau“ verfällt. Er schwoft und springinkerlt und kommt er durch die Tür, sind ihm die Lacher des Publikums schon sicher. Auch bei der spitzen Bemerkung, Lily schwärmt von einem früheren Wien-Besuch und den liebenswerten Leuten dort, die Österreicher seien ja bekanntlich stets ein anschlussfreudiges Völkchen gewesen …

„Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ im Kasino ist einfach rundum entzückend. „Wie beim Sex kommt alles auf die Ausführung an“, sagt Lily übers Tanzen an einer Stelle. Diesbezüglich ist an diesem Abend alles gelungen. TIPP: „Let’s Dance“ – zum Ende jeder Vorstellung lädt die Band das Publikum in den Ballroom, von denen jeder ein besonderes Motto hat: Am 31. Mai „Love and Peace and Dance“, am 1. Juni „Dance the Savoy“, am 11. Juni „Kasino Night Fever“ und am 16. Juni „Kasino Royal“. Ab 23 Uhr steht dann DJane Colette am Mischpult.

www.burgtheater.at

  1. 5. 2019

Theater in der Josefstadt: Die Saison 2019/20

Mai 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claus Peymann inszeniert Thomas Bernhard und Martin Vischer kommt vom Burgtheater

Herbert Föttinger präsentierte das Programm der Saison 2019/20. Bild: Jan Frankl

„Alle haben mir gesagt, ich muss ganz ruhig bleiben und darf nicht schimpfen“, hatte sich der stets streitbare Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger für den heutigen Vormittag und die Präsentation des Programms 2019/20 zumindest fix vorgenommen. Dass er, was ersteres betrifft, naturgemäß versagen musste, war klar, als er das Gespräch bereits eingangs statt auf die bevorstehenden Premieren auf die österreichische Kulturpolitik brachte.

Und zwar mit den Hinweis, durchaus Verständnis dafür zu haben, dass sich derzeit „alles ums Volkstheater und die dort fehlenden drei Millionen dreht“, dass aber auch sein Haus bei Subventionen in der Höhe von 14,8 Millionen Euro realiter um 3,5 Millionen unterdotiert sei. Was ihm Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, für die Föttinger „eine Lanze brach“, in einer Unterredung nicht nur bestätigt, sondern auch versichert hätte, sie werde für die Valorisierung und eine Sockelerhöhung der Wiener Bühnen kämpfen. Was den Verantwortlichen des Bundes, Minister Gernot Blümel, betrifft, so findet es Föttinger „befremdlich“, dass dieser es in eineinhalb Jahren noch nicht einmal geschafft habe, in der Josefstadt zu Gast zu sein. Föttinger: „Ich empfehle Herrn Blümel eine der letzten drei Vorstellungen der ,Reise der Verlorenen‘ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29430), das ist ein empathisches Stück über Flüchtlinge, das müsste ihm doch liegen.“

Dass es Ähnliches künftig vielleicht gar nicht mehr geben wird, sei finanziell begründet: „Das neue Programm ist kein Sparprogramm, aber wir werden auf Stücke mit so vielen Mitwirkenden verzichten müssen“, sagte Günter Rhomberg, der Vorsitzende des Stiftungsvorstands. Bevor’s nach dem bisschen Polemik um den Spielplan ging, nannte der kaufmännische Geschäftsführer Alexander Götz noch erfreuliche Zahlen: Die Gesamtbesucherauslastung der Josefstadt und der Kammerspiele liegt derzeit bei 89 Prozent, womit die laufende die bis dato beste Saison sei, die ökonomische Auslastung liegt bei 70 Prozent, die Eigenfinanzierung bei 40.

Was die Premieren betrifft, so setzt das Theater in der Josefstadt auch weiterhin auf die Pflege heimischer Literaten und Dramatiker, man ist gewillt wie bisher Flagge zu zeigen und strikt für Humanismus und Empathie einzutreten. Das macht sich auch im Spielplanheft bemerkbar, für das Peter Turrini und Silke Hassler diesmal Sprüche wie „Hier arbeiten einige links-Linke. Im Parlament sitzen etliche rechts-Rechte“, „Der allerneueste Klimawandel: Vom Mitgefühl zur Gleichgültigkeit“ oder „Demokrat ist noch kein Schimpfwort“ beigesteuert haben.

Die Reise der Verlorenen: Ensemble. Bild: Sepp Gallauer

Matthias Asboth, Herbert Föttinger, Günter Rhomberg und Alexander Götz. Bild: Herwig Prammer

Die Premieren – Theater in der Josefstadt

Die Strudlhofstiege am 5. September: Die Uraufführung des großen österreichischen Romans von Heimito von Doderer stellt die Fortsetzung des Österreich-Schwerpunkts dar. Doderer siedelt seinen Roman knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und bald nach dessen Ende an. Föttinger: „In seiner Bühnenbearbeitung dehnt Nicolaus Hagg die Geschehnisse bis 1945 aus, und zeigt eine Zwischenkriegszeit, in der eine Apathie, der Rückzug aus dem Politischen gewisser gesellschaftlicher Kreise anderen Kräften Raum gab, um an die Macht zu kommen. Das hat etwas sehr Zeitgenössisches, wenn man die jetzige Opposition betrachtet.“ Es inszeniert Janusz Kica, das vom Burgtheater ans Haus kommende neue Ensemblemitglied Martin Vischer ist als René Stangeler zu sehen.

Einen Jux will er sich machen am 10. Oktober: Stephan Müller, der derzeit mit „Der Besuch der alten Dame“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30004) einen großen Erfolg feiert, inszeniert, die Couplettexte werden vom österreichischen Autor Thomas Arzt neu geschrieben, der einen Blick auf das Schicksal der „Handlungsdiener des 21. Jahrhunderts“ und deren 12 Stunden-Arbeitstage werfen wird. Es spielen die Neuzugänge Robert Joseph Bartl und Julian Valerio Rehrl.

Rosmersholm am 7. November: Ulf Stengls Überschreibung von Henrik Ibsens Stück zeigt hochaktuell den politischen „Kampf“ und wie Wut und Verbissenheit politischer Kontrahenten in einer Katastrophe münden können. Wo es bei Ibsen noch ein Vorstoß demokratischer Ideen auf ein konservatives Werteverständnis ist, wird bei Regisseur Elmar Goerden der Angriff von einer populistischen, antidemokratischen Bewegung ausgehen, die die Grundwerte einer liberalen, offenen Gesellschaft erschüttern will. Herbert Föttinger ist in der Uraufführung als Johannes Rosmer zu sehen.

Der Kirschgarten am 5. Dezember: Für die renommierte Theater- und Opernregisseurin Amélie Niermeyer wird Tschechows letzte Tragikomödie die erste Inszenierung am Theater in der Josefstadt sein, und man hofft, so Föttinger, auf weitere Zusammenarbeit. Sona MacDonald spielt die Gutsbesitzerin Ranjewskaja, Raphael von Bargen den Unternehmer Lopachin. Otto Schenk wird die Rolle des Firs übernehmen. Föttinger: „Ich bete zu Gott, dass es ihm gut geht. Es wäre sehr schön, wenn wir seinen 90. Geburtstag mit dieser Rolle feiern könnten.“

Zwischenspiel am 30. Jänner: Schnitzler ist für die Josefstadt traditionell ein Fixstarter. Der vom Burgtheater zurückkehrende Peter Wittenberg inszeniert das Ehedrama, Maria Köstlinger und Bernhard Schir spielen.

Geheimnis einer Unbekannten am 12. März: In seiner berühmten Novelle „Brief einer Unbekannten“ zeichnet Stefan Zweig mit viel Fingerspitzengefühl die Psychologie einer Frau, die ihr Leben lang im Verborgenen geliebt hat. Oscarpreisträger Christopher Hampton wird diese Meistererzählung für die Bühne bearbeiten und auch für die Regie verantwortlich sein. Es wird – nach der Uraufführung seiner Bühnenrealisierung von „Eine dunkle Begierde“ – seine zweite Regiearbeit im Theater in der Josefstadt sein, die mit Martina Ebm und Michael Dangl besetzt ist. Die deutschsprachige Übersetzung der Uraufführung besorgt Daniel Kehlmann.

Das Konzert am 2. April: Hermann Bahrs Komödie ist ein österreichischer Dauerbrenner, der das Publikum seit fast hundert Jahren begeistert. Es inszeniert Janusz Kica, Herbert Föttinger und Sandra Cervik sind als Ehepaar Heink zu erleben.

Ein Fest für Boris am 28. Mai: Bernhard und Peymann – eine künstlerische Verbindung, die Theatergeschichte geschrieben hat, findet in der Josefstadt ihre Fortsetzung. Dass der Regisseur, der das Haus in seiner Wiener Zeit „das Schlaf- und Schnarchtheater der Stadt“ nannte, nun ebendort das Stück inszeniert, das er 1970 am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt hat, freut Föttinger besonders. Föttinger über den zuletzt während seiner Akademietheater-Inszenierung von „Die Stühle“ erkrankten Ex-Burg-Chef: „Ich freue mich sehr, dass er bei uns ist. Ich glaube, es geht ihm schon besser.“ „Die Gute“ wird Ulli Maier spielen.

Die Migrantigen – der Film: Faris Rahoma und Aleksandar Petrović als Benny und Marko. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Der Besuch der alten Dame: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Die Premieren – Kammerspiele

Die Migrantigen am 7. September: Eine Wiener Migrationskomödie hat Herbert Föttinger zum Saisonauftakt in den Kammerspielen in Auftrag gegeben. Arman T. Riahis charmanter Film „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) stand Pate für dieses neue Theaterstück, das der Filmemacher gemeinsam mit seinen Hauptdarstellern Aleksandar Petrović und Faris Rahoma verfasst hat. Sarantos Georgios Zervoulakos wird die Uraufführung inszenieren, und nach dem Motto „No Blackfacing“ ein Schauspielerteam der zweiten und dritten Migrantengeneration, Luka Vlatković als Benny, Özaydin Akbaba als Oktay, die Bühne erobern, um mit Vorurteilen und Klischees aufräumen. Neuzugang Jakob Elsenwenger spielt den Marko.

Der Vorname am 3. Oktober: Folke Braband wird die Sitzkissenschlacht der überwunden geglaubten Beschränkungen und Beschränktheiten der französischen Autoren Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière inszenieren. Hochkomödiantisch streiten werden sich das neue Ensemblemitglied Michaela Klamminger, die Grazerin kommt vom Staatstheater Kassel nach Wien, Susa Meyer, Marcus Bluhm, Michael Dangl und Oliver Rosskopf.

Mord im Orientexpress am 21. November: Kein Geringerer als Ken Ludwig, Autor von „Othello darf nicht platzen“, hat Agatha Christies Meisterwerk für die Bühne dramatisiert und es geschafft, zusätzlich zur typischen Whodunit-Atmosphäre noch eine gewaltige Portion Humor zuzufügen.Werner Sobotka bringt die deutschsprachige Erstaufführung dieses Krimiklassikers auf die Bühne, Siegfried Walther ermittelt als Hercule Poirot.

Engel der Dämmerung. Marlene Dietrich am 6. Februar: Nach ihren „Billie Holiday“ und „Lotte Lenya“-Abenden setzen Torsten Fischer, Herbert Schäfer und Sona MacDonald die Reihe mit ihrer Uraufführung über das Leben des „Blauen Engel“ fort. Für Föttinger „eine Trilogie, die sich ruhig zur Tetralogie und darüber hinaus erweitern kann.“

Der Sohn am 27. Februar: Der Eltern-Kind-Konflikt von Florian Zeller steht in der Tradition jener Stücke, die das Programm der „neuen“ Kammerspiele prägen sollen: gut gebaute Well-Made-Plays, die sich durch einen komplexen, zeitgemäßen Inhalt definieren. In der Inszenierung der österreichischen Erstaufführung von Stephanie Mohr wird Julian Valerio Rehrl in der Rolle des Nicolas sein Debüt in den Kammerspielen geben.

Gemeinsam ist Alzheimer schöner am 23. April: Peter Turrini schreibt ein neues Stück zur Uraufführung in den Kammerspielen und zeigt ein Paar, das zwar sein ganzes Leben miteinander verbracht hat, einander aber in ihrer Demenz neu kennenlernt . „Ich habe heute erst mit ihm telefoniert und Turrini versichert, dass es nicht nur eine Komödie wird. Er will zeigen, dass Alzheimer kein besonders schöner Krankheitszustand ist – man merkt’s nur selber nicht mehr“, so Föttinger, der mit den Worten schloss: „Da Turrini ja von einem neuen politischen Fieber gepackt ist, wird es bestimmt auch ein gesellschaftskritischer Text werden.“

www.josefstadt.org

15. 5. 2019