Theater in der Josefstadt: Rechnitz (Der Würgeengel)

Januar 16, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tanz der Nazi-Vampire

Sona MacDonald. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „Zu Asche, zu Staub“, den Hit aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“, wo ihn die mysteriöse Severija performte: „Du bist dem Tod so nah / Und doch dein Blick so klar / Erkenne mich, ich bin bereit / Und such‘ mir die Unsterblichkeit …“ Sprechen wird Sona MacDonald nicht, sie bleibt beinah zwei Stunden ohne Sprechtext, bevor sie am Ende vor dem Vorhang Zeugnis ablegt. Bis dahin ist die glatzköpfige Schönheit der

Geist der Vergangenheit, eine Endzeitdiva, eine Vampirin (der Eindruck bestätigt sich, als sie einmal Tamim Fattal in den Hals beißt) – eine Spiegelung jener Gräfin Margit Batthyány, auf deren burgenländischem Schloss in der Nacht vom 24. auf den Palmsonntag 25. März 1945 ein Gefolgschaftsfest stattfand. Die Rote Armee rückt näher, da will man sich einmal noch amüsieren, und so lösen sich kurz vor Mitternacht 15 Personen von der Party, um im Kreuzstadl 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter zu erschießen, zu erschlagen, zu verscharren – das Massengrab wurde bis heute nicht gefunden. Dies Massaker hat Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ dramatisch aufbereitet. Wie stets hat sie eine Textfläche verfasst, Botinnen und Boten berichten vom Vorgefallenen, widersprechen sich, wissen’s auch nicht so genau.

Seit der Uraufführung durch Jossi Wieler 2008 hat man „Rechnitz“ nun schon einige Male gesehen, und die meisten Inszenierungen hangelten sich an der Wieler-Arbeit entlang. Jetzt hat Regisseurin Anna Bergmann, die an der Josefstadt schon „Fräulein Julie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15214) und „Madame Bovary“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28773) realisierte, einen ganz anderen, außergewöhnlichen Blick auf das Werk geworfen. Sie hat zum einen die Botinnen und Boten zu Typen gemacht: ein Waffenmeister, ein SS-Mann, ein Nazi-Bonze, ein Priester, eine Society-Lady, Köchin, Magd, Chauffeur, Fleischhauer, Oliver Rosskopf als der örtliche Gestapo-Führer Franz Podezin, Götz Schulte als Gutsverwalter Hans Joachim Oldenburg, Dominic Oley als Ehemann Graf Ivan Batthyány …

In der Szene „Eine Vorstadtsiedlung“ hat sich schon die Ur-Wiener Nachkriegsgemütlichkeit breitgemacht. Mit Käsekrainern am Kugelgrill und Robert Joseph Bartl als populistischem Politiker samt Rauhaardackel, der sein „So sind wir nicht“ erklärt, und hofft, „dass die bloß nix ausgraben“. Oder Dominic Oley, Oliver Rosskopf und Götz Schulte als den „Hiesiegen“, denen die bekannte Textstelle: „Es können nicht alle Opfer sein!, jemand muss auch Täter sein wollen, bitte melden Sie sich, wir brauchen jeden Täter, den wir kriegen können, denn dann können wir uns selbst dazurechnen, ohne dass man es merkt …“ nachgeboren, unschuldsvermutend von den Lippen perlt.

Tamim Fattal und Michaela Klamminger. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „El male rachamim“. Bild: © Philine Hofmann

MacDonald, Elfriede Schüsseleder und Michaela Klamminger. Bild: © P. Hofmann

Dies der Bergmann zweiter Streich, ihre Spielfassung gliedert den Text in vier Bilder, „Das Fest“, „Die Dienstbotenküche“, „Das Massengrab“, eben „Eine Vorstadtsiedlung“ und einen Epilog für die MacDonald – doch wenn man eine derart grandiose Sängerin an der Seite hat, wäre es eine Schande sie nicht singen zu lassen. Bühnenbildnerin Katharina Faltner hat ein sich drehendes Rundpodest gebaut, die oftmals gewechselten Kostüme sind von Lane Schäfer, in der Mitte Sona MacDonald in Gottesanbeterinnen-Grün, und rund um sie shaken und schütteln sich die Zombie-Blutsauger im Danse Macabre. Tanz der Nazi-Vampire! Ein erstes der folgenden überwältigenden Bilder. Ein Näherrücken-Lassen des Publikums an die Banalität des Bösen, wird doch die Jelineck’sche abstrakte Distanz, die reflexive Ruhe ihrer „Boten“ zum Geschehen durch diese Spielart bis zu einem gewissen Grad ausgehebelt.

Agiert wird intensiv und expressiv. Jede Szene hält für jede Darstellerin, jeden Darsteller – außer MacDonald – eine neue, albtraumhafte Karikatur bereit. Elfriede Schüsseleder ist mal Professorin, mal Köchin, Michaela Klamminger mal Fernsehmoderatorin, mal Magd. Tamim Fatal ist mal Fleischhauer mit blutiger Schürze, dann anrührend das Mordopfer Nikolaus W., dem fröhlich ein Grab geschaufelt wird, in dem der „hohle Mensch“, entleibt seiner Menschenwürde, dem Nichterinnern anheimgegeben, lebendigen Leibes versinken möge. In der Dienstbotenküche singen alle gemeinsam „Is schon still uman See“. Dann senken sich von oben an ein Schlachthaus gemahnende Plastikplanen herab, hüllen die Manege des Grauens ein. Durch die rotmilchigen Folien sieht man einen nackten Männerkörper an einem Fleischerhaken, er zappelt, windet sich, stöhnt.

Das Ensemble beim Untotentanz. Bild: © Michaela Mottinger

Jagdgesellschaft: Robert Joseph Bartl, Tamim Fattal, Dominic Oley, Elfriede Schüsseleder, Michaela Klamminger und Oliver Rosskopf. Bild: © Philine Hofmann

Götz Schulte, Dominic Oley, Robert Joseph Bartl und Elfriede Schüsseleder. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald, Tamim Fattal, mit den Schaufeln: Götz Schulte und Dominic Oley. Bild: © Philine Hofmann

Es naht die Zeit der Abschüsse. Sona MacDonald, die brillante Performerin kann auch Oper. Zu „Wie nahte mir der Schlummer“ und „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen“ aus dem „Freischütz“ kommt die Flinte zum Einsatz. Drei Notenzeilen, drei Mal Anlegen – KlickKnall. In einem fulminanten letzten Auftritt findet Sona MacDonald endlich ihre Sprechstimme, da steht das Schloss schon in Flammen, um die Beweise zu vernichten, und der Daimler zur Flucht bereit. „Ertrage mich jetzt, liebes Land“, fordert die Kriegsverbrecherin von den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Dann die MacDonald auf großer Leinwand, ein stiller Schluss nach all dem vor wütendem Zynismus bebenden Remmidemmi. Sie wandert über den Rechnitzacker zum Kreuzstadl, unterwegs liest sie sterbliche Überreste der Opfer auf, es sind nur noch Knochenfragmente. Auf der Bühne bettet sie sie auf einen Tallit. Sie singt „El male rachamim“, ein Gebet für Begräbnisse, Gemeuchelte der Shoa und dieser Zeiten auch Terroropfer. Welch eine Aufführung, welche ein eindringlicher Appell gegen kollektives Schweigen und lautstarkes Verdrängen. Einmal wirft Elfriede Schüsseleder den Satz in die Arena: „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“ Das ist zwar aus Brechts „Arturo Ui“, deswegen nicht weniger wahr.

Anna Bergmanns Trauerarbeit, die der Jelinek ihr Debüt an der Josefstadt bescherte, überzeugt durch Klugheit, Einfallsreichtum und großem Respekt vor dem Werk der Literaturnobelpreisträgerin. Bergmann hat Jelinek gelesen, neu gelesen. Das exzellente Ensemble, dass sich in seinen Rollen immer wieder selbst erschießt, nur um als Wiedergänger um die nächste Ecke zu biegen, denn solcherart weiß Jelinek, weiß Bergmann stirbt nicht aus, tut das Übrige. Es mag dies der Beginn der etwas anderen Jelinek-Rezeption sein. Und nachdenklich auf dem Nachhauseweg sinniert man über den Spießrutenlauf beim Hinweg zum Theater. Samstag war’s, Corona-Maßnahmen- und Impfgegner-Demonstration am Ring. 27.000 Teilnehmende samt rechtem, nein: nicht Rand, rechter Mitte am historisch missbrauchten Heldenplatz. Und auf dem Podium kreischend geifernd … tja, ja …

www.josefstadt.org           Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ahb-OZfVFrs

  1. 1. 2022

Belvedere 21: Ugo Rondinone. Akt in der Landschaft

Dezember 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Weltschmerz, der sich an schierer Schönheit bricht

Ugo Rondinone: nude (xxxxxxxxxxxxxx), 2011. Bild: © Stefan Altenburger. Courtesy of studio rondinone

Das Belvedere 21 wird am 12. Dezember mit einer Personale von Ugo Rondinone wiedereröffnet. Landschaften, Sonnen, Akte und Stillleben – Ugo Rondinones Bildwelten ziehen die Betrachtenden in eine neue Wirklichkeit hinein. Für seine erste Einzelausstellung in einem Museum in Österreich hat der multimedial arbeitende Konzept- und Installationskünstler einen vielstimmigen begehbaren Kosmos entworfen.

Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere: „Erschöpfung, Melancholie, unerfüllbare Sehnsucht sind die Gemütszustände der Gegenwart angesichts einer beklemmenden Realität. Ugo Rondinone, der Magier, schafft ein Sinnbild dieser inneren Welten als Raum der Unwirklichkeit, in dem Weltschmerz sich an schierer Schönheit bricht.“

Seit mehr als dreißig Jahren überschreitet der gebürtige Schweizer Rondinone die Grenzen zwischen Medien und Disziplinen. Die Arbeiten des in New York lebenden

Künstlers basieren oft auf Themen und Motiven aus dem Alltag, die durch Isolation, Erweiterung oder eine spezifische Materialbehandlung eine poetische Dimension erhalten. Ideen der Romantik, des Erhabenen und der Vergänglichkeit klingen an wie auch Leitmotive, die Rondinones Werk bestimmen: Figuration und Abstraktion, Mensch und Natur, Tag und Nacht oder Raum und Zeit. In hochartifiziellen, Kunstgeschichte und Populärkultur zitierenden Installationen schafft er eindringliche Stimmungen, die das Lebensgefühl dieser Zeit einfangen.

„Akt in der Landschaft“ ist Ugo Rondinones erste Einzelausstellung in einem Museum in Österreich. Mit den im Ausstellungstitel genannten Genrebegriffen „Akt“ und „Landschaft“ öffnet der Künstler einen weiten kunst- und kulturhistorischen Bedeutungsraum, der durch unterschiedliche Zeitebenen hindurch bis in die Gegenwart reicht. Vor den Besucherinnen und Besuchern breitet sich in einer ruhigen, fast meditativ anmutende Atmosphäre ein „Landschaftstableau“ aus, das aus mehreren Elementen besteht.

Ugo Rondinone: nude (xx), 2010. Bild: © Stefan Altenburger. Courtesy of studio rondinone

Ugo Rondinone: nude (xxxxxx), 2010. Bild: © Stefan Altenburger, Courtesy of studio rondinone

Ugo Rondinone: nude (xxx), 2010. Bild: © Stefan Altenburger. Courtesy of studio rondinone

Im Zentrum steht eine monumentale Setzung: „two standing landscapes with sunrise and sunset“, 2021 entstanden, titelt die überdimensionale zweiteilige Arbeit, die Rondinone eigens für diese Ausstellung geschaffen hat. Diese über vier Meter hohen, 16 bis 18 Meter breiten und mehrere Tonnen schweren „Wände“ sind sowohl als Bilder als auch als Skulpturen lesbar. Zwei in unterschiedlicher Höhe platzierte kreisrunde Ausschnitte markieren dabei einen Sonnenaufgang und einen Sonnenuntergang. In unmittelbare Beziehung zu den „landscapes“ treten 14 lebensgroße „nudes“ aus den Jahren 2010/11: Wachsabgüsse von Tänzerinnen und Tänzern, festgehalten in einem Moment des Innehaltens und unbeteiligten Ruhens.

Dem Material der Figuren aus bis zu 20 Einzelteilen sind Erdpigmente von verschiedenen Kontinenten der Welt beigemischt. Teil dieses stimmungsvollen Settings sind auch die Serie „poems“, die Arbeit „winter cloud“ sowie eine Serie von Uhren ohne Zeiger: „red clock“, „blue clock“ und „yellow clock“. Eine durchsichtige Folienarbeit auf der Glasfassade des Belvedere 21 mit dem Titel „when the sun goes down and the moon comes up“ von 2021 lässt die Grenzen von Tag und Nacht, Innen- und Außenraum, Kunst und Natur verschwimmen. Die romantische Sehnsucht, einen bestimmten flüchtigen Augenblick festzuhalten oder vielmehr mit künstlerischen Mitteln an der Aufhebung der Zeit zu arbeiten, durchzieht die gesamte Ausstellung.

Ausstellungsansicht „Ugo Rondinone. Akt in der Landschaft“, hi.: winter cloud. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Kurator Axel Köhne über die Wirkung dieser Personalie: „Die Schau ,Akt in der Landschaft‘ lässt Gattungen, Begriffe und Rollen verschwimmen und ist immer wieder an die Wahrnehmung des Publikums zurückgebunden. Die Ausstellung bildet gegen die Zumutungen und die Geschwindigkeit der neoliberalen Welt eine fast unzeitgemäße magische Projektionsfläche, die sich einer eindeutigen Lesart entzieht und ein semantisches Rauschen und Vibrieren zulässt. Hat die rationale Moderne die Welt entzaubert, so arbeitet Rondinone an unserer melancholisch-romantischen Rückverzauberung.“

Über den Künstler: Ugo Rondinone, 1964 in Brunnen in der Schweiz geboren, studiert von 1986 bis 1990 an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien bei Oswald Oberhuber und Ernst Caramelle. Davor  hat er als Assistent des Wiener Aktionisten Hermann Nitsch auf Schloss Prinzendorf gearbeitet und kurz an der Akademie  der bildenden Kunste bei Bruno Gironcoli studiert. 1997 zieht  er nach New York, wo er bis heute lebt  und arbeitet. 2007 vertritt er die Schweiz au( der Biennale in Venedig. Heute beeinden sich seine Arbeiten in musealen Sammlungen weltweit.

www.belvedere.at           ugorondinone.com

11. 12. 2021

Schauspielhaus Graz via VR-Brille: Der Nestroy-Preis-Gewinner „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“

November 22, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Virtuelles Theater, das direkt ins Haus geliefert wird

Mitten in der Postapokalypse trifft der Anthropologe auf eine Frau, die er „Kreuzberg“ nennt: Nico Link und Katrija Lehmann. Bild: © Johanna Lamprecht

Bei der gestrigen Nestroy-Preis-Verleihung mit dem Corona-Spezialpreis ausgezeichnet, kann die mit einer 360-Grad-Kamera produzierte Virtual-Reality-Inszenierung des Schauspielhaus Graz jetzt wieder via VR-Brille mit dem auf ihr gespeicherten Film bei  www.vr-firstrow.com österreich- und deutschlandweit bestellt werden (Infos unten). Gleiches gilt auch für die Kafka-Erzählung „Der Bau“, Regie von Elena Bakirova, mit Florian Köhler als Protagonisten.

VR-Schulpaket

Neu ist ein Angebot, das sich an Schulen wendet: Sowohl „Krasnojarsk“ als auch „Der Bau“ sind ab morgen für Schulen in ganz Österreich als Paket zu vergünstigten Preisen bei Vertriebspartner Firstrow buchbar: die VR-Brillen werden dabei per Post direkt in die Schule zugestellt. Die beiden Produktionen sind in Paketen von jeweils 20, 25 oder 30 VR-Brillen buchbar. Die Preise belaufen sich dabei auf 12,90 € pro Brille (zzgl. Versandgebühr). Das Lieferdatum immer donnerstags ist frei wählbar, das erstmögliche Datum ist der 2. Dezember. Die Brillen stehen den Lehrpersonen ab dem Lieferdatum eine Woche zur Verfügung. Weitere Infos dazu auf der Website von Schauspielhaus Aktiv: www.schauspielhaus-graz.com/schauspiel-aktiv. Hier noch mal die Rezension vom März:

Österreich endzeitlich: Katrija Lehmann und Nico Link in der Weizklamm. Bild: © Johanna Lamprecht

Der zweite Anthropologe: Frieder Langenberger als Bösewicht. Bild: © Johanna Lamprecht

Der Beobachter wird beobachtet: Frieder Langenberger beim Dreh. Bild: © Johanna Lamprecht

Am Lagerfeuer der Postapokalypse

Es hat bis zur Nestroy-Preis-Jury bereits die Runde gemacht, wie in jeder Bedeutung des Wortes fantastisch die Virtual-Reality-Produktion „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ des Schauspielhaus‘ Graz ist. Nun ist es generell erfreulich, mit welch innovativen Ideen Theaterschaffende auf die Corona-Kulturkrise reagieren, mit welcher Verve sie sich in intermediale Welten werfen, doch etwas wie „Krasnojarsk“ hat man noch nie gesehen. Es ist ein Erlebnis, dass jeder und jedem anempfohlen ist! Mittels VR-Brille und Controller, beides einfacher zu handhaben, als die Beschreibung auf den ersten Blick vermuten lässt, erwacht man in der sibirischen Steppe aka Neusiedlersee, gedreht wurde auch im Freilichtmuseum Vorau und in der Weizklamm, einem spooky Lost Place mit ehemaligem Kalkwerk samt Fassspundfabrik, und das erste, das man sieht, ist möglicherweise ein Sonnenuntergang am Horizont.

Möglicherweise, denn beim von Regisseur Tom Feichtinger und Bildgestalter Markus Zizenbacher ausgeklügelten Projekt, entscheidet die Blickrichtung, wen und was man sieht. Der Film läuft rund um einen, im Falle eines Wasserturms und einer Großstadtsequenz sogar über einem. „Krasnojarsk“ des norwegischen Dramatikers Johan Harstad ist dafür wie geschaffen, dieser dystopische Einakter aus Monologen und Berichten, dessen Verfasser die Theater explizit dazu ermutigt, damit zu machen, was immer sie wollen.

Das Sitzmöbel der Wahl ist also ein Drehstuhl, und am besten ist die zu sehende Rundumrealität mit dieser Rückblende oder Traumfantasie zu erklären: Ennuyierte Ehefrau und Mann, der diese längst über hat, sitzen im Heute am gläsernen Esstisch, eine Drehung, man sieht Designercouch, Flat-TV, Terrasse, der Mann, ein Historiker, des Schweigens im trauten Heim überdrüssig, imaginiert eine liebevolle Mittelalter-Gattin, eine Drehung, man sieht sie am hölzernen Esstisch Brot schneiden, eine Schar Kinder rumtoben, das Feuer im Herd, eine Drehung – und von vorn die aktuelle Tristesse.

Zuerst aber folgt man den Spuren des Anthropologen, den Nico Link darstellt. Man begleitet ihn und sein Handwägelchen voller Wasserkanister, Solarpanel und RFID-Transponder. Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes, schildert er, hat die gesamte Erdoberfläche vernichtet, nur eine Handvoll Menschen dürfte überlebt haben. Eine kleine Gruppe etwa in Krasnojarsk, von wo aus man den Wissenschaftler mitten ins Nirgendwo geschickt hat, um Zeichen von Leben und nach Relikten der untergegangenen Zivilisation zu suchen. Doch 4655 ist der Code, den er täglich funkt: kein Fund von Wert. Von Schwarzweiß wird’s komplett schwarz in der Brille, Bildausfall?, nein, Nico Link hat sich weiterbewegt, heißt: weiter drehen und drehen, um nur ja nichts zu verpassen. Schon sitzt man mit Link am Lagerfeuer der Postapokalypse.

Schauspieler und Steppe und See lösen sich im Nichts auf, als würden sie verwehen, dies Gemahnen an Vergänglichkeit und Auslöschung die wehmütig-melancholische Grundstimmung des Films. Gearbeitet wird mit Überblendungen, Zeitebenen überlappen, was ist wahr?, was war?, suggestive Bilder, Szenen von sinnlicher Schönheit entstehen. Der Duft des Grases, später die abgestandene Luft in aufgelassenen Nutzgebäuden reichen bis an die Nase heran.

Da, ein neuer Exkurs, Freunde, die die Erste-Weltkriegsschlacht an der Somme nachspielen – mit echter Munition, um Ex-Freundinnen um die Ecke zu bringen, blutrot glühende Explosionen rechts von, ein Liebespaar im Rosenblätterbett hinter einem, die Frauen siegen … die Figuren überlebensgroß, zum Greifen nah, und – schwöre! – ein-, zweimal gehen sie durch einen hindurch.

Der Drehort in der Steiermark, ein ehemaliges Kalkwerk samt Fassspundfabrik. Bild: © Johanna Lamprecht

Kreuzbergs kostbare Koffer werden aus dem Wasser gefischt: Katrija Lehmann. Bild: © Johanna Lamprecht

Keine Angst vor nassen Füßen hat Katrija Lehmann beim Dreh mit Markus Zizenbacher. Bild: © Johanna Lamprecht

Bildgestalter Markus Zizenbacher und Regisseur Tom Feichtinger mit VR-Brille. Bild: © Johanna Lamprecht

Sie, denn der Anthropologe trifft eines Tages auf eine Frau, die zwei Koffer mit kostbarsten Artefakten mit sich trägt, Handschriften, Briefe und Lebensbeichten, und somit „eindeutige Beweise, dass die Menschen auf den verschwundenen Kontinenten nicht nur gelebt hatten, sondern auch, dass ihre Leben bedeutsam gewesen waren, voller Siege, Sorgen und Verluste, unwiderruflicher Niederlagen“. In einem Anfall von Berlin-Nostalgie nennt er sie „Kreuzberg“, und ihre Spielerin Katrija Lehmann wird bald die sein, der die Sympathien der Betrachterin, des Betrachters gehören – nicht zuletzt, weil sie einen immer wieder direkt anspricht, und mit einem ihre Besorgnis, ihre Belustigung über den komischen Kauz, dem sie in die Hände gefallen ist, teilt.

So gelangt man über Fluss und verlassene Häuser, eine Küche, Kinderspielzeug, bemerkenswert, wie liebevoll detailreich die Sets von Tanja Kramberger ausgestattet wurden!, zu einer Scheune, die sich mitunter aber auch als alte Industrieanlage materialisiert. Atmosphärisch enorm dicht ist das alles. Ein Plattenspieler wird gefunden – dies der Mensch: Musik und Schrift, ein Tänzchen wird gewagt – Sounddesign und 3D-Audio Mix von Elisabeth Frauscher, die Briefe werden gelesen, ein Kuss … und mehr …

Doch kann der Verliebteste nicht seiner Retroromantik frönen, wenn es dem bösen Zweiten Anthropologen nicht gefällt. Der erste, der gerade dabei ist, sich hausherrlich einzurichten, glaubte sich von Krasnojarsk vergessen, da taucht sinister wie ein SS-Offizier Schauspieler Frieder Langenberger auf, mit einer Schar von Schergen. Ein grausamer Gegner, ausgesandt von der Organisation „Neustart“, der es auf den Inhalt der Koffer abgesehen hat und die erkrankte Kreuzberg darob foltert und verstümmelt, während Anthropologe Nummer eins mit den Hartschalensammlungen schnöde das Weite sucht. Wasser flutet das nun zu sehende Theater und überflutet einen selbst, in einer letzten Anrede verrät Kreuzberg das Geheimnis ihrer Briefe …

Fazit: Der Faszination von „Krasnojarsk“ kann man sich nicht entziehen. Die deutschsprachige Erstaufführung ist großes Heimbrillenkino, das Immersionserlebnis schlechthin. Enigmatisch, elegisch, exzeptionell. Visuell kühn, versponnen poetisch, verstörend. Das Stück von Johan Harstads, wiewohl in einer Zeit nach unserer Zeit angesiedelt, ist eines der Stunde. Eine Reflexion über Gemeinschaft und Gesellschaft, erzählt es von Vereinsamung und Verlorensein, aber auch von der Bedeutung, die das Geschichtenerzählen für das Leben und das Weiterleben besitzt. Es fragt nach dem Wert von Kultur und deren Wichtigkeit zum Fortbestehen der Menschheit, ja, der Menschlichkeit – und stellt gleichzeitig deren Begehren und Verlangen und Sehnsüchte aus.

Die Produktion beweist, dass der Theater-Lockdown auch die Chance ist, neue spannende Wege auszuprobieren und auszufeilen – und mit den fabelhaft agierenden Nico Link, Katrija Lehmann und Frieder Langenberger, denen das aberwitzige Kunststück gelingt, die 360° an die Wand zu spielen, dass – Technik hin oder her – das Herz jeder Art von Aufführung sowieso stets die Schauspielerinnen und Schauspieler sind und sein werden. Zum Schluss ein Hoffnungsschimmer auf einem Schimmel: Zu Pferd ist das Mittelalter vielleicht näher als gedacht …

Infos zur VR-Brille für Privatpersonen

Die Virtual-Reality-Produktion „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ des Schauspielhaus‘ Graz ist nun österreich- und deutschlandweit bei der VR-Plattform Firstrow erhältlich. Unter www.vr-firstrow.com kann die Aufführung ab sofort bestellt werden. Diese wird im Anschluss auf einer VR-Brille an die Heimadresse geschickt. Nach zwei Tagen Mietdauer wird die VR-Brille einfach wieder zurückgesendet. Die VR-Erfahrung kostet 18,90 € zzgl. Versandgebühren. Ab morgen gilt für Grazerinnen und Grazer wieder, dass die VR-Brillen (mit „Krasnojarsk“ oder der zweiten 360°-Inszenierung „Der Bau“) innerhalb des Grazer Stadtgebietes per Fahrradkurier zugestellt werden. Diese Versandoption kann man hier buchen: shop.ticketteer.com/SchauspielhausGraz. Oder direkt über die Seite des Schauspielhauses

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3KO3BTylhjw           www.schauspielhaus-graz.com            Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44995

„Krasnojarsk“ international

Auch über eine internationale Anerkennung für „Krasnojarsk“ kann sich das Schauspielhaus Graz freuen: Die Inszenierung wurde zum australischen Melbourne Lift-Off Film Festival 2021 eingeladen. Die Filme der Festivalauswahl sind ab 22. November ein Monat lang via Vimeo On Demand einem globalen Publikum zugänglich. Dabei können in erster Instanz das Publikum und danach eine Fachjury „Krasnojarsk“ für einen Preis vorschlagen. Die Gewinnerfilme der weltweit 11 Lift-Off Festivals werden anschließend Rahmen des jährlich live stattfindenden Lift-Off Festivals in den Pinewood Studios England gezeigt werden, wo die Season Awards des Lift-Off Global Network verliehen werden. liftoff.network/melbourne-lift-off-film-festival

22. 11. 2021

Neue Oper Wien: Death in Venice

Oktober 10, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Memento mori beim Strand-Dance-Battle

Alexander Kaimbacher als Gustav von Aschenbach, Ray Chenez als Apollo ad personam und Andreas Jankowitsch als mephistophelischer Dionysos. Bild: © Armin Bardel

„The Most Beautiful Boy in the World“, so der Titel des Dokumentarfilms, den Kristina Lindström und Kristian Petri just dieses Jahr beim Sundance Festival vorstellten, ein Biopic über den weiland Visconti-Auserwählten Björn Andrésen für die Rolle des Tadzio – dieser Rolle wird Rafael Lesage 50 Jahre später nicht mehr gerecht. Ein Glück. Der Sohn eines Tänzerpaars, der zunächst im Performing Center Austria HipHop-Klassen nahm, bevor er mit der Compagnie Diversity Queens und dem Studio Indeed Unique einige Preise gewann

(www.youtube.com/watch?v=KUSnQTYuIBc), ist längst kein schüchterner „Bub“ mehr. Sondern ein selbstbewusster junger Mann, der seinen Tadzio dementsprechend performt. Kraftstrotzend, arrogant, ein wenig aggressiv auch, sich seiner aufkeimenden Virilität und deren Wirkung auf dem ihm verfallenen, verfallenden Aschenbach bewusst. Mit dem er nonverbal sein homoerotisches Spielchen zu treiben scheint, sich sogar ein Buch des – heute würde man sagen – Bestsellerautors signieren lässt, ein Blick, ein lässig vom perfekten Body gestreiftes Handtuch, ein Beinah-Kuss. Als ob sich die morbide Schönheit Venedigs in ihm spiegeln würde …

Die Neue Oper Wien brachte im MuseumsQuartier Benjamin Brittens „Death in Venice“ zur dunkel-wuchtigen Premiere. Mit Intendant Walter Kobéra als Dirigent des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, in einer Inszenierung von Christoph Zauner, Bühne und Kostüme von Christof Cremer, womit das eine Dreigestirn der Aufführung genannt wäre. Eine Trinität, die Brittens Thomas-Mann-Vertonung als Aschenbachs albtraumhafte Gedankenreise, anders gesagt: mit dem vielgestaltigen Andreas Jankowitsch und dem Wiener Kammerchor als Totentanz anlegt.

Brittens letzte ist sozusagen eine „Große Kammeroper“, für die Kobéra eine charismatische Klangwelt, einen emotionalen Sturm aus 49 Musikerinnen und Musikern, davon fünf am Schlagwerk plus ein Paukist, zu entfesseln, jedoch in den intimen Momenten von Aschenbachs Innenschau zu bändigen versteht. In Brittens Kompositionsthriller mit Sog Richtung letalem Finale, dirigiert Kobéra Aschenbachs Gefangenschaft im Gefühlschaos, dessen Leidenschaft, Verwirrung und Verlust der Würde gleich einem fortwährenden Subtext.

Kaimbacher und Chenez als Lookalike-Apollo. Bild: © Armin Bardel

Rafael Lesage adoleszenter Tadio. Bild: © Armin Bardel

Countertenor Ray Chenez als Apollo. Bild: © Armin Bardel

Um diesen „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“-Zweikampf zwischen Ratio und Passio Gestalt zu verleihen, gesellt Regisseur Zauner Andreas Jankowitsch als Geck, Gondoliere, Hotelier, Coiffeur und Dionysos Countertenor Ray Chenez als Apollo bei – er optisch ein jüngeres Alter Ego des alternden Literaten, dem er in Permanenz und mit Drohgebärde die Schreibmaschine auf den Knien platziert. Zu alldem, der feinziselierten Charakterführung Kobéras wie Zauners, ihrer Achtsamkeit auf Gesten und den durchdachten Details, hat Cremer ein Setting erdacht, ein Labyrinth aus Venedigs Brücken und Badestegen, schmale Grate, auf denen es die Balance zu halten gibt, inmitten eines Meers aus Sand ist gleich Asche, umringt von den rostigen Wänden eines Schiffsbauchs, als hätte Aschenbach die „Esmeralda“ nie verlassen.

Derart als Memento mori, oder: eine Morbidezza nicht der Malerei, sondern der Morschheit der Moral, entspinnt sich ein Licht- und Schattenspiel. Fabelhaft Andreas Jankowitsch, der vom Gondoliere-Charon an Aschenbachs diabolischer Gegenspieler ist, der sich im Chor zu einem „Mein Name ist Legion!“ steigert. Diese Gesellschaft am Lido gehüllt ins Graublau der Serenissima-Tauben und umringt von grotesk-grausamen Gauklern und Schreckgespenstern wie Catalina Paz als Erdbeerverkäuferin oder Elisabeth Kirchner als Bettlerin im Namen ihrer verhungernden Kinder.

Die Cholera, Seuche das Bühnenthema 2021, sie klopft schon an die Tore der Lagunenstadt. Die Seemöwen die anfangs durchs Video segelten, sind längst deren wurmartigem Erreger gewichen, unter den Stegen wabern tödliche Dämpfe – die Cholera, sie ist gelb. Symbolik und Farbantagonismen als Metaphern für einen drangsalierten Geist, sie sind bei Zauner und Cremer großgeschrieben. Doch noch steht die Schlacht zwischen dem apollinischem und dem dionysischen Prinzip an, und an dieser Stelle gilt es endlich zu sagen:

Dies ist der Abend des Alexander Kaimbacher, der als Gustav von Aschenbach drei Stunden lang sängerisch höchstpräzise und schauspielerisch höchstpräsent mal mit metalischem, mal fragilem Timbre alles gibt. Sich in der Britten seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschneiderten Rolle entäußert, entleibt, sich von Zweifel über Verzweiflung zu Selbstzerfleischung aller darstellerischen Schranken entledigt, die Kalvarienberg-Stationen der Figur durchwandert, durchleidet, ein Faust auf der Suche nach und in ständiger Begegnung mit seinem Mephisto-Jankowitsch – selten ward psychische Zerrissenheit so nobel über die Rampe gebracht.

Wr. Kammerchor als Matrosen. Bild: © Armin Bardel

Lesage und Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Die Straßensänger. Bild: © Armin Bardel

Und überall der schöne Jüngling. Bild © Armin Bardel

Fulminant! Kaimbacher mit Jankowitsch und Chenez das andere Dreigestirn der Aufführung, wenn die Götter um den Sterblichen ringen, dessen Bedenken ob seiner „ungesunden“ Begierde austricksen, wobei es – in dieser Interpretation wenig überraschend – der ewig strahlende Delpher sein wird, der seinem Schützling in den Schritt greift, eine orgasmische Petite-Mort-Szene, Aschenbach bald so kreidebleich wie des Dionysos‘ geisterhafte Gefolgschaft …

Viel gibt es bei dieser Arbeit der Neuen Oper Wien zu interpretieren und zu überlegen, etliche Einfälle gilt es noch zu würdigen. Etwa das Kräftemessen von „Tadzio“ Rafael Lesage und seinem besten Freund Jaschu aka der Latino-Wiener Luis Rivera Arias, das als Dance-Battle am Lido-Strand ausgetragen wird, als Trainerin und Trainer die Tänzerin Leonie Wahl (www.mottingers-meinung.at/?p=36197) und Tänzer Ardan Hussain, die Choreografie für Brittens konzertante Zwischenspiele, ein Sonnenbad, ein Wasserballmatch, ein Flanieren auf der Promenade, das Champagnisieren angesichts der Katastrophe: Saskia Hölbling.

Oder Kaimbacher-Aschenbachs Besuch bei Coiffeur-Jankowitsch, dessen schwarzer Frisiermantel sich mittels zweier Chormitglieder zur Tracht eines Pestdoktors, ja, zu einer bewegten Version von Rodins Höllentor steigert. Zum Schluss zieht der junge Apoll-Aschenbach gegen Tadzio eine Pistole, das stumme Objekt der Begierde, meint der vorherige, muss zur Beendigung der Qualen des derzeitigen Aschenbach weg … zu spät fürs Entkommen des Abyssos‘ und ergo keinesfalls mehr dazu. Außer einem: So steht’s im Libretto nicht. Und einem Bravissimo sowie der Empfehlung, sich diese bemerkenswerte Produktion anzuschauen.

neueoperwien.at          Video: www.youtube.com/watch?v=zAZIsnvhM-k

  1. 10. 2021

Bücher über Romy Schneider und von Erni Mangold

September 21, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Romy spielt sich frei / Sagen Sie, was Sie denken

Wie aus „Sissi“ der Weltstar Romy Schneider wurde: Als süße junge Kaiserin „Sissi“ erobert Romy Schneider ein Millionenpublikum. Der große Erfolg ist jedoch nicht alles – sie möchte ihren eigenen Weg gehen, sich lösen vom Mief der deutschen Nachkriegszeit und von der Schauspieltradition der Familie, mit der sie in Gestalt von Mutter Magda Schneider und Grossmutter Rosa Albach-Retty alltäglich konfrontiert ist. Sie stellt Fragen, verurteilt manches scharf und arbeitet sich bis zu ihrem frühen Tod an ihrer Herkunft ab.

Ihre berührende Lebensgeschichte spiegelt so auch die Geschichte der Familie und ihrer starken Frauen wider: Sie erzählt vom Ringen um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit im Theaterund Filmgeschäft, von der Vereinnahmung durch Politik und Medien, von zweifelhaften Verstrickungen und Irrwegen in turbulenter Zeit. Großmutter Rosa und Vater Wolf Albach-Retty, die ehrgeizige Mutter Magda und Romy Schneider – ein packendes Familiendrama zwischen Triumphen und Abgründen.

Über den Autor: Günther Krenn studierte Philosophie und Theaterwissenschaft und ist Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums. Er hat sich bereits in mehreren Büchern mit Romy Schneider, Alain Delon und Karlheinz Böhm beschäftigt und ist daher mit dem vielschichtigen Themenkomplex des Romy-Schneider-Universums eng vertraut. Seine filmhistorischen Bücher wurden zweimal mit dem Willy-Haas-Preis ausgezeichnet, zuletzt erschien 2021 „Serge & Jane. Biographie einer Leidenschaft“.

Molden Verlag, Günther Krenn: „Romy spielt sich frei. Glanz und Tragik einer Schauspieldynastie“, Sachbuch, 304 Seiten. Erscheint am 27. September.

95 Jahre in Lebens-Bildern: Sieben Jahrzehnte auf der Bühne und mit über 90 noch im Filmgeschäft: Erni Mangold hat viel erlebt und viel gesehen. In ihrem Haus im Waldviertel gibt es einen alten Holzschrank, darin bewahrt die Ausnahmekünstlerin alle ihre Fotos auf. In wildem Durcheinander repräsentieren sie das abwechslungsreiche Leben der gefeierten Schauspielerin. Die angeborene Gabe die Wahrheit zu sagen, gelegen oder ungelegen, macht sie so prägend, so witzig und so klar. Zu entdecken gibt es nicht nur Erni Mangolds Jahrhundertleben, sondern auch die Geschichte eines Jahrhunderts – Kindheit und Krieg auf dem Land, wilde Jahre mit Helmut Qualtinger, Aufstieg und Ausverkauf als Sexsymbol in einer ausgehungerten Nachkriegsgesellschaft, Theater und Ehe in Hamburg, Schauspielunterricht in Wien, Glück und Auszeit im Waldviertel. Eine Zeitreise mit der grandiosen Schauspiel-Ikone. Mit Gastbeiträgen von Elfriede Jelinek, Michael Schottenberg, Susanne Höhne etc.

Über die Autorin: Erni Mangold. Viele Zeitgenossen erkannten die Unverwechselbarkeit und Qualität ihrer künstlerischen Potenz: Gustaf Gründgens, Rainer Werner Fassbinder, Peter Patzak, Werner Schwab und Xaver Schwarzenberger gehörten dazu. Dieses Buch erzählt von Begegnungen mit Hans Moser, Raoul Aslan, Curd Jürgens, Ernst Waldbrunn, Helmut Qualtinger, O.W. Fischer, Peter Alexander, Heinz Reincke, Elisabeth Flickenschildt, Susi Nicoletti, Romy Schneider sowie Herbert von Karajan, Bruno Kreisky und vielen anderen.

Molden Verlag, Erni Mangold & Doris Priesching: „Sagen Sie, was Sie denken. Mein Leben in Bildern“, Sachbuch, 208 Seiten. Erscheint am 4. Oktober.

www.styriabooks.at/molden

21. 9. 2021