Theater in der Josefstadt: Glaube und Heimat

Februar 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sonntagsstaat unterm Herrgottswinkel

Die Heimatvertriebenen machen sich auf den Weg: Trommler Kyrre Kvam mit Ensemble, re.: Claudius von Stolzmann als Reiter des Kaisers. Bild: Moritz Schell

Spätestens, wenn Hausherr Herbert Föttinger im Anschluss an die gestrige Premiere Karl Schönherrs Stück „Glaube und Heimat“ als Teil des Flüchtlings- und Vertriebenenzyklus ausstellt, der diese Saison das Theater in der Josefstadt prägt, ist klar, warum er’s auf den Spielplan gesetzt hat. In ideologisch aufgeheizten Zeiten ist es eine der Erwägung werte Wahl, um einen Riss zu zeigen, der auch gegenwärtig durch die Gesellschaft geht, politische Bigotterie und einen religiösen Fanatismus.

Die hier, im 1910 uraufgeführten Werk, das von der Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 unter Ferdinand dem Gütigen angeregt war, ihre blutigen Schwerter übers Christentum schwingen. Allein, der Krieg um Glaubenssätze wird seit jeher für verschiedenste „Götter“ geführt. Schönherr selbst fiel jenen anheim, die Österreich „heim ins Reich“ holten, er ließ sich von ihnen für sein „blutechtes, bodenständiges Schaffen“ preisen und dichtete im April 1938 darob „Nun sind wir wieder ein gewaltiges Land …“ Vom Rechtgläubigen zum Rechtsgläubigen, was eine Nachfrage nach dem Anteil von Blut und Boden in Schönherrs Schaffen zumindest möglich machen würde. Regisseurin Stephanie Mohr hat indes gar keine gestellt, hat sozusagen interpretationsfrei und vom Blatt inszeniert, hat die Krone der Deutungshoheit von sich gewiesen und lässt somit sowohl ihr 18-köpfiges Ensemble als auch das Publikum auf der Suche nach Bedeutung allein. Derart versucht der Streit Scholle gegen Seele anno 2019 verzweifelt zu zünden.

Noch herrscht Übermut im Hause Rott: Raphael von Bargen, Swintha Gersthofer und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Die Sandperger unterm Herrgottswinkel: Roman Schmelzer und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Mohrs Arbeit ist wie ein Egger-Lienz, expressiv, kantig, wie beim Volksmaler monumentale Szenen und reduzierte Bilder nicht im Widerspruch zueinander – und doch letztlich gestrig. Das Bühnenbild von Miriam Busch und die Kostüme von Alfred Mayerhofer tragen wesentlich zu diesem Eindruck bei: Wände, die die Bühne per Drehkreuz in vier Räume teilen, Bauernstuben mit Herrgottswinkel, Kruzifix, gestickter Heilsspruch und Madonnenbild, einmal sonnenhell tapeziert, einmal schwarz wie die Hölle, jeweils zwei Treppen, die ins Nirgendwo führen. Dazu sind die Darsteller in eine Art großbäuerlichen Sonntagsstaat gekleidet, enteignet werden kann nur, wer was hat, will das wohl sagen, wenn über aussteuervolle Truhen und besten Milchkühe verhandelt wird.

Was die Schauspieler allesamt ausdrucksstark und kraftvoll tun – allerdings mehr als Allegorien denn als wahrhafte Menschen: Raphael von Bargen, dem man den aufrechten, unbeirrbaren Christen Christoph Rott in jeder Sekunde glaubt, Silvia Meisterle, als hartleibige und doch herzensgute Rottin, so brillant wie nie, Michael König als moribunder Alt-Rott, der zwischen Katholizismus und Protestantismus schwankt, weil er im Grunde nur wünscht, in der Heimaterde und nicht auf dem Schindanger begraben zu werden, Swintha Gersthofer als unbändiger Spatz, der lieber in den Tod geht, als sich biegen und brechen zu lassen. Dies vor hat Claudius von Stolzmann als apokalyptischer Reiter des Kaisers, die in ihrer Ambivalenz wohl beste Rolle, hin und her gerissen zwischen blindwütiger Ausführung seiner Aufgabe und doch so etwas wie Anteilnahme für die Ausgestoßenen.

Nur mit einer Figur, einer von ihr dazu erfundenen, bricht Mohr ihre schwarzweiße Welt. Musiker Kyrre Kvam zeigt als Trommler eine clownsgesichtige Spukgestalt, die den Auszug der Landbewohner mit von ihm vertonten Texten von Andreas Gryphius und Rainer Maria Rilke begleitet. Es ist genau diese surreale Verfremdung, es kommt noch eine, in der die Bäuerinnen und Bauern wie im Totentanz reihum „Es kommt kein Trost“ ins finstere Zimmer schreiben, deren Häufung der Aufführung gutgetan hätte, um den Schönherr-Ton abzumildern und das in einen Kunstdialekt übertragene Tirolerisch zu konterkarieren. Stattdessen lässt Mohr, als der Bader, Oliver Huether, dem wassersüchtigen Alt-Rott Erleichterung verschafft, hörbar die Flüssigkeit aus dessen Bauch gluckern.

Rott schwört auf den neuen Glauben: Raphael von Bargen mit Claudius von Stolzmann, Michael König, Roman Schmelzer, Silvia Meisterle und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Eine letzte Auseinandersetzung mit dem Reiter des Kaisers: Raphael von Bargen, Claudius von Stolzmann und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Aus der Vielzahl der Charaktere stechen außerdem hervor: Gerhard Kasal als heimgekehrter Bruder Peter Rott, Roman Schmelzer als Sandperger zu Leithen ganz großartig vom Wahnsinn umzingelt und Nikolaus Barton als gieriger Englbauer in der Au, der die Höfe der Entrechteten für einen Spott aufkauft – auch dies geeignet gewesen für zeitgeschichtliche Gleichnisse. Elfriede Schüsseleder und Alexandra Krismer gestalten mit der Mutter der Rottin und der Sandpergerin zwei starke Frauenfiguren, wobei zweitere auch nach ihrer Ermordung durch den Reiter auf der Szene bleiben darf, während erste retten will, was nicht mehr zu retten ist. Lukas Spisser gibt einen zynischen Gerichtsschreiber, Michael Schönborn den mitfühlenden Schuster.

Ljubiša Lupo Grujčić und Susanna Wiegand sind als Kesselflicker-Wolf und Straßentrapperl die Synonyme dafür, wie unsolidarisch sich Mensch sogar dann verhalten, wenn’s ihnen selber zwar an den Kragen geht, sie einen anderen aber als noch „minderwertiger“ betrachten können, zumal der Wolf und das Trapperl die Katastrophe der anderen als ihr Glück verbuchen, nämlich durch die Wanderpapiere des Gerichtsschreibers endlich „richtige Leut‘“ zu werden. Eine Hackordnung unter Verfolgten, der mehr Aufmerksamkeit zu gönnen gewesen wäre. Dass die beiden ein Plastiksackerl und eine Zwei-Liter-Cola-Flasche mit sich tragen, ist allein noch kein Aktualitätsbezug. Zu den Konfliklinien der Gegenwart merke: Ein „Toleranzpatent“ ist kein Garantieschein für Aufgeschlossenheit, vor allem nicht für jene, die ständig wissen lassen, dass ihre Grenzen der Duldsamkeit des „Fremden“ ohnedies längst überschritten sind.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=sLApWOnB3xY

www.josefstadt.org

  1. 2. 2019

Belvedere: Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938

Januar 21, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Unterdrückt, unterschätzt, kaum wahrgenommen

Helene Funke: Akt in den Spiegel blickend, 1908-1910 © Belvedere, Wien. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Im Kanon der Kunstgeschichte werden sie bis heute kaum genannt. Die Künstlerinnen, die zur Zeit der Wiener Moderne und der Ersten Republik in Österreich mit ihren Werken einen wesentlichen Beitrag zum Kunstgeschehen geleistet haben, wie etwa Elena Luksch-Makowsky, Broncia Koller-Pinell, Helene Funke oder Erika Giovanna Klien. Im Unteren Belvedere ist diesen Frauen nun ab 25. Jänner die längst überfällige Präsentation „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938“ gewidmet.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Frauen, die Künstlerinnen werden wollten, massiv benachteiligt. Sie durften nicht an der Akademie studieren und hatten nur eingeschränkten Zugang zu Künstlervereinigungen. Damit reduzierten sich für sie auch die Ausstellungsmöglichkeiten. Trotz dieser Hürden gelang es einigen von ihnen, erfolgreich eine Karriere aufzubauen. Sie waren in der damaligen Kunstszene aktiv und stellten in der Secession, im Hagenbund, im Salon Pisko und in der Galerie Miethke aus.

Obwohl in den vergangenen Jahren Leben und Werk mancher der damals renommierten Künstlerinnen erforscht und in Retrospektiven aufgerollt worden sind, werden ihre Arbeiten bis heute in ihrer Bedeutung unterschätzt und kaum wahrgenommen. Ziel der Ausstellung im Belvedere ist, den Blick auf die Wiener Moderne und die Zwischenkriegszeit zu erweitern. Im Mittelpunkt stehen Künstlerinnen, die viel zur Kunst dieser Zeit beigetragen haben. Zum Teil werden wiederentdeckte Werke gezeigt, die erstmals präsentiert werden. Vor allem würdigt die Schau jedoch die Beiträge der heute großteils vergessenen Künstlerinnen zu den Kunstrichtungen Stimmungsimpressionismus, Secessionismus, Expressionismus, Kinetismus oder Neue Sachlichkeit.

Elena Luksch-Makowsky: Ver Sacrum. Selbstbildnis mit Sohn Peter, 1901. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Helene von Taussig: Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, 1920 /30. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu sehen sind Werke von Ilse Bernheimer, Maria Cyrenius, Friedl Dicker, Marie Egner, Louise Fraenkel-Hahn, Helene Funke, Greta Freist, Margarete Hamerschlag, Fanny Harlfinger-Zakucka, Hermine Heller-Ostersetzer, Johanna Kampmann-Freund, Elisabeth Karlinsky, Erika Giovanna Klien, Broncia Koller-Pinell, Frida Konstantin Lohwag, Elza Kövesházi-Kalmár, Leontine von Littrow, Elena Luksch-Makowsky, Mariette Lydis, Emilie Mediz-Pelikan, Teresa Feodorowna Ries, Mileva Roller, Frieda Salvendy, Emma Schlangenhausen, Anny Schröder-Ehrenfest, Lilly Steiner, Helene Taussig, Ilse Twardowski-Conrat, My Ullmann, Olga Wisinger-Florian, Grete Wolf Krakauer oder Franziska Zach.

www.belvedere.at

21. 1. 2019

In My Room

Dezember 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Postapokalyptischer Reiter

Zu Pferd erkundet Armin die Umgebung: Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Es klappt gar nichts. So führt Filmemacher Ulrich Köhler den Anti-Helden Armin aus „In My Room“ ein. Mehr als dreißig Minuten lässt er sich Zeit, die Figur zu erklären, diesen in seinem Leben desorientierten ZDF-Kameramann, der die Aufnahmen von Pressekonferenzen politischer Parteien versemmelt, weil er das Entscheidende nicht im Blick hat.

Später an einem Abschleppversuch scheitert, indem er mit einem präkoital-blöden Spruch die junge Frau vor Vollzug aus seiner Wohnung scheucht. Um sich schließlich, ein paar Schnitte später, am Bett seiner sterbenden Großmutter über deren Hinscheiden zu grämen. Omas triste Behausung deutet schon irgendwie auf Endzeit hin, und wie’s tatsächlich weitergeht, ist ab Freitag in den Kinos zu sehen.

„In My Room“ ist ein stiller Film, mit einem grandiosen Hauptdarsteller Hans Löw, dessen eindringliches, erzwungenermaßen schweigsames Spiel unter die Haut geht. Als Armin nämlich nach einer betrunken im Auto verschlafenen Nacht aufwacht, sind alle weg. Verschwunden. Kein Mensch mehr da. In Panik fährt Armin mit seiner ausgeleierten Karre über leere Straßen voller liegengelassener Fahrzeuge, im Fluss treibt ein Ausflugsschiff, die Tankstelle ist unbesetzt, da lässt sich immerhin gratis Benzin nachfüllen.

Regisseur und Drehbuchautor Köhler hält sich nicht mit hollywoodesken Spekulationen über The Day after auf, er katapultiert seinen Charakter in eine fantastische Versuchsanordnung, kreiert aus einem gängigen Sci-Fi-Motiv ein großartiges Gedankenspiel über die Conditio humana. Im nächsten Bild schon, und der für diese zuständige Patrick Orth versteht es, Köhlers Vision in ruhigen, dennoch kräftigen Aufnahmen umzusetzen, findet Armin auf der Autobahn einen Polizeiflitzer. Und wie er im Sportwagen hochtourig weiterrast, sich aus querstehendem Blechschrott einen Parcours bastelt, dessen computerspielartige Bewältigung der Zuschauer frontal durch die Windschutzscheibe mitverfolgt – da weiß man, der Mann hat verstanden, die Welt gehört ihm.

Bei der Großmutter: Ruth Bickelhaupt und Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Kirsi kommt an: Elena Radonicich und Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Und schon ist Armin ein postapokalyptischer Reiter, die Pferde findet er auf einem verwaisten Anhänger, ein moderner Adam, abgemagert, aber mit Taschenlampe. Mit einem gefundenen Gewehr über der Schulter, und für einen Städter erstaunlich praktisch veranlagt, beginnt er auf einem Bauernhof, wo er doch jedes Penthouse besetzen hätte können, seine Robinsonade. Hühner hüten, Ziege melken, Feld bestellen, es sich bequem machen in der Entvölkerung.

Auch wenn er, wie einst Defoes Crusoe, Rückschläge einzustecken hat, etwa wenn er halbverwilderte Schweine sieht und auf keines schießen kann und stattdessen lieber den mittlerweile zugewucherten Supermarkt plündert. Hans Löw vollführt nicht nur körperlich eine beachtliche Verwandlung. Er stattet den einstigen Zauderer und Zögerling nun mit einem Mut und einer Entschlossenheit aus, die den Überlebenstrieb als stärkste Macht des Menschen ausweist.

„In My Room“, betitelt nach einem Beach-Boys-Hit, ist keine Dystopie, sondern nicht zuletzt dank des Blicks von Patrick Orth gefilmte Poesie. „In My Room“ meint Lebensraum. Ein Sommermärchen, in dem es zum Glück noch Segnungen der Zivilisation wie E-Zigaretten und Bouteillenwein gibt. „There’s a world where I can go and tell my secrets to …“ Wie Löw im LKW-Scheinwerferlicht zu „Later Tonight“ von den Pet Shop Boys beinah Ballett tanzt ist wirklich klasse. Der von so vielen Kleingemachte plötzlich ganz groß.

Dann – ein angstvoller Sehnsuchtsblick – die Frau. Elena Radonicich kommt als Kirsi, und die hat kein Problem damit, einem Huhn den Kopf abzuschlagen oder Rehe zu jagen. Während der Mann nie aufhört, zu tüfteln und zu erfinden. Das ist doch mal was, wie Ulrich Köhler insofern das Rollenverständnis seit der Steinzeit verändert. Doch der Mann will Kinder, die Frau nur mit Kondom, Kirsi will weiter nach Süden, Armin bleiben, wo er sich seinen Begriff von Heimat erarbeitet hat … Und wenn „In My Room“ auch ein Film über dieses immer wahlloser abgenutzte Wort sein will, so sagt er etwas darüber aus, wie unbändig frei man in ihr sein – oder welche selbstgezimmerten Grenzen man sich setzen kann.

www.in-my-room.de

  1. 12. 2018

Verliebt in meine Frau

November 19, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erotische Tagträume beim Abendessen

Die Kontrahenten beim ersten Kennenlernen: Daniel Auteuil, Sandrine Kiberlain, Adriana Ugarte und Gérard Depardieu. Bild: © Christine Tamalet

Dem deutschsprachigen Feuilleton hat diese Filmkomödie größtenteils nicht gefallen. Die Urteile sind vernichtend, im höflichsten Fall steht geschrieben, dass das Lustspiel „nur Kopfschütteln hinterlässt“, die gemeinste Kritik nennt es „ekelerregend“. Mag sein, dass diese Bekundungen mit der Sprachbarriere zu begründen sind. Sieht man „Verliebt in meine Frau/Amoureux de ma femme“ nämlich im französischen Original, amüsiert man sich prächtig.

Ab Freitag ist das in den Kinos zu prüfen, und auch in wessen Arme seine Gedankenreise den Antihelden eines desaströsen Abendessens schließlich führen wird. Ein Tipp: Der Filmtitel weist in die richtige Richtung.

Daniel Auteuil, Charakterdarsteller mit immer wieder Freude am Fröhlichen, hat bei „Verliebt in meine Frau“ die Regie übernommen, und sich selbst als einen der vier Protagonisten besetzt. Von Florian Zeller ist das Drehbuch, der Dramatiker hat dafür sein Theaterstück „L’envers du décor/Die Kehrseite der Medaille“ adaptiert. 2016 war dieses in einer Inszenierung von Alexandra Liedtke mit Sona MacDonald und Michael Dangl an den Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Der Inhalt: Daniel – Auteuil – lädt, als er auf der Straße zufällig seinen Freund Patrick trifft, diesen leichtfertig zum Diner ein. Samt Begleitung, und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn Patrick hat eine „Neue“, Emma, während seine Ex die Busenfreundin von Daniels Frau Isabelle ist.

Auteuil hat sich hochkarätige Unterstützung geholt. Sandrine Kiberlain spielt die Isabelle, Adriana Ugarte die Emma, und der großartige Gérard Depardieu in erster Linie sich selbst, den Feinschmecker, Weinkenner, Frauenliebhaber – den gutgelaunten, aufgeräumten Patrick. Emma, das sieht das Publikum, entpuppt sich als blutjunge, aparte, supersympathische Schönheit. Der Witz des Ganzen entsteht nun, weil jede Figur auf diese Frau seine eigenen Vorstellungen projiziert. Wunderbar, wie Isabelle beim ersten Anblick das Gesicht gefriert, wie sie, weil Emma und Patrick erst nicht sagen wollen, wo sie einander kennengelernt haben, Fantasien von ihr als Prostituierten in einer Bar hat.

Schlimmer noch trifft es Daniel, der sich vor seinen erotischen Tagträumen nicht retten kann. Während am Tisch Smalltalk über Spargel stattfindet, sieht er sich in poetischen Bildern mit Emma in Venedig, am Pool, beim Familienfest, weinend, während sie „Onkel Wanja“ spielt, tatsächlich steckt ganz viel Tschechow in der Szenerie, und am Ende und wegen dieser „Altherrenalbernheit“ der große Aufschrei der Rezensenten – sie sich nackt ausziehen. Ein Augenblick nur, bevor ihn sein Gestammel wieder in die Gegenwart des Esszimmers zurückholt, und Auteil gestaltet ihn anrührend und liebenswert, zwar vom Neid zerfressen, doch ist sein Daniel wahrlich alles andere als der ihm unterstellte triebgesteuerte Macho. Eher ein tragikomisches Opfer seiner Begierden.

Sandrine Kiberlain und Daniel Auteuil. Bild: © Christine Tamalet

Gérard Depardieu und Adriana Ugarte. Bild: © Christine Tamalet

Tatsächlich werden in „Verliebt in meine Frau“ alle Seiten verlacht. Die Männer für ihre Selbstverliebtheiten – Daniel hält sich für den „König der Verhandlungen“, wird aber bei jedem Ehekonflikt von seiner Frau an die Wand argumentiert – und ihre falschen Annahmen über das Wesen der Frau – Depardieu ist als Patrick wie ein selbstzufrieden schnurrender Kater, der in Emma glaubt einen Jungbrunnen gefunden zu haben -, Isabelle wegen ihrer Vorurteile und dem Konkurrenzdenken gegenüber dem eigenen Geschlecht. Florian Zeller verteilt sein ironisches Augenzwinkern gerecht unter seinen Midlife-Crislern, die einzige Unschuld ist Emma.

Noch dazu nimmt er das streng geschützte (Non-)Kommunikationssystem des Bildungsbürgertums aufs Korn, in dem aus Konvention kaum jemand je ausspricht, was er denkt, weshalb es eben zu Irrungen und Wirrungen kommen muss. Die Gastgeber tappen diesbezüglich in jedes Fettnäppchen, und wenn Depardieu mit Blick auf den nächsten Sommer das Dessert mit den Worten „Ich muss auf mein Gewicht achten, der Strand ist erbarmungslos“ ablehnt, dann sage einer, das sei nicht von der Art charmanter Koketterie, wie’s nur die Franzosen können.

Dass es in der zugegeben konventionell erzählten Story an Spannung nicht fehlt, liegt an Regisseur Auteils Kunstkniff, die Erzählebenen mehr und mehr ineinander greifen zu lassen. Immer raffinierter und undurchschaubarer wird, was real und was irreal ist, die Handlung springt zwischen Szenen und Zeiten, so dass man bald nicht mehr weiß, was passiert ist, passieren wird oder sich niemals ereignet. Am Schluss wird sich herausstellen, wer hier wen den ganzen Abend über manipuliert hat. Kein wirklich überraschendes Ende, aber ein beziehungstechnisch betrachtet wunderschönes.

www.facebook.com/VerliebtInMeineFrau

  1. 11. 2018

Theater in der Josefstadt: Der einsame Weg

November 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Klipp-Klapp-Tragödie mit drehbaren Türen

Ein Kommen und Gehen auf schmalem Gang: Therese Lohner, Marcus Bluhm, Alexander Absenger, Alma Hasun und Bernhard Schir. Bild: Astrid Knie

Vier hohe Türen, dahinter Fensterfronten, davor wie dazwischen ein enger Gang, den entlang die Darsteller im Wortsinn im Kreis gehen. Weil sich die Szenerie nach jeder Szene verschiebt. Was immer neue Perspektiven freigibt, immer neu gespiegelte Bilder einer in ihren selbstauferlegten Zwängen gefangenen Gesellschaft. Dieser Totentanz der drehbaren Türen ist die alles bestimmende Grundkonzeption von Mateja Koležniks Schnitzler-Interpretation am Theater in der Josefstadt:

„Der einsame Weg“. Von Anfang an ist klar, dass dieser hier auf kühl distanzierte Art abgeschritten werden wird. Keine Spur mehr von Schnitzlers Sehnsüchtlern, die durch dessen geschliffene Dialoge ihre psychischen Defekte schimmern lassen, das melancholische „Egoistenstück“ zum 90-minütigen Trauermarsch gekürzt. Dass Koležnik dem seelischen Stillstand ihrer Protagonisten die Bewegung der Bühne entgegensetzt, ist als Idee reizvoll, realiter mit der Zeit aber so spannend, wie die Beobachtung des Huhns auf dem Möbiusband.

Nun ist es nicht so, dass Koležnik für ihre radikalen Zugriffe nicht bekannt wäre. Auch weiß man, dass diese in der Regel in einer extremen Raumsituation stattfinden. Die slowenische Regisseurin räumt ihren Schauspielern so wenig Spielplatz wie möglich ein, ihr Kunstkniff, der dazu führt, dass die Figuren aufeinanderprallen müssen. Das hat im Vorjahr bei Ibsens „Wildente“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24871) im steilen Stiegenhaus ganz wunderbar funktioniert. Nun setzen die Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp erneut auf die bewährte taubengraublaue Optik, und aus der gleichen Farbpalette stammen auch die Kostüme von Alan Hranitelj – an denen sich unter anderem nicht erschließt, warum Felix‘ (Zwangs?-)Jacke hinten zu schließen ist -, man hat das alles also so oder so ähnlich bereits gesehen.

Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Bernhard Schir und Alma Hasun. Bild: Astrid Knie

Nur geht die angestrengt strenge Versuchsanordnung des Leading Teams diesmal nicht auf. Wenig bis gar nichts erfährt man über den fehlenden inneren Frieden der Figuren, von deren Selbstverliebt- und Verrücktheiten, über vergebene Lebenschancen und vergebliche Hoffnungen, Schuld und versuchte Sühne, und dass hier das Sterben als Thema über den Dingen schwebt, darf man sich bestenfalls dazu denken. Koležnik bedient sich einer Künstlichkeit, die einen nur schwer ins Stück lässt. Wo kompakt auch komplex bedeuten hätte können, wo etwa ein Belauschen und Belauern hinter den – so sie schon vorhanden sind – Türen möglich gewesen wäre, gibt sich Koležnik als Erfinderin der Klipp-Klapp-Tragödie. Die Verwendung von Mikroports und die gelegentlich knisternden Soundeffekte von Nikolaj Efendi sorgen für zusätzliche Verfälschung, Stimmen kommen aus dem Off oder als beiläufiges Beiseitereden zu bereits abwesenden Bühnenpartnern.

Diese Spielart kommt den Josefstädtern nicht zupass. Sie gestalten die Schnitzler’schen Charaktere seltsam blutleer, sind, statt diese aus Gründen der Konvention unterdrückend, einfach nur emotionslos, spröde, wo die Sprache schneidend, tief- und hintergründig sein sollte. Koležniks mangelnde Differenzierung ihrer Wachs-Figuren hinterlässt am Ende den Eindruck, diese würden ineinander verlaufen. Nicht nur was die Farbauswahl betrifft, verläuft der Abend ergo eintönig. Marcus Bluhm ist ein erstarrter Wegrat, Ulrich Reinthaller kämpft sich als Fichtner durch dessen mangelnde Sympathiewerte, Bernhard Schir nimmt man den todkranken Sala schlicht nicht ab, Peter Scholz als Doktor Reumann und Alexander Absenger als Felix finden genaugenommen gar nicht erst statt. Egal, was diese Einsamen auf ihrem Weg zittern, zögern, zagen und zetern, es hinterlässt einen ungerührt.

Alexander Absenger, Bernhard Schir, Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Am Schlimmsten treffen die Striche die Frauenfiguren: Therese Lohner als schnell hinscheidende Gabriele, Alma Hasun als Johanna und Maria Köstlinger als Irene Herms – sie alle bleiben blass. Hasun, die die ganze Aufführung über mit rätselhaften Tür auf-Tür zu-Ritualen beschäftigt ist, beschließt schließlich als Wasserleiche mit einem anklagenden, in dieser Inszenierung unverständlich pathetischen Über-die-Schulter-Blick ins Publikum das gar nicht tolle Treiben.

Dieser „Einsame Weg“ ist nicht das Beste, das man von Mateja Koležnik bisher sehen durfte, dennoch gab es freundlichen Premierenapplaus. Man wird einander bald wieder begegnen, im Sommer in Salzburg bei Gorkis „Sommergäste“ und mutmaßlich kommende Saison am Burgtheater.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Dtmxz3Mtreo

www.josefstadt.org

  1. 11. 2018