Theater in der Josefstadt: Jacobowsky und der Oberst

April 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einem Lachen den Leidensweg entlang

Je länger die Flucht, je größer die Verzweiflung: Johannes Silberschneider, Matthias Franz Stein, Herbert Föttinger und Pauline Knof. Bild: Sepp Gallauer

Die Bühne ist so dunkel, wie die Aussichten duster. Im Pariser Hotel „Mon Repos et de la Rose“, dieses wegen nächtlicher Flugangriffe der Nazis in Finsternis getaucht, lernen einander der jüdische Kaufmann Jacobowsky und der polnische Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky kennen. Man wird zur Schicksals- gemeinschaft, weil ersterer ein Fluchtauto kaufen, das zweiterer fahren kann – zumindest sährrr gut geradeaus. Beide wollen zu den Schiffen, die an der Atlantikküste ablegen.

Der eine, um dem Konzentrationslager zu entgehen, der andere, weil er seiner Exilregierung in London wichtige Papiere zu überbringen hat. Doch da die Charaktere unterschiedlicher kaum sein könnten, wird die Stimmung während der Reise zunehmend angespannter. Aus diesem Umstand bezieht Franz Werfels von ihm so genannte Komödie einer Tragödie „Jacobowsky und der Oberst“, 1941/42 im amerikanischen Exil verfasst und eine Verarbeitung eigener Fluchterlebnisse, sowie derer des polnischen Bankiers Jakobowicz, ihren Witz. Am Theater in der Josefstadt hat nun Janusz Kica das Stück inszeniert, schnörkellos, ganz auf die Kraft des Textes und der grandiosen Darsteller setzend, wobei er die Figur Jacobowsky zusätzlich von ihrem allegorischen Charakter befreit. Der in allen Aspekten geglückte Abend ist ein weiterer starker Beitrag zum Spielzeitmotto des Hauses: „Flucht und Heimatlosigkeit“.

Johannes Silberschneider und Herbert Föttinger gestalten das Gegensatzpaar. Silberschneider füllt seine Rolle mit jener verschmitzten Ironie, die einem das Lachen entlang ihres Leidenswegs erst ermöglicht. Jacobowsky hat gelernt, dem Schrecken mit Galgenhumor zu begegnen, also macht Silberschneider Werfels überidealisiertes Geschöpf zum menschlichen Wesen, durch die Art, wie er deren Aperçus in höchster Abgeklärtheit zum besten gibt. Man glaubt diesem lebenslang Vertriebenen, der sich zwischen weltlichem Zweckoptimismus und biblischem Todesrealismus eingerichtet hat, dass er, wie er sagt, will, dass sich alle wohlfühlen, damit er sich selber wohlfühlen kann. Jacobowskys Leitsatz von den stets vorhandenen zwei Möglichkeiten, ist gleichsam das Motto des Stücks, und Silberschneider spielt ihn als feinsinnigen, überlegten Logiker, der es mit Finesse versteht, sogar der Wehrmacht einen Kanister Benzin abzuluchsen.

Dass so einer vom entfesselten Temperament Stjerbinskys gefordert ist, versteht sich. Herbert Föttinger ist als Silberschneiders Antagonist ein kongenialer Widerpart, zunächst eitler Haudegen und charmanter Womanizer, der für jede Dame „in der Kathedrale seines Herzens“ eine Kerze brennen hat, latent antisemitisch und ein arroganter Anschaffer. Föttinger zieht als grantiger, auf Jacobowsky immer eifersüchtigerer Offizier alle Komödienregister, sein polnischer Kunstakzent trägt zum Gaudium bei, doch während Stjerbinsky erst noch wehleidig jammert sährrr schwärmüttig zu sein, gibt Föttinger der Figur mehr und mehr Kontur, als Stjerbinsky tatsächlich am Verlust seines Status und seiner Uniform, muss er sich doch als Zivilist tarnen, zu kranken beginnt. Dieser Stjerbinsky berührt in seinem seelischen Abstieg so, dass Föttinger am Ende dessen Katharsis plausibel vermitteln kann.

Matthias Franz Stein und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Herbert Föttinger und Johannes Silberschneider. Bild: Sepp Gallauer

So wie zwischen Silberschneider und Föttinger die Pointen sitzen, so verstehen auch Matthias Franz Stein als Szabuniewicz und Pauline Knof als des Obersts Geliebte Marianne diese zu setzen. Stein gelingt als ergebenem Pfeifendeckel perfekte Sidekick-Komik. Dass er sich auf der Flucht „nur keine Weiber“ wünscht, ist allerdings zwecklos, holt sein Befehlshaber doch auf der Fahrt zum Meer seine Liebste Marianne ab, und Pauline Knof ist ganz wunderbar als lieblich-naive Tagträumerin, bevor sie ihre Marianne zur einzig noch handlungsfähigen Person entwickelt. Je verzagter Jacobowsky wird, je schwächer der Oberst, umso stärker sie.

Nicht umsonst hat Werfel für sie den Namen der Nationalfigur der Franzosen gewählt, und so ist es nur folgerichtig, dass Knofs Marianne das Schlussbild gehört, in dem sie sich, schwarz gekleidet und mit Pistole im Anschlag, als Mitglied der Résistance ausgibt. Kica gelingen großartige Szenen, komisch, wenn sich Marianne und Stjerbinsky beim Wiedersehen ein hochtheatralisches Drama liefern, das Jacobowsky ob des lebensgefährlichen Zeitverlusts fassungslos kommentiert, tragisch, wenn der Oberst wegen einer Gestapo-Kontrolle zum Geisteskranken mutieren muss, den die „Gattin“ mithilfe des Aushilfsirrenwärters Szabuniewicz in die nächste Klinik zu bringen gedenkt. Auch diese Farce natürlich ein Trick, der Jacobowsky eingefallen ist.

Wie Janusz Kica mit Silberschneider, Föttinger, Knof und Stein detailreiche Charakterstudien erarbeitet hat, so tat er das ebenso in den zwei Dutzend Miniaturen. Wie es ein Markenzeichen des Ensembletheaters Josefstadt ist, ist die Produktion durchwegs luxuriös besetzt: mit Ulli Maier als resoluter Hotel-Chefin Madame Bouffier, Alma Hasun als leidenschaftlicher „leichter Person“ oder Gerhard Kasal als gutgläubigem deutschen Oberleutnant. Alexander Absenger ist als zynischer „tragischer Herr“ zu sehen, Johannes Seilern als sich unantastbar glaubender Membre de l’Académie Française, Siegfried Walther als um Ruhe bemühter Wirt Clairon, Therese Lohner als unnachgiebiges Mädchen Mariannes, Ginette, Patrick Seletzky als grausamer Gestapo-Mann.

Ulli Fessls „alte Dame aus Arras“ wird nicht umsonst ein „Kraftwerk an Panik“ genannt, Ulrich Reinthaller überzeugt als zwiespältiger britischer Agent, Michael Schönborn als Flic, der erst nach Dienstschluss mitfühlend werden darf. Ihnen allen bietet die Aufführung dank Kicas kluger Regie einiges an Entfaltungsmöglichkeit. Kica zeigt all das ohne krampfhaften Dreh ins Heute, sind Werfels Themen von Zukunft, die aus Zusammenhalt entsteht, und Vertrauen, das alle Feindseligkeiten überwindet, doch ohnedies zeitlos. Dass sich ohne viel geistigen Aufwand dennoch Assoziationen zur Gegenwart herstellen lassen, liest sich auch in einem Text Georg Stefan Trollers im Programmheft. Wenn der Autor dort über den Emigranten als, von den Staaten, in die er flieht, „Illegalen“, „Störfaktor“, „Parasiten“ gesehenen schreibt, kann man nicht anders, als an ein Österreich zu denken, dass es seit Kurzem wieder gibt.

Video: www.youtube.com/watch?v=nnlEZf2lC7g          www.josefstadt.org

  1. 4. 2019

Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Leopold Museum: Wien 1900. Aufbruch in die Moderne

März 12, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Stimmungsimpressionismus zur Neuen Sachlichkeit

Gustav Klimt: Tod und Leben, 1910/11, umg. 1915/16. © Leopold Museum, Wien, Inv. 630

Ab 16. März zeigt das Leopold Museum die umfassende, sich über drei Ebenen erstreckende Ausstellung „Wien 1900. Aufbruch in die Moderne“, und damit den Glanz und die Fülle künstlerischer und geistiger Errungenschaften einer Epoche, die geprägt war vom Aufbruch der Secessionisten bis hin zum Untergang der Monarchie und dem Tod herausragender Künstler der Wiener Moderne wie Gustav Klimt, Egon Schiele, Koloman Moser oder Otto Wagner im Jahr 1918. Die Neupräsentation zeigt nicht nur Meisterwerke aus der Sammlung des Leopold Museum.

Sondern ermöglicht es – mit nationalen und internationalen Dauerleihgaben – das Fluidum jener pulsierenden Zeit mit all ihren Gegensätzlichkeiten darzustellen. Die Donaumetropole war gleichermaßen die Stadt des Hochadels und der liberalen Intellektuellen, der prachtvollen Ringstraße und endloser Armenviertel, des Antisemitismus und des Zionismus, des starren Konservatismus und der einsetzenden Moderne. Glanz und Elend, Traum und Wirklichkeit, Selbstauflösung und Aufbruch bezeichnen den ästhetischen Pluralismus und markieren das Wien jener Zeit als Versuchsstation oder Ideenlaboratorium und also als zentralen Motor einer turbulenten Erneuerungsbewegung.

In diesem heterogenen Milieu – Arnold Schönberg sprach von der „Emanzipation der Dissonanz“ – fand jene einzigartige Verdichtung an Kulturleistungen statt, die heute von Wien um 1900 als einem Quellgrund der Moderne sprechen lassen. Dieser Aufbruch fand in den unterschiedlichsten Disziplinen statt, von der Malerei und den grafischen Künsten, über Literatur, Musik, Theater, Tanz und Architektur bis hin zu Medizin, Psychologie, Philosophie, Rechtslehre und Ökonomie.

Otto Rudolf Schatz: Die Hoffnung, 1930. © Leopold Privatsammlung

Egon Schiele: Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung), 1910. © Leopold Museum, Wien, Inv. 465

Nach einer Ouvertüre zur Makart-Zeit und zu den Ausformungen des Realismus und Stimmungsimpressionismus österreichischer Provenienz, stehen in der Präsentation die innovativen Leistungen der Secessionisten Gustav Klimt, Koloman Moser, Carl Moll und die Idee des Gesamtkunstwerkes, welches – nicht zuletzt durch die angewandte Kunst – die Durchdringung aller Lebensbereiche durch Kunst ermöglichte – im zentralen Fokus der vierten Ausstellungsebene. In der dritten Etage wird die Überwindung der Stilkunst durch die Vertreter des österreichischen Expressionismus Richard Gerstl, Oskar Kokoschka, Egon Schiele gezeigt.

Die Tendenzen der Selbstauflösung im Politischen, Gesellschaftlichen und vor allem im Individuellen konnten die malerischen Seelenforscher des Expressionismus nicht mehr negieren und schlugen einen radikal anderen Weg ein. Den Schlussakkord der Schau setzen im Erdgeschoß die facettenreichen künstlerischen Ausformungen, die zwischen dem abstrahierend- expressionistischem Stil von Anton Kolig, Herbert Boeckl und Marie-Louise von Motesiczky und den Positionen der Neuen Sachlichkeit von Rudolf Wacker, Otto Rudolf Schatz oder einer Greta Freist oszillieren.

www.leopoldmuseum.org

12. 3. 2019

Volkstheater/Bezirke: Der Raub der Sabinerinnen

Februar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Hymnus auf die Schmiere

Eleonora Striese lässt sich beim Regieführen verführen: Doris Weiner mit Katrin Grumeth und Günther Wiederschwinger. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Was Katharina Thalbach vor ein paar Jahren in Deutschland mit Verve gelang, nämlich Theaterdirektor Striese nebst Gattin darzustellen, mit dieser Kunst beeindruckt nun auch Doris Weiner bei der Bezirke-Tournee des Volkstheaters. Dass die Leiterin ebendieser in Lukas Holzhausens Inszenierung von „Der Raub der Sabinerinnen“ ein Stück weit auch sich selbst spielt, vergrößert den Spaß an der Persiflage nur noch – ein geplagter Prinzipal in Geldnöten.

Der um schauspielerische Bravourleistungen und mit schwindendem Publikum ringt, auf der Suche nach jenem Stoff, der endlich das Zeug zum Kassenschlager hat. Im 1885er-Schwank der österreichischen Dramatikerbrüder Franz und Paul von Schönthan glaubt der Wandertruppen-Intendant Emanuel Striese diesen im Werk des Kleinstadt-Professors Gollwitz gefunden zu haben, der seinerseits seine schriftstellerischen Ambitionen vor Frau und Familie zu verheimlichen sucht. Allein, die bildungsbürgerlichen Ansprüche der Schulmeistertragödie lassen sich mit der effekthascherischen Aufführungspraxis des Striese-Ensembles nicht vereinbaren. Doch während alles auf ein Desaster zuläuft, der Gollwitz-Clan aufs Heftigste zerstritten ist, hat Frau Striese die rettende Idee. Die, in der von Anja Herden überschriebenen Textfassung, Doris Weiner einen weiteren großartigen Auftritt sichert.

Nicht nur ist ihr als Emanuel der große Striese-Monolog im zweiten Akt gegönnt, dieser Hymnus auf die Schmiere – „Mein Herr, wissen Sie überhaupt, was eine Schmiere ist? Das ist ein Plätzchen, wo auf wenigen Quadratmetern mehr Hingebung verlangt und gegeben wird, als Sie es sich in ihrem bürgerlichen Hochmut vorstellen können!“ -, sondern als Eleonora in einer Art Zwischenspiel auch eine Probenszene, in der die Direktorengattin die Kollegen vergnüglich fest an die Kandare nimmt. Die zierliche Weiner mal mit geklebtem Bärtchen als künstlerisches Leichtgewicht, mal mit langem Haar als durchsetzungsfreudige, sexy Frau zu erleben, das hat schon was.

David Oberkogler als kulturaffine Haushälterin Rosa. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Doris Weiner als Theaterdirektor Emanuel Striese. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die Idee der Doppelbesetzung jedenfalls scheint es Regisseur Holzhausen derart angetan zu haben, dass er sie gleich auf den Großteil seiner Schauspieler ausdehnte. Am besten weiß diese Gelegenheiten David Oberkogler zu nutzen, der als Gollwitz-Schwiegersohn Leopold ebenfalls seine Geheimnisse hat, vor allem aber mit seinem komödiantischen Kabinettstück als Haushälterin Rosa überzeugt – Gollwitz‘ theaterbesessene Co-Autorin, jedenfalls sieht sie sich selber so, die im Moment, als der Reinfall droht, zum österreichisch-opportunistischen Kulturwendehals wird. Witzig, wenn Oberkogler seine Verwandlung durch ein nicht runtergerolltes Hosenbein oder eine zu spät aufgesetzte Perücke durchblitzen lässt.

Karin Grumeth spielt Leopolds enervierende Frau Marianne sowie deren jüngere und mit dem Vater verbündete Schwester Paula, Günther Wiederschwinger Vater und Sohn Groß, erster ein ernsthafter Spediteur, zweiter verbotenerweise zum fahrenden Volk übergelaufen – und nun schwerst in Paula verliebt. Michael Abendroth brilliert als verpeilter Professor Gollwitz, dessen verknöpfte Weste schon vieles über den Charakter sagt, der als Idealist gegen Theaterpraktiker ankämpfen muss, und der aus Nervosität über seinen wahrscheinlichen Misserfolg mehr und mehr aus der Fasson gerät. Bettina Ernst wechselt als Ehefrau Friederike von der Kleingeistigen zur – in virtuos gespieltem angetrunkenem Zustand – alles Verzeihenden. Dass das Travestiespiel in hohem Tempo ablaufen kann, ermöglichen die Kostüme von Valentina Mercedes Obergantschnig und das fürs Klipp-Klapp bestens geeignete Holzschachtel-Bühnenbild von Sofia Korcinskaja.

Kampf der Geschlechter im Hause Gollwitz: David Oberkogler, Michael Abendroth, Katrin Grumeth und Bettina Ernst. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Und so gewährt Doris Weiner als sächselnder Striese einen höchst unterhaltsamen, satirischen Schlüssellockblick auf die Bretter, die ihr mit Sicherheit die Welt bedeuten, ja, man erlebt mit ihr, wie Bühnenzauber aus dem Fast-Nichts entsteht. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist eine gelungene Produktion für das Volkstheater in den Bezirken, wo die wunderbare Weiner seit nun schon 14 Jahren Unterhaltung mit Haltung zeigt.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2019

Theater in der Josefstadt: Glaube und Heimat

Februar 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sonntagsstaat unterm Herrgottswinkel

Die Heimatvertriebenen machen sich auf den Weg: Trommler Kyrre Kvam mit Ensemble, re.: Claudius von Stolzmann als Reiter des Kaisers. Bild: Moritz Schell

Spätestens, wenn Hausherr Herbert Föttinger im Anschluss an die gestrige Premiere Karl Schönherrs Stück „Glaube und Heimat“ als Teil des Flüchtlings- und Vertriebenenzyklus ausstellt, der diese Saison das Theater in der Josefstadt prägt, ist klar, warum er’s auf den Spielplan gesetzt hat. In ideologisch aufgeheizten Zeiten ist es eine der Erwägung werte Wahl, um einen Riss zu zeigen, der auch gegenwärtig durch die Gesellschaft geht, politische Bigotterie und einen religiösen Fanatismus.

Die hier, im 1910 uraufgeführten Werk, das von der Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 unter Ferdinand dem Gütigen angeregt war, ihre blutigen Schwerter übers Christentum schwingen. Allein, der Krieg um Glaubenssätze wird seit jeher für verschiedenste „Götter“ geführt. Schönherr selbst fiel jenen anheim, die Österreich „heim ins Reich“ holten, er ließ sich von ihnen für sein „blutechtes, bodenständiges Schaffen“ preisen und dichtete im April 1938 darob „Nun sind wir wieder ein gewaltiges Land …“ Vom Rechtgläubigen zum Rechtsgläubigen, was eine Nachfrage nach dem Anteil von Blut und Boden in Schönherrs Schaffen zumindest möglich machen würde. Regisseurin Stephanie Mohr hat indes gar keine gestellt, hat sozusagen interpretationsfrei und vom Blatt inszeniert, hat die Krone der Deutungshoheit von sich gewiesen und lässt somit sowohl ihr 18-köpfiges Ensemble als auch das Publikum auf der Suche nach Bedeutung allein. Derart versucht der Streit Scholle gegen Seele anno 2019 verzweifelt zu zünden.

Noch herrscht Übermut im Hause Rott: Raphael von Bargen, Swintha Gersthofer und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Die Sandperger unterm Herrgottswinkel: Roman Schmelzer und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Mohrs Arbeit ist wie ein Egger-Lienz, expressiv, kantig, wie beim Volksmaler monumentale Szenen und reduzierte Bilder nicht im Widerspruch zueinander – und doch letztlich gestrig. Das Bühnenbild von Miriam Busch und die Kostüme von Alfred Mayerhofer tragen wesentlich zu diesem Eindruck bei: Wände, die die Bühne per Drehkreuz in vier Räume teilen, Bauernstuben mit Herrgottswinkel, Kruzifix, gestickter Heilsspruch und Madonnenbild, einmal sonnenhell tapeziert, einmal schwarz wie die Hölle, jeweils zwei Treppen, die ins Nirgendwo führen. Dazu sind die Darsteller in eine Art großbäuerlichen Sonntagsstaat gekleidet, enteignet werden kann nur, wer was hat, will das wohl sagen, wenn über aussteuervolle Truhen und besten Milchkühe verhandelt wird.

Was die Schauspieler allesamt ausdrucksstark und kraftvoll tun – allerdings mehr als Allegorien denn als wahrhafte Menschen: Raphael von Bargen, dem man den aufrechten, unbeirrbaren Christen Christoph Rott in jeder Sekunde glaubt, Silvia Meisterle, als hartleibige und doch herzensgute Rottin, so brillant wie nie, Michael König als moribunder Alt-Rott, der zwischen Katholizismus und Protestantismus schwankt, weil er im Grunde nur wünscht, in der Heimaterde und nicht auf dem Schindanger begraben zu werden, Swintha Gersthofer als unbändiger Spatz, der lieber in den Tod geht, als sich biegen und brechen zu lassen. Dies vor hat Claudius von Stolzmann als apokalyptischer Reiter des Kaisers, die in ihrer Ambivalenz wohl beste Rolle, hin und her gerissen zwischen blindwütiger Ausführung seiner Aufgabe und doch so etwas wie Anteilnahme für die Ausgestoßenen.

Nur mit einer Figur, einer von ihr dazu erfundenen, bricht Mohr ihre schwarzweiße Welt. Musiker Kyrre Kvam zeigt als Trommler eine clownsgesichtige Spukgestalt, die den Auszug der Landbewohner mit von ihm vertonten Texten von Andreas Gryphius und Rainer Maria Rilke begleitet. Es ist genau diese surreale Verfremdung, es kommt noch eine, in der die Bäuerinnen und Bauern wie im Totentanz reihum „Es kommt kein Trost“ ins finstere Zimmer schreiben, deren Häufung der Aufführung gutgetan hätte, um den Schönherr-Ton abzumildern und das in einen Kunstdialekt übertragene Tirolerisch zu konterkarieren. Stattdessen lässt Mohr, als der Bader, Oliver Huether, dem wassersüchtigen Alt-Rott Erleichterung verschafft, hörbar die Flüssigkeit aus dessen Bauch gluckern.

Rott schwört auf den neuen Glauben: Raphael von Bargen mit Claudius von Stolzmann, Michael König, Roman Schmelzer, Silvia Meisterle und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Eine letzte Auseinandersetzung mit dem Reiter des Kaisers: Raphael von Bargen, Claudius von Stolzmann und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Aus der Vielzahl der Charaktere stechen außerdem hervor: Gerhard Kasal als heimgekehrter Bruder Peter Rott, Roman Schmelzer als Sandperger zu Leithen ganz großartig vom Wahnsinn umzingelt und Nikolaus Barton als gieriger Englbauer in der Au, der die Höfe der Entrechteten für einen Spott aufkauft – auch dies geeignet gewesen für zeitgeschichtliche Gleichnisse. Elfriede Schüsseleder und Alexandra Krismer gestalten mit der Mutter der Rottin und der Sandpergerin zwei starke Frauenfiguren, wobei zweitere auch nach ihrer Ermordung durch den Reiter auf der Szene bleiben darf, während erste retten will, was nicht mehr zu retten ist. Lukas Spisser gibt einen zynischen Gerichtsschreiber, Michael Schönborn den mitfühlenden Schuster.

Ljubiša Lupo Grujčić und Susanna Wiegand sind als Kesselflicker-Wolf und Straßentrapperl die Synonyme dafür, wie unsolidarisch sich Mensch sogar dann verhalten, wenn’s ihnen selber zwar an den Kragen geht, sie einen anderen aber als noch „minderwertiger“ betrachten können, zumal der Wolf und das Trapperl die Katastrophe der anderen als ihr Glück verbuchen, nämlich durch die Wanderpapiere des Gerichtsschreibers endlich „richtige Leut‘“ zu werden. Eine Hackordnung unter Verfolgten, der mehr Aufmerksamkeit zu gönnen gewesen wäre. Dass die beiden ein Plastiksackerl und eine Zwei-Liter-Cola-Flasche mit sich tragen, ist allein noch kein Aktualitätsbezug. Zu den Konfliklinien der Gegenwart merke: Ein „Toleranzpatent“ ist kein Garantieschein für Aufgeschlossenheit, vor allem nicht für jene, die ständig wissen lassen, dass ihre Grenzen der Duldsamkeit des „Fremden“ ohnedies längst überschritten sind.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=sLApWOnB3xY

www.josefstadt.org

  1. 2. 2019