Academy Awards Streaming: One Night in Miami

April 14, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Regina Kings Regiedebüt ist nominiert für drei Oscars

Kingsley Ben-Adir als Malcolm X, Aldis Hodge als Jim Brown, Eli Goree als Cassius Clay und Leslie Odom Jr. als Sam Cooke. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Für ihren ersten Kinospielfilm vereint Regisseurin Regina King vier Männer, die im Kampf gegen Rassismus in den USA Geschichte machten: die Boxlegende Cassius Clay aka Muhammad Ali, Bürgerrechtskämpfer und lange Zeit Nation-of-Islam-Frontman Malcolm X, NFL-Superstar Jim Brown und „Father of Soul“ Sam Cooke. Nach 57 Auszeichnungen und 177 Nominierungen empfiehlt sich das ins Programm von Amazon Prime Video aufgenommene Drama

„One Night in Miami“ jetzt auch für die Oscars. Nominiert sind Dramatiker Kemp Powers für das Beste adaptierte Drehbuch – nach seinem 2013 uraufgeführten Theaterstück, Leslie Odom Jr. für seine Verkörperung des Sam Cooke als Bester Nebendarsteller und Leslie Odom Jr. gemeinsam mit Sam Ashworth für den Besten Filmsong – „Speak Now“, der im Abspann zu hören ist. Hier noch einmal die Kritik vom Jänner:

Die Nacht, in der aus Cassius Clay Muhammad Ali wurde

Vier Afroamerikaner eines Nachts in einem spärlich möblierten Zimmer des Hampton House Motels in Miami, no Sex, no Drugs, no Rock’n’Roll, nur wie zum Hohn eine Packung Vanilleeis im Eiskasten. Eine Enttäuschung für Cassius Clay, der eben im Miami Beach Convention Center – unter Buhrufen einerseits und „I shook up the world!“ und „I am the greatest!“-Skandieren seinerseits – durch einen unerwarteten Sieg über Sonny Liston neuer Schwergewichts-Box-Weltmeister geworden ist.

Frustrierend für Sam Cooke, dessen Show im New Yorker Nachtclub Copacabana das ressentimentgeladene weiße Publikum erst kürzlich fluchtartig verließ, was den sonst so souveränen Soulisten derart aus der Fassung brachte, dass er über den Mikroständer stolperte …

Ein neuerlicher Dämpfer für Jim Brown, dessen Ausflug zu seinem Sponsor Mr. Carlton in Georgia, ganz kurz und sehr jovial: Beau Bridges, damit endete, dass dieser trotz des Lobs über seines Schützlings sportliche Erfolge und der Zusicherung jeder Art von Kooperation erklärte: „Du weißt ja, wir lassen keine Neger ins Haus“. Dies mit einer Selbstverständlichkeit, als handle es sich um eine Hausregel wie Schuhe ausziehen, die Rassentrennung so verinnerlicht, dass sie Carlton selbst gar nicht negativ auffiel. Ruhm, Repräsentationspolitik und Rassendiskriminierung, es nimmt einem den Atem …

Die frugale Feier ausgerichtet hat Malcolm X, der die Freunde zum Gespräch, zum Nachdenken, nicht zu einem Gelage einladen will, und – da hatte er sich bereits mit Nation-Leader Elijah Muhammad wegen Vorwürfen der Bereicherung, Sexaffären, der Korruption und eines „Lifestyles wie ein Pharao“ überworfen – der mit Champ Cassius weiterführende Pläne hat.

Die Nacht ist die des 25. Februars 1964, und das Treffen der vier tatsächlichen Freunde gab es wirklich, was allerdings gesprochen wurde, da beginnt die Fiktion. Der afroamerikanische Dramatiker Kemp Powers imaginierte die Gespräche für sein 2013 uraufgeführtes Theaterstück „One Night in Miami“. Für Filmregisseurin Regina King hat er seine „Momentaufnahme eines entscheidenden Augenblicks in der afroamerikanischen Geschichte mit weitreichenden Auswirkungen auf die Gesellschaft“ [© Zitat Powers] nun als Drehbuch adaptiert. Nach Corona-bedingt abgebrochenem Kinostart wurde das Drama ins Programm von Amazon Prime Video aufgenommen.

Was Regina King und Kamerafrau Tami Reiker mit dem scharfsinnigen Drehbuch gemacht haben, in dem sich alles um die Frage: das System unterwandern und von seinem Zentrum aus oder in der offenen Konfrontation bekämpfen?, ist auch dank der beiden visuellem Selbstvertrauen ein kluges und vielschichtiges Kammerspiel. Von Rückblenden zum Boxring, von mondänen Miami-Bildern zum Molotowcocktail. King weiß, was sie will, wenn sie ihre Protagonisten beim funzeligen Licht der schäbig-braunen Bude zusammenbringt: Sie will sie reden lassen und dass man ihnen zuhört, ihnen zuschaut, wie sie einander anblicken, wie sie aufeinander reagieren.

Sie will die Komplexität dieser „schwarzen Berühmtheiten“, die alle am Scheideweg ihres Lebens und ihrer Karrieren stehen, in ihrem gedanklichen Tiefgang, manche auch am Tiefpunkt zeigen. Ihre Innenperspektive auf die „schwarze Identität“, ihre illusionslose Sicht auf die persönliche und der anderen Situation und ihre Zweifel an den eigenen und der anderen Möglichkeiten. Ihre Unterschiede und Differenzen, ihre Sexyness, ihren Stolz, ihre Streitereien, ihre Ahnung vom gesellschaftspolitischen Gewicht, das ihnen bisweilen zukommt – und eine beinah prophetische Traurigkeit übers Scheitern und – den Tod.

Regina King und Eli Goree bei den Dreharbeiten. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Sam Cookes Show im Copacabana geht schief: Leslie Odom Jr. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Jim Brown machen die Streitereien immer ärgerlicher: Aldis Hodge. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Malcolm X hat eine Vorahnung seines Todes: Kingsley Ben-Adir. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Auf die eine oder andere Weise ist jedem der vier klar, dass sie lediglich die Clowns, die Spaßmacher, die Entertainer des weißen Publikums sind, geduldet nur so lange ihre Performance passt; und Ironie des Schicksals ist, dass Sam Cooke, der sich hier mit Malcolm X in der Causa Sich-den-Weißen-Andienen am heftigsten in die Haare kriegt, ein Jahr vor dem Aktivisten ermordet wurde. 1964 im Hacinda Motel in Los Angeles, von dessen Managerin unter bis heute ungeklärten Umständen, Malcolm X 1965 während eines Vortrags in New York, erschossen von drei Attentätern wegen seiner Kritik an Elijah Muhammad.

Noch aber ist alles eitel Wonne. Man sieht Malcolm X mit „Bruder“ Cassius beim Gebet, ein kleines Störgeräusch sind vor der Tür die beiden Leibwächter, Christian Magby als gutgelaunter Autogrammjäger Jamaal und Lance Reddick als gestrenger Gott-ist-groß-Bruder Kareem X. Dass die Investoren sauer sind, weil sich der Champ den „Demagogen“ zur spirituellen Unterstützung geholt hat, kann die Harmonie nicht trüben. Jimmy, eingesetzt als Co-Kommentator am Ring, wird bald zu Cassius Sparringpartner in Sachen Großmäuligkeit werden, Sam zum Entsetzen Malcolms den Flachmann aus dem Gitarrenkoffer zaubern.

Es amüsieren sich vier Charaktere, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch Buddies for Life sind, das lockere Mundwerk, der Tonfall zwischen ihnen ist entsprechend humorvoll hänselnd. „Nur weil ich ,militant‘ bin, heißt das nicht, dass ich nicht weiß, wie man sich’s gutgehen lässt“, feixt Malcolm unter Gelächter übers entdeckte Vanilleeis. Als Cassius Clay, dem „kein Rassist was anhaben kann, weil ich ein Sieger bin“, Brown foppt, warum er der Nation nicht beitrete, wehrt der ab mit: „Kennst du die Schweinekoteletts meiner Groß- mutter?“ Vom Feinsten auch Cookes Spruch: „Alle wollen ein Stück vom Kuchen, ich nicht, ich will das Rezept.“

Doch spätestens als Malcolm ausgerechnet den NFL-Runningback angreift, der den subtilen Football-Rassismus stets mit sprödem Wesen, schnoddrigem Charakter und brutaler Aufrichtigkeit kontert, weil Jim jüngst auf Filmschauspieler macht, wo er doch nur die „schwachen Opfer“ zu spielen bekäme, kippt die Stimmung.

Regina King, selbst Schauspielerin und Oscar-prämiert für ihre Rolle der Sharon Rivers in James Baldwins „Beale Street“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32324), versteht es, jedem Einzelnen in ihrem Ensemble den benötigten Raum zu geben, damit er Kontur gewinnen kann, um Konflikte und Zusammenhalt, Rivalität und verbindende Ideen, Wut und Verletzlichkeit sichtbar werden zu lassen. Dynamik entsteht in diesem Setting einzig durch die hitzigen Debatten.

King inszeniert mit flirrend emotionalem Flair; die vier Darsteller verleihen dem Film eine sagenhafte Authentizität: Eli Goree als Cassius Clay, Kingsley Ben-Adir als Malcolm X, Aldis Hodge als Jim Brown und Leslie Odom Jr. als Sam Cooke sind sensationell in ihren Rollen, sie eignen sich die Psyche der jeweiligen Leitfigur, der Vorreiter und Vorbilder an, der sarkastische Sam, das übermütige „Riesenbaby“ Cassius, Scherzkeks Jimmy, „der affektierte Malcolm“, schlüpfen in den Mythos, die Manierismen, die Widersprüche wie in einen seidigen Handschuh.

„Dieser Film“, sagt Regina King in einem Regiestatement, „ist ein Liebesbrief an die Erfahrungen des schwarzen Mannes in Amerika. Wie die jüngsten Morde an George Floyd und Breonna Taylor [und am 20-jährigen Daunte Wright vor drei Tagen in Minnesota, Anm.] gezeigt haben, ist unser Kampf um Gleichberechtigung leider noch lange nicht vorbei. Wir brauchen einander mehr denn je, unsere Stimmen sind zu einer vereint, unmöglich zu ignorieren und laut genug, um endlich gehört zu werden.“

Genau dies der Knackpunkt zwischen Sam Cooke und Malcolm X, dem Botschafter der Musik vs. dem Botschafter des Glaubens, der „Bourgeois-Neger“ gegen den „Nigga“. Der eine, überzeugt, dass es irgendwann keine weißen und schwarzen, sondern nur mehr „die Charts“ geben wird, muss sich vom anderen sagen lassen, er habe sich verirrt, weil er die Seele der Weißen berühren will, der erwidert punkto Propagandawort „weiße Teufel“: „Du machst die Leute nur zornig!“ Solcherart wird politisiert und provoziert, die Frage nach der Selbstermächtigung akut. Doch keiner gesteht alles ein, immer bleibt ein Rest, den man aus Eitelkeit oder Verlegenheit unterschlägt.

Kingsley Ben-Adir, Aldis Hodge und Leslie Odom Jr. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Aaron D. Alexander als Sonny Liston und Eli Goree. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Eli Goree und Michael Imperioli als Trainer Angelo Dundee. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Lance Reddick als Kareem X, Eli Goree und Kingsley Ben-Adir. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Beinahe kommt’s auf der Dachterrasse zur Schlägerei, Sam und Malcolm lassen die Situation eskalieren, zwischen den Zeilen steht die Anschuldigung, dass X Clay „rekrutieren“ will, der gutmütige Cassius und der zunehmend ang‘fressene Jim kalmieren. Großartig, wie Odom Jr., Ben-Adir, Goree und Hodge diese Szene gestalten, allen voran der zweifach Oscar-nominierte Leslie Odom Jr. als Macher, Musiklabelgründer, Megaverdiener Sam Cooke, für den Freiheit – Schnickschnack: politisch oder religiös! – bei der wirtschaftlichen beginnt, und Kingsley Ben-Adir als grüblerischer, nichtsdestotrotz selbstgerechter, radikaler, die FBI-Hoover-Agenten vor seinem Fenster seinerseits bespitzelnder Malcolm X.

Ben-Adir, der auch schon Barack Obama spielte, wird in seiner Rolle zu jenem Intellektuellen, der mit seinen Worten die anderen hellauf begeistern, aber auch abgrundtief kränken kann, ein X, der so klarsichtig ist, dass er die Prekarität seines Standpunkts und inmitten der bessersituierten Freunde auch seiner Person begreift. Ben-Adir verleiht dem Bürgerrechtskämpfer eine zerrissene Komplexität und zugleich ein inneres Leuchten, die sich der Zuschauerin, dem Zuschauer so nachhaltig einprägen, dass man nicht anders kann, als sich mit dessen Zukunftsbild auseinanderzusetzen.

Doch auch Jim Brown hat ein Scharmützel mit dem „hellhäutigen“ Malcolm X und dessen harter Linie: „Wir sind nicht alle gleich“, schreit er, und: „Wem willst Du eigentlich etwas beweisen? Den Weißen, oder doch vielleicht den Schwarzen?“ Wie sehr er die selbsternannt vorurteilsfreien, „toleranten“ Liberalen hasse, die „sich auf die Schulter klopfen, weil sie uns fast wie Menschen behandeln“. Da seien ihm ja die ehrlichen Rednecks aus dem Rust Belt oder die hinterwäldlerischen Hillbillys mit ihrem erdigen, offenen Schwarzenhass lieber! Erst Cassius Clay spricht’s aus: „Wir brauchen Macht!“ Black Power! Es hört sich an wie Sätze von heute.

King gibt’s den Zuschauerinnen und Zuschauern kalt-warm, auf Explosion folgt innere Einkehr, Malcolm, der Sams Wirkung auf dessen Fans bei einem Konzert in Boston miterlebt hat, als er mit ihnen, weil die Tonanlage streikte, eine Acapella-Version seines Hits „Chain Gang“ sang, sagt: „Du könntest die lauteste Stimme von uns allen sein!“ In einer Vorausblende sieht man Sam Cooke bei einem Fernsehauftritt, bei dem er zum ersten Mal seinen Polit-Song, die spätere Hymne der Bürgerrechtsbewegung, „A Change Is Gonna Coming“ präsentiert. Applaus im Studio danach: Null.

[Hintergrund: Sam Cooke und seine Ehefrau Barbara wollten in einem Hotel in Shreveport, Louisiana, übernachten, doch ein nervöser Rezeptionist verkündete, es gäbe keine freien Betten mehr – (weil man prinzipiell keine Zimmer an Afroamerikaner vermietete). Cooke verlangte nach dem Manager, während Barbara versuchte, ihn mit der Warnung „They’ll kill you“ zum Gehen zu bewegen. Der Sänger soll darauf geantwortet haben „They ain’t gonna kill me, because I’m Sam Cooke“. Nachdem es gelungen war, den Sänger zum Verlassen des Hotels zu überreden, fuhren er und sein Gefolge laut hupend und schimpfend davon. In der Innenstadt wurden sie von der Polizei empfangen und wegen Landfriedensbruchs festgenommen. Die New York Times titelte am nächsten Tag „Negro Bandleader Held in Shreveport“.]

„One Night in Miami“ ist ein Film über Männer, die erkennen, dass sie Geschichte machen, und die diese Aufgabe gut machen wollen – wenn auch, wie das heutige Publikum weiß, manche nur für allzu kurze Zeit. Kunst und Kultur von Afroamerikanern hat eine politische Verantwortung, solange die dominante Kultur die herrschenden Machtverhältnisse frohgemut reproduziert. Regina King weiß das nur zu gut, und deswegen strebt ihr Film keiner versöhnlichen Auflösung zu. Ihre Verpflichtung angesichts der Tatsache, dass „täglich Schwarze in den Straßen sterben“ können die vier Protagonisten nämlich nicht restlos klären. King lässt die Divergenzen eines aufwühlenden Abends bestehen, den keiner, auch nicht das Publikum, unverändert verlassen wird.

Dafür steigt zum Schluss doch noch ein Fest. In der Motel-Bar. Da hat Malcolm X sein Geheimnis endlich gelüftet, er gedenke eine neue Organisation zu gründen und wünsche sich Cassius Clay als treibende Kraft hinter seiner Vision. Und die Presse hat die Celebrities aufgestöbert. Im Blitzlichtgewitter und vor laufenden Kameras teilt Cassius Clay mit Malcolm X an der Seite der Öffentlichkeit mit, dass er seinen Sklavennamen ablege, der Nation of Islam beitrete und von nun an Muhammad Ali heiße.

Im April 1967 wurde ebendiesem der Weltmeistertitel aberkannt, nachdem er sich geweigert hatte, den Wehrdienst in Vietnam anzutreten. „Nein“, sagte Muhammad Ali, „ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ZprXMxKg–w          www.youtube.com/watch?v=K8vf_Cmh9nY           www.amazon.de

14. 4. 2021

Kammerspiele der Josefstadt auf ORF III: Der Vorname

April 8, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sollbruchstelle der Salonmarxisten

Beim Betrachten des Ultraschallbilds ist noch alles friedlich: Michael Dangl, Marcus Bluhm, Susa Meyer und Oliver Rosskopf. Bild: Herwig Prammer

Am 9. April um 20.15 Uhr zeigt ORF III in seiner Reihe „Wir spielen für Österreich“ die Komödie „Der Vorname“ aus den Kammerspielen der Josefstadt. Hier noch mal die Rezension vom Oktober 2019:

Wenn sich Michael Dangl von der Josefstadt in deren Kammerspiele begibt, ist das stets ein großes Glück fürs Publikum. Nach der zauber- haften Dragqueen Zaza, dem snobistischen Stotterer Georg VI. oder Rollstuhlfahrer Philippe, gibt Dangl nun den Immobilienmakler Vincent

Larchet, wohlhabend – und werdender Vater. Als solcher sprengt er ein Abendessen bei Schwester und Schwager, ist doch „Der Vorname“, den er scheint’s für seinen zu erwartenden Sohn gewählt hat, durch den Millionenmörder schlechthin schwer strapaziert. Die gewiefte Gesellschaftskomödie des französischen Autorenduos Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte, 2012 von den zweien selbst fürs Kino adaptiert, 2018 von Sönke Wortmann neu verfilmt, ist seit gestern in der witzig-spritzigen Inszenierung von Folke Braband auf der Wiener Citybühne zu sehen.

Wobei sich der, wiewohl der Streitpunkt aufs Deutsch-Österreichische übertragen von besonderer Brisanz ist, ans Pariser Original hält. Vincent nämlich erklärt, dass sein Baby Adolphe heißen wird – und während er noch versucht auszuführen, er denke dabei an den romantischen Helden aus dem 18.-Jahrhundert-Roman von Benjamin Constant, sind alle anderen geistig längst vom „-Phe“ aufs „-F“ verfallen, und ergo bei Adolf Hitler angelangt. Die Folge: ein intellektueller Flächenbrand.

Großartig ist es, wie Braband die Charaktere von Beginn an in ihren Grundzügen skizziert. Im gutbürgerlich-sophisticated Ambiente von Bühnenbildner Tom Presting sind zuerst Susa Meyer und Marcus Bluhm als Gastgeber-Ehepaar Elisabeth Garaud-Larchet und Pierre Garaud zu erleben, er Professor für Literatur, sie Lehrerin, beide Eltern des hoffnungsvollen Nachwuchs namens Athena und Adonas. Köstlich, wie die beiden Bobo-Akademiker sich auf den sogleich eintreffenden Besuch vorbereiten, die Babou gerufene Elisabeth als Perfektionistin im Vollstress, damit ihr marokkanisches Buffet auch makellos ist, er komplett laid-back, weil sich auf der Meinung ausruhend, dass Haushaltspflichten nicht seine Sache sein können.

Michael Dangl und Michaela Klamminger. Bild: Herwig Prammer

Oliver Rosskopf und Michael Dangl. Bild: Herwig Prammer

Oliver Rosskopf mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Dieweil Meyers Babou noch darum ringt, auch in Küchenschürze die Gleichberechtigung der Frau hochzuhalten, fläzt sich Dangls Vincent bereits auf ihrer Wohnzimmercouch, er ist unsichtbarer Erzähler, bevor er Protagonist wird, moderiert sich selbst als Machertyp ein, und zeigt sich bei Auftritt schließlich als sarkastischer Spaßvogel, dem man sein übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit nur verzeiht, weil er so ein sympathisches Schlitzohr ist. Eingeladen ist außerdem Claude Gatignol, Posaunist beim Orchestre Philharmonique de Radio France und ein Freund seit Jugendtagen. Oliver Rosskopf spielt die sensible Seele mit wohldosiertem Humor. Dass Constants Figur Adolphe eine um Jahre ältere Frau verführt, wird für Rosskopfs Claude noch von doppelbödiger Bedeutung sein.

Dangl ist auf seiner Position als Wuchteldrucker wie entfesselt. Er spielt sein komödiantisches Können nicht nur im Konversationston der tadellosen Übersetzung von Georg Holzer aus, sondern sogar in der Körpersprache, und während Tempo-und-Timing-Experte Braband dafür sorgt, dass die Pointen auf den Punkt genau sitzen, steigert sich das Ensemble von den anfangs liebevollen Neckereien unter Menschen, die einander seit Ewigkeiten kennen, zur aggressiv aufgeladenen Hysterie angesichts des historisch belasteten Namens.

Wie Dangls Vincent darauf eine Liste weiterer Allerweltsnamen runterrattert, die für eine Taufe wohl auch nicht mehr zu gebrauchen wären, von August bis Franz, Augusto Pinochet bis Francisco Franco, schlussendlich Josef – Stalin, der den biblischen ausgelöscht hätte, wie Hitler seinen Adolphe, entlarvt die Sollbruchstelle der zu gutsituierten Salonmarxisten mutierten Linksrevolutionäre aufs Vortrefflichste. Die zur Polemik geschliffenen Dialoge, die boshaften Wortgefechte, die Abgründe zwischen großsprecherischen Moralansprüchen und kleingeistiger Gehässigkeit, zwischen gesellschaftspolitischem Über-Ich und privatisiertem Es, entfalten in den 90 Minuten Aufführungsdauer ihre Wirkung: Man sieht in einen Spiegel und lacht.

Babou will nicht hören, was ihr Mann Pierre Besserwisserisches zu sagen hat: Susa Meyer mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Je später der Abend, desto rauflustiger die Gäste: Bluhm, Meyer, Rosskopf, Klamminger und Dangl. Bild: Herwig Prammer

Nicht zuletzt über Bluhms Pierre, der in diesem farbenprächtigen Studierten-Sittenbild den Prinzipienreiter, den – was Belesenheit betrifft, wirklich alles – Besserwisser verkörpert, und der sich dennoch, und dank Babou bequem, in tradierten Rollenklischees suhlt. Im lebenslangen Gockelclinch mit Vincent, der ohne Uni reich wurde, wogegen er mit einem schmalen Hochschulgehalt zufrieden sein soll, wird Pierres antifaschistische Rage rasch auch als Ausdruck von Neid und narzisstischer Kränkung enttarnt. Mit dem verspäteten Erscheinen von Anna stellt sich Vincents Adolf-Ansage als schlechter Scherz heraus.

Ihr ist der Joke gegönnt, sich über den Namenspatron ihres Babys zu freuen, denkt sie ja an Vincents verstorbenen Vater Henri, inzwischen alle anderen den Kopf voll „Führer“ haben und an die Decke gehen, also ist die Ruhe, die kurz eintritt, nur die vor dem nächsten Sturm. Die Anwesenden samt ihren Gesichtszügen entgleisen zusehends, als die Vorwürfe massiver werden, man sich gegenseitig Geizkragen oder Egomane schimpft, arrogant oder rücksichtslos. Heraus stellt sich, wer zu wessen Gunsten die eigene Doktorarbeit aufgegeben hat, oder wer vor dreißig Jahren tatsächlich den Pudel der Tante ertränkte.

Nach und nach werden nicht nur Eigenschaften und Eigenheiten des Quintetts bloßgelegt, sondern auch diverse Ressentiments, die den für sich in Anspruch genommenen Humanismus unter der Gürtellinie treffen. In diesem Infight der Josefstädter bewährt sich Neuzugang Michaela Klamminger bestens, die sich mit ihrer pfiffigen Darstellung der so fragil wirkenden, hochschwangeren Anna, die aber genau weiß, wie sie ihren Filou Vincent an die Kandare nimmt, für kommende größere Aufgaben empfiehlt. Als alle ihr Pulver beinah verschossen haben, schießt sich die Gruppe auf Claude ein, reibt diesem seinen ihm bis dahin verheimlichten Spitznamen unter die Nase, „Reine-Claude“, dieser Wortwitz mit la Reine/die Königin allerdings nicht einzudeutschen, hält man den Musiker doch für schwul.

Da bleibt’s nicht beim verbalen Schlagabtausch, da fliegen alsbald die Fäuste, wenn nun Claude seinerseits ein Geheimnis offenbart, eine Bombe platzen lässt, indem er gesteht, dass er schon seit Jahren eine Frau habe, eine Geliebte – und diese sei Françoise, die Mutter von Babou und Vincent. Nach einem Uppercut für Claude lässt Dangl seinen Vincent in mustergültiger Muttersöhnchen-Art in sich zusammenbrechen, Mama hat Sex!, doch Susa Meyer gehört, als alle anderen am Ende sind, die Highlight-Szene dieses höchst amüsanten Abends: eine emanzipatorische Explosion samt Abgang mit einer Flasche Hochprozentigem …

Mit viel Gespür für Doppelsinn und Hintersinn haben Folke Braband und seine Schauspieler die bildungsbürgerliche Fassade der Familie Garaud-Larchet zum Zerbröseln gebracht. „Der Vorname“ an den Kammerspielen ist ein scharfzüngiges, augenzwinkerndes, aberwitziges Stück Theater. Und absolut sehenswert! Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=34995

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=asym-zVSPWw           www.josefstadt.org

tv.orf.at/program/orf3          Danach sieben Tage in der tvthek.orf.at

8. 4. 2021

Das Off Theater im Live-Stream: This is what happened in the Telephone Booth

April 7, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Leonie Wahls TanzImOff-Eröffnung via Bildschirm

Die Telefonzell-Membran der verlorenen Seelen: Gerald Walsberger, Michael Welz und Kajetan Dick, im Telefonhäuschen Leonie Wahl und Hannah Timbrell. Bild: Günter Macho

Eigentlich sollte ab morgen im Off Theater das Festival TanzImOff stattfinden, aber aufgrund der Reiserestriktionen vieler internationaler Gäste ist es erst mal auf Dezember verschoben. Das Off Theater zeigt dafür die geplante Eröffnungsvorstellung „This Is What Happened In The Telephone Booth“ von Leonie Wahl und Ernst Kurt Weigel am 8. April um 20 Uhr als Live-Stream. Das Besondere diesmal: Wahl und Weigel beginnen mit einer etwa 15-minütigen Werkeinführung mit allen Beteiligten und starten im

Anschluss mit der Vorstellung – komplett live via der Homepage off-theater.at und der Social Media Channels. Einfach am 8. 4. kurz vor 20 Uhr reinklicken! Hier noch einmal die Rezension vom November 2019:

Den Wahn mit Witz wegtanzen

Die sphärischen Soundscapes von Asfast und die sich zur Crecendo-Klage steigernde Stimme von Tamara Stern schaffen eine stimmige Atmosphäre. Auftritt Leonie Wahl mit butterblumengelbem Haar. „Eines Tages verschwand meine Mutter in einer Telefonzelle um ihren Geliebten anzurufen. Als sie heraustrat, war sie ein komplett anderer Mensch geworden. Sie war völlig außer sich, nicht mehr zu beruhigen. Von da an blieb sie psychisch krank. Ich war zehn Jahre alt und konnte mir nicht erklären, was passiert sein mag. Deshalb begann ich zu tanzen“, sagt sie – und beginnt nun wirklich.

Als Tanz.Schau.Spiel bezeichnet die in Wien lebende Schweizer Choreografin und Tänzerin ihre aktuelle Arbeit „This is what happened in the Telephone Booth“, die Koproduktion von Leonie Wahls orgAnic reVolt und das.bernhard.ensemble an dessen Spielstätte, dem Off Theater, von Regisseur Ernst Kurt Weigel zur Uraufführung gebracht. Das gemeinsame Projekt ist für Wahl ein autobiografisches, die damit einen berührend privaten Einblick in den bisher tiefsten Einschnitt ihres Daseins gibt:

Choreografin und Tänzerin Leonie Wahl … Bild: Günter Macho

… will die Erkrankung ihrer Mutter … Bild: Barbara Pálffy

… für sich performativ verarbeiten. Bild: Barbara Pálffy

Es ist 1987 in der Toskana, und die Familie, Mutter, Schwester, Leonie, Teil einer Aussteigergemeinschaft. Dann die Zellenszene, Halluzinationen, Stimmenhören, Mutter sagt, sie könne „den Tod riechen“. Schock, Carabinieri, Krankenhaus, Diagnose Schizophrenie – und die kindliche Erkenntnis, dass ab nun nichts mehr sein wird, wie es war. Aus Trauma wurde Tanztheater, weil, so Wahl, das Wichtigste ohnedies nicht mit Worten zu erzählen sei. Weshalb sie sich nach der kurzen Einführung in ihre Geschichte gleich aufs Körperliche verlegt, ihr Eingang in die verworrenen Gedankengänge des Wahns von Weigel dabei keineswegs als Krankheitstragödie, sondern als komödiantische Groteske mit spooky Psychothriller-Elementen inszeniert.

Wahl zeigt das Implodieren einer Seele mit explodierender Körpersprache, aber auch umgekehrt, den psychischen Auf- als physischen Stillstand, wobei es ihr mit außerordentlicher Ausdruckskraft gelingt, sowohl Stakkato-Schritte als auch Stasis gleich einer Druckwelle über die Köpfe des Publikums brausen zu lassen. Einziges Requisit, das ihr Ausstatterin Devi Saha an die Hand gibt, ist eben jenes Telefonhäuschen, eine entsetzliche Geisteszelle, die Wände mit einer semitransparenten, pergamentfarbenen Membran ausgekleidet, eine unappetitlich vergilbte Haut, durch die sich Gesichter und Gliedmaßen des Ensembles drücken, eine zwar elastische Zellmembran, die dennoch weder Flucht erlaubt noch Freiheit duldet.

Verwickelt im Kabelsalat: Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger, Leonie Wahl und Michael Welz. Bild: Günter Macho

Keiner kann rein, keiner kommt raus: Gerald Walsberger, Leonie Wahl, Michael Welz, Hannah Timbrell und Kajetan Dick. Bild: Günter Macho

Im psychedelischen Sinne als One in five bestreiten Tänzerin Hannah Timbrell und die Performer Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz mit Leonie Wahl den Abend, gespenstische Gestalten, die sich nach und nach aus den Membranwänden winden, Hirngespinste, die sich mal als Wahl’sche Alter Egos, mal als Mutters multiple Persönlichkeiten, vielleicht auch als Wiedergänger des abwesenden Vaters interpretieren lassen. Mit blutroter Telefonnabelschnur verbunden, von ihr wie ein

Hund gewürgt, wie an Marionettenfäden gegängelt, gefesselt oder liebevoll umschlungen oder als Springseil verwendet, führen die Männer diverse Telefonate mit Ehepartnern und Ärzten. „Ich habe das Grauen gesehen“, wiederholt Dick als ob paralysiert, obwohl man’s per hartnäckigem Dauerklingeln eher hört – dieses gleichsam ein Synonym für jene Forderung nach ständiger Erreichbarkeit, die heute tatsächlich krank macht. Dass dann einer auch noch „Du bist nicht allein“ sagt, ist in Anbetracht von Mutters Befinden die Art Irrsinnigkeit, mit der Wahl und Weigel die Darsteller den Wahnwitz der Situationen wegtanzen, wegspielen lassen.

Mit Wahl und Timbrell ist es Gerald Walsberger im blauweiß gemusterten Kittelschürzenkleid, der an die Grenze der totalen Verausgabung geht. Die Tanzpassagen werden mehr und mehr zur Zerreißprobe, die Seelenspasmen zu Körperkrämpfen, jeder Wahl’sche Move ist nun eine Kampfansage ans Erlittene. Und aus dem Orkus der Telephone Booth drängen die Verlorenen vergebens ans Licht, eine Optik, gemahnend an die Verdammten in Rodins Höllentor. „This is what happened in the Telephone Booth“ verzaubert mit einer wundersamen, bizarren Poesie, die sich sanft über eine brutale Geschichte stülpt. Sehenswert … Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=36197

Video: vimeo.com/434756174           www.youtube.com/watch?v=sZw6fV05om4&t=27s                     www.leoniewahl.com           bernhard-ensemble.at           off-theater.at

7. 4. 2021

Schallaburg: Sehnsucht Ferne – Aufbruch in neue Welten

März 22, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf k.u.k. Nordpolexpedition im Escape Room

Sehnsucht Ferne – Aufbruch in neue Welten. Bild: © Klaus Pichler

Bis heute faszinieren die großen Abenteuer von Entdeckerinnen und Entdecker. Seit dem Wochenende lädt die Schallaburg mit „Sehnsucht Ferne –Aufbruch in neue Welten“ ein, ihren Spuren zu folgen. Wer waren die Menschen hinter den Geschichten und Legenden? Was wurde entdeckt und was hieß das für die Entdeckten? Der britische Seefahrer und Entdecker James Cook, der deutsche Forschungsreisende Alexander von Humboldt oder

die österreichische Weltreisende Ida Pfeiffer – sie alle träumten von der Entdeckung neuer Welten. Sie teilten die Sehnsucht nach dem Unbekannten, dem Unerforschten und dem Neuen. Doch ihre Motive waren gänzlich unterschiedlich. Was trieb sie an? War es die Sehnsucht nach Abenteuer und Ruhm, die Gier nach Gold? Welche Ängste bewegten sie und was schürte ihre Euphorie? Welchen Herausforderungen mussten sie sich stellen? Was erwartete sie in exotischen Gefilden und was bedeutete das für die Einheimischen?

Erstmals ist ein „Escape Room“ Teil einer Schallaburg-Ausstellung: Eine spannende Expedition ins ewige Eis auf den Spuren der „österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition“ mit dem berühmten Schiff „Admiral Tegetthoff“. 1872 brach die Mannschaft auf, um eine befahrbare Nordostpassage durch die Eismeere zu finden. Diese Mission schlug fehl – und trotzdem wurde die Expedition zum riesigen Erfolg. Knapp 150 Jahre später kann sie in einem Escape-Room nachempfunden werden. Über fünf Räume sind Abenteuer zu erleben und hautnah zu spüren was es heißt, dem Erfolgsdruck und Entbehrungen einer legendären Expeditionsreise ausgesetzt zu sein.

Marcel Chahrour, aus dem inhaltlichen Team:„Selten war die Sehnsucht nach der Ferne so groß wie in diesen Tagen. Es ist eine spannende Reise für das gesamte Ausstellungsteam und insbesondere Roman Dachsberger und mich in den letzten Monaten Elemente dieser Sehnsucht aufzudecken. Seit es Menschen gibt, treibt die „Sehnsucht Ferne“ viele dazu, sich auf den Weg zu machen. Reisende, Entdecker, Abenteurerinnen und Abenteurer werden als Helden gefeiert, ihre Taten bewundert. Die großen Reisen der Geschichte haben ein reiches Erbe hinterlassen, nicht zuletzt in den Museen der „Alten Welt“. Europas Sehnsucht nach der Ferne brachte aber nicht nur Gutes. Aus dem Willen, sich die Welt zu eigen zu machen, erwuchs der Kolonialismus, und mit ihm gingen Unterdrückung, Widerstand und Krieg Hand in Hand. All das ist für uns Thema –und wir wollen auch hinschauen, wie es mit der Sehnsucht weitergeht.“

Afrikanischer Kopfschmuck aus dem Togo, 1914, Sammlung Codelli, Slovene Ethnographic Museum, © Slovene Ethnographic Museum, Bild: © Jure Rus, SEM

Tafelaufsatz in Schiffchenform aus einer fürstlichen Wunderkammer, 17. Jahrhundert, Sammlung Schloss Ambras, Innsbruck. © KHM-Museumsverband

Astronomisches Messgerät, 1761, Sammlung Esterhazy, Eisenstadt. © Esterhazy Privatstiftung

Hondius-Globus aus Antwerpen 1601, Sammlung Woldan. © Österreichische Akademie der Wissenschaften

Schwerpunkte der Schau

Forschen, plündern, sammeln, kaufen, erleben, erfahren, dokumentieren, bewahren, entdecken, erobern. Reiseutensilien von Reiseschriftstellerin Alexandra David Neel, die vermutlich als erste Europäerin die verbotene Stadt Lhasa in Tibet betritt, bis zu Objekten aus dem Nachlass von Kronprinz Rudolf. Einer Tsunami-Karte von Ferdinand Hochstetter bis hin zu Kuriositäten wie einem Eingeweidewurm des österreichischen Naturforschers Johann Natterer, welchen er auf hoher See zu Forschungszwecken selbst ausspie, bis hin zu einer Reisetoilette von Louis Esterhazy. Eine Weltreisende. Ida Pfeiffer (1797–1858) eine reisende Ausnahmeerscheinung – eine Frau, die auf ihren Reisen Gegenden erkundete und sich in Gebiete wagte, die bis dahin selbst die tapfersten Männer gemieden hatten! Im Zuge ihrer zweiten Weltreise, erkundete Ida Pfeiffer Indonesien, wo sie auf die sogenannten „Kannibalen“ traf. Sie publizierte ihre Erlebnisse in Berichten und hatte im Reisen ihren Lebenssinn gefunden.

Der Traum von der Reise. In den 1770er Jahren unternimmt der Brite James Cook seine großen Reisen nach Ozeanien, Neuseeland und in die Südsee, um die letzten großen weißen Flecken auf den Landkarten zu füllen. Wie viele Aufbrecher wird er zum gefeierten Helden. Als es auf einer seiner Reisen gelingt, das letzte große Problem der Navigation zu lösen, steht auch der letzte Winkel der Welt den Schiffen Europas offen. Die Reise der Novara. Im 19. Jahrhundert macht sich Europa die Welt untertan: politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich. 1857 stattet das Kaisertum Österreich seine eigene offizielle Weltreise aus. Die Marine rüstet ein Kriegsschiff, die Akademie der Wissenschaften entsendet ihre Wissenschaftler, die Wirtschaft formuliert ihre Interessen. In knapp drei Jahren umrundet die „Novara“ die Welt.

Weltkarten und Globen veranschaulichen ausdrucksvoll, wie sich das Bild von unserer Welt durch Reisen verändert – Vorstellungen werden oftmals auf das Bild von der Welt projiziert. Auch Österreich unternahm schüchterne Versuche einer Kolonialpolitik im indischen Ozean. Lange besteht zwischen den Berichten der Seefahrer und dem Realen ein großes Spannungsfeld: Von dem erfundenen Reisebericht von Caspar Plautz aus Seitenstetten, den Riesen von Patagonien bis hin zum geheimnisvollen „Südkontinent“ – aus „Nova Hollandia“ wurde letztendlich dann Australien. Eine fiktive Welt wie das Schlaraffenland findet sogar Einzug in einen Atlas.

Gier, Gewalt und Schamlosigkeit. Gold gegen Viren. Die Ferne wurde nach Europa gebracht – und die Sehnsucht nach der Welt hat ungeahnte Folgen. In der Ferne entdecken Eroberer, Abenteurer und Militärs ungeahnte Schätze. Der Gier Europas nach Gold und Silber fallen ganze Kulturen zum Opfer. Gleichzeitig nehmen Kunst und Wissenschaft in Europa einen unvergleichlichen Aufschwung. Die Ferne begeistert Europa von Anfang an. Eine kurze Geschichte einer komplizierten Begegnung. Die verschiedenen Perspektiven werden mittels Videoprojektion der Schweizer Künstlerin Susanne Hofer veranschaulicht, wie etwa die Eroberung des Reichs der Azteken durch Hernán Cortés.

Ausstellungsansicht. Bild: © Klaus Pichler

Ausstellungsansicht. Bild: © Klaus Pichler

Escape Room, Aufbruch zum Nordpol. Bild: © Klaus Pichler

Escape Room, Aufbruch zum Nordpol. Bild: © Klaus Pichler

Wie sammelt man die Ferne? Wer reist, nimmt nicht nur Eindrücke mit. Die Museen Europas sind voll mit Gegenständen aus aller Welt. Das betrifft nicht nur die großen Museen. Selbst in kleinen Regionalmuseen findet man Gegenstände aus entlegensten afrikanischen Gegenden. Warum sammeln wir? Und sollen wir das überhaupt noch tun? Auf Schloss Ambras bei Innsbruck sammelte der Tiroler Landesfürst Ferdinand II. Kostbarkeiten und Kuriositäten: goldene Gefäße und Kelche, exotische Gegenstände, Spiele, Korallen und Gemälde. Er begründete damit das erste zugängliche Museum der Welt. Andere Fürsten tun es dem Erzherzog gleich und richten auch „Wunderkammern“ ein. Der Aufstieg der Habsburger im 16. Jahrhundert ist eng mit dem Import von Silber und in geringerem Maße Gold aus der neuen Welt verbunden –nicht alles Gold dieser Zeit ist „Kolonialgold“ – Gold und vor allem Silber kommen in großer Menge über den Ozean.

Gegenstände veranschaulichen einen Exkurs des Sammelns im musealen Kontext: Objekte von James Cook bis zu einem slowenischen Missionar, welcher Metallgegenstände aus Afrika sammelte. Von der österreichischen Ethnologin Etta Becker-Donner, die in ihren Feldforschungen Völkerkunde dem Volk nahebrachte bis zur Peruanerin Laida Mori, im Mittelpunkt ihrer Forschung die indigene Bevölkerung. Von der österreichischen Ethnologin Eugenie Goldstern, die als Volkskundlerin an Alltagsgegenständen forschte, welche zu Spielzeugumfunktioniert wurden, bis zum Weltreisenden Heinrich Clam-Martinic, der auf einer Weltreise mit Franz Ferdinand unterwegs war.

Auch das akustische Erbe einer Sehnsucht nach der Ferne lässt sich entdecken. Im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften lagert der Klang der Welt: Stimmen, Lieder, Geräusche; es ist das älteste Tonarchiv der Welt. Viele Aufnahmen entstanden unter heute fragwürdigen Bedingungen – eine neue Perspektive auf die Sammelleidenschaft Europas.

Selbstbild versus Fremdbild Sind die „anderen“ primitiv und Europa modern? Amulette und magische Gegenstände aus Europa und Afrika zeigen die großen Ähnlichkeiten im Volksglauben – das eine wird jedoch als primitiv gesehen, das andere als traditionell. Masken – für die Ursprungsgesellschaften Gebrauchs- und Kultgegenstände, für Europa oftmals teure und gesuchte Kunstgegenstände. Mit „Sehnsucht Ferne – Aufbruch in neue Welten“ lädt die Schallaburg ein, den Spuren früher Weltreisender zu folgen. Man begleitet bekannte wie unbekannte Reisende von den Vorbereitungen für die Fahrt ins Ungewisse bis zu ihrer Rückkehr nach Europa. Viele Abenteuer von gestern öffnen neue Perspektiven auf die Welt von heute.

www.schallaburg.at

22. 3. 2021

Ivan Ivanji: Corona in Buchenwald

März 21, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Decamerone der KZ-Überlebenden

„Sind zwölf sehr alte ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald im April des Jahres 2020 nach Weimar gekommen …“ Liest man ihn als subversiven Kommentar zur Skurrilität des und den Kampf ums Dasein, so beginnt Ivan Ivanjis aktuell bei Picus erschienener Roman „Corona in Buchenwald“ wie ein jüdischer Witz. Zum 75. Jahrestag der Befreiung wollte dies Dutzend Überlebende, genannt die „Buchenwaldianer“ wie der spanische Schriftsteller Jorge Semprún vorgeschlagen hatte, die letzten Zeitzeugen allesamt rund um die neunzig Jahre alt, aus aller Welt nach Weimar kommen – doch wurde der Festakt abgesagt.

Von einer Pandemie lassen sich die betagten Herren freilich nicht aufhalten, man will den Gedenktag unbedingt begehen, den toten Kameraden ein mutmaßlich letztes Mal die Ehre erweisen, und so reisen sie an: Chemielaborant Franco Miculleti aus den USA, Schriftsteller Sascha Mihályi-Mihajlović aus Serbien, Sportlehrer Jorgos Vargas aus Griechenland, Diplomingenieur Leon-Leo Gutmann aus Israel, Botschafter Philippe Pharoux aus Frankreich, Journalist Hugo Braun-Barna aus Ungarn, Slawistik-Professor Viktor Weisz aus Tschechien, Gastwirt Michael Jung aus

Deutschland, Schriftsteller Rodrigo Rosales Rosales aus Spanien, Kaufmann Stefan Seliger aus den Niederlanden, Polizist Nils Jensen aus Dänemark und Obert Igor Iwatschew aus Russland. Versteht sich, die Berufe sind natürlich die gewesenen. Als Begleitung stellen sich Ehefrauen, Schwieger- und Enkelkinder ein; Rodrigos Freund Raphael wird sich als sein Lebensgefährte erweisen. Ivanji lässt sich Zeit, sein Szenario zu entwerfen, auch wenn er seine Charaktere mit zwei, drei kurzen Strichen skizziert – hager, Hängebacken, gemütlich, militärisch, exakter Haarschnitt, eleganter Anzug …

Man wird im Hotel Elephant einquartiert, wo sich schon im Juli 1926 ein gewisser „Adolf Hitler, Schriftsteller“ in das Gästebuch eintrug, später die Suite 100 speziell für ihn eingerichtet wurde, und er sich – auf dem Balkon Reden schwingend – feiern ließ. Heute reflektiert eine Ausstellung in der Beletage diese „Führer“-Besuche. Amerikanische Soldaten schließlich trieben nach der nazideutschen Kapitulation die Bürger aus Weimar den Ettersberg hinauf, „um die verhungerten Leichen zu sehen. Seht her, das habt ihr gemacht. Ihr! Oder zumindest zugeschaut habt ihr. Bestenfalls weggeschaut“, denkt Igor.

Bei der Annäherung der 3. US-Armee übernahmen am 11. April 1945 die Häftlinge die Leitung des Lagers von der abziehenden SS, nahmen 125 der Bewacher fest, öffneten die Tore und hissten die weiße Fahne. Bereits Tage zuvor hatten viele Häftlinge durch Boykott und Sabotage ihre von den Nationalsozialisten so genannte Evakuierung verhindert und die US-Armee per Funk zu Hilfe gerufen … Nun also wieder einquartiert. In Weimar. Und sofort in Quarantäne, da einer der Buchenwaldianer positiv auf das Virus getestet ward.

Mit Gewehren bewaffnete Häftlinge nehmen wenige Stunden nach der Befreiung des Lagers SS-Männer gefangen. Bild: Paul Bodot, 11. April 1945. Association Française Buchenwald-Dora, Paris. Quelle: KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Zwei amerikanische Soldaten vor einem Anhänger mit Leichen im Innenhof des Krematoriums. Im Hintergrund ein befreiter Häftling. Bild: Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Corona, dazu fällt Sascha – man merkt, er schält sich als Protagonist heraus – maximal die Schröter ein, Schauspielerin und Sängerin Corona Schröter, Goethe-Protegé und 1779 dessen erste Iphigenie in einer Laienaufführung auf der Ettersburg auf dem Ettersberg – „so nah am Konzentrationslager“. Mit dem Dichterfürsten höchstselbst als Orestes und Herzog Karl August als Pylades. Eine Ménage a trois über die Goethe notierte: „Noch kann ich nicht von der Schröter weg. Ein edles Geschöpf in seiner Art“, während der Herzog dem Freund anvertraute: „Ich bin seit 24 Stunden nicht bei Sinnen, das heißt bei zu vielen Sinnen.“

Man lernt einander kennen, Igor erkennt Sascha, der Genosse war’s, der ins Außen-, ins Zwangsarbeitslager Langenstein-Zwieberge gestohlene Kaninchen brachte, „das erste gebratene Fleisch seit …“, und Sascha, der nicht vorhat, sich die Zeit zu vertreiben, „im Gegenteil, ich will sie festhalten, um sie für etwas zu nutzen“, unterbreitet den anderen seine Idee, gleich der Gesellschaft in Boccaccios „Decamerone“ allabendlich zum Geschichtenerzählen zusammenzukommen. Dies geschieht, erst per Laptop, dann in der Hotelbibliothek.

Autor Ivan Ivanji, 1929 als Sohn einer jüdischen Ärztefamilie im Banat geboren und vom NS-Regime in die Konzentrationslager Auschwitz

und Buchenwald deportiert, war beinah alles, was seine Figuren sind, Lehrer, Journalist, Lektor, Theaterdirektor, Diplomat und Dolmetscher – von Tito. Seit der Pension ist der in Wien und Belgrad lebende Ivanji bekennender „Skribomane“. Pro Jahr ein Roman, möchte man sagen, meist einer, der die eigene Seelenlandschaft miterkundet, die Altherrenriege, die er jetzt um sich versammelt, sind unschwer als Alter Egos zu erkennen, von jedem ein bisschen ergibt ein ganzes Bild, doch am meisten von seinem Schöpfer hat der Serbe Sascha.

Liebevoll und detailverliebt beschreibt Ivanji die Atmosphäre des Veteranentreffens, das Champagnisieren auf Kosten der Stadt Weimar, die verdrängten Ängste vom Eingesperrtsein, die hochkochen, die geselligen Runden, das wissenschaftlich so genannte Konzentrationslagersyndrom der nächsten Generation, die beflissene Betreuung durch die deutschen Offiziellen. Hier schöpft er zweifellos aus eigener Erfahrung.

Die folgenden zwölf Geschichten sind eine Mischung aus Augenzeugenberichten aus dem KZ, Anekdoten des späteren Lebens und Episoden aus den Lieblingsthemen des Autors, der römischen und der biblischen Geschichte: Rodrigo, der jüngste Held des Spanischen Bürgerkriegs, erhebt Ovid zum Begründer der Exilliteratur, Stefan Seliger erinnert sich an seinem Moment mit Anne Frank, bei Viktor Weisz wird’s mit Rabbi Löw und dem Golem mystisch. Welche politischen, großindustriellen Hände Hitler geformt haben? Oder den „Wer Jude ist, bestimme ich!“-Göring? Was bedeutet in Prag HHhH? – Himmlers Hirn heißt Heydrich … und es ist ein teuflisches Gehirn!

US-Soldaten vor dem Lagertor. Vorne: Munitionskisten der SS. Bild: Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Vier jugendliche Häftlinge mit freiem Oberkörper vor einem der Steinblocks. Bild: Alfred Stüber, Mitte Mai 1945. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Befreite Häftlinge des Kleinen Lagers im Gespräch mit US-Soldaten. Bild: Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Der Zeuge Jehovas Michael Jung, gefoltert für seinen Glauben, Peitschenhiebe, Hunger, Steine schleppen, hält Jesus‘ Bergpredigt: „Es gibt Gutes und Böses auf dieser Welt. Ihr seid kluge Leute, ihr nennt das Dualismus. Ich bin nicht gescheit. Ich bin fröhlich. Vielleicht bin doch auch ich gemeint, wenn den geistig Armen das Himmelreich versprochen worden ist.“

Pazifist Leo Gutmann gesteht unter Tränen, dass sich seine Enkelin Judith dem Mossad, sein Enkel Raphael der Militärpolizei in Jerusalem angeschlossen hätten: „Als ich ihn fragte, ob er größere Angst habe, getötet zu werden oder einen unschuldigen Araber zu ermorden, hat er die moralische Tragweite der Frage überhaupt nicht verstanden.“ Mal feinsinnig, mal brutal, mal tragisch, mal komisch, setzen sich die zwölf Abende zum zeithistorischen Mosaik, zum Europa-Puzzle zusammen. Buchenwald – ein Schicksal, dass hier Bankiers- sprösslinge mit Gassenjungen teilen, Juden, Christen, Atheisten, Widerstandskämpfer, Partisanen, Genossen.

Igor, 16 Jahre alter Zwangsarbeiter im KZ-„Kommando Junkers“, lässt sich aus über deutsche Kraftausdrücke: „Schweinehund. Habe ich nie begriffen. Die dumme Zusammensetzung von zwei verachteten Tieren in ein Wort soll als Schimpfwort gelten?“ [Tatsächlich meint der Begriff eine besondere Art Jagdhund, Anm.], und schildert in knappen Sätzen die Selbstbefreiung: „Das Tor ist halb offen. Nirgendwo SS! Seltsam, wir fielen in keinen Freudentaumel. Das Lagerleben hatte uns gelehrt, vorsichtig zu sein. Sind wir frei? Und was machen wir? Was ist das Gebot der Stunde?“ Man weiß es: Kaninchen stehlen …

Am 16. April mussten mehr als 1.000 Weimarer Bürger – laut Befehl von General Patton vorrangig Mitglieder der NSDAP – das befreite Lager besichtigen. Bild: Walter Chichersky, U.S. Signal Corps, 16. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Das erste veröffentlichte Buchenwald-Foto: Im Hof des Krematoriums konfrontierten die US-Soldaten die Weimarer mit den dort vorgefundenen Leichen. Bild: Walter Chichersky, U.S. Signal Corps, 16. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Sascha erzählt von den beiden Hans Günters, dem „lächelnden Henker“ von Theresienstadt, und dem Poeten Hanusch, der sein Leben mit Liebesgedichten fürs Fräulein des Lagerkapos und die eigenen Verdienste preisenden Versepen für so manchen SSler verlängerte. Sein Lohn: Brot und Margarine. Vieles, das man nicht gewusst hat, erfährt man so. Dass Lagerkommandant Koch für Reichsjägermeister Göring einen kleinen Zoo eingerichtet hatte, Paviane, Bären, ein Freigehege für Hirsche, ein Falkenhof im altgermanischen Stil, die Tiere „auf Rechnung der für die Häftlinge vorgesehenen Nahrungsmittel gefüttert.“ Ein KZ-Kuriosum. Nicht nur an dieser Stelle des Romans möchte man weiter recherchieren, mehr wissen.

Eines der schwärzesten KZ-Kapitel ist einem hingegen bekannt, die Lagerbordelle, auf die Philippe Pharoux‘ Frau und ehemals Tänzerin Dominique die Aufmerksamkeit lenkt, nach Buchenwald wurden zum Zwecke sechzehn Ravensbrückerinnen geholt, und auch die Todesmärsche Richtung Österreich, von denen der Ungar Braun-Barna berichtet. Er war dabei, bei der Erschießung des Dichters Miklós Radnóti im Dorf Abda. Der Gedenkstein dort wurde 2011 geschändet. Jorgos Vargas‘ Los als Boxer, im Mittelbau Dora mit Salamo Arouch und Jacko Razon, „wie die Gladiatorenkämpfe, wer gewonnen hat, bekam ein anständiges Nachtmahl, wer verlor, wurde gleich ermordet“,

hat einem erstmals Felix Mitterer in seinem Theaterstück „Der Boxer“ über den Sinto Johann „Rukeli“ Trollmann nähergebracht (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13581). Als Nils Jensen, er im dänischen Widerstand ein kleines Licht, auf dessen Sternstunde nach der Okkupation zu sprechen kommt, „dass sich siebentausendsiebenhundertzweiundvierzig dänische Juden übers Meer nach Schweden retten konnten, weil die Polizei und die Küstenwache weggeschaut haben“, schlägt der große Humanist und Philanthrop Ivanji via Sascha die Brücke zur Gegenwart. Wie die Weimaraner nicht sehen wollten, sagt er, so wollen wir nicht sehen, dass Menschen, Kinder!, im Mittelmeer elend ersaufen, an Grenzen geschunden werden, in Lagern verkommen, die vertrieben wurden, um ihr Leben rennen, fliehend aus Höllen und Paradiese suchend.

Ivanji wirbt um Sympathie und Mitgefühl. „Ihr Leiden“, den Satz legt er Sascha in den Mund, „ist aktuell, also wichtiger als das unsere, das schon vor fünfundsiebzig Jahren zu Ende gegangen ist.“ Er warnt vorm um sich greifenden Antisemitismus und den Neonazi-Bewegungen, nennt jeden Menschen schützenswert, Roma, Sinti, Palästinenser, Flüchtlinge …, er fürchtet um die Idee der parlamentarischen Demokratie, und sich vor Tagen, in denen es „keine unmittelbare Erinnerung, kein direktes Zeugnis, kein lebendiges Gedächtnis“ mehr geben wird.

„Corona in Buchenwald“ ist ein Friedensbuch, wie’s im Schwur von Buchenwald heißt: „Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Schlusswort Sascha beim doch noch stattfindenden Besuch der Gedänkstätte: „Ich bitte alle, die mich hören, inständig, schenken Sie Ihre Empathie denjenigen, die heute verfolgt werden. Sagen Sie nicht, das sind andere Umstände, andere Lager, andere Gründe, unlogische, unrealistische, suchen Sie keine Begründungen zur Seite zu schauen, mit den Achseln zu zucken, das Leid nicht zur Kenntnis zu nehmen. Es lebe das Leben!“ … Die Stille, die nun eintrat, war sehr laut.

Über den Autor: Ivan Ivanji, 1929 im Banat geboren, war unter anderem Lehrer in Belgrad, Journalist, Dolmetscher Titos, Theaterdirektor und Botschaftsrat in Bonn. Er schreibt Romane, Essays, Erzäh­lungen und Hörspiele. Ende April 1944 wurde Ivanji als Jude verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Von dort kam er im Juni 1944 nach Buchenwald und im Februar 1945 nach Langenstein-Zwieberge. Bevor Ivanji im September 1945 nach Jugoslawien zurückkehrte, hatte er in einem Sammellager erste Kontakte zu Anhängern Titos.

Ivanji tritt für eine pluralistische und offene Kulturpolitik ein, und kritisierte etwa 1956 den sowjetischen Einmarsch in Ungarn. 1975 nahm er als Dolmetscher an der KSZE-Gründungskonferenz in Helsinki teil, 1979 an der Gipfelkonferenz der Blockfreien in Havanna. Bis 1988 war Ivanji Generalsekretär des Schriftstellerverbandes Jugoslawiens. Er lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer in Wien und Belgrad. Im Picus Verlag erschienen zahlreiche Romane, darunter „Der Aschen­mensch von Buchenwald“, „Geister aus einer kleinen Stadt“, „Buchstaben von Feuer“, die Neuauflage seines großen Erfolgs „Schattenspringen“, „Mein schönes Leben in der Hölle“, seine Familiensaga „Schlussstrich“ und zuletzt 2020 „Hineini. Quelle z.T. www.buchenwald.de

Picus Verlag, Ivan Ivanji: „Corona in Buchenwald“, Roman, 256 Seiten.

www.picus.at           Ivan Ivanji über die Befreiung Buchenwalds: www.youtube.com/watch?v=wMZDlhgorbc

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