Neu am Volkstheater: Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner

März 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spielen in „Isabelle H. (geopfert wird immer)“

Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner
Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Am 10. März startet das Volkstheater gemeinsam mit dem Max Reinhardt Seminar und den Wiener Wortstaetten das Festival Neues Wiener Volkstheater. In dessen Rahmen wird Thomas Köcks mit dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ausgezeichnetes Stück „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ aufgeführt.

Katharina Klar (mehr: www.volkstheater.at/person/katharina-klar/) und Christoph Rothenbuchner (mehr: www.volkstheater.at/person/christoph-rothenbuchner/) spielen den aus dem Afganistan-Einsatz heimgekehrten Soldaten Daniel C. und eine illegale Immigrantin, die sich nach der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert nennt. Das Verhältnis der beiden, gefangen in einer Schicksalsgemeinschaft, scheint von klaren gesellschaftlichen Vorzeichen geprägt. Doch der traumatisierte Soldat und die eigenwillige Flüchtlingsfrau offenbaren Seiten an sich, die gängige Klischees unterlaufen. Die Machtfrage wird in jeder Situation neu verhandelt. Regie führt Felix Hafner, Student der Schauspielregie am Max Reinhardt Seminar, Premiere ist am 12. März. Ein Gespräch mit den Darstellern:

MM: „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ ist Teil des neuen Festivals Neues Wiener Volkstheater. Was verstehen Sie darunter?

Die beiden lachen. Christoph Rothenbuchner: Entschuldigung, aber diese Frage haben wir uns bei den Proben auch schon gestellt. Ich weiß nicht, ob das Stück genau ins Wiener Volkstheater reinpasst, aber es betrifft das Volk und Wien und es ist neu. Also insofern sind alle drei Aspekte erfüllt.

Katharina Klar: Wir hatten eine Diskussion darüber, dass man den Begriff weit fassen muss. Wir haben uns dann geeinigt, dass es Stücke mit aktuellem Zeitbezug sind, die vielleicht auch etwas mit Wien zu tun haben. Ich habe zum Begriff Volkstheater bisher keine Beziehung, außer, dass unser Theater eben so heißt. Hoffentlich bin ich nach dem Festival klüger. Ich finde die Fragestellung fast ein bisschen künstlich, warum man hier Volkstheater machen sollte. Die Frage nach Relevanz für die Zeit und auch den Ort muss sich Theater sowieso immer stellen.

Rothenbuchner: Und gerade unter einer neuen Intendanz, die mit neuem Konzept und neuer Besetzung kommt. Die Frage ist, wie wir hier Theater machen, nicht ob das Volkstheater ist. Für mich ist eine schöne Nische, die Rote Bar zu bespielen, da kann man sich anders ausdrücken als am großen Haus. Da habe ich letztens etwas gemacht, einen Syrien-Abend, der meiner Meinung nach ins Volkstheater passt. Weil es ein halb aufklärerischer Abend war, ein sinnlicher Aufklärungsabend, simpel und einfach gehalten, das passt für mich in ein Volkstheater.

MM: Ist das eine Qualität dieses Hauses? Die vielen Spielorte, an denen man sich in mehreren Schienen erproben kann? Frau Klar, Sie haben sich in der Roten Bar schon als Autorin und in einem musikalischen Abend gezeigt. Herr Rothenbuchner, wann wird man Sie in Wien als Tänzer sehen?

Rothenbuchner: Nächste Spielzeit, vielleicht.

Klar: Ich hoffe, dass es uns gelingt, die Rote Bar und das Volx/Margareten in der Außenwahrnehmung wieder stärker zu einem Teil des Volkstheaters werden zu lassen. Das ist ein großer Wunsch des Ensembles. Wir hatten in Graz zwei gut funktionierende Nebenspielstätten, die Probebühne und die Ebene 3, und das soll es in Wien auch geben. Wir wollen die beiden Spielorte zum Leben erwecken und nicht immer nur diesen riesigen Kasten bespielen.

Rothenbuchner: Man kann in kleineren Räumen intimer arbeiten, sich anders präsentieren und auch ganz andere Inszenierungen zeigen.

Klar: Bei kleineren Inszenierungen werden ganz andere Risiken eingegangen und das ist etwas, das ich mir sehr wünsche.

Rothenbuchner: Insofern ist, zumindest für mich, die Hoffnung da, dass es nächstes Jahr vielseitiger wird. Und dass es, um Ihre Frage zu beantworten, vielleicht zum Tanzen kommt.

MM: In „Isabelle H.“ geht es um …

Klar: … einen Soldaten und eine Flüchtlingsfrau. Sie verschanzen sich in einer Lagerhalle vor der Polizei, nachdem sie sich zufällig an einer Raststätte kennengelernt haben. Daniel C. hat einen Polizisten erschossen und jetzt überlegen die beiden, wie sie aus der Sache wieder rauskommen. Wie sie weiter vorgehen werden. Wir erfahren sehr viel über Daniel C.s Geschichte, aber weniger über Isabelle H., weil sie das verweigert. Die Figur steigt immer wieder aus der Handlung aus und stellt sie und die ganze Geschichte permanent infrage. Und ihre Rolle als Opfer, weil sie so nicht besetzt sein will.

MM: Wie stellt Thomas Köck das dar?

Rothenbuchner: Nicht als Betroffenheitsstück. Er spielt mit den Ebenen des Theaters und damit, wie Geschichten erzählt werden. Es geht ihm um Rollenzuschreibungen in unserer Gesellschaft und da hat er als Beispiel den Flüchtling gewählt, den man glaubt zu kennen und dem man alles Mögliche zuschreibt. Dazu kommt der psychisch Kranke. Ich finde die Bilder, die Köck findet, teilweise sehr brutal, sehr stark. Aber es ist sicher nicht Betroffenheitstheater.

Klar: Es ist sogar eine Abrechnung damit. Thomas Köck stellt das total infrage, das Einzelschicksal, von dem man sich kurz rühren lässt, bevor man wieder nach Hause geht …

Rothenbuchner (unterbricht): Dagegen verwehre ich mich. Ich möchte den Daniel C. schon als berührendes Schicksal zeigen.

Klar: … Thomas Köck war mal bei einer Probe und hat da erklärt, dass die beiden Charaktere für ihn damals, als er das Stück geschrieben hat, beide für das standen, was eine Gesellschaft ausblendet. Wie für Abgrenzung gesorgt wird und was ausgegrenzt wird. Durch die aktuellen Ereignisse hat aber die Flüchtlingsseite so einen Fokus bekommen, dass sie auch die Gewichtung im Stück verschiebt. Wie werden sehen, ob das interessant ist, oder seltsam.

MM: Sie wollten was sagen?

Rothenbuchner: Nämlich, dass sich auch Daniel C. nicht als Opfer sehen will. Er erzählt seine Geschichte, die von außen betrachtet vielleicht simpel und typisch ist. Deshalb empfinde ich diese Form von Theater auch als Volkstheater, und dieser Geschichtenaufbau funktioniert absolut, da muss man Kitsch und Tragik hernehmen, um zu erzählen und um diese Erzählung wieder brechen zu können. Mich interessiert, dass man sich immer gemütlicher damit abfindet, Opfer zu sein. Mit diesem “Man kann ja nichts machen, Geld haben wir nicht, Zeit auch nicht, was sollen wir also schon groß ausrichten”. Ich merke auch bei mir, dass ich mich mit solchen Argumenten rechtfertige, warum ich das und das nicht tue. Das ist im Grunde eine Opferhaltung. Die Rolle macht mir das Leben einfacher. Alles, was ich mache, ist dadurch legitimiert, dass ich Leid erfahren habe. Und das ist die Rolle, die Isabelle H. ganz klar zugeschrieben wird, und die der Soldat sich über die Theatererzählung einverleibt.

Klar: Das macht Opfersein zu einer begehrten Rolle, weil man in diesem Opferstatus unangreifbar ist. Andererseits wird die Opferrolle ja oft extrem zurückgewiesen. Niemand will Mitleid, wenn’s wirklich schlimm ist, oder?

MM: Das klingt alles so wahnsinnig ernst. So schreibt Thomas Köck doch gar nicht.

Rothenbuchner: Das Publikum wird schon lachen können.

Klar: Das Stück unterläuft sich ja ständig selber. Es gibt sehr viele sehr gut geschriebene Pointen drin. Es wird immer wieder etwas aufgebaut und dann kaputt gemacht, was ja doch meistens witzig ist.

MM: Wie ist das Arbeiten mit Felix Hafner, der im letzten Jahr seines Schauspielregie-Studiums am Max Reinhardt Seminar ist? Während Sie schon fertig und geprüft sind?

Klar: Er ist der erste Regisseur, der jünger ist als ich.

Rothenbuchner: Es ist sehr entspannt. Es gibt einen guten Umgang miteinander. Wir können auch nicht den Mund halten, manchmal, also meistens, und so haben wir oft Spaß.

Klar: Er ist überhaupt sehr humorbegabt, deshalb sind die Proben sehr witzig.

Rothenbuchner: Er ist aber andererseits in aller Ernsthaftigkeit keiner, der einen Vorschlag nicht annimmt, nur weil die Idee nicht von ihm ist.

MM: Wie sind Sie beide Schauspieler geworden?

Klar: Ich bin übers Wiener Kindertheater zum Theater gekommen, eher zufällig damals. Und irgendwie irgendwann wollte ich dann unbedingt Schauspielerin werden.

Rothenbuchner: Ich hatte ein Erlebnis …

Klar: Wirklich, hattest du das? Ich möchte auch so gern erzählen können, das hat mich zur Bühne gebracht, aber so war das bei mir irgendwie nicht.

Rothenbuchner: Doch, das war eine Inszenierung am Wiener Schauspielhaus. Da sind die Zuschauer in Zwanzigergruppen mit je einem Darsteller zum Westbahnhof gezogen und wir waren wie in einer Prozession hinter einer spanischen Schauspielerin her und ich dachte, das ist es. Ich habe dann studiert, ein Jahr, und noch ein Jahr, und dann bin ich ans Theater und dachte, mal schauen, ob mir der Beruf überhaupt gefällt, und jetzt komme ich langsam dorthin, nicht mehr zu sagen, ich will Schauspieler sein, sondern ich bin Schauspieler.

MM: Sie beide sind nun vom Schauspielhaus Graz nach Wien gekommen. Sie sind aber ursprünglich Wiener. Aus Döbling und Floridsdorf. Wie war das Heimkommen in die Stadt?

Klar: Für mich sehr schön. Ich war lange in Graz, weil ich dort auch die Ausbildung gemacht habe, und ich genieße es, jetzt wieder in einer großen Stadt zu sein. Ich hatte erst Befürchtungen, dass das Nachhause kommen eng wird. Aber Wien ist wie eine neue Stadt, in der aber auch Menschen leben, die man schon lange kennt.

MM: Eng wird, im Sinne von: Die Mutti weiß wieder, was man macht?

Klar: Nein, davor habe ich keine Angst, ich bin sehr antiautoritär erzogen. Eng, weil man es aufgibt, ein Doppelleben zu führen. Ich hatte immer in Graz Arbeit, in Wien Urlaub, ein Leben da, ein Leben dort, getrennt, mit verschiedenen Personenkreisen. Ich mochte das auch gern, zwischen zwei Welten zu wechseln, jetzt mischt sich das mehr, aber: läuft.

Rothenbuchner: Ich war davor in Bern, dann Graz. Das war von 126.000 auf 260.000, jetzt sind’s 1,7 Millionen Menschen. Das hat mich anfangs schon geflasht. Ich bin sehr naturverbunden, ich mochte in Graz Mountainbiken, laufen, spazieren gehen, das geht mir in Wien ein bisschen ab. Ich bin halt ein Landei geworden. Aber Großstadt ist schon super. Ich bin extra nicht mehr in den 17., 18. Bezirk gezogen, sondern nach Favoriten, um nicht in alte Denkmuster und Gewohnheiten zu fallen. Ich muss sagen, es ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Ich wohn‘ beim Reumannplatz, das ist okay, aber die Distanzen sind enorm … Ich muss mir einfach ein gutes Rad besorgen.

Klar: So groß ist Wien auch wieder nicht. Man kann doch eh nicht durch die Burggasse gehen, ohne zwei Schauspieler zu treffen. Da weiß ich auch nicht, wie lange das gemütlich ist …

MM: Was wollen Sie vom Beruf? Was erwarten Sie sich?

Rothenbuchner: Dass ich ihn mit spannenden Projekten, mit Herausforderungen mein Leben lang ausüben kann. Ohne Angst. Dass ich nichts zum Essen habe. Dass ich ihn verliere. Sag‘ ich jetzt einmal so grad heraus.

Klar: Das Schöne an dem Beruf ist, als Gruppe in einen gemeinsamen Prozess zu gehen und etwas entstehen zu lassen, von dem man nicht weiß, wo es hinführt. Ich hätte gerne, dass das möglichst oft der Fall ist. Dass man ergebnisoffen arbeitet und, dass man wirklich zusammenkommt. Und vielleicht etwas erzählen kann, das für den Zuschauer die Perspektive verschiebt.

MM: Sie sind hier am Haus in zwei Produktionen, „Zu ebener Erde und erster Stock“ und „Romeo und Julia“, denen von der Kritik nicht einstimmig zugejubelt wurde. Wie gehen Sie damit um?

Klar: Es weht hier ein schärferer Wind als in Graz. Was ja auch bis zu einem gewissen Punkt interessant ist. Wir arbeiten daran, Produktionen auch intern gemeinsam auszuwerten. Wir besprechen, was wir von Inszenierungen halten, unabhängig davon wie sie draußen ankommen. Das ist mir sehr wichtig. Mir hilft es, wenn ich weiß, was ich in einer Sache sehe, wenn ich dahinter stehe, dann ist mir ein bisschen egaler, ob sie bei der Presse ankommt oder nicht. Was mich zuletzt geärgert hat, war, dass wir Schauspieler als Opfer eines Regiekonzepts dargestellt wurden. Keiner will das Opfer sein, siehe oben. Und es stimmt auch so nicht. Ich weiß schon, was ich tu.

Rothenbuchner: Ich fühle mich nicht persönlich angegriffen, wenn ein Abend generell verrissen wird. Gut, es steigert jetzt nicht die Motivation oder die Lust so einen Abend zu spielen. Es ist schon ein Dämpfer, es hat eine andere Energie in einer gefeierten Produktion rauszugehen.

Klar: Es macht auch etwas mit der Produktion. Schlechte Kritiken brauchen ein paar Vorstellungen, bis sie aus den Köpfen raus sind. Man kann sich aber nicht nur danach richten. Wichtig ist, in welche Richtung sich das Haus entwickeln soll.

MM: Womit wir wieder bei Neues Wiener Volkstheater wären. Wie bekommt man dazu neues Wiener Publikum? Was hat „Isabelle H.“ einer jungen Zuschauergeneration zu bieten?

Rothenbuchner: Das ist die alte Frage, warum junge Leute wenig ins Theater gehen. Außer in Schülervorstellungen und da sind sie ja quasi gezwungen. So wie meine Freunde, die ich nötige. Wenn ich da ein Patentrezept wüsste … „Isabelle H.“ eröffnet einen Diskurs über die aktuelle Flüchtlingssituation. Das dürfte ja schon mal interessieren.

Klar: Das Stück hat Irritationen zu bieten. Wenn man sich das ansieht, werden viele Fragen offen bleiben. Ich glaube, das ist etwas Gutes. Und ich hoffe auch, man ist gut unterhalten.

Rothenbuchner: Ich würde es mir auf jeden Fall anschauen. Das Schicksal des Daniel C.s allein ist es wert, sich das anzuschauen.

Klar: Ja, ja.

MM: Herr Rothenbuchner, Sie haben am Haus auch ein Projekt Junges Volkstheater im Rahmen der „Spieltriebe“ (mehr: www.volkstheater.at/junges/spieltriebe-die-spielclubs-des-jungen-volkstheaters/).

Rothenbuchner: Genau, „Generationen“, gemeinsam mit Bérénice Hebenstreit. Da machen Menschen um die 17 bis 21 mit Menschen ab 65 gemeinsam Theater. Da ist sehr spannend, wir arbeiten viel über Improvisation und Tanz. Sehr viel geht um die Begegnung, um die Auseinandersetzung miteinander. Es ist schön so viele unterschiedliche Menschen auf der Bühne zu sehen, und deren Freude und Interesse ist so groß, dass ich gar keine Inszenierung bräuchte.Aber wir werden konkret werden und ein Stück unserer Arbeit zeigen, bei einem Festival im Mai. Wir sind sehr entspannt, weil wir so viel Material, so viele Geschichten haben, die wir erzählen können. Der Kurs ist immer am Dienstag. Ein Lichtblick in der Woche.

Klar: Das ist doch ein wunderschöner Abschluss eigentlich.

Rothenbuchner: Ich weiß nicht, ich bin noch nicht zu Ende … Die beiden lachen.

Mehr zum Festival Neues Wiener Volkstheater: www.mottingers-meinung.at/?p=17988

www.volkstheater.at

Wien, 10. 3. 2016

Peter Handke am Schauspielhaus Graz

Februar 3, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Immer noch Sturm“ als Februar-Premiere

Immer noch Sturm Bild: Lupi Spuma

Immer noch Sturm
Bild: Lupi Spuma

Am 13. Februar kommt „Immer noch Sturm“ von Peter Handke auf der Hauptbühne zur Premiere. Regisseur Michael Simon (zuletzt Elfriede Jelineks „Rechnitz. Der Würgeengel“) lässt neben den SchauspielerInnen vierzehn SpielerInnen mit slowenischen Wurzeln und Sprache in seiner Inszenierung mitwirken. Zum Stück: Unter dem Apfelbaum seiner Ahnen, der wie diese fest im Jaunfeld verwurzelt ist, nimmt der Dichter Peter Handke eine Familienaufstellung vor. Anhand der zum Teil fiktionalisierten Biografien seiner Mutter, der ihrer Eltern und Geschwister, die der slowenischen Minderheit in Kärnten angehörten, wird ein bewegtes Zeitalter Kärntner Geschichte lebendig – vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Ich-Erzähler ist um Verstehen und Aneignung der Lebenswelt seiner Vorfahren bemüht, die wider Willen eine tragische Entwicklung erfährt. Als Spielleiter vermag er Zeiten und Perspektiven zu wechseln: mal ist er nur Beobachter, mal mischt er sich als Familienmitglied mit Fragen und Kommentaren ein. „Meine Vorfahren nähern sich von allen Seiten.“ Mit Julius Feldmeier, Kaspar Locher, Christoph Rothenbuchner, Seyneb Saleh, Birgit Stöger, Jan Thümer;
Matej Bunderla, Tanja Čertov, Stefan Czvitkovich, Heide Gaidoschik, Max Gallob, Judith Grandits, Ivanka Gruber, Ludwig Gruber, Petra Kohlenprath, Tomaž Kovačič, Andreas Kueß, Damijan Smrećnik, Stipe Subasic und Lara Vuković.

„Zugabe“ zu „Immer noch Sturm“: Die historische Deutung der Widerstandbewegung der Kärntner PartisanInnen während des Zweiten Weltkrieges ist ein thematischer Schwerpunkt in Peter Handkes Stück „Immer noch Sturm“. Die österreichische Schriftstellerin und Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap hat in ihrem Roman „Engel des Vergessens die Problematik der SlowenInnen in Kärnten behandelt. Für die „Zugabe“ liest sie am 25. Februar Ausschnitte aus ihrem Werk zum Thema. Nach dem großen Interesse an der Ausstellung zu „Thalerhof“ im Schauspielhaus Graz wird auch Michael Simons Handke-Inszenierung von einer thematischen Fotoausstellung zum Widerstand der Kärntner Slowenen gegen das NS-Regime begleitet. Die Ausstellung im Foyer und Salon im 1.Rang kann eine Stunde vor allen Vorstellungen auf der Hauptbühne besichtigt werden.

Auf der Probebühne inszeniert Alexandra Liedtke August Strindbergs Traumspiel „Fräulein Julie“. Die Premiere findet am 1. Februar statt. Zum Stück: Der Graf ist verreist, in der Scheune tanzen die Angestellten, die Küche haben der Diener Jean und die Köchin Kristin für sich. Aber das Fräulein Julie stört die Zweisamkeit der Verlobten. Die schöne Grafentochter will Jean, den Diener. Doch der Liebesrausch währt nur kurze Zeit und am nächsten Morgen sind die Rollen vertauscht – Jean ist der Überlegene, der die Tochter seines Herrn zur Gedemütigten macht und erweist sich als eiskalt kalkulierender Aufsteiger und was als Romanze begann, endet in einer blutigen Selbstvernichtung. Mit Tabea Bettin, Pia Luise Händler und Local Hero Thomas Frank.

Europa 14/18 – Die neue Reihe auf der Ebene 3

Kaum ein Krieg, der auch die Literatur der Zeit derart beeinflusst und so viel Dichtung hervorgebracht hat wie der Erste Weltkrieg: Klassiker der Weltliteratur sind darunter, wie die Werke Remarques, Hemingways oder Stefan Zweigs. Das Schaffen der Dichter und Dramatiker des Expressionismus, die die Zeit im und um den „Großen Krieg“ beschrieben, war sogar titelgebend für eine ganze künstlerische Strömung. Einerseits wurden mittels Kriegsberichten, Briefen von der Front, Erzählungen und Geschichten aus dem Schützengraben die zuhause Gebliebenen aus erster Hand über Gefahren, Leid und Leben im Feld informiert, oft aber auch emotionalisiert und mobilisiert. Andererseits war der Krieg in den Texten nicht zum Kampf eingezogener Zeitgenossen Thema, hier wurde er aus größerer Distanz beäugt, kritisch reflektiert, fand die allgemeine Stimmungslage Niederschlag. In der Reihe Europa 14/18 präsentieren SchauspielerInnen des Ensembles 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in loser Folge Literatur zu, über und aus der Zeit von 1914 bis 1918.

Krieg der Sterne: Ein Abend mit Fragmenten aus der Feldpost von August Stramm »Die Erde spritzt, als ob sie Reigen tanzt und dazwischen Rübenstücke und allerlei Gegenstände aufpeitscht. Man kann das gar nicht beschreiben, gar keinem klar machen, weil niemand es sich vorstellen kann, weil man es selber nicht glaubt, trotzdem man mitten im Erleben steckt.« August Stramm (1874 bis 1915), deutscher Schriftsteller und Postbeamter, war führender Dichter im expressionistischen Kreis um H. Waldens Zeitschrift Der Sturm. Seine Texte bestechen durch eine radikale Verdichtung und Transformation der Sprache. Von & mit Pia Luise Händler und Gästen am 26. Februar. Valentin, Ganghofer und die laute Zeit: Sketche, Couplets, Gedichte von Karl Valentin und Ludwig Ganghofer. Die einen schrieben von Zuhause aus, die anderen berichteten aus dem Schützengraben. Mit Steffi Krautz & Franz Josef Strohmeier am 20. März.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 3. 2. 2014