Alexander Ilitschewski: Matisse

Januar 8, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein schonungsloses Porträt der russischen Wendezeit

matisseAuf den Straßen des winterlichen Moskau geraten die ständig mehr werdenden Obdachlosen in kleinen Fehden um das Terrain mit Straßenkindern aneinander und suchen sich für die kalten Nächte ihre Schlafplätze in den Treppenabsätzen der Häuser. Die Bewohner achten längst nicht mehr auf sie, und steigen über sie hinweg.

In einem dieser Häuser lebt der feinsinnige, mit außergewöhnlichen Sinnesfähigkeiten ausgestattete Physiker Koroljow. Aufgewachsen in verschiedenen Kinderheimen der alten Sowjetunion, findet er sich in den Wirren der Umbruchszeit Anfang der 1990er Jahre in der Hauptstadt nur schwer zurecht. Weil er selbst seine Kindheit im Internat und seine Jugend im Studentenwohnheim verbracht hat, und dort die „Unbehaustheit im Laufe seines Lebens heftig zu spüren bekommen hat“, vertreibt er die Obdachlosen nicht.

Während all seine Freunde und Kollegen das Land verlassen oder umkommen, bleibt der Naturwissenschaftler in der chaotischen Stadt zurück, schlägt sich mit abwegigen Jobs durch, lernt die beiden Obdachlosen Nadja und Wadja kennen und führt schließlich selbst das Leben eines Obdachlosen. Alle materiellen Sicherheiten ablehnend, begibt sich Koroljow – Verehrer der Bilder Henri Matisses, Pilger und heiliger Narr – auf Reisen, und sucht auf dem Land, in der russischen Weite, Tiefe und Heil.

Alexander Ilitschewski, einer der bedeutendsten russischen Gegenwartsautoren, entwirft in seinem Roman „Matisse“ ein schonungsloses Porträt der russischen Wendezeit, wo bittere Armut parallel zu extremen Reichtum existiert, und alle bestehenden Werte durch neue abgelöst werden. Denn mit der Auflösung des alten Systems sind auch vertraute Denkmuster und Welterklärungen obsolet geworden. An ihre Stelle tritt eine tiefe Verunsicherung. Wie wird die Zukunft aussehen? Wo steht der Einzelne in der Gesellschaft?

Und so ist die Obdachlosigkeit, die im Roman eine so wichtige Rolle spielt, mehr als nur ein Fehlen eines „ständigen Dachs über dem Kopf“, sondern eine allgemeine Befindlichkeit: „Trotz der völligen Sicherheit, trotz der totalen Abwesenheit äußerer Bedrohung, trotz der endgültigen Unmöglichkeit des Weltuntergangs, der die ältere Generation auf Trab gehalten und der jetzt futsch war, hatte sich überall Angst ausgebreitet. Nackt stand die tägliche Angst in den Augen der Menschen, rundum erstarrte die Angst zu Sülze, sie zitterte wie eine wabbelige, zähe, luftleere Masse. Die Menschen – schon abgestumpft gegen die Verelendung, gegen die qualvolle alltägliche Vergeblichkeit – fürchteten sich, man wusste nicht wovor, aber sie taten es heftig und voller Unruhe. Es regierte das Angsterhaltungsgesetz. Sie fürchteten keine entfernten Instanzen, keine abstrakten Machtstrukturen, sondern den konkreten Alltag, konkrete Verkehrspolizisten, konkrete Niedertracht, konkrete Demütigungen und Übergriffe.“

Zu den Gewinnern der Wende zählt Koroljow nicht. „Er war sein Leben lang Opfer und Frucht großer und kleiner Irrtümer, er sah die Welt rundum verzerrt durch eine dicke Linse der Fantasie.“ Doch Fantasie ist im neuen Russland nicht gefragt, höchstens bei Gaunern, die immer neue Wege finden, um mit den abstrusesten Geschäften zu Geld zu kommen – und am Ende doch wieder alles zu verlieren. Der 1970 geborene Autor zeichnet in mitunter apokalyptischen Bildern, eine zerstörte, orientierungslose Gesellschaft, in der Freidenker wie Koroljow keinen Platz haben. Statt seine Doktorarbeit zu beenden, erkundet er lieber den Park eines nahen Anwesens, selbstvergessen, ähnlich einem Insektenforscher, der sich in das Muster eines Schmetterlingsflügels vertieft. „Er war der Ansicht, dass die Menschen die Zeit immerzu antrieben, dass sie sie störten.“

Schließlich verliert der Träumer seine Wohnung, schlendert durch Moskau, schläft in verfallenen Fähranlagehütten und philosophiert über alles und nichts – die Zeit, den Raum, die Welt, den Tod. Er schlägt sich als Maschineneinrichter am Fließband, Reklameplakatekleber, später als Warenkoordinator eines dubiosen Kleinhandelsunternehmens durch. Der Kontakt zu seinen Mitmenschen und Freunden bricht ab. Er beginnt zu malen, seine Liebe zu den Bildern von Henri Matisse bleibt. Bis er schließlich unter der Erde, im weitläufigen Areal der alten Metro landet. Das unterirdische Moskau übt eine besondere Faszination auf ihn aus, Tagträume suchen ihn heim, bis er an der Oberfläche wieder den Frühling begrüßt, Wadja und Nadja erneut trifft und sich ihnen anschließt. Er möchte raus aus Moskau, in den Süden und dann vielleicht nach Israel. Fortan ziehen sie gemeinsam durchs Land. Sie nehmen ihr Schicksal an und leben ihr Leben, ohne dass sich jemand für sie interessiert. Sie begegnen in verschiedenen Stationen einem Land im Umbruch und Menschen, die in ihrer kleinen Welt dem Schicksal trotzen und weitermachen. „Nur krank werden durfte man nicht. Krankheit verdammte einen zum Tod; die Straße duldet keine Kranken – man wird verlassen, vergessen.“

Alexander Ilitschewski gilt nicht zu Unrecht als ein großer Erzähler. In seiner poetischer Sprache konfrontiert er den Leser mit immer neuen Eindrücken, Träumen, Wahrheiten und verwebt sie zu einem außergewöhnlichen Entwicklungsroman. Am Ende trennen sich die Wege der drei Suchenden. Koroljow muss weiter. „Er hatte sich geschworen, von nun an nie mehr auf sie zu warten, und stürzt weiter – voran, der sich zum Horizont neigenden Sonne nach. Der Sonne nach, die vor die Zukunft gespannt war.“

Über den Autor:
Geboren 1970 in Aserbaidschan, studierte Ilitschewski Mathematik und Theoretische Physik an der Lomonossow-Universität in Moskau, wo er nach Abschluss des Studiums auch als Dozent tätig war. Es folgten langjährige wissenschaftliche Arbeitsaufenthalte in Israel und Kalifornien, erst 1998 kehrte er nach Russland zurück. Seit den neunziger Jahren veröffentlichte er Zeitungsartikel, Essays und Romane, die mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Russischen Booker-Preis für den Roman „Matisse“ (2006) ausgezeichnet wurden. Seit 2013 lebt Ilitschewski in Jerusalem. Am 11. Jänner 2016 erschien sein Roman „Die Perser“ bei Suhrkamp.

Matthes & Seitz Berlin, Alexander Ilitschewski: „Matisse“, Roman, 427 Seiten. Aus dem Russischen von Valerie Engler und Friederike Meltendorf.

www.matthes-seitz-berlin.de

Wien, 8. 1. 2016