Kunsthalle Wien/Wiener Festwochen: And if I devoted my life to one of its feathers?/Ho Tzu Nyen: No Man II

Mai 30, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganz Wien wird zum Ausstellungsraum

Chto Delat: Eine Feder, visualized by Dmitry Vilensky, 2020, Courtesy die Künstler*innen

Ursprünglich für den Frühsommer 2020 geplant, ist die gemeinsame Ausstellung mit den Wiener Festwochen, „And if I devoted my life to one of its feathers?, kuratiert von Miguel A. López, auf das kommende Jahr verschoben. Eine Auswahl von Arbeiten für den öffentlichen Raum gibt nun allerdings einen ersten Vorgeschmack:

Ab 1. Juni sind eigens für dieses Projekt geschaffene Statements von sechs Künstlerinnen, Künstlern und Kollektiven – Manuel Chavajay, Chto Delat, Inhabitants mit Margarida Mendes, Daniela Ortiz, Prabhakar Pachpute und Sophie Utikal – auf 250 großformatigen Plakatflächen in ganz Wien verteilt zu sehen.

Dieser „Prolog im öffentlichen Raum“ versucht, einige der Stimmen und Themen der Schau in ein Medium zu übersetzen, das mit den Hindernissen und Umständen vereinbar ist, mit denen Kulturschaffende in aller Welt dieser Tage umgehen müssen. López hat sie eingeladen, Arbeiten zu kreieren, die aus der Perspektive der je eigenen Erfahrungen, Sorgen, Geografien und politischen Gemeinschaften auf die Pandemie reflektieren.

In jedem Werk kommt eine andere Sicht auf die Welt zum Ausdruck, in der die Coronavirus-Pandemie zwar alle, aber nicht alle gleichermaßen betrifft. Ganz im Geiste der ursprünglichen Schau wollen diese Interventionen eine Auseinandersetzung über Selbstbestimmung sowie gesellschaftlichen und ökologischen Wandel anstoßen. Der öffentliche Raum ist zuletzt zum Schauplatz der einschneidendsten Veränderungen in unserem Alltag geworden. Zuerst war er unzugänglich oder nur stark eingeschränkt nutzbar. Jetzt aber ist in Wien ein Wiederaufleben der Möglichkeiten zu sehen, die er für einen körperlich erlebbaren und gesellschaftlichen Dialog bietet – und die künstlerisch aktiviert werden wollen.

„Der Titel ,And if I devoted my life to one of its feathers? Ein Prolog im öffentlichen Raum‘ zitiert die chilenische Dichterin und Aktivistin Cecilia Vicuña, die auffordert, ästhetische und geistige Bande zwischen Mensch und Natur zu knüpfen“, so Miguel A. López. Und weiter: „Rund um den Erdball hat die Covid-19-Pandemie das Alltagsleben zum Erliegen gebracht und Vorstellungen außer Kraft gesetzt, die unserem Weltverständnis zugrunde liegen. Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen – Lockdowns und plötzlich geschlossene Grenzen und Türen – war  klar, dass wir nicht einfach die Ausstellung verschieben konnten: Es galt, ein gemeinsames transnationales Gespräch über diese neu errichteten Mauern hinweg am Leben zu erhalten.“

Daniela Ortiz: Papa, with P for Patriarchy, 2020, Courtesy die Künstlerin

Manuel Chavajay: Tz’ikin, 2020, Bild: Josue Samol, Courtesy der Künstler

Prabhakar Pachpute: A plight of hardship, 2020, Bild: P. Pachpute & Amol K Patil, Courtesy der Künstler

Die fünf besten Beiträge:

Chto Delat: Kollektiv, gegründet 2003 in Petersburg –  Eine Feder, visualisiert von Dmitry Vilensky, 2020. Der Beitrag des russischen Kollektivs Chto Delat bedient sich der Ästhetik sowjetischer Anti-Atomkriegs-Plakate aus den 1970ern, in denen ausgeschnittene Bilder zu einer Darstellung bedrohlicher Szenarien collagiert sind, die verheerende Umweltzerstörungen zeigen. Die Frage, die Chto Delats grafische Arbeit aufwirft – „Und wenn nun eine Feder vom Körper abfällt?“ – reformuliert spielerisch den Titel der Ausstellung und fordert uns auf, den Ursprung der Corona-Pandemie als „Schwarzen Schwan“ zu begreifen: ein unvorhersehbares und unerwartetes Ereignis, das schwerwiegende Folgen nach sich zieht. In der spekulativen Fiktion der Arbeit ist eine vernetzte und globalisierte Welt zum Spielball eines Nacktmeerschweinchens geworden, einer Abart des Meerschweinchens, die 1978 von Wissenschaftlern gezüchtet wurde.

Daniela Ortiz: aus Cusco, Peru – Papa, with P for Patriarchy, 2020. Diese Arbeit der antikolonialen Künstlerin und Aktivistin Daniela Ortiz bewirbt ein von Hand gezeichnetes Kinderbuch über einen Vater, der ein Held ist – aber ein Held des Patriarchats. Das Bild stellt die diversen Figuren in einer Geschichte vor, die den rechtlichen Mechanismen nachgeht, die hinter rassistischen und patriarchalen Übergriffen und Gewalt stecken. Ortiz zeigt auf, dass psychische Unterdrückung und die mit ihr verbundenen Formen wirtschaftlichen, seelischen, körperlichen und emotionalen Gefangenseins, wie insbesondere alleinerziehende Mütter sie erfahren, der gesellschaftlichen Isolation ähneln, die den Menschen wegen der Covid-19-Pandemie auferlegt wurde. Das Buch kann unter kunsthallewien.at/papapatriarchy kostenlos heruntergeladen werden.

Manuel Chavajay: aus San Pedro La Laguna, Guatemala – Tz’ikin, 2020. Der Künstler Manuel Chavajay, ein Angehöriger des Maya-Volks der Tz’utujil, stellt Tz’ikin dar, einen der zwanzig nahuales der mittelamerikanischen Kosmologie, in der sie als persönliche spirituelle Begleiter und Schutzgeister der Menschen auftreten. Die Figur hält einen Goldbarren und steht so symbolisch für die Sicht des Westens auf die angestammten Gebiete der Maya: als Ort der Kapitalakkumulation durch Rohstoffextraktion – mittels der Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen. Das Wort „Ru k’ayewaal“ unter der Figur stammt aus dem Tz’utujil und kann mit „wegen einer aufgezwungenen Gewaltsituation in Not“ übersetzt werden.

Prabhakar Pachpute: aus Pune, Indien – A plight of hardship, 2020. Die Figur, die in Prabhakar Pachputes Zeichnung ihrer Wege geht, ist aus Körperteilen, persönlicher Habe und Putzzubehör zusammengesetzt und erinnert so an die Ikonografie diverser indischer Göttinnen, die mit Seuchen in Verbindung gebracht werden. So lenkt der Künstler die Aufmerksamkeit auf die Kehrseite des erlahmenden Alltagslebens in aller Welt und der landesweiten Ausgangssperren: Die schlecht bezahlten Arbeitskräfte, die mit ihren unverzichtbaren Tätigkeiten während der Pandemie den sprichwörtlichen Laden am Laufen halten, haben oft keinen Zugang zu Leistungen wie bezahltem Urlaub und einer Krankenversicherung. Die wandernde Figur lässt auch an Migranten denken, die sonst nirgends hinkönnen, oder vielleicht an die derzeitige Massenflucht aus dicht bevölkerten Städten aufs Land. Unter den diversen Schichten, die die Figur sich übergezogen hat, wird eine als Gewalt erfahrene Rechtlosigkeit und insbesondere das Fehlen von Arbeitnehmerrechten erkennbar.

Inhabitants mit Margarida Mendes – What Is Deep Sea Mining?, 2018–20. Inhabitants ist ein 2005 von den portugiesischen Künstler*innen Pedro Neves Marques und Mariana Silva gegründeter Onlinekanal für Videos und dokumentarische Arbeiten, die Themen rund um den Umweltschutz und das Anthropozän untersuchen. Das gezeigte Schaubild gehört zu einem größeren Forschungsprojekt zur Bergbauindustrie in der Tiefsee, die beginnt, die Weltmeere ihrer Profitgier zu unterwerfen. Es wirft ein Schlaglicht auf laufende Erkundungen im Rahmen geplanter Tiefseeminen, die sich über eine Fläche der Größe Europas erstrecken sollen. Die Verwüstung des Meeresbodens stellt nicht nur für Meeresflora und -fauna und ganze Ökosysteme, sondern auch für den weltweiten Kampf gegen Umweltungerechtigkeit und die nahende Klimakatastrophe eine akute Bedrohung dar.

Inhabitants with Margarida Mendes: What is Deep Sea Mining?, 2018–2020, Courtesy die Künstler*innen

No Man II (Detail): Ho Tzu Nyen. Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

No Man II (Detail): Ho Tzu Nyen. Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

Wiener Festwochen – Ho Tzu Nyen: No Man II

Die Videoinstallation „No Man II“ von Ho Tzu Nyen ist die einzige künstlerische Arbeit der Wiener Festwochen 2020, die in ihrer geplanten Form stattfinden kann. Von 2. Juni bis 30. September belebt die Installation mit einem geisterhaften Chor aus Menschen, Tieren, Hybriden und Cyborgs die Kärntnertorpassage am Karlsplatz. Die Arbeiten des singapurischen Videokünstlers und Theatermachers Ho Tzu Nyen sind visuell beeindruckende Werke mit einer Unzahl kultureller Referenzen. Zentrales Thema ist bei Ho die Erforschung der kulturellen Identitäten Südostasiens, die von so vielen Einflüssen überschrieben wurden, dass eine Reduktion auf einen gemeinsamen historischen Kern fast unmöglich ist. „Kein Mensch ist eine Insel für sich allein.“

Der Titel der Videoinstallation bezieht sich auf eine Zeile des englischen Dichters John Donne aus dem Jahr 1624.No Man II“ vereint 50 aus Onlinematerial digital generierte Figuren. Sie bilden eine bunt zusammengewürfelte Ansammlung, animiert mit zwiespältig anmutenden Bewegungen, vom harmlos menschlichen Verhalten bis zum taumelnden Gang der Zombies. Vielleicht sind sie eine kleine Auswahl der figurativen Imagination der Menschheit quer durch die Geschichte. Vielleicht sind sie „wir“. Vielleicht auch „wir“ nach „uns“, wenn die menschliche Spezies verschiedene Mutationen durchlaufen haben wird. Ein unerwartetes Echo findet diese faszinierende Choreografie digitaler Körper durch ihre Platzierung im städtischen Raum, wenn sie mit den Bewegungen der Passantinnen und Passanten in der Passage der U-Bahn-Station Karlsplatz interagiert.

kunsthallewien.at             … von Brot, Wein, Autos …: www.mottingers-meinung.at/?p=40411

www.festwochen.at           Ho Tzu Nyens „No Man II“: www.mottingers-meinung.at/?p=40289

  1. 5. 2020

Wiener Festwochen: Christophe Slagmuylders Plan C

Mai 7, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tägliche Theater-Gesten und zwei Ausstellungen

Kay Sara und Milo Rau: Against Integration. Bild: Heloisa Bortz

Heute stellte Intendant Christophe Slagmuylder seinen Plan C – C wie #Corona – für diesjähigen Festwochen vor, die am 15. Mai hätten starten sollen – und das werden sie auch, als Festwochen 2020 reframed. Zum Auftakt des Festivals wird die Rede von Milo Rau und Kay Sara, die die beiden im Burgtheater hätten halten sollen, am 16. Mai online erscheinen, am gleichen Tag Der Standard eine Beilage beilegen, mit Beiträgen zum Programm und als Forum für die Stimmen jener Künstlerinnen und Künstler, die man im Mai/Juni eigentlich nach Wien einladen wolle. Sie soll Print-Zeugnis eines Festivals sein, das nun nicht stattfindet …

„Von 15. Mai bis 20. Juni wird im Netz Tag für Tag jedes Werk aus dem Programm entsprechend der Chronologie im Festival virtuell angedeutet“, so Slagmuylder über weitere Ideen. Derart wird eine Sammlung kleiner ,Gesten‘ entstehen, mal aus existierendem Material, mal als Einblick in das Entstehen eines neuen Stücks, das seine Uraufführung noch vor sich hat. Bewegte Bilder, musikalische Fragmente, kurze Texte. In Form von Gesprächen, Workshops, Videoclips. Spuren oder Versprechen, in Summe bilden sie eine Art Archiv eines Festivals, das nicht stattfindet …

Nicht vergessen wird auf den realen, öffentlichen Raum. Ab 2. Juni wird Ho Tzu Nyens „No Man II“ die Kärntnertorpassage am Karlsplatz beleben. Und ebenfalls Anfang Juni wird Kurator Miguel A. López einen Prolog zur Ausstellung „And if I devoted my life to one of its feathers?, ein gemeinsames Projekt mit der Kunsthalle Wien, in Form einer Plakat-Aktion ins Freie übersiedeln.

Apropos, Plakat: Statt die Festivalkampagne wie jedes Jahr in den Stadtraum zu tragen, haben die Festwochen Freunde, Mitarbeiter und Künstler gebeten, die Plakate in ihrer derzeitigen Umgebung in Szene zu setzen. Die Beiträgen sind ab morgen in den Social-Media-Kanälen der Festwochen mit den Hashtags #festwochen2020 #reframed zu entdecken gibt. Wer mitmachen und die Welt verschönern möchte, schickt ein Mail mit Adresse an s.preindl@festwochen.at Vermehrt Schönes! Auch in den eigenen vier Wänden.

Die diesjährigen Festwochen-Plakate von Freunden, Künstlern und Mitarbeitern in Szene gesetzt. Bild: © diverse

Ho Tzu Nyen: No Man II, 2017. Bild: Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

And if I devoted my life to one of its feathers? – Jim Denomie: Standing Rock, 2016, Courtesy der Künstler

Intendant Christophe Slagmuylder präsentiert seinen Festwochen-Plan C. Bild: Andreas Jakwerth

„Abhängig davon, was realisiert werden darf und kann“, will Slagmuylder zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr ein kleines Programm stattfinden lassen, bestehend aus Stücken, die jetzt im Frühling bei den Wiener Festwochen präsentiert werden sollten. mottingers-meinung.at wird rechtzeitig berichten.

www.festwochen.at

7. 5. 2020

Wiener Festwochen: Sopro

Juni 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus dem Dunkel ins Rampenlicht

Souffleuse Christina Vidal erzählt ihre Theatergeschichten. Bild: © Filipe Ferreira

Dem Publikum bescheren sie unvergessliche Momente, die Souffleusen und Souffleure in der „Gassn“ oder ersten Reihe. Wunderbar die Beflissene, deren Einsagen bei Bernhards „Der Schein trügt“ am Burgtheater alle im Saal verstanden hatten – nur Martin Schwab nicht, der sich mit einem ebenso gut hörbaren „Wie bitte?“ an sie wandte. Gelungen der Zuflüsterer, der Rainer Galke bei „Alte Meister“ am Volkstheater mit dem Burgenländischen vertraut machen wollte:

„schware kindheid ghobt.“ – „Was?“ – „schware kindheid ghobt.“ – „Was?“. An der Josefstadt wisperte die Stimme aus der Tiefe einmal so laut, dass Hausherr Herbert Föttinger nichts blieb, als ihren Satz mit einem finalen „Genau!“ zu parieren. Das ist charmant und unterhält und sorgt für ein Lächeln, das Wissen, dass die Schauspielgötter auch nicht unfehlbar sind und mitunter Hilfe aus der Unterwelt benötigen. Der portugiesische Dramatiker und Regisseur Tiago Rodrigues, Leiter des Lissabonner Teatro Nacional D. Maria II, würdigt seine Souffleuse nun mit dem Stück „Sopro“, zu Deutsch: Hauch. Seit 39 Jahren ist Cristina Vidal am Haus tätig und machte anfangs kein Hehl daraus, dass sie den „innovativen Einfall“ des Chefs, ihre Anekdoten zu einem Text zu montieren, für eine Schnapsidee hielt.

Nun steht sie auf der Bühne des Theaters an der Wien, eine kleine, grauhaarige Frau, ganz in Schwarz gekleidet, doch nicht allein mit ihren Erinnerungen, sondern umgeben von einem fünfköpfigen Ensemble, dem sie – naja: souffliert. Heißt: Sie arrangiert die Schauspieler Szene für Szene so, wie sie’s braucht, und befördert in deren Ohren, was sie gesagt haben will, und siehe, beim Nachsprechen verwandeln sich die Darsteller die jeweiligen Situationen an: Maschas Schmerz, als Werschinin abreist, der Streit zwischen Antigone und Ismene, Harpagons Paranoia … Derart beschwört Vidal den Bühnenzauber, erzählt aus ihrem Leben, wie eine Tante sie mit dem Theatervirus infizierte, erzählt auch von der Liebe einer Intendantin zum arroganten „Jungen Helden“, weiß Geschichte um Geschichte, was alles schiefgehen und wie man’s retten kann.

Die Spielsituationen werden ins Ohr geflüstert. Bild: © Filipe Ferreira

Bild: © Christophe Raynaud de Lage

Die im Dunkel tritt ins Rampenlicht, und wie selbstverständlich werden die Akteure Beatriz Brás, Carla Bolito, Isabel Abreu, Marco Mendonça und Romeu Costa durch Vidals „Hauch“ zu immer neuen Figuren entwickelt, und es ist pure Magie, wie man als Zuschauer selbst bald mit diesem rauen, melodischen Portugiesisch mitzuatmen beginnt, als wär’s das Einfachste auf der Welt, während Vidal ein ganzes Gefühlsspektrum von lebensweise bis humorvoll bespielt. Tiago Rodrigues knüpft die Rückschau seiner Souffleuse an keinen linearen Handlungsfaden, er lässt sie ihren Stimmungen folgen. Wichtigster Sinn des ganzen Abends ist ihm der ewig gültige Glaube an den Wert von Drama, Theater, Literatur.

„Wir brauchen einen Ort, wo wir uns den Mysterien widmen können“, sagt der Direktor im Stück. „Wir brauchen diese Stunden, in denen wir unerwartete Verbindungen herstellen zwischen dem, was schon war, auf der Suche nach dem, was noch fehlt.“ Rodrigues erweist sich als großer Liebender, und wer es ihm gleichtun kann, für den ist dieser Theaterabend ein einziges Glück. Am Ende offenbart Cristina Vidal, warum sie sich auf dessen Experiment doch noch eingelassen hat. Der jüngste Intendant, den das Teatro National Dona Maria II je hatte, ist am gleichen Tag geboren, an dem sie zum ersten Mal dort als Souffleuse gearbeitet hat – das machte Cristina in positivem Sinne abergläubisch.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=51&v=VSTKhKAV-8E

www.festwochen.at

  1. 6. 2019

Leopold Museum: Klimt, Waldmüller, Verborgene Schätze

Dezember 6, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Drei neue Ausstellungen zum Reopening

Otto von Thoren: Skizze zum Seebad bei Trouville, um 1880. Bild: © Leopold Museum, Wien

Nach einem Monat Umbauphase eröffnet das Leopold Museum heute mit drei neuen Ausstellungen. Zu sehen ist Wege ins Freie. Von Waldmüller bis Schindler. Der ästhetische Rahmen der Gattung Landschaftsmalerei war im 19. Jahrhundert überaus breit. Wurde die freie Natur in der Romantik als bedrohliche Kulisse oder entrückter Sehnsuchtsort auf die Leinwand gebannt.

So konnte sie in der Biedermeierzeit als lichtdurchflutete Bühne des ländlichen Alltags fungieren. Die Bildanekdoten von Ferdinand Georg Waldmüller und Friedrich Gauermann bestechen dabei durch überrealistische Helldunkel-Kontraste, welche die dargestellten Szenerien gleichsam zu einer Parallelnatur erhoben. Einen anderen Weg ging ab 1860 jene jüngere Generation, deren Spiritus Movens und Zentralfigur der „österreichische Corot“ Emil Jakob Schindler war. Unter Verwendung dezenter Farbtöne huldigte dieser KünsterInnenkreis den unspektakulären, von lyrischen Stimmungen durchwehten Landschaftsstrichen.

Sowohl die idyllische Umgebung der Donaumetropole als auch Westfrankreich, Italien, Dalmatien, die Niederlande und Ungarn waren Ziele ihrer ausgedehnten Malausflüge. Synergetische Effekte ergaben sich aus der Auseinandersetzung mit der Freilichtmalerei der Schule von Barbizon, der Haager Schule, der Münchner Schule sowie der holländischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts. Malerinnen und Maler des österreichischen Stimmungsrealismus fanden dabei zu individuellen, teils höchst eigenwilligen Lösungen. In der Ausstellung „Wege ins Freie“ werden Werke von Rudolf Ribarz, Robert Russ, Eugen Jettel, Otto von Thoren, Anton Romako und August von Pettenkofen gezeigt. Ein besonderes Augenmerk gilt Tina Blau-Lang, die sich als herausragende Landschaftsmalerin in einem männlich dominerten Metier behaupten konnte und sich als Kunstlehrerin verdient machte. Wechselbeziehungen zwischen den Kunstmetropolen Wien und Paris sowie das Verhältnis mancher Maler zum jungen Medium Fotografie werden ebenso berücksichtigt.

Klimt – Moser – Gerstl präsentiert ausgewählte Werke der Hauptvertreter des Wiener Jugendstils Gustav Klimt und Koloman Moser sowie des wegweisenden Frühexpressionisten Richard Gerstl. Gustav Klimts Schaffen markiert den Anfang der modernen Kunst in Österreich. Zwei Jahrzehnte bevor Klimt als streitbarer Kämpfer gegen die Kunst des Historismus auftrat, war er selbst Teil dieser auf klassische Traditionen sich berufenden kulturellen Epoche. Ein künstlerischer Paradigmenwechsel und die Ausbildung eines individuellen Stils setzten bei Klimt Mitte der 1890er-Jahre ein, als er erste Entwürfe zu den Fakultätsbildern für die Universitätsaula anfertigte. Mit seinem ornamental-dekorativen Stil wurde er nicht nur zum bedeutendsten Vertreter der Secession, sondern auch ein begehrter Porträtist für die Damen des wohlhabenden Wiener Großbürgertums. Ab der Jahrhundertwende entstanden zudem elegische Landschaftsbilder, die seinen Ruhm zusätzlich steigerten. In dem Gemälde Tod und Leben aus der Sammlung des Leopold Museum setzt sich Klimt auf unbewusst traumhafte Weise eindrücklich mit dem Naturkreislauf von Entstehen und Vergehen auseinander.

Gustav Klimt: Ausschnitt aus Tod und Leben. Bild: © Leopold Museum

Michael Powolny: Hermenvase, um 1906. Bild: © Leopold Museum, Wien, Inv. 4601

Koloman Moser wurde einer der prägendsten Gestalten der Secession. Als „Tausendkünstler“ (Hermann Bahr) bezeichnet, lieferte er zahlreiche Illustrationsbeiträge für die Zeitschrift Ver Sacrum, zeichnete als Ausstellungsgestalter für viele Secessionsausstellungen verantwortlich, war Professor an der Kunstgewerbeschule, Mitbegründer (mit Josef Hoffmann und Fritz Waerndorfer) und vielbeschäftigter Entwerfer der Wiener Werkstätte, Bühnenbildner und nicht zuletzt Maler von Landschaften und symbolistischen Figurendarstellungen. Richard Gerstl, von dem das Leopold Museum Dank des Sammlers Rudolf Leopold die umfangreichste Sammlung besitzt, widersetzte sich sowohl stilistisch wie auch inhaltlich dem Programm der Wiener Secession. Entgegen aller Traditionen schuf er ein radikal unkonventionelles, wenngleich schmales OEuvre, das auf stilistischen Experimenten aufbaute und ihn als Wegbereiter des österreichischen Expressionismus kennzeichnet.

Verborgene Schätze II rückt zentrale Werke der Sammlung des Leopold Museum ins Scheinwerferlicht, die aufgrund ihres prekären Erhaltungszustandes lange nicht ausgestellt werden konnten. Die Ausstellung gibt spannende Einblicke in den Facettenreichtum der Sammlung. Präsentiert werden Gemälde von Tina Blau, Koloman Moser und Anton Kolig, Grafiken von Lovis Corinth, Bertold Löffler und Maria Likarz-Strauss sowie wichtige kunsthandwerkliche Objekte und Möbel von Dagobert Peche, Josef Hoffmann und Otto Wagner. Zugleich reflektiert die Schau eine der zentralen Aufgaben des Museums, die neben der Erforschung, Vermittlung und Präsentation von Kunstwerken gerade in deren Bewahrung für unser kulturelles Gedächtnis besteht. Seit der ersten von Direktor Hans-Peter Wipplinger initiierten Präsentation des Projekts „Verborgene Schätze“ im Jahr 2016 konnten zahlreiche PatInnen gewonnen werden, die durch ihr großzügiges finanzielles Engagement dazu beigetragen haben, diese Schätze in Zukunft der Öffentlichkeit wieder dauerhaft zugänglich zu machen.

Der Vergleich zwischen Objekten, deren Restaurierung bereits abgeschlossen wurde und jenen „Schätzen“, die noch gehoben werden müssen, gibt Einblick in das breite Spektrum an konservatorischen bzw. restauratorischen Möglichkeiten von heute. Diese reichen von Maßnahmen im Sinne einer grundlegenden Substanzsicherung über solche, die sich auf das optische Erscheinungsbild oder die Präsentation des Kunstwerks beziehen bis hin zu präventiven Methoden.

www.leopoldmuseum.org

6. 12. 2018

Herz & Hirn II: Gunkl & Walter im Gespräch

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dem Publikum wie im Wohnzimmer sitzen

Gunkl & Walter. Bild: Robert Peres

Gunkl & Walter sind mit ihrem neuen Programm unterwegs. Das heißt „Herz & Hirn II“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30094) und handelt von Ziegengöttern, dem Langzeitgedächtnis von Fliegen – und ist ein einziges Verplaudern. Ein Gespräch über eigentlich eh alles:

MM: Mit Ihrem Programm „Herz & Hirn II“ wollen Sie vom Publikum neben aktivem Zuhören auch aktives Mitreden. Ist das schon einmal passiert?

Gunkl: Jaja. Immer wieder stellen Leute Fragen, die wir versuchen im Rahmen unserer Möglichkeiten zu beantworten. Das ist ja Teil zwei unseres Programms, und schon bei Teil eins war es so, Mitreden ist also sozusagen Programm. Ich habe den Eindruck, die Menschen sind froh, mitreden zu können, und das tun sie in einem sehr angenehmen Rahmen. Wir bemühen uns, bei aller Klarheit, die wir zu gewissen Dingen haben, nett zu sein, den Abend nett zu gestalten, und die Menschen genießen das auch, dass wir ein Gärtchen bereitstellen, an dem es möglich ist, sich zu beteiligen. Das ist ein Unterschied zum Rausblöken all dessen, was einem am Oarsch geht, Hass und Galle unters Volk zu bringen, dieses sich Einbringen.

Gerhard Walter: Was ich immer wieder höre, ist, dass die Leute das Gefühl haben, sie würden mit uns im Wohnzimmer sitzen. Das ist schön, wenn wir das vermitteln. Es ist ja für uns auch interessant, dass durch die Beteiligung des Publikums der Abend auch für uns immer wieder neu ist. Wir wissen nie, in welche Richtung sich das Ganze entwickelt. Natürlich gibt es im Hintergrund ein Ding, das man in der geistigen Lade hat, aber das ist nicht zwingend. Einmal ist vom vorbereiteten ersten Teil vor der Pause nichts übriggeblieben …

Gunkl: Da war der Abend freie Gestaltung.

MM: Sie geben auch gleich zu Beginn das Verplaudern als wesentlichen Bestandteil Ihrer Doppelconférence vor. Wie kommen Sie auf Themen, wo schränken Sie ein, und wie rot ist der Faden tatsächlich?

Gunkl: Wir treffen uns im Kaffeehaus und plaudern, und dann sind wir, was die Gespräche so angenehm macht, sehr schnell auf einer Ebene, von der aus wir die Grundlagen betrachten, nicht die Ereignisse selbst. So kann man weiter ausholen und tiefer gehen.

Walter: Obwohl uns einiges trennt, nämlich die Art der Wahrnehmung von Dingen in der Wirklichkeit, sind wir einander in dem, was wir wahrnehmen, ähnlich. Die Tankstellen-Plüschkängurus, über die wir scherzen, die fallen uns beiden auf. Oder das unfreiwillige Mitnehmen einer Fliege im Auto.

MM: Das habe ich mich – mit schlechtem Gewissen – auch schon gefragt: Was denkt sich eine Fliege, wenn sie unfreiwillig mitgenommen wird, und plötzlich in Melk landet? Wartet dann die Fliegenmama daheim umsonst mit den Knödeln?

Gunkl: Diese Anteilnahme des Publikums ist wirklich erfreulich. Uns sind aber auch schon einige Dinge, die wir im Programm hatten, abmontiert worden. Zum Beispiel der altsumerische Ziegengott, auf den man trifft, wenn er die Himmelstür öffnet. Sagt einer aus dem Publikum in Tulln: „Die Sumerer hatten keine Jenseitsvorstellung.“ Das ist gut! Jetzt ist er halt ein altphrygischer Ziegengott. Und mit der Fliege: Unlängst in der Kulisse kam eine junge Dame auf uns zu und meinte, es sei so, dass Fliegen ein Gedächtnis von einer Sekunde haben. Somit kann ich auch Ihr schlechtes Gewissen beruhigen, die Fliege denkt sich genau nichts. Erstaunlich finde ich, dass bei so vielen unserer Themen, die völlig daneben sind, die Leute sich trotzdem geistig einfädeln.

Walter: Das schafft ein Miteinander, „Herz & Hirn“ ist ein gemeinsames Ding, und wenn wir uns manchmal irren, na, dann lassen wir uns gern verbessern.

MM: Im Gegensatz dazu, dass Kabarett mitunter mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen kann, indem der Künstler „von oben herab den Deppen unten“ erklärt, was Sache ist. Dieser Falle entgehen Sie.

Gunkl: Natürlich muss man etwas zu sagen haben, wenn man auf eine Bühne geht, ohne dem geht’s nicht. Aber grundsätzlich ist die Idee des Austausches etwas sehr Schönes. Ich mag Kabarett nicht sehen, in dem eine ideendichte Wagenburg aufgebaut wird, ein Sitzkreis mit Schulterklopfen, in den von außen nichts eindringen kann, mit der Aussicht, dass der Abend völlig ergebnisfrei ist, außer, dass man sich noch mehr der Gruppe zuwendet, der man ohnedies schon angehört. Dies in der Annahme, außen ist es ungut, aber innen ist die Welt in Ordnung. Wenn man sich dazu aufschwingt, dass einem Leute zuhören sollen, muss man ihnen sagen, schaut’s euch das an, und nicht a priori vermitteln, es ist eh alles schlecht. Der andere ist eben anders, und er hat auch das Recht, anders zu sein.

Walter: Was genau das ist, was uns verbindet.

MM: Wo sind Sie anders? Beim Sport ist mir aufgefallen.

Walter: Wenn man’s auseinanderteilen möchte, ja, in der Betrachtung. Zum aktiven Sport haben wir beide keine Empirie. Ich bin jemand, der gern zwischen Situationen hin- und herwechselt.

Gunkl: Wo ich mir schon denke: Oida …

MM: Sie der Springer, Sie der Turm?

Walter: Das ist vielleicht ein bisschen zu kantig gedacht, es ist ja kein Kampf von Wattebausch gegen Rechenschieber. Aber prinzipiell stimmt’s.

Gunkl: Gerhard hat diese grundsätzliche Bereitschaft, in Situationen hineinzugehen. Für mich ist das möglich, aber nicht das Ziel. Das ist das Andere. Für mich ist die Situation manchmal halt auch, aber ich suche sie nicht, ich schaue eher, dass ich außen entlangkomme.

Walter: Wir beide ärgern uns wenig über Dinge in unserem persönlichen Umfeld; bei Politik und Gesellschaftlichem ist das im Gegenteil nicht so. Wir sind beide Menschen, die mit anderen ganz gut auskommen, und wenn ich aber den Fernseher aufdrehe und sehe, wie da der eine gegen den anderen ausgespielt wird, denke ich mir, wovon reden die und was genau ist das Problem?

Gunkl & Walter. Bild: Robert Peres

MM: Sie waren zuerst Freunde, bevor Sie gemeinsam auf die Bühne gegangen sind. Wie sind Sie aneinander geraten?

Walter: Ich habe damals begonnen, Kabarett zu spielen, und war Zivildiener bei der Caritas. Dort war auch Toni Matosic von Monti Beton, und den habe ich gefragt, ob er jemanden kennt, mit dem ich reden kann – und er hat mir die Nummer vom Gunkl gegeben.

 

Gunkl: Wir haben uns dann zu dritt getroffen, und seither sind wir befreundet. Ich kannte Toni noch, aus der Zeit, als ich Kellner im „Roten Engel“ war …

MM: Und wie ist es für Sie, mit einem zweiten auf der Bühne zu agieren?

Gunkl: Das kommt sehr auf den zweiten an. Mit Gerhard Walter ist es wunderbar, weil keiner von uns gegen den anderen gewinnen will. Wir wollen einen guten Abend gewinnen, das ist das Spielziel, und wer mehr Wuchtln bringt oder sie dem anderen wegschnappt, das gibt es nicht.

MM: Ihre 13 Prozent Asperger halten die Nähe aus.

Gunkl: Wenn es in einer Struktur ist, kann ich mit anderen durchaus. Ich muss nicht Leuchtturmwärter sein, ich bin ja beruflich immer mit Menschen zugange, nämlich mit denen, die jenseits der Bühnenkante sitzen, und da gibt es eine Struktur, und da kenne ich die Abläufe und die Zielsetzungen und die Methoden. Und wenn ich mit jemandem auf der Bühne sitze, der das auch so kennt und versteht und in der Lage ist zu praktizieren, dann ist es wunderbar. Wenn ich mit jemandem auf der Bühne wäre, von dem ich von einem Tag auf den anderen nicht weiß, wie er drauf ist, der plötzlich eine Devotierungsnummer oder eine Flagellantenpartie abhält, das wäre für mich sehr unangenehm. Da würde ich mir denken, ich mach’s lieber allein.

Walter: Gunkl ist sogar ein sehr umgänglicher Mensch innerhalb der Struktur, die er sich geschaffen hat. In 18 Jahren Freundschaft kann ich mich da nicht beklagen. Bei ihm hat das Menschliche eine Ordnung, es hat einen Rahmen innerhalb dessen man mit ihm umgehen kann. Bei ihm erkennt man sofort, woran man ist, das ist mir lieber als die Raunzer …

Gunkl: … die darauf hoffen, dass sie sich irgendwann einmal selber glauben.

Walter: Ich denke, man lebt besser miteinander, wenn man nicht so viel raunzt. Es ist aber auch schwieriger, weil „fäuln“ ist leicht.

Gunkl: Man darf sich nie auf den selbstbehaupteten Anspruch moralischer Überlegenheit begeben, quasi sagen, man ist besser als die Welt. Das bringt genau überhaupt nichts, außer einem Gefühl der Rechtschaffenheit, das nirgendswo validiert wird, außer in meinem Gefühl. Also renne ich ständig irgendwo an, wodurch ich mich nur bestärkt fühle in meinem Gefühl, und das führt zu Solipsismus, das granuliert zu kleinen Grüppchen, die alles andere, das nicht sie sind, schlecht finden, und sich dadurch gut behaupten.

MM: Von Ihnen stammt der Satz „Wer ohne Aber denkt, ist gefährlich“. Wo setzen Sie bei sich ein Aber an?

Gunkl: Permanent. Man muss wissen, dass das Aber immer wieder akut werden kann. Man muss nur wissen, was man vor und hinter das Aber stellt. Die Situationen, wo man ohne Aber auskommt, sind ganz selten, da muss man wissen, dass das ein Sonderfall von Erlebnis ist.

Walter: Genau. Das betrifft auch die Geschichte von den Toronto Maple Leafs, die ich erzähle, in der die Fans vor einem Spiel die US-Hymne fertiggesungen haben. Da denke ich mir, so wäre es schön, Beistrich: aber, so ist es nicht. Das ist die Peilung, wo wir hin sollten. Natürlich, wenn dir einer den letzten Parkplatz wegschnappt, ist die Peilung wieder weg.

Gunkl: Dazu ist mir als Tip des Tages eingefallen: Der Klügere muss nicht nachgeben, um sich als der Klügere zu erweisen, aber er darf in der Auseinandersetzung dem Dümmeren nicht die Wahl der Waffen überlassen.

MM: Apropos: Wahl der Waffen, warum gibt es in Österreich kein tagespolitisches Kabarett mehr? In Deutschland gibt es „Die Anstalt“, Urban Priol, Bruno Jonas … Warum interessiert das hierzulande niemanden?

Gunkl: Die Tragweite dessen, was österreichische Staatssekretäre gestern gesagt haben und morgen schon wieder wurscht ist, interessiert mich nicht. Ich finde, wie gesagt, Grundlagen viel interessanter als die Ereignisse.

Walter: Das geht mir auch so. Der Inhalt ist bei politischen Geschichten immer wieder auch austauschbar. Im Moment, das muss ich schon zugeben, hat man den Eindruck, die Weltpolitik rutscht wohin, wo mir meine Verständnisinseln abhandenkommen. Man kann unterschiedlicher Meinung sein, nur die Art und Weise, wie respektlos das mittlerweile einander mitgeteilt wird, ist mir unverständlich. Aber ich kann mich nicht eine Woche zurückziehen, darüber nachdenken, und dann auf der Bühne etwas erwidern.

MM: Warum?

Walter: Die Zeit gibt es nicht mehr. Es gibt eine Wahnsinnsmeldung nach der anderen, und eine schlechte Meldung wird durch die nächste ersetzt, da kann man nicht in die Tiefe gehen. Ich habe es ab und zu schon probiert, aber es gelingt mir nicht, das in einen feinen, angenehmen, kabarettistischen Kontext zu stellen, ohne, dass mir der Hut durch die Decke schießt. Die Politik ist so neben die Bock, dass es schwer fällt, das zu toppen. Was soll man da noch drüberlegen?

Gunkl: Die Ereignisse sind so wuchtig, dass die Grundlagen überlagert werden. Wenn man erklärt, wie Trump funktioniert, interessiert das keine Sau, weil das, was er gerade gesagt hat, weil er eben so funktioniert, eine Konfettikanone an Komplettscheißdreck ist. Und als solches viel spannender.

Walter: Und Dinge, die so klar auf dem Tisch liegen, die muss man als Künstler nicht kommentieren. Die weiß ohnedies jeder.

MM: Wenn ich Ihnen so zuhöre, habe ich dennoch den Eindruck, Sie sind immer am Materialsammeln.

Gunkl: Sammeln nicht, es hüpft uns an.

Walter: Genau. Was wir in „Herz & Hirn II“ erzählen, ist nur ein Bruchstück dessen, was wir über Monate erarbeitet haben. Eigentlich ist „Herz & Hirn III“ auch schon fertig. Die Schwierigkeit bei Teil zwei war nur zu entscheiden …

Gunkl: … was spielen wir leider nicht.

MM: Gunkl, Sie bekommen am 26. November den Österreichischen Kabarettpreis überreicht. Ist das was?

Gunkl: Ja, Preise sind nichts, was man anstrebt, wenn man auf eine Bühne geht, aber man freut sich, wenn man sie bekommt. Ich habe also keinen „Na endlich!“-Gedanken. Meine liebste Preis-Entgegennahme wäre ja – was aber natürlich nicht passiert ist – der Oscar für Dustin Hoffman als „Rain Man“, wie er die Statue nimmt und sagt: „I would like to thank – nobody“.

MM: Wenn also nicht Preise, was streben Sie an?

Gunkl: Jeden Abend eine gute Vorstellung. Wenn man wirklich das große Glück hat, dass man diesen Beruf hat, dass man das, was man denkt und empfindet, vor Menschen, die einem zwei Stunden lang zuhören und dafür auch noch bezahlen, erzählen kann, wenn man das nicht, mit allem, was man ist und hat, macht, dann hat man den Beruf nicht verdient.

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11. 11. 2018