Horacio Verbitsky: Der Flug – Wie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ

April 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Am 19. April präsentiert der Autor sein Buch in Wien

buchKaum ein Buch hat die Diskussion über die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 so aufgewirbelt wie Horacio Verbitskys „El Vuelo“ (Der Flug) bei seinem Erscheinen 1995. Es war das erste Mal, dass ein unmittelbar beteiligter Militär nach fast 20 Jahren des Schweigens über die Mordpraktiken der Diktatur erzählte, noch dazu völlig emotionslos. Adolfo Scilingo bestätigte gegenüber dem argentinischen Journalisten Horacio Verbitsky in Interviews Berichte von Überlebenden, nach denen in der berüchtigten Mechanikerschule der Marine (ESMA) Gefolterte nackt und betäubt in Flugzeuge verfrachtet und über dem Rio de la Plata abgeworfen wurden. Scilingo selbst war in der ESMA eingesetzt, dem größten Folterzentrum des Landes mitten in der Hauptstadt Buenos Aires, wo geschätzte 5.000 der etwa 30.000 während der Diktatur Verschwundenen umgebracht wurden. Jetzt, zum 40. Jahrestag des Militärputsches von 1976, liegt „Der FlugWie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ“ endlich in deutscher Sprache vor.

Aus Scilingo Geständnissen und Verbitskys eigenen langjährigen Recherchen entstand ein Buch, das einen Wendepunkt in der argentinischen Geschichte darstellte. Es löste eine breite gesellschaftliche Debatte aus, nicht zuletzt über die Frage nach Schuld und Verantwortung für die Verbrechen der Militärdiktatur, und trug so zu deren – wenn auch noch bei weitem nicht abgeschlossener – Aufarbeitung bei. Immerhin galten bis 1995 noch die Amnestiegesetze, aber dem Erscheinen von „Der Flug“ ist es mit zu verdanken, dass das Ende der Straflosigkeit eingeläutet wurde. Es sollten allerdings noch fast zehn Jahre vergehen, bis der Druck der argentinischen Menschenrechtsbewegung vor Ort und der europäischen Strafverfahren zur Aufhebung der Straflosigkeitsgesetze führte. Ab 2005 wurden im ganzen Land zuvor eingestellte Prozesse wieder eröffnet und neue Verfahren eingeleitet. Bis heute sind mehr als 550 Verurteilungen ergangen. Hohe Militärs, Polizisten, Geheimdienstmitarbeiter, aber auch Zivilisten, darunter Ärzte und Richter, wurden vor Gericht gestellt.

Scilingos Motive, sich über die Praktiken der Militärs zu äußern, waren bizarr und erschütternd zugleich: Er nahm keinen Anstoß an den schweren Menschenrechtsverletzungen – auch Offiziere hätten nur Befehle befolgt, folglich müssten alle oder keine Militärs bestraft werden –, lediglich die Debatte um zwei ESMA-Kollegen und deren geplante Beförderung erregte seinen Unmut. Das Buch ist in mehrere Sprachen übersetzt und die Gespräche wurden Bestandteil des Prozesses gegen Scilingo in Spanien, wo er bis heute im Gefängnis sitzt. 
Die juristische Aufarbeitung der damaligen Verbrechen ist jedoch noch immer nicht zu Ende. Besonders bei der Wirtschaftselite von damals, die auch heute noch vielerorts an den Schalthebeln der Macht sitzt, gehen die Ermittlungen immer noch schleppend voran.

Bild: mottingers-meinung.at

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Was das Buch so wichtig macht: Der Mantel des Schweigens, den viele Gesellschaften noch immer über ihre brutale Vergangenheit legen und die nicht-strafrechtliche Verfolgung der ehemaligen Täter und Verantwortlichen, wurde durchbrochen. „Überlebende und Angehörige von Opfern sind dann gezwungen, im Wissen um die Straflosigkeit zu leben, das Stigma als angebliche Kriminelle und Dissidenten bleibt noch lange haften. Dass diese Stigmatisierung oft auch in der Demokratie nicht endet, berichten auch Überlebende der argentinischen Diktatur … Die Prozesse stellen klar, dass die damals Verantwortlichen nicht taten, ,was getan werden musste’, sondern dass sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen“, betont Wolfgang Kaleck in seinem Vorwort.

Das Buch beginnt mit einem „Geständnis“: „Ich war in der ESMA. Ich will mit Ihnen reden sprach er (Scilingo) mich (Verbitsky) in der U-Bahn an. Es folgen erschütternde Berichte über die begangenen Gräuel, wie die damals herrschenden Militärs ihre Gewalttaten legitimierten, aber auch Einblicke in die Denk- und Handlungsmuster der Machthaber, Zeitdokumente über den Umgang der demokratisch gewählten Politiker mit den ehemaligen Militärherrschern und die Aufarbeitung der Rolle der katholischen Kirche während der Jahre der Diktatur in Argentinien. Im April 2005 wurde Scilingo vom spanischen Nationalen Gerichtshof zu 640 Jahren Haft wegen der Teilnahme an den Flügen, bei denen er 30 Menschen ins Meer geworfen hatte, verurteilt.

Bild: mottingers-meinung.at

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Das Ende der Militärherrscher:
General Jorge Rafael Videla, Oberbefehlshaber des Heeres und bis 1981 de facto Präsident Argentiniens, war hauptverantwortlich für den Sturz der Regierung von Isabel Perón am 24. März 1976. 1990 wurde er von Präsident Menem begnadigt, schließlich aber von verschiedenen Gerichten des Landes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 2012 gestand er, dass 7.000 bis 8.000 Desaparecidos (span.: Die Verschwundenen) umgebracht wurden. Er starb 2013 im Gefängnis.

General Roberto Viola, Nachfolger Videlas (März bis Dezember 1981). Wurde 1985 wegen unrechtmäßiger Freiheitsberaubung, Folter und Raubes zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt. 1990 von Präsident Menem begnadigt, starb er 1994. General Leopoldo Galtieri, von Dezember 1981 bis Juni 1982 Präsident des Landes, befahl im April 1982 die Besetzung der Falkland-Inseln. Nach der Niederlage gegen Großbritannien im Juni des Jahres zurückgetreten. Nach mehreren Verurteilungen von Menem 1989 begnadigt. Später wegen anderer Delikte erneut verurteilt, wegen seines schlechten Gesundheitszustandes unter Hausarrest gestellt. Er starb 2003.

Über den Autor:
Horacio Verbitsky, geboren 1942, ist einer der führenden investigativen Journalisten Argentiniens. Er ist politischer Kolumnist der argentinischen Tageszeitung Página/12 und schreibt für El País und The New York Times. Verbitsky veröffentlichte mehr als 20 Bücher über politische, militärische, kirchliche und wirtschaftliche Themen im Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Seit 2000 leitet er die Menschenrechtsorganisation „Centro de 
Estudios Legales y Sociales“ (Zentrum für rechtliche und soziale Studien, CELS). Der Autor kommt am 19. April nach Wien und wird im Lateinamerika-Institut sein Buch präsentieren. Er und Übersetzerin Sandra Schmidt sprechen über die aktuelle Situation in Argentinien, über den Stand der Aufarbeitung der Diktatur und über die Auswirkungen der Wahl des rechtskonservativen Präsidenten Mauricio Macri. Der Eintritt ist frei.

Mandelbaum Verlag, Horacio Verbitsky: „Der FlugWie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ, Sachbuch, 200 Seiten. Aus dem Spanischen von Sandra Schmidt. Mit einem Vorwort von Wolfgang Kaleck und einem aktualisierten Epilog von Horacio Verbitsky.

www.mandelbaum.at

Ein weiterer Literatur-Tipp zum Thema:
„El Eternauta“ ist das Hauptwerk des wichtigsten argentinischen Comicautors Héctor Germán Oesterheld, das vor dem Hintergrund seines späteren eigenen Schicksals eine beklemmend prophetische Kraft entfaltet: Ein argentinischer Comicautor erschafft einen Helden, der verzweifelt versucht, seine Familie zu finden. Jahre später, ab 1976 unter der Militärjunta, wird die Geschichte schreckliche Wirklichkeit. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18335

Wien, 11. 4. 2016

Volkstheater: Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“

Oktober 3, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fabelhaftes Fremdschämen

Dominik Warta, Günther Wiederschwinger, Anja Herden, Birgit Stöger Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dominik Warta, Günther Wiederschwinger, Anja Herden, Birgit Stöger
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Inszenierung beginnt im Foyer. Mit Büchertisch und Hinweis auf eine Signierstunde mit Nathalie Oppenheim und ihrem preisgekrönten Roman „Das Land des Überdrusses“. Das Volkstheater beginnt seine Bezirkstour, neu ist der Premierenort Volx/Margareten, der endlich einer Bestimmung zugeführt ist und mit dem Theaterzauber seiner hinreißenden Abgefucktheit glänzt, mit der österreichischen Erstaufführung von Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“.

Eine weitere sprachspielerische pièce bien faite der Erfolgsautorin, die um eine Leerstelle kreist. Diesmal ist es kein weißes Bild und keine Knabenprügelei, sondern ein Literaturabend. Die öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin Nathalie Oppenheim lässt sich zu einer Lesung samt Diskussion hinsinken. Aus diesem Auftritt im Licht einer provinziellen Scheinöffentlichkeit wird eine dramatische Situation, wird die komische Situation. Der Reza-Faktor errechnet sich bekanntlich aus der Gleichung Unsympath plus Alkohol ist gleich Eskalation. 

Wobei Regisseur Sebastian Kreyer diese Klausel elegant aushebelt. Er macht aus dem Stück Boulevard eine melancholische Komödie. Viel spielt sich in Zwischentönen ab, viel ausschließlich mimisch. Rezas Schablonen entwickelt Kreyer zu fein ziselierten Figuren, die an den emotionalen Kampfschauplätzen gegen einander antreten. Die darstellerische Turbotaste wird auch, aber nur selten gedrückt. Spannend ist, dass man keinen der Charaktere wirklich leiden mag. Andererseits ist jeder ihrer Standpunkte nachvollziehbar. Es macht den Reiz dieses Abends aus, dass man gedanklich mal auf der einen, dann auf der anderen Seite steht. Bis am Ende die eine Lichtgestalt enttarnt ist.

Mit Witz und Charme geht Anja Herden an die Nathalie heran. Sie spielt die Verweigerung einer Künstlerin, die ihr Werk nicht mit ihrem Wesen verglichen haben will. Sie spielt die Frage: Wie sehr darf man sich allein gehören? Die medial durchleuchtete Menschheit opfert ihre Privatheit auf dem Altar des Like-Fäustchens – was, wenn man einer Widerständlerin begegnet? Nathalie wird von Bibliothekar Roland eingeladen; die Literaturkritikerin Rosanna soll mit ihr ein Interview führen. Dominik Warta und Birgit Stöger vertreten die beiden Reza-Prinzipien der Annäherung: Man kann nur Hofnarr oder Henker des Künstlers sein. Man kann der Autorin entweder in den A**llerwertesten treten oder kriechen. Zu schreiben, Yasmina Reza hätte sich in ihrer Protagonistin …, geht nicht bei einem Stoff, der gerade um dieses Thema kreist. Jedenfalls meidet auch Reza, den Kopf durch die Allerweltstür zu stecken. Nathalie hingegen wirft sich der Meute gleichsam zum Fraß vor. Matrjoschka-ähnlich geht es um eine Schriftstellerin, die einen Roman über eine Schriftstellerin schreibt, deren Buch „Ihre Version des Spiels“ heißt.

Was Wunder also, dass Stögers Rosanna gleich in den Anekdoteninfight geht. Mit ihrem Auftritt, wie sie her-vor-rag-end sagt, ist klar, dass der Hühnerkampf begonnen hat. Rosanna macht auf unangenehm investigativ. Ihr haben schließlich schon größere kein Interview gegeben. Frau ist ja Fachfrau. Wunderbar, wie die Klugschwätzerin haarscharf an den Antworten ihrer Gesprächspartnerin vorbeifragt, und dabei mit strengem Blick durch die rote Brille das Einverständnis des Publikums einholen will. Je insistierender, je süffisanter, bald zynischer Nathalie. Die Versuche, die Sache mit Humor zu nehmen, werden krampfhafter. Sie zupft an ihrem engen Kleid. Augen rollen. Herdens Contenance leidet zunehmend an Gesichtsmuskelzerrung. Peinlich, wenn auf der Bühne über, statt mit einem gesprochen wird. Wenn eine andere einem sagt, wie man eigentlich ist. Und doch versteht man auch Rosanna. Nichts ist mühsamer, als wenn der Künstler den Mund nicht aufkriegt. Sich in den Nimbus der Unnahbarkeit einwebt. Ihr Satz, Nathalie glaube wohl ihre Bücher verkauften sich ohne dafür zu werben, hat etwas sehr Wahres. Ihre Getroffenheit, wenn Nathalie eine Textstelle über eine Mutter im Altersheim liest, macht deutlich, dass auch Rosanna eine Geschichte jenseits ihrer professionellen Schroffheit hat.

Fabelhaft zum Fremdschämen ist Dominik Wartas Roland, fabelhaft, wie er das Interview erden, während Rosanna damit abheben will. Ein Laiendichter, der die Profiautorin gleich mit seinem Werk überfährt. Ein sich selbstbeweihräuchernder Ver-Sprecher. Ein Schleimer und Schmeichler, man möchte sich unterm Sitz verkriechen. Warta ist auch ein wenig stummfilmhafter Slapstick gegönnt. Doch wie seine Mitstreiter stellt er das Komische seiner Figur niemals vordergründig komisch dar. Darin liegt das Komödiantische dieser Arbeit. Alle sind cool. Dieser Humor steigt einem ins Hirn und brennt dort wie zu schnell gegessenes Eis. Letztlich ist Roland inmitten der Eitelkeit der beiden Frauen ein Seelchen; er wird den zwischenmenschlichen Triumph davontragen. Seine Gedichte sind tatsächlich anrührend … Bleibt Günther Wiederschwinger als Bürgermeister. Das dritte Tierchen, ein echter Auskenner, der der Autorin im Augenblick mitteilt, dass er ihr Buch verstanden hat. Wenn Lächeln reden könnte. Wiederschwinger als der Typ Politiker, der Kultur zur Imagepolitur verwendet, rundet das Quartett ab. Und eilt als erster ins Foyer zurück, um Gilbert Bécauds „Nathalie!“ zu singen.

Ein gelungener Auftakt für das Volkstheater in den Bezirken. Einer, der Lust auf mehr macht. Intendantin Anna Badora setzt hier auf ein ambitioniertes Programm. Es folgen Uraufführungen: Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“, Pia Hierzeggers „Die Fleischhauer von Wien“ und Thomas Glavinics erstes echtes Theaterstück „Mugshot“.

www.volkstheater.at

Noch ein Autor in Nöten: www.mottingers-meinung.at/?p=14443

Wien, 3. 10. 2015