Karikaturmuseum Krems: Christine Nöstlinger und ihre Buchstabenfabrik

November 11, 2021 in Ausstellung, Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die feuerrote Friederike und ihre Nachfolgerinnen

Christine Nöstlinger: Die feuerrote Friederike, 1970. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Lange bevor sich der Begriff des Mobbings etabliert hatte, behandelte Christine Nöstlinger die Themen Ausgrenzung und Gewalt mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl in ihrem KinderbuchKlassiker „Die feuerrote Friederike“. In ihrem Erstlingswerk, das 2020 seinen 50. Geburtstag feierte, wehrt sich das Mädchen mit den feuerroten Haaren und Sommersprossen auf den Wangen mit Zauberkräften gegen die Demütigungen ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen.

Auf Anhieb ein großer Erfolg und 1972 mit dem FriedrichBödeckerPreis ausgezeichnet, läutete die österreichische Autorin mit ihrer „Feuerroten Friederike“ eine neue Bewegung innerhalb Österreichs Kinder und Jugendliteratur ein. Bis heute ist das Buch ein Bestseller mit immer noch aktueller Thematik. In der Ausstellung „Christine Nöstlinger und ihre Buchstabenfabrik“ präsentiert das Karikaturmuseum Krems ab 14. November die originalen und teils unveröffentlichten BuchIllustrationen aus dem

Urmanuskript, die zu Beginn von Christine Nöstlinger selbst gezeichnet wurden. Das Debüt als Ausgangspunkt nehmend, sind weitere Zeichnungen der Töchter Christiana Nöstlinger und Barbara Waldschütz zu sehen. Eine aktuelle Friederike zeigen die Arbeiten von Stefanie Reich. 2015 wurde die Leipzigerin mit den Illustrationen für eine Neuausgabe von Nöstlingers Buch beauftragt.

Eigens für die Ausstellung haben sich Martina Peters, Stephanie Wunderlich und Nina Pagalies im Rahmen ihres Stipendienaufenthalts in Krems mit Nöstlingers  Oeuvre künstlerisch auseinandergesetzt. Die ausgestellten Originale von Michael Roher, dem ersten Preisträger des ChristineNöstlingerPreis, und von Sophie Schmid, Illustratorin von Nöstlingers posthum erschienenen „Der Überzählige“, ergänzen die Schau. Verschiedene künstlerische Positionen geben einen facettenreichen Einblick in das Schaffen und Fortwirken der Schriftstellerin und Zeichnerin Christine Nöstlinger.

Die Töchter

1959 bringt Christine Nöstlinger Tochter Barbara und 1961 Tochter Christiana auf die Welt. Mit 13 Jahren bebildert Christiana Nöstlinger als Autodidaktin erstmals ein Buch ihrer Mutter, „Achtung! Vranek sieht ganz harmlos aus“, erschienen 1974. „Ich war 13 Jahre alt und noch in der Schule. Die Idee war, ein Buch für Kinder mit Kinderzeichnungen zu illustrieren, obwohl ich mit 13 kein richtiges Kind mehr war. Aber ich habe als Kind immer schon gern gezeichnet, und meiner Mutter gefielen die Zeichnungen offensichtlich. Sie hat mich dazu ermutigt und auch die Idee gehabt mit den Kinderzeichnungen.“ Die Zusammenarbeit zwischen Mutter und Tochter reichte von Erzählungen bis zu Romanen, so „Liebe Susi, lieber Paul!“, „Susis geheimes Tagebuch“, „Liebe Oma, Deine Susi“, „Willi und die Angst“ und die 16bändige „Mini“Serie. Heute ist Christiana Nöstlinger als Psychologin und Expertin für Gesundheitsförderung tätig und arbeitet am Institut für Tropenmedizin in Antwerpen, Belgien.

Tochter Barbara Waldschütz hatte 1990 ihr Debüt als Illustratorin. „Meine Mutter hat eine ganze Geschichte gereimt, ‚Klicketick‘. Sie hat mir den Text gegeben und gesagt, dass ich damit machen soll, was ich will. Sie war damals schon sehr bekannt und hätte sich auch einen berühmten Illustrator wünschen können. Sie fand aber, es sei eine Verschwendung meines Talentes, dass ich immer nur für mich zeichne.“ Für ihre KinderbuchIllustrationen, darunter Bücher wie „Vom weißen Elefanten und den roten Luftballons“, „Madisou“, „PuddingPauli“ und „Ned dasi ned gean do warat“, wurde ihr die BIPPlakette und mehrmals der Illustrationspreis der Stadt Wien verliehen. Illustrieren wurde aber nie zum Hauptberuf destudierten Mediengestalterin und Kommunikationsdesignerin. „Ich bin mir nicht sicher, ob man dann noch jedes Buchprojekt wie ein Kunstwerk gestalten kann. Man kann dann nicht mehr so viel Zeit mit Nachdenken und Ausprobieren verbringen und wahrscheinlich macht es dann weniger Spaß. Das fände ich schade.“

Christine Nöstlinger: Die feuerrote Friederike, 1970. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Christiana Nöstlinger: Mini ist verliebt, 1999. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Barbara Waldschütz: Vom weißen Elefanten und den roten Luftballons, 1995. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Aktuelle Begegnungen

Bereits vor Jahrzehnten publiziert, zeugen die behandelten Thematiken in Nöstlingers Büchern noch heute von Aktualität. Sei es die Andersartigkeit in „Die feuerrote Friederike“ beziehungsweise in „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“, die Problematik von Einsamkeit in „Das Austauschkind“, die Identitätssuche in „Gretchen Sackmeier“ oder die pubertäre Sinnkrise, etwa in „Ilse Janda, 14“. Im Karikaturmuseum Krems tritt das Geschriebene von Christine Nöstlinger in den Zeichnungen von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern in einen spannenden Dialog. So werden unter anderem neue Arbeiten von Martina Peters, Stephanie Wunderlich und Stefanie Reich präsentiert.

Aus Martina Peters‘ Beschäftigung mit Themen zur sexuellen Orientierung und Formen von Identitäten entstand ihr Interesse, Illustrationen im Mangastil zu Nöstlingers Buch „Bonsai“ anzufertigen. „Es ist eine Geschichte über einen Teenager, der herauszufinden versucht, welche Sexualität er eigentlich hat und zu welchem Geschlecht er sich dazugehörig fühlt. Die Erzählung ist eine spannende Reise zu der Frage, ob wir Abgrenzungen brauchen und ob nicht jeder so sein kann, wie er will, ohne von außen bewertet zu werden.“ Bebilderte Peters zu Beginn ihrer Auseinandersetzung jene Szenen, die ihr visuell am stärksten im Gedächtnis blieben, zeugen die später entstandenen Zeichnungen ihrer „Bonsai“Serie von größerer Freiheit gegenüber dem Gelesen.

Stephanie Wunderlich zeigt digital montierte Scherenschnitte: Ich habe den Gedichtband ‚Mein Gegenteil‘ von Christine Nöstlinger ausgewählt, da mir der feinsinnige Humor und die Absurdität der einzelnen Gedichte gefällt. Viele der lyrischen Texte handeln von Figuren, die renitent, aufmüpfig und gegen den Strich gebürstet sind. Beispielweise verweigern der Schutzengel und das Gespenst den Dienst in ihrer vorgegebenen Rolle. Der Sohn bringt mit seiner Sprache die Eltern zur Weißglut und setzt erst recht noch eine Provokation drauf. Auch negative Empfindungen und Zustände wie Traurigkeit, Einsamkeit, Hunger und Zweifel haben ihren Platz wie in ‚Berechtigte Forderung‘ und ‚Mein Gegenteil‘. Die Texte sind sehr realistisch und nah am Leben. Für damalige und auch heutige Verhältnisse eine ungewohnte, erfrischende Ansprache für Kinderohren.

Für ihre Diplomarbeit illustrierte Stefanie Reich 2012 „Der schwarze Mann“ von Christine Nöstlinger neu. „Als ich wenig später für eine Neuausgabe der ‚Feuerroten Friederike‘ angefragt wurde, hat mich das sehr gefreut. Von Friederike hatte ich meine ganz eigene Vorstellung und so habe ich sie entsprechend in meinem Stil interpretiert.“ Besonders eine Stelle blieb Reich in Erinnerung, nämlich „als Friederike aus dem roten Buch vorliest: ‚Es gibt ein Land, dort sind alle Menschen glücklich. Auch alle Kinder. Niemand wird dort ausgelacht. Alle helfen einander.‘ Obwohl zu einer anderen Zeit gedacht, passen die Zeilen sehr gut für die Gegenwart.“

Stefanie Reich: Die feuerrote Friederike, 2012. © Privat

Stephanie Wunderlich: Sprachproblem, 2021. © Privat

Martina Peters‘ Manga-Zeichnungen: Bonsai, 2021. © Privat

Über die Autorin: Christine Nöstlinger wurde am 13. Oktober 1936 in Wien geboren und lebte hier als freie Schriftstellerin. Ihre zahlreichen Kinder und Jugendbücher wurden weltweit publiziert und in mehr als50 Sprachen übersetzt. Nöstlingers schriftstellerische Tätigkeit begann 1968 mit der „Feuerrote Friederike“, die sie als Geschichte zu ihren Illustrationen schrieb. Mehr als 150 Bücher, unzählige Beiträge für Fernsehen und Radio – etwa der berühmte „Dschi-Dsche-i Wischer Dschunior“ – sowie Kolumnen für diverse Zeitungen folgten. Angelehnt an die Vielzahl ihrer Publikationen bezeichnete sich Nöstlinger selbst oft als „Buchstabenfabrik“.

Nöstlingers Werk wurde mehrfach verfilmt und international prämiert. Sie war die erste Trägerin des Astrid-Lindgren-Preises (2003) und erhielt den Andersen Award sowie unter anderem den Ehrenpreis CORINE für ihr Lebenswerk (2011), das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2011), den Bruno-Kreisky-Preis für ihr publizistisches Gesamtwerk (2012), Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen den Lebenswerk-Preis (2016).

Noch bis kurz vor ihrem Tod arbeitete die Autorin an Gedichten im Wiener Dialekt, die sich unter anderem mit dem Alter und dem Tod beschäftigen. Christine Nöstlinger starb am 28. Juni 2018 im Alter von 81 Jahren. Der Gedichtband „Ned das I ned gean do warat“ erschien, illustriert von Tochter Barbara Waldschütz, im April 2019 im Residenzverlag. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32865

www.karikaturmuseum.at           www.christine-noestlinger.at

11. 11. 2021

Volkstheater online: Die rote Zora und ihre Bande

April 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht stand Pate für die Heldischen Lausbuben

Die rote Zora und ihre Bande: Tobias Resch, Hanna Binder, Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Luka Vlatković. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Die rote Zora und ihre Bande“ aus dem Herbst 2018 dran – kostenlos zu streamen bis 20. April, 18 Uhr, auf www.volkstheater.at, dann wieder am 2. und 3. Mai. Inszeniert hat Robert Gerloff, der bereits in den Bezirken eine entfesselte „Stella“-

Version (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810) geboten hatte, und nach Titelrolle I Schauspielerin Hanna Binder auch in Titelrolle II besetzte. Das Ergebnis ist eine rundum geglückte, beglückende Bühnenfassung mit Balkanmusik und Bert Brecht, denn definitiv standen das Volkstheater-Ideal wie auch Erwin Piscators Proletarisches Theater bei der Produktion Pate.

Zwischen dem Hotel Zagreb und der Pekara/Bäckerei wird nicht nur im p.c.-Selbstversuch „serbokroatisches“ Reisfleisch serviert, sondern eine ordentliche Portion politischer Ansagen – Kapitalismuskritik, Solidarität als zwischenmenschliches Grundprinzip, Widerstand gegen Korruptions- und Freunderlwirtschaft, ein Plädoyer für die gesellschaftliche Integration sozialer Außenseiter … all das hatte der in Schweizer Emigration lebende Autor Kurt Kläber schon in seinem 1941 unter dem Pseudonym Kurt Held veröffentlichten Jugendbuchklassiker angelegt.

Nun packt Gerloff ein paar mit Gelächter und Szenenapplaus aufgenommene Seitenhiebe auf Zwölfstundentag vs bedingungsloses Grundeinkommen drauf, führt die Witzchen aber dankenswerterweise auf einer popkulturellen Meta-Ebene fort, etwa, wenn die Heldischen Lausbuben ganz Gentlemen im Versteck ihre Fight-Club-Regeln deklamieren, so dass die Aufführung für Kinder und ewig solche Gebliebene ein Vergnügen ist. Ein Spaß – jedoch durchbrochen von Szenen großer Ernsthaftigkeit, in denen das Schicksal der Zora-Bande daran erinnert, dass es unweit von Senj auch anno 2020 unbegleitete Minderjährige gibt.

Hanna Binder und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Angriff der Gymnasiasten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vlatković, Binder und Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine wahre, der deutsch-schweizerische Arbeiterdichter lernte auf einer Jugoslawienreise das Mädchen und ihre Mitstreiter kennen, und Hanna Binder spielt den Rotschopf als richtiges Rotzmensch, dessen – keineswegs nur für Heranwachsende gesunder – Aufruf zum zivilen Ungehorsam als lautes Indianergeheul übers kroatische Küstenstädtchen schallt. Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Tobias Resch begleiten die pubertierende Partisanin als ihr „Uskoken“ Nicola, Pavle und Ðuro. Eine queer-feministische, linke Eingreiftruppe gegen den Neoliberalismus, wobei Ðuro unter den Getreuen der zwiespältige Charakter ist, ist ihm das eigene Überleben doch Kampf genug.

Weshalb die Aufnahme des eben erst verwaisten Fischdiebs-aus-Hunger Branko notgedrungen zu Konflikten in der Viererbande führt. Luka Vlatković, der dieser Tage eigentlich live in Imre Lichtenberger Bozokis „Horses“ im Werk X-Petersplatz auf der Bühne stehen sollte, gestaltet den Branko als erst arglosen Gerechtigkeitsträumer – bis ihn eine kalte, brutale Welt seine Gedanken zur Faust ballen lässt. Dort wo die Ärmsten von den Armen stehlen, entwickelt er eine Robin-Hood-Sicht auf die Dinge, so dass das Tischgebet der Zoraisten „Lieber Gott, danke für nichts“ immerhin in ein, wenn auch moll-tönendes „Wir stehen zusammen“ münden kann – die Musik dazu von Imre Lichtenberger Bozoki, Susanna Gartmayer und Vladimir Kostadinovic.

Fürs temperamentvoll dargebotene Treiben lässt Bühnenbildnerin Gabriela Neubauer diese im Handumdrehen die Räume wechseln, vom Senjer Hauptplatz zur Burgruine zu Gorians Fischerhütte, schreit auf zweiterer Turm ein Uhu, hält Binder die entsprechende Klebertube in die Höhe, aber die schönste Szene ist ein Thunfisch-Ballett zwischen Wellen und Meeresufer, mit dem der Fang die erfolgreichen Angler feiert. Mit hohem Tempo werden auch die Kostüme gewechselt, Ruck-zuck-Umzüge, da viele im Ensemble mehrere Rollen stemmen.

Claudia Sabitzer ist neben Marktstandlerin und Müllerin auch der Bäcker Čurčin, der die Bande mit altbackenem Brot versorgt, „der gute Mensch von Senj“ sozusagen, war die Sabitzer doch diese Saison schon der Brecht’sche aus Sezuan (Regie ebenfalls Robert Gerloff, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, das nächste Mal gestreamt am 30. April). Stefan Suske schlüpft ins Tevje-Outfit des alten Gorian, ein friedliebender Philosoph dessen, was schon überholt schien, doch sich am Leben erhält, weil der Augenblick seiner Verwirklichung versäumt ward – um an dieser Stelle Adorno zu bemühen, und als solcher ein Seelenverwandter des von Gábor Biedermann verkörperten Polizisten Begović.

Das Thunfisch-Ballett vor Gorians Fischerhütte. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Günther Wiederschwinger und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch nächtens sucht ganz Senj die rote Zora und ihre Bande. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser oft genug Opfer des Zora-Slapsticks, da er von Ausbeuter Karaman – herrlich herrisch: Steffi Krautz mit Schnauzer und Wohlstandswampe – und dessen Bonze Bürgermeister – Günther Wiederschwinger mit Frack und Zylinder – zum Amtshandeln angehalten wird. Derart zwischen Pathos, Parodie und Parole geht’s im Ninjaschritt durchs Geschehen, gesungen werden der Geier-Song „Seid zur Freundschaft bereit“ aus dem Disney-Dschungel- buch und „Der schöne Sigismund“ aus dem „Weißen Rössl“, anklingen die Winnetou-Melodie und Ennio Morricones „The Good, the Bad and the Ugly“-Theme beim Trio-Auftritt Krautz, Biedermann, Wiederschwinger.

Die wahren Gegner Zoras in der faschistoiden Volksgemeinschaft sind aber die Gymnasiasten, mit denen man in Dauerfehde liegt, von Gerloff/Neubauer – wohl weil das bildungsferne Feindbild, wer viel lernt, hält sich für was Besseres, hier nicht zieht – als Burschenschafter in kornblumenblauer Wichs gekennzeichnet. Nach einem Marillendiebstahl des Korps beginnt die Zora-Bande einen Rachefeldzug gegen die Großkopferten und ihre Rich Kids, die Verwahrlosten ziehen gegen die Vermögenden, und als Gorian seine kleine Bucht an die von Karaman befehligte Fischfangindustrie abtreten soll, eskaliert die Situation. Mehrheitsgesellschaft, fuck you!

Der Song, der jetzt ertönt, „Das Meer erhebt sich, die Wellen steigen, mächtig wie die Bora ist die rote Zora“, Bora = ohne Vorwarnung plötzlich tobender Fallwind, klingt nun wirklich nach Brecht-Weill. „Könnt ihr selber denken?“, fragen die Uskoken denn auch Brecht’isch ins Publikum. Denn der Schluss kommt anders als im Roman, wo die Kinder nach Fürsprache Gorians von verschiedenen Kleinstädtern, Bauer, Bäcker, Fischer, auf- und in die Lehre genommen werden. Bei Gerloff gründet sich die Bande flugs neu – als Jungunternehmerkollektiv. „Keine Chefs, keine Befehle, keine Aktionäre“, frohlocken sie am Ende über ihr Selbstbestimmmungsrecht. Da hatte ihnen noch keiner gesagt, dass der Kunde beziehungsweise Auftraggeber um nichts weniger ein König ist.

Christine Nöstlingers feuerrote Friederike verläuft sich warum-auch-immer auf der Suche nach der Katze Kater nach Senj. Was insofern schade ist, da der Abend die Zuschauer bis dahin wahrlich intellektuell nicht unterfordert hatte, die Regie nun aber offenbar denkt, der dreißig Jahre älteren, weniger bekannten, eine hierzulande höchst berühmte Schwester in Frisur und Geiste zur Seite stellen zu müssen. Egal, weil: Jubel und Applaus. Und wenn sie nicht gestorben sind, start-upen sie noch heute …

www.volkstheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=3_K8sm11n-s&t=6s

  1. 4. 2020

Horacio Verbitsky: Der Flug – Wie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ

April 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Am 19. April präsentiert der Autor sein Buch in Wien

buchKaum ein Buch hat die Diskussion über die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 so aufgewirbelt wie Horacio Verbitskys „El Vuelo“ (Der Flug) bei seinem Erscheinen 1995. Es war das erste Mal, dass ein unmittelbar beteiligter Militär nach fast 20 Jahren des Schweigens über die Mordpraktiken der Diktatur erzählte, noch dazu völlig emotionslos. Adolfo Scilingo bestätigte gegenüber dem argentinischen Journalisten Horacio Verbitsky in Interviews Berichte von Überlebenden, nach denen in der berüchtigten Mechanikerschule der Marine (ESMA) Gefolterte nackt und betäubt in Flugzeuge verfrachtet und über dem Rio de la Plata abgeworfen wurden. Scilingo selbst war in der ESMA eingesetzt, dem größten Folterzentrum des Landes mitten in der Hauptstadt Buenos Aires, wo geschätzte 5.000 der etwa 30.000 während der Diktatur Verschwundenen umgebracht wurden. Jetzt, zum 40. Jahrestag des Militärputsches von 1976, liegt „Der FlugWie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ“ endlich in deutscher Sprache vor.

Aus Scilingo Geständnissen und Verbitskys eigenen langjährigen Recherchen entstand ein Buch, das einen Wendepunkt in der argentinischen Geschichte darstellte. Es löste eine breite gesellschaftliche Debatte aus, nicht zuletzt über die Frage nach Schuld und Verantwortung für die Verbrechen der Militärdiktatur, und trug so zu deren – wenn auch noch bei weitem nicht abgeschlossener – Aufarbeitung bei. Immerhin galten bis 1995 noch die Amnestiegesetze, aber dem Erscheinen von „Der Flug“ ist es mit zu verdanken, dass das Ende der Straflosigkeit eingeläutet wurde. Es sollten allerdings noch fast zehn Jahre vergehen, bis der Druck der argentinischen Menschenrechtsbewegung vor Ort und der europäischen Strafverfahren zur Aufhebung der Straflosigkeitsgesetze führte. Ab 2005 wurden im ganzen Land zuvor eingestellte Prozesse wieder eröffnet und neue Verfahren eingeleitet. Bis heute sind mehr als 550 Verurteilungen ergangen. Hohe Militärs, Polizisten, Geheimdienstmitarbeiter, aber auch Zivilisten, darunter Ärzte und Richter, wurden vor Gericht gestellt.

Scilingos Motive, sich über die Praktiken der Militärs zu äußern, waren bizarr und erschütternd zugleich: Er nahm keinen Anstoß an den schweren Menschenrechtsverletzungen – auch Offiziere hätten nur Befehle befolgt, folglich müssten alle oder keine Militärs bestraft werden –, lediglich die Debatte um zwei ESMA-Kollegen und deren geplante Beförderung erregte seinen Unmut. Das Buch ist in mehrere Sprachen übersetzt und die Gespräche wurden Bestandteil des Prozesses gegen Scilingo in Spanien, wo er bis heute im Gefängnis sitzt. 
Die juristische Aufarbeitung der damaligen Verbrechen ist jedoch noch immer nicht zu Ende. Besonders bei der Wirtschaftselite von damals, die auch heute noch vielerorts an den Schalthebeln der Macht sitzt, gehen die Ermittlungen immer noch schleppend voran.

Bild: mottingers-meinung.at

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Was das Buch so wichtig macht: Der Mantel des Schweigens, den viele Gesellschaften noch immer über ihre brutale Vergangenheit legen und die nicht-strafrechtliche Verfolgung der ehemaligen Täter und Verantwortlichen, wurde durchbrochen. „Überlebende und Angehörige von Opfern sind dann gezwungen, im Wissen um die Straflosigkeit zu leben, das Stigma als angebliche Kriminelle und Dissidenten bleibt noch lange haften. Dass diese Stigmatisierung oft auch in der Demokratie nicht endet, berichten auch Überlebende der argentinischen Diktatur … Die Prozesse stellen klar, dass die damals Verantwortlichen nicht taten, ,was getan werden musste’, sondern dass sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen“, betont Wolfgang Kaleck in seinem Vorwort.

Das Buch beginnt mit einem „Geständnis“: „Ich war in der ESMA. Ich will mit Ihnen reden sprach er (Scilingo) mich (Verbitsky) in der U-Bahn an. Es folgen erschütternde Berichte über die begangenen Gräuel, wie die damals herrschenden Militärs ihre Gewalttaten legitimierten, aber auch Einblicke in die Denk- und Handlungsmuster der Machthaber, Zeitdokumente über den Umgang der demokratisch gewählten Politiker mit den ehemaligen Militärherrschern und die Aufarbeitung der Rolle der katholischen Kirche während der Jahre der Diktatur in Argentinien. Im April 2005 wurde Scilingo vom spanischen Nationalen Gerichtshof zu 640 Jahren Haft wegen der Teilnahme an den Flügen, bei denen er 30 Menschen ins Meer geworfen hatte, verurteilt.

Bild: mottingers-meinung.at

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Das Ende der Militärherrscher:
General Jorge Rafael Videla, Oberbefehlshaber des Heeres und bis 1981 de facto Präsident Argentiniens, war hauptverantwortlich für den Sturz der Regierung von Isabel Perón am 24. März 1976. 1990 wurde er von Präsident Menem begnadigt, schließlich aber von verschiedenen Gerichten des Landes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 2012 gestand er, dass 7.000 bis 8.000 Desaparecidos (span.: Die Verschwundenen) umgebracht wurden. Er starb 2013 im Gefängnis.

General Roberto Viola, Nachfolger Videlas (März bis Dezember 1981). Wurde 1985 wegen unrechtmäßiger Freiheitsberaubung, Folter und Raubes zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt. 1990 von Präsident Menem begnadigt, starb er 1994. General Leopoldo Galtieri, von Dezember 1981 bis Juni 1982 Präsident des Landes, befahl im April 1982 die Besetzung der Falkland-Inseln. Nach der Niederlage gegen Großbritannien im Juni des Jahres zurückgetreten. Nach mehreren Verurteilungen von Menem 1989 begnadigt. Später wegen anderer Delikte erneut verurteilt, wegen seines schlechten Gesundheitszustandes unter Hausarrest gestellt. Er starb 2003.

Über den Autor:
Horacio Verbitsky, geboren 1942, ist einer der führenden investigativen Journalisten Argentiniens. Er ist politischer Kolumnist der argentinischen Tageszeitung Página/12 und schreibt für El País und The New York Times. Verbitsky veröffentlichte mehr als 20 Bücher über politische, militärische, kirchliche und wirtschaftliche Themen im Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Seit 2000 leitet er die Menschenrechtsorganisation „Centro de 
Estudios Legales y Sociales“ (Zentrum für rechtliche und soziale Studien, CELS). Der Autor kommt am 19. April nach Wien und wird im Lateinamerika-Institut sein Buch präsentieren. Er und Übersetzerin Sandra Schmidt sprechen über die aktuelle Situation in Argentinien, über den Stand der Aufarbeitung der Diktatur und über die Auswirkungen der Wahl des rechtskonservativen Präsidenten Mauricio Macri. Der Eintritt ist frei.

Mandelbaum Verlag, Horacio Verbitsky: „Der FlugWie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ, Sachbuch, 200 Seiten. Aus dem Spanischen von Sandra Schmidt. Mit einem Vorwort von Wolfgang Kaleck und einem aktualisierten Epilog von Horacio Verbitsky.

www.mandelbaum.at

Ein weiterer Literatur-Tipp zum Thema:
„El Eternauta“ ist das Hauptwerk des wichtigsten argentinischen Comicautors Héctor Germán Oesterheld, das vor dem Hintergrund seines späteren eigenen Schicksals eine beklemmend prophetische Kraft entfaltet: Ein argentinischer Comicautor erschafft einen Helden, der verzweifelt versucht, seine Familie zu finden. Jahre später, ab 1976 unter der Militärjunta, wird die Geschichte schreckliche Wirklichkeit. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18335

Wien, 11. 4. 2016

Volkstheater: Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“

Oktober 3, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fabelhaftes Fremdschämen

Dominik Warta, Günther Wiederschwinger, Anja Herden, Birgit Stöger Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dominik Warta, Günther Wiederschwinger, Anja Herden, Birgit Stöger
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Inszenierung beginnt im Foyer. Mit Büchertisch und Hinweis auf eine Signierstunde mit Nathalie Oppenheim und ihrem preisgekrönten Roman „Das Land des Überdrusses“. Das Volkstheater beginnt seine Bezirkstour, neu ist der Premierenort Volx/Margareten, der endlich einer Bestimmung zugeführt ist und mit dem Theaterzauber seiner hinreißenden Abgefucktheit glänzt, mit der österreichischen Erstaufführung von Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“.

Eine weitere sprachspielerische pièce bien faite der Erfolgsautorin, die um eine Leerstelle kreist. Diesmal ist es kein weißes Bild und keine Knabenprügelei, sondern ein Literaturabend. Die öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin Nathalie Oppenheim lässt sich zu einer Lesung samt Diskussion hinsinken. Aus diesem Auftritt im Licht einer provinziellen Scheinöffentlichkeit wird eine dramatische Situation, wird die komische Situation. Der Reza-Faktor errechnet sich bekanntlich aus der Gleichung Unsympath plus Alkohol ist gleich Eskalation. 

Wobei Regisseur Sebastian Kreyer diese Klausel elegant aushebelt. Er macht aus dem Stück Boulevard eine melancholische Komödie. Viel spielt sich in Zwischentönen ab, viel ausschließlich mimisch. Rezas Schablonen entwickelt Kreyer zu fein ziselierten Figuren, die an den emotionalen Kampfschauplätzen gegen einander antreten. Die darstellerische Turbotaste wird auch, aber nur selten gedrückt. Spannend ist, dass man keinen der Charaktere wirklich leiden mag. Andererseits ist jeder ihrer Standpunkte nachvollziehbar. Es macht den Reiz dieses Abends aus, dass man gedanklich mal auf der einen, dann auf der anderen Seite steht. Bis am Ende die eine Lichtgestalt enttarnt ist.

Mit Witz und Charme geht Anja Herden an die Nathalie heran. Sie spielt die Verweigerung einer Künstlerin, die ihr Werk nicht mit ihrem Wesen verglichen haben will. Sie spielt die Frage: Wie sehr darf man sich allein gehören? Die medial durchleuchtete Menschheit opfert ihre Privatheit auf dem Altar des Like-Fäustchens – was, wenn man einer Widerständlerin begegnet? Nathalie wird von Bibliothekar Roland eingeladen; die Literaturkritikerin Rosanna soll mit ihr ein Interview führen. Dominik Warta und Birgit Stöger vertreten die beiden Reza-Prinzipien der Annäherung: Man kann nur Hofnarr oder Henker des Künstlers sein. Man kann der Autorin entweder in den A**llerwertesten treten oder kriechen. Zu schreiben, Yasmina Reza hätte sich in ihrer Protagonistin …, geht nicht bei einem Stoff, der gerade um dieses Thema kreist. Jedenfalls meidet auch Reza, den Kopf durch die Allerweltstür zu stecken. Nathalie hingegen wirft sich der Meute gleichsam zum Fraß vor. Matrjoschka-ähnlich geht es um eine Schriftstellerin, die einen Roman über eine Schriftstellerin schreibt, deren Buch „Ihre Version des Spiels“ heißt.

Was Wunder also, dass Stögers Rosanna gleich in den Anekdoteninfight geht. Mit ihrem Auftritt, wie sie her-vor-rag-end sagt, ist klar, dass der Hühnerkampf begonnen hat. Rosanna macht auf unangenehm investigativ. Ihr haben schließlich schon größere kein Interview gegeben. Frau ist ja Fachfrau. Wunderbar, wie die Klugschwätzerin haarscharf an den Antworten ihrer Gesprächspartnerin vorbeifragt, und dabei mit strengem Blick durch die rote Brille das Einverständnis des Publikums einholen will. Je insistierender, je süffisanter, bald zynischer Nathalie. Die Versuche, die Sache mit Humor zu nehmen, werden krampfhafter. Sie zupft an ihrem engen Kleid. Augen rollen. Herdens Contenance leidet zunehmend an Gesichtsmuskelzerrung. Peinlich, wenn auf der Bühne über, statt mit einem gesprochen wird. Wenn eine andere einem sagt, wie man eigentlich ist. Und doch versteht man auch Rosanna. Nichts ist mühsamer, als wenn der Künstler den Mund nicht aufkriegt. Sich in den Nimbus der Unnahbarkeit einwebt. Ihr Satz, Nathalie glaube wohl ihre Bücher verkauften sich ohne dafür zu werben, hat etwas sehr Wahres. Ihre Getroffenheit, wenn Nathalie eine Textstelle über eine Mutter im Altersheim liest, macht deutlich, dass auch Rosanna eine Geschichte jenseits ihrer professionellen Schroffheit hat.

Fabelhaft zum Fremdschämen ist Dominik Wartas Roland, fabelhaft, wie er das Interview erden, während Rosanna damit abheben will. Ein Laiendichter, der die Profiautorin gleich mit seinem Werk überfährt. Ein sich selbstbeweihräuchernder Ver-Sprecher. Ein Schleimer und Schmeichler, man möchte sich unterm Sitz verkriechen. Warta ist auch ein wenig stummfilmhafter Slapstick gegönnt. Doch wie seine Mitstreiter stellt er das Komische seiner Figur niemals vordergründig komisch dar. Darin liegt das Komödiantische dieser Arbeit. Alle sind cool. Dieser Humor steigt einem ins Hirn und brennt dort wie zu schnell gegessenes Eis. Letztlich ist Roland inmitten der Eitelkeit der beiden Frauen ein Seelchen; er wird den zwischenmenschlichen Triumph davontragen. Seine Gedichte sind tatsächlich anrührend … Bleibt Günther Wiederschwinger als Bürgermeister. Das dritte Tierchen, ein echter Auskenner, der der Autorin im Augenblick mitteilt, dass er ihr Buch verstanden hat. Wenn Lächeln reden könnte. Wiederschwinger als der Typ Politiker, der Kultur zur Imagepolitur verwendet, rundet das Quartett ab. Und eilt als erster ins Foyer zurück, um Gilbert Bécauds „Nathalie!“ zu singen.

Ein gelungener Auftakt für das Volkstheater in den Bezirken. Einer, der Lust auf mehr macht. Intendantin Anna Badora setzt hier auf ein ambitioniertes Programm. Es folgen Uraufführungen: Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“, Pia Hierzeggers „Die Fleischhauer von Wien“ und Thomas Glavinics erstes echtes Theaterstück „Mugshot“.

www.volkstheater.at

Noch ein Autor in Nöten: www.mottingers-meinung.at/?p=14443

Wien, 3. 10. 2015