Volksoper: Roxy und ihr Wunderteam

September 12, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

So sexy kann Fußball sein

„Roxy“ Katharina Gorgi und ihr Wunderteam. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schon zur Ouvertüre muss das Runde ins Eckige. England gegen Ungarn, das ist Brutalität! Am Ende steht’s 3:2 für die Gäste vom Kontinent, die Nationalelf feiert im Nobelhotel, da stürmt ins Zimmer des Teamkapitäns Gjurka Karoly eine Braut, die sich nicht traut, Roxy auf der Flucht vorm unterbelichteten Verlobten – und die frohgemute Mannschaft beschließt, das britische Fräulein ins Trainingslager an den Plattensee zu retten.

Womit an der Volksoper zur Saisoneröffnung ein schwungvoller Gute-Laune-Abend beginnt, der das Premieren-Publikum zu begeistertem Jubel und Applaus veranlasste. Andreas Gergen hat Paul Abrahams Revueoperette „Roxy und ihr Wunderteam“ inszeniert, und Dirigent Kai Tietje lässt das Volksopernorchester zwischen Attack Speed im Big Band Sound und magyarisch-melancholischen Klängen taktieren – Abraham hat sozusagen von Charleston bis Csárdás komponiert -, dass es eine Freude ist. Eine Freude sind auch der nicht nur gesanglich, sondern auch tänzerisch talentierte Jugendchor des Hauses als Schülerinnen eines Mädchenpensionats und eine Handvoll durchtrainierter Herren als anfangs leichtgeschürzte Fußballer, diese später auch heiß als Feuerwehrmänner, Stichwort: The Full Monty.

Im tausend Stückeln spielenden, ohne Rot-Weiß-Grün-Folklore funktionierenden Bühnenbild von Sam Madwar, unter anderem ein senkrechtes Fussballfeld, stimmigen Videos von Andreas Ivancsics und ebensolchen Kostümen von Aleksandra Kica, geht’s leichtfüßig durch zweidreiviertel höchst unterhaltsame Stunden. Das Ensemble dribbelt flink durch tumultuöse Geschehen, in dem ganz klar Peter Lesiak als Tormann Jani Hatschek II der Spielmacher ist. Wie er in den ausgetüfelten Choreografien des früheren John-Neumeier-Studenten Francesc Abós mit „Roxy“ Katharina Gorgi singt, swingt, steppt, ein Highlight ist der „Black Walk“, das muss man gesehen haben, Violinsolistin Gorgi, die nicht nur mit neckischem Charme, sondern wie ein Prímás auf der Geige spielt.

„Das Wunderteam“, dieser Begriff hat hierzulande beinah mythischen Charakter. 1931 besiegte die österreichische Nationalmannschaft in Berlin den im Wortsinn großen Bruder Deutschland mit einem sensationellen 6:0. Auf dem Platz Mittelstürmer „der Papierene“ Matthias Sindelar, Tormann-Beau Jani Hatschek und „der Blade“ Karl Sesta. Es dräute das Jahr 1933 und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, der Wiener Fußball verabschiedete sich aus der Weltgeschichte im legendären „Anschluss-Spiel“ 1938, in dem Sesta einen widerständigen 2:0-Treffer schoss.

Katharina Gorgi und Jörn-Felix Alt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer, Marco Di Sapia und Michael Havlicek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jakob Semotan und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil, Christoph Wagner-Trenkwitz und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sport ist Politik, das macht die Figur des Baron Szatmary, Marco Di Sapia als Präsident der Fußballmannschaft deutlich, der stets bestrebt ist, seine Verbindungen nach Berlin zu verbessern, und den Gjurka bescheidet, er werde sich noch umschauen, wo er landet, wenn er nicht bald zur Parteilinie passe. Als dieser Gjurka ist Jörn-Felix Alt dem Sindelar nachgezeichnet, ein introvertiertes Elegiebürscherl, das vom Temperamentsbündel Roxy zum Dumdududum des James-Bond-Themas überrannt wird.

„Gibt es denn niemanden, der mir beim Ausziehen helfen will?“, bleibt, als Roxy aus ihrem Hochzeitskleid schlüpfen will, beileibe nicht die einzige schlüpfrige Bemerkung und frivole Doppeldeutigkeit im Text von Alfred Grünwald und Hans Weigel. Gorgis und Alts Musical-Stimmen kommen nicht aus der größten Tiefe des Resonanzraums, haben aber den Zug zum Tor. Anfangs lampenfiebrig ein wenig schwächelnd, legt sich das, sobald die beiden merken, wie sehr sie mit ihrem sympathischen Auftritt beim Publikum punkten.

Spielentscheidend ist sowieso der Mannschaftsgeist. Das Volksopern-Team ist für die musikalische Kurzpass-Komödie in guter Kondition, Jakob Semotan als Arpad Balindt, Oliver Liebl als Géza Alpassy, Martin Enenkel als Laczi Molnar, Kevin Perry als Aladar Kövess und Maximilian Klakow als Jenö Körmendy. Verfolgt werden die Fußballer von Roxys schottischem Onkel Sam Cheswick, Robert Meyer grandios komisch als geiziger Mixed-Pickles-Produzent, der sich mit dem abservierten, ergo weinerlichen Bräutigam Bobby Wilkins, Matthias Havlicek mit warmtimbriertem, elegant geführtem Bariton die schönste Stimme der Aufführung, nach Ungarland aufmacht.

Julia Koci und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek und Katharina Gorgi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil und Peter Lesiak. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dort hat der Wirrwarr gewaltige Dimensionen angenommen. Baron Szatmarys Gutsverwalter, Thomas Sigwald mit seiner bald von allen persiflierten Klage „Das muss Kovacs passieren!“, hat das Herrenhaus, in dem die Elf sich fürs Rückspiel fit machen soll, ohne Wissen seines Herrn einem Mädchenpensionat als Urlaubsquartier vermietet. Klar, dass die Damen einziehen wollen, Julia Koci als züchtige und züchtigende Direktorin Aranka von Tötössy in Breeches und mit Reitgerte und Wirbelwind Juliette Khalil als deren rotzfreche Problemschülerin Ilka Pirnitzer.

Bald ist die Stimmung „Party! Party!“ – „Lass Dir einen Cocktail mixen von den kleinen Donaunixen“ wird enthusiastisch intoniert, Lesiak und Khalil finden sich als hinreißendes, elanvolles Buffo-Paar, die „Paprikablume“ und der Goalkeeper-Beau, doch nicht nur „Vintage-Box“ (Semotan für „alte Schachtel“) Aranka, sondern auch Spielverderber Gjurka wollen das tolle Treiben per Schlusspfiff abblasen. Um ihn zu ärgern gibt sich Roxy als Szatmarys Verlobte aus, der sich an der Augenweide ohnedies nicht sattsehen kann, was Gjurkas Herz brechen und ihn zur Schnapsflasche greifen lässt.

Die zweite Halbzeit nach der Pause befördert das Ganze in den Turnsaal des Mädchenpensionats, herrlich hier Gernot Kranner als alkoholisierter, konjunktivischer Pedell Miksa, der die ihre Liebsten aufsuchenden Sportler einen nach dem anderen als Handwerker verkleidet vorlässt – dies eine der vergnüglichsten Szenen in Hausdebütant Gergens Regie. Die höheren Töchter kriegen Hausarrest und können nur der Übertragung von Radioreporter Christoph Wagner Trenkwitz lauschen, ein Kabinettstück, doch als die Budapester Helden nach der ersten Spielhälfte im Rückstand sind, beschließen die Schülerinnen Richtung Stadion auszubüchsen.

Katharina Gorgi und die Mannschaft auf dem Platz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Peter Lesiak, Jörn-Felix Alt, Georg Prohazka, Oliver Floris und Kevin Perry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek, Josef Luftensteiner und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gernot Kranner, Julia Koci, Robert Meyer, Thomas Sigwald und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der moderaten Modernisierung von Gergen und Wagner-Trenkwitz werden auch der Entstehungszeit des Werks anhängende Songs wie „Handarbeit“, der das Hitler-Ideal Heimchen am Herd ohnedies parodistisch preist, der Stricklieseln „Handarbeit“ für den Gatten – zwinkerzwinker! – per Chair Dance zur Burlesque-Nummer. Tatsächlich stricken die Schülerinnen jenen langen Schal, mit dem sie sich später abseilen werden. Und nennt sich Roxy einen „kleinen, hübschen Fußball“, so ist das einfach als Versuch zu deuten, zu Gjurka unter Verwendung einer ihm vertrauten Sprache endlich durchzudringen.

Punkto Tagesaktualität wird der Ball zumeist flach gehalten. Umso mehr auffällt Robert Meyers Couplet des Cheswick, in dessen letzter Strophe er nestroyanisch nörgelt, wie übel ihm von Operette würde, denn „wahre Kunst sieht anders aus!“ Welch einen Beer, den er dem Publikum da aufbindet. Im Schlussbild der vereinten Paare, Roxy und Gjurka, der sich als zivilberuflicher Chemielaborant entpuppt und dessen Konservenlack ex machina für den Schotten-Onkel patent/Patent genug ist, Ilka und Hatschek II, Cheswick und Aranka, auf deren Sparsamkeit der Fabrikant hofft, und schließlich, weil jeder T(r)opf einen Deckel findet, Bobby und Pensionat-Schülerin Ilonka aka Stefanie Mayer, weht statt der ungarischen als OrbánKritik die Regenbogenfahne.

„Roxy und ihr Wunderteam“ an der Volksoper ist die Steilvorlage für einen unterhaltsamen Musiktheaterabend. Eine Empfehlung an alle Operettenfans und Freundinnen und Freunde des klassischen Musicals. Lasst uns diese letzte von Robert Meyer verantwortete Saison bis zum letzten Spieltag auskosten!

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=iu6TVZ1TBvk          Regisseur Andreas Gergen, Diriget Kai Tietje, „Roxy“ Katharina Gorgi und Tormann „Hatschek II“ Peter Lesiak im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=cuBOtYXU-j4          Roxys Wunderteam und Rapid-Legenden im Match gegen den Wiener Sport-Club: www.youtube.com/watch?v=LGa9txFPapI           www.volksoper.at

  1. 9. 2021

Gärtnerplatztheater Live-Stream: Viktoria und ihr Husar

Januar 18, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Reinprecht, Prohaska, Lesiak und Ellers

Viktoria und ihr Husar: Ensemble und Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Bild: © Christian POGO Zach

Am 23. Jänner, 19 Uhr,  wird die Operette „Viktoria und ihr Husar“ in der Inszenierung von Staatsintendant Josef E. Köpplinger als Live-Stream aus dem Münchner Gärtnerplatztheater zu sehen sein. Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz wird dirigiert von Tobias Engeli, in den Hauptrollen sind die Gastsolisten Daniel Prohaska und Alexandra Reinprecht zu erleben.

Der Live-Stream der Spielzeitpremiere ist kostenfrei auf der Website des Theaters www.gaertnerplatztheater.de abrufbar. Zum Inhalt: Der ungarische Husarenrittmeister Stefan Koltay befindet sich nach dem Ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft und wartet auf seine Hinrichtung. Doch es gelingt ihm die Flucht, und über Japan will er zurück in seine Heimat und zu seiner Geliebten Viktoria gelangen. Viktoria, die Koltay tot glaubt, ist mittlerweile jedoch die Gattin des amerikanischen Gesandten Cunlight, mit dem sie in Tokio lebt. Dort trifft das einstige Liebespaar wieder aufeinander …

Als am 21. Februar 1930 die Uraufführung von „Viktoria und ihr Husar“ am Hauptstädtischen Operettentheater Budapest über die Bühne ging, war die große Operettenära bereits vergangen, Revue-Theater und Kinofilm hatten sich das Unterhaltungsmonopol gesichert. Mit einer gekonnten Synthese zwischen Exotismus, ungarischem Kolorit, teils filmischer Dramaturgie und amerikanischen Jazz-Klängen gelang es Paul Abraham und seinen Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, die Gattung neu zu beleben.

Peter Lesiak und Susanne Seimel. Bild: © Christian POGO Zach

Josef Ellers und Katja Reichert. Bild: © Christian POGO Zach

Alexandra Reinprecht und Daniel Prohaska. Bild: © Christian POGO Zach

Mit Daniel Prohaska als Stefan Koltay und Alexandra Reinprecht als Viktoria sind als wienbekannte Solistinnen und Solisten zu sehen: Peter Lesiak als Graf Ferry, Josef Ellers als Janczy, Gunther Gillian als Leutnant Petroff und Erwin Windegger als Cunlight.

 www.gaertnerplatztheater.de

18. 1. 2021

Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Februar 23, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Gespenst, das durch die US-Geschichte geistert

Mit abgeklärter Wucht eröffnet US-Autorin Jesmyn Ward ihren Roman „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“. Pop geht mit Enkel Jojo zum Ziegengatter, denn eines der Tiere soll fürs Geburtstagsessen des 13-Jährigen geschlachtet werden. In aller Ruhe schildert Jesmyn Ward die Routine des Großvaters, das Aussuchen eines und das angstvolle Blöken der anderen Böcke, abstechen, ausweichen, häuten. „Der Todesgestank von etwas, das gerade lebendig war, das noch heiß ist von Blut und Leben“ lässt Jojo sich übergeben.

Er bleibt nicht der einzige, der kotzen muss. Seine Schwester Kayla tut es später, weil ihr Magen gegen die schier endlose Autofahrt protestiert, seine Mutter Leonie, weil sie einen Beutel Crystal Meth, den sie kurz vor einer Polizeikontrolle verschluckt hat, wieder herausbefördern muss. Es ist, als stülpten sie alle ihr Innerstes nach außen, um das Unverdauliche eines lebenslangen Runterschluckens loszuwerden, die giftigen Konkremente einer Familiengeschichte, die zugleich die amerikanische ist – Gewalt, Hassverbrechen, Blutvergießen, das ist es, was sie würgt.

„Big Joseph ist mein Weißer Opa, Pop mein Schwarzer. Ich wohne seit meiner Geburt bei Pop; meinen Weißen Opa hab ich zwei Mal gesehen“, erklärt Jojo. Der Ort: Bois Sauvage mitten in der dunklen Seele von Mississippi, die Zeit: ein diffuses Jetzt, heißt: die Sklaverei ist abgeschafft, der Rassismus nicht, er glüht weiß in der Hitze des Südens. Jojo ist einer von drei Ich-Erzählern, die die Buchkapitel unter sich aufteilen, die zweite ist Leonie, zügellos, drogensüchtig, überfordert, die außer Jojos Mutter auch die der kleinen Kayla ist – eine Zweijährige und ihr Afro so blond, ihre Augen so blau wie bei ihrem weißen Vater Michael.

Was zwischen Leonie und Michael ist, ist eine Amour fou, „sie versetzte ihm einen Schlag an den Kopf, der so laut schallte, dass es nass klang. Er drehte sich um, packte sie am Arm, dann schrien sie und keuchten und schubsten und zerrten, dann schoben sie sich noch dichter aneinander und sagten etwas, aber ihre Worte klangen wie Stöhnen“. Im Schlafzimmer nebenan stirbt die Großmutter an Krebs. Kayla erkennt nur Jojo als Vaterfigur an, die beiden derart in Fürsorge füreinander verschlungen, „er trägt sie vor seiner Brust, ihr Rücken sein Schild“, dass sie wie ein Wesen mit vier Armen und Beinen wirken.

Michaels Eltern wollen von ihrem abtrünnigen Sohn und dessen finsterer Brut nichts wissen. „Nigger bleibt für ihn Nigger“, sagt Michael über Vater Big Joseph. Nur eine grausame Tat verbindet die Familien: Michaels Cousin hat Leonies Bruder Given wie ein Stück Wild „erlegt“, man hatte den Black Boy zu einer Jagdgesellschaft weißer Schulfreunde eingeladen, bis der Neid über Givens Jagderfolg sein Schicksal besiegelte. „Du verdammter Idiot, sagte da dessen Vater. Es ist nicht mehr wie früher.“ Ist es doch: Der Weiße geht straffrei aus.

Was Ward schreibt, ist eine Poesie des Schreckens, ein Gedicht der Grausamkeiten, ein Poem über die Perspektivlosigkeit kontaminierter, gebrochener Herzen. Mit unerbittlicher Wahrhaftigkeit und im vernuschelten Ton wörtlichen Erzählens, den Übersetzerin Ulrike Becker wunderbar erhalten hat, reiht sie soziales Elend an Voodoo-Magie, diese schwarz oder weiß wie die Menschen, Drogenkriminalität an Stimmenhören, störrische Schweigsamkeit an die Liebe im Ungesagten, Archaisches an Gegenwärtiges, die Geschichte der als Sklavin verschleppten afrikanischen Ahnin, Lynchmord an Gnadentod, Kindesvernachlässigung an Gespenster. Alles verschwimmt in allem.

„Unburied“ nennt die Autorin im englischen Original die auf Deutsch zu Lebenden und Toten Gewordenen, schwer zu übertragen trifft’s der Begriff trotzdem besser. Wards Roman nimmt im Wortsinn Fahrt auf, als Michael nach drei Jahren Knast aus dem Gefängnis entlassen wird, und Leonie samt Kindern dorthin rast, um ihn abzuholen. „Dorthin“ ist das Mississippi State Penitentiary, die „Parchman Farm“, wo Pop als junger Mann in einer Chain Gang schuften musste. Und wo er den noch minderjährigen Sträfling Richie bis zu dessen Sterben beschützte. 1948, da gab es noch Bluthunde und die Prügelstrafe.

Bild: pixabay.com

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Der kindliche Richie, längst nicht mehr am Leben, erkennt in Jojo, an der Körperhaltung wie an der zum Leben, Pop. Nun will er zu ihm, will endlich „nach Hause“, will wissen, wie sein Ende war – und er, den nur Jojo (außer dem Nachbarshund und dem schwarzen Vogel vom Buchcover) sehen und fühlen kann, „als ich dreizehn war, wusste ich viel mehr als er, ich wusste, dass Fußeisen in die Haut einwachsen konnten, ich wusste, dass Leder durchs Fleisch schneiden konnte wie durch Butter, ich wusste, dass Hunger wehtun konnte“, ist nicht der einzige Geist, der erscheint. Das macht auch Given bei seiner Schwester Leonie. Aus Sorge und auch Zorn, dass sie nicht von Michael gelassen hat, Richie wie Given dabei im jenseitigen Changieren zwischen Gut und Böse …

Wenn Jesmyn Ward vom „Lost South“ erzählt, dann von einer Welt, die sie selbst genau kennt, sie kommt aus Mississippi, ist die erste ihrer Familie, die ein College besuchte, die Universität Stanford mit zwei Abschlüssen verließ und heute als Professorin mit ihrer Familie wieder im Süden lebt. Dass sie die Verhältnisse so gnadenlos präzise und dennoch nicht ohne Hoffnung sieht, es mag seinen Grund in ihrer eigenen Biografie haben. Wie tagesaktuell ihre Haltung gegenüber „Historie“ ist, ist unüberlesbar.

Dazu entwirft sie starke Szenen, Jojo, viel zu erwachsen für sein Alter, der es dennoch nicht wagt, seine Mutter um eine Flasche Cola zu bitten, und an der Tankstelle nur für sie eine kauft. Leonie, die ihre schlafenden Kinder liebkosen und gleichzeitig anbrüllen möchte, damit sie hochschrecken. Eine Prügelei zwischen Michael und Big Joseph, bis Michaels Mutter mit dem Besen dazwischen geht. Pop, von dem zunehmend klar wird, dass er ein düsteres Geheimnis hat, das mit Richies Tod zu tun hat und der Grund ist, warum beide keinen Frieden finden.

Die Situation zwischen ihren Lebenden und Untoten lässt Ward eskalieren. „Mam“, die Großmutter, die an die Heilige Teresa ebenso glaubt wie an Oya, „Herrin der Winde, des Blitzes und der Stürme“, zwingt Leonie zu einem synkretistischen Sterberitual. Da ist der Augenblick für Richie gekommen, seine tatsächlichen Absichten zu offenbaren. Given tritt im Kampf der Geister gegen ihn an – doch es wird nicht Jojo sein, der die Psychomania via Erlösung beenden wird, sondern … das hellsichtigste Geschöpf von allen.

Über die Autorin: Jesmyn Ward, geboren 1977, wuchs in DeLisle, Mississippi, auf. Nach einem Literaturstudium in Michigan war sie Stipendiatin in Stanford und Writer in Residence an der University of Mississippi. Zurzeit lehrt sie Creative Writing an der University of South Alabama. Für ihre Romane „Vor dem Sturm“ und „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ erhielt sie jeweils den National Book Award sowie weitere Auszeichnungen.

Ullstein Taschenbuch, Jesmyn Ward: „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“, Roman, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Becker.

www.ullstein-buchverlage.de           jesmimi.blogspot.com

  1. 2. 2020

Seefestspiele Mörbisch: Viktoria und ihr Husar

Juli 8, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Weltreise mit wunderbaren Melodien

Motorradtrip ins Happy End: Dagmar Schellenberger als Viktoria und Michael Heim als Husarenrittmeister Stefan Koltay. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Motorradtrip ins Happy End: Dagmar Schellenberger als Viktoria und Michael Heim als Husarenrittmeister Stefan Koltay. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Das ist tatsächlich großes Kino! Intendantin Dagmar Schellenberger zeigt bei den diesjährigen Seefestspielen Mörbisch „Viktoria und ihr Husar“ und was Regisseur Andreas Gergen und sein Ausstatter Christian Floeren dazu auf die Neusiedlerseebühne gestellt haben, übertrifft an Opulenz, so möchte man meinen, sogar noch die vergangenen Jahre.

Die beiden laden zu einer Weltreise mit den wunderbaren Melodien von Paul Abraham; sie entzünden lang bevor das eigentliche beginnt ein Feuerwerk an großartigen Ideen und kleinen Gimmicks. Da wechseln sich japanische Pagoden mit einem St. Petersburger Palais und später der ungarischen Puszta ab. Da kann ein Doppeldecker beinah wirklich fliegen, eine Beiwagenmaschine fast ohne Anschieben Fahrt aufnehmen. Da wackelt der goldene Buddha im Takt mit dem Kopf und glitzert der Eifelturm, aber hängt im Grammophon die Nadel, stocken Platte wie Ballett und es gibt kein Weiterkommen. Welch ein Spaß. Und jeder der Mitwirkenden hat Paprika im Blut.

Schellenberger selbst hat sich der Rolle der Viktoria verschrieben. Die ungarische Gräfin wurde Ehefrau des amerikanischen Gesandten John Cunlight, als sie ihren geliebten Husarenrittmeister Stefan Koltay gefallen glaubte. Doch der überlebt die russische Kriegsgefangenschaft und landet auf seiner Flucht just in der US-Botschaft in Tokio. Nun steht Viktoria vor der Gewissensfrage, welchen der beiden Männer sie von Herzen liebt. Schellenberger gestaltet ihren Part ganz Grande Dame mit Augenzwinkern, sie zeigt einmal mehr, wie unterhaltsam, bewegend und mitreißend Operette sein kann, wenn man das Genre im richtigen Maße ernst wie leicht nimmt.

Ihr zur Seite stehen Andreas Steppan als selbstloser Entsager Cunlight, der auch ohne klassische Operettenstimme den Kollegen punkto Ausstrahlung und Charme in nichts nachsteht. Und der fabelhafte Michael Heim als Koltay, der wiewohl im Vorspiel in der sibirischen Steppenlandschaft kurz von der Mikrofonierung gestört, seine Stimme schön zu führen weiß und als aufrechter Held und Ehrenmann berührt. Schließlich ist nicht alles eitel Wonne in diesem Werk, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, teils im bolschewistischen Russland und am Vorabend des Nationalsozialismus spielt.

Gergen lässt in einem ersten Bild Lager anklingen. Ein Innehalten und Nachdenken darüber, was Operette hätte sein können, wären ihre Schöpfer wie eben Abraham und seine Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda nicht von den Nazis vertrieben oder ermordet worden. Abraham, der einstige k.k.-Superstar, starb nach dem Exil in geistiger Umnachtung. Löhner-Beda wurde in Auschwitz totgeschlagen, weil Manager des Chemiekonzerns IG Farben seine Arbeitsleistung bemängelt hatten …

Perfektes Buffopaar: Andreas Sauerzapf als Janczi und Katrin Fuchs als Riquette. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Perfektes Buffopaar: Andreas Sauerzapf als Janczi und Katrin Fuchs als Riquette. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Peter Lesiak als Graf Ferry ist ein Highlight des Abends; mit Verena Barth-Jurca als O Lia San. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Peter Lesiak als Graf Ferry ist ein Highlight des Abends; mit Verena Barth-Jurca als O Lia San. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Dem dramatischen Dreieck, die gewesene Liebesgeschichte zwischen Viktoria und Koltay erzählt Gergen mit einem Balletttänzerduo als wären’s Rückblenden, stehen zwei Buffopaare gegenüber. Alle vier machen sich mit überbordender Spielfreude und einer Prise Frivolität an ihre Rollen. Was ihnen die Lacher des Publikums sichert. Der sympathische Spaßvogel Andreas Sauerzapf und die quirlige Katrin Fuchs geben witzig-spritzig Koltays Burschen Janczi und das Kammerkätzchen Riquette. Verena Barth-Jurca ist als O Lia San entzückend; sie überzeugt nicht nur mit ihrem kristallklaren Sopran, etwa wenn sie ihrem Ferry die 1070 Regeln der glücklichen Ehe vorbetet, sondern auch in den Tanznummern.

Zweiundzwanzig davon hat Simon Eichenberger einfallsreich choreografiert, wie verlangt Foxtrott, Charleston und Csárdásschritte untergebracht, und der sie von den Solisten am gekonntesten umsetzt ist Peter Lesiak als Graf Ferry. Der Sänger der Wiener Volksoper, der dort zuletzt als leidenschaftlicher Student Perchik in „Anatevka“ auffiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19898), überzeugt auch in Mörbisch mit seiner temperamentvollen Art. Er zeigt nicht nur geradezu akrobatische Slapstickeinlagen, sondern steppt auch, dass es eine Freude ist. Mit dem Slowfox-Hit „Mausi, süß warst du heute Nacht“ samt einer Nagetierparade gestaltet er einen der Höhepunkte des Abends. Auch Statisten, Chor und Tänzer sind gut geprobt und vor allem ausgesprochen gut gelaunt.

Musikalische Weltreise von Japan ... Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Musik-Weltreise von Japan … Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

... bis Paris. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

… bis Paris. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

David Levi führt das Orchester mit flottem Dirigat durch den Abend. Er versteht es Folklore mit Jazz zu mixen, und überzeugt musikalisch vom Schlager à la „Meine Mama war aus Yokohama“ über die weit schwingenden Melodien von „Du warst der Stern meiner Nacht“ und „Nur ein Mädel gibt es auf der Welt“ zum melancholischen „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ bis zum feurigen Foxtrott „Ja so ein Mädel, ungarisches Mädel“. Da ist das Happy End schon in greifbarer Nähe, weil, wie könnt’s im Burgenland anders sein, im Wein die Wahrheit liegt.

„Viktoria und ihr Husar“ in Mörbisch ist ein üppiger Bilderbogen, der alles zu bieten hat, was die Tragikomik der Operette ausmacht. Er ist ein bissl schräg, etwas gefühlig, zwischendurch pathetisch, alles in allem sehr beschwingt – mit einem großen Schuß (Selbst-)Ironie. Eben ein auf allen Ebenen gelungener Abend. Es gibt noch für alle Spieltage und in beinah allen Preiskategorien Karten.

www.seefestspiele-moerbisch.at

Wien, 8. 7. 2016

Seefestspiele Mörbisch 2016: Viktoria und ihr Husar

April 20, 2016 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Dagmar Schellenberger präsentierte die Produktion

Die Stars von "Victoria und ihr Husar": Michael Heim, Dagmar Schellenberger und Andreas Steppan. Bild: Seefestspiele Mörbisch

Die Stars von „Viktoria und ihr Husar“: Michael Heim, Dagmar Schellenberger und Andreas Steppan. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Pin

Eine rare Perle der glamourösen Revue-Operette präsentierte Intendantin Dagmar Schellenberger Mittwoch Vormittag ihrem Publikum 2016. Nach 43 Jahren Pause verlieren, finden und lieben „Viktoria und ihr Husar“ einander wieder auf der Seebühne in Mörbisch.

Paul Abrahams Operette ist eine Geschichte mit Tiefgang, jede Menge Evergreens zum Mitsingen von „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“, „Mausi, süß warst du heute Nacht“ bis „Meine Mama war aus Yokohama“, spektakuläre Tanznummern und eine wahre Ausstattungsschlacht, die zwischen 7. Juli und 20. August für Glamour am Neusiedler See sorgen wird. „Ein Spektakel der besonderer Art“, verspricht die Intendantin.

Besondere Anforderungen gibt es an das Bühnenbild, denn „Viktoria und ihr Husar“ gleicht einer musikalischen Weltreise, die von Sibirien über Tokio nach St. Petersburg und schließlich zum großen Finale in die Puszta führt. „Diesen völlig unterschiedlichen Schauplätzen ist aber eines gemeinsam“, erklärt Christian Floeren, der Bühnenbild und Kostüme entworfen hat: „Jedes Bild ist um die zweiteilige Revuetreppe gruppiert – sie ist der Dreh- und Angelpunkt für die Tänzerinnen und Tänzer und kann mit LED fast wie eine Lichtwand ihre Farbe verändern.“

Das Bühnenbild wird opulent. Bild: Seefestspiele Mörbisch

Das Bühnenbild wird opulent. Bild: Christian Floeren

Nicht nur das Bühnenbild steht ganz im Zeichen der Tanzes, auch sonst werden bei den Seefestspielen 2016 völlig neue Maßstäbe gesetzt. Das Ballett besteht aus 50 Tänzerinnen und Tänzern, mit denen Choreograf Simon Eichenberger bereits seit dem Frühjahr die extrem aufwendigen Schrittfolgen erarbeitet. „Insgesamt haben wir einen sehr breiten Bogen von Folklore-Momenten bis hin zu amerikanischen Einflüssen aus Charleston und Foxtrott gespannt.“ 22 Tanznummern hat das Stück, da „müssen neben den 25 Tanzpaaren – so viele gab es noch nie in Mörbisch – auch alle Sängerinnen und Sänger rann“, sagt Dagmar Schellenberger, die die Gräfin „Viktoria“ singt, und sich am Ende zwischen zwei Männern entscheiden muss: ihrem Husar, Michael Heim, und dem US-Botschafter John Cunlight, Andreas Steppan.

Zu sehen sind in der Regie von Andreas Gergen neben Dagmar Schellenberger als Viktoria, Andreas Steppan als Botschafter und Michael Heim bzw. Garrie Davislim als Husarenrittmeister Stefan Koltay, Verena Barth-Jurca bzw. Theresa Dittmar und Jeffrey Treganza bzw. Peter Lesiak sowie Andreas Sauerzapf bzw. Timo Verse und Laura Scherwitzl bzw. Katrin Fuchs als die beiden Buffo-Paare. Die musikalische Leitung hat David Levi.

Intendantin Dagmar Schellenberger und ihr Mörbisch-Team. Bild: Seefestspiele Mörbisch

Intendantin Dagmar Schellenberger und ihr Mörbisch-Team. Bild: Jerzy Pin

Für alle, die den Inhalt nicht kennen sollten: Die ungarische Gräfin Viktoria führt eine komfortable, aber wenig leidenschaftliche Ehe mit John Cunlight, dem amerikanischen Botschafter in Tokio. In der Botschaft herrscht Aufbruchsstimmung, denn Cunlights Versetzung nach St. Petersburg steht unmittelbar bevor. In die Reisevorbereitungen hinein platzen zwei ungarische Soldaten, denen die Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft gelungen ist. Viktoria trifft dieser unerwartete Besuch mitten ins Herz – erkennt sie in einem der beiden Männer doch ihre große Liebe Stefan Koltay wieder, ihren Verlobten aus Jugendtagen, von dem sie dachte, dass er im Ersten Weltkrieg gefallen sei. Am Schluss siegt die Liebe und in Ungarn wird eine Dreifach-Hochzeit gefeiert.

www.seefestspiele.at

Wien, 20. 4. 2016