Theater in der Josefstadt: Die Reise der Verlorenen

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein lautstarker Kommentar zur Anti-Flüchtlingspolemik

Ein Mammutprojekt mit 32 Schauspielern und 20 Statisten. Bild: Sepp Gallauer

„Und Sie, begnadet mit später Geburt, denken vielleicht gerade: Wer weiß, wie ich gehandelt hätte? Aber ich verrate Ihnen was: Falls Sie wirklich nicht wissen, wie Sie gehandelt hätten, dann wissen Sie es schon. Dann hätten Sie gehandelt wie ich.“ Otto Schiendick, Schiffssteward und Schikanierer, NSDAP-Ortsgruppenleiter an Bord und Nazi-Spion, dem Raphael von Bargen Gestalt verleiht, sagt diese Sätze gleich zu Beginn der Uraufführung. Die das Theater in der Josefstadt als Saisoneröffnungspremiere mit Kurssetzung auf Herz und Hirn des Publikums angesetzt hat, damit es niemals so weit kommen möge.

„Die Reise der Verlorenen“ erzählt eine wahre Geschichte. Am 13. Mai 1939 läuft der HAPAG-Luxusliner MS St. Louis in Hamburg Richtung Havanna aus. An Bord 937 jüdische Flüchtende aus Nazi-Deutschland. Doch Kuba, wo Präsident Laredo Brú einen Wahl- und einen Machtkampf gegen den General und späteren Diktator Fulgencio Batista zu bestreiten hat, verweigert den Unglücklichen die Einreise. Alle Interventionen jüdischer Hilfsorganisationen, vor allem aus den USA, wo Roosevelt ebenfalls kein Interesse hat, die Passagiere an Land zu lassen, scheitern. Und so muss die St. Louis die Rückfahrt nach Europa antreten.

In Tagebüchern, Telefonmitschnitten, Gesprächsprotokollen sind die Geschehnisse dieser Zeit festgehalten; Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben daraus das 1975 erschienene und ein Jahr später mit Oskar Werner, Maria Schell und Max von Sydow verfilmte Buch „Voyage of the Damned“ gemacht. Auf dieses nun bezieht sich Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei seiner Bühnenadaption. Ein starkes Stück Dokumentartheater ist Kehlmann da gelungen, dramaturgisch dicht und spannend bis zum Schluss – obwohl das Ende bekannt ist.

Schiendick schikaniert die Passagiere: Raphael von Bargen mit Roman Schmelzer, Sandra Cervik und Ulrich Reinthaller. Bild: Sepp Gallauer

Verzweifelte wollen sich ins Meer stürzen: Maria Köstlinger mit Ulrich Reinthaller und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Die Josefstadt bietet auf, was sie hat: 32 Schauspieler und 20 Statisten, von Regisseur Janusz Kica als immer wieder neue tableaux vivants arrangiert, führen die Bühne an ihr Fassungsvermögen. Kica versteht es, mit sparsam eingesetzten inszenatorischen Mitteln größte Effekte zu erzielen. Im rostigen Maschinenraum von Walter Vogelweider – dieser auch schon im Einsatz im ersten Teil der Josefstädter Dilogie, Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ – lässt er die Schicksale aus Kehlmanns Kurzepisoden sich überschneiden.

Einzelne Protagonisten stellen sich an der Rampe vor: das mondäne Arztehepaar Fritz und Babette Spanier, Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik, der Hebräischlehrer Aaron Pozner, Roman Schmelzer, der schon einmal im KZ war und in Auschwitz ermordet werden wird, das Ehepaar Loewe, Maria Köstlinger und Marcus Bluhm, von denen er einen Selbstmordversuch unternehmen wird, um in ein Krankenhaus auf Kuba gebracht zu werden, Otto Bergmann und seine zänkische Tante Charlotte, Matthias Franz Stein und Therese Lohner … Im Hafen wiederum wartet Max Aber, Peter Scholz, verzweifelt darauf, dass ihm endlich seine beiden kleinen Töchter ausgehändigt werden.

Herbert Föttinger spielt Kapitän Gustav Schröder, der zwischen der Pflicht seines Amtes, dem Mitgefühl mit seinen Schutzbefohlenen und der Abscheu gegenüber dem NS-Regime schwankt. Kehlmann bemüht ein paar Kunstgriffe. Er lässt die Darsteller aus ihren Rollen treten und die Situation kommentieren, lässt sie ihr späteres Los vorwegnehmen, sie durch Beiseitesprechen die Komplizenschaft mit dem Publikum suchen, lässt sie sich rechtfertigen für die Widersprüche in ihren Berichten und sie immer wieder betonen, dass auch von den haarsträubendsten Unglaublichkeiten keine erfunden ist. Und er gibt seiner Interpretation der absurden Verhandlungen viel Raum. Die kubanischen Politiker – Michael Dangl als Präsident Brú, Wojo van Brouwer als korrupter Minister für Einwanderung und Martin Zauner als rechtschaffener Außenminister – wollen „ihr Gesicht wahren“, vor allem aber ein Kreuz an der richtigen Stelle des Stimmzettels.

Die Mächtigen Kubas sind in der Flüchtlingsfrage uneins: Wojo van Brouwer, Peter Scholz, Martin Zauner, Ljubiša Lupo Grujčić und Michael Dangl. Bild: Sepp Gallauer

Die Vereinigten Staaten erwarten von anderen Staaten eine Brüderlichkeit, der sie sich selbst verweigern. „Wir haben mehr Flüchtlinge aufgenommen als die USA“, bekräftigt Brú sein Nein, würden die nicht einmal 1000 Neuankömmlinge Kuba doch „an den Bettelstab“ bringen. Auch andere Aussprüche dieser Tage klingen seltsam bekannt. Den Juden ginge es in Deutschland gut, nur fürs Ausland markierten sie die Armen – dort wiederum fühlt man zwar „zutiefst mit dem Leiden der Flüchtlinge“, allerdings ohne auch nur einen Finger für sie krumm zu machen.

Nicht nur durch derlei sprachliche Parallelen ist „Die Reise der Verlorenen“ ein lautstarker Kommentar zur aktuellen Anti-Flüchtlingspolemik. Kehlmanns Spiel um den Menschen als Spielball der Mächtigen überzeugt auch diesbezüglich voll und ganz. In buchstäblich letzter Minute erklären sich Belgien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bereit, die St. Louis-Passagiere aufzunehmen. Noch einmal schildern sie: die Zustände in den „Quarantänelagern“, ihre spätere Internierung als „feindliche Ausländer“, ihren Abtransport in eine neue Ungewissheit, oft genug in den Tod. Ihre Sicherheit ist nur auf Zeit, darauf folgt ein Schlussbild in orangen Rettungswesten. Mit „Die Reise der Verdammten“ legen Kehlmann und Kica nicht nur einen höchst gelungenen, sondern auch einen politisch höchst wichtigen Theaterabend vor.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018

Wiener Festwochen: Tianzhuo Chen – 自在天 / Ishvara

Mai 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Magic Mush/Room im MuseumsQuartier

Ein einzigartiges Performerpaar spielt mit Religionen und Riten: Beio (li.) und China Yu (re.) verkörpern den Gegensatz von Fleisch und Geist. Bild: Zhang Yan

Premiere eins unter dem neuen Festwochen-Intendanten Tomas Zierhofer-Kin war nun also … und sie war … weniger spektakulär sensationell, als es die Vorablobpreisungen erwarten hätten lassen. Aber immerhin: sehr schön anzuschauen. Die paar Buhrufer hatten zweieinhalb Stunden Zeit, um sich zu verabschieden, der große Rest des Publikums warf sich einander am Ende glückselig in die Arme. Man selbst warf zwei Kopfschmerztabletten ein.

Was nichts mit der Qualität der Aufführung, sondern lediglich mit den blendenden Lichteffekten zu tun hatte. Tatsächlich forderte eine männliche Stimme mittendrin lautstark „Scheinwerfer aus!“ – was immer sie damit sagen wollte. Und apropos, Kopfschmerz: Beipackzettel gibt es genug. Im – vielen Dank! – immer noch erhältlichen Gratisprogramm findet sich eine präzise Erklärung des zu Sehenden, dazu gibt es ein Beiblatt mit deutschsprachiger Übersetzung der chinesisch gesprochenen Textstellen.

Zierhofer-Kin, der Sprechtheater fad und Musiktheater altvaterisch findet, so zumindest lässt sich seine Pressekonferenz interpretieren, die den „Salon Burgtheater“ gleich mal auf die Barrikaden trieb, eröffnete mit seiner Vorstellung von Festwochen. Er lud den Shootingstar der chinesischen Performerszene, Tianzhuo Chen, Jahrgang 1985, zum Tanz – und das Ergebnis ist – ein Magic Mush/Room im MuseumsQuartier. Der Querdenker der Bejinger Kunstszene arbeitet sich in „自在天 / Ishvara“ an so ziemlich jeder Religion und jedem Ritus ab, den’s/die es überhaupt gibt.

Heißt: Als Vorlage für seine siebenszenige Aufführung dient ihm der indische Mythos Bhagavad Gītā, ein Teil des Mahabharata, der Gesang des Erhabenen im Endloskrieg der Generationen durch die Gezeiten. Darin begegnen einander drei Konzepte, das sterbliche Fleisch, die ewige Seele und die ehrfürchtige Hingabe, und treten von Dämonen gepeinigt in einen Wettstreit ums Überleben. Drei Temperamente gibt es außerdem, davon das liebste „Rajas“ – leidenschaftlich, missgestimmt, sehnsüchtig. „Ishvara“ selbst bezeichnet den jeweils höchsten Gott, egal, ob man – im Hinduismus ist das möglich – diesen als Vishnu oder Shiva glaubt.

Was Tianzhuo Chen daraus entwickelt ist, als hätte sich Monty Python (tatsächlich hält eine Comic-Gotteshand den Kopf eines Enthaupteten, siehe auch die Göttin Durga) mit einem Manga-Mädchen verpaart. Diese wird später zu einer Art Heiliger Sebastian, die Heiligen Drei Könige setzen auf Golgatha vor das Kreuz einen Halbmond, halt: falsch, das sind schon besagte Dämonen. Einer schlägt die Trommel, einer lässt den Zopf kreisen, ein Paar tanzt in Zeitlupe Jive, Darsteller tragen einen aufgemalten Davidstern. Kakushin Nishihara spielt die Satsuma Biwa bis die Ohren bluten, und die Schweizer DJane Aïsha Devi orchestiert das Geschehen mit ihren grandiosen Klagelauten.

Tradition knüpft an Moderne: China Yu spielt mit Geschlechterrollen … Bild: Zhang Yan

… und zerstört in einer späteren Szene eine aufblasbare Riesenfrau. Bild: Zhang Yan

Und dies das tatsächliche Problem des Abends: Man kann der ultimativen Ekstase nicht in Reih und Glied sitzend beiwohnen, da hilft’s auch nichts, dass sich die Herren im Ensemble beim frenetischen Schlussapplaus ihrer Lendenschurze entledigen und wie die Götter sie schufen über die Bühne hüpfen …

Anyway, im Mittelpunkt der Aufführung stehen die beiden exzeptionellen Performer Beio und China Yu, ersterer unverkennbar Butoh-geschult und mit zweiterem Gründer der Asian Dope Boys, schon aufgrund ihrer Körperlichkeit zeigen sie die Gegensätze von Fleisch und Geist an, Prakrti und Bhakti, der Sinnenmensch und der Gläubige am Teichufer. Der Sound wummert in den Eingeweiden, die Augen kämpfen gegen das Licht, die Darsteller wiegen und verbiegen sich höchst ästhetisch, während „Handlung“ abläuft.

Kostüme und Ganzkörperbemalungen sind opulent, wie schade, dass vieles oft im künstlichen Nebel außer Sicht gerät. Manieristisch? Ist dieser Abend zweifellos. Tianzhuo Chen setzt mehr auf Effekt denn auf Erleuchtung, setzt auf Eskapismus statt auf Erklärungen.

In zwei vergleichsweise stillen Szenen schildert die junge JoJo den mehrfachen Mord an ihrem immer wiederkehrenden Ehemann (daher: vorher Text lesen!), China Yu zerstückelt später eine aufblasbare Riesenfrau, entreißt ihr Gedärme und Nabelschur – und lässt so JoJo wieder in die Welt treten. Provokation mag das in Bejing gewesen sein, beim abgeklärten Wiener Publikum lösen diese Sequenzen freundliches Interesse aus. Eine Gruppe in den oberen Reihen hat sich entschlossen, jeden Bühnenfurz zu bejubeln, um den Schimpf-Zuschauern etwas entgegenzuhalten. Die opulenten Bilder werden von unzähligen Handykameras dokumentiert.

Der Rave erreicht den Höhepunkt, im orgiastischen Geschehen hat man längst kapiert, dass hier mehr Event-Fashion-Show als sonst was abläuft. Und dann – haut’s einem Tianzhuo Chen um die Ohren – die Emotion – in einem berührenden Schlussbild. China Yu hält JoJo in einer Art Pietà fest und singt mit ihr ermattet-grotesk ein berührendes Pop-Liebesduett. Danach dreht er wieder, wie zu Anfang, Schirmchen … Der bildende Künstler Tianzhuo Chen changiert bei seiner ersten Theaterarbeit zwischen symbol/trächtig und bedeutungs/schwanger. Der Mensch unterwirft das Göttliche, um selbst gottgleich zu werden, und das alles ist dann wie ein Ecco homo. Oder ist das schon zu viel interpretiert? Man sollte „Ishvara“ einfach einsickern und wirken lassen – die #viennapartyweeks 2017 sind jedenfalls eröffnet.

www.festwochen.at

Wien, 14. 5. 2017

Wiener Festwochen: Идеальный муж / Ein idealer Gatte

Mai 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Populist liebt populären Popstar

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Eine Männerliebe fürs Leben: Igor Mirkurbanow als Lord und Alexej Krawtschenko als Minister Robert Ternow. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Als zur Mitte des Abends Schauspieler Sergej Tschonischwili unter Szenenapplaus als Dorian Gray auftritt und jede Ähnlichkeit mit dem amtierenden russischen Präsidenten natürlich ein Zufall sein muss, erklärt sich, warum gewisse Kräfte in Moskau versucht haben, diese Aufführung vom Spielplan zu verbannen. Nicht nur lässt er sein Bildnis von einer Figur namens „der letzte russische Intellektuelle“ malen.

Er schließt auch einen faustischen Pakt mit der Kirche, um es an seiner Stelle hässlich und alt werden zu lassen, und stülpt sich schließlich die Zarenkrone auf den Kopf. Tschonischwilis Fanpublikum tobt vor Lachen, es singt auch die angestimmten Schlagersongs und Volkslieder mit, oder johlt, wenn sich eine Protagonistin als Laura Palmer ausgibt. Der Gag entschlüsselt sich unser einem erst via Wladimir Kaminers Blog: Gorbatschow sah so gerne „Twin Peaks“ – vermutlich wegen des Nebels, der über der Geschichte wabert …

Schauspielchefin Marina Davydova beschert den diesjährigen Wiener Festwochen die Theatersensation der Saison: Sie lud Konstantin Bogomolov und das Tschechow Künstlertheater Moskau ins Museumsquartier, damit sie ihre Version von „Ein idealer Gatte“ zeigen. Bogomolov hat Oscar Wildes Text adaptiert, die betuchte britische Upperclass zur neureichen russischen Elite gemacht, und die demaskiert der Regisseur nun unter Zuhilfenahme von sehr viel Komödianten-Make-up. Wobei die Inszenierung nicht so skurril-spaßig ist, wie man es von deutschsprachigen des Stoffs kennt, vielmehr schwebt über allem die Schwere der russischen Seele, ein Hauch Moskauer Melancholie. Bogomolov legt eine Arbeit vor, die das Innerste nach außen kehrt, heißt in diesem Fall: Links auf Rechts dreht, da bleibt keine Paillette und keine Epaulette an ihrem Platz, da werden Scheinheiligkeit und Verlogenheit eines Systems und seiner Profiteure ausgestellt, politische wie religiöse Orthodoxie veralbert, dass es nur so kracht. „Ein idealer Gatte“-reloaded ist eine satirisch-trashige Enzyklopädie des modernen Russland, freilich, es dürfen sich auch anderswo neoliberalistische Antidemokraten angesprochen fühlen.

Und so ist es nur konsequent, dass die Dorian-Gray-Episode ähnlich Dostojewskis „Großinquisitor“ einen separaten zweiten Akt darstellt, geht es doch im Rundherum um dessen „Heftklammern“, ein Begriff, der, so lehrt der Programmzettel, im Putin’schen Neusprech jene High Society zusammenfasst, die sein Polit-Projekt zusammen- und die gemeinsamen Werte, Ideen und Überzeugungen hochhält. Bogomolov hat sein Publikum über ein soziales Netzwerk an der Entstehung des Stückes beteiligt, im Mittelpunkt der Handlung steht der für die Gummiproduktion des Landes zuständige Minister Robert Ternow, dessen Frau Gertruda selbstverständlich die wichtigste Gummiproduzentin des Landes ist, damit die Aufträge ja schön in der Familie bleiben. Robert, der diesbezüglich ideale Gatte, liebt aber fremd, und zwar den Schlagersänger Lord. Dem Populisten und dem populären Popstar muss eine Missis Cheavely in die Quere kommen, nur will sie diesmal groß ins Gummigeschäft einsteigen und den Vertrag dazu vom Minister mittels Sexvideo erpressen. Einen Mayble gibt es auch, Lord adoptiert den Jüngling aus einem von Frömmlern in Popengewändern betriebenen Waisenhaus, das offensichtlich ein Einkaufscenter für Pädophile ist.

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Dorian Gray und ein Medienbildnis: Sergej Tschonischwili. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Da ist die Welt noch in Ordnung: Der Minister planscht in der Badewanne. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Für die russischen Theatergeher soll das alles üppig und neu gewesen sein. Gewohnt, hehre Texte auf hohem Niveau vorgetragen zu bekommen, und wie zu erwarten konnte sich Bogomolov eine kurze Persiflage auf dortige Theatergepflogenheiten nicht verkneifen, besah man in Moskau das intrigante Treiben um die Männerliebe erst mit einer gewissen Schreckstarre. Dabei dominiert für hierzulande fast Dezenz. „Stellen Sie sich das vor!“, befiehlt ein Insert an der Stelle, an der die Bühnenfiguren entsetzt das Video betrachten. Später lässt Lord Ternow einen Thermophor, auch genannt Bettwärmer, aufblasen, bis er platzt. Welch ein Bild! Und davon gibt es an diesem Abend etliche. Das Ensemble agiert auf höchstem Niveau. Allen voran Igor Mirkurbanow als Lord, der von Anfang an die Halle mit heißen Rhythmen rockt. Er gibt den Entertainer, den Großsprecher und Phrasendrescher von Kremls Gnaden, um gleich darauf in harte, zynische Selbstkritik zu verfallen, um gleich darauf ein zarter Liebender zu sein, der für das Glück des Geliebten sein eigenes opfert. Eine Stimme wie ein Reibeisen, eine Seele weich wie Paskha. Mirkurbanow ist wie ein Nowosibirsker Bill Nighy mit einem schwarzen Schwung Keith Richards um die Augen.

Seinen seit 15 Jahren geheimgehaltenen Gatten spielt Alexej Krawtschenko als nach außen hin sleekes Schlitzohr. Des Ministers Leidenschaft gehört außer Lord antiken Statuen und Schnee, davon weht es jede Menge die Nasen hoch, in Moskau sind die Winter kalt, lässt ein Lied wissen, und Gertrudas Geld. „Obwohl mein Glied manchmal abgleitet, gehört mein Herz meiner Frau“, versucht er Missis Cheavelys Enthüllungsandrohung kleinzureden. Wie man ihn aber dann via „Fernsehzuspielung“ dicke, bittere Tränen weinen sieht, als er seinen Mann und die Intrigantin am Traualtar erblickt, die Cheavely verlangt von Lord die Ehe im Gegenzug für die Aufgabe ihrer Pläne, das ist so anrührend, das geht so ans Herz, dass man beinah vergißt, dass hier keiner ein Guter und niemand bemitleidenswert und das alles ein Nonsense mit sehr viel Hintersinn ist. Darja Moros gestaltet die Gertruda als herrische, herrlich geldgeile Bissgurn, die ihre „kleinen usbekischen Sklaven“ scheucht und bei Einlangen von Geld auf ihrem Konto von Orgasmen geschüttelt wird. Damit ihr Finanzklimax kein Ende findet, muss der Minister an Ort und Stelle bleiben, und so stellt sie als vermutetes Pantscherl Missis Cheavely zur Rede. Ein köstlicher Schlagabtausch mit der unterkühlt agierenden Marina Sudina.

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Missis Cheavely erpresst von Lord die Ehe, der leidet still: Igor Mirkurbanow mit Marina Sudina. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Garniert ist das Ganze mit großartigem Personal, etwa Pawel Tschinarew als Ferrari fahrenden Mayble, Alexander Semtschew als vaterlandstreuen Vater Lords, Maxim Matweew als diabolischen Priester, und Pawel Waschtschilin als schwulen Modeschöpfer. Der ist irgendwie auch Andrej Prosorow. Denn wie um zu verorten, dass der Ennui des Establishments, dessen Nichtstuer, Nichtsnutze und Tunichtgute kein neuzeitliches und bei weitem kein Insel-Phänomen sind, verknüpft Bogomolov Oscar Wilde mit dem russischen Bildungskanon. Puschkin wird bemüht, Turgenew und, wie könnte es anders sein?, Godfather Tschechow. Dessen „Drei Schwestern“ sitzen, in den Originalsätzen ihre Untätigkeit und ihre Sehnsucht nach einem arbeitsamen Leben gejammernd, in einer schicken Bar, tippen in Displays und lassen sich zwischendurch von Männern abschleppen. Und weil, wo Theatergiganten unter sich sind, Shakespeare keinesfalls fehlen darf, wird „Romeo und Julia“ zitiert.

Aber da ist alles schon zu Ende, Lord hat sich aus Liebeskummer erschossen, und auch der Minister greift zur Waffe, neben dem Leichnam des Vorausgegangenen die letzten Worte des Veroneser Adelsspross‘ rezitierend. Über den gläsernen Sarg der beiden fällt die russische Flagge. Kurze Kranzniederlegung. Aus. Jubel und Applaus. Das Publikum dankte ausgiebig für den gelungenen, fast vierstündigen Abend. Bogomolov hat eine Inszenierung gezeigt, die im besten Wilde’schen Sinne als witty zu bezeichnen ist – witzig, geistreich, originell. Er fordert auf zu mehr Aufmerksamkeit und weiterem Nachdenken, was gesellschaftspolitische Phänomene und ihre Auswüchse betrifft. Er macht es den Zuschauern nicht leicht, er verlangt ihre Mitarbeit, das zeigten schon die Pausengespräche, und das ist gut so. „Ein idealer Gatte“ ist eine perfekte Produktion. Mit allem Drum und allem Dran. Und als Zugabe gab’s, wie schön,  Wiens russische Gemeinde, die sich gar nicht genug über die Insiderjokes amüsieren konnte. Was einen selbst, siehe Kaminer, auch noch zum Nachforschen anregte.

Video – ein Premierenbericht des russischen Fernsehens: https://www.youtube.com/watch?v=iZD5ajqQDJs

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 25. 5. 2016

Volksoper: Fürst Igor

März 20, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Seltsames Werk mit Sonnenblumen

Sebastian Holecek als Fürst Igor, Chor der Volksoper Wien Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Sebastian Holecek als Fürst Igor und der Chor der Volksoper Wien
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

An der Volksoper kann eine Wiederentdeckung nur teilweise gefeiert werden. „Fürst Igor“ von Alexander Borodin wurde unter der musikalischen Leitung von Alfred Eschwé und in der Regie von Thomas Schulte-Michels zumindest zum Triumph für Sebastian Holecek in der titeltragenden Rolle und für den Volksopern-Chor. Beide wurden mit Bravorufen bedankt, Eschwé und Schulte-Michels hingegen mussten sich mit einigen Buhs abfinden.

Das mag beim traditionsbewussten Opernpublikum auch daran gelegen haben, dass das Leading Duo etliche, durchaus sinnhafte Änderungen und damit eigentlich Restaurierungen vorgenommen hatte. So aber war das Werk in Wien, wo es an der Staatsoper ohnedies erst zwei Mal als Neuinszenierung, zwei Mal als Gastspiel aufgeführt worden war, noch nie zu hören. 18 Jahre lang arbeitete Borodin an dieser Oper, bis er sie, weil 1887 verstorben, unvollendet zurückließ. Es kam seinem Kollegen und Freund Rimski-Korsakow und dessen Schüler Glasunow zu, sie zu Ende zu schreiben.

Eschwé nun strich diesen Zugriff wieder großzügig aus der Partitur, er kürzte das Ganze auf zweimal 70 Minuten, die Ouvertüre um ihrer „Ausstattung“ beraubt gar auf dreieinhalb, und erlaubte sich den klugen, als publikumswirksam gedachten Schachzug, die Polowetzer Tänze, das einzige, das an „Fürst Igor“ irgend bekannt und berühmt ist, weil ein von Bing Crosby und Tony Bennett unter dem Titel „Stranger in Paradise“ interpretierter Welthit, vor die Pause zu stellen. Das wurde ihm dadurch möglich, dass auch Schulte-Michels kräftig umstellte, abwechselnd Szenen in Russland und bei den Polowetzern zeigte, also die von Rimski-Korsakow vorgenommene Vertauschung der Akte eins und zwei rückgängig machte. An den Schluss, und dies die größte Erregung bei den After-Show-Gesprächen, stellte er nicht die große Rede Igors, sondern eine komische Nummer der beiden Bänkelsänger Skula und Eroschka.

„Fürst Igor“ ist ein seltsames Werk. Es hat einen klar ausgewiesenen Schurken, doch die meisten Figuren bleiben ambivalent, einen Helden sucht man vergebens. Borodins Sympathien mögen bei der Fürstin Jaroslawna, Igors Frau, gelegen haben, ihr widmet er nämlich einige der schönsten Melodien. Fürst Igor also bricht auf in den Krieg gegen die Polowetzer, die immer wieder sein Reich überfallen. Dieses und die Gattin übergibt er in die Obhut seines Schwagers Galitzky. Igor und sein Sohn Wladimir werden vom Khan vernichtend geschlagen und gefangen genommen, doch der Khan erweist sich als großmütig und bietet Igor gegen einen Nichtangriffspakt die Freiheit an. Der nimmt natürlich nicht an. „Ehre!“ ist das in dieser Oper am meisten geschmetterte Wort, und was wurde dieser Begriff nicht menschheitsgeschichtlich falsch verstanden, doch schließlich flieht er, weil Galitzky in der Heimat ein Schreckensregiment errichtet. Wladimir und die Tochter des Khans aber haben sich unsterblich ineinander verliebt, und der Herrscher gibt seinen Segen dazu, unter der Auflage, dass der Sohn am nächsten Tag an seiner Seite gegen den Vater in die Schlacht zieht. Der ahnt derweil noch nichts Böses und sorgt erst einmal daheim für Recht und Ordnung. Aus. In Russland ist die Oper eine Art Nationalheiligtum. Der „Einigkeit macht stark“-Gedanke passte zu jeder Zeit und unter jedem Regime ins Großreich.

Borodin aber hatte, so scheint’s, für die Polowetzer nicht weniger Sym- oder Antipathie wie für die Russen. Für die einen hat er opulente, heitere, orientalisch gefärbte Klänge komponiert, die anderen können mit bedeutungsschweren Melodien, wie russischen Volks- und Kirchenliedern entliehen, glänzen. Wohlklingende Chöre nehmen musikalisch den breitesten Raum der Oper ein. Das Orchester allerdings hatte am Premierenabend keine Sternstunde. Eschwé gelang es kaum die Feinheiten der Borodin’schen Kompositionen zu bedienen, weder wurden Folkloreklangfarben großzügig aufgetragen, noch lyrische Momente mit großer Zartheit entfaltet. Die meiste Zeit wurde plakativ und wenig differenziert musiziert.

Die gesanglichen Leistungen der Solistinnen und Solisten stehen allerdings außer Frage. Allen voran brillierte Sebastian Holecek, der als Fürst Igor seinen kraftvollen Bariton von Höhepunkt zu Höhepunkt führte. Seine große Arie war zweifellos der Moment des Abends. Auch Melba Ramos als Jaroslawna und Annely Peebo als Khan-Tochter Kontschakowna überzeugten stimmlich, wiewohl Peebo kleinste Probleme in der Tiefe hatte. Dies lässt sich auch über den Charakterbariton von Martin Winkler als Galitzky sagen, Winkler sah sich allerdings und offenbar als einziger im Stande, aus seiner Rolle einen spannenden, in seinem Fall sinistren Charakter zu formen. Ihm beim Spielen und Intrigieren und Grausamsein zuzusehen war eine Freude. Soran Coliban als Khan kämpfte ebenfalls ein wenig mit extremen Lagen, ließ seinen Bass aber dennoch kräftig klingen. So wie Vincent Schirrmacher seinen schönen, glockenhellen Tenor. Auch Stefan Cerny und Christian Drescher als Skula und Eroschka waren stimmlich deutlich mehr auf der Höhe als darstellerisch-komödiantisch. Da wäre viel mehr möglich gewesen.

Und dies der große Vorwurf an die Aufführung: An der Rampe wurde prächtig gesungen und mit den Händen gerungen, aber ansonsten? Lethargie. Es ist unverständlich, warum Schulte-Michels, der dem Volkstheater unter Michael Schottenberg etliche auch in ihrer Aussagekraft herausragende Abende schenkte, hier mit seiner Theaterpratzn nicht hinlangte. Eigentlich ist doch schauspielerischer Stillstand auch am Musiktheater und an der Volksoper unter Direktor Robert Meyer im Besonderen längst passé. Optisch entwirft Schulte-Michels für die Russen eine schwarz-düstere Hölle, während die Polowetzer zwischen riesigen Sonnenblumen lustwandeln dürfen. Die sind auch Sitzmöbel und Kerker für die Gefangenen und dies der Hinweis darauf, dass hier der Schein trügt, und weit und breit der einzige Regieeinfall.

Ausführlicheres hätte man zum Werk durchaus sagen dürfen. Über einen Ehrbegriff von vorgestern, der Völker in immer wieder neue, alte Kriege hetzt – und die Frage, ob sich das je ändern mag. Schließlich weist Borodin sogar musikalisch aus, dass der Heide auch ein kultivierter Herrscher sein kann, wenn er nur will, Coliban gibt ihn als bauchigen Gemütsmenschen, während sich die sogenannte zivilisierte Gesellschaft unter Galitzky in Windeseile von jeglicher Mitmenschlichkeit selbstbefreit. Die Jaroslawna hat hier die ganz große Szene, wenn die vom Bösewicht und seinen Mannen sexuell bedrängten Mädchen sie um Hilfe anflehen. Es genügt eben nicht ins Ballett ein paar Streetdanceelemente einzustreuseln und in den Logen Fanlichter erklimmen zu lassen, um für ein Publikum anno 2016 eine Botschaft zu formulieren. Warum spielt man heute ein Werk wie „Fürst Igor“ überhaupt noch? Und wenn ja, wie?

Als Politsatire, beispielsweise. Als Kommentar zu Europas neuem Nationalismus, seinem Chauvinismus, dem politischen Säbelrasseln allerorts. Schulte-Michels tut das immerhin in der Schlussszene mit Skula und Eroschka. Die beiden politischen Wendehälse schaffen es gerade noch rechtzeitig zurück ins nunmehr richtige Lager. Von Galitzky zu Fürst Igor. Sie haben verstanden, dass das Volk bald einem als Führer nachläuft, und lassen laut ihre Rufe nach dem aktuell starken Mann erschallen. Die Opportunisten und Manipulatoren obsiegen, sie schwimmen sicher durch jedes System, das ist das Schönste, das man über eine Oper, die deren mehrere gesehen hat, sagen kann. Zeitlos gültig und zurzeit gültig. Mehr davon wäre mehr gewesen.

www.volksoper.at

Wien, 20. 3. 2016

Last Shelter

November 24, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Seele ist ein kaltes Land

Last Shelter Bild: © Stadtkino Filmverleih

Last Shelter
Bild: © Stadtkino Filmverleih

Ein Mann und eine Frau sind auf der Flucht. Ein Land ist von einer fremden politischen Macht besetzt, die gegen religiöse Fanatiker Krieg führt; Leben werden bedroht. Es ist bald Weihnachten, doch das wissen die beiden jetzt noch nicht. Sie suchen eine Herberge, aber niemand will ihnen Unterschlupf geben, denn Maria ist schwanger … Entschuldigung, die falsche Geschichte, zu viel Adventkranz inhaliert … 2012, im Dezember, da war das ganz anders. Da waren die Flüchtlinge in der Votivkirche ausschließlich Männer, also, diese gefährlichen allein reisenden. Waren weder devot noch dankbar, sondern forderten ihr Recht auf Mitmenschlichkeit ein. Ihr Recht?! Seit wann hat ein …? Hat denen eigentlich jemand auf gut Deutsch etwas über Werte erzählt? Etwas von Recht auf Leben, Recht auf Freiheit und Sicherheit, und welchen Wert die Würde eines Menschen hat?

In der Votivkirche ist es dunkel. Links riesige Glasbilder, auf denen sich die Habsburger heldenhaft von den Türken abschlachten lassen, links der NS-Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter, in der Mitte geht Jesus mit KZ-Häftlingen auf ihrem Leidensweg. In der Mitte ist ein Matratzenlager. 63 Flüchtlinge haben sich darauf versammelt. Sie haben Österreich erreicht und wollen nun bleiben. Wazir singt ein pashtunisches Lied, es klingt wie ein Gebet. „Nach unendlich langer Zeit fern der Heimat / bekam ich einen Brief / ich bekam einen Brief aus meiner Heimat.“

Filmemacher Gerald Igor Hauzenberger befasst sich nach seiner kafkaesken Tierschützerdoku „Der Prozess“ erneut mit den Untiefen der heimischen Innenpolitik. „Last Shelter“ kommt am 27. November in die Kinos. Drei Jahre begleitete er die jungen Afghanen und Pakistani des „Votivkirchenstreiks“. Entstanden ist so ein zeitloser Film, ein brisantes Dokument über komplexe gesellschaftliche Verstrickungen und die allgemeine Überforderung bei der Suche nach adäquaten Lösungen. Lösungen sind meist eilig gefunden. In Schnellverfahren haben die Flüchtlinge negative Asylbescheide erhalten, obwohl sie unter denkbar prekären Bedingungen geflüchtet sind: Das Abbrennen von Schulen und Kopfabschneiden durch selbsternannte Gutgläubige haben sie miterlebt, Familienmitglieder sind ermordet worden. Bei Null Grad harren die Flüchtlinge monatelang und phasenweise im Hungerstreik aus. In ihrer letzten Zuflucht. Trotz öffentlicher Proteste werden einige von ihnen abgeschoben. Die Seele ist ein kaltes Land.

„Es war reiner Zufall, der mich in die Votivkirche geführt hat“, erzählt Hauzenberger. „Es hieß, dass die Kirche geräumt wird. Die Flüchtlinge starteten daraufhin einen Aufruf des ,solidarischen Schlafens‘: Man sollte bei ungefähr 4° Celsius eine Nacht in der Kirche bleiben. So sollte ein Polizeieinsatz verhindert werden und unter denen, die mitgemacht haben, waren Susanne Scholl, Marina Grzinic oder Elias Bierdel. Als ich eine Nacht drin war, haben die Refugees gefragt, wer ich bin.“ Hauzenberger, damals gerade für den Österreichischen Filmpreis nominiert, erklärte, und die Männer sagten: „Wenn du das nächste Mal kommst, bring‘ deine Kamera mit.“
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Es entstand ein Dialog. Mit dem ehemaligen Oppositionspolitiker Adalat, der unfassbar sachlich über Blutbäder berichten kann. Mit Jean Ziegler und Christoph Schönborn. „Mustafa, der vorher Fotograf war, gaben wir eine kleine Kamera und baten ihn, mitzufilmen.“ – „Ausgerechnet zu Weihnachten!“, wird eine der prominentesten Stimmen im Film rufen. „When we were putting our mattresses here, we got some worst sayings from the priest. He said: You are Muslims, why are you not going inside your mosque? Why you come inside the church?“ Gott ist so groß, wie die Menschen ihn sein lassen.
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Über allem schwebt ein drohender Orgelklang. Andauernd, überdauernd. Ein Mann wird festgenommen, weil er keine Aufenthaltserlaubnis hat. Er kommt in Schubhaft. Widerstand gegen die Staatsgewalt. Schönborn sagt den Hungerstreikenden: „We cannot assume the responsibility that some of you die here. Then I go to prison“. Eine Stimme, ein Verrückter oder ein Weiser, antwortet: „Then better that we all go on the road and then we die all together.“ Die Polizei, die Behörden schweigen in diesem Film. Sie haben keine Worte wie diese, die mit der Poesie eines Faustschlags treffen.  Einmal sprechen die Offiziellen von der „Kenntnis“, die alle über alles hätten. Die Votivkirche wird umzingelt …
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Zum Ende führt der Film bis zur ungarischen Grenze, wo 2015 an trennenden Zäunen gearbeitet wird. Die Beschränkung baut sich ihre Schranken selbst. Hauzenberges Film scheint teilweise von den Schrecken dieser Tage überholt und ist doch ein wichtiger Prolog zum aktuellen Geschehen. Noch nach dem Abspann laufen die Bilder weiter. Menschen wandern Richtung einer sich für sie zunehmend verdüsternden Zukunft. In seinen Augen, sagt Hauzenberger, sei das große Problem, dass Haltung in der Politik sich von positiven Umfragewerten und Boulevardmedien abhängig mache. „Wie der Bürgermeister von Traiskirchen, Andreas Babler, sagt: Es ist eine Schande für die Demokratie, dass auf dem Rücken von Flüchtlingen Alltagspolitik gemacht wird. Und ich hoffe, dass sich das jetzt bessert.“ Hat da nicht kürzlich jemand etwas über unsere Werte erzählt?
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Wien, 24. 11. 2015