Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper

August 9, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Umfassende Hommage an einen Ausnahmekünstler

Bild: Anno Wilms, 1991 © Stiftung Anno Wilms

1955 als Sohn eines Bauarbeiters und einer Putzfrau in einem Armenviertel in São Paulo geboren, wurde Ismael Ivo zu einem der bekanntesten, erfolgreichsten, faszinierendsten Tänzer und ein weltweit gefeierter Choreograf. Als Initiator und Direktor von Festivals wie dem ImPulsTanz Festival in Wien, das er 1984 mit Karl Regensburger gründete und das zum größten europäischen Tanzfestival heranwuchs, hat er Tanzgeschichte geschrieben und wurde dafür 2019 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet.

Künstlerisch ging er enge Verbindungen mit Johann Kresnik, Marcia Haydée, Ushio Amagatsu, George Tabori, Koffi Kôkô und vielen anderen ein. Heute ist er eine Symbolfigur der afrobrasilianischen Emanzipation.

Der Band „Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper“ versammelt Interviews aus verschiedenen Epochen seines Schaffens, Erinnerungen von Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter in Brasilien und Europa, Bildessays von Anno Wilms und Dieter Blum sowie ein umfassendes Werkverzeichnis.

So zeichnet die Publikation erstmals das Leben und Wirken eines Ausnahmekünstlers und -menschen nach. „Ismael Ivos Erbe ist im Wesentlichen immateriell, überliefert allein in den Erinnerungen an seine überwältigende Präsenz auf der Bühne, in den Fotogra­fien, Filmen und Videodokumentationen, in den Interviews, in den Bewegungsimpulsen, die er in zahllosen Workshops und Gesprächen gesetzt hat. Exemplarisch hat sich für uns mit diesem Projekt die Frage gestellt, wie eine Persönlichkeit, die in ihrem Wirken radikal auf körperliche Transformation und Vermittlung setzte, in einem Buch dargestellt werden kann“, so Johannes Odenthal und ImPulsTanz-Intendant Karl Regensburger über ihre „unvollendete Rekonstruktion eines Lebenswerks“.

In Interviews hat Ismael Ivo über die Prozesse des Verkörperns, des Aufnehmens von politischen, gesellschaftlichen, künstlerischen oder kulturellen Themen gesprochen: die konkrete Form eines ästhetischen Meta­bolismus. Er bezieht sich immer wieder auf das erste kulturelle Manifest der brasilianischen Moderne, auf die Antropofagia, mit der sich eine Gruppe von SchriftstellerInnen und Schriftstellern um Oswald de Andrade von der europäischen Kolonialisierung emanzipierte.

„Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper“ ist der gelungene Versuch einer zeitgenössischen archäologischen „Grabung“, die in der Zusammenstellung vieler Perspektiven das Schaf­fen eines Ausnahmekünstler erfahrbar macht. Dabei wird deutlich, dass das Werk von Ismael Ivo vor allem auch durch die Verbindung mit seiner individuellen Biografie als Afrobrasilianer auf eine zukünftige Entwicklung der Performing Arts wirken wird. Die Themen Rassismus, Identität, post­- und neokoloniale Verwerfungen sind in seinem Werk substanziell ver­ankert.

„Mein schwarzer Körper steht in einer Beziehung zur Gesellschaft, und in dieser gibt es nun einmal Rassismus und Xenophobie, die sich in letzter Zeit verschärft haben. Man spürt das“, sagte Ivo etwa in einem Presse-Gespräch 2016 anlässlich seines Solos „Discordable – Bach“, und weiter: „Ich bin ein Optimist, noch immer, aber es ist nicht leicht. Wir leben in schwierigen Zeiten. Die französische Choreografin Maguy Marin sagte neulich zu mir: ,Wir Künstler müssen jetzt einen Plan zur Veränderung der Welt entwickeln.‘ Wir können die Probleme nicht lösen, aber die Kunst kann sie reflektieren. Mein Körper war immer politisch. Wir schauen in den Spiegel, wir sind nicht perfekt und werden es nie sein. Die Geschichte wiederholt sich. Ich möchte mich selbst als Lampe auf einen Altar stellen und den Menschen Impulse geben, über bestimmte Themen nachzudenken.“

Ismael Ivo verstarb im Pandemiejahr 2021 im Alter von 66 Jahren in seiner Heimatstadt Sao Paulo an einer Coronavirus-Infektion.

Über den Herausgeber und die FotografInnen: Johannes Odenthal, Kunsthistoriker und Autor für Tanz, Performance und zeitgenössische Kunst, war von 2006 bis 2022 Programmbeauftragter der Akademie der Künste, Berlin. Anno Wilms (1935 – 2016) arbeitete als freiberufliche Fotografin. Dieter Blum arbeitete unter anderem für Stern, Der Spiegel, Time, National Geographic, FAZ-Magazin und SZ-Magazin.

Spector Books, Johannes Odenthal (Hrsg.): „Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper“, Fachbuch, 240 Seiten mit Fotografien von Anno Wilms und Dieter Blum, 180 Schwarzweiß- und 40 Farbabbildungen. Erhältlich auch in einer englischsprachigen Fassung: „Ismael Ivo. I Believe in the Body“.

spectorbooks.com           ismaelivo.com           www.impulstanz.com

  1. 8. 2022

Seefestspiele Mörbisch: Der König und ich

Juli 27, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Et cetera, et cetera, et cetera …

Mehr als 100 Mitwirkende: Das Ensemble mit Leah Delos Santos, Milica Jovanovic, Finn Kossdorff, Vincent Bueno und Marides Lazo. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

„In a show with everything but Yul Brynner“ landete Murray Head 1984 in seinem von Björn Ulvaeus und Benny Andersson (apropos: INFO) geschriebenen Song „One Night in Bangkok“. Nun, bei den diesjährigen Seefestspielen Mörbisch hat man mehr als würdigen Ersatz für den berühmtesten Glatzkopf der Welt gefunden: den aus Amsterdam stammenden Musicalstar Kok-Hwa Lie, der die Rolle des Mongkut bereits mehr als hundert Mal verkörperte – unter

anderem im London Palladium, wo er Generalmusikintendant Alfons Haider prophezeite, selbst einmal den König von Siam zu spielen, was tatsächlich ab 1998 der Fall war. Zusammengefasst heißt das: „Der König und ich“ 2022 bei den Seefestspielen Mörbisch, wo zusammenkommt, was zusammengehört. Die Aufführung, die geboten wird, ist wahrlich eine der Superlative: Mehr als hundert Mitwirkende aus zwanzig Nationen, der opulent glitzernde 28-Meter-Turm von Walter Vogelweider, der den königlichen Palast krönt, bis dato das höchste Bühnenbild in Mörbisch, 200 neu geschneiderte Kostüme von Charles Quiggin und Aleš Valaṧek, darunter Anna’s mehr als zwei Meter breites Ballkleid mit vergoldeten Orchideen. Ein Monumentalmusical in Cinemaskop! Eine Symphonie in Purpur, Rot und Gold.

Und immer wieder hinreißende Wasserspiele statt des obligatorischen Feuerwerks, dass die einzigartige Seewinkel-Fauna ohnedies nur verschreckt haben kann … Ja, Simon Eichenbergers Inszenierung bleibt vom ersten bis zum letzten Takt (musikalische Leitung: Michael Schnack) auf höchstem Niveau unterhaltsam. Dass man derlei auch anders interpretieren könnte, die toxische Männlichkeit Mongkuts, die kolonialistisch-überheblichen Briten, schließlich das Schicksal des Liebespaares Tuptim und Lun Tha hat man andernorts schon zeitkritischer gesehen (letzteres von Auspeitschung Tuptims bis Hinrichtung Lun Thas selbst bei weiland König Alfons) – doch passt das offenbar nicht zur lauen pannonischen Sommernacht.

Was also? Beruhend auf einer wahren Begebenheit schickt das Werk aus der goldenen Ära des Musicals von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II die Engländerin Anna Leonowens nach Siam, um den zahlreichen Kindern des Königs sowie seinen ebenso zahlreichen Frauen die westliche Lebensart beizubringen. Freundschaft, aber auch Hürden tun sich zwischen Anna und dem König auf: Von Kok-Hwa Lie keineswegs unsympathisch, sondern in seinem Eitler-Pfau-Sein durchaus satirisch dargestellt, changiert dieser König fast kindisch rechthaberisch zwischen alter Tradition und neuen Sichtweisen. Er ringt mit sich für ein modernes Siam – Hauptsache: „wissenschaftlich“.

Milica Jovanovic zeigt Anna als resolute, romantische Britin, die sich auf die schier aussichtslose Mission begibt, zumindest die Grundwerte von Demokratie und einen Hauch von Gleichberechtigung am Königshof zu etablieren. Sich vor dem König zu Boden zu werfen, danach steht ihr nicht der Sinn, sie hat keine Angst vor dem Despoten, ist ihr doch klar, dass sich hinter seiner herrischen Art auch die Hilflosigkeit angesichts eines sich verändernden Weltbilds verbirgt.

Der stolze König von Siam: Kok-Hwa Lie. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Marco Sommer

Marides Lazo und Robin Yujoong Kim, hi.: Leah Delos Santos. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Marco Sommer

Bereiten den Ball vor: Milica Jovanovic und Kok-Hwa Lie. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Marco Sommer

Schnell gewinnt die verwitwete Lehrerin ihre Schüler lieb, was sie in einer deutschen Version von „Getting to Know You“ mit musicalheller Stimme besingt. Ihr Repertoire sowie ihr komödiantisches Talent kann Jovanovic ebenso zeigen, wenn sie ihrer Wut über den chauvinistischen König in „Shall I Tell You What I Think of You?“ freien Lauf lässt. Ein Temperamentsausbruch der Extraklasse. Worauf eine der schönsten Melodien des Musicals ertönt, „Something Wonderful“, interpretiert von der stimmstarken Leah Delos Santos als Hauptfrau Lady Thiang, die Anna weibliche Schläue im männlichen Absolutismus lehrt, nämlich den König zu belehren, indem aus einem Rat ein „Ich rate, was Eure Majestät planen“ wird. Emanzipierter Beschützerinneninstinkt par excellence.

Das eigentliche Liebespaar, die dem König vom Nachbarn Burma geschenkte Tuptim sowie deren Überbringer Prinz Lun Tha, besticht zwischen den Massenszenen rund um die königlichen Kinder (Rosemarie Nagl, Hana Amelie Hrdlicka, Lilya Aurora Gasoy, Liam Kiano Therrien, Ciannyn Therrien, Lennyn Therrien, Tamaki Uchida, Yukio Mori, Dina Le, Nio Le, Yimo Ding, Daniel Avutov, Maximilian Chen, David Chen und Ivan Ramon Jacques) mit schmerzhaft intimen Momenten: Marides Lazo und Robin Yujoong Kim reüssieren bei „We Kiss in a Shadow“ und „I Have Dreamed“ vom Feinsten.

Vor allem Kim, dem mit seinem fülligen Tenor wie bereits 2019 am Neusiedler See als Sou Chong deutlich anzuhören ist, dass er ansonsten in Opernhäusern von Zürich, Dresden, der Dänischen Nationaloper bis zur Carnegie Hall mit Partien von Don Ottavio, Tamino, Ruggero bis Maler in „Lulu“ zu Hause ist. Der König nimmt Annas Unterstützung im Umgang mit der britischen Diplomatie (Dominic Hees als Sir Edward Ramsey) schließlich an, will er sich doch der in den Zeitungen des United Kingdom verbreiteten Behauptung widersetzen, er sei ein Barbar.

Die könglichen Frauen und Kinder mit Vincent Bueno und Leah Delos Santos. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Erste Unterrichtsstunde: Milica Jovanovic und die königlichen Kinder. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Yuko Mitani, Gemma Nha, Ayane Ishakawa und die hinreißende Leah Delos Santos. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Kein Kopf höher als der des Königs: Milica Jovanovic und Kok-Hwa Lie. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Auch an dieser Stelle bleibt der Mörbischer „Der König und ich“ weit entfernt von einer Aufarbeitung komplexer weltpolitischer Beziehungen. Ein Spiel, das mit einer auf dem Boden liegenden Anna endet, weil deren Kopf sich nicht über den des Königs erheben darf, fußt auf der Annahme einer dem Kulturen-Clash immanenten Komik. Eben alles im Geiste von original 1951. Regisseur Eichenberger setzt auf Frohsinn und leichten Humor. „Et cetera, et cetera, et cetera …“ wiederholt der König das erste neugelernte Wort bei jeder Gelegenheit. Annas europäisch „geschwollener“ Rock bringt seine Frauen zu dem Schluss, dieser entspreche ihrer Figur.

„Western People Funny“ intonieren Leah Delos Santos sowie die Nebenfrauen Hanae Mori, Aloysia Astari, Ayane Ishikawa, Jadelene Arvie Panésa, Kun Jing, Angelika Studensky, Xiting Shan, Yuko Mitani, Gemma Nha und Minori Therrien beim Anprobieren der Knopfstiefelchen – und wer die Namen der Mütter mit denen der Kindern vergleicht: Alfons Haider ist besonders stolz darauf, solche in echt gecastet zu haben. (Was einen ebenso für den Generalmusikintendanten einnimmt, wie die Tatsache, dass er statt zu Beginn lange Reden zu schwingen, in der Pause lieber alle RollstuhlfahrerInnen in der ersten Reihe nacheinander persönlich begrüßt.)

„Shall We Dance?“, die große Nummer im ausladenden Ballkleid, führt zu einem durchwachsenen Happy End, denn es wird Vincent Bueno als Kronprinz Chulalongkorn überlassen sein, das Reich an neue Herausforderungen anzupassen. Es freut einen, den so überaus begabten Songcontest-Teilnehmer 2021 nach www.mottingers-meinung.at/?p=21953 www.mottingers-meinung.at/?p=29226 www.mottingers-meinung.at/?p=22489 (und als Thuy in „Miss Saigon“ im Raimund Theater) erneut auf der Bühne zu sehen. Ein Bravo auch für Bariton Jubin Amiri, der sein Sologesangsstudium an der MUK just dieses Jahr abschloss, als Minister Kralahome und Musical-Quereinsteiger Lukas Plöchl als Priester Lun Phra Alack.

Fazit: Wie auch der Protagonist im Jahr eins mit Alfons Haider zeigen sich die Seefestspiele Mörbisch reformwillig. Die Regie hat für die erwartete beschwingte Hochstimmung gesorgt (wer sich erinnert: 1998 war man angesichts von Tod und Todschlag eher betroppezt vom Stockerauer Rathausplatz geschlichen), die Ausstattung und auch Choreograf Alonso Barras konnten sich nach Herzenslust austoben. Der Wow-Effekt war gelungen. Dass man heutzutage die Diversität von Kulturen anders, heißt: auch ohne gehobenen Zeigefinger, postulieren könnte … naja. Anno 2023 ist man diesbezüglich immerhin auf der sicheren Seite. Mekka des Musicals: Wir kommen! Und das darf man durchaus wunderbar finden …

Besucht wurde die Vorpremiere am 12. 7. 2022.

Alfons Haider als der König von Siam 1998. Bild: Screenshot ORF „Der König und ich – 2022 Mörbisch – The making of“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=qNuLZYXvp94          The Making Of: www.youtube.com/watch?v=vwKHHlvwlQc&t=4s          www.seefestspiele-moerbisch.at

INFO: Für den Sommer 2023 plant Generalmusikintendant Alfons Haider die Aufführung des ABBA-Musicals „Mamma Mia!“ – von 13.Juli bis 19. August. Kartenvorverkauf ab 1. September 2022, Vorreservierungen sind per E-Mail unter tickets@seefestspiele.at möglich.

13. 7. 2022

TAG online: Medea – Ich, ich, ich, ich!

Dezember 8, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Ausländerin einfach abschieben

Michaela Kaspar als vor Zorn rasende Andrea/Medea: Bild: © Anna Stöcher

Um die Zeit bis zum Lockdownende zu versüßen, schenkt das TAG seinem Publikum die Aufzeichnung der umjubelten „MEDEA Ich, ich, ich, ich!“. Die Inszenierung ist auf der neuen Plattform Stage+ unter stage-plus.art/medea kostenlos zu sehen, sie ist ein virtueller Vorgeschmack auf die letzte Live-Spielserie dieser Produktion: „MEDEA Ich, ich, ich, ich!“ wird im Februar und März 2022 letztmalig live auf der Bühne präsentiert. Hier noch einmal die Rezension vom Dezember 2019:

Da die Darsteller bei ihrem ersten Auftreten als attischer Chor Masken tragen, verweist dies bereits darauf, dass das Drama zur Groteske werden wird. Der Mythos der mordlüsternen Medea als spöttische Auseinandersetzung mit den Bürgern der Polis – so originalgetreu überschrieben hat Gernot Plass Euripides, und dem Namen der Barbarenprinzessin vier Ichs angefügt. Kennzeichnung einer Ego-Gesellschaft, in der jeder für sich und gegen alle anderen ist.

„Medea – Ich, ich, ich, ich!“, uraufgeführt im TAG, ist die komplett unterschiedliche, sich total gleichende Geschichte mit Ursprung Argonautensage, Andrea und Walter aka Medea und Jason als Yuppie-Paar, das die geschmackvoll-weiße Couch allerdings nicht zur Ehetherapie nutzt. Nein, zwischen Michaela Kaspar und Julian Loidl geht’s handfest zur Sache, ein Streit wegen des Gatten Seitensprung eskaliert, dieweil der Chor eben noch vor hochgespieltem Individualismus warnte, schlimmer ist es als die Frau befürchtet hat: Das Pantscherl basiert auf politischem Kalkül. Walter gesteht freimütig, ihm sei das höhere Töchterl Elisa lieber als die angetraute Lebensabschnittspartnerin.

Deren Vater Peter, früher König Kreon von Korinth, ist immerhin Bürgermeister, und Elisa/Kreusa beileibe nicht untätig, träufelt sie’s doch wie Gift in Daddys Ohr, er solle die Ausländerin per Dekret abschieben, die Fremde ein für alle Mal aus der Stadt entfernen lassen. Für Andreas Kinderchen hingegen hat Elisa durchaus Verwendung, wie schön, auf Mutti machen zu können, ohne die Unbill des Gebärens. Über so viel Chuzpe seiner Lendenfrucht steht sogar Jens Claßens Peter der Mund offen, er wird dennoch den Wunsch Elisas zu erfüllen trachten.

Walter/Jason will Lebensabschnittsgattin Andrea abschieben: Julian Loidl und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Bürgermeister Peter und Tochter Elisa aka Kreon und Kreusa: Jens Claßen und Lisa Schrammel. Bild: © Anna Stöcher

Messerattentäterin Andrea tötet Ehekonkurrentin Elisa: Michaela Kaspar und Lisa Schrammel. Bild: © Anna Stöcher

Der weinende Walter, die triumphierend blutverschmierte Andrea: Julia Loidl mit Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Lisa Schrammel schlüpft in diese Rolle, der Charakter der Kreusa von Gernot Plass, wiewohl er die griechische Tragödie insgesamt auf ihre immer noch Gültigkeit abklopft und für gut befindet, der am meisten ins Heute gehievte, denn Elisa ist ein manipulatives, machthaberisches Upper-Class-Miststück fernab jeder Jungmädchen- haftigkeit, geschweige denn Mitmenschlichkeit. Es macht einen frösteln, wie Plass die Figuren zwischen TAG-typischem Geplänkel und aggressivster Kontroverse wechseln lässt. Seine „Medea“ ist ein entsetzliches Vergnügen, der irrwitzige Plot um Beziehungskisten angereichert um den Wahnsinn der Themen Rassismus und Xenophobie – ein Fazit zum Umgang der selbsternannten Ersten mit der sogenannten Dritten Welt.

Selbstverständlich wird auch diesmal das Schlachtfeld der sexuellen Untreue mit Blut begossen, im ewig währenden Kampf der Geschlechter schont die Inszenierung niemanden. Vor allem Kaspar und Schrammel gehen mit brutaler Gewalt in den Infight, die europäische Bildungsbürgerin und die zu entsorgende Ehefrau aus einer, wieder und wieder wird’s gesagt, rückständigeren „Kultur“. Kaspar kann grandios toben, im Wortsinn archaisch – und wie!, Schrammel so groß- wie unartig skrupellos sein, letztlich aber, eine so schlimme, wie die andere, überlappen die beiden Plass-Charaktere. Schauderhaft die Szene, in der Elisa endlich die Beherrschung verliert und kaltschnäuzig zugibt, sie hätte sich die Bastardsöhne zwecks „für uns die Drecksarbeit erledigen“ ins Haus geholt, grauenvoll die Reaktion Andreas, die zur Vermeidung der Ausweisung erst Peter anbaggert, bis –

Der Chor der attischen Tragödie: Julian Loidl, Jens Claßen, Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

sie beginnt, die Leichen zu Bergen zu stapeln. Auf diese Bestialität hat sich die Aufführung hundert atemlose Minuten lang zugespitzt, der Abend ist von der ersten bis zur letzten von fiebrig vibrierender Spannung, alle beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil der Existenzbedrohung, auch Claßens gern mal laut werdender Lokalpolitiker, auch Loidls begriffsstutziger, Schwanz einziehender Anti-Held, der ja zumindest seit Grillparzer zum rückgratlosen Schwächling deklariert ist. Derart changiert „Medea – Ich, ich, ich, ich!“ im TAG von literarischen Bezügen zu deren Brüchen.

Die Sprache des Plass’schen Textes ist stark, seine Umsetzung auf der Bühne intensiv, zwischen Gut und Böse sind die Figuren hier jenseits von … und das Publikum mal bitter lachend, mal betreten Innenschau haltend. Medea/Andrea schießt sich ins Aus durch einen martialischen Spruch, den sie in ihrer Wut ausstößt. Bekannt kommt einem dieser Satz vor. „Was? ‚Ich bring sie um?‘ Mein Gott! Das wird man doch noch sagen dürfen!!!“ Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=36752

 

dastag.at           stage-plus.art/medea

8. 12. 2021

Houchang Allahyari: Goli Jan. Ich darf kein Mädchen sein

September 8, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Neuer Spielfilm und Retrospektive zum 80. Geburtstag

Fatima Amiri als Goli Jan. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Nach seinen Dokumentarfilmen „Rote Rüben in Teheran“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727) und „Die Liebenden von Balutschistan“ kehrte Houchang Allahyari in den Iran zurück, um einen Spielfilm zu drehen, dem es an Aktualität wahrlich nicht mangelt. Geschildert wird die Geschichte von Goli Jan, einer jungen Frau, die – nachdem ihr Vater von den Taliban ermordet wurde und ihr Onkel sie an einen alten Mann zwangsverheiraten will –

gemeinsam mit dem Fahrradboten Jawad aus Afghanistan in den Iran flieht und sich als Junge verkleiden muss, um nicht aufzufallen. Stets in Angst vor der Rache des mächtigen Onkels, begegnen die beiden neben verschlagenen auch hilfsbereiten Zeitgenossen, die sie bei sich aufnehmen und ihnen die Chance für einen Neuanfang eröffnen. Der Film, der am 9. September im Metro Kinokulturhaus Premiere hat, ist eine mit sparsamen Mitteln hergestellte, aber umso persönlichere Auseinandersetzung mit den Themen weibliche Selbstbestimmung, männliche Dominanz, Solidarität, grenzübergreifende Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, mit einem Wort: ein echter Allahyari, und dies zu Zeiten da „Afghanistan“ vielen ein Reizwort ist.

Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit mit Allahyari-Sohn Tom Dariusz und der künstlerischen Leiterin des diverCITYLAB Asli Kişlal (www.divercitylab.at). Begleitet wird die Premiere von einer Retrospektive zum 80. Geburtstag von Houchang Allahyari. Und so beginnt die Story. Mit einer beklemmenden Stille über Ruinen, voller Staub über brachliegendem Land, und kein Lebensraum nirgendwo. Flüchtende Kinder, allesamt männlich, springen auf einen Pickup, von den – vor den jüngsten Entwicklungen – geschätzt drei Millionen illegaler afghanischer Flüchtlinge im Iran sind zahlreiche unbegleitete zwischen zehn und achtzehn Jahren. Lieferant Jawad fährt mit dem Fahrrad durch ein Geisterdorf, „keiner weiß noch, wer gegen wen kämpft“, sagt er, und sieht Goli Jans Vater Gashem mit den beiden Dorfcapos im Streit um die Wasserrechte für die Felder.

Die sind an der Macht. Ich habe mich arrangiert, um zu überleben“, wird ihn sein älterer, wohlhabender Bruder später schelten, doch da wird schon Gashems Leichnam nach Hause getragen. Die Dorfobersten, an denen Allahyari die brutale Willkürherrschaft der Taliban festmacht, deren Tyrannisieren der eigenen Leute, sind wieder dabei Jungen „einzusammeln“. Auch Jawad steht auf ihrer Liste, der schmiedet Pläne für die Flucht in den Iran. Der vor Begierde sabbernde Onkel will Gashems Witwe „aus Mitleid“ heiraten, „wenn ihr arbeiten geht, bringt ihr Schande über mich“, und auch Goli Jan an den Ehemann bringen.

Der betagte Bräutigam hat schließlich schon bezahlt, er reist an. Mit einem Schaf, ein paar Plastikblumen und seiner ersten Frau zur Begutachtung der alsbald zweiten. Es ist die Szene, in der Goli Jan mit dem Brennstoff, mit dem sie Feuer unterm Teekessel machen soll, sich selbst entzünden will, der ihre Mutter bewegt, das Mädchen Jawad anzuvertrauen. Verkleidet als „Cousin Assad“, verstaut im Kofferraum eines Schleppers.

„Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten. Flüchtlinge aus Afghanistan haben sie mir bei den Dreharbeiten von meinem Dokumentarfilm ,Rote Rüben in Teheran‘ erzählt“, erklärt Houchang Allahyari im Gespräch. Seine Protagonistinnen und Protagonisten hat der Filmemacher vor Ort gecastet: „Es sind alles Laien, außer der Darstellerin der Mutter von Goli Jan, Halimeh Nassim Amiri. Sie ist Radiosprecherin in einem afghanischen Sender in Iran, hat großes Interesse an Film und Kunst, und zeigte von Anfang an Verständnis für das Projekt. Ihre Tochter Fatima übernahm die Rolle von Goli Jan, obwohl das für afghanische Frauen verboten ist, und durch sie und ihre Mutter habe ich den Darsteller von Jawad, Nemat Amiri, gefunden.“

Derart entstand ein großartig empathischer, eindringlicher Film, Allahyaris erster im Iran gedrehter Spielfilm, freilich ohne offizielle Erlaubnis, doch mit Hilfe von Regisseur Babak Behdad, der sich um Drehgenehmigungen „für sich selber“ kümmerte und das Drehbuch in einen stimmigen afghanischen Dialekt übersetzte, und Allahyaris wie stets warmherziger Blick aufs Ensemble wird diesmal noch durch dessen Authentizität aufgewertet.

Halimeh Nassim Amiri (re.) . Bild: © Allahyari Filmproduktion

Mutter und Tochter. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Mit Nemat Amiri als Jawad. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Nemat Amiri und Fatima Amiri. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Allahyari: „Es gab zwar ein fertiges Drehbuch, aber ich habe es an Fatima und Nemat angeglichen. Wir mussten auch darauf Rücksicht nehmen, dass Fatima während der Dreharbeiten der Schule nicht fernbleiben konnte. Sie legt großen Wert auf Bildung, Nemat weniger. ,Wenn du schon keine Bücher liest, dann schau Fernsehen, damit du etwas lernst‘, hat sie zu ihm gesagt. Der Satz ist nun im Film. Es ist sehr viel von ihr eingeflossen, vor allem der Mut und die Kraft, mit denen sie sich Schwierigkeiten stellt.“

Über weite Strecken ist „Goli Jan“ ein Roadmovie. In langen, langsamen Einstellungen hält der in seiner Heimat hochgehandelte Kameramann Reza Teymouri die karge Landschaft fest, Einöde und Einheimische, Gesichter, in die sich ihr Schicksal eingegraben hat, ohne jemals in die Lokalkolorit-Falle zu tappen. Und je näher Goli Jan und Jawad Richtung Teheran kommen, umso mehr bangt man um eine Love Story zwischen den beiden (Spoiler: Man wird nicht enttäuscht werden und doch Houchang Allahyari das Ende seines Films niemals verzeihen).

Die Betreiberin einer Pension, auch dieser Kurzauftritt ein scharf gezeichneter Charakter, verdient sich ein Zubrot als Schmugglerin von Illegalen in die Hauptstadt, wo Jawad und „Assad“ Arbeit am Bau finden. Anrührend ist das, wie Gentleman Jawad die ihm Schutzbefohlene vorm gemeinsamen Waschen mit anderen Arbeitern rettet. „Es duschen immer zwei Mann, um Wasser zu sparen“, bescheidet ihm der anlassige Landsmann Vahid, der die Scharade längst durchschaut hat. In ihrer Not wendet sich Goli Jan an die Frau des Bauunternehmers, Neda Urudji und Mehdi Urudji als die guten Menschen von Teheran, die ihr einen Job als Hausmädchen gibt und sie für die Schule anmeldet.

Es kommt der Moment, da Jawad beinah schon den Arm um Goli Jan legt, sie prahlt mit ihrem Englischunterricht, er sagt den einzigen Satz, den er kann: I love you. Doch Vahid hat die jungen Liebenden an den tobenden Onkel verraten – und der rückt samt Gefolge an … Denkt man, mit welch großen Gesten und Tränendrück-Gefühlen an ein solches Thema herangegangen hätte werden können, beeindruckt Allahyaris Schlichtheit umso mehr. Reza Teymouri hat durchgehend mit Handkamera gearbeitet und „unbewegte Einstellungen nur mit einem Polster stabilisiert“, so Allahyari. „Goli Jan“ ist sein sanfter Appell, mitsammen daran mitzuwirken, dass Happy Endings möglich sind.

Doch apropos: Houchang Allahyari leistet sich einen Cameo-Auftritt als mehr oder minder er selbst, der in einem von Mehdis Häusern eine Wohnung bezieht. Als Goli Jan und Jawad als Putztrupp erscheinen und den Herrn Doktor nach dem Paradies Österreich fragen, kann der ihnen nur bedingt Hoffnungen machen. Wenn der Filmemacher über Rassismus, Ressentiments gegenüber Flüchtlingen, Ausländerfeindlichkeit und sein eigenes „Fremd-Sein“ referiert, ist das wie eine verbale Ohrfeige für die heimischen Verhältnisse (Allahyaris anderer Sohn Kurosch ist Obmann des Vereins Purple Sheep: www.purplesheep.at). Dennoch wird sich das Paar von der strapaziösen und gefährlichen Reise nicht abhalten lassen, wie zum Schluss ein Telefonat in Wien beweist …

„Goli Jan – Ich darf kein Mädchen sein“ ist dazu angetan, die via Medien gefilterten Nachrichten neu zu bewerten und den Begriff „Afghanistan“ neu zu denken. Nicht nur die radikalen Islamisten, ein gesuchter Terrorist als Innenminister, ein ehemaliger Guantanamo-Häftling als Chef des Geheimdienstes und die Scharia machen dieses Land aus, sondern auch die Zehntausenden, die stillschweigend leiden und dulden, weil Widerstand ohne Hilfe von außen zwecklos ist. Es sind Frauen, Männer, Alte und Kinder, die – um Shakespeare zu bemühen – wie wir bluten, wenn man sie sticht. Höchste Hochachtung vor den Frauen, die dieser Tage unter Lebensgefahr in Kabul für ihre Rechte demonstrieren!

Abschlussfrage an Houchang Allahyari: Wird „Goli-Jan – Ich darf kein Mädchen sein“ auch im Iran im Kino laufen?Nein, das ist in diesen Zeiten nicht möglich, da vor allem die Schauspielerinnen sehr gefährdet wären. Sie könnten von ihrer Familie verstoßen, sogar ermordet werden, da sie in ihren Augen Schande über sie bringen.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ij802VaOyU4          www.filmarchiv.at

Retrospektive

Anlässlich des Kinostarts von „Goli Jan“ und des 80. Geburtstags von Houchang Allahyari präsentiert das Filmarchiv Austria eine Auswahl seiner Arbeiten. Im Metro Kinokulturhaus wird eine umfangreiche Retrospektive parallel zum Kinostart von „Goli Jan“ anlaufen. Sie beginnt am 16.9. um 19 Uhr mit „Der letzte Tanz“ in Anwesenheit von Houchang Allahyari. Preview „Seven Stories about Love“ am Sa, 18.9. um 19 Uhr, anschließend um 21 Uhr noch „Rote Rüben in Teheran“ in Anwesenheit von Houchang Allahyari.

Geboren in Absurdistan, A 1999. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Die verrückte Welt der Ute Bock, A 2010. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Rote Rüben in Teheran, A 2016. Houchang Allahyari (M.) Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion

I love Vienna, A 1991. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Fleischwolf + Der mit dem gelben Pullover (17.9., 18 Uhr + 30.9., 19 Uhr)
Rote Rüben in Teheran (18.9., 21 Uhr + 24.9., 18 Uhr), Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727

I love Vienna (19.9., 19 Uhr + 26.9., 19 Uhr)
Höhenangst (19.9., 21 Uhr + 28.9., 18 Uhr)
Geboren in Absurdistan (20.9., 19 Uhr + 5.10., 20 Uhr)
Die verrückte Welt der Ute Bock (20.9., 21 Uhr + 7.10., 18 Uhr), Interview mit Houchang Allahyari: www.mottingers-meinung.at/?p=31182

Das persische Krokodil + I like to be in America + The Mozart Minute (22.9., 18 Uhr + 4.10., 20 Uhr)
Pasolini inszeniert seinen Tod + Die Wahrheit + Trotz alldem (29.9., 19 Uhr + 13.10., 18 Uhr)
Der Gast (24.9., 19 Uhr + 1.10., 21 Uhr)
Rocco (23.9., 19 Uhr)
Robert Tarantino (27.9., 19 Uhr), Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5512

Mehr Infos: www.mottingers-meinung.at/?p=44455           www.filmarchiv.at

  1. 9. 2021

H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hofmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hofmann im Amalthea-Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hofmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hofmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hofmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

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13. 4. 2021