Armes Theater Wien: Die Frau vom Meer

August 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Ebbe und Flut in den Seelen

Krista Pauer und Aris Sas. Bild: Martin Hauser

Es ist das Faktotum Ballested, Schauspieler, Maler, Tanzlehrer, hier nun auch Fremdenführer, der die „Reisegruppe aus Wien“ im kleinen Kurorthotel empfängt, und gleich einmal auf die Fjordcard hinweist, mit der es alles um zehn Prozent preiswerter gibt. Das Hotel ist im Ottakringer Bockkeller des Wiener Volksliedwerks untergebracht, wo Erhard Pauer Ibsens „Die Frau vom Meer“ in einer Bearbeitung von Krista Pauer inszeniert hat.

Dies mit heiter-melancholischem Grundton und in ihrer Bittersüße exakt gearbeiteten Figuren. Bei Pauer wird das Schauspiel um platzende Träume und verschüttgehende Weltbilder beinah zur Tragikomödie, immer wieder darf man auch schmunzeln, wenn die vereinten Frauenmissversteher am Werk sind, wenn sie sich der einzelgängerischen Protagonistin des Stücks ungeschickt nähern, nur, um die nächste Abfuhr zu erhalten. Die Pauers geben dabei dem Feministen Ibsen Raum, wenn sie Männer zeigen, die Frauen nach ihren Wünschen formen und manipulieren wollen, und Frauen, die sich deshalb neue – in der Regel allerdings ungesunde – Wirklichkeitsbilder schaffen. In ihren Händen wird „Die Frau vom Meer“ ein Spiel um Ebbe und Flut in den Seelen.

Krista Pauer spielt die Ellida. Die Tochter eines Leuchtturmwärters, die auf einer Insel mitten im Meer aufwuchs, hat den Arzt Wangel geheiratet, mit dem und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe, Bolette und Hilde, sie nun in der Kleinstadt am Ende des Fjords lebt. Nie hat Ellida in Wangels Haus wirklich Wurzeln geschlagen, jeden Tag zieht es sie ans Meer, dessen Unberechenbarkeit sie zugleich abschreckt und anzieht. Um sie aufzuheitern hat Wangel Bolettes ehemaligen Lehrer und in früheren Tagen verschmähten Anbeter Ellidas, Arnholm, eingeladen. Der interpretiert die Geste falsch, als Aufmunterung um Bolette anzuhalten.

Florian Sebastian Fitz. Bild: Martin Hauser

Daniel Ruben Rüb. Bild: Martin Hauser

Und dann ist da noch der junge Kurgast Lyngstrand, der eines Tages die Geschichte vom ertrunkenen Seemann erzählt, der zurückkehrt aus der schwarzen See, eine Geschichte, die Ellida sehr vertraut ist, ist es doch ihre eigene. Erschüttert ist sie nun überzeugt davon, dass der Amerikaner sie holen kommen wird. Und während man sich noch fragt, ob man es mit Albtraum, einer pathologischen Todessehnsucht oder doch der Realität zu tun hat, dreht sich dies Stück ums Ungesagte, nur Angedeutete weiter. Die Hintergrundgeräusche in ihrem Kopf werden lauter, und Ellida trifft eine schwerwiegende Entscheidung …

Krista Pauer legt Ellida als hochgradig bipolar Gestörte an, mit großem Feingefühl bewegt sie die Figur zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Als sei sie in einem Käfig eingesperrt stolpert sie über die Spielfläche, seufzend unter der erdrückenden Last der bevorstehenden Heimsuchung. Sie vollzieht emotionelle Kraftakte, mit denen sie nach Haltung sucht, um gleich wieder zusammenzubrechen unter dem Gewicht ihrer Gefühle. Die Männer rund um sie, wiewohl sie alle um sie buhlen, wissen wenig mit ihr anzufangen. Jeder lebt hier in den anderen verschlossenen Welten.

Aris Sas als Wangel, liebevoll, bemüht einfühlsam, doch unfähig sich aus seiner Stasis zu befreien, tut einem als Ellidas Ehemann fast schon leid. Er glaubt an Heilung durch Umzug zurück auf die Inseln, muss aber natürlich an diesem Lebensansatz scheitern. Daniel Ruben Rüb schlüpft in die Rolle des Arnholm. Als solcher trudelt er umher auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten, die ihn umgebenden Frauen zu ergründen, hilfsbereit will er sich zeigen, vor allem gegenüber Bolette, doch scheitert er jedes Mal aufs Neue wegen mangelnder Sehkraft für das Wesen der Dinge.

Klaus Fischer. Bild: Martin Hauser

Cornelia Mooswalder und Celina Dos Santos. Bild: Martin Hauser

Auch das Dreieck Bolette, Lyngstrand, Hilde – Cornelia Mooswalder, Florian Sebastian Fitz und Celina Dos Santos – hat Erhard Pauer mit großer Sensibilität in Szene gesetzt, die ältere Tochter gegenüber der außer sich seienden Stiefmutter einlenkend, dennoch im Wortsinn das Weite suchend, die jüngere eine kindliche Hintertreiberin. Der lungenkranke Lyngstrand ahnt hier nichts von seiner kurzen Lebensdauer, gibt sich als egomanischer Möchtegernkünstler, der erst um das eine Mädchen, dann um das andere tänzelt, jedoch an deren emanzipatorischen Ansätzen scheitert. Bleibt schließlich Klaus Fischer, der einen wunderbar kauzigen Conférencier Ballested spielt, und als solcher quasi durch die Handlung führt. Er ist der einzige Freie unter all den Ibsen-Figuren, die doch nur auch das eine wollen – Freiheit, sich aber von ihren kleinbürgerlichen Ängsten und Zwängen nicht lösen können.

Was Erhard Pauer und seinen Darstellern hier gelungen ist, ist große Kunst, nicht, weil dieser Abend Antworten und Lösungen anbietet, sondern weil er die erschreckende Ahnung von der Einsamkeit der Menschen und deren vergeblichen Mühen um Zusammenleben und Kommunikation mit anderen ins Bewusstsein zerrt. Was einem mitunter den Hals zuschnürt. „Die Frau vom Meer“ des Armen Theater Wien ist zu verstehen als Tauchgang in die eigene Psyche.

www.armestheaterwien.at

  1. 8. 2018

Burgtheater: Ein Volksfeind

November 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Appell an eine vergartenzwergte Gesellschaft

Doktor Tomas Stockmann entdeckt, dass die Heilquelle verseucht ist: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die einen stolpern und schlingern übers glatte Bühnenparkett, die anderen gleiten geschmeidig darüber hinweg. Die einen sind Pirouettendreher, die anderen haut es, weil in ihrem Leben nichts hin-, auf den Hintern. Der Bürgermeister kann beides, kann im Fall noch die kunstvollsten Figuren gestalten, während der Bruder-Protagonist in Gesundheitslatschen beständig die nackten Zehen vor den scharfen Kufenkurvern in Sicherheit bringen muss.

Die Welt ist ein Eislaufplatz. Zumindest in Jette Steckels Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ in der Neufassung von Frank-Patrick Steckel am Burgtheater. Wo magische Bilder im Halbdunkel bezaubern. Wo alles, was irgend Emotion ist, übers Eislaufen abläuft. Wo dagegen aber eher verhalten und artifiziell gespielt wird, „flach“, wie manche in der Pause der dreistündigen Aufführung meinten.

Gemeint ist hier übrigens alles gut. Die Steckels haben den bereits im norwegischen Stück angelegten Konflikt der Profitgier um natürliche Ressourcen, des Kampfes der Ethik, ja der Moral eines einzelnen mit den wirtschaftlichen Interessen vieler zugespitzt, und zeigen nun ein Drama, wie es zeitgenössischer kaum sein könnte. Alles, bis zum Ende die letzten Bilder, dreht sich um Klimakatastrophe, um Weltverschmutzung (denn wie klug angemerkt wird, es gibt keine Umwelt, nur die Welt) und deren Wohlstandsverursacher.

Ein Gesundheitslatschenträger verfolgt vom Kufenkurver: Mirco Kreibich als Peter Stockmann mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Aussprache mit Publikum und den Industriellen-Schwiegervater: Ignaz Kirchner als Morten Kiil mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Fakten werden alternativ, die News zwar nicht Fake, eine Lügenpresse gibt Ibsen nicht her, aber immerhin von Schweigejournalisten unter den Tisch fallen gelassen. Willkommen im Irrwitz der Gegenwart! Wo Dr. Tomas Stockmanns Söhne „boys“ sind, seine Frau Kathrin eine resolute, hemdsärmelige Kinderärztin, was Dorothee Hartinger tatsächlich wenig Spiel-Raum gibt – und er selbst wesentlich weniger ambivalent als im Original.

Dass da einer so konsequent auf der richtigen Seite stehen muss, macht es Joachim Meyerhoff, gewohnt treffsicherer Darsteller ambivalenter Charaktere, nicht unbedingt leicht. Und so raunt er sich mit Reibeisenstimme durch die Rolle, als wär‘ ein Anflug von Heiserkeit eine Fluchtmöglichkeit vorm Kleinstadthickhack, und versucht den „erhabenen Spinner“ als Kauz zu gestalten. Immerhin bleibt er in dieser Sache radikal: Sein Stockmann ist ein Fleisch gewordener Aufruf zur Geradlinigkeit.

Über textliche Längen helfen diesmal andere hinweg, allen voran das formidable Volksboten-Trio Ole Lagerpusch (dieser als aufrechter Hovstad mit Irina Sulaver als Petra auch ein sympathisch-tollpatschiges Liebespaar), Peter Knaack als angstvoll-schmierigem Aslaksen, der Inserate gegen Integrität tauscht, und Matthias Mosbach als wendehälsischem Billing.

Mirco Kreibich als auf Schlittschuhen moonwalkender Bürgermeister und jüngerer Bruder Peter Stockmann läuft – im Wortsinn – Meyerhoff kurzzeitig sogar den Rang ab. Er macht die Pflicht zur Kür, seine große Rede zum artistischen Kabinettstück. In den besten Momenten des Abends stehen die beiden gegeneinander, der Realist vs dem Idealisten. Ignaz Kirchner gibt als stockschwingender Kapitalist einen Morten Kiil der alten Schule, einen Saulus, der zum Paulus werden wird.

Ein sinnloser Appell an die vergartenzwergte Gesellschaft: Joachim Meyerhoff als Doktor Tomas Stockmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Jette Steckels Königsidee in dieser Inszenierung sind aber eine gutes halbes Dutzend überdimensionale Gnomenfiguren, die dann und wann auch über die Bühne wandern und bedrohlich die Darsteller einkreisen können. Ausgedacht hat sich dieses herrlich obskure Bühnenbild Florian Lösche, und besser lässt sich die geistige Vergartenzwergung einer Gesellschaft wohl kaum zeigen. Großartig die Szene, in der Meyerhoff gegen die Riesen seine Greenpeace-Parolen anschreit.

Freilich ohne Gehör zu finden. Und so nutzt der passionierte Soloperformer die Szenerie, um zum Schluss wie gewohnt aus seiner Rolle zu fallen: Saallicht an, Sessel umgedreht und los geht die Ansprache an die Publikums-„Arschlöcher“. Seit mehr als hundert Jahren spiele man dieses Stück, und alles, was er sehe sei leicht fadisierte Apathie. (Kein Wort punkto Inszenierung dazu!) Ein Seitenhieb übers politische Schaulaufen Strache-Kurz darf in Zeiten wie diesen obligatorisch nicht fehlen, Meyerhoff zitiert Antonio Gramsci: „Die alte Welt liegt im Sterben. Die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Aber knapp bevor Eisberge ins Meer brechen und Tsunamis das Land überrollen, ist klar: Die Zwerge, das sind natürlich wir. „Klatschen Sie nicht!“, fordert der Charaktermime die augenblicklich in ihrer Reaktion überforderten Zuschauer immer wieder auf.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

Theater in der Josefstadt: Die Wildente

Mai 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schön in aller Schlichtheit

Familiendrama im Stiegenhaus: Raphael von Bargen, Gerti Drassl, Roman Schmelzer, Maresi Riegner und Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

An der Josefstadt hatte Ibsens „Die Wildente“ Premiere, dieser Dauerbrenner an heimischen Bühnen, man hat den einen und die andere diesmal Mitwirkende/n schon in früheren Inszenierungen in jüngeren Rollen gesehen, doch der Donnerstagabend war etwas sehr Besonderes. Regisseurin Mateja Koležnik, eine der wesentlichen Spielmacherinnen des slowenischen Theaters und ausgewiesene Ibsen-Expertin (ihre Vorjahresinterpretation der „Nora“ am Stadttheater Klagenfurt begeisterte derart, dass Martin Kušej die Aufführung ans Resi holte), gab ihr Wien-Debüt – und überzeugte auf ganzer Linie.

Sie hat Ibsen schlank und schlicht gemacht, und birgt in dieser Schlichtheit große Schönheit. Sie stemmt sich „einfach“ gegen Bedeutungsschwere und Pathos. Die nunmehr wie dahingesprochenen Sätze, die geflüsterten Geheimnisse, erzählen von einer unerträglichen, weil unechten Leichtigkeit des Seins, und die großartige Beiläufigkeit, mit der agiert wird, weist aus: Hier wird mehr aneinander vorbei gesprochen als tatsächlich miteinander geredet. Viel Falschheit wird mit nicht einem falschen Ton gesagt, die Lebenslügen, der Selbstbetrug, schneiden so erst recht ins Fleisch. Koležniks Arbeit tut weh.

Man spürt die unterschwelligen Aggressionen, die gutbürgerlichen Unzufriedenheiten – und brechen diese abrupt auf und aus, ist man durch das Hochbrausen der Emotionen an diesem stillen Abend umso mehr erschüttert. Für all das hat Koležnik mit Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kostümbildner Alan Hranitelj eine Art Farbleitsystem erdacht, eine spezielle Farbästhetik von zinkgrau-zinskasernenen Kittelschürzen bis blauen Arbeits/Mänteln. Die Herren im Ensemble laborieren außerdem allesamt an einem Bad-Hair-Day, heißt: gatschbraunem Topfhaarschnitt.

Die Frage, wer tatsächlich Hedvigs Vater ist …: Maresi Riegner und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

… treibt Hjalmar und Gina auseinander: Roman Schmelzer und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

Gespielt wird in einem Stiegenhaus, diesem nachbarschaftlichen Begegnungsort, an dem sich’s trotzdem so trefflich anonym und unangetastet bleiben lässt. Die steilen, atemlos machenden Stufen, diese „Lebensleiter“, verbinden mutmaßlich die Ekdal’sche Wohnung mit dem Fotoatelier, im ständigen Treppauf-Treppab wird Geschäftigkeit, wird Bewegung simuliert, wo seit Langem seelischer Stillstand herrscht. Eine alle Heimlichkeiten wahrende Tür führt auf den mysteriösen Dachboden, der nicht nur den Wasservogel, sondern auch einige Tanzpaare beherbergt. Ibsens Hang zum Symbolismus, der mitunter unvermittelt seiner naturalistischen Beschreibung von Realität gegenübersteht, ist ja bekannt – und Koležnik trägt ihm mit ihrer aufs Kondensat eingedampften Arbeit und dem klaustrophobischen Bühnenraum Rechnung.

All diese wunderbar konzeptiven Ideen wären wenig wert, hätte man nicht Schauspieler, die diese auch in den Zuschauerraum zu übertragen wissen. Und Koležnik versteht sie exzellent zu führen und zu stärkster Wirkung zu bringen. Maresi Riegner, diese blutjunge Film- und Theaterentdeckung, ist eine formidable Hedvig, sehr naiv, sehr Mädchen, ein von den unerwarteten Umständen erschrecktes Kind, das sich zum Wohle der Eltern opfert. Gerti Drassl und Roman Schmelzer brillieren als Hjalmar und Gina Ekdal, die hantige Mutter und der gutmütige Vater, deren Existenz ein Mensch gewordener Jagdhund vernichtet, nur weil er seinem Wahrheitswahn und seinem übersteigerten Ehrbegriff folgen zu müssen glaubt.

Die Werles tragen ihren Vater-Sohn-Konflikt in der Familie Ekdal aus: Maresi Riegner, Michael König und Raphael von Bargen. Bild: Astrid Knie

Als dieser Gregers Werle ist Raphael von Bargen eine Idealbesetzung, herrisch bis zum Herrenmenschentum, von sich selbst und seinen Idealen überzeugt. Er will sein Gewissen heilen, indem er andere krank macht, er holt zum Rundumschlag aus, und will doch nur seinen Vater treffen. Selten war in einer Inszenierung so klar zu erkennen, dass Gregers über die Ekdals Vergeltung an Håkon übt. Wie Schmelzers Hjalmar mit dem Grad der Verzweiflung menschlich wächst, schrumpft von Bargens Gregers mit seinem Tun zusammen.

Großartig sein Aufeinanderprallen mit „Vater“ Michael König, er ein Paradebeispiel für Ibsens misstrauischen, schweigsamen und hartleibigen Menschenschlag, und Peter Scholz als abgeklärt-zynischem Dr. Relling. Siegfried Walther ist ein wunderbarer alter Ekdal, mittelschwer senil und mit einem Dachbodenparadies auf Erden. Susa Meyer hat einen prägnanten Kurzauftritt als Frau Sørby, ebenso Alexander Absenger als Molvik. „Die Wildente“ an der Josefstadt ist eine hochkonzentrierte, atmosphärisch dichte und beklemmende Aufführung. Am Ende wird Gina vom Tod ihres Kindes in einem gewaltigen, bleischweren Schlussbild überwältigt, ein letzter Schrei, bevor der Eiserne fällt – nicht nur Gerti Drassl brauchte beim wohlverdienten Applaus sichtlich, um aus dieser Situation wieder ins Hier und Jetzt zu finden – auch das Publikum hatte eine Schrecksekunde, eine Schweigeminute nötig, bevor der Jubel losging.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=WuF68lYg7T8

www.josefstadt.org

Wien, 5. 5. 2017

Das TAG: Torvald

November 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Rollenspiel, ein Mann zu sein

Bild: © Judith Stehlik

Bild: © Judith Stehlik

Man hat sie auf so viele Weise ihren Mann verlassen sehen. Frei und emanzipiert. Ehehafen und Kinder zurücklassend. Von den Wiener Festwochen bis Tokio richtete sie auch schon eine Waffe gegen sich. Dabei hat’s Ibsens „Nora“ in ihrem Puppenheim immer nur gut gemeint. Geld vom miesen Krogstad geliehen, um ihrem Torvald die teure Sanatoriumsgenesung zu finanzieren – und blieb am Ende immer über. Angeklagt vom eigenen Mann.

Der darf nun im TAG in der Uraufführung von „Torvald“ seine eigene Medizin kosten. Rachelle Nkou, Tänzerin, schweizerische Wahlösterreicherin mit Wurzeln in Kamerun, und ihre Gruppe DAS GUT, haben in ihrer Version Ehemann Torvald ins Zentrum gestellt. Am Zenit seiner Karriere als Bankdirektor verliert er plötzlich die Bodenhaftung in seinem Leben und gerät im Spannungsfeld zwischen männlicher Identitätskrise und Bournout-Syndrom ins Schleudern. Ibsens Figuren-Tableau ist verrutscht und der Kampf so herzzerreißend wie aussichtslos. Das Bekannte, das von den Vätern noch Gelebte, driftet ihm sukzessive immer weiter weg. Konfrontiert mit einer Vielzahl neuer Anforderungen und  Bedingungen, sieht er zumeist nur schemenhaft neues Land.  Wie’s der Grönemeyer singt: Wann ist ein Mann ein Mann? Als hätten Frauen heute viel mehr Lebensmöglichkeiten, als der Indianer, der immer noch keinen Schmerz kennen darf.

In einer postmodernen Leistungsgesellschaft, in der alle blond sind und graue Anzüge tragen, leben Torvald (Alexander Braunshör) und Nora (Birgit Linauer) den perfekten Power-Wellness-Jetset-Lifestyle. Kapitalismus pur, auf der Bank wie im Bett ist von Torvald männliche Härte gefragt. Nkou inszeniert rasant, ironisch, mit verfremdeten Popsongs und einer steifen Prise Dystopie. Und mit hervorragendem Ensemble. Alle bewegen sich zwischen Kaufrausch und Konsummüdigkeit, ein Erschöpfungsfuror, ein Marktbeschleuniger, für den es keinen Bremsschuh gibt. Selbstausbeutung mündet in Entlassungsangstgesängen. Mantraartig wird rezitiert, was im Leben wichtig ist: Fleiß und Arbeit und dabei Fröhlichkeit. Instant-Tipps für alle Lebenslagen gibt „Studio Linde, die Empfangsdame deiner Seele“ – eine elektronische Seelsorgerin mit Telefonschleifenstimme (Johanna Orsini-Rosenberg). Kein Wunder, dass Krogstad (Julian Loidl) kein sinistrer Obskurant mehr ist, sondern eine Art Weihnachtsmann. Lauf, lauf, kauf, kauf. Die Funktion der fünften Figur, Rank (Martin Bergmann) benannt, bleibt unklar.

Am Ende ist Torvald am Ende. Die Puppe, die in sich zusammensackt. „Das Mannsein ist mir unerträglich.“ Und man fragt sich, ob M(m)an(n) so agieren muss. Torvald Helmer war immer eine hoch interessante Figur, meist ein wenig unter- beziehungsweise fehlbelichtet. Und es ist schön, dass gerade eine Frau sich des männlichen Egos annimmt. Doch noch ist es der weibliche Part in Familien, Kinder und „Karriere“ zu schaukeln, noch schneidet die Einkommensschere tief ins Frauenfleisch. Das soll weder Nkous Arbeit schmälern, noch ihr den tosenden Schlussapplaus missgönnen. Aber: Realität sieht anders aus. Oder (böse!): Torvald tut sich halt so leid, wie sich Männer gerne leid tun … Der Arme.

www.dasTAG.at

Trailer: http://vimeo.com/112493842

Wien, 26. 11. 2014

Gerti Drassl im Gespräch …

November 27, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… mit Lisa Weidenmüller und Johannes Schmidt:

„Die Wildente“ am Landestheater Niederösterreich

Gerti Drassl, Lisa Weidenmüller, Tobias Voigt  Bild: (c) Yasmina Haddad

Gerti Drassl, Lisa Weidenmüller, Tobias Voigt
Bild: (c) Yasmina Haddad

Am 7. Dezember steht am Landestheater Niederösterreich die Premiere von Henrik Ibsens „Die Wildente“ auf dem Programm. Es spielen Gerti Drassl, Katharina von Harsdorf, Benno Ifland, Michael Scherff,Johannes Schmidt, Tobias Voigt, Lisa Weidenmüller und Helmut Wiesinger. Regie führt Daniela Kranz. Die Handlung: Nach Jahren der Abwesenheit kehrt Gregers in sein Elternhaus zurück. Lange hat er den Kontakt mit seinem Vater, dem Großhändler Werle, gemieden. Zu Hause trifft er auf seinen Jugendfreund Hjalmar Ekdal. Hjalmar, ein bedingt lebenstauglicher Fantast, schlägt sich  als Fotograf durch. Gregers erfährt, dass er Gina Hansen geheiratet hat, die früher für seine Eltern arbeitete. Die beiden haben eine Tochter, Hedvig, zu deren Erziehung und Unterhalt Konsul Werle einen finanziellen Beitrag leistet. Den Grund dafür glaubt Gregers in der eigentlichen Vaterschaft der kleinen Hedvig zu erkennen. Er vermutet, dass nicht Hjalmar, sondern der alte Werle der leibliche Vater ist und versucht, dem Jugendfreund die Augen zu öffnen – Hjalmar soll erkennen, dass sein Leben auf Unehrlichkeit aufgebaut ist. Wenn Sie einem Menschen die Lebenslüge nehmen, so bringen Sie ihn gleichzeitig um sein Glück, lässt Ibsen den Arzt Relling sagen. Und tatsächlich zerstört Gregers mit seinem Wahrheitsfanatismus nicht nur Hjalmars Leben, sondern die ganze Familie.

Ein Gespräch mit Familie Ekdal – Gerti Drassl (Gina), Johannes Schmidt (Hjalmar) und Lisa Weidenmüller (Hedvig):

MM: Frau Drassl, Sie haben an der Josefstadt schon Hedvig gespielt, haben nun zur Gina gewechselt. Endlich in der Mutterrolle angekommen? Das freut die wenigsten Kolleginnen 😉

Gerti Drassl: Mich schon. Angekommen bin ich noch lange nicht, wir sind noch am Suchen, aber ich bin sehr glücklich über das Angebot von Intendantin Bettina Hering. Ich habe noch gute Erinnerungen an meine erste „Wildenten“-Erfahrung. So ist, das Stück wieder spielen zu dürfen, wie ein Geschenk.

MM: War das der Reiz, es wieder zu spielen?

Drassl: Man kann so viele Stücke auf so viele Arten neu interpretieren. Das hier kommt in der Regie von Daniela Kranz ganz anders daher. Wir gehen’s ganz anders an, als vor zehn Jahren an der Josefstadt. Das ist sehr spannend. Das Stück ist sehr gestrichen worden, es ist komprimiert, dichter.

MM: Wie hat sich in diesen zehn Jahren Ihre Sichtweise auf die „Wildente“ verändert?

Drassl: Als ich die Hedvig gespielt habe, habe ich die Konflikte, die in dem Stück stattfinden nicht als so schlimm empfunden, wie sie mir jetzt vorkommen, wie ich sie jetzt durchlebe. Als ich die Hedvig gespielt habe, hatte ich immer das Gefühl: So schlimm ist es doch gar nicht. Jetzt ist alles ganz furchtbar für mich.  Was zwischenmenschlich passiert, wie groß die Wunden der Beteiligten sind, was es an Beziehungsgeflecht gibt, erfasse ich jetzt erst richtig.

MM: Herr Schmidt, knapp gesagt gibt es in dem Stück zwei Perspektiven. Die eine Position ist die Aufrechterhaltung der Lebenslüge – Hjalmar, die andere: Nur wer die Wahrheit sagt tut Recht, hat recht – Gregers.

Johannes Schmidt: Wobei es merkwürdiger Weise am Schluss eine Aufweichung dieser Positionen gibt. Weil Gregers spürt, dass Hjalmar seinem Projekt nicht gewachsen ist, und ihm seine Erfindung als Lebenslösung andient. Er übernimmt einen Teil von Rellings Position – und Hjalmar ist derjenige, der sagt: Es kann sein, dass es mit meiner Erfindung nie was wird. Dieses Gespräch, dass Relling und Gregers am Ende führen, führt zu einer Pattsituation. Es ist ja nicht so, dass Ibsen etwas auflöst, dass er einer Figur Recht gibt, es bleibt komplett offen. Das ist das Fatale an diesem Stück: Dass es nicht eine Wahrheit gibt. Der Autor tut uns nicht den Gefallen, sich auf eine Seite zu schlagen. Es gibt viele Fragen, es gibt keine Antwort, wie Leben denn nun geht.

MM: Frau Weidenmüller, welche Möglichkeiten hat man heute die Hedvig zu spielen? Ein Mädchen aus dem vorvorigen Jahrhundert?

Lisa Weidenmüller: Das mag einem bei Ibsens Sprache so vorkommen. Aber mir geht’s gar nicht so. Hedvig hat so eine Grundehrlichkeit oder Aufrichtigkeit, die noch nicht durch das Leben abhanden gekommen ist. Auf den Proben fällt auch manchmal das Wort altmodisch, aber mir kommt das gar nicht so vor, sondern wünschenswert. Ibsen beschreibt in Hedvig Qualitäten, nach denen sich doch alle sehnen, die einem heute nicht mehr oft begegnen. Deshalb sagt man leicht, das ist altbacken, aber mir kommt das nicht so vor.

MM: Sind die Positionen in der Familie Ekdal nicht ein bisschen überspannt?

Weidenmüller: Das glaube ich schon. Als aber Hedvig die Forderung von Gregers aufnimmt, ihre Wildente zu töten, kann sie das nicht tun. Also tötet sie sich selbst. Das ist Konsequenz bis zur letzten Minute. Sie kann nicht töten, was sie am meisten liebt, DAS wäre inkonsequent. Aber klar ist, dass ihr die Sicherungen durchbrennen, als ihr Vater sagt: Du bist nicht mehr mein Kind.

MM: Wie ist die Arbeit mit Daniela Kranz? Sie ist eine, die „entstaubt“, „gegen den Strich bürstet“. Alles sehr klischeehaft, aber so ist es, wenn wir um Worte ringen.

Drassl: Ich habe schon einmal mit ihr gearbeitet, beim Theatersommer Haag „Der nackte Wahnsinn“ mit ihr gemacht, also ganz was anderes. Ich arbeite sehr gerne mit Daniela. Sie ist eine sehr intuitive Regisseurin, sie entwickelt zu jedem eine andere Sprache, sie sucht nach Wegen und Erzählweisen, die sie nachvollziehen  und vertreten kann. Sie hat diese Stückfassung nicht aus einer Mode oder einem Klischee heraus gemacht, sondern ist sehr konsequent, sehr behutsam. Als würde sie eine Zwiebel schälen. Sie arbeitet sehr feinfühlig, das mag ich sehr gern.

Schmidt: Das ist meine achte Produktion mit Daniela – und ich schätze immer wieder, dass sie es ermöglicht, auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten. Man ist kein Erfüllungsgehilfe für ein Konzept, das schon vorher feststeht, sondern Daniela geht sehr vom Schauspieler und seinem Angebot aus. So entsteht immer eine gute Form von Ensemblearbeit, so dass man sehr stark zusammen kommt. Alles ist sehr offen, man muss sich auf den Proben also erst einmal finden. Andererseits gibt so eine Textfassung eine gewisse Setzung – und ich versuche gerade dahinterzukommen, was die Fantasie ist, was da vorbereitet wurde. Daniela hat eine sehr intuitive Herangehensweise und das ist etwas, das mir sehr liegt.

MM: Wie kommt man vom Staatstheater Weimar ans Landestheater St. Pölten?

Schmidt: Ich bin ja „gelernter Österreicher“. Ich war in Graz an der Schauspielschule, hatte in Graz auch mein Anfängerengagement. Daniela hat mich gefragt, ich war frei und nun ist es sehr schön, als Gast wieder hier zu sein.

MM: Erzählen Sie etwas über Ihre Figuren: Hedvig kann vom Sensibelchen bis zum Trotzkopf alles sein …

Weidenmüller: Ich habe mir vor den Proben nichts vorgenommen, wie Hedvig sein soll. Der Spaß ist ja, das in den Proben rauszufinden. Und jedes Mal hoffe ich, dass es mir bis zur Premiere gelingt, es rauszufinden. Was Hedvig, glaube ich, nicht ist, ist „ein Kind“. Ich muss nicht 14 spielen. Wichtig ist viel mehr, was Hedig an Zerwürfnissen mitkriegt, die in der Familie, die sie so sehr liebt, geschehen. Das entwickelt man auf den Proben im Zusammenspiel. Mein Prozess ist gerade, die Langfassung, die ich kenne, beiseite zu lassen, und jetzt die Freiräume der Strichfassung zu nutzen. Zu gucken, was könnte zwischen den Zeilen noch sein – außer dem Trotzkopf oder dem Sensibelchen. Schublade auf, Schublade zu, das will ich nicht. Daniela Kranz hat die szenischen Vorgänge gestrichen, wir stehen im leeren Raum, da bin ich auch noch dabei, mich darin zurecht zu finden.

Schmidt: Mit der Hjalmar ist es merkwürdig. Hjalmar funktioniert als gebrochener Held, der sich an einer zu großen Aufgabe abarbeiten muss. Meine Suche ist gerade, ob es etwas gibt, wo er sich überhaupt verändert. Wie lange kann man diese Verdränung, die Hjalmar lebt, aufrecht erhalten? Da ändert sich nichts. Die Reise, die er macht, ist gar nicht so gewaltig. Das ist der Punkt, über den ich gerade nachdenke – und noch nicht weiß, wo er mich hinführt. Hjalmar ist eine seltsam profillose Figur.

MM: Aber er ist doch derjenige, dessen Kartenhaus in sich zusammenfällt? Der Verarschte?

Schmidt: Und als wäre das nicht passiert, macht er immer weiter. Er hat kein neues Instrumentarium, das ihm zur Verfügung steht, er hat keine Erkenntnis, er zieht keine Lehre. Der Grundkonflikt des Stücks, dass man bestimmte Wahrheiten einfach nicht sehen will, wird von Hjalmar bis zum Schluß aufrecht erhalten.

Weidenmüller: Und Hedvig ist die einzige, die auf eine komisch verquere Art, Gregers Worte ernst nimmt – Aussagen, die er selber nicht einhält. Sie sucht nach Handlungsoptionen. Das ist etwas, was es bei anderen Dramatikern nicht gibt, weil sie die von ihnen geschaffenen „Kinder“ nicht für voll nehmen. Dieses Sich-dazu-Verhalten-müssen, dieses aktiv Werden, nicht nur die Reagierende zu sein, das ist für mich spannend.

Schmidt: Es ist beunruhigend, wie Ibsen die vermeintliche Sicherheit immer wieder zerstört. Aus der Zuschauerperspektive möchte man vielleicht schreien: Achtung, da kommt das Krokodil. Die Figuren erkennen das Offensichtliche, wenn überhaupt, erst sehr viel später. Nicht nur mit Hjalmar, auch mit den anderen Figuren wird so umgesprungen. Ibsen macht die Verstrickung von privaten und gesellschaftlichen Vorgängen bewusst: Der reiche Werle, der sich’s dreht und wendet, wie er’s braucht, die ihm ausgelieferten Ekdals und Werles Sohn Gregers als Rächer. Drei Generationen arbeiten sich aneinander ab. Und das alles vor Sigmund Freud. Es gibt keine einfachen Lösungen. Man kann sich nicht auf eine Seite schlagen.

MM: Und Gina? Die Puppe des großen Marionettenspielers Werle?

Drassl: Ich gehe davon aus, dass das, was sie sagt, für sie im Moment stimmt. Das betrifft alle Figuren im Stück: Sie haben die eigenen Wahrheiten, stülpen die auf andere über; es gibt das Verlangen eines einzelnen, eine Gesamtwahrheit auszusprechen. Ich glaube nicht, dass Gina eine Puppe ist. Sie hat in ihrem Leben Entscheidungen gefällt. Inwieweit sie immer noch hinter diesen steht, das ist spannend zu hinterfragen. Welche Sehnsüchte, Ängste, welches Nichtwissen gibt es? Ängste jemanden zu halten, zu verlieren – sich damit auseinanderzusetzen ist das Tolle. Für jede Figur. Und für mich für meine natürlich im Besonderen.

MM: Die Ekdals haben sich in einer Komfortzone eingerichtet. Das gibt es in jeder Familie, Dinge über die man schweigt, um keinen Konflikt heraufzubeschwören. Dann kommt Gregers und bricht das auf …

Drassl: Weil er die Dinge von außen betrachtet. Die Ekdals „beachten“ die Dinge, die unter der Oberfläche schwelen gar nicht mehr. Jetzt kommt Gregers und setzt den Nagel irgendwo an, das wirbelt die Ekdals durcheinander, sonst hätten sie in irgendeiner Form so weitergelebt.

MM: Daraus lernen wir: Die Wahrheit zu sagen, zerstört das Leben anderer?

Drassl, Weidenmüller, Schmidt: Nein.

Drassl: Das finde ich gar nicht. Man muss schauen, welche Beweggründe Gregers hat, zu tun, was er tut. Ich glaube nicht, dass es per se schlimm ist, jemanden auf etwas aufmerksam zu machen, zu sagen: Ich sehe das so und so. Relling betrachtet die Ekdals ja auch von außen, will aber nicht eingreifen, nichts ändern. Mit Gregers kommt das totale Gegenteil dazu.

Schmidt: Gregers und Relling sind ja in die Geschichte genau so verstrickt, wie die Ekdals und versuchen, zu therapieren, obwohl sie keine professionellen Psychologen sind …

MM: Wo ist Ihre Schmerzgrenze, Wahrheit nicht erfahren zu wollen?

Drassl: Das ist eine gute Frage. Es gibt unterschiedliche Grenzen in unterschiedlichen Situationen. Deshalb weiß ich es nicht ganz genau. Daniela hat heute von ihrem Bruder erzählt, der als Kind bei einer Einladung übers Essen sagte: Es war nicht gut. Ob ich das so könnte, die Wahrheit sagen? Ob ich nicht aus Höflichkeit sagen würde: Es hat wunderbar geschmeckt. Um mir im Nachhinein zu Denken, es war nicht so toll. Ich weiß es nicht.

Weidenmüller: Es kommt auch darauf an, wie einem jemand etwas sagt. Ob einem jemand seinen Standpunkt mitteilt und gut ist’s. Oder ob es sich einer, wie Gregers, zur Aufgabe gemacht hat, über andere zu richten.

MM: Ich habe noch nie stark, wie bei dieser Fassung, empfunden, dass Gregers die ganze Sache aus Rache gegen seinen Vater anzündet.

Schmidt: Mir geht es mit der Fassung genau so. Das wird eine sehr private Geschichte. Im Gesellschaftspanorama des ersten Aktes funktionieren die Figuren wie etwa die Kammerherren eher schablonenhaft. Diese Ebene haben Daniela Kranz und die Dramaturgin Constanze Kargl gestrichen. So muss der Zuschauer den gesellschaftlichen Hintergrund dieser Familiengeschichte selbst für sich zusammensetzen. Die Ekdals sind eine Mittelstandsfamilie, die Verteilungskämpfe werden härter. Es gibt jemanden, an dessen Tropf man hängt. Ich finde das sehr heutig. Deshalb wird Ibsen gerade so viel gespielt, vor allem natürlich „John Gabriel Borkman“. Die Identifikationsfigur mag für den einzelnen Zuschauer unterschiedlich sein, man wird hoffentlich auch hin und her gerissen. Das empfinde ich als große Qualität.

Weidenmüller: Die Geschichte hat etwas Zeitloses. Der Zerfall der Familie, das ist etwas Grundsätzliches, das berührt einen heute genau so wie 1884.

MM: Ihren war wichtig, auch im Gespräch als Familie aufzutreten. Warum?

Drassl: Mir war das sehr wichtig. Das ist ein totales Ensemblestück. Und ich lerne jetzt an diesem Gespräch viel darüber, was meine Kollegen über das Stück, ihre Rollen denken. In diesem Fall sind Sie die Außenstehende, die uns Impulse liefert, die uns eine Situation bietet, in der wir zusammen weiter kommen können. Es gibt so viele Sichtweisen auf dieses Stück, deshalb fand ich es wichtig, dass in der Diskussion hier auch mehrere Standpunkte Platz haben. Ich hoffe, dass das unsere Arbeit positiv beeinflusst.

Schmidt: Ich fürchte mich, offen gestanden, immer ein bisschen vor diesen Terminen, weil es so schwierig ist, zu verbalisieren, in welchem Stadium der eigene Findungsprozess gerade ist. Ich bewundere Kollegen, die das sehr gut machen. Andererseits sind Interviews immer eine Gelegenheit, sich diese Vorgänge mal klar zu machen. Ich habe schon erlebt, dass man bei diesen Matineen, Publikumsgesprächen vor Premieren plötzlich hört, was Regie und Dramaturgie denken. Und man denkt: Ach so, ja hätte ich das vor drei, vier Wochen gewusst … Beim Reden hört sich manches oft anders an. Also, wenn ich jetzt Erkenntnisse habe, werde ich die morgen auf der Probe gleich umsetzen.

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Wien, 27. 11. 2013