Volkstheater: Rojava

März 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Wille steht fürs Auftragswerk

Muss er schießen, fällt Michael in Ohnmacht: Mona Matbou Riahi, Isabella Knöll, Rina Kaçinari, Peter Fasching, Golnar Shahyar und Maria Petrova. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein politisches Manifest macht nicht unbedingt den besten Theaterabend; wie immer ehrlich und ehrenwert die Angelegenheit auch gemeint sein mag, sie kann durchaus ins Auge gehen. So geschehen nun am Volkstheater bei der Uraufführung von „Rojava“, einem, man muss es tatsächlich sagen, nur mittelmäßigen Text von Autor Ibrahim Amir, zu dem Regisseur Sandy Lopičić offenbar keinen rechten Zugang gefunden hat.

Wiewohl das von Volkstheater-Direktorin Anna Badora beauftragte Stück auf eine schwarze Märchenpädagogik setzt, ist das Märchenhafteste am Ganzen die Musik, die Lopičić gemeinsam mit Golnar Shahyar und Imre Lichtenberger Bozoki erdacht hat, und nun von einem Mini-Orkestar live performen lässt. Die Damen Golnar Shahyar, Rina Kaçinari, Mona Matbou Riahi und Maria Petrova (selbstverständlich auch Imre Lichtenberger Bozoki) sind denn auch Teil seiner Inszenierung, als Soldatinnen jener Frauenverteidigungseinheiten, die entscheidend zum Gelingen der gesellschaftlichen Revolution in Rojava beitragen wollen. Heißt: in der Demokratischen Föderation Nordsyrien, einem de facto autonomen Gebiet entlang der türkischen Grenze.

Bewohnt von Kurden, Turkmenen, Arabern und Assyrern-Aramäern, die sich die Gleichberechtigung von Frauen, Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe auf die Fahnen geheftet, mit ihrem Verständnis von Menschenrechten laut Human Rights Watch allerdings noch zu kämpfen haben. Dass die Türkei die Existenz Rojavas ablehnt und im Jänner 2018 den Kanton Afrin militärisch eroberte, hat die Situation extrem verschlimmert; sollten sich die USA realiter aus Syrien zurückziehen, wird sie in dieser Politutopie, eingekeilt zwischen Erdoğan-Land, IS und Assad-Regime, noch prekärer werden. Amirs Eltern, er selber seit 2002 in Österreich, leben nach wie vor in Afrin. Im Programmheft-Interview spricht er über die antikurdischen Maßnahmen der Besatzungsmacht Türkei, die Sorge um Vater und Mutter und sein persönliches Dilemma nicht vor Ort aktiv zu sein. Soweit der selbsttherapeutische Background.

In Wien – Michaels Mutter Ursula stellt Flüchtling Alan zur Rede: Luka Vlatković und Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In Rojava – Der blinde Kaua zeigt, wie die Kurden im Glück und im Unglück tanzen: Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die Amir in seinem Stück erzählt, ist die zweier Männer. Der Wiener Michael, und nicht zufällig wurde wohl der Name des Satanbezwingers gewählt, bricht auf nach Rojava, um sich der Befreiungsbewegung anzuschließen. Kaum angekommen, lernt er den Kurden Alan kennen, der nichts als weg will aus dem Krieg. Schon steht der europäische Idealist gegen den illusionsbefreiten Einheimischen, den keine Ideologie mehr halten kann. Alan gelingt es, Michael dessen Reisepass abzuschwatzen – und so macht sich der auf nach Wien.

Im stimmigen Setting von Ausstatterin Vibeke Andersen, durchs Drehen der Bühne zugleich Kriegsschauplatz, Märtyrergedenkstätte und Wiener Wohnung, und unter Verwendung der eindrücklichen Comicbilder von Zerocalcare aus dessen Graphic Novel „Kobane Calling“, versucht Lopičić sein Wiener Regiedebüt zu stemmen. Allein, Amirs Vorlage leidet nicht nur an einem beinahe lachhaften Pathos, ausgerechnet er, der sonst seine Stücke so gekonnt mit bitterbösem Witz durchsetzt, hat diesmal ganz aufs Scharfzüngige verzichtet, sondern auch an mangelnder Charakterzeichnung. Fast sämtliche Figuren sind ihm flach geraten, kaum ein Beweggrund noch eine Begegnung wird näher beleuchtet, doch scheint das Thema zu wichtig, um nur, wie’s hier geschieht, im schnellen Szenenwechsel hurtig drüberzufahren. Amir will viel. Will über Missverständnisse und Mentalitäten philosophieren, über die seelischen Konflikte der aus dem Krieg Weg- und der nie Hingegangenen, will darüber berichten, wie Sympathien in falschen Vorstellungen fußen, will mitten in der Schlacht über die Liebe, eine davon sogar eine lesbische, sinnieren – und darüber, wofür es sich zu sterben lohnt.

In Summe erinnert das alles ein wenig an „Wem die Stunde schlägt“, nicht der spröd-elegante Hemingway, sondern die sentimentalisierte Version von Melodram-Mann Sam Wood. Die Darsteller mühen sich an ihren Rollen mit unterschiedlicher Fortune. Am nachvollziehbarsten gestaltet Sebastian Pass Alans Cousin, den blinden Kaua, ein geistreicher Zyniker, der es sich zum Sport gemacht hat, die diversen abgefeuerten Schusswaffen an ihrem Sound zu erkennen. Peter Fasching spielt den Revolutionsromantiker Michael, der sich an der Front als völlig untauglich erweist, fällt er doch schon bei den Schießübungen in Ohnmacht. Dass er im Tarnüberzug auf dem Rücken statt eines Maschinengewehrs seine Gitarre trägt, ist ein gelungener Einfall dazu.

Michael zwischen zwei Frauen: Peter Fasching mit Golnar Shahyar als Wienerin Derya … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und mit Freiheitskämpferin Hevin: Isabella Knöll und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Luka Vlatković bleibt als Alan blass, was daran liegen mag, dass er kaum zu Wort kommt, dafür ständig von den anderen abgekanzelt wird. Erst in Rojava von Michael, der ihm bescheinigt, in Europa als Dritter-Klasse-Mensch behandelt zu werden, dies die stärkste Szene im Stück, später von Michaels Mutter, Claudia Sabitzer als Ursula (und auch als militärische Befehlshaberin Fidan), die ihm Feigheit vor dem Feind vorwirft, während ihr Sohn womöglich gerade sein Leben für Alans Sache opfert. Dessen Argument, es sei seine Sache nicht, im Kugelhagel zu krepieren, folgt sie natürlich nicht …

Isabella Kröll sucht als martialische Kommandantin Hevin das Mädchen in sich, das sich Michael hingeben könnte, muss ihn aber zurückstoßen, um den Schutz der emanzipatorischen Truppe nicht zu verlieren. Dass Märchen nicht gut ausgehen müssen, erlebt nach zwei Stunden zwanzig nur ein Teil des ursprünglichen Publikums, haben doch in der Pause nicht wenige Zuschauer den Heimweg angetreten. Was die Frage aufwirft, wie sehr Amirs „Rojava“ in Zeiten, da Europa ganz gegenteilig die Rückkehr abgehalfterter IS-Kämpferinnen und -Kämpfer hiesiger Staatsbürgerschaften ablehnend diskutiert,

und sich in Österreich im Fall Samra und Sabina offenbar gerade Außenamt gegen Innenministerium stellt, einen Nerv treffen kann. Soll als letzter Satz über Amirs Stückkonstruktion hier wie folgt stehen: Der gute Wille steht fürs Auftragswerk.

www.volkstheater.at

1. 3. 2019

Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali: Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran

Juni 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie aus Isaak der Ismail des Koran wurde

Bis hin zu Leonard Cohen, dem die „Story of Isaac“ einen Welthit wert war, ist die Geschichte bekannt: Ein Vater beugt sich über seinen wehrlosen Sohn, ein Messer blitzt in seiner Hand, da wird ihm im letzten Moment befohlen, statt des Kindes einen Widder zu opfern. Abraham, Stammvater aller drei nach ihm benannten abrahamitischen Religionen, ist eine von neun Figuren, die die sprachmächtige Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff und der irakisch-deutsche Autor Najem Wali ausgewählt haben, um deren Bedeutung in Bibel und Koran zu vergleichen.

Im überaus lesenswerten Sachbuch erfährt man nicht nur, warum im Christentum manche glauben, ein teuflischer Demiurg hätte Abraham zur Bluttat verführen wollen, sondern auch, warum im Islam der Vater der Propheten, der „Gesandte mit festem Willen“, seinen Erstgeborenen Ismail ­– zumindest wird er von den meisten muslimischen Kommentatoren als solcher identifiziert – hingeben sollte. Die beiden Autoren gehen aus ihrer je eigenen Sicht den Quellen nach, temperamentvoll, engagiert, auch augenzwinkernd.

Mit dem geplagten Hiob fragen sie nach der göttlichen Gerechtigkeit, mit Jona, dem ängstlichen Wal-Reisenden, nach Mut und Toleranz, so berühren sie mit ihrem Dialog zwischen zwei Weltreligionen die Krisenthemen zur Zeit. Dass im Koran Hiobs/Ayyūbs Frau Gott um Heilung des Gatten bat, und von diesem deshalb mit 100 Peitschenhieben bestraft werden sollte, ist nur eine der neuen Erkenntnisse, die man gewinnt. Gott wandelt die Strafe in einen Schlag mit einer Handvoll Gräser um: „Damit ist dein Schwur erfüllt, und du hast deiner Frau, die geduldig mit dir ausharrt und nur das Beste verdient hat, kein Leid zugefügt.“ – „Seltsam nur, dass es in einem streng islamischen Land wie Saudi-Arabien bei politischen Oppositionellen wie dem Aktivisten Raif Badawi keine Schonung vor Peitschenhieben gibt“, kommentiert Najem Wali.

Zu lesen ist, dass Maria/Maryam die komplette Sure 19 gewidmet ist, oder, dass im Koran Adam die Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies hat; nur die Volksmeinung übernimmt die Geschichte mit der Schlange und dem Apfel. In der westlichen Welt wiederum wird Eva, die Einschleuserin des Bösen, mit aufkommendem Feminismus zur Heldin der Erhebung aus Gottes Obhut.

Unter all das mischt Lewitscharoff Populärwissenschaftliches. Etwa über Joseph L. Mankiewiczs Film „All About Eve“: „Ein Mann namens Jacob Dean Stockton sah den Film und lebte fortan mit der fixen Idee, Bette Davis sei leibhaftig die wiederauferstandene Eva … Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen … Stockton nahm sich in der Anstalt das Leben. Er erhängte sich mit einem Betttuch, auf das in roter Malkreide geschrieben stand: ,Evil Eve‘.“ Oder über Sören Kierkegaard, dem im Winter 1841, als er „Furcht und Zittern“ schrieb, Gott persönlich erschien: „Er! Allerdings nicht in einem brennenden Kaminfeuer mit Donnerstimme, sondern mit dem zartfeinen Stimmchen einer Maus.“ Mit der der Philosoph dann ausführlich über Abrahams Verhalten diskutierte.

In einem Buch über Glaubensfragen gilt es selbstverständlich auch, die Figur des Teufels/Schaitan zu behandeln. Lewitscharoff und Wali erläutern, wie aus dem „Morgenstern“, dem schönen Erzengel, der Klumpfuß – und heute der schmierige Verführer – werden konnte. Was die beiden allerdings nicht klären können, ist, warum Gott dem Bösen so viel Macht verliehen hat …

Über die Autoren: Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie, nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris, heute lebt. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in einer Werbeagentur. Sie veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Für „Pong“ erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roman „Apostoloff“ wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. „Blumenberg“ (2011) stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien der Band „Vom Guten, Wahren und Schönen“, der die 2011 in Frankfurt und in Zürich gehaltenen Poetikvorlesungen versammelt. Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste.

Najem Wali, geboren 1956 im irakischen Basra, flüchtete 1980, nach dem Ausbruch des Iran-Irak-Krieges, nach Deutschland. An der Universität Hamburg studierte er Germanistik, in Madrid spanische Literatur. Heute lebt er als Autor und Journalist in Berlin. Er war lange Zeit Korrespondent der arabischen Tageszeitung Al Hayat und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel und Die Zeit.

Suhrkamp Verlag, Sibylle Lewitscharoff, Najem Wali: „Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran “, Sachbuch, 309 Seiten. Die von Najem Wali verfassten Kapitel wurden von Christine Battermann aus dem Arabischen übersetzt.

www.suhrkamp.de

12. 6. 2018

Werk X: Homohalal

Januar 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Swimmingpool die Phrasen verdreschen

Die feuchtfröhliche Trauerfeier der ehemaligen Votivkirchenbesetzer: Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Es lässt sich wirklich nicht (mehr) sagen. Was war die Aufregung? Gut, das Ganze hat sich auf dem Weg Wien – Uraufführung in Dresden – Wien vom Workshop- zum Theatertext geschliffen, dazu nun die fabelhafte Inszenierung, die die Komik der Situation unterfüttert und sich auch vor Slapstick nicht scheut. Man kann das spielen, heißt das, man kann das zeigen, heißt: dieser Tage auch Zivilcourage zeigen …

Ibrahim Amirs für diese Stadt so notwendige „Homohalal“ ist mit Verspätung endlich daheim angekommen. Das Werk X griff beherzt zu, nachdem das Volkstheater vor knapp zwei Jahren mit der Begründung, für den derzeit „stark von Angst und Hass geprägten“ „Ausländer“-Diskurs sei das Stück ungeeignet, den Rückzieher machte. Ali M. Abdullah hat mit dem ihm eigenen Sinn für Hintersinn inszeniert.

Und was zu sehen ist, ist eine bissige, bitterböse Komödie, zwar rotzfrech und alle Tabus brechend, aber doch so, dass gerade die wohlgesinnt an einer Gesellschaft Beteiligten vom Autor ihre Schelte abbekommen. Die linken, im Text so genannten „Wohlstandsgelangweilten“ wie die unterstellt ehemaligen „Ziegentreiber“, all die ach so liberal sich denkenden Vorbildmenschen mit und ohne Migrationshintergrund. Das weltanschaulich entsprechend in Einvernehmen stehende Premierenpublikum jauchzte vor Freude und applaudierte am Ende begeistert.

Renato Uz stellt einen Swimmingpool auf die Spielfläche, rund um den die Figuren ihre Phrasen erst (ver-)dreschen können, bevor sie mit ihnen untergehen. Ausgangspunkt von „Homohalal“ ist eine Trauerfeier für einen früheren Mitaktivisten, trifft sich am Rand des Bassins doch der harte Kern der Votivkirchenbesetzer vom Winter 2012. Das Jahr ist nun 2037, und wenn man Amir etwas vorwerfen kann, dann, dass er die Utopie in die Zuschauerköpfe pflanzen will, Österreich wäre bis dahin zum mitmenschlich freundlichen Miteinander-Staat gereift. Davor allerdings muss noch Entsetzliches passiert sein: „2022 brennende Muslime auf den Straßen von Traiskirchen und Kärnten“.

Die Party läuft …: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

… und eskaliert: Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

Dass einen solch plakative Sätze anbrüllen, ist Amirs in der Sache zwingende Art. Dezent-subtil ist hier nichts, auch die Inszenierung haut voll rein, die Trauerfeier der gelungen Integrierten und ihrer Helfer eskaliert mehr und mehr, als längst überwunden geglaubte Ressentiments und die landläufigen Vorurteile aufbrechen. Die Charaktere werden von ihrer Vergangenheit bewältigt, man reibt sich an Schuld und Sühne. Da war eine Abschiebung ins sogenannte sichere Herkunftsland, da war Folter wegen einer Nicht-Eheschließung, da war ein brennender Neonazi, und Auffanglager und Gefängnisse.

Ein Extempore über die türkisblaue Regierung, deren siegbringendes Thema und ihre Empörungsbewirtschaftung fehlt an dieser Stelle nicht. Immer wieder steigen die Schauspieler aus dem Stück aus, doch der Streit um Recht und unrecht handeln geht weiter. Das Politische wird wieder einmal privat.

Der tatsächlich kontrovers zu deutende Schlussmonolog über die Angst um und den Schutz für die mühsam aufgebaute neue Welt blieb der Wiener Fassung II mutig erhalten. Integration, sagt Amir, kann so weit gehen, dass man faschistisches Gedankengut für sich neu formuliert, die Angekommenen wollen keine Neuankömmlinge, und er zerlegt dabei die idealisierenden Klischees ebenso genüsslich wie die kriminalisierenden. Man muss nur oft genug links abbiegen, um nach rechts zu kommen, heißt es ja, und „Da stehen noch tausende von Abduls vor unseren Türen. Und die klopfen. Und wie sie klopfen“, heißt es da. Und am Ende: „Freiheit ist Sicherheit. Sicherheit ist Freiheit. Da gibt’s keine Kompromisse … Einer muss die Tür zuhalten.“

Abdul ist der mutmaßlich zu Tode gekommene Aktivist, der Radikale in der Truppe, Arthur Werner spielt ihn, ebenso wie den scheinbar vollauf assimilierten Said, der aber doch zum Berserker wird, als er erfährt, dass sein Sohn Jamal schwul ist. Christoph Griesser macht das herrlich mit Sprachfehler, und auch den Fundi-Bruder Jussuf. Constanze Passin ist Abduls Ex und Idealistin Albertina, Stephanie K. Schreiter Saids Frau Ghazala, erstere vor Verständnis für Flüchtlinge im Wortsinn triefend, zweitere auf dem Standpunkt, man habe sich, in Österreich angekommen, alles selbst erwirtschaftet. Daniel Wagner gibt das angepasste Partytier Umar, und den Vogel abschießt Yodit Tarikwa als Imamin Barbara, deren „positiver Rassismus“ darin endet, dass das „Allahu Akbar“ schließlich als Gospelsong intoniert wird. Amir hat in seinem Bühnenbiotop alle Tierchen ge(kenn)zeichnet.

Said will keinen schwulen Sohn: Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Für derlei Groteske geht Ali. M. Abdullah ein hohes Tempo, die Pointen und das Timing sitzen, und was die Wasserspiele betrifft, na, da schont sich wirklich keiner. Auch das Publikum kriegt seinen Teil Nässe ab. Johnny Mhanna, ein syrischer Schauspieler, agiert als er selbst. Er habe schon x-mal vor Zuschauern seine Fluchtgeschichte erzählt, sagt er, und er sei beruflich quasi ausgebucht, weil derzeit jedes Wiener Theater für ein Flüchtlingsstück einen Quotenflüchtlingsschauspieler brauche. Auch für „Homohalal“ wäre er schon zum zweiten Mal angefragt worden. Was Johnny Mhanna stattdessen will, ist, endlich der Hamlet sein, oder auch eine Medea. Und das sind an diesem beklemmend ernsthaften Riesenspaß die berührenden Momente …

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27960

werk-x.at/

  1. 1. 2018

Werk X: Ali M. Abdullah im Gespräch über „Homohalal“

Januar 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert die Groteske von Ibrahim Amir

Die Votivkirchenbesetzung ist der Ausgangspunkt für „Homohalal“: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

Heute Abend hat im Werk X Ibrahim Amirs Stück „Homohalal“ Premiere. Ausgangspunkt des Textes ist die international berühmt gewordene Votivkirchenbesetzung. Jahrzehnte später treffen Aktivisten und Betroffene wieder aufeinander – und alte Konflikte brechen neu auf. Dass dabei keine Seite wirklich gut wegkommt, ist bei Amirs Schreiben systemimmanent …

Im Februar 2016 erst nahm das Volkstheater die Uraufführung von „Homohalal“ wieder aus dem Spielplan, weil man die Groteske für „kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung über die Zukunft schutzsuchender Menschen in Österreich“ hielt. Die Gerüchteküche brodelte – und kühlte wieder ab. Nun machte sich Regisseur Ali M. Abdullah, der gemeinsam mit Harald Posch das Werk X leitet, mit einer neuen Fassung an die Arbeit. Ein Gespräch:

MM: Nachdem das Volkstheater aufgegeben hatte, wie kam es zu der Idee „Homohalal“ im Werk X zu machen?

Ali M. Abdullah: Die Werke des Ibrahim Amir haben mich immer schon interessiert., „Habe die Ehre“ zum Beispiel fand ich total spannend. Deswegen ist es klar, dass ich den Autor verfolgt habe. Ich habe dann gehört „Homohalal“ sei umstritten, mehr möchte ich jetzt nicht dazu sagen, und da hat mich natürlich interessiert, was denn so umstritten sei. Das war ja wie bei einem verbotenen Roman, die Gerüchteküche brodelte, was wirklich war, wusste aber keiner, doch in der Zeitung stand, man möchte das Thema nicht so präsentieren, wie Ibrahim es geschrieben hat. Ich habe Kontakt mit ihm aufgenommen, er war aber über die Wien-Geschichte nicht so erfreut, und brachte das Stück in Dresden heraus.

MM: Daher gibt es eine vollkommen neue Fassung.

Abdullah: Für Dresden geschrieben, viel neu erarbeitet – und es ist ein ganz anderes Stück geworden. Er hat das wirklich auf Dresden, Zitat: „die toleranteste Stadt Deutschlands“, angepasst, mit AfD- und Pegida-Zitaten. Das war ein toller Erfolg, und damit hat er sich als internationaler Autor positioniert. Wir machen nun aus der Dresdner eine neue Wiener Fassung, was so viel heißt, als dass wir versuchen ein Konzentrat aus beidem zu machen. Die erste Wiener Fassung entstand ja aus einem Workshop mit Tina Leisch und Natalie Assmann und 25 wirklich gerade Geflüchteten, zumeist aus Syrien, Pakistan und Afghanistan stammenden Männern, notiert in den unterschiedlichsten Sprachen. Das hätte man als Regisseur und Dramaturgie fürs Volkstheater überarbeiten können …

MM: Was nun am Werk X geschieht?

Abdullah: Das ist ja klar. Wir arbeiten nicht seit gestern mit Texten, die nicht fertige Theatertexte sind, wie Romane und so. Es ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen. „Homohalal“ ist ein ganz wichtiges Werk für Wien, wo so etwas wie die Besetzung der Votivkirche passiert ist. Das ist nicht nur national ein großes Ding gewesen, sondern auch international, dass Menschen aus einer Fluchtsituation kommend plötzlich in einem fremden Land ihre Menschenrechte eingefordert haben. Ich glaube, das ist einzigartig in dieser Größenordnung.

MM: Das ist ja auch der Ausgangspunkt der Geschichte.

Abdullah: Ja, wird haben auch einen Darsteller dabei, der, wie er selber sagt, Fluchterfahrung hat. Er kommt genau aus dem Zusammenhang. Bei der letzten Probe erst hat er wieder gesagt, dieses Stück ist das erste Mal, dass diese Menschen eine Stimme bekommen.

MM: Seit der Votivkirchen-Besetzung ist das politische Klima kälter geworden. Die vorformulierte Angst war, man wolle mit „Homohalal“ die Ausländerfeindlichkeit nicht weiter schüren. Diese haben Sie nicht? Kann sich das Werk X diesbezüglich auf sein Publikum verlassen?

Abdullah: Der Zuschauer denkt sich, was er will. Natürlich sind der Autor und der Regisseur bemüht, eine stringente oder aufklärerische Haltung zu haben, aber sicher sind wir uns da nie. Ich habe 1991 ein Stück über Neo-Nazis gemacht, von einem ultralinken Autor, und es sind Neo-Nazis drinnen gesessen und fanden’s großartig. Das kann immer passieren. Ich denke aber, dass wir einiges Aktuelles eingebaut haben, so dass der Zuschauer die Idee kapiert, wenn er denn will. Wichtig ist, dass er sich mit dem Thema beschäftigt, und in einer Tiefe, wie es das Stück auch tut. Mit einer Utopie, wie es das Stück auch tut. Ich hoffe, dass wir es so rüberbringen, dass man erkennt, wo es hinführt, nämlich, dass nichts Schwarzweiß ist. Das Stück spielt im Jahr 2037, das heißt, wir reden von einer Zukunft, die vielleicht so oder so aussieht.

MM: Der Ausgangspunkt ist eine Trauerfeier, bei der Votivkirchenaktivisten aller möglichen Herkünfte noch einmal zusammenkommen …

Abdullah: Genau. Das war die Ursprungsidee der Wiener Fassung: Ehemalige Asylwerber sind eingebürgert, haben die Staatsbürgerschaft, sind in der Gesellschaft angekommen, haben die Werte angenommen, sind integriert oder assimiliert – und plötzlich sagt der 18-jährige Sohn, er sei schwul. Und los geht der Wertediskurs. Das haben wir ganz stark mitgenommen, das ist das Zentrale. Dazu kommt eine Bewertung der politischen Situation jetzt. Das Stück ist eine Komödie, aber diese Komödie ist nicht gleich Komödie. Ibrahim Amir arbeitet auf drei Ebenen, der komödiantischen, einer tagespolitisch agitativen, die tief und ernsthaft ist, und der des dokumentarischen Theaters. Dokumentarisch in dem Sinne, dass jemand an dem Abend seine wahre Geschichte erzählt. Deswegen ist die Komödie Transportmittel für die Beschäftigung mit einer Jetztzeit, einer Zukunft und einer politischen Haltung.

MM: Im Stück sagt die Figur Rouni, er wäre der Quotenflüchtling in dem Ganzen. Braucht man heute auf dem Spielplan ein Quotenflüchtlingsstück?

Abdullah: In meiner Betrachtungsweise sind wir schon darüber hinaus. Als wir in die praktische Arbeitsweise gegangen sind, haben wir aber gesagt, das Publikum vielleicht noch nicht. Wir müssen einen Schritt nach dem anderen nehmen, und so haben wir den Schauspieler mit Fluchterfahrung dabei, und es ist gut so. Er spielt den Rouni, und dieser Rouni will den Hamlet spielen, nicht der Flüchtling sein, und das ist gut so, das muss erzählt werden, das ist gesellschaftspolitisch wichtig.

Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

MM: Apropos, gesellschaftspolitisch. Zuletzt war im Haus das Münchner Residenztheater zu Gast. Da wurde im Foyer die Bandiera rossa gesungen. Wie positioniert sich das Werk X? Als linkes Widerstandsnest?

Abdullah: Unsere Haltung ist klar, unsere Ansichten sind über die Jahre, die wir hier Theater machen, klar. Wir machen Theater mit Themen und Texten, von denen wir glauben, dass sie gesagt werden müssen. Wenn man das so bezeichnet, dann, ja, nehme ich das so an. Aber letzten Endes geht es nicht um einen äußerlichen, agitativen Charakter, da könnten wir unser Geld für etwas anderes ausgeben, sondern es geht tatsächlich um Kunst und darum, gute, spannende Aufführungen zu machen – die natürlich einen politischen Impetus haben sollten, denn sonst wären sie kein Beitrag zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung von Hier und Jetzt. Natürlich bietet sich die aktuelle politische Situation an, wir lesen jeden Tag auf der Probe die Zeitung, tauschen uns aus über den neuesten Spruch der Regierung … Das gehört mit dazu zu einem zeitgenössischen Künstler, dass er sich damit auseinandersetzt, und dass das in die Kunst mit einfließt.

MM: Das bringt mich zurück zur Wiener Fassung II. In der Dresdner Fassung werden Frauke Petri und Lutz Baumann konkret angesprochen. Wird es so etwas auch geben? …

Abdullah: Es wird in Wien verankert, samt Querverweisen zur österreichischen und Wiener Politik. Wir werden sehen, wer aller vorkommt.

MM: … und die andere Frage? In der Dresdner Fassung steht eine der Figuren plötzlich mit einem Benzinkanister in der Hand da. Bedeutet das in Wien etwas anderes als im Osten Deutschlands, wo Asylantenheime brannten?

Abdullah: Ja, aber wenn die Figur sagt, erinnert ihr euch noch an 2022 als die Muslime brannten, dann ist das in Dresden und in Wien genauso vorstellbar. Ein paar Querverweise anderer Natur gibt es, die sich nicht auf die AfD, sondern auf andere, einheimische politische Gruppierungen beziehen, und schon bist du hier.

MM: Im Zuge der angesprochenen Trauerfeier brechen die alten Vorurteile, die man überwunden glaubte, zwischen den Betroffenen wieder auf. Wie kann man Vorurteilen begegnen? Mit Humanismus? Glauben Sie an Humanismus?

Abdullah: Privat und persönlich ja. Die Kunst hat einen anderen Auftrag, den ich so empfinde, dass ich aufzeige, was gerade gesellschaftspolitisch passiert, mit einer Art Analyse einen verdichteten theatralen Anstoß gebe, der einen Zuschauer zum Nachdenken bringt. Da geht es darum, sich zu fragen, mit welchen Mitteln man das machen möchte. Ob man unbedingt provozieren muss, oder ob man das mit leisen Tönen hinkriegt. Aber im Prinzip geht es darum aufzurütteln. Dafür ist „Homohalal“ gerade richtig: explosiv, grell, aufrüttelnd – und auch unangenehm. Es wird einem übel, bei den Sachen, die da gesagt werden. Und auch die linke Willkommenskultur und wie die sich falsch verhalten hat, darüber haben wir noch gar nicht gesprochen, geht es ja auch. Man wird sehen, wie man den Zuschauer mit diesem heißen Thema packen kann. Wir werden jedenfalls zu Gesprächen über „Homohalal“ einladen.

MM: Für mich gab es beim Lesen keine Position, keine Figur, mit der ich mich gern identifizieren möchte.

Abdullah: Das geht mir auch so, das ist eigenartig, das funktioniert bei dem Stück nicht. Das ist ein spannender Aspekt, dass man sich fragt, wo bin ich denn hier, hier bin ich ja nirgends.

MM: Themenwechsel: Das Werk X hat für ein Jahr die Wiener Wortstaetten unter seinem Dach aufgenommen. Wie kam es dazu?

Abdullah: Die Wiener Wortstaetten, die an den wichtigsten, nachhaltigsten Autorenprojekten arbeiten, Ibrahim Amir, um es zu sagen, kommt daher, bekommen derzeit keine Subventionen mehr. Sie kriegen von der Theaterjury plötzlich kein Geld mehr. Das ist ein Skandal, wie ich finde, und da wir mit ihnen auch persönlich immer wieder in sehr gutem Kontakt sind, stellen wir für frei Büros zur Verfügung. Um dieses Projekt am Leben zu erhalten. Aber natürlich steht aus, dass die Stadt Wien sagt, auch eine Theaterjury kann einmal einen Fehler machen, und ihr Urteil revidieren.

MM: Man kann die Wiener Wortstaetten ja nicht an stattgehabten Aufführungen messen.

Abdullah: Genau. Die arbeiten sehr viel im Workshopbereich und auch in Tryouts, von denen die Öffentlichkeit nicht so viel mitbekommt. Wenn eine Theaterjury aber nur noch darauf schaut, wieviele Vorstellungen produziert werden, dann ist das der Anfang vom Ende. Es wäre also notwendig, dass eine Revidierung des Urteils stattfindet. Sonst wäre das ein Reputationsschaden für Österreich.

Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

MM: Im Werk X-Eldorado gibt es jetzt eine Kuratorin. Das heißt, in Zeiten, da alle sparen, haben Sie sich einen dritten Kopf auf die Führungsebene geholt?

Abdullah: Das war ein Wunsch der Politik und der Theaterjury. Wir haben prinzipiell gesehen, dass es gut sein könnte, wenn wir zusätzliche Kräfte haben für die Auseinandersetzung mit der freien Szene. Die Stadt Wien wollte mehr, als wir diesbezüglich bislang geboten haben, und hat für dieses Modell plädiert. Es ist mit Cornelia Anhaus sehr gut besetzt, wobei zu sagen ist, dass Harald Posch und ich nicht in der Jury waren, aber wir finden ihre Ernennung großartig. Sie ist eine tolle Persönlichkeit.

MM: Und das Eldorado ist nun ein Gastspielhaus?

Abdullah: In dem wir kooperieren. Es gibt einen eigenen technischen Spielstättenverantwortlichen, es gibt mehr Gelder mit Homepage, Presse, Marketing, und es gibt eine Dramaturgin, die ausschließlich für diesen Ort arbeitet. Das ist die wesentliche Verbesserung. Für eine Koproduktionsstätte im Sinne von Tanzquartier oder brut reicht es für 550.000 Euro nicht. Das ist zu niedrig dotiert.

MM: Konkret heißt das, man stellt sich bei Frau Anhaus mit seinem Projekt vor und bekommt Spieltage zugeteilt?

Abdullah: Genau. Verkürzt ist es das. Voraussetzung ist allerdings, dass man bereits subventioniert ist.

werk-x.at

18. 1. 2018

Volx/Margareten: Heimwärts

Januar 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Vollgas durch die tragikomische Groteske

Unter der Fuchtel des tückisch-türkischen Beamten: Günther Wiederschwinger, Kaspar Locher, Sebastian Pass, Isabella Knöll, Günter Franzmeier, Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Die Geschichte ist so abenteuerlich absurd, dass sie so ähnlich passiert sein muss. Und das ist sie auch. Mit einem Onkel von Autor Ibrahim Amir. Zwei knappe Wochen, bevor im Werk X die vom Volkstheater aufgegebene Wien-Premiere von „Homohalal“ stattfinden wird, zeigt das Haus im Volx/Margareten dessen Stück „Heimwärts“. Darin macht sich eine Gruppe Menschen auf, den todkranken Hussein von Wien zurück nach Aleppo zu bringen.

Mehr als 40 Jahre hat der in Österreich gelebt, ist längst Staatsbürger, doch will er umgeben von seiner Familie in der Heimat beerdigt werden. Allein, Hussein stirbt schon unterwegs. Ausgerechnet in der Transitzone in der Türkei. Und so beginnt ein steiniger Behördenweg um die Ausstellung eines Totenscheins, der die Weiterreise mit der Leiche ermöglicht, um den letzten Wunsch des Onkels zu erfüllen …

Die junge deutschtürkische Regisseurin Pinar Karabulut legt mit dieser Inszenierung ihre erste Arbeit in Österreich vor. Sie überdreht Amirs tragikomische Groteske, dreht am Rad bis zum Anschlag. Alles ist bunt, laut und schrill, das verwischt nicht wenig Amirs Zwischentöne, überplärrt seine melancholische Baseline, mit der er die Begriffe Herkunft, Heimat und die aus beiden resultierende Identität durchdekliniert. Denn diese sind, ja diese bedeuten für alle Figuren im Stück etwas anderes.

Gemäß dem Stefan-Zweig’schen Satz, der Migrant hätte keine neue Heimat gefunden, sondern nur seine alte verloren, fühlen sich Hussein und sein – wie früher auch der Autor Medizin studierender – Neffe Khaled. Es ist einer der traurigsten und poetischsten Sätze, wenn Hussein über Wien und die Wiener sagt: „Ich kam nie dem Gefühl nah, auf Deutsch geliebt zu werden.“

Der die beiden begleitende Arzt Osman wiederum ist gebürtiger Türke und in extremem Zwiespalt zwischen seinen Gefühlen um seine türkische Identität und der Politik in seiner Heimat. Die Krankenschwester Simone ist eine Transgender-Person und definiert ihr Ichbewusstsein über ihr tatsächliches Geschlecht, ein Twist, den das Stück nicht wirklich auch noch gebraucht hätte. Und schließlich sind da ein Hitler gutheißender Grenzer und sein höherer Beamter Bekir, Gastarbeiterkind und Türkeirückkehrer und als solcher nicht ernst genommen und ergo ein besonders radikaler Verfechter des Türkentums …

Selfie mit Leiche: Günter Franzmeier und Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Khaled argumentiert um sein Leben: Günter Franzmeier und Kaspar Locher. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Für dieses Roadmovietheater hat Aleksandra Pavlović einen plüschroten Mix aus zu überwindendem Berg, Bürokratenthron und verwachsenem Auto erdacht, dazu eine Moscheenuhr, auf der die Zeit(en) immer wieder neu zu stellen ist beziehungsweise sind. Die überzeichneten Charaktere agieren mit ebensolcher Mimik und Gestik, so dass mitunter weniger Vollgas mehr gewesen wäre (was auch auf die Kostüme zutrifft).

Einzig Günter Franzmeier bleibt bei sich und macht aus Hussein eine Art Nathan den Weisen II. Dass die Figur nicht versteht, dass sie verstorben ist, sondern sich immer erneut ins Geschehen um sie einmischen will, macht wohl den Reiz der Rolle aus. In Rückblenden erzählt dieser Hussein sein Leben, dabei auch der schönste, einzig stille Moment der Aufführung, als er von seiner flüchtigen Liebe zur Polin Annamaria berichtet, er dem Faschismus Syriens, sie dem Kommunismus entkommen. Eine Liebe ohne Happy End, denn: „Wie sollen gebrochene Menschen in einer gebrochenen Sprache übers Gebrochensein reden?“

Übertitel, auf die das Volkstheater so stolz ist, gab es diesmal keine. So erfährt man in den langen, auf Türkisch gesprochenen Passagen das „Fremdsein“ aus erster Hand. Ein gewollter Effekt und die Ahnung, dass etwas Lustiges abläuft, wenn das kundige Publikum rundum auflacht. Nur manche Szenen werden auf Deutsch wiederholt.

Klar wird die Truppe für Politaktivisten, und da Hussein und Khaled Kurden sind, auch noch für Terroristen gehalten. Kaspar Locher als Khaled und Günther Wiederschwinger als Osman spielen daher die meiste Zeit knapp am Rande des Nervenzusammenbruchs. Isabella Knöll ist als anpassungswillige Simone schön peinlich. Ein Kabinettstück als tückisch-türkische Beamte versuchen Oktay Güneş und Sebastian Pass als Bekir.

Am Ende kommt der Putschversuch gegen Erdogan und mit ihm das Chaos. Ein entwurzelter Toter hält die vaterländische Rede an das Volk und Heimat hat plötzlich mit Ehre, Treue und Glauben zu tun. Und einmal mehr verwundert, dass die, die mit den selben Schlagworten um sich schlagen, jene sind, die sich am wenigsten leiden können …

Isabella Knöll im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27780

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  1. 1. 2017