Ian McEwan: Die Kakerlake

Januar 31, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine kafkaeske Abrechnung mit dem Brexit

„Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.“ So beginnt, nein, nicht die Erzählung mit dem zweitschönsten ersten Satz, sondern Ian McEwans Verwandlung derselben. Des britischen Schriftstellers jüngster Geniestreich „Die Kakerlake“ ist das Buch zur Mitternachtsstunde, eine brillante kafkaeske Abrechnung mit dem Brexit, eine bitterböse Persiflage auf die aktuelle britische Politik – auch wenn der Autor beteuert, jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Kakerlaken wäre rein zufällig.

Während sich McEwans namensvetterischer Protagonist noch vor dem glitschigen Lappen in seinem Mund und der unermesslichen Zähnezahl ekelt, die wenigen Gliedmaßen, das Fehlen seiner Facettenaugen und die groteske Umkehrung Fleisch außen, Skelett innen geklagt, ist der Leser in Gedanken nämlich längst bei Johnson, Farage, Corbin und Co … Eine Küchenschabe hat also ihre Heimat hinter der verrottenden Holztäfelung im Palace of Westminster verlassen, hat die Gefahr pöbelnd über die Bürgersteige trampelnder Protestler nicht gescheut, um, so die

Geheimmission, im Mansardenstübchen 10 Downing Street im Wortsinn in die Haut des Premierministers zu schlüpfen. Gewiss, so denkt Humanoid-Insekt Jim, sei er für den Job nicht schlechter gerüstet als andere, „nach einem kurzen Blick in die Zeitungen allemal“, kennt er doch die „wöchentliche Operette“ der Prime Minister’s Questions und die Kabinettssitzungen vom Zuhören. Und deren Tenor: Krise in Großbritannien, öffentliche Meinung auf dem Tiefststand, überfälliges Misstrauensvotum gegen den Original-Sams, weil dieser zu viele Zugeständnisse an die gegnerische Seite mache, Satz eines bekannten Kolumnisten: „Überparteilichkeit ist in der Politik ein Todesröcheln!“. Ergo heißt Jims neue Stoßrichtung ideologische Kehrtwende – Reversalismus.

„Die Kakerlake“, der schmale Satireband eine famose Fingerübung von Vielschreiber McEwan, ist eine So True Story, eine Tragifarce, die manch englischsprachiger Literaturkritiker allerdings jenseits der Grenze des guten Geschmacks ansiedelte. Vor allem Jim Sams Telefonate mit US-Präsident und Twitter-King Archie Tupper gingen diesen zu weit (als ob Howard Jacobsons „Pussy“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269 – nicht noch weiter gegangen wäre). Vor allem Passagen, wie jene, in der Jim herumdruckst, er habe mal eine persönliche Frage. Hatte Mr. President früher ebenfalls sechs Beine? Schlagartig ist die Leitung tot. Und man ahnt, auch der mächtigste Mann der Welt ist Ungeziefer in Menschengestalt.

Alldieweil muss Jim seine Minister gar nicht auf das neue Wirtschafts- und Gesellschaftssystem einschwören, im Meeting erkennt er sie alle als einen „kleinen Schwarm der besten ihrer Nation, gekommen, um die schwächliche Führungsriege zu erobern und ihr neuen Mumm einzuflößen.“ Eine Blattidae, ein Reich, ein Leader, doch ein Verräter, ein Volksfeind, ein Mensch – Außenminister Benedict St John. Wie der nun, da politischer anno 2020 nicht mehr möglich scheint, per Rufmord nach allen Regeln der #MeToo-Kunst rücktrittsreif gemobbt wird, ist ein McEwan’sches Anti-p.c. für sich.

St Johns ehemalige Parlamentsreferentin, nunmehr Kakerlaken-Verkehrsministerin Jane Fish berichtet plötzlich von „obszönen Anspielungen und unangemessenen körperlichen Berührungen“, weint coram publico über Jahre des Leidens und Schweigens wegen ihrer Karriere – und ausgerechnet der oppositionelle Guardian greift freudig nach den Fake News, zufrieden der Regierung irgendeins auswischen zu können. Klar, dass die Bevölkerung glaubt, was ihr solcherart in gedruckten beziehungsweise geposteten Lettern vorgesetzt wird. Sams erweist sich als meisterliche Intrigenspinne im feindlichen Lügennetz. „Jim hatte hervorragende Fühler für die öffentliche Gemütslage“, formuliert McEwan doppeldeutig. Ergebnis: „Harter Reversalismus war endgültig Mainstream.“

Bild: pixabay.com

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Dessen Ursprünge gehen angeblich auf ein amüsantes Gedankenspiel, ein Steckenpferd von Exzentrikern wie den 17.-Jahrhundert-Ökonomen Joseph Mund und Josiah Child zurück. Keith Joseph soll versucht haben, die Umkehrfluss-Ökonomie Margaret Thatcher schmackhaft zu machen, die jedoch für die Idee nur ein eisernes No übrig hatte. Eine Idee rechts der Mitte, weshalb – nach erfolgreicher Volksabstimmung – die Mitte nun nach rechts driftet, für die sich aber auch Altlinke stets erwärmen konnten. Heißt: den Geldfluss umzudrehen, heißt, dass man das Gehalt für seinen Job an den jeweiligen Arbeitgeber bezahlen muss, während man im Shop das Geld für die erstandenen Waren ausgefolgt bekommt.

Rücklagen zu bilden ist verboten, die Finanzmittel müssen fließen. Je höher die Vergütung des Arbeitsplatzes, desto mehr muss man sich an Luxusgütern anschaffen, um die eigene Geldbörse wieder zu füllen. Das bringt die Wirtschaft in Schwung und führt zur Umverteilung des Reichtums. EU, Nato und alle Importeure müssen Barzahl- ungen leisten. So die Theorie, die irrwitzige. Eine Anspielung auf die Brexit-Befürworter, hier „Rückdreher“ genannt, die eine Rückkehr in jene Zeiten versprechen, in denen das Empire, Rule Britannia!, allüberall herrschte.

Zur Splendid Isolation will Sams den R-Day (!) ausrufen. Zwei Drittel aller Wahlberechtigten wünschen sich laut Umfragen „einen starken Anführer, der auf das Parlament keine Rücksicht zu nehmen braucht“, die Verhandlungen mit Brüssel sind ins Stocken geraten, rät Archie „Lucky Jim“ doch, das Wichtigste sei, „der EU auf die Nerven zu gehen“. Internationale Konzerne verlegen ihre Sitze ins Ausland, Prominente schreiben verzweifelte offene Briefe, Oppositionschef Horace Crabbe, eigentlich selbst „ein ältlicher Reversalist der postleninistisch linken Schule“, hat ausgedient, einzig die deutsche Kanzlerin wagt es, sich Sams „mit müden Augen“ zu widersetzen und von rechtsstaatlichem Skandal und der gelinkten Labour zu sprechen.

Bild: pixabay.com

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Elegant, mit einem Feuerwerk an Einfällen und mit geradezu maliziösem Vergnügen ihre typischen Antiphrasen aufzugreifen, karikiert McEwan den Clan der Brexitianer. Er zeigt den – freilich fiktiven – Premierminister als listenreichen, skrupellosen Manipulator. Mit Besonderheiten wie dem Chief Whip, jener Person, die sicherstellen soll, dass die Mitglieder der Regierungspartei bei Abstimmungen anwesend sind und im Sinne der Fraktionsführung voten, dem zeremoniellen Streitkolben und dem Prinzip des Pairing – kann ein Abgeordneter der Regierungspartei bei einer Abstimmung nicht anwesend sein, trifft er ein Abkommen mit einem oppositionellen, dass dieser ebenfalls fernbleibt, ist „Die Kakerlake“ außerdem very quirky british.

Versteht sich, dass Sams auch das Pairing ohne viel Federlesens bricht. Als ein französisches Kriegsschiff unabsichtlich ein britisches Fischerboot versenkt und sechs Seemänner ertrinken, hat Sams endlich Britanniens „verlässlichsten Feind“ zur Verfügung – für eine Schmutzkübelkampagne sondergleichen. Was die Kakerlaken mit ihrem Werk bezwecken, erklärt McEwan, hat mit Elend und Armut zu tun, „Konzentration von Wohlstand auf wenige, Argwohn gegen die Wissenschaft, gegen Intellektuelle, gegen Fremde und gegen sozialen Zusammenhält.“ Je tiefer der Mensch sinkt, um so höher steigt die Schabe in der evolutionären Hierarchie.

Schlusszitat: „Der durchschnittliche Brüsseler Beamte hatte sich verwundert die Augen gerieben, als es per Referendum zu dieser erstaunlichen Entscheidung kam. Dann aber geriet der Prozess dank der Komplexität des Ganzen ins Stocken, und man entspannte sich achselzuckend wieder. Ein solcher Unsinn würde doch gewiss in alterprobter Manier auf die lange Bank geschoben werden.“ Ticktack, sieben Stunden noch …

Über den Autor: Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot, Hampshire, lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg „Abbitte“ ist jeder seiner Romane ein Bestseller, zahlreiche sind verfilmt worden, zuletzt kamen „Am Strand“ mit Saoirse Ronan und „Kindeswohl“ mit Emma Thompson in die Kinos. Ian McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences. Im Mai 2019 erst erschien sein erfolgreicher Roman „Maschinen wie ich“.

Diogenes Verlag, Ian McEwan: „Die Kakerlake“, Roman, 144 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben.

www.diogenes.ch           www.ianmcewan.com

  1. 1. 2020

Theater in der Josefstadt: Der Kirschgarten

Dezember 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Crossdresser Charlotta entblößt sich für die Gesellschaft

Champagnerlaune beim Kofferauspacken: Gioia Osthoff, Sona MacDonald, Alma Hasun, Silvia Meisterle und Alexander Absenger. Bild: Astrid Knie

Es ist der Moment, in dem Charlotta Iwanowna beschließt zum Gaudium ihres Publikums einen Quick Change vorzuführen. Ein Kleidchen fliegt, noch eines, ein drittes, Anjas Pariser Gouvernante war schließlich früher Zirkus- künstlerin. Doch dann merkt sie nicht, dass die nächste schon ihre letzte Hülle ist, und nackt steht sie da, ungewollt geoutet, Schauspieler Alexander Absenger als Crossdresser – la dame est un homme, das Entblößen ihrer Unentschiedenheit, dieses Gefühl, in etwas Falsches

geboren worden zu sein, gleichsam ein Symbol für eine ganze Gesellschaft. Die Tschechow-Menschen, antriebsarm und das in Anmut, nie eins mit sich selbst, nie am richtigen Ort oder dort dabei, das Richtige zu tun, eine lyrische Melancholie ihr Überlebenselexier, bevölkern dessen „Kirschgarten“ diesmal im Theater in der Josefstadt. Regisseurin Amélie Niermeyer zeigt mit dieser Inszenierung ihre erste Schauspielarbeit in der Stadt, und ihr gelingt es, wiewohl oder gerade weil ihre Interpretation nicht zwanghaft aktuell oder mit Krampf innovativ ist, diese zartbittere Komödie auf einen wunderbaren Weg zu bringen. Zwei pausenlose Stunden lang hält Niermeyer die Balance zwischen exzentrisch und erdenschwer, zwischen Euphorie und Elegie.

Sie verweigert sich dem den Tschechow’schen Sittenbildern oft unterschobenen Ennui, stattdessen folgen, durch- und überkreuzen sich die Szenen Schlag auf Schlag. Allein schon die sich beständig drehende Bühne lässt keinen Stillstand aufkommen, und im Gewirr der Stimmen, im Gewusel der Gestalten, die das Gut der Ranjewskaja in Beschlag genommen haben, entfaltet sich die Komik aus der Absurdität von mehr als einem Dutzend Mitbewohnern auf engstem Raum, allesamt fahrig in ihrer Festgefahrenheit, die nie mit-, sondern meist aneinander vorbeireden, deren Unfähigkeit ihre Emotionen zu artikulieren sowie ihrem Unvermögen, einem Gegenüber zuzuhören.

Wie Niermeyer das Josefstadt-Ensemble anleitet, seine Figuren zu diesen im eigenen Saft schmorenden Geschöpfen zu entwickeln, kann’s gar nicht anders sein, als dass einem die Charaktere ans Herz wachsen. Einer davon Singer-Songwriter Ian Fisher, der sich in der Dachkammer einquartiert hat, und mit seinen Balladen Gemütszustände und Gestimmtheiten per Gitarrensound ausgestaltet. Ein anderer, der Sehensmehrwert des Abends, der große Otto Schenk als Firs, sein alter Diener von anrührender Würde und zugleich augenzwinkernder Verschmitztheit, das Bühnenwunder, das mit 89 Jahren diese neue Rolle mit der ihm eigenen Verve nimmt.

Ljubow will nichts hören: Sona MacDonald und Raphael von Bargen, hi: Robert Joseph Bartl. Bild: Astrid Knie

Gut verkauft: Alexander Absenger, Sona MacDonald, Gioia Osthoff und Silvia Meisterle. Bild: Astrid Knie

Alma Hasun als Dienstmädchen Dunjascha und der Doyen des Theaters, Otto Schenk. Bild: Astrid Knie

Umringt von seinem Theaterkindern und -kindeskindern ist es schlicht, denn so spielt der Schenk, schön, wie er ob des aus Frankreich importierten freizügigen Savoir-vivre verdattert dreinschaut, wenn ihn Alma Hasuns Dienstmädchen Dunjascha lasziv antanzt oder die aufreizende Charlotta mit ihm flirtet. Alle Aufmerksamkeit auf beiden Seiten der Rampe gehört allein ihm, erzählt Schenks Firs seine Anekdoten aus anno Schnee, mit unsicheren Schritten trippelt er durchs Geschehen, und ist doch sicher, was zu geschehen hat. Ein Haus-Herr, der weiß, wann der Tisch für die gnädige Frau zu decken ist, und Obacht gibt, dass die eigentliche Herrin ihren Mantel nicht vergisst. Unfassbar und der Augenblick bitterster Traurigkeit, dass am Ende er vergessen wird.

Für all das hat Stefanie Seitz ein wandloses Landhaus entworfen, das Setting, die Fifties-Kostüme von Annelies Vanlaere, ist retrochic, in der Küchenzeile steht ein Küchenmixer und das, was man früher mal einen Campingfernseher nannte. Vom Kirschgarten sind zum Schluss nur die Kettensägen zu vernehmen. Man püriert grüne Smoothies, speibt in die Abwasch, man musiziert, duscht sich den Landmief vom Leib. Igor Karbus als so heißblütiger wie tollpatschiger Kontorist Semjon Pantelejewitsch fingiert einen Pistolenschuss und bleibt drehbühnenrundenlang unbeachtet liegen. Gioia Osthoff als Ranjewskaja-Tochter Anja wird seinem Liebeswerben trotz Suizidbluff nicht nachgeben, während deren Adoptivtochter, Silvia Meisterle als bereits Richtung Verbitterung alternde Warja, nach einem Antrag aus dem Munde des Lopachin schmachtet.

Es gehört zu den bemerkenswertesten Stellen der Textfassung von Elisabeth Plessen, wenn diese Warja sagt, sie als Frau könne doch schlecht um des Mannes Hand an-, und alle kurz und für ein lapidares „Wieso nicht? Mach doch!“ innehalten. Aussichtsreicher bahnt sich die Affäre von Dunjascha und Diener Jascha an, Claudius von Stolzmann als spitzbübischer Gigolo, der den Damen gern seinen splitternackten Body präsentiert, und sein gewinnbringendes Wesen eben wegen eines solchen auch bei der Hausfrau in sexy Stellung bringt. Er würde sich seine Chancen schon ervögeln, wenn sie ihn ließe, und so wie zwischen diesen beiden verwischt Niermeyer generell die Standesgrenzen. Sympathisch ist das, wie sie die sozialen Schichten aushebelt, in Glitzerfähnchen und Sneakers haben hier alle dieselbe Klasse.

Raphael von Bargen, Otto Schenk, Götz Schulte, Alma Hasun und Claudius von Stolzmann. Bild: Astrid Knie

Zug an der Zigarette: Otto Schenk und die aufreizende „Charlotta“ von Alexander Absenger. Bild: Astrid Knie

Richtig abrocken: Igor Karbus und Silvia Meisterle, hinten: Claudius von Stolzmann. Bild: Astrid Knie

Robert Joseph Bartl, Sona MacDonald, Alma Hasun, Ian Fisher und Gioia Osthoff. Bild: Astrid Knie

Stolzmann ist eine Sternsekunde mit Schenk geschenkt. „Du fällst mir auf die Nerven, Opa. Krepier‘ doch endlich!“, herrscht sein Jascha den Firs an, doch der streichelt ihm über die Wange, versöhnlich, nachsichtig, die Jugend halt … Und während Robert Joseph Bartl als Nachbar Simeonow-Pischtschik ein lästiger, psychopharmaka-benebelter Schnorrer ist, und Götz Schulte als Ljubows aristokratisch-poetischer, allerdings „in den 80igern“ hängengebliebener Bruder Leonid nicht zu Wort gelassen wird, entwirft Niermeyer mit dem Trofimow einen modernen Fridays-for-Future-Typ: Nikolaus Barton zwischen Traditionalismus und Turbokapitalismus als sozusagen dritter Gang, ein Idealist, der Zukunft gestalten will, offen, tolerant, demokratisch, als Ökofuzzi im Strickpullover jedoch allen auf die Nerven geht – mit seinen Reden von „Wir müssen uns verändern und verzichten!“ aber dennoch zum Reibebaum des Realisten Lopachin wird.

Womit die Rede also auf das Gegensatz-Paar der Aufführung kommt, Sona MacDonald als Ljubow Andrejewna Ranjewskaja und Raphael von Bargen als Lopachin, sie eine fiebrig in ihrem Lebenschaos flirrende, weltfremde Luftschlossbewohnerin, er ein neoliberal orientierter Pragmatiker, der die Datschen, die er bauen will sehr heutig „Summer-Getaways“ und die Ranjewskaja „ökonömisch anämisch“ nennt. Von Bargen überzeugt auf ganzer Linie als dieser durch seinen Grips Emporgestiegene, der verzweifelt am Treiben der Sich-Treiben-Lassenden, deren champagner-verkaterter Geistesträgheit seine Ideen viel zu viel Tatendrang aufdrängen. Von Bargens Lopachin ist einer, der denen helfen will, denen nicht mehr zu helfen ist. Als der Störenfried den Kirschgarten schlussendlich ersteigert hat, muss er die Angst vor der eigenen Courage in Alkohol ertränken. Wieder aufgefordert um die Warja zu freien, fällt ihm nichts ein, als sie in unternehmerischer Erregung in den Hals zu beißen.

Fazit: So stark wie in diesem „Kirschgarten“ sind selbst die Josefstädter nicht alle Tage zu sehen. Amélie Niermeyer hat mit behutsamer Hand fein ziselierte Figuren erschaffen; sie kennt keine kleinen Rollen, jedes Schicksal wird von ihr bis zum Grund für sein Verhalten ausgelotet. Ein Regieglück, das vor allem Alexander Absenger als mutmaßlich ins Prekariat abrutschende Außenseiterexistenz Charlotta für sich zu nutzen weiß, aber auch Claudius von Stolzmann oder Nikolaus Barton. Zum Abgang der illustren Gesellschaft schließlich bläst von Bargen ins Saxophon, so irre kakophonisch, dass es sogar die Motorsägen übertönt. Als könne sein Free-Jazz-Splatter die von ihm initiierte Zeitenwende wettmachen.

Videos: www.youtube.com/watch?v=rbNjOjnekt8          www.youtube.com/watch?v=qCneSmT6TtU&t=30s           www.josefstadt.org

  1. 12. 2019

God’s Own Country

Oktober 26, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und also kam der gute Hirte

Emotionale Begegnung zweier junger Männer in der kargen Landschaft von Yorkshire: Josh O’Connor als Johnny und Alec Secareanu als Gheorghe. Bild: Agatha A. Nitecka

Das Morgengrauen hat für Johnny eine einschlägige Bedeutung. Als ihn die Kamera das erste Mal einfängt, übergibt er sich in die Klomuschel, die Schultern zucken, der Rücken bebt, fast sieht es aus, als würde er beim Kotzen Weinen. Was er niemals tun würde, was aber kein Wunder wäre, denn das Leben des 24-jährigen Farmersohnes ist karg, einsam, trostlos. Er bewirtschaftet den abgewirtschafteten elterlichen Bauernhof.

Und lässt die Tiere genauso verkommen wie sich selbst, die Rückseite der Kühe so verschissen wie seine Existenz. Die Mutter ergriff vor Langem die Flucht, der Vater schuftete sich in den Schlaganfall, die Großmutter nimmt mit Gleichmut hin, was das Schicksal ihr aufbürdet. Konversationen im Haus sind kurz und grob, und abends gibt sich Johnny im Pub dem Suff und ab und zu einem harten Toilettenfick unter Männern hin. Da engagiert der Vater zu Johnnys Unwillen den Saisonarbeiter Gheorghe. Der Junge aus Rumänien soll beim Lammen helfen …

„God’s Own Country“, ab heute in den heimischen Kinos, ist einer der schönsten Filme des bisherigen Kinojahres. Das Filmdrama überzeugt mit dem eindringlichen Spiel seiner Darsteller, allen voran Josh O’Connor als Johnny und Alec Secareanu als Gheorghe, aber auch Gemma Jones und Ian Hart als Großmutter und Vater sind gewohnt großartig. God’s own country nennen die Briten die archaische Weite der Grafschaft Yorkshire. Regisseur und Drehbuchautor Francis Lee ist in der Gegend aufgewachsen, konsequent nur, dass er sein Langfilmdebüt in einem Landstrich und über einen Menschenschlag dreht, die er wie sich selber kennt.

Nimmt ihr Schicksal klaglos an: Gemma Jones als Großmutter. Bild: Agatha A. Nitecka

Ian Hart spielt den von einem Schlaganfall gezeichneten Vater. Bild: Agatha A. Nitecka

Diese Authentizität merkt man seinem Film an, der die von englischen Filmemachern perfektionierte Kurvengängigkeit von Sozialdramen mit einem Hauch Fabelhaftigkeit schafft. Lee erzählt seine Story in realistischen, unsentimentalen Bildern von harscher Schönheit, die Erweckung eines emotional Verkrüppelten in einer großen, gewaltigen, anfangs auch gewaltsamen Liebe, und in ihrem Wahrhaftigsein ist sie ein Märchen, das ans Herz rührt. Denn mit Gheorghe kommt gleichsam der gute Hirte in die seelische Wüstenei. Er ist wohlerzogen, sensibel, im Gegensatz zu Johnny immer gewaschen.

Er tut mit Liebe, was Johnny mit verbitterter Pflichterfüllung erledigt. Er repariert, erhält am Leben, macht aus jeder Tragödie neue Hoffnung: Als ein Lamm tot geboren wird, nimmt er dessen Fell, um einem verwaisten anderen die Aufnahme in die Herde zu ermöglichen. Und als es schwanzwedelnd das erste Mal von einem Mutterschaf trinkt, hat er Tränen in den Augen … Auch dies ein Moment von Echtheit. Denn das Lammen – wer jemals die BBC-Serie „All Creatures Great and Small“ gesehen hat, erinnert sich, was es bedeutet, wenn hunderte Schafe im eiskalten Yorkshire-Frühjahr gleichzeitig gebären – ist kein Computertrick. Schauspieler Alec Secareanu, erzählt Regisseur Lee im Interview, „ging bei der Arbeit mit dem Vieh richtig auf, vor allem was das Zurweltbringen der kleinen Lämmer betrifft.“

In einer verfallenden Hütte kommen die beiden einander beim Schafe hüten näher. Bild: Agatha A. Nitecka

Gheorghe knackt Johnnys harte Schale: Josh O’Connor und Alec Secareanu. Bild: Agatha A. Nitecka

Kein Computertrick, die Schafe lammen in echt, die Schauspieler helfen tatsächlich. Bild: Agatha A. Nitecka

Es kommt, wie’s kommen muss. Die beiden Gleichaltrigen gehen in den Infight, Johnny und Gheorghe verfallen erst einander langsam,  zu groß sind die Unterschiede zwischen ihnen. Aus Konkurrenz- wird Faustkampf, aus diesem schließlich eine Umarmung. Ein Umklammern wie unter Ertrinkenden. Plötzlich kann Johnnys versteinerte Miene lächeln und lachen. Gheorghe bringt ihm nicht nur Zärtlichkeit bei, sondern auch – in jeder Bedeutung des Wortes – Verlust der Scham. Die Großmutter beäugt und ahnt. Was soll schon von einem kommen, der osteuropäischen Schafskäse macht? Zum ersten Mal auf ihrer Farm!

Und dann überspannt Johnny den Bogen, im Pub herrscht Ausländerfeindlichkeit, Gheorghe geht weg und Johnny ihn suchen. Und er weint … Josh O’Connor brilliert in diesen Szenen, in denen er die unterschiedlichen Gefühlslagen von Johnnys Erschütterung spielt. Großartig sein Gesicht, in dem jede Regung seine Wut, seine Verzweiflung, sein Geschundensein, seine Verletzlichkeit widerspiegelt. Die Kamera von Joshua James Richards gleitet darüber, wie über die schroffe Landschaft. Gheorghes „Schuld“ ist, ihn geknackt zu haben, und das lässt er ihn immer wieder spüren.

Für Innigkeit und Zuneigung muss er erst durch deren Verlust bereit werden. Alec Secareanu ist ein wunderbarer Gegenpart, in seinem Gesicht eine Sanftmut, manchmal auch Unmut, die tatsächlich neutestamentarisch ist. Sein Gheorghe bringt die aus welcher Kraftquelle auch immer geschöpfte Energie auf, die Geduld und die Empathie, um Johnny bei seiner Reise zu einem neuen, besseren Ich anzuleiten.

„God’s Own Country“ hat Preise bei der Berlinale, inklusive des Teddy Award, beim Filmfestival Sundance, in Edinburgh, San Francisco und Toronto gewonnen, nun sollte er zum Liebling an den Kinokassen werden. Gesagt sei noch, dass es Francis Lee mit seinem zartbitteren Film in keiner Minute darum geht, eine ohnedies unnötige Legitimation fürs Schwulsein gedreht zu haben. Er zeigt einfach, wie Liebe … ist.

www.godsowncountry.film

  1. 10. 2017

Literatur im Nebel mit Ian McEwan

September 26, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Vorleser von Elisabeth Orth bis Daniel Kehlmann

Ian McEwan Bild: Annalena McAfee

Ian McEwan
Bild: Annalena McAfee

Am 27. und 28. September findet in Heidenreichstein wieder „Literatur im Nebel“ statt, diesmal mit Ian McEwan, einem der international renommiertesten Schriftsteller, als Ehrengast. Mit unglaublicher Eloquenz und stilistischer Könnerschaft greift Ian McEwan gesellschaftspolitische Themen Englands auf, setzt seine wissenschaftlichen und historischen Kenntnisse in singulären Figuren und raffiniert komponierten Plots um, thematisiert virtuos die sexuelle und moralische Problematik Jugendlicher, stellt sich mit Empathie und forensischer Genauigkeit den Fragen nach Ehe und Familie, entwirft akribische, meisterhafte Panoramen unserer zivilen Bevölkerung. Seine Bücher Der Zementgarten, Abbitte, und Saturday wurden unter anderen zu Weltbestsellern und markieren literarische Höhepunkte.

Mit seiner ersten Kurzgeschichtensammlung Erste Liebe, letzte Riten (1975) gelangte er sofort in den Fokus auch der internationalen Kritik und gewann den Somerset Maugham Award. Seitdem lebt Ian McEwan als freier Schriftsteller. McEwan war alleine zweimal für den Man Booker International Prize und sechs Mal für den Man Booker nominiert, den er 1998 für seinen Roman Amsterdam schlussendlich auch erhalten hat. Im Alter von 30 Jahren veröffentlichte McEwan seine zweite Kurzgeschichtensammlung Zwischen den Laken, die sofort die Bestsellerliste der Sunday Times stürmte. Sein Debütroman Der Zementgarten (1978) wurde zum internationalen Bestseller. Die groteske Studie über vier verwaiste Kinder in einer Ausnahmesituation, psychologisch genau und eindringlich beschrieben, wurde 1993 mit Charlotte Gainsbourg verfilmt, genauso Der Trost von Fremden (1981) mit Helen Mirren. Diese beiden makabren Geschichten wurden durch die alptraumhafte Beschreibung einer Kindsentführung abgelöst: Ein Kind zur Zeit (1987). McEwan positioniert sich in diesem Roman nicht nur weiterhin als unglaublich präziser, stilistisch perfekter und psychologisch analytischer Kopf, sondern auch als Systemkritiker der englischen Gesellschaft und Politik. Unschuldige (1990), Schwarze Hunde (1992) und Abbitte (2001) verarbeiten historische Ausschnitte des 2. Weltkriegs und stellen sie in einen privaten Kontext, genauso wie das Kinderbuch Rose Blanche (1985). Abbitte wurde höchst erfolgreich mit Keira Knightley und James McAvoy in den Hauptrollen verfilmt, das Time Magazin kürte ihn zum besten Roman des Jahres 2002. Das mit dem Booker Prize ausgezeichnete Buch Amsterdam (1998) erzählt im Stile einer amüsanten Gesellschaftssatire von Selbsttäuschung und den Lebenslügen der 68er Generation, die zur Weltverbesserung angetreten ist und sich vom Establishment vereinnahmen ließ.

Mit Saturday (2005) experimentiert McEwan formal: Der Roman spielt an einem einzigen Tag im Leben des Neurochirurgen Henry Perowne. Um diesem Berufsbild gerecht zu werden, hospitierte McEwan über zwei Jahre am National Hospital for Neurology and Neurosurgery in London. Nach einer nächsten Feldforschung am Nordpol, gemeinsam mit Wissenschaftlern und Künstlern, entstand der Roman Solar (2010) mit der Figur des Physikers Michael Beard im Zentrum. Zu seinem neuesten Roman Honig, der vor dem Hintergrund des Kalten Krieges angesiedelt ist und aus der Perspektive der weiblichen Protagonistin Serena Frome erzählt wird, meinte McEwan: „Dieser Roman eröffnete mir die Möglichkeit, eine Art verklausulierte Autobiographie zu schreiben.“

Programm:

pfeilTagträumer es liest Tobias Moretti
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pfeilDer Zementgarten es lesen Julia Koschitz, Teresa Präauer,
Manuel Rubey, Ferdinand Schmalz
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pfeilPaulus Hochgatterer über Ian McEwan
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pfeilIan McEwan im Gespräch mit Bettina Hering
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pfeilEin Kind zur Zeit es lesen Franziska Weisz, Johannes Zeiler
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pfeilLiebeswahn es liest Elisabeth Orth
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pfeilAm Strand es lesen Julia Koschitz, Manuel Rubey

pfeilAtonement (2007) Regie: Joe Wright
Darsteller: James McAvoy, Keira Knightley u.a.
englische Originalfassung, Eintritt frei
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pfeilSaturday es lesen Nicole Beutler, August Zirner
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pfeilAmsterdam es lesen Herbert Föttinger, Hubsi Kramar
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pfeilIan McEwan im Gespräch mit Daniel Kehlmann
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pfeilSolar es liest Erwin Steinhauer
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pfeilHonig es lesen Michou Friesz, Anna Kim, Thiemo Strutzenberger
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pfeilKindeswohl es lesen Ian McEwan und Christiane von Poelnitz

www.literaturimnebel.at

Wien, 26. 9. 2014

Wolverine: Weg des Kriegers

August 9, 2013 in Film

Müssen ja nicht immer alle Mutanten sein

Yukio (Rila Fukushima) und Logan / Wolverine (Hugh Jackman) Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Yukio (Rila Fukushima) und Logan / Wolverine (Hugh Jackman)
Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Freunde blauer Haut oder von Laseraugen kommen im zweiten Spin-Off der X-Men-Saga definitiv nicht auf ihre Kosten. In „Wolverine: Weg des Kriegers“ gibt es außer dem schnittigen Hugh Jackman nämlich nur noch zwei andere Mutantinnen. Trotzdem: Dieser Alleingang der Eisenkralle ist um Lichtjahre besser als sein Vorgänger vor vier Jahren. Jackman darf endlich einmal schauspielen. Und das tut er von kraftvoll über – weil zum verwundbaren Menschen verwandelt – melancholisch-verzweifelt bis düster-bitterböse. Die mit gelungenen Effekten und vielen überraschenden Wendungen gespickte Story überzeugt. Nur 3D hätte man sich wieder einmal sparen können.

Der an den Comic von Frank Miller und Chris Claremont angelehnte Inhalt: Nachdem er seiner geliebten Jean Grey  – die ihm allnächtens im Traum erscheint, um ihn zu ihr, heißt: in den Tod zu locken – das Licht auslöschen musste, irrt Logan ziellos durch die USA. Da spürt ihn die geheimnisvolle Yukio (Rila Fukushima) auf. Sie soll Logan nach Japan bringen. Ein Freund, den er als Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg vor dem Atombombenabwurf gerettet hat (Logans Körper schützte ihn, nahm die Verstrahlung auf und steckte sie weg), liegt im Sterben und will sich verabschieden. Tatsächlich aber hat der inzwischen zum Superindustrieboss aufgestiegene Yashida ganz andere Pläne. Weil Logan des Lebens ohnedies müde sei, will er dessen Unsterblichkeit. Und schon ist Wolverine wieder im Kampfeinsatz. Gegen Ninjas, eine giftzüngige Viper-Frau – Yashidas „Ärtzin“ – und einen riesigen Adamantium-Samurai. Und während Wolverines Selbstheilungskräfte schwinden, verliebt sich Logan in Yashidas Enkelin Mariko, mit der er nach einem Entführungsversuch auf der Flucht quer durch das Land der aufgehenden Sonne ist …

Regisseur James Mangold grübelt in seinem Film über die existenziellen Fragen des Lebens. Sein oder Nichtsein? Oder unsterblich sein, während all deine Lieben das Zeitliche segnen? Ein bisschen erinnert der Yakuza-Thriller an das „Highlander“-Thema. Doch auch was Wolverine betrifft, kann es nur Einen geben: Hugh Jackman. Bemerkenswert auch die rothaarige Mutantin Yukio, die ihre Zukunftsvisionen zwar noch nicht ganz im Griff hat, aber vielleicht kann ihr ja Professor Xavier dabei helfen. Falls man die Figur in den 2014 anlaufenden „X-Men: Days of Future Past“ hinüberretten will. Denn, was man nicht sollte, ist das Kino vor dem Abspann zu zu verlassen. Nach dessen Ende scheitert Logan wieder einmal am Metalldetektor eines Flughafens. Auf einem Monitor wird gezeigt, wie die Firma „Trask Industries“ bahnbrechende Fortschritte in der Robotertechnologie gemacht hat (ein Hinweis auf die Sentinels, die in „Days of Future Past“ eine Rolle spielen werden). Als er bemerkt, wie einige Münzen neben ihm zu schweben beginnen, fährt er herum und sieht sich Magneto gegenüber, der ihm offenbart, dass den Mutanten dunkle Zeiten bevor stünden. Und auch der totgeglaubte Charls Xavier erscheint plötzlich wieder auf der Bildfläche …

www.fox.de/cinema/the_wolverine/13222/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ODAV3k91G0Q

Von Michaela Mottinger

25. 7. 2013