God’s Own Country

Oktober 26, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und also kam der gute Hirte

Emotionale Begegnung zweier junger Männer in der kargen Landschaft von Yorkshire: Josh O’Connor als Johnny und Alec Secareanu als Gheorghe. Bild: Agatha A. Nitecka

Das Morgengrauen hat für Johnny eine einschlägige Bedeutung. Als ihn die Kamera das erste Mal einfängt, übergibt er sich in die Klomuschel, die Schultern zucken, der Rücken bebt, fast sieht es aus, als würde er beim Kotzen Weinen. Was er niemals tun würde, was aber kein Wunder wäre, denn das Leben des 24-jährigen Farmersohnes ist karg, einsam, trostlos. Er bewirtschaftet den abgewirtschafteten elterlichen Bauernhof.

Und lässt die Tiere genauso verkommen wie sich selbst, die Rückseite der Kühe so verschissen wie seine Existenz. Die Mutter ergriff vor Langem die Flucht, der Vater schuftete sich in den Schlaganfall, die Großmutter nimmt mit Gleichmut hin, was das Schicksal ihr aufbürdet. Konversationen im Haus sind kurz und grob, und abends gibt sich Johnny im Pub dem Suff und ab und zu einem harten Toilettenfick unter Männern hin. Da engagiert der Vater zu Johnnys Unwillen den Saisonarbeiter Gheorghe. Der Junge aus Rumänien soll beim Lammen helfen …

„God’s Own Country“, ab heute in den heimischen Kinos, ist einer der schönsten Filme des bisherigen Kinojahres. Das Filmdrama überzeugt mit dem eindringlichen Spiel seiner Darsteller, allen voran Josh O’Connor als Johnny und Alec Secareanu als Gheorghe, aber auch Gemma Jones und Ian Hart als Großmutter und Vater sind gewohnt großartig. God’s own country nennen die Briten die archaische Weite der Grafschaft Yorkshire. Regisseur und Drehbuchautor Francis Lee ist in der Gegend aufgewachsen, konsequent nur, dass er sein Langfilmdebüt in einem Landstrich und über einen Menschenschlag dreht, die er wie sich selber kennt.

Nimmt ihr Schicksal klaglos an: Gemma Jones als Großmutter. Bild: Agatha A. Nitecka

Ian Hart spielt den von einem Schlaganfall gezeichneten Vater. Bild: Agatha A. Nitecka

Diese Authentizität merkt man seinem Film an, der die von englischen Filmemachern perfektionierte Kurvengängigkeit von Sozialdramen mit einem Hauch Fabelhaftigkeit schafft. Lee erzählt seine Story in realistischen, unsentimentalen Bildern von harscher Schönheit, die Erweckung eines emotional Verkrüppelten in einer großen, gewaltigen, anfangs auch gewaltsamen Liebe, und in ihrem Wahrhaftigsein ist sie ein Märchen, das ans Herz rührt. Denn mit Gheorghe kommt gleichsam der gute Hirte in die seelische Wüstenei. Er ist wohlerzogen, sensibel, im Gegensatz zu Johnny immer gewaschen.

Er tut mit Liebe, was Johnny mit verbitterter Pflichterfüllung erledigt. Er repariert, erhält am Leben, macht aus jeder Tragödie neue Hoffnung: Als ein Lamm tot geboren wird, nimmt er dessen Fell, um einem verwaisten anderen die Aufnahme in die Herde zu ermöglichen. Und als es schwanzwedelnd das erste Mal von einem Mutterschaf trinkt, hat er Tränen in den Augen … Auch dies ein Moment von Echtheit. Denn das Lammen – wer jemals die BBC-Serie „All Creatures Great and Small“ gesehen hat, erinnert sich, was es bedeutet, wenn hunderte Schafe im eiskalten Yorkshire-Frühjahr gleichzeitig gebären – ist kein Computertrick. Schauspieler Alec Secareanu, erzählt Regisseur Lee im Interview, „ging bei der Arbeit mit dem Vieh richtig auf, vor allem was das Zurweltbringen der kleinen Lämmer betrifft.“

In einer verfallenden Hütte kommen die beiden einander beim Schafe hüten näher. Bild: Agatha A. Nitecka

Gheorghe knackt Johnnys harte Schale: Josh O’Connor und Alec Secareanu. Bild: Agatha A. Nitecka

Kein Computertrick, die Schafe lammen in echt, die Schauspieler helfen tatsächlich. Bild: Agatha A. Nitecka

Es kommt, wie’s kommen muss. Die beiden Gleichaltrigen gehen in den Infight, Johnny und Gheorghe verfallen erst einander langsam,  zu groß sind die Unterschiede zwischen ihnen. Aus Konkurrenz- wird Faustkampf, aus diesem schließlich eine Umarmung. Ein Umklammern wie unter Ertrinkenden. Plötzlich kann Johnnys versteinerte Miene lächeln und lachen. Gheorghe bringt ihm nicht nur Zärtlichkeit bei, sondern auch – in jeder Bedeutung des Wortes – Verlust der Scham. Die Großmutter beäugt und ahnt. Was soll schon von einem kommen, der osteuropäischen Schafskäse macht? Zum ersten Mal auf ihrer Farm!

Und dann überspannt Johnny den Bogen, im Pub herrscht Ausländerfeindlichkeit, Gheorghe geht weg und Johnny ihn suchen. Und er weint … Josh O’Connor brilliert in diesen Szenen, in denen er die unterschiedlichen Gefühlslagen von Johnnys Erschütterung spielt. Großartig sein Gesicht, in dem jede Regung seine Wut, seine Verzweiflung, sein Geschundensein, seine Verletzlichkeit widerspiegelt. Die Kamera von Joshua James Richards gleitet darüber, wie über die schroffe Landschaft. Gheorghes „Schuld“ ist, ihn geknackt zu haben, und das lässt er ihn immer wieder spüren.

Für Innigkeit und Zuneigung muss er erst durch deren Verlust bereit werden. Alec Secareanu ist ein wunderbarer Gegenpart, in seinem Gesicht eine Sanftmut, manchmal auch Unmut, die tatsächlich neutestamentarisch ist. Sein Gheorghe bringt die aus welcher Kraftquelle auch immer geschöpfte Energie auf, die Geduld und die Empathie, um Johnny bei seiner Reise zu einem neuen, besseren Ich anzuleiten.

„God’s Own Country“ hat Preise bei der Berlinale, inklusive des Teddy Award, beim Filmfestival Sundance, in Edinburgh, San Francisco und Toronto gewonnen, nun sollte er zum Liebling an den Kinokassen werden. Gesagt sei noch, dass es Francis Lee mit seinem zartbitteren Film in keiner Minute darum geht, eine ohnedies unnötige Legitimation fürs Schwulsein gedreht zu haben. Er zeigt einfach, wie Liebe … ist.

www.godsowncountry.film

  1. 10. 2017

Literatur im Nebel mit Ian McEwan

September 26, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Vorleser von Elisabeth Orth bis Daniel Kehlmann

Ian McEwan Bild: Annalena McAfee

Ian McEwan
Bild: Annalena McAfee

Am 27. und 28. September findet in Heidenreichstein wieder „Literatur im Nebel“ statt, diesmal mit Ian McEwan, einem der international renommiertesten Schriftsteller, als Ehrengast. Mit unglaublicher Eloquenz und stilistischer Könnerschaft greift Ian McEwan gesellschaftspolitische Themen Englands auf, setzt seine wissenschaftlichen und historischen Kenntnisse in singulären Figuren und raffiniert komponierten Plots um, thematisiert virtuos die sexuelle und moralische Problematik Jugendlicher, stellt sich mit Empathie und forensischer Genauigkeit den Fragen nach Ehe und Familie, entwirft akribische, meisterhafte Panoramen unserer zivilen Bevölkerung. Seine Bücher Der Zementgarten, Abbitte, und Saturday wurden unter anderen zu Weltbestsellern und markieren literarische Höhepunkte.

Mit seiner ersten Kurzgeschichtensammlung Erste Liebe, letzte Riten (1975) gelangte er sofort in den Fokus auch der internationalen Kritik und gewann den Somerset Maugham Award. Seitdem lebt Ian McEwan als freier Schriftsteller. McEwan war alleine zweimal für den Man Booker International Prize und sechs Mal für den Man Booker nominiert, den er 1998 für seinen Roman Amsterdam schlussendlich auch erhalten hat. Im Alter von 30 Jahren veröffentlichte McEwan seine zweite Kurzgeschichtensammlung Zwischen den Laken, die sofort die Bestsellerliste der Sunday Times stürmte. Sein Debütroman Der Zementgarten (1978) wurde zum internationalen Bestseller. Die groteske Studie über vier verwaiste Kinder in einer Ausnahmesituation, psychologisch genau und eindringlich beschrieben, wurde 1993 mit Charlotte Gainsbourg verfilmt, genauso Der Trost von Fremden (1981) mit Helen Mirren. Diese beiden makabren Geschichten wurden durch die alptraumhafte Beschreibung einer Kindsentführung abgelöst: Ein Kind zur Zeit (1987). McEwan positioniert sich in diesem Roman nicht nur weiterhin als unglaublich präziser, stilistisch perfekter und psychologisch analytischer Kopf, sondern auch als Systemkritiker der englischen Gesellschaft und Politik. Unschuldige (1990), Schwarze Hunde (1992) und Abbitte (2001) verarbeiten historische Ausschnitte des 2. Weltkriegs und stellen sie in einen privaten Kontext, genauso wie das Kinderbuch Rose Blanche (1985). Abbitte wurde höchst erfolgreich mit Keira Knightley und James McAvoy in den Hauptrollen verfilmt, das Time Magazin kürte ihn zum besten Roman des Jahres 2002. Das mit dem Booker Prize ausgezeichnete Buch Amsterdam (1998) erzählt im Stile einer amüsanten Gesellschaftssatire von Selbsttäuschung und den Lebenslügen der 68er Generation, die zur Weltverbesserung angetreten ist und sich vom Establishment vereinnahmen ließ.

Mit Saturday (2005) experimentiert McEwan formal: Der Roman spielt an einem einzigen Tag im Leben des Neurochirurgen Henry Perowne. Um diesem Berufsbild gerecht zu werden, hospitierte McEwan über zwei Jahre am National Hospital for Neurology and Neurosurgery in London. Nach einer nächsten Feldforschung am Nordpol, gemeinsam mit Wissenschaftlern und Künstlern, entstand der Roman Solar (2010) mit der Figur des Physikers Michael Beard im Zentrum. Zu seinem neuesten Roman Honig, der vor dem Hintergrund des Kalten Krieges angesiedelt ist und aus der Perspektive der weiblichen Protagonistin Serena Frome erzählt wird, meinte McEwan: „Dieser Roman eröffnete mir die Möglichkeit, eine Art verklausulierte Autobiographie zu schreiben.“

Programm:

pfeilTagträumer es liest Tobias Moretti
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pfeilDer Zementgarten es lesen Julia Koschitz, Teresa Präauer,
Manuel Rubey, Ferdinand Schmalz
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pfeilPaulus Hochgatterer über Ian McEwan
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pfeilIan McEwan im Gespräch mit Bettina Hering
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pfeilEin Kind zur Zeit es lesen Franziska Weisz, Johannes Zeiler
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pfeilLiebeswahn es liest Elisabeth Orth
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pfeilAm Strand es lesen Julia Koschitz, Manuel Rubey

pfeilAtonement (2007) Regie: Joe Wright
Darsteller: James McAvoy, Keira Knightley u.a.
englische Originalfassung, Eintritt frei
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pfeilSaturday es lesen Nicole Beutler, August Zirner
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pfeilAmsterdam es lesen Herbert Föttinger, Hubsi Kramar
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pfeilIan McEwan im Gespräch mit Daniel Kehlmann
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pfeilSolar es liest Erwin Steinhauer
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pfeilHonig es lesen Michou Friesz, Anna Kim, Thiemo Strutzenberger
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pfeilKindeswohl es lesen Ian McEwan und Christiane von Poelnitz

www.literaturimnebel.at

Wien, 26. 9. 2014

Wolverine: Weg des Kriegers

August 9, 2013 in Film

Müssen ja nicht immer alle Mutanten sein

Yukio (Rila Fukushima) und Logan / Wolverine (Hugh Jackman) Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Yukio (Rila Fukushima) und Logan / Wolverine (Hugh Jackman)
Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Freunde blauer Haut oder von Laseraugen kommen im zweiten Spin-Off der X-Men-Saga definitiv nicht auf ihre Kosten. In „Wolverine: Weg des Kriegers“ gibt es außer dem schnittigen Hugh Jackman nämlich nur noch zwei andere Mutantinnen. Trotzdem: Dieser Alleingang der Eisenkralle ist um Lichtjahre besser als sein Vorgänger vor vier Jahren. Jackman darf endlich einmal schauspielen. Und das tut er von kraftvoll über – weil zum verwundbaren Menschen verwandelt – melancholisch-verzweifelt bis düster-bitterböse. Die mit gelungenen Effekten und vielen überraschenden Wendungen gespickte Story überzeugt. Nur 3D hätte man sich wieder einmal sparen können.

Der an den Comic von Frank Miller und Chris Claremont angelehnte Inhalt: Nachdem er seiner geliebten Jean Grey  – die ihm allnächtens im Traum erscheint, um ihn zu ihr, heißt: in den Tod zu locken – das Licht auslöschen musste, irrt Logan ziellos durch die USA. Da spürt ihn die geheimnisvolle Yukio (Rila Fukushima) auf. Sie soll Logan nach Japan bringen. Ein Freund, den er als Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg vor dem Atombombenabwurf gerettet hat (Logans Körper schützte ihn, nahm die Verstrahlung auf und steckte sie weg), liegt im Sterben und will sich verabschieden. Tatsächlich aber hat der inzwischen zum Superindustrieboss aufgestiegene Yashida ganz andere Pläne. Weil Logan des Lebens ohnedies müde sei, will er dessen Unsterblichkeit. Und schon ist Wolverine wieder im Kampfeinsatz. Gegen Ninjas, eine giftzüngige Viper-Frau – Yashidas „Ärtzin“ – und einen riesigen Adamantium-Samurai. Und während Wolverines Selbstheilungskräfte schwinden, verliebt sich Logan in Yashidas Enkelin Mariko, mit der er nach einem Entführungsversuch auf der Flucht quer durch das Land der aufgehenden Sonne ist …

Regisseur James Mangold grübelt in seinem Film über die existenziellen Fragen des Lebens. Sein oder Nichtsein? Oder unsterblich sein, während all deine Lieben das Zeitliche segnen? Ein bisschen erinnert der Yakuza-Thriller an das „Highlander“-Thema. Doch auch was Wolverine betrifft, kann es nur Einen geben: Hugh Jackman. Bemerkenswert auch die rothaarige Mutantin Yukio, die ihre Zukunftsvisionen zwar noch nicht ganz im Griff hat, aber vielleicht kann ihr ja Professor Xavier dabei helfen. Falls man die Figur in den 2014 anlaufenden „X-Men: Days of Future Past“ hinüberretten will. Denn, was man nicht sollte, ist das Kino vor dem Abspann zu zu verlassen. Nach dessen Ende scheitert Logan wieder einmal am Metalldetektor eines Flughafens. Auf einem Monitor wird gezeigt, wie die Firma „Trask Industries“ bahnbrechende Fortschritte in der Robotertechnologie gemacht hat (ein Hinweis auf die Sentinels, die in „Days of Future Past“ eine Rolle spielen werden). Als er bemerkt, wie einige Münzen neben ihm zu schweben beginnen, fährt er herum und sieht sich Magneto gegenüber, der ihm offenbart, dass den Mutanten dunkle Zeiten bevor stünden. Und auch der totgeglaubte Charls Xavier erscheint plötzlich wieder auf der Bildfläche …

www.fox.de/cinema/the_wolverine/13222/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ODAV3k91G0Q

Von Michaela Mottinger

25. 7. 2013