I Am Not Your Negro

Juni 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einer langen Nacht Reise in den Tag

James Baldwin bringt mit seinen Thesen einen TV-Moderator ins Schleudern. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Ein Auto fährt über einen dieser halbseidenen, spärlich beleuchteten US-Boulevards, es ist dunkel draußen, und aus dem Off ertönt die Stimme von Hollywoodlegende Samuel L. Jackson. „Ich spreche als Angehöriger einer gewissen Demokratie und eines sehr komplexen Landes, das darauf besteht, sehr engstirnig zu sein“, sagt er. Und: „Ich bin kein Objekt, auch nicht für Wohltätigkeit, ich bin ein Bürger dieses Landes.“ Und: „Ich bin kein Neger, ihr habt den Neger erfunden.“

Diese Sätze sind aus dem Jahr 1979. Der hierzulande viel zu wenige bekannte Autor James Baldwin hat sie zu Papier gebracht. „Remember this House“ heißen die nur 30 Seiten umfassenden Notizen, die der Schriftsteller unter dem Eindruck der Ermordung seiner Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King jr. verfasst hat. Regisseur Raoul Peck, der heuer bereits mit seinem Spielfilm „Der junge Karl Marx“ erfreute (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24375), macht sie zum Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms „I Am Not Your Negro“, der seit 15. Juni in den heimischen Kinos läuft. Jackson, wie erwähnt, spricht. Hypnotisch, eindringlich. Auf der Leinwand nachzulesen sind Briefwechsel von Baldwin mit seinem Literaturagenten Jay Acton.

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Was Peck gelungen ist, ist ein eindrückliches Psychogramm eines Landes, das sich als Neuerfinder der Demokratie seit Athen verstanden wissen will – und dennoch tief in Vorurteilen gegenüber Hautfarbe, Herkunft, Religion steckt. Mit harten Schnitten montiert er die Unfassbarkeiten aneinander, die sich im land of the free ganz ohne Weiteres ereignet haben. Da wird Baldwin, immer auch ein „Medienmanager“, in einer Fernsehdiskussion gefragt, warum die „Neger“ (sic!) so hoffnungslos traurig wären.

Und als er dem TV-Moderator etwas von Verschleppung und Sklaverei und immer noch Chancenungleichheit erzählt, ist dieser ahnungslos fassungslos – und holt rasch den nächsten Studiogast. Da sagt eine Zeitzeugin: „Gott vergibt Mord und Ehebruch, aber er ist sehr böse auf alle, die für Integration sind.“ Dazu Fotocollagen und Filmausschnitte: Little Rock 1957, die Birmingham-Kampagne 1963, Oakland 1968 … King Kong, Tarzan, Onkel Tom’s Hütte. Es wird eine der besten Sequenzen sein, wenn Malcolm X in einer Talkrunde Martin Luther King jr. anklagt, er wäre ein „moderner Onkel Tom“.

James Baldwin steht in der Mitte. Er ist in seinen Auftritten weniger pastoral als King, weniger aggressiv als X. Er argumentiert. Sehr klug, sehr fundiert, sehr charismatisch. Ruhig und unaufgeregt. Das verunsichert die Weißen. Und während er sich schilt als Antirassist „the great black hope of the great white father“ zu sein, legt das FBI schon einen Akt an. Er kommt auf den Sicherheitsindex als gefährlich „berühmtes“ Subjekt – im Akt steht: Er wird gelesen. Von beiden Seiten. Skandal!

Dazwischen Werbebilder von steppenden, fröhlichen, glubschäugigen, breit grinsenden Afroamerikanern. Alltagsrassismus. Am besten: runde, gesunde „Negermama“. Dazwischen Filmkritik. Peck zeigt den latenten Rassismus in Klassikern wie „Flucht in Ketten“ oder „Rat mal, wer zum Essen kommt“. Und die bahnbrechende Szene in „In der Hitze der Nacht“, als Sheriff Rod Steiger am Filmende zu Detective Sidney Poitier sagt: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Es ist schier unglaublich, was Baldwin alles in 30 Seiten packen konnte. Er selbst war übrigens lebenslänglich John-Wayne-Fan: „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“

Malcolm X umringt von der Presse. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Sehr schön auch ein Aufklärungsfilm des Wirtschaftsministeriums aus den 1970er-Jahren, in dem der Handel darüber informiert wird, er möge sich die neu erworbene Kaufkraft der Schwarzen, die 15 Milliarden Dollar „Negermarkt“ doch nicht entgehen lassen. Dazwischen Politik, Reden, Aufmärsche „Weiße Viertel den Weißen“ mit Hakenkreuzfahne, Segregation, Rosa Louise Parks, eine schwarze Schülerin, 15, die auf dem Schulweg bespuckt wird, und die strange fruit hanging from the poplar trees.

Bob Dylan singt „Only a Pawn in Their Game“. X spricht mit erhobener Faust, King spricht mit hingehaltener Wange, James Baldwin wie er immer und immer wieder auf sein Amerikanertum pocht, Sammy Davis jr., Harry Belafonte – beide in einer spannenden Runde mit Marlon Brando und Charlton Heston. Weibliche Stimme: nur eine. Lorraine Hansberry. Die Autorin starb mit 34 Jahren an Krebs.

Spärlich fügt Peck Aktuelles ein. Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, andere Bilder vom System getöteter – ja – Kinder seit den 1990er-Jahren, Ferguson, Baltimore, Charleston …

James Baldwin trifft Bobby Kennedy. Der soll ein schwarzes Mädchen an seinem ersten Schultag begleiten. Baldwin nennt es politisches Engagement, Kennedy eine sinnlose moralische Geste. Dann die Rede, 1965: In 40 Jahren werde es in den USA einen schwarzen Präsidenten geben, prophezeit Kennedy. Ja, lacht Baldwin, „wenn wir uns nach 400 Jahren, nachdem wir in dieses Land verschleppt wurden, immer noch brav benehmen. Schnitt. Die Obamas. Aber ach.

www.not-your-negro.de

Wien, 23. 6. 2017

Bronski & Grünberg Theater: Kasimir & Karoline

April 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein purer, ehrlicher, beinharter Horváth

Er beherrscht die lauten, wie die leisen Momente der Inszenierung: Christian Strasser als Kasimir. Bild: © Dietmar Tollerian

Und wieder eine sehenswerte Produktion im Bronski & Grünberg Theater. Regisseurin Katharina Schwarz hat „Kasimir & Karoline“ inszeniert, das Stück mit dem Untertitel „Drei Abnormitäten üben Empathie“ und ergo dem Zusatz „nach …“ versehen – doch was sie auf die Bühne stellt, ist ein so purer, ehrlicher, beinharter Horváth, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Wobei, Bühne ist nicht. Schwarz hat im kleinen Spielraum inmitten des Publikums Platz für vier Stationen gefunden, an denen die Oktoberfest-Entgleisungen stattfinden. Eine davon ist eine Karaoke-Bar, in der sich die diversen Unersättlichkeiten von der Seele gesungen werden. Eine ein schnapstrunkener Schanigarten-Campingtisch. Eine unter einer Glühbirne, hier werden die dunkelsten Ecken des menschlichen Daseins ausgeleuchtet. Und der junge Mann, der in der zweiten Reihe Lolli lutscht, gehört natürlich auch schon dazu.

Es sind drei Schauspieler, die den Horváth-Text stemmen: Christian Strasser, Katharina Wawrik und Robert Finster, und alle drei verfügen sie über ein ausgeprägtes komödiantisches Talent. Denn Schwarz hat sich das Gfeanzte bei Horváth auf die Fahnen geschrieben, ihre Arbeit changiert zwischen satirisch und sarkastisch, und es ist schon zum Lachen, wenn die berühmten Sätze wie Stammtischsprüche deklamiert werden: „Man muss das immer trennen, die allgemeine Krise und das Private“, „Wenn es dem Manne schlecht geht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm“, „Wir sind alle nur Menschen, besonders heute“ – und sehr schön: „Jähzornige Leute sind ja meistens gutmütig“.

Der Kommerzienrat hat ein Auge auf Karoline geworfen: Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Doch die lutscht lieber Lolli mit dem Schürzinger: Katharina Wawrik und Robert Finster. Bild: © Dietmar Tollerian

Schwarz zeigt ein tiefes Verständnis für die Horváth-Sprache. Sie charakterisiert über sie die Figuren, lässt ihr Trio wahlweise im brutalen Jargon, im gepflegten Dialekt oder in der vom Autor vorgeschriebenen Kunstsprache sprechen, und so macht sie Kleinbürger zu Kunstfiguren, Proletarier zu Proleten. Dazwischen, nein: in der Hauptsache, weiß sie um die Macht der Horváth’schen Pausen, seine Leerstellen im Gesprochenen, die Sprachlosigkeit und dem Ringen der Charaktere um Ausdrücklichkeit, und pflegt dies besonders sorgfältig. Die Schauspieler „schweigen“ das Unaussprechliche nicht nur an, sie loten es aus. Mit den letzten Takten aus „Cabaret“, Trommelwirbel, Tusch, werden die kurzen Szenen als quasi Blackouts getrennt.

Die Darsteller (re)agieren mit Tempo und Temperament und in erster Linie Trotz aufs Leben an sich und die Verhältnisse im Besonderen. Die Stimmung wechselt zwischen naiver Verbitterung, abgeklärtem Weltverstehen und aggressivem Selbstmitleid, man ist mal personifizierte Empörung, mal hektisch und zänkisch, die Auseinandersetzungen sind lautstark – und umso mehr berühren die leisen Momente der Aufführung. Vor allem Christian Strasser als Kasimir erweist sich diesbezüglich als ein Meister.

Mit einem Handgriff wird aus einer Rolle eine andere. Strasser verwandelt sich mit Sonnenbrille und Zigarre in den großkotzigen Kommerzienrat, Robert Finster ist – graue Strickweste an, graue Strickweste aus – bald ein schüchtern-ängstlicher Zuschneider Schürzinger, bald der Kleinkriminelle Merkl Franz, Katharina Wawrik wird mit rosa Perücke von der Karoline zur Merkl Franz seiner Erna. Es folgen Frontalangriffe mit Alkohol und Freddie Mercurys „Don’t stop me now“. Fantastisch, wie schlecht und falsch das Ensemble insgesamt singt; auf dem Höhepunkt der Handlung und seiner Verlassenheit interpretiert Kasimir/Strasser Tammy Wynettes „Stand by your man“. Auf dem Weg nach Altötting fliegen schließlich ein Büstenhalter weit und ein rechter Arm in die Höhe …

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Katharina Wawrik, Robert Finster und Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Derart subtil sind Schwarz’ Anmerkungen zur Zeitgeschichte und zum gegenwärtigen Zeitgeschehen. Am Ende folgt das Mantra ”Es geht immer besser, besser, besser …“, 1932 so aktuell wie 2017, die Rollen verschwimmen, nicht länger ist klar, wer ist wer, der Bub mit dem Bulldoggenkopf, Juanita, das Gorillamädchen, jeder Zeit ihre Monstrosität. Denn, siehe Untertitel, die Abnormitäten sind längst wir. Freigesetzt, gekündigt, vom Arbeitsplatz entfernt.

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln, und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen…“ Zu sehen bis 6. Mai. Im Mai gibt es auch Zusatzvorstellungen von „Der Spieler“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24236

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 13. 4. 2017

Albertina: Jim Dine. I never look away

Juni 14, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Extra für Wien entstand ein Werk in Apetlon

Jim Dine: Ohne Titel, 2003. Bild: © Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Jim Dine: Ohne Titel, 2003. Bild: © Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Jim Dine zählt neben Andy Warhol und Roy Lichtenstein zu den gefeierten Stars der amerikanischen Pop Art. Ab 24. Juni zeigt die Albertina in der Ausstellung „Jim Dine. I never look away“ sechzig faszinierende Selbstporträts, eine repräsentative Auswahl der großzügigen Schenkung des achtzigjährigen Künstlers. Die Selbstbildnisse erlauben einen überraschenden Dialog mit Künstler und Werk.

Dine experimentiert mit verschiedenen Techniken und Materialien und thematisiert dabei unter anderem Jugend, Alter und Intimität. Die Selbstporträts ermöglichen neue Einblicke in ein Schaffen, das man schon zu kennen glaubte. Jim Dine zählt sich zu den Genre-übergreifenden Künstlern. Neben Malerei, Grafik und Skulptur widmet er sich ab den 1960er-Jahren auch der Lyrik und ab den 1990er-Jahren der Fotografie, er entwirft Bühnenbilder und Theaterkostüme.

Der Künstler wird im Allgemeinen der Pop-Szene zugeordnet, weil er in den späten 1950er-Jahren mit Claes Oldenburg und anderen eine neue Sichtweise etablierte, die Alltagsgegenstände aus ihrem Kontext riss und sie in eine eigene Aura stellte. Kurz danach wandte er sich von der distanzierenden kühlen Sachlichkeit der Pop Art ab und fand zu einer metaphorischen Ebene und einer eher emotionalen Wärme in seiner Kunst, die vom Ansatz her den abstrakten Expressionisten folgte.

Dine arbeitete in künstlerischen Phasen, die von bestimmten, immer wiederkehrenden Sujets definiert waren. Ab Mitte der 1960er-Jahre war sein durchgehendes Motiv der Bademantel; in ihm sah er sich selbst, er abstrahierte hier die unterschiedlichen Facetten seiner eigenen Persönlichkeit. In den 1980er-Jahren wandte sich Dine der figürlichen Kunst zu. Nach umfangreichen Studien der klassischen Bildhauerei schuf er eine Reihe von Skulpturen, wobei er sich von der antiken „Venus von Milo“ inspirieren ließ. Ein weiterer bekannter Zyklus waren seine Herzen, die sowohl Selbstreflexionen als auch grundlegende Fragen des Menschseins beinhalten. Jim Dines kritisches Hinterfragen des Menschseins erklärt sich wohl durch seine Nähe zu den Entdeckungen und Methoden der Psychoanalyse; er bezeichnet sich selbst als ein Anhänger der Lehre C. G. Jungs.

Jim Dine: Ich in Apetlon, 2016. Bild: Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Jim Dine: Ich in Apetlon, 2016. Bild: Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Jim Dine: Das Damebrett, 1959. Bild: Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Jim Dine: Das Damebrett, 1959. Bild: Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Im Zusammenhang mit der Schau schuf Jim Dine exklusiv für die Albertina ein Selbstporträt: „Me in Apetlon“. Das Werk, eine Kreidelithografie auf Japanpapier, ist in limitierter Auflage ab sofort in der Albertina erhältlich.

www.albertina.at

Wien, 14. 6. 2016

Wiener Festwochen: Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt

Mai 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Ecce homo in extremen Bildern

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Wie sie da als gutgelaunte Truppe auf die Bühne stürmen, weiß man schon, das nimmt kein schönes Ende. Sie stellen sich vor, ihre Wurzeln reichen von Bergkarabach bis Bagdad, oder ihre Familien sind einst aus Syrien nach Jugoslawien eingewandert. Tito war ja ein großer Freund Hafiz al-Assads. Sie sind europäische Muslime, dieser Kontinent ist ihr Kontinent, und wie sie gehört auch der Islam hierher.

Sie haben Oliver Frljić kennengelernt, bei H & M oder im Kaffeehaus, und nun werden sie im Schauspielhaus Wien erst geschlagen, dann erschossen oder auf IS-Art geköpft. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ heißt diese Arbeit, die Frljić im Rahmen der Wiener Festwochen zur Uraufführung brachte und für die er erstmals die Schauspielensembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka, er ist Intendant des Hauses, und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana zusammenführt.

Frljićs unbequeme und politisch provozierende Arbeiten werden immer wieder zensuriert, er selbst sogar mit dem Tode bedroht (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19920). Auch „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ wird manchen ein Stein des Anstoßes sein, befasst sich der 1976 in Bosnien geborene und nach Kroatien geflüchtete Theatermacher doch darin einmal mehr mit dem „christlichen Abendland“ und seinem Umgang mit Muslimen, mit neu erstarkenden faschistischen Strömungen, aktuell mit den Flüchtlingen und den unheiligen Verquickungen von Politik und Wirtschaft. Wie er sich an Europas Geschichte abarbeitet, so wohl auch an seiner eigenen. Denn den Terror, den er aus vermeintlich entlegenen Ecken der Erde zeigt, verbindet er inhaltlich mit dem gegen bosnische Muslime in den Lagern Ex-Jugoslawiens. Und nichts, was Frljić mit theatralen Mitteln darstellen könnte, ist so schockierend wie die in Den Haag eingegangenen Berichte von kastrierten, geschändeten, bis zur Zeugungsunfähigkeit gefolterten Frauen und Männern.

Frljić hat ein Synonym für die Schieflage der Nationen erdacht. Er lässt Uroš Kaurin als dornengekrönten Christus von einem Erdölkanisterkreuz steigen und eine Muslima vergewaltigen. Die ganze Aufführung ist ein Ecce homo in extremen, suggestiven Bildern, siehe, der Mensch, in all seiner Erbarmungswürdigkeit und Brutalität. Gefangene in Guantanamo-Orange müssen ihren Wächtern etwas vorsteppen, an der mazedonischen Grenze spielen Flüchtlinge mit Piepsstimme Kasperletheater, ihre Finger formen ein Hakenkreuz. Eine Frau mit grünem Hidschāb zieht sich einen rotweißroten Wimpel aus der Vagina, er wird den Umstehenden zum Heil-Symbol. Ein erotisches Ballett beginnt, nackte, mit arabischer Schrift bemalte Körper, als beschriebe dieser bitterzarte Moment den Anfang allen Lebens, doch schon startet eine ohrenbetäubende Party und Luftballons im Schwarze-Banner-Design fliegen ins Publikum. „Wenn Sie jetzt eine Frage haben?“, fordert Jerko Marčić auf, aber der gesittete Zuschauer hält natürlich im Theater den Mund, so wie er’s gelernt hat – und hat sich damit schon ins Unrecht gesetzt. Man solle hier nicht Balkan-Wundertiere bestaunen, sondern lieber Leben retten, heißt es. Und die Assoziationskette reißt nicht ab.

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Nicht nur die Leute im Saal, auch Alvis Hermanis kriegt sein Fett weg. Wegen seines Ausspruchs zur deutschen Flüchtlingspolitik. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ ist eine Auftragsarbeit des HAU, des Berliner Theaters „Hebbel am Ufer“. Und Frljić, ja, er provoziert, wie jeder gute Revolutionär vertritt er laut und aufsässig seine Positionen, aber wann wurde ein leiser Mahner je gehört? Er zeigt bis zur Peinlichkeit plakatives Frontaltheater, führt Huntingtons Clash of Civilizations vor, dass es nur so klescht. Im heftig kritisierten Buch heißt es: „Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion, sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“ Frljić würde diesen Satz mutmaßlich unterschreiben, ein mutmaßlich gesteuerter Zwischenrufer im Schauspielhaus schreit: „Das wird hier alles einseitig dargestellt!“

Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt Frljić: “ Wir sollten nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam geschaffen hat (www.mottingers-meinung.at/?p=19920).“ Und, dass er keinen Wert auf ein Theater legt, das den Konsens sucht. In Leuchtlettern steht an der Bühnenrückwand: Die gegen den Faschismus sind, ohne gegen den Kapitalismus zu sein, wollen ihren Teil vom Kalb, ohne es zu schlachten.

Die Folie, auf die Frljić seinen Text projiziert, ist Peter Weiss‘ epochaler Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“. Tausend Seiten über die Möglichkeiten des antifaschistischen Widerstands aus der Sicht der Kunst, von Weiss selbst in die Nähe der Dante’schen Höllenkreise der Divina Commedia gerückt, von ersten Rezensenten in Unverständnis und einer verallgemeinernden Ablehnung alles „Roten“ angefeindet. Frljić lässt auf dem Höhepunkt seiner Hadeswanderung Matej Recer seinem Schauspielkollegen Blaž Šef Gewalt antun. Mit zwangseingeflößtem Schnaps und einem Schweinskopf, den er dem Muslim über das Gesicht stülpt. Auch das keine Erfindung, sondern lediglich eine Ausformulierung: Amnesty International und Human Rights Watch berichten immer wieder von Misshandlungen in Flüchtlingslagern. Wer hier leben will, muss auch so leben wie hier!
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Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Frljić hätte seine Arbeit auch „Unsere Werte und eure Werte“ nennen können, oder besser „Unser Land und unsere Regeln“. Sie ist jedenfalls eine unverzichtbare Analyse der Seinszustände dieser Welt, sie ist ein politisches Pamphlet gegen den demokratisch legitimierten Rechtsschwenk Europas, ein wilder Aufschrei gegen systemische Gewalt – und eine Schweigeminute. Für die Opfer in Paris und Brüssel, in Marea und Azaz.

160.000 Menschen laufen dort gerade um ihr Leben, nur damit an Europas Grenzen das Kasperletheater wieder beginnen kann. Wie zur Versöhnung folgt am Ende eine christlich-islamische Pietà. Aber auch ein Bibelwort. „Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein“, zitiert Dragica Potočnjak, dann lacht sie. Zynisch.

Video: www.youtube.com/watch?v=54cE_2PT37E

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Три сестры / Drei Schwestern: www.mottingers-meinung.at/?p=20364

Идеальный муж / Ein idealer Gatte: www.mottingers-meinung.at/?p=20289

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 30. 5. 2016

Regisseur Oliver Frljić im Gespräch

Mai 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gastspiel im Werk X, Uraufführung bei den Festwochen

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Bevor am 29. Mai seine neue Produktion „Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt“ bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wird, zeigt der Regisseur und Autor Oliver Frljić am 21. und 22. Mai im Werk X seine umstrittene Performance „Balkan macht frei“ als Gastspiel vom Münchner Residenztheater. In seinen Arbeiten befasst sich der 1976 in Bosnien geborene und nach Kroatien geflüchtete Theatermacher mit dem „christlichen Abendland“ und seinem Umgang mit Flüchtlingen, mit neu erstarkenden faschistischen Strömungen und den unheiligen Verquickungen von Politik und Wirtschaft.

Seit dieser Spielzeit ist Frljić Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und sorgt für Reibung mit Aufführungen, die Kriegsverbrechen und -traumata in den Blick nehmen, die Dramaturgien der jüngeren Geschichtsschreibung hinterfragen und das Spiel mit nationalen Identitäten überdehnen. Seine unbequemen und politisch provozierenden Arbeiten werden immer wieder zensuriert, Frljić selbst sogar mit dem Tode bedroht. Ein Maildialog (in Englisch und deutschsprachiger Übersetzung) über ein Theater, das nicht geliebt werden will, Publikum, das die Bühne stürmt, und die Bundespräsidentenwal in Österreich. Frljićs Prognose dafür ist – schlecht …

MM: Wie würden Sie Ihre Art, Theater zu machen, beschreiben? Welche Geschichten wollen Sie erzählen, wie wollen Sie ein Publikum erreichen?

Oliver Frljić: Theatre is my most inner need, way to communicate something I am not able to express in any other form or media. Very often I do devised-theatre projects and it gives me opportunity to work from people who are the part of my team. Although I do extensive preparation before every production, I found my theme through the people I work with. My theatre is usually not story-driven, there is no clear narrative, because I am convinced that literature is doing much better in story-telling then theatre. In word of Derrida, by accepting the role of servant of literature, „Western theater has been separated from the force of its essence, removed from its affirmative essence, its vis affirmativa.“ I am trying to find the representation for social conflicts.

(Theater ist mein innerstes Bedürfnis, mein Weg Dinge zu kommunizieren, die ich in keiner anderen Form und mit keinem anderen Medium ausdrücken könnte. Die Themen für meine Theaterprojekte finde ich sehr oft erst in der Arbeit mit meinem Team, mit dem ich vor jeder Produktion ausgedehnte Proben habe. Mein Theater ist in der Regel nicht von einer Story bestimmt, es ist nicht narrativ, weil ich überzeugt bin, dass Literatur das viel besser kann. Mit den Worten Derridas – frz. Philosoph und Begründer der Dekonstruktion, Anm.: “Das westliche Theater hat sich von der Kraft seiner Essenz entfernt”, versuche ich nun eine Darstellungsform für soziale Konflikte zu finden.)

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

MM: Sie zeigen “Balkan macht frei” im Werk X, eine Arbeit darüber, wie sogenannte Westeuropäer auf sogenannte Osteuropäer reagieren. In Wien sind wir alle ein bisschen Balkan. Wie glauben Sie wird das Publikum auf ein Stück reagieren, dass ihm die Immigrantenstory seiner Urgroßeltern oder Großeltern erzählt?

Frljić: Well, „Balkan macht frei“ speaks about different things. One of them is my position in Western Europe as a guest director. I intentionally did self-stereotyping in order to show discriminatory policies that are present in every society. The main character is my alter-ego and performance speaks about his struggle to overcome the expectations of him as a director coming from Balkan. That’s way this performance has so many self-referential moments.

(“Balkan macht frei” erzählt von unterschiedlichen Dingen. Eines davon ist meine Position als Gastregisseur in Westeuropa. Ich habe mich gewissenhaft selbst stereotypisiert, um die diskriminierenden Strategien aufzuzeigen, die es in jeder Gesellschaft gibt. Der Protagonist ist mein Alter Ego und die Performance handelt von seinen Bemühungen, die Erwartungen, die man an ihn als jungen Theatermacher vom Balkan hat, zu überwinden. Das Stück hat sehr viele selbstreflexive Momente.)

MM: Es denkt aber auch größer. Wie steht es mit der derzeitigen Flüchtlingsdebatte? Glauben Sie, die Menschen vom “Balkan” sind in dieser Diskussion die Verlierer, da sie ja als Wirtschaftsflüchtlinge abgetan werden, die man sehr einfach wieder in ihre Herkunftsländer, der Kosovo ist ein Beispiel, zurückschicken kann?

Frljić: Well, my new production „Our and Your Violence“ speaks about hypocrisy of Europe. I could never understand that for Europe one’s economical problems were not good reason for granting asylum. If somebody is exposed to subjective violence, we are ready to accept him/her, but if the same person is the subject of structural violence produced by that very same Europe, we’re not gonna let him/her in. What is the difference if somebody dies from hunger or bullet?

(Meine neue Produktion “Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt” dreht sich um die Heuchelei in Europa. Ich werde nie verstehen, warum jemandes ökonomische Probleme für Europa kein guter Grund sind, Asyl zu gewähren. Wenn jemand körperlicher Gewalt ausgesetzt ist, sind wir bereit, ihn oder sie zu akzeptieren, aber wenn die selbe Person das Opfer struktureller Gewalt, erzeugt von eben dem selben Europa ist, sind wir nicht bereit, ihn oder sie reinzulassen. Was ist der Unterschied, ob man an Hunger oder einer Kugel stirbt?)

MM: Als Sie “Balkan macht frei” am Münchner Residenztheater zeigten, gab es teilweise heftige Zuschauerreaktionen. Einmal wurde sogar die Bühne gestürmt, um eine Waterboarding-Szene zu beenden. Sie provozieren gerne, wie es scheint. Sind Sie ein theatraler Troublemaker, ein Unruhestifter?

Frljić: I was surprised with the reactions of audience, especially when it comes to the water-boarding scene. The dream of every theatre is to produce the radical fiction stronger than reality. I think we have fulfilled part of that dream. I always prefer to be the part of problem, not solution. Although I consider theatre to be an instrument of political fight, it doesn’t operate in same mode as parliamentarian democracy or revolution. It creates another kind of effects. I really hate the theatre that creates social consensus or the one that everybody loves. If you’re really critical, you should expect a lot of anger from your audience. Your work will be artistically underestimate. You know this stupid kind of critique that treats art as something outside political arena and the conflicts permeating it. We should not forget that art is an instrument for social and ideological domination of ruling class. System of values and economic interests of this class is reproduced through the art. So, to offense the taste of its audience should be the first step.

(Mich hat die Reaktion des Publikums überrascht, vor allem bei der Waterboardind-Szene. Der Traum jedes Theaters ist, eine radikale Fiktion zu schaffen, die starker ist, als die Realität. Ich denke, diesen Teil des Traums haben wir erfüllt. Ich bevorzuge es immer, Teil des Problems, nicht der Lösung zu sein. Außerdem betrachte ich Theater als Instrument des politischen Kampfes. Es arbeitet nicht mit den Mitteln der parlamentarischen Demokratie oder der Revolution, es schafft andere Effekte. Ich hasse Theater, das sozialen Konsens sucht oder, das jeder liebt. Wenn du wirklich kritisch bist, solltest du dir vom Publikum eine Menge Ärger erwarten, deine Arbeit wird künstlerisch unterschätzt werden. Sie wissen, die Art dummer Kritik, die theatrale Kunst außerhalb der politischen Arena und der sie durchdringenden Konflikte sieht. Wir sollten nie vergessen, dass Kunst ein Instrument zum Erhalt der sozialen und ideologischen Dominanz der herrschenden Klasse ist, das Wertesystem und die ökonomischen Interessen dieser Klasse werden durch Kunst reproduziert. Den Geschmack dieses Publikums zu bekämpfen, sollte also der erste Schritt sein.)

MM: In Kroatien und anderen “restjugoslawischen” Ländern werden Ihre Arbeiten zensuriert. Wenn die Menschen sich nicht mit ihrer Geschichte und mit der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen wollen, ärgert Sie das? Oder macht es Sie eher traurig?

Frljić: It doesn’t stop me and that’s the most important thing. I live in society constituted on nationalistic system of values and institutionalized exclusion of different minorities. Not to mention that war-crimes are part of local folklore here. It’s not very pleasant to live in society were the war-criminals are praised as heroes. And it’s definitely not pleasant to live in the country were the war is the biggest national value and something beyond critique. Since I have become intendant of Croatian National Theatre in Rijeka, I have been constantly under the media attack from the biggest right-wing party in Croatia, Croatian Democratic Union and its president Tomislav Karamarko. I was physically attacked, received a lot of death threats, mine apartment and the apartment of my girlfriend were broken-in almost the same day …

(Es stoppt mich nicht und das ist das Wichtigste. Ich lebe in einer Gesellschaft, die auf einem nationalistischen Wertesystem und dem Ausschluss verschiedener Minderheiten fußt. Nicht zu vergessen die Kriegsverbrechen, die hier ein Teil der lokalen Folklore sind. Es ist nicht sehr angenehm, in einer Gesellschaft zu leben, die Kriegsverbrecher als Helden preist. Und es ist definitiv nicht angenehm, in einem Land zu leben, wo der Krieg die größte nationale Tat ist und jenseits jeder Kritik. Seit ich Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka geworden bin, stehe ich permanent unter den medialen Attacken der größten rechtspopulistischen Partei Kroatiens, der Kroatischen Demokratischen Union und ihres Präsidenten Tomislav Karamarko. Ich wurde körperlich angegriffen, habe Todesdrohungen erhalten, in meine Wohnung und die meiner Freundin wurde eingebrochen, fast am gleichen Tag …)

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

MM: Bei den Wiener Festwochen zeigen Sie nun das vorhin angesprochene “Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt”. Sie haben sich zum 100. Geburtstag von Peter Weiss dessen epochalen Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“  als Vorlage genommen. Obwohl die Handlung in den späten Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist, sind die Analogien zur aktuellen Situation unübersehbar. Hat Sie das an diesem Werk interessiert?

Frljić: Weiss‘ book was only pretext for this production. After reading it, I was interested to speak not about historical fascism, which is important theme in this book, but about contemporary European fascism, one with democratic legitimation.

(Weiss’ Buch war nur der Vorwand für diese Produktion. Nachdem ich es gelesen hatte, wollte ich nicht eine Inszenierung über den historischen Faschismus machen, der ein wichtiges Thema im Buch ist, sondern über den zeitgenössischen europäischen Faschismus, den mit der demokratischen Legitimation.)

MM: Als ich das Festwochen-Video über Ihre Arbeit sah, hatte ich den Eindruck im Stück geht es auch um den Islam und darüber, wie unsere Gesellschaft mit Muslimen umgeht. Stimmt das? Einige Ausschnitte aus der Probenarbeit wirken übrigens wieder sehr brutal …

Frljić: Performance speaks about current Islamophobia in Europe. We should not forget that West has created radical islamism. And we have destroyed secularism in the Middle East. Petrol crosses borders without any problems, but Syrian refugees are not allowed to do the same.

(Die Performance erzählt über die derzeitige Islamophobie im Europa. Wir sollten nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam geschaffen hat. Und dass wir den Säkularismus im Mittleren Osten zerstört haben. Erdöl passiert die Grenzen ohne Probleme, aber syrische Flüchlinge dürfen nicht das Gleiche tun.)

MM: Im Video sprechen Sie über einen neuen europäischen Faschismus und, dass sich Österreich ebenfalls auf dem Weg dorthin befindet. Möchten Sie dazu Näheres sagen?

Frljić: Well, the second round of Austrian presidential election, scheduled for 22 May, with Norbert Hofer from Freedom Party of Austria as one of two candidates, indicates the change of political climate in Austria. During the preparation for my new production, I screened for the actors another Wiener Festwochen production, Schlingensief’s „Bitte liebt Österreich“. Produced 16 years ago, it looks pretty up-to-date. Schlingensief’s reality show with asylum-seekers has become reality of present Europe.

(Nun, die zweite Runde der Bundespräsidentenwahl, die am 22. Mai stattfindet, mit Norbert Hofer von der FPÖ als einem von zwei Kandidaten, zeigt den Wechsel des politischen Klimas in Österreich. Während der Vorbereitungen zu meiner neuen Produktion, habe ich den Schauspielern eine andere Aufführung von den Wiener Festwochen vorgeführt, Schlingensiefs “Bitte liebt Österreich”. Vor 16 Jahren prodziert, und doch so aktuell. Schlingensiefs Reality-Show mit Asylwerbern ist zur Realität des derzeitigen Europa geworden.)

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

MM: Glauben Sie, dass man mit Theater etwas verändern kann?

Frljić: Theatre can fight for change.

(Theater kann für Veränderung kämpfen.)

MM: Was würden Sie machen, wenn nicht Theater? Wie würden Sie dann Ihre Stimme erheben? Nie daran gedacht, selber in die Politik zu gehen?

Frljić: I can’t imagine my self participating in this kind of political system called parliamentarian democracy. For me, it doesn’t represent anything but the interests of capital. That’s why I do not vote. I don’t want to participate in that kind of theatralization of political life, as well as in the political system that doesn’t have the mechanisms for preventing new forms of fascism to gain democratic legitimation.

(Ich kann mir nicht vorstellen, selber an einem politischen System teilzuhaben, das sich parlamentarische Demokratie nennt. Für mich repräsentiert es nichts anderes als die Interessen des Kapitals. Das ist auch der Grund, warum ich nicht wähle. Ich möchte bei keiner „Inszenierung von politischem Leben“ mitmachen, umso weniger in einem politischen System, das keine Mechanismen hat, die neuen Formen von Faschismus daran zu hindern, demokratische Legitimation zu erlangen.)

werk-x.at

Trailer: vimeo.com/131069654

www.festwochen.at

Mehr von den Wiener Festwochen:

Rezension „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 17. 5. 2016