National Theatre online: Frankenstein

Mai 3, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Benedict Cumberbatch brilliert als Monster wie Victor

Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller spielen alternierend das Monster und dessen Schöpfer Victor Frankenstein. Bild: Clare Nicholson

Etwas wahrhaft Einmaliges bietet das Londoner National Theatre nun im kostenlosen Stream an: Mary Shelleys „Frankenstein“, für die Bühne adaptiert von Nick Dean, inszeniert vom als Filmemacher bekannten Danny Boyle – mit Superstar Benedict Cumberbatch und Boyles „Trainspotting“- Longtime-Companion Jonny Lee Miller in den Hauptrollen. Und dies alternierend! Zu sehen bis 8. Mai auf ntlive.nationaltheatre.org.uk.

Die Inszenierung ist mit einem Wort brillant. Boyle und Dean konzentrieren sich auf das Opfer der Wissenschaft, heißt: das „Monster“, erst nach mehr als der Hälfte der zweistündigen Spielzeit hat Victor Frankenstein seinen Auftritt, und entstanden ist so ein intensiver, intelligenter, von humanistischem Denken durchtränkter Abend. Eigentlich zwei, denn es lohnt, beide Versionen anzuschauen, da beide Darsteller doch differente Auffassungen der Schöpfung und ihres obsessiven Schöpfers verkörpern. Ihre Performances zu vergleichen, ist ein unvergleichliches Theatervergnügen.

Durch die schauspielerische Dopplung wird die Charakterspiegelung umso deutlicher, wird einer umso deutlicher des anderen Alter Ego, sehr heutig mutet diese Furcht vor dem Fremden und dem Unverständlichen an, auf das ergo Jagd gemacht werden muss, aber auch Mary Shelleys Aufbegehren gegen ungerechte sozial-gesellschaftliche Strukturen findet seinen modernen Widerhall. Wer jedoch, to cut a long story short, nur für eine Aufführung Zeit findet, sollte Miller als Kreatur und Cumberbatch als Victor wählen.

Das Setting, das Ausstatter Mark Tildesley und Lichtdesigner Bruno Poet, nomen est omen, entworfen haben, ist atemberaubend. Unterm rotglimmenden und elektrische Blitze aussendenden Sternenzelt wird unter Schmerzen die Kreatur geboren, als künstliche Gebärmutter steht eine riesige Hautmembran auf der blutig beleuchteten Bühne, darin pulst und bewegt es sich, bis es herausfällt – das Neugeborene, ecce homo, nackt und erbarmungswürdig, zappelnd wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Und der Schöpfer? Kein liebevoller Vater, sondern einer, der’s mit der Angst kriegt und seinen Schutzbefohlenen verstößt, direkt vor die Eisenbahn, auf deren dampfender Lokomotive Danny Boyles liebste Brit-Band Underworld, Karl Hyde und Rick Smith, nun angebraust kommt, als wär‘ das Industriezeitalter aller Laster Anfang. Mit „Dawn of Eden“ (www.youtube.com/watch?v=LLbbWlTgS4w) untermalt diese musikalisch, wie die Kreatur aufsteht, herumstolpert, sich an der Natur erfreut und ihr ausgeliefert ist, der eigenen wie Spatzenschwarm und Regenguss, verprügelt und halb verhungert, bis sie ein Buch findet, 〈Mary Shelleys?〉, und kichernd die Seiten rascheln lässt.

Miller wie Cumberbatch leisten körperliche Schwerstarbeit, die Performance aus sabberndem Grunzen und spastischen Gesten im Bildschirm-Closeup in ihren feinsten Nuancen zu würdigen, sehr symbolisch ist, was passiert – und in cineastischem Sinne sinnlich. Cumberbatchs Kreatur besitzt Humor wie Pathos: Sein Eintritt in die Welt ist ein hilfloses Hineinwackeln ins Land kindlicher Neugier; unter De Laceys Fittichen wird er zum Schüler – Karl Johnsohn auch als verarmter, vom Großbürger zum Altbauern gewordener Blinder ein King Lear.

Und wunderbar tragikomisch ist, wie der Lehrmeister seines Pflegesohns „Piss off! Bugger off!- denn etwas anderes hatte der zuvor nie gehört -Wortschatz erweitert. „Someone will love you, whoever you are. Love can overcome prejudice“, sagt De Lacey, der des Monsters Zurichtung freilich nur ertasten kann, und dieses erwidert erstaunt: „What is love?“ Da hat das Live-Publikum gut lachen, bei den Dialogen zwischen dem zaghaften Erkunder seiner Existenz und dem Philosophen, der weniger an Gott, denn an Verstand und Vernunft glaubt.

Benedict Cumberbatch und Haydon Downing. Bild: Catherine Ashmore

Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Naomie Harris und Benedict Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Episch ist’s, wie Cumberbatch John Miltons „Paradise Lost“ rezitiert, und ergreifend, wie er die Friedhofserde als seinen Ursprungsort erkennt, entsetzlich, als er empört über seine neuerliche Vertreibung durch De Laceys Sohn Keusche samt Bewohnern niederbrennt. „I sweep to my revenge,“ diesen Satz schreit auch Jonny Lee Miller, doch seine Kreatur ist ungleich animalischer, auf eine gewisse Art männlicher, also gefährlicher, die Stimme rauer, tiefer, lauter, also aggressiver. Dass das Monster an Ella Smiths „Gretel‘s“ Schoß schnüffelt, hatte man bei Cumberbatch gar nicht bemerkt, auch nicht, dass es der Dirne den Schnaps aus der Hand nimmt, trinkt, spuckt.

Und auch die Tanzillusion von Andreea Paduraru als Female Creature wird durch Millers Reaktion zum eindeutig sexuell konnotierten Traum. Dazu passt nun neckisch De Laceys „Was it a good dream?“ – „It was pleasing!“, doch grauenhaft klar wird erst bei diesem zweiten Mal Sehen, dass Eva hier bereits ihr Ende andeutet. Wirkt Cumberbatch wie ein naiv Wissbegieriger, so Miller als ein verzweifelt Suchender, wo der eine schüchtern nachhakt, muss der andere vehement widersprechen. Mit Miller mutet die Inszenierung insgesamt gewalttätiger an, gegen Miller ist das Cumberbatch-Monster ein Elegiebürscherl, welch ein Paradebeispiel dafür, wie ein Protagonist das große Ganze prägt.

Wenn Millers Monster Frankensteins kleinen Bruder William auf seine Schultern hebt, bangt man in der Minute um dessen Leben. Bei Cumberbatch gehört die Schuld dafür, da ja zum Mord getrieben, letztlich Victor. Und als die Kreatur Victors Braut vergewaltigt, bevor sie sie tötet, ist es, als würde sie lediglich die dunklen, unterdrückten Wünsche ihres Schöpfers erfüllen. Jonny Lee Miller ist ein obsessiv-eisiger Wissenschaftler, der sein Werk vor die Liebe stellt, denn auch er kennt deren wahre Bedeutung nicht, sein Frankenstein ganz Herrenmensch, selbstgerecht und frauenverachtend, nur George Harris als sein Vater ist noch herrischer als er.

Nach der Panik in der Anfangssequenz platzt er nun vor Stolz auf sein großes Experiment, dies Ausdruck seines großen Geistes, und wird von Cumberbatchs Kreatur darob als „genius“ verspottet. Auf Millers überraschtes „It speaks!“ schleudert diese ihm ihre tiefe Verachtung entgegen – warum sie gemacht wurde? „To prove that I could!“ – „So you make sport with my life?“ – „In the cause of science!“ Und wieder Paradise Lost, und Cumberbatch sagt: „God was proud of Adam, but it’s Satan I sympathize with.“ Wie aus der natürlichen Veranlagung zum Guten durch gesellschaftliche Deformation Böses entsteht, wow! Nick Dean!

Der in der Figur von Frankensteins Dauerverlobter Elizabeth auch Mary Shelleys feministischer Kritik an der männlichen Usurpation des Gottesbegriffs zu ihrem Recht verhilft. Millers Frankenstein, der Egomane mit dem Gottkomplex, wird also in dieser Auseinandersetzung dank des Monsters Logik an die Wand argumentiert, die Szene das Herzstück der Aufführung, da begegnen sich zwei Ebenbürtige auf Augenhöhe, sowohl was die Charaktere als auch deren Darsteller betrifft. Und über allem steht Danny Boyles Frage zu Deans von Glaubensfragen durchzogenem Text – nämlich, wer das Monster ist, wer abstoßend, wer ekelerregend.

Beider Hybris ist herausragend, was Wunder, dass sie einen Pakt schließen, was Wunder, dass einer des anderen darling – und beide Male ist sie Frankensteins Braut – killen wird. Mary Shelleys zweiten Romantitel „The Modern Prometheus“ bedient Cumberbatch, indem er aus diesem eine Lord-Byron’sche Figur macht. Sein Frankenstein ist ein nobleman mit jungenhaftem Charme, gleichzeitig ein in sich und seine wissenschaftlichen Theorien versponnener Forscher, subtiler im Gift und Galle Spucken, enthusiasmiert und hibbelig, sobald das neue Projekt der Leichenteil-Braut ansteht.

Benedict Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Naomie Harris und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Karl Johnson und Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Underworld mit Ensemble. Bild: Catherine Ashmore

In beiden Rollen verhalten sich die Proportionen Millers zu Cumberbatchs wie eine archaische Religion zur reformierten Kirche, ist Millers Monster verstörender und einen emotional angreifender, so Cumberbatchs Frankenstein ein Künstler. Schock und Spaß sitzen nun an anderer Stelle, die Schlüsselszene ist jetzt die Präsentation der weiblichen Kreatur, ob der der grüblerische Schöpfergott und sein entfesselter Satan rasch zu Rivalen im Wettstreit ums ewige Weib werden.

Der Januskopf im Auge-um-Auge-Kampf, da hat auch Cumberbatchs „Mein Herz schlägt wie deines“-Griff an Elizabeths Busen nichts Harmloses mehr, weil sich Miller danach in den Schritt greift. The Erbsünde-apple is eaten, um’s Denglisch zu formulieren, he will harm her, und fabelhaft ist, wie sich die Mit- auf vier verschiedene Hauptakteure eingelassen haben. Allen voran Naomie Harris als Elizabeth, die dem Monster als gute Christin mit Mitgefühl begegnet und dafür dessen Rechnung mit Frankenstein bezahlt, ihre Schändung zweifellos der affektive Höhepunkt in deren Ringen, sein zu wollen, wer man ist und wer einen daran hindert.

Harris verleiht Elizabeth große Tiefe und harmoniert mit Miller wie Cumberbatch hervorragend, keineswegs unterwürfig konfrontiert sie ihren Endlich!-Ehemann mit der Klage, warum er ein künstliches Kind, statt eines so sehnlich gewünschten mit ihr erschaffen hat, eine Szene voll aufgestauten Leids und Leidenschaften. Den düsteren leeren Raum mit seiner ahnungsvollen Atmosphäre durchbricht Boyle mit kleinen skurrilen Momenten, wie’s nur die Briten können.

Mark Armstrong als Rab und John Stahl als dessen Onkel Ewan sind kauzige Grabräuber, die beim Buddeln unbeschwert in originellem Orcadian-Dialekt schwatzen, darin Hamlets Totengräbern nicht unähnlich, ebenso wie Ella Smith sowohl als des Monsters Prostituierte Gretel als auch als Frankensteins Bedienstete Clarice eine Falstaff-Frau ist. Hayden Downing ist als William Typ wohlerzogener Spitzbub.

Fazit: Cumberbatch und Miller brillieren in allen Facetten von Wahnsinn, ist des ersteren Kreatur ein sensibler Intellektueller, überzeugt Miller mit Gefühl und Furor. Kann Cumberbatch auch das lächerlich Selbstverliebte in Frankenstein zum Vorschein bringen, so Miller dessen irritierende Skrupellosigkeit. Der Rollentausch hebt die Ironie des Gezeigten hervor, wie schnell sich in der Welt doch der Platz von Herr und Sklave drehen, und am Ende … bleiben beide für immer Verbundene. Hier im ewigen Eis. Eine Warnung für zartbesaitete Gemüter: Bei der Brautkammerszene wäre ich vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Und das zweimal, nein!, eigentlich: viermal.

Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Cumberbatch als Monster, bis 7. Mai: www.youtube.com/watch?v=tl8jxNrtceQ&feature=youtu.be

Cumberbatch als Victor Frankenstein, bis 8. Mai: www.youtube.com/watch?v=dI88grIRAnY&feature=youtu.be

www.nationaltheatre.org.uk           ntlive.nationaltheatre.org.uk

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DmkQHV8e4Rk          www.youtube.com/watch?v=XKNNZKAu12g            www.youtube.com/watch?v=9NPlf4CEExU           www.youtube.com/watch?v=psAtbHDdaOU&t=23s

Benedict Cumberbatch, Jonny Lee Miller, Danny Boyle und Nick Dear im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=wanlO8fb1co           www.youtube.com/watch?v=E67Ty4diDgE           www.youtube.com/watch?v=8yUMbxSTWqg

3.5. 2020

Schauspielhaus Graz: Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Dezember 10, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Regisseur Philip Jenkins im Gespräch

Kaspar Locher, Julius Feldmeier Bild: (c) Lupi Spuma

Kaspar Locher, Julius Feldmeier
Bild: (c) Lupi Spuma

Am 14. Dezember hat am Schauspielhaus Graz „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ nach der Erzählung von Robert Louis Stevenson Premiere. Stevenson, unter anderem Autor des Klassikers Die Schatzinsel, schrieb die Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde 1886. Neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Technik und Wissenschaft bescherten damals den Menschen auf einen Schlag neue Freiheiten und Risiken. Im Dilemma der Doppelfigur Jekyll/Hyde, der Aufspaltung zwischen Gut und Böse, schuf Stevenson einen Stoff, der nun im 21. Jahrhundert mit der Frage, wie man leben möchte, neue Gültigkeit erfährt. Dr. Jekyll ist in seiner Forschung auf die Möglichkeit gestoßen, einen Teil seines Ichs abzuspalten und in ihm all das auszuleben, was ihm sonst verwehrt bleibt: Entgrenzung ist das Zauberwort! Der Traum vom Ausleben der Sehnsüchte, auch der dunklen, ohne dafür belangt, ohne in seinem Umfeld erkannt zu werden, wird für ihn Wirklichkeit. Doch Dr. Jekylls Selbstversuch geht schief und die andere Identität Hyde ist bald nicht mehr bereit, nur der Erfüllungsgehilfe für den Doktor zu spielen. Jekyll hat sich seinen eigenen Todfeind geschaffen! Es spielen Julius Feldmeier, Pia Luise Händler, Kaspar Locher und Christoph Rothenbuchner. Regie führt: Philip Jenkins (*1976 in Heidelberg) studierte Theaterwissenschaft in Wien, bevor er Regieassistent am Burgtheater wurde. 2008 inszenierte er die Österreichische Erstaufführung von Das Leben der Bohème nach Aki Kaurismäki am Burgtheater und arbeitet seither regelmäßig am Volkstheater Wien und am Harzer Städtebundtheater. Am Schauspielhaus Graz inszenierte er 2013 die Österreichische Erstaufführung von Elfriede Jelineks FaustIn and out. Ein Gespräch.

MM: Wie kam es zur Beschäftigung mit Jekyll und Hyde? Was ist für Sie der Reiz an der Geschichte von Robert Louis Stevenson?

Philip Jenkins: Für mich ist „Jekyll und Hyde“ ein außerordentlich interessanter Stoff, weil es um Verwandlung geht, ein Ur-Thema des Theaters – Verwandlung im tatsächlich existentiellen Sinne. Ein anderes wichtiges Thema ist Freiheit. Jekyll sieht die Chance, sich nicht nur als Individuum frei zu machen, sondern sogar sich von sich selbst als Individuum zu befreien. Es gelingt ihm anscheinend, sein Gewissen nach Belieben an- und abzuschalten und seine Sehnsüchte komplett in eine andere Person zu verlagern. Das heißt, er kann sich auf der einen Seite rücksichtslos ausleben, auf der anderen Seite bleibt er ein verantwortungsvoll funktionierender Bürger mit reinem Gewissen. Diese vollkommene Freiheit Jekylls kippt allerdings ins Gegenteil: Als Hyde die Kontrolle übernimmt, verliert Jekyll nach und nach das, was selbst dem Unfreiesten immer noch bleibt, nämlich mit sich eins und identisch, sprich „individuell“ zu sein. Das Dilemma Jekylls, gleichzeitig frei und verantwortungsvoll zu sein, die scheinbare Überwindung dieses Dilemmas und die katastrophalen Folgen – das finde ich hochaktuell.

MM: Wann haben Sie den Roman zum ersten Mal gelesen? Und was dabei gedacht, empfunden?

Jenkins: Den Roman habe ich, glaube ich, mit 18 zum ersten Mal gelesen. Fasziniert hat mich daran das, was wohl bis heute die Popularität der Geschichte ausmacht: Die vereinfachte, aber eben nicht banalisierte Grundkonstellation für eine Vielzahl von komplizierten Problemen. Deshalb ist „Jekyll und Hyde“ einer der wenigen modernen Großstadt-Mythen geworden, ähnlich wie die ebenfalls viktorianischen Mythen „Sherlock Holmes“ und „Dracula“.

MM: In Ihrer Fassung haben Sie der Story das „Viktorianische“ runtergeräumt. Es bleibt ein Philosophieren um „Bewusstsein“. Ihr Jekyll scheint mir weniger Arzt als Mathematiker in einer Gödel’schen Variation. Ihre Meinung dazu? Und: Ist jeder Wissenschaftler in irgendeiner Form ein „Ungeheuer“?

Jenkins: Ich habe versucht, in den ersten Szenen einen gewissen „Konversations-Ton“ beizubehalten, der sich im Laufe des Stücks wandelt. Die Normalität, fast schon Gediegenheit von Jekylls, Beatrix’ und Johns Welt spiegelt sich wider in einer Dialog-Struktur, die dem Publikum vertraut ist. Mit dem Einbruch von Hyde in diese Welt ändert sich auch die Sprache. Bemerkenswert ist, daß es zur heutigen Bewusstseins-Forschung Beiträge von Wissenschaftlern aus allen Disziplinen gibt: Physiker, Mediziner, Biologen, Soziologen, Mathematiker, Philosophen u.a. beschäftigen sich damit. Man könnte fast sagen, daß das Bewusstsein wieder den Universalgelehrten vergangener Jahrhunderte verlangt – im Gegensatz zur sonstigen zunehmenden Spezialisierung in der Wissenschaft. Deshalb ist Jekyll in meiner Fassung zwar Mediziner, aber er hat Kenntnisse aus verschiedenen Bereichen und kann diese verknüpfen. Sind Wissenschaftler „Ungeheuer“? Nein, sicherlich nicht. Es gibt Wissenschaftler, die mit größter Vehemenz versuchen nachzuweisen, daß der Mensch nur ein Haufen Neuronen ist, und die trotzdem verheiratet sind und ihre Enkelkinder lieben. Wie geht das zusammen? Diese Diskrepanz zwischen „reiner Lehre“ und Privatleben finde ich im Hinblick auf „Jekyll und Hyde“ besonders interessant.

MM: Wie stark beeinflusst Jekyll die Angst, gesellschaftlichen Konventionen nicht zu genügen?

Jenkins: Jekyll hat soziale Defizite. Seine Verlobte Beatrix ist da viel geschickter, man kann sagen, sie ist eine „Netzwerkerin“. Und sie ist verärgert, wenn Jekyll ihre Bemühungen durch Ungeschicklichkeit oder Überheblichkeit torpediert. Dabei ist Jekyll gar kein erklärter Feind der gesellschaftlichen Konvention,  er versucht nur, sich ein Leben abseits davon zu etablieren.

MM: Ist Hyde ein Katalysator – für versteckte Obsessionen im Unter-Bewusstsein? Einer, der das Gehörte verdaut und die Wahrheit sagt? Der „Sicherheit“ bietet?

Jenkins: Ja, das kann man so sagen. Hyde kennt keinerlei Form von Loyalität oder Solidarität, das macht seine Stärke aus. Die Schattenseiten dieses asozialen Verhaltens muss er nicht ausbaden, weil er sich immer rechtzeitig in Jekyll flüchten kann. Das scheint am Anfang tatsächlich eine Art von „Sicherheit“ zu bieten. In unserer Fassung entsteht Hyde und muss sich dann erstmal eine Sprache schaffen. Das heißt, er verwertet die Gespräche, die Jekyll zuletzt geführt hat, löst Begriffe aus ihrem Kontext und wendet sie ins Zynische. Es liegt nahe, daß Jekyll während dieser Gespräche vielleicht auch ähnliches gedacht hat und es Hyde ist, der diese Gedanken dann ausspricht.

MM: Ist John der Gegenentwurf zum Janus-Kopf? Weil er seinen „freien Willen in den Dienst der guten Sache stellt“?

Jenkins: John macht scheinbar alles richtig: Er stellt sich den sozialen Problemen der Zeit und lässt sich dabei von einem sehr starken Gerechtigkeitssinn leiten. Er riskiert die Unversehrtheit seines Körpers, um der Stimme seines Gewissens zu folgen, ohne daß er durch äußere Einflüsse dazu gezwungen wäre. Zumindest hat er das vor. Aber er scheitert in seinem Vorhaben an der eigenen Bequemlichkeit, stellt also letztlich sein Wohlbefinden über die idealistischen Ziele. John will seinen „freien Willen in den Dienst der guten Sache stellen“, aber sein „freier Wille“ entpuppt sich lediglich als „guter Wille“. Und der bewirkt bekanntlich an sich nicht viel – heute wie damals. John weiß das, leidet darunter und bemitleidet sich dann auch noch selbst.

MM: Trägt jeder Jekyll und Hyde in sich? Wann ertappen Sie sich dabei, hyde-isch zu sein?

Jenkins: Ich glaube, beim „hyde-isch“-Sein ertappt man sich nicht so häufig, wie bei dem Wunsch, „hyde-isch“ zu sein – und der steckt wohl prinzipiell in jedem. Wohl jeder hat manchmal das Gefühl, es ginge ihm insgesamt besser, wenn er die Einschränkungen durch Kollegen, Familie, Freunde, Feinde – kurz Mitmenschen ignorieren könnte, und auch die Nöte derselben. Man glaubt, ein Recht dazu zu haben, andere beiseite zu schieben, um „auch mal an sich zu denken“, „nicht mehr zu kurz zu kommen“ usw. Aber wohin führt das in der extremsten Konsequenz?

MM: Ein paar Worte zur Inszenierung: Spielt ein Schauspieler Jekyll und Hyde? Eine rein körperliche Verwandlung oder eine mit Hilfsmitteln? Es gibt eine Szene, wo sich beide gegenüber stehen – also doch zwei Darsteller?

Jenkins:  Es gibt in der Inszenierung tatsächlich zwei Schauspieler für die beiden Figuren bzw. Charaktere (im englischen Theater ist das Wort für „Rolle“ ja tatsächlich „character“…): Christoph Rothenbuchner ist Jekyll, Kaspar Locher ist Hyde. Für die Verwandlungen gibt es ein bühnentechnisches Hilfsmittel. Und am Ende stehen sich die beiden auch einmal gegenüber.

MM: Sie haben am Schauspielhaus Graz 2013 die Österreichische Erstaufführung von Elfriede Jelineks FaustIn and out inszeniert. Warum da? Was sind die Vorzüge des Hauses, des Ensembles?

Jenkins: Die Stücke von Elfriede Jelinek haben in meiner Biographie einen besonderen Stellenwert. Als ich 1996 nach Wien kam, konnte ich die Uraufführungen von „Sportstück“ und „Das Werk“ sehen. Später war ich Regieassistent der Uraufführungen von „Babel“ und „Über Tiere“. Sowohl als Zuschauer als auch als Mitarbeiter haben mich die Texte und der Umgang mit ihnen stark beeindruckt. Als mir das Schauspielhaus Graz die österreichische Erstaufführung von „FaustIn and out“ anbot, war ich deshalb sofort Feuer und Flamme. Daß ich dafür zwei so großartige Schauspielerinnen wie Verena Lercher und Seyneb Saleh zur Verfügung hatte, war ein zusätzliches Glück. Und meine jetzige Besetzung ist genauso inspiriert und einsatzfreudig. Ja, das Schauspielhaus Graz hat ein hervorragendes Ensemble.

MM: Es gibt Verfilmungen von 1920 bis in die Gegenwart. Mit John Barrymore, Frederic March, Spencer Tracy, Jack Palance … Haben Sie einen Favoriten?

Jenkins: Die Frederic-March-Verfilmung ist besonders schön wegen ihrer liebevollen Personenregie und der expressionistischen, fast Caligari-haften Bilder. Die Version mit Spencer Tracy war für die Erstellung meiner Fassung insofern wichtig, weil ich mich vor allem im ersten Teil sprachlich an den Drehbuch-Dialogen orientiert habe bzw. Sätze aus dem Film zu neuen Dialogen montiert habe. Sehr gerne mag ich auch die Komödie „Der verrückte Professor“ mit Jerry Lewis. Und ein besonderes Schmankerl ist der Film „Das Testament des Dr. Cordelier“ von Jean Renoir mit dem französischen Film- und Theaterstar Jean-Louis Barrault…

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 10. 12. 2013