Bohemian Rhapsody

Oktober 30, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und kein Brandstifter

Rami Malek als Freddie Mercury. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

„Das Einzige, das noch außergewöhnlicher ist als ihre Musik, ist seine Geschichte“, verheißt der deutschsprachige Trailer in großen Lettern. Allein, so stellt es sich nicht dar. Weder über Queen noch deren genialen Frontmann Freddie Mercury erfährt man in Bryan Singers Biopic „Bohemian Rhapsody“ Tiefergehendes bis tief Ergreifendes. Um dies hier nicht falsch zu verstehen, das ist kein Ruf nach Voyeurismus.

Aber der morgen in den Kinos anlaufende Film verhält sich zur Band- und Mercurys persönlicher Geschichte so beiläufig, als würde man gelangweilt seine alte Plattenkiste durchblättern. Rami Maleks sublime Performance als Freddie Mercury und der wie am Schnürchen abgespulte Greatest-Hits-Soundtrack können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Drehbuch, erst von Peter Morgan, dann übernahm Anthony McCarten, zu handzahm ist. Ein Umstand, der übrigens, glaubt man Branchenblättern, sowohl Singer – auch er knapp vor Drehschluss ausgetauscht und durch Dexter Fletcher ersetzt – als auch dem erstgenannten Freddie-Darsteller Sacha Baron Cohen sauer aufstieß. Aber die Masterminds Brian May und Roger Taylor wollten offenbar was Familienfreundliches, Altersfreigabe ist jetzt ab sechs, und das haben sie bekommen. Die Bandmitglieder kommen rüber wie Oberbuchhalter, alles Biedermänner, keine musikalischen Brandstifter. Hoffentlich ist ein Rockstar-Leben nie so unglamourös fade, wie’s in „Bohemian Rhapsody“ ausschaut.

Rami Malek als Freddie Mercury und Gwilym Lee als Bryan May. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Rami Malek als Freddie Mercury, Gwilym Lee als Bryan May und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Am Unverzeihlichsten ist, dass der Film so ambivalent mit der Darstellung von Mercurys sexueller Zerrissenheit umgeht, aus der wohl sowohl seine Einsamkeit als auch seine Exaltiertheit resultierten. Zwar hat sich der Sänger nie offiziell zu seiner Bisexualität bekannt, und das war auch nicht notwendigerweise laut auszusprechen, hat er doch weder in Songtexten noch in der Art seiner Auftritte je ein Geheimnis darum gemacht.

Doch Mercurys Familiengeschichte und Vaterkonflikt, seinen barocken Partys und seinem Hereinfallen auf falsche Freunde, seinem Liebeskummer und den deshalb oft handfesten Streitereien, seiner Flamboyanz und Exzentrik, wird weniger Raum gegeben als seiner Hingabe für seine Katzen. May und Taylor wollten es sichtlich geschönt, geglättet, auch historisch hin und wieder feingeschliffen – et voilà.

Montreux fehlt ganz, auch David Bowie oder Montserrat Caballé, die München-Episode gibt‘s kurz und ohne Barbara Valentin, und als Mercury seine Band-Familie über seine HIV-Diagnose informiert, und eine Welt in sich zusammenbricht, steht das Drehbuch dieser Tragik so hilflos gegenüber, als hätte es „The Show Must Go On“ nie gegeben.

Das legendäre Band-Aid-Konzert 1985 im Wembley-Stadion, Beginn- und Schlusspunkt des Films, wirkt seltsam kleiner als das Original. Gute Momente immerhin hat „Bohemian Rhapsody“. Einen im rohen Look britischer Sozialdramen, als ein selbstbewusster Farrokh Bulsara mit seinem improvisierten Vorsingen auf einem Autoparkplatz May und Taylor von seinen Qualitäten überzeugt. Eine eskalierende Pressekonferenz, auf der die Journalisten nur an „faggoty Freddie“ interessiert sind, May jedoch über Musik reden will. Einmal, als im Studio gezeigt wird, wie May, einen Fußballfansong im Ohr, auf das Stampf-Stampf-Klatsch von „We Will Rock You“ kam. Und natürlich die Aufnahme von „Bohemian Rhapsody“, die Ben Hardy als Roger Taylor ein immer höheres „Galileo“ abverlangt. Wiewohl er nicht so hübsch ist, wie das Original einst war, leistet Hardy ganze Arbeit.

Queens legendäre Live Aid-Performance: Gwilym Lee als Brian May, Ben Hardy als Roger Taylor, Rami Malek als Freddie Mercury und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Ebenso wie, bereits erwähnt, Rami Malek in seiner Anverwandlung des charmantesten Überbisses der Rockgeschichte auf ganzer Linie überzeugt. Joseph Mazzello ist ein glaubwürdiger John Deacon, und vor allem Gwilym Lee übertrifft alle Erwartungen, er hat sich Aussehen und Habitus von Brian May angeeignet, wie es vielleicht noch keinem Schauspieler bei einem Musiker gelungen ist.

Lucy Boynton besticht als Mercurys ehemalige Verlobte und Lebensmensch Mary Austin, Aaron McCusker ist anrührend als Mercurys letzter Lebenspartner Jim Hutton. Komödiantisch ist der Cameo von Mike Myers als Label-Verantwortlichem, der nicht an die Radiotauglichkeit der sechsminütigen „Bohemian Rhapsody“ glaubt. Myers sorgte bekanntlich Anfang der 1990er-Jahre mit „Wayne’s World“ dafür, dass der epische Song wieder in die Hitparaden kam … Alles in allem ist „Bohemian Rhapsody“ ein Film, an dem sich mutmaßlich viele Fans erfreuen, über dessen Ungenauigkeiten sich einige aber sicher ärgern werden. Den erhofften und erwarteten Blick hinter die Kulissen gibt es weder was die Band Queen und deren musikalisches Schöpfen, noch was Freddie Mercury und sein Leben angeht. Dexter Flechter bastelt dieweil schon an seiner nächsten Rockstar-Biografie, dem Elton-John-Biopic „Rocketman“. Man weiß nicht, ob man sich da freuen oder fürchten soll.

www.foxfilm.at/bohemian-rhapsody

Trailer: www.youtube.com/watch?v=2Xw1jDUIACE

  1. 10. 2018

Viennale 2016: Christopher Walken kommt vielleicht, John Carpenter ganz sicher nach Wien

August 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kompakteres Programm, verknapptes Budget

Einer der diesjährigen Höhepunkte wird der Tribute to Christopher Walken, hier in "At close Range". Bild: Viennale

Einer der diesjährigen Höhepunkte wird der Tribute to Christopher Walken, hier im Thriller in „At close Range“ / „Auf kurze Distanz“. Bild: Viennale

Namedropping ist seine Sache sonst nicht, diesmal allerdings schoss Hans Hurch sozusagen aus allen Rohren: Isabelle Huppert, Tilda Swinton, John Carpenter, Christopher Walken, sie werden erwartet, sind zumindest eingeladen, und die Chancen stehen so schlecht nicht, dass sie nach Wien kommen.

Die Damen sowieso. Altmeister Carpenter, der im Rahmen seiner Werkschau sogar ein Konzert in der Stadthalle geben wird (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19452), ist fix. Ob allerdings Wahnsinnsschauspieler Walken, der weder Computer noch Handy, dafür eine ausgewachsene Flugphobie hat, tatsächlich in Schwechat die Gangway heruntertänzeln wird, bleibt spannend.

Wie das Programm der diesjährigen Viennale, über deren Programm ihr Direktor am Freitagvormittag einen ersten Überblick gab. “Es wird eine Viennale mit ein bisschen weniger Filmen”, so Hurch, 200 statt wie im Vorjahr 230, die ab 20. Oktober zu sehen sein werden. Dauern wird das Festival bis 2. November und damit einen Tag kürzer als 2015. Man wolle so, sagt Hurch, „die Überschaubarkeit erhöhen“; offenbar gab es Rückmeldungen eines Publikums, das sich im opulenten Angebot verirrt hatte … Was bleibt ist ein exzellentes Programm, wie stets mit dem Anspruch, die beste Auswahl an den wesentlichen neuen Filme zu zeigen, die im vergangenen Jahr bei Festivals zwischen Cannes und Buenos Aires ihre Premiere erlebt haben, aber auch „abseits der von Markt und Medien ausgetretenen Pfade die eine oder andere ungewöhnliche Entdeckung zu machen“.

Isabelle Huppert in "L'Avenir". Bild: Viennale

Isabelle Huppert in „L’Avenir“ von Autorenfilmerin Mia Hansen-Löve. Bild: Viennale

"Peter Handke - Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte" von Corinna Belz. Bild: Viennale

„Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ von Corinna Belz. Bild: Viennale

In Sachen Spielfilm sind das dieses Jahr unter anderem die Episodenerzählung “Certain Women” von Kelly Reichardt mit Michelle Williams, Kristen Stewart und Laura Dern oder auch Don Cheadles Miles-Davies-Porträt “Miles Ahead”, Jim Jarmuschs „Paterson“  und Albert Serras „La Mort De Louis XIV“ mit Jean-Pierre Léaud in der Rolle des sterbenden französischen Sonnenkönigs. Isabelle Huppert ist sowohl in Mia Hansen-Löves “L’avenir” als auch in Paul Verhoevens “Elle” zu sehen. Punkto Dukumentarfilmen gibt es auch dieses Jahr einen kleinen Porträt-Schwerpunkt, etwa “Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte …” von Corinna Belz, “De Palma” über Regisseur Brian De Palma von Noah Baumbach und Jake Paltrow, “Eat That Question – Frank Zappa In His Own Words” von Thorsten Schütte oder den an verfänglichen Fotos gescheiterten US-Politaufsteiger Anthony Weiner in der Doku “Weiner” von Josh Kriegman und Elyse Steinberg.

Der österreichische Film: Von Händl Klaus bis Nikolaus Geyrhalter

An heimischen Filmen sind unter anderem Händl Klaus’ “Kater”, Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm “Homo Sapiens” oder der eben erst in Locarno gelaufene “Mister Universo” von Tizza Covi und Rainer Frimmel vertreten. Von Maya McKechneay gibt es “Sühnhaus”, von Georg Wasner “Accelerando” und von Valentin Hitz “Stille Reserven” – letzterer ein seltenes Beispiel für einen gelungenen Sci-Fi-Genrefilm aus Österreich, so Hurch.

Händl Klaus' "Kater". Bild: Viennale

Händl Klaus‘ „Kater“. Bild: Viennale

"Homo Sapiens" von Nikolaus Geyrhalter. Bild: Viennale

„Homo Sapiens“ von Nikolaus Geyrhalter. Bild: Viennale

Dancer in the Dark: A Tribute to Christopher Walken

Dem großen Charakterschauspieler Christopher Walken ist die Personale “Dancer in the Dark” gewidmet, er sei eine „der außergewöhnlichsten und eigenwilligsten Erscheinungen im amerikanischen Kino der letzten Jahrzehnte“, schwärmt Hurch. „Manchmal reicht schon ein einziger Cameo-Act von ihm, wie in ,True Romance‘, um einen Film ganz und gar unvergesslich zu machen.“ Obwohl wegen seines leicht sinistren Aussehens und eines ganz eigenen, singenden und von seltsamen Pausen skandierten Sprachduktus oft auf die Rolle des Bad Guy, des Outcast und des Psychopathen festgelegt, ist der Leinwandstar viel mehr als das. Walken ist ausgebildeter Tänzer, was bei seinen Auftritten immer wieder deutlich wird, und verfügt über eine höchst subtile Selbstironie. Die Viennale präsentiert in ihrem Tribute neben einigen seiner zentralen Arbeiten, darunter „The Deer Hunter“, „The Dead Zone“, „Catch Me If You Can“ oder „The Addiction“, auch weniger bekannte Filme sowie eine Reihe legendärer Sidesteps wie Auftritte im Musikvideo „Weapon Of Choice“ von Fatboy Slim oder die abgründig witzige Episode „More Cowbells“ aus dem Programm von Saturday Night Live.

Filmavantgardist Peter Hutton zu Gast bei der Viennale 2007. Bild: Viennale

Der amerikanische Filmavantgardist Peter Hutton zu Gast bei der Viennale 2007. Bild: Viennale

"Three Landscapes" von Peter Hutton aus dem Jahr 2013. Bild: Viennale

„Three Landscapes“ von Peter Hutton aus dem Jahr 2013. Bild: Viennale

Mit dem Titel “Time and Tide” ist eine Retrospektive zum Oeuvre des erst vor wenigen Wochen im Alter von 71 Jahren verstorbenen Avantgardisten des US-Kinos Peter Hutton angesetzt. Unter seinen Filmen finden sich Städteporträts und Architekturbeschreibungen, Industriestudien und private Notizen und als immer wiederkehrendes Motiv das Meer, das Hutton über viele Jahre hinweg als Matrose bereiste. Bei der weiteren großen Retrospektive “Ein Zweites Leben -Thema und Variation im Film” im Filmmuseum besieht man sich, was hinter den Begriffen „Remake“, „Sequel“, „Prequel“, „Reboot“ und „Spin-off“  steckt, von Fritz Langs „M“ bis zu Hitchcocks „The Man Who Knew Too Much“. Mit Robert Land wird ein weithin unbekannter österreichischer Filmemacher wiederentdeckt, der 1938 auf der Flucht vor den Nazis starb. Neu eingeführt wird eine kleine Serie mit dem Titel „Analog Pleasure“.

Das Budget für dieses Angebot könnte allerdings gegenüber 2015 um 70.000 Euro gekürzt werden. Er beklage sich zwar bei einem Gesamtbetrag von 2,7 Millionen Euro nicht wirklich, aber die Verwertungsgesellschaften könnten wegen eines laufenden Prozesses ihren Beitrag nicht leisten und auch die Stadt Wien dürfte weniger beitragen, wobei die Verhandlungen hier noch liefen, sagt Hurch. Der außerdem ausdrücklich betont, dass die Verkleinerung des Programms nichts mit dieser finanziellen Sondersituation zu tun habe. Eine gute Nachricht noch zum Schluss: Es gibt nach einer kurzen Pause und den damit verbundenen Protesten heuer wieder die legendären Dragee Keksi beim Festival. “Neben der Viennale-Tasche scheinen die Dragee Keksi für viele Menschen der Hauptgrund zu sein, zur Viennale zu kommen”, schmunzelt Hurch. Apropos, wie wird die Tasche dieses Jahr eigentlich aussehen?

www.viennale.at

Wien, 19. 8. 2016