Scala: Moonlight & Magnolias

Januar 9, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie „Vom Winde verweht“ entstand

Hermann J. Kogler, Leopold Selinger, Bernie Feit Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler, Leopold Selinger, Bernie Feit
Bild: Bettina Frenzel

Diese Rezension wagt es, ein wenig privat zu sein. Weil das Stück so sehr gemocht wird. Weil der Film so sehr auf die Nerven geht. Wenn Mutter Bügelnachmittage hatte und ihr – weil sie ohnedies schon gereizzzzzt war – niemand die Auswahl der (damals noch) VHS-Kassetten aus der Hand nahm, lief er: „Vom Winde verweht“. (Oder „Die Dornenvögel“) Uäh! Immerhin: Die Hollywood-Schnulze aus dem Jahr 1939 nach dem Roman von Margaret Mitchell war mit fast vier Stunden Laufzeit seinerzeit der Film mit der längsten Spieldauer, außerdem mit etwa vier Millionen US-Dollar der teuerste Film überhaupt. Vom American Film Institute wurde er auf Platz 4 der „größten US-Filme aller Zeiten“ gewählt. Er wurde seit seiner Uraufführung mehrfach wieder in die Kinos gebracht und ist mit einem Einspielergebnis von an die 3,8 Milliarden US-Dollar bis heute das kommerziell erfolgreichste Werk der Filmgeschichte. Und nicht nur das: Auch „künstlerisch“ wurde die Schmonzette als auserlesen betrachtet: „Vom Winde verweht“ ging mit einer Rekordzahl von 13 Nominierungen in die Oscarverleihung 1940 und wurde mit zehn Oscars ausgezeichnet, darunter als Beste Nebendarstellerin Hattie McDaniel, mit der erstmals ein afro-amerikanischer Künstler die begehrte Trophäe gewann.

Und nun erlaubte sich Ron Hutchinson mit „Moonlight & Magnolias“ – ein Begriff, der den Sklavenhalter-Süden romantisiert und außerdem einem Zitat der Figur Rhett Butler entliehen ist – eine Hollywoodfarce über die Entstehungsgeschichte des Leinwandklassikers zu schreiben. Und die ist einfach großartig. Und derzeit in der Wien-Dependance des Theaters zum Fürchten, der Scala, in einer Inszenierung von Marcus Ganser zu sehen. Inhalt: Produzent David O. Selznick (Leopold Selinger) hat die Rechte für den Roman erworben und plant aus dem 600-Seiten-Wälzer den größten Film aller Zeiten zu machen. Clark Gable und Vivien Leigh sind schon besetzt, eine ganze Filmstadt ist gebaut und abgefackelt, die Presse hat Blut geleckt, viel Geld wurde investiert: das Ganze muss einfach der Jahrhundert-Erfolg werden, sitzt Selznick doch auch sein Schwiegervater Louis B. Mayer im Nacken. Drehbuchautoren und Regisseure wurden im Dutzend gefeuert. Nun droht die Jahrhundert-Pleite. Also sperrt sich Selznick fünf Tage lang mit seinem Starregisseur Victor Fleming (Hermann J. Kogler), der am Set vom „Zauberer von Oz“ gerade Judy Garland geohrfeigt hat, und Ben Hecht (Bernie Feit), Hollywoods bestem Drehbuch-Autor, in seinem Büro ein. Doch Hecht hat den Roman weder gelesen noch überhaupt Lust, sich mit diesem „Rassismus verherrlichendem Kitsch“ näher zu befassen, während in Europa der Zweite Weltkrieg vor der Tür steht. Also greift der Produzent zu drastischen Mitteln. Bei einer Bananen- und Erdnüsse-Diät, geliefert von Sekretärin Miss Poppenghul (Irene Halenka), spielen Fleming und er Hecht die Schlüsselszenen aus dem Buch vor …  Ron Hutchinsons rasantes „Making Of“ der legendären Südstaatenfrechheit ist ein so unglaubliches und aberwitziges Szenario, dass es glatt erfunden sein könnte – aber genau so wird die Story in Hollywood noch heute erzählt … vermutlich …

Was nach Klamauk klingt, ist es über weite Strecken auch. Slapstick folgt auf Handgreiflichkeiten. Filmemacher am Rande des Nervenzusammenbruchs. Der Wahnsinn sickert durchs Schlüsselloch. Ganser lässt dies alles in seinem Bühnenbild, einer Filmrolle, in die Selznicks Büro eingebettet ist, und mit einem Original-Wochenschaubericht beginnen. Doch ihm gelingt mit Bernie Feit etwas, das anderen Inszenierungen weniger am Herzen lag: das Herausarbeiten der „Rassenfrage“. Zwei Juden arbeiten angesichts Nazi-Deutschlands an einem Stoff, in dem das „Nigger“-Dienstmädchen von der Hauptdarstellerin einfach so geohrfeigt wird, in dem die Problematik Schwarz-Weiß in einem Traum aus Technicolor untergehen soll? Feit ist ganz wunderbar als Ben Hecht. Lakonisch macht er sich über den Inhalt, den er im Schnelldurchlauf verwursten soll, lächerlich. Ein Humanist, dem die rassenideologische Hetzjagd in Übersee nicht aus dem Kopf geht, gleichzeitig wie stets ein großer Komödiant, den der Scarlett liebt Ashley – der heiratet Melanie – die stirbt – Ashley liebt Scarlett trotzdem nicht – und mit Rhett hat sie sich’s auch verscherzt – Plot immer wieder vom Schreibmaschinenband wirft. Bis schließlich nicht nur das Hirn, sondern auch die Finger verknotet sind.

Die „Show“ stiehlt ihm diesmal Leopold Selinger, der als Selznick alle Register zieht. Er ist Enthusiasmus wegen Erfolgdrucks in seiner schönsten Ausdrucksform. Mit Kleiderbügel und Croissant spielt er Sezessionskrieg, Scarlett samt Dekolleté und was nicht noch alles, während Hermann J. Kogler alias Fleming, verschrien als „Riesenarschloch“ hinter der Kamera, abwechselnd die gebärende Melanie und das „dumme“ Dienstmädchen gibt. Er, der Realist, der Zyniker, der brutal ist bis zur Ehrlichkeit, sich aber, weil unter Vertrag, um den „Scheißdreck“ kümmern wird. Großartig! Der Abend wird mit zunehmender Verzweiflung seiner Protagonisten, die zwischendurch auch noch die Nöte ihres jeweiligen Berufs von den anderen therapiert haben wollen, besser und besser. Lachen, bis das Zwerchfell w. o. gibt. Auch Miss Poppenghul befindet sich angefangen bei der Frisur bald in Selbstauflösung. Irene Halenka macht aus der Rolle, die im Wesentlichen aus den Worten „Ja, Mr. Selznick“ besteht, ein Kabinettstück für sich. Höhepunkt der Körperarbeit ist aber eben jene Ohrfeigen-Szene, in der sich die Eingeschlossenen zum Watschn-Trio verwandeln, weil Hecht sie überhaupt streichen will, Selznick um die Burg nicht – und Fleming den besten Kamerawinkel für den Konflikt sucht. Verraten sei, dass Feit die meisten Tätschen kassiert …

Marcus Ganser hat aus einer heißgeliebten Klamotte Unterhaltung mit Haltung gemacht. Bravo. Wer die Aufführung bis jetzt versäumt hat, kann auf Scarlett O’Haras berühmt gewordene letzte Worte setzen: Morgen ist auch noch ein Tag.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 9. 1. 2014