Werk X: Raststätte oder Sie machens alle

April 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Sex mit Stofftieren

Poledance ist auch nur ein Sport: Thomas Kamper, Arthur Werner, Sandra Bra, Sebastian Klinser und Markus Mariacher. Bild: Yasmina Haddad

Am Ende werden Teddybär und Plüschelch genüsslich zerlegt, in ihre Leckerlis zerfleischt und aufgefressen. Und siehe, hinter den ohnedies schon zu Stofftieren sich degradierenden Bestien auch nur der Mensch – im anatomischen Modellanzug. So schaut das aus, wenn Regisseurin Susanne Lietzow Elfriede-Jelinek’sche Figuren zum Striptease lädt. „Raststätte oder Sie machens alle“ hat die zweifache Nestroy-Preisträgerin nun im Werk X inszeniert.

Und am Satyrspiel zu Totenauberg das zotig Farcenhafte betont. Tatsächlich nennt Lietzow den Text im Gespräch einen „Porno-Feydeau“. Dessen Grundlage allerdings Mozarts „Così fan tutte“ ist: Zwei frustrierte Ehefrauen verabreden sich via Sexinserat auf einer Autobahntoilette mit zwei Tieren, von denen sie sich ebensolchen, triebhaft-zügellosen Beischlaf erhoffen. Inmitten einer zermüllt-desolaten, von Peter Laher erdachten Bühne setzt Lietzow ihre Handvoll Darsteller ab. Doch nichts geht, Potenz wird zum Problem, denn in den Kostümen treffen die Frauen unverhofft auf ihre eigenen Männer. Die Liebe ist, man sieht es gleich am ersten Bild, ein Überraschungsei …

Dass das nicht alles auf den ersten Blick verständlich ist, ist systemimmanent. Auch die mäandernden Sprachkaskaden der Nobelpreisträgerin sind nicht Wort für Wort zu nehmen, sondern als Komposition, als Klang. Und durch klingt – Lebensthemen – ihre Kritik an Geschlechterrollen, an versuchter seelenbodenloser Selbstoptimierung (dies gern durch Sport, in dessen Bekleidung bekanntlich „wenig Platz für Lebensgenuss“ ist) und ein scharfer Blick auf Entfremdungsursachen, auf hiesige und andernortige Neidgesellschaften, die auf der Suche nach einem ureigenen Zentrum sich selbst in die Randlagen verlieren.

Highlight des Abends: Gilbert Handler mit Arthur Werner und Thomas Kamper: Bild: Yasmina Haddad

Vor der Plakatwand: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz. Bild: Yasmina Haddad

Lietzow assoziiert da frank und frei. Pinnt Da Pontes „Fremdländer“ auf ein paar Heimatwahlplakate, die nicht weniger obszön sind als verwandte Originale, die Abart als aktuelles Schleuderblatt für alle, die Abgrenzung zum anderen brauchen. Steckt Klaus Huhle vom allmächtigen Wirtsmenschen zurück in den Baby-Fatsuit. Lässt Gilbert Handler begnadet singen, er der Höhepunkt des Abends, wenn er Liebeslieder bis hin zum Ave Maria interpretiert. Steigert ihre Arbeit mehr und mehr in albtraumhafte Szenen, während sie das Explizite aus der Jelinek kitzelt.

Dazwischen die vier, Isolde und Kurt, Claudia und Herbert, längst Negativspiegelflächen ihrer einmal gewählten Partner, die nun erwarten, dass sie „von anderen Menschen zum Klingen gebracht werden“: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz als die Durchschnittlichen, die so gerne einmal Über- wären. Sebastian Klinser und Markus Mariacher als die Kostümierten, die Bau- und Büromaschinenvertreter, die aus der fremden Haut schlüpfen, um in der eigenen gekillt zu werden. Wie die Schauspieler hier Lust auf Frust reimen, wie’s statt Körpertrost nur Trostlosigkeit gibt, ist sehenswert.

Und schließlich von der durchaus auch zeitpolitisch zu nehmenden Erkenntnis: „Man kann sich wie ein großes Tier anziehen, deshalb ist man es noch nicht.“

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Nikolaus Habjan inszeniert „Faust“

Februar 4, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spiel mit Puppen im Grazer Next Liberty

"Faust" Klaus Huhle mit Mephisto-Puppe Bild: Lupi Spuma

Bei den Proben: „Faust“ Klaus Huhle mit seinem Mephistopheles
Bild: Lupi Spuma

Nikolaus Habjan inszeniert Goethes Welttragödie. Mit Charakterdarsteller Klaus Huhle als Faust, Puppenspielerin Manuela Linshalm als Mephistopheles und dem Ensemble des Grazer Next Liberty. Premiere ist am 12. Februar. Für die Bühne ist Jakob Brossmann verantwortlich, der zuletzt für seinen Dokumentarfilm „Lampedusa im Winter“ mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wurde (Interview und Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15764).

www.nextliberty.com

nikolaushabjan.com

Wien, 4. 2. 2016

Susanne Lietzow inszeniert in Linz und Feldkirch

September 8, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater Phönix: Leonce und Lena

Projekttheater: Foxfinder

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl
Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Susanne Lietzow ist zurzeit in Oberösterreich und in Vorarlberg als Regisseurin zugange. Am Linzer Theater Phönix bringt sie am 10. September Georg Büchners virtuoses Spiel „Leonce und Lena“ auf die Bühne. Sein 1836 verfasstes einziges Lustspiel ist ein absurd-romantisches Märchen, eine bitterböse Satire über die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit. Eine Persiflage auf die Weltfremdheit und Dekadenz eines elitären Standes, der es sich leisten kann, sich Langeweile zum Problem zu machen, während das Volk schuften muss, um zu überleben. Das Theater Phönix sieht in Büchners Kritik an der Ausbeutung des Menschen durch den Staat und das Feudalsystem durchaus Parallelen zu den Zuständen unserer Zeit. Es gehe um eine „No-Way-Out-Generation, die sich in einer ausweglosen Situation befindet“, so die Regisseurin. Das Stück habe „sowohl eine romantische als auch eine politische Seite in einer einzigartigen Sprache, die direkt unter die Haut geht.“

Julia Jelinek, die gleichzeitig in den österreichischen Kinos im Film „Der Blunzenkönig“ an der Seite von Karl Merkatz zu sehen ist, wird die Prinzessin Lena verkörpern, die vor der arrangierten Ehe mit Prinz Leonce flüchtet und sich inkognito dennoch in ihn verliebt. Phönix-Stammspieler David Fuchs wird den Prinzen Leonce spielen. Außerdem zu sehen: Rebecca Döltl, Tänzer und Choreograf Daniel Feik, neu im Phönix-Team: Markus Hamele, Klaus Huhle („Ihm laufe ich schon seit vier Jahren nach!“, sagt Lietzow), Sebastian Pass und Felix Rank. „Leonce und Lena“ spielt diesmal auf Kunsteis – und das Schauspielteam auf Eislaufschuhen. Dafür gab es Unterricht vom Linzer Eiskunstlaufverein.

Am 17. September folgt am Projekttheater Susanne Lietzows Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder – Zeit der Füchse“. In ihrem preisgekrönten Stück zeichnet die britische Autorin eine raffiniert-groteske Parabel auf den Überwachungsstaat. Eine aberwitzige Ausgangssituation, überzeichnete Figuren und pointierte Stakkato-Dialoge machen „Foxfinder“ zu einem Stück wie gemacht für das Ensemble des Projekttheaters. Den Menschen geht es schlecht. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und Missernte sorgen für Unmut und Verzweiflung in einer ländlichen Gegend irgendwo in England. Ein Feindbild muss her. Der Fuchs. Er verseucht die Bauernhöfe, beeinflusst das Wetter, manipuliert Träume und Verstand und tötet unschuldige Kinder – predigt der staatliche beauftragte „Foxfinder“ William Bloor, gespielt von Rafael Schuchter. Er platzt in die Welt des Ehepaars Samuel (Marc Fischer) und Judith Covey (Martina Spitzer) und der Nachbarin Sarah (Maria Hofstätter). Das Ehepaar Covey, geschockt vom plötzlichen Tod des Sohnes und verzweifelt wegen der schlechten Ernte, wird zur Zielscheibe des Foxfinders. Gespielt wird am magischen Ort der Johanniterkirche Feldkirch.

Im Februar/März 2016 kommt die Produktion als Gastspiel ins Theater Nestroyhof Hamakom.

www.theater-phoenix.at

www.projekttheater.at

Wien, 8. 9. 2015

Festspiele Stockerau: Einer flog über das Kuckucksnest

Juli 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Häuptling fand seinen kongenialen Cowboy

Horst Heiss (Häuptling Bromden) und Klaus Huhle (Randle P. McMurphy) Bild: © Johannes Ehn - Festspiele Stockerau

Horst Heiss (Häuptling Bromden) und Klaus Huhle (Randle P. McMurphy)
Bild: © Johannes Ehn – Festspiele Stockerau

Es war ein Wagnis. Und wer wagt, gewinnt. So wie Intendant und Regisseur Zeno Stanek mit seiner Inszenierung von „Einer flog über das Kuckucksnest“ in Stockerau. Die Vorlage ist gewaltig. 1962 veröffentlichte Ken Kesey seinen Roman, den Dale Wasserman  (der auch „Der Mann von La Mancha“ dramatisierte) ein Jahr später zum Bühnenstück umarbeitete. 1975 dann der Knalleffekt: Miloš Forman verfilmte den Stoff mit Jack Nicholson und Will Sampson www.youtube.com/watch?v=wBB985CIva4 . Nicholsons zerrupfte Frisur, sein irrer Blick, sein Wolfsgrinsen brachten dem Meisterwerk fünf Oscars, sechs Golden Globes und sechs Mal den Britischen Filmpreis ein. Nur Autor Kesey war nicht zufrieden. Er verließ die Produktion nach zwei Wochen, weil seine Story nicht mehr von Chief Bromden erzählt wurde, sondern Forman sich ganz auf Nicholson fokussierte.

Stanek lässt das alles offensichtlich kalt. Wenn man etwas dazu sagen kann, dann, dass er näher am Buch ist, als an allen anderen Steilvorlagen. Inhalt: Der unangepasste Kleinganove und leidenschaftliche Spieler Randle P. McMurphy wird auf Grund eines durch ihn vorgetäuschten Wahnsinns vom Gefängnis in die Psychiatrie (das Kuckucksnest) verlegt. Dort ruft er die Patienten mit Witz und Vehemenz zum Widerstand gegen das System und vor allem gegen Ober­schwester Miss Ratched auf. Bald hat er seine Kollegen soweit, Glücksspiele zu bestreiten und Wet­­ten aller Art abzuschließen. McMurphy stellt die Anstaltsordnung auf den Kopf, lädt leichte Mädchen (sehr sexy: Karin Verdorfer, einmal in Schwesternkittel, einmal in Hot Pants) ein. Der Gipfel ist die Wet­te, die stets Contenance bewahrende Miss Ratched außer Fassung zu bringen. Eine Wette mit weit­rei­chen­den Folgen für alle Anstaltsinsassen. Es folgen ein Selbstmord und ein Gnadentod. Und ein Befreiungsschlag, ein Ausweg in den Sonnenuntergang …

Stanek zeigt diesen Mikrokosmos als Abbild der Welt. Er gestaltet eine Parabel über die als totalitäres System empfundene Gesellschaft, die dem Individuum nur die Wahl zwischen unterwürfiger Selbstaufgabe oder aber Ausschluss und Bestrafung lässt.  Der „Staatschef“, heißt: der Anstaltsleiter Dr. Spivey (ein gutmütiger, edler Marcus J. Carney) steht unter der Knute der militanten Oberschwester Ratched (Elke Hartmann wunderbar herrisch. Auf die mehrfach gestellte Frage: „Habt ihr keine Eier?“ kann man nur antworten: Sie schon. Ratched nimmt übrigens Platz fünf der All-Time-Schurken-Liste Hollywoods ein.) Ratched betreibt Elektroschocktherapie getarnt als Patientenbasisdemokratie. Stanek zeigt in erschreckenden Szenen deren Entmündigung durch die Götter in Weiß. Erbarmungslos wird in Gruppensitzungen deren Innerstes vor aller Augen nach außen gerissen. Häuptling Bromden, der sich als taubstumm verstellt, um seine Ruhe zu haben, darf das alles wieder als Stimme aus dem Off erzählen. Aus dem Off denken. Der stets großartige Hüne Horst Heiss www.horstheiss.com gibt einen stoischen Renidenzler, einen Beobachter, der schließlich zur Tat schreitet. Doch nicht nur, was sich innerhalb des Irrenhaus-Gitterkäfigs abspielt, berichtet er, sondern auch von Großkonzernen, die seinen Stamm enteignet und von seinem Land vertrieben haben. Er, der letzte des Clans, der letzte Aufwiegler, wird weggesperrt. Und halluziniert vom Wasserfall und dem Ruf der Wildgänse.

In Klaus Huhle hat der Häuptling einen kongenialen Cowboy gefunden. Dieser McMurphy kommt nämlich mit Stetson und Boots in die „Arena“ gestiefelt. Huhle hat nicht die Absicht, den schlechteren Jack zu mimen. Er gibt der Rolle seine eigene, höchst gelungene Färbung. Statt ein zynisches Arschloch à la Nicholson zu sein, ist er ein tragikomischer Antiheld, der tatsächlich an Gerechtigkeit glaubt, ein Vorschriftenbrecher gegen die Schwesterntrachtdiktatur. Ein Rebellenführer, der am geschlossenen System scheitern wird. Denn in all seiner Lustigmacherei, seiner Spaßvogelei, seiner Schlitzohrigkeit erkennt er nicht, dass er mit einem Feuer spielt, das ihn verbrennen wird. So bauernschlau er ist, so sehr ist er auch ein Tor, der das Ende der Geschichte nicht kommen sieht. Eine spannende, außergewöhnliche Auslegung der Figur. Gut angelegt sind auch Simon Jaritz als distinguierter Patientensprecher Dale Harding, dem durch den Atombusen seiner Frau die Rakete umgefallen ist; Karl Ferdinand Kratzl als menschliche Bombe; Mutterflüchtling Billy Bibbit, sehr eindrücklich dargestellt von Konstantin Gerlach; „Ruckly“ Christian Strasser als sein personal Jesus; Raufbold „Cheswick“ Robert Kolar und der Kartentrickser „Martini“ Daniel Wagner.

Ein sehenswerter Abend, der entsprechend mit viel Applaus bedankt wurde.

www.festspiele-stockerau.at