Theater zum Fürchten: Elektra

Dezember 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Gothic-Look wie Game of Thrones

Kim Bormann ist eine inbrünstige, blutrünstige Elektra. Bild: Bettina Frenzel

Die Wände des Bunkers sind blutverschmiert, Agamemnon steht auf einer wie ein Racheschrei, doch nur die Außenseiterin trauert um den abgeschlachteten König: „Elektra“. Der Hofmannsthal’- sche Text dient nun in der Scala, der Wiener Dependance des Theaters zum Fürchten, Regisseur Matti Melchinger als Spielvorlage. Dieser hat die Tragödie in einem Aufzuge zur Essenz verdichtet, schlanke 75 Minuten dauert seine Aufführung, und wiewohl er dem Dichter nichts nimmt, wird

der royale Massenmord in Melchingers rasanter, riskanter Radikalität zum modern anmutenden Mythos. Es scheint, als wolle TzF-Prinzipal Bruno Max den mit „Equus“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35706) eingeschlagenen Weg mit dieser Arbeit richtungsweisend fortsetzen, und tatsächlich ist Sam Madwar, der für die Peter-Shaffer-Inszenierung verantwortlich zeichnete, nun als Ausstatter am Werk. Gemeinsam mit Kostümbildnerin Katharina Kappert hat er eine „Game of Thrones“-düstere Welt erschaffen, archaisch, eisenhart, Lederoptik und ein Goth-Punk-Look, der Robert Smith neidisch machen könnte. Nur, dass es für Kim Bormanns Elektra, man weiß es, Hofmannsthal schrieb die seine unter dem Eindruck der Seelenerkundungen Sigmund Freuds, keine „Cure“ mehr gibt. Als Soundtrack laufen also auch keine Songs der britischen Kultband, sondern Arcade Fire’s „My Body Is a Cage“.

Bormanns Performance allein lohnt schon den Besuch dieses Abends. Ihre mykenische Revanchistin erweist sich vom ersten Auftritt an als Fall für die Psychoanalyse, ihr pathologisches „Ich kann nicht vergessen“ ist der Satz, der einem schon zu Beginn des Stücks durch Mark und Bein fährt. Bormanns Elektra krankt definitiv am zum Namen gehörenden Komplex, wenn diese Schattenvisionen ihres Vaters imaginiert. Die TzF-Debütantin spielt die Figur inbrünstig blutrünstig, großartig, wie sich bei Begegnungen mit der Mutter der Ekel auf ihrem Gesicht spie- gelt, während sie ihrerseits versucht, Schwester Chrysothemis mit innigen Umarmungen auf ihre Seite zu ziehen.

Angela Ahlheim, Kim Bormann, die Mägde Maja Sikanic, Regina Schebrak und Ivana Stojkovic. Bild: Bettina Frenzel

Klytämnestra und Aegisth verhöhnen Elektra: Kim Bormann, Bettina Soriat und Leonhard Srajer. Bild: Bettina Frenzel

Orest ermordet die Mutter, Elektra triumphiert: Felix Krasser und Kim Bormann. Bild: Bettina Frenzel

Mit dem Hof der Atriden ist bei Melchinger längst kein Staat mehr zu machen. Wie von der Zeit zerfledderte Zombies hangeln sich die Gestalten über die Repräsentationstreppe in den mit Mulch bedeckten, mit Gerümpel zugemüllten Hinterhof, die Kledage ein Abglanz besserer Tage, da und dort die Haut rot verschrammt. Klytämnestra trägt eine groteske barocke Herrenperücke, als wolle sie per Haartracht ausweisen, dass nach dem kriegerischen Haudrauf nun eine aufgeklärte Absolutistin das Zepter schwingt. Wobei Bettina Soriat die aufgesetzte Aufgeklärtheit sofort ab absurdum führt, wenn ihre Gattenmeuchlerin die wehklagende Tochter im Wortsinn, weil: Treppe, von oben herab verhöhnt.

Soriat lässt Klytämnestra zwischen Tyrannenmörderin und Totschlägerin changieren, da diese selbst nicht darüber zu richten vermag, ob sie dem Volk eine Wohl- oder der Familie eine Untat getan hat. Die stärksten Szenen der Produktion sind ergo das Aufeinanderprallen von Mutter und Tochter, auf das die Regie auch fokussiert. Im intellektuellen wie körpergewaltigen Infight schenken einander die beiden Schauspielerinnen nichts, und apropos: verbal brutal, beeindruckend ist, wie die Darsteller allesamt die Sprachgewalt des Fin de Siècle-Schriftstellers stemmen, jedenfalls machen die Konfrontationen Klytämnestras mit Elektra in Melchingers Interpretation klar, dass erstere um nichts weniger als zweitere an einem Agamemnon-Trauma leidet.

Leichter hat’s die Herrscherin da mit ihrem Lover, Leonhard Srajer als blondinnenblöder, proletoid-putzsüchtiger Aegisth, den die an Jahren Ältere zum Sextoy degradiert hat, auch dieser Aspekt der gruseläugigen Dauergeilen so kaltherzig erzählt, dass es einem unter die Haut geht. Auftritt, um alles zu Ende zu bringen, Felix Krasser als nach langer Flucht heimkehrender Orest, dessen einlenkendes „Lass‘ die Toten tot sein“, von Elektra alsbald zur Mordgier umgepolt wird. Selten noch war der manipulative Charakter der „Strahlenden“ so deutlich zu erkennen, Elektra, die sich zur höheren Instanz erhebt, die das „gerechte“ Gemetzel befiehlt, die sich in ihre Rechtsprechung hineinsteigert – ohne Rücksicht auf Verluste, siehe die maliziösen Mägde von Regina Schebrak, Maja Sikanic und Ivana Stojkovic.

Nur die Außenseiterin trauert um Agamemnon: Bormann, Sikanic, Stojkovic, Srajer und Schebrak. Bild: Bettina Frenzel

Die Schwester entdeckt dem Bruder ihren Racheplan: Kim Bormann und Felix Krasser. Bild: Bettina Frenzel

Chrysothemis verabscheut Orests grauenhafte Tat: Felix Krasser und Angela Ahlheim. Bild: Bettina Frenzel

Siegestanz vor vielen Toten: Kim Bormann, hinten die ebenfalls erschlagenen Mägde. Bild: Bettina Frenzel

Mit Hinweis auf sein gottgegebenes Heldentum treibt die Schwester dem Bruder das Zaudern aus, ihr hohlwangiger Hass begleitet von einem heulenden Wind, rote Lichtblitze beleuchten die Selbstjustiz, ein Apfel wird als sozusagen Reichsinsignie zertreten, Heil!-Rufe ertönen, Elektra tanzt vor Leichenhaufen, Orest wirft sich den Purpurmantel über. Bleibt bei diesem Drama, auf die bisher beinah unerwähnte der Dreierkonstellation zu kommen: Angela Ahlheim als Chrysothemis, angewidert von den Geschwistern, von Elektras inzestuösen Annäherungsversuchen, von Orests blutverschmierten Armen.

Für sie, für deren Ausgestaltung allerdings noch Raum wäre, obzwar die gezeigte Kurzfassung wenig Platz dafür bietet, hatte Melchinger eine schöne Idee. Bei ihm darf die jüngste des Hauses zum Schluss einen mit EU-Sternen beklebten Trolley nehmen und das antike Griechenland mutmaßlich für immer verlassen.

www.theaterzumfuerchten.at           www.kimbormann.com

  1. 12. 2019

Rabenhof: Alles für’n Hugo

Februar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Katharina Straßer kann’s als Cissy Kraner

Katharina Straßer und Boris Fiala. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Dafür, dass ihr die grandiose Diseuse, wie sie selber sagt, eigentlich immer ein wenig unheimlich war, macht sie das unheimlich gut. Katharina Straßer präsentierte im Wiener Rabenhof den von ihr geschriebenen und auch produzierten Abend „Alles für’n Hugo“ – Lieder und Leben von Cissy Kraner und Hugo Wiener, und es gilt festzuhalten, dass die Schauspielerin mit Hang zum Komödiantischen sich die Grande Dame des österreichischen Musikkabaretts einwandfrei anverwandelt hat.

Straßer zeigt sich in ihrer One-Woman-(and a Man am Klavier)-Show als begnadete Entertainerin, eine Seite, die man von ihr so noch nicht kannte, ja, sie versteht es meisterlich und ohne Cissy Kraner in Habitus oder Stimme zu imitieren, deren Spirit auf die Bühne zu bringen. Der Sound der satirischen Chansons stimmt, der herbe Charme der Wiener Seele sowieso, die gebürtige Tirolerin macht mit Timbre und Tremolo auf Type – und das ist ganz wunderbar.

Auftritt Straßer mit Flügerln und Luftballons, denn die Story ist diese: Cissy Kraner will im Himmel ihren 101. Geburtstag feiern, dazu ist eine Party mit erlesener Gästeliste geplant.

Von Maxi Böhm und Pepi Meinrad über Helmut Qualtinger bis Heinz Conrads, auch Karl Farkas ist eingeladen, obwohl man mit dem zuletzt ein bissl über Kreuz war, und selbstverständlich soll Hugo Wiener kommen. Man hat einander schließlich 26 lange Jahre nicht gesehen, entsprechend nervös ist die Kraner, noch dazu, weil die Vorbereitungen fürs Fest aus dem Ruder und Richtung Desaster laufen. Inszeniert von Komödienspezialist Andy Hallwaxx und musikalisch begleitet von Theaterkomponist Boris Fiala als jenseitiger Engelbert, englisch: Angelbört, zeigt die Straßer, dass sie’s als Cissy Kraner kann. Auch das Hantige, das Keiferte, vor dem sich die diversen Kollegen ganz schön fürchteten. Straßer singt die Hits wie „Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn“, „Der Novak lässt mich nicht verkommen“ oder „Wie man eine Torte macht“, hat aber auch in Zusammenarbeit mit Dramaturgin Karin Sedlak längst vergessene Kleinodien aus der Versenkung geholt.

Die „Schönheitspflege“ beispielsweise, oder den „Sozialtourismus“, „Ich möchte so gern ein Teenager sein“ – da dreht Katharina Straßer auf wie die geborene Jazz-Röhre. „G-Dur weida“, sagt sie, wenn sie ihren Pianisten rügt und ihm das Lesen von Kritiken verbietet. All den Spaß und ihre Quecksilbrigkeit bricht Straßer, wenn sie vom Leben der beiden Großen der Kleinkunst erzählt. „Es war einmal ein schönes Land“ memoriert sie über ein Wien voller „Arier“, berichtet über das Exil in Manizales und Medellín, über die Zeit in Caracas, wo Cissy Kraner und Hugo Wiener die Bar „Johnny’s Music Box“ eröffneten – ein Neuanfang in spanischer, englischer und französischer Sprache. Schließlich die Rückkehr – und wieder von vorne beginnen, die legendären Erfolge am berühmten Kabarett Simpl.

Straßer liest Briefe von Hugo Wieners Mutter Berta, von Cissy Kraners Schwester Hela, weiß, wie er über der Auslöschung seiner gesamten Familie in Depressionen versank, sie ihn immer wieder aus diesen retten musste. Da schwenkt das Heitere schnell ins Schwermütige, und gut ist’s, dass es Straßer versteht, mit einer Korrespondenz Kraner-Wiener während getrennt absolvierter Kuraufenthalte die Stimmung wieder hochzureißen. Wagte es doch Wiener die Gattin zu fragen, ob sie denn schon ein paar Kilos abgenommen hätte … Derart bewegt sich „Alles für’n Hugo“ zwischen souveräner Leichtig- und Momenten der Nachdenklichkeit, und so, wie es Cissy Kraner mit Hugo Wieners Genie gelang, den Lack vom Goldenen Wienerherz zu kratzen, so schafft das auch Katharina Straßer. Das Publikum im Rabenhof jedenfalls tobte vor Begeisterung. Nach Wien geht’s weiter nach Salzburg und Innsbruck.

Katharina Straßer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=32152

www.katharinastrasser.at          www.rabenhoftheater.com

  1. 2. 2019

Alles für’n Hugo: Katharina Straßer im Gespräch

Februar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich suche die Cissy Kraner in mir“

Katharina Straßer und Boris Fiala. Bild: © Rita Newman

Katharina Straßer singt Cissy Kraner. Die moderne Volksschauspielerin widmet der außergewöhnlichen Diseuse, die mit Ehemann Hugo Wiener österreichische Kabarett- geschichte schrieb, zum 101. Geburtstag einen groß- angelegten Würdigungs- abend. Premiere ist am 27. Februar im Rabenhof. Katharina Straßer im Gespräch:

MM: Was verbinden Sie und was verbindet Sie mit Cissy Kraner?

Katharina Straßer: Bis jetzt nicht so viel, aber jetzt sehr viel. Ich habe in der Schauspielschule schon Lieder von ihr gesungen, das gehörte einfach zum Repertoire, habe aber gar nicht so viel damit anfangen können. Ich singe nun aber auch zwei Cissy-Kraner-Lieder in meinem Programm „Wien für Anfänger“, das ich gemeinsam mit Bela Koreny und Wolf Bachofner mache, und habe gemerkt, dass mir das doch liegt. Mich hat dann Karin Sedlak angesprochen, die Cissy Kraner noch kannte und eine Dissertation über sie geschrieben hat und eine große Liebhaberin ihrer Kunst ist – und sie hat mir vorgeschlagen, ob ich da nicht einen Abend machen will. So kam die Sache ins Rollen. Und, wie gesagt, jetzt verbindet mich mit Cissy Kraner sehr viel.

MM: Nämlich?

Straßer: Die Schrulligkeit. Vielleicht komme ich auch allmählich in das Alter dafür. Hugo Wiener und Cissy Kraner haben ein so unglaubliches Kulturgut hinterlassen, ich bin ganz selig, dass ich das Programm machen darf. Cissy Kraner ist ein Gesamtpaket, so etwas gibt es heute gar nicht mehr, diese Art zu erzählen. Ich finde Sie auch irrsinnig unheimlich. Als Kind, kann ich mich erinnern, wenn ich sie im Fernsehen gesehen habe, habe ich mich total vor ihr gefürchtet. Das haben mir Leute, die sie noch kannten, auch erzählt, Felix Dvorak zum Beispiel, hat mir einmal gesagt, er war froh, dass er nie mit ihr auf der Bühne gestanden ist, weil sie „eine Wilde, eine Furie“ war. Das kann ich mir schon vorstellen, diese Seite an ihr möchte ich auch zeigen.

MM: Weil Sie sagten, Sie hätten sich an der Schauspielschule damit schwer getan: Mussten Sie sich als Tirolerin erst auf die Art und Weise der Wiener einstellen?

Straßer: Auch. Als ich nach Wien kam, hatte ich das gar nicht drauf, das musste ich erst lernen. Mittlerweile ist es so, dass die meisten Leute glauben, ich bin die Ur-Wienerin, es liegt mir irgendwie, die Mentalität, das Raunzerte, die Suderei, aber auch der Charme passt zu mir fast besser. Nur wenn ich müde oder einmal besonders sentimental bin, rede ich sofort wieder Tirolerisch – und mit Tirolern natürlich. Der Tiroler ist noch härter als der Wiener, auch grantig, aber ohne Charme, ohne Schmäh. Was mich fasziniert ist, dass Hugo Wiener diesen Schmäh im Wienerischen erfasst hat, aber auch in ganz vielen anderen Sprachen, vor allem auf Spanisch. Die beiden haben in Caracas ja unzählige Revuen gespielt, einfach übersetzt. Dass man das kann, finde ich bewundernswert.

MM: Ihr Programm heißt „Alles für’n Hugo“, damit ist natürlich Hugo Wiener gemeint, die Redewendung hat in Wien aber noch eine zweite Bedeutung. Möchten Sie diese Doppeldeutigkeit erklären?

Straßer: Die wird sich, denke ich, von selber erklären. Cissy Kraner hatte heuer im Jänner ja ihren 101. Geburtstag und „Alles für’n Hugo“ handelt davon, dass sie Hugo Wiener im Himmel wieder trifft, nachdem die beiden einander 26 Jahre nicht gesehen haben. Sie ist aufgeregt und macht „Alles für’n Hugo“, damit sie ihn wieder sieht.

MM: Nach welchen Kriterien haben Sie die Chansons ausgewählt?

Straßer: Ich habe mich durchgehört und es gibt einiges, mit dem ich nichts mehr anfangen konnte, weil es zu altmodisch ist, weil heute nicht mehr die Zeit dafür ist, und dann gibt es Chansons, die wirken richtig zeitgenössisch. Es gibt von vielen Liedern keine Noten, doch auch da habe ich ein paar Zuckerl ausgewählt, auf die mich Karin Sedlak gebracht hat, wie die „Schönheitspflege“, die haben wir uns wirklich von der Simpl-DVD runtergehört. Eine großartige Nummer, die fast niemand mehr kennt, und um die’s schade wäre, wenn man sie nicht singen würde.

MM: Und was geht zum Beispiel nicht mehr?

Straßer: Die Leute sagen zu mir: Warum singst denn „Die Pokornys“ nicht? Und dann höre ich mir das an und eigentlich ist nur die erste Strophe wirklich lustig, die anderen zwei kann man gar nicht mehr singen, weil man das heutzutage fast für rassistisch halten würde. Aber ich singe einen „Nowak“, da singe ich auch das Wort Neger, das heißt im Original so, das kann man nicht austauschen, und den „Vorderzahn“ natürlich und „Wie man eine Torte macht“. Die Evergreens müssen dabei sein, ich glaube, sonst wäre das Publikum enttäuscht. Aber es kommt vielleicht anders als erwartet …

MM: Dazu gleich die Frage: Cissy Kraner hatte eine sehr spezielle Art, vorzutragen. Wie macht man sich nicht zur Kopie und wird ihr trotzdem gerecht?

Straßer: Ich hör’s mir zuerst von ihr an, damit ich die Melodie im Kopf habe, denn ich kann keine Noten lesen, dann vergesse ich das wieder und mach’s zu meinem eigenen. Ich mache sie auf keinen Fall nach, das kann man auch überhaupt nicht. Ich suche die Cissy Kraner in mir.

MM: Und, was gefunden?

Straßer: Naja, Interpretationsmöglichkeiten, an die ich noch nie gedacht habe. So habe ich auch noch nie gesungen. Als Eliza Dolittle bei „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ ist relativ klar, wie man es zu singen hat, da gibt es nicht so viel Spielraum, aber bei diesen Liedern eben schon. Wann singst du, wann sprichst du, wann erzählst du, was machst du mit der Mimik? Das musste ich mir alles überlegen. Was ich so toll finde, ist, dass jedes Lied eine andere Rolle ist. Ich spiele also nicht nur die Cissy Kraner in verschiedensten Szenen, sondern auch noch elf Charaktere in den Liedern. Ich denke, der Abend wird sehr voll, sehr bunt – es ist viel Material, das da auf die Zuschauer zukommt.

MM: Gibt es einen biografischen roten Faden, die beiden führten ja ein durchaus auch tragisches Exilantenleben in Kolumbien und Venezuela … heißt: erzählen Sie von Cissy Kraners und Hugo Wieners Leben?

Straßer: Alles erzähle ich. Ich erwähne alle wichtigen Ereignisse, es gibt natürlich aus Caracas noch unzählige Geschichten, die den Rahmen sprengen würden, wie ihnen die Pässe weggenommen wurden und so weiter. In „Alles für’n Hugo“ kommt alles vor, nur manche Details werden ausgelassen, der Abend geht bis zu ihrem Tod – Hugo Wiener ist 1993 gestorben, Cissy Kraner 2012 – und am Schluss wird eine Klammer geschlossen. Das Ganze sollte also ein rundes Stück sein. Sie ist ja mit ihm mitgegangen, obwohl sie keine Jüdin war, und sie haben sich aus dem Nichts in Caracas eine erfolgreiche Pianobar aufgebaut. Nach dem Krieg sind sie 1948 zurück nach Wien – und haben wieder von vorne angefangen. Alle waren tot, Familien und Freunde, nur Fritz Imhoff war noch am Leben. Das muss man sich einmal vorstellen! Und sie haben’s zum zweiten Mal geschafft, Stars zu werden.

MM: Wozu man sagen muss, dass Cissy Kraner Hugo Wiener auch oft aufgefangen hat.

Straßer: Davon erzählt sie oft, dass er sehr depressiv war. Sie sagt wortwörtlich: Ich habe immer geachtet, dass er keine bösen Filme schaut, keine schlimmen Nachrichten liest. Er hatte einige Suizidversuche hinter sich, er war permanent gefährdet, und er hat sie in ihrer Härte, ihrer „Wildheit“, über die wir vorhin gesprochen haben, wahrscheinlich auch gebraucht. So, wie sie ihn auch gebraucht hat, sie wollte Karriere machen und hatte an ihrer Seite diesen genialen Liederschreiber, die wird ihn durch die Exiljahre schon durchgeschliffen haben. Das kann ich mir alles vorstellen, das einzige, dass ich mir nicht vorstellen kann, ist, dass man für die Karriere auf Kinder verzichtet. Aber da war natürlich diese Unsicherheit eines Lebens in Südamerika, und es außerdem für Frauen früher noch schwerer als heute, Kinder und Karriere zu vereinbaren.

MM: Sie haben mit Regisseur Andy Hallwaxx einen Komödienspezialisten und mit Pianist Boris Fiala auch einen Theaterkomponisten an Ihrer Seite. Zwei Experten auf Ihrem Gebiet.

Straßer: Ja, das ist super. Ich bin sehr froh, dass Boris mit von der Partie ist. Ich dachte erst, weil er spielt sonst so lässige und coole Sachen, er wird sich denken: Was mache ich mit dem Zeug? Aber er war sofort Feuer und Flamme. Er ist mit diesen Liedern aufgewachsen und hat sich richtig reing’haut, denn es ist nicht immer einfach, was Hugo Wiener am Klavier spielt. Er ist jetzt mehr eingebaut, als ursprünglich vorgesehen, das heißt: er sitzt nicht nur am Klavier. Hugo Wiener und Cissy Kraner beherrschten die große Kunst, etwas schwer Erarbeitetes leicht aussehen zu lassen. Hoffentlich gelingt mir das auch an diesem Abend, der soll auch locker-flockig rüberkommen. Wenn das funktioniert, ist es das schönste Gefühl, dass es überhaupt gibt.

MM: Wie Cissy Kraner und Hugo Wiener leben auch Sie in einer Künstlerehe, Ihr Mann ist der Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits. Wie schwer oder wie leicht ist das?

Straßer: Auf der einen Seite ist es super, weil er genau weiß, wovon ich rede. Ich könnte mir vorstellen, mit jemandem, der gar nichts mit dem Showbiz zu tun hat, wäre es schwer, dass der meinen Beruf versteht. Ein Vorteil ist, dass die Kreativität daheim weitergeht, dass man künstlerische Dinge bespricht, auch wenn man gerade kocht oder den Geschirrspüler ausräumt. Ein Nachteil ist vielleicht, dass man mitunter Engagements gegeneinander aufwiegt. Nicht, dass wir in Konkurrenz stünden, aber, wenn er einen Film dreht und ich grad nicht, oder ich eine Serie und er hat keine Rolle darin … Man ist halt sehr gut vergleichbar.

MM: Auch in der Öffentlichkeit? Thomas Stipsits und Sie sind doch sehr medienpräsent. Wo ziehen Sie eine Grenze?

Straßer: Ich rede übers Private nicht so gern. Jeder weiß, dass ich mit Thomas verheiratet bin und dass wir zwei Kinder haben, es wäre also idiotisch nicht zumindest einen Satz dazu zu sagen. Aber ich mache keine Homestorys, es gibt keine Fotos von unserem Zuhause, von unseren Kindern. Aber natürlich, wenn Thomas und ich gemeinsam irgendwo sind, dann sind wir als öffentliches Paar auch eine Marke. Oder zum Beispiel „Love Machine“: Wenn wir zusammen in einem Film über die Liebe spielen, dann muss man Journalistenfragen dazu so gut es geht beantworten.

MM: Apropos: „Love Machine“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31598) ist im Kino extrem erfolgreich. Regisseur ist Andreas Schmied, mit dem Sie im November die ORF-Komödie „Curling for Eisenstadt“ gedreht haben. Worum geht’s da?

Straßer: Das war eine tolle Erfahrung, sehr aufregend, drei Monate nach der Geburt meiner Tochter auf dem Eis zu stehen. Auch nicht ganz normal, hätte ich unter anderen Umständen auch nicht gemacht, aber es ist so ein schöner Frauenfilm. Es ist eine so coole Rolle, und das Curling ist auch so absurd und lustig. Ich spiele Vicki Kapfensteiner, eine nicht sehr erfolgreiche und nicht sehr ambitionierte PR-Frau, die etwas für das Burgenland tun soll. Also versucht sie, die Curling-WM nach Eisenstadt zu bringen und stellt eine Damenmannschaft zusammen. Vorher ist sie eine toughe Pressefunsen, die durch den Sport zum besseren Menschen wird. Wie das halt so ist. Ich hoffe, es wird ein schöner Film, die Dreharbeiten waren es jedenfalls.

MM: Und anstrengend?

Straßer: Megaanstrengend. Wir waren die letzten drei Wochen nur auf dem Eis, da hatte es sieben Grad, und wir hatten nur dünne Pullis an. Da sind wir alle durchs Frieren sehr an unsere Grenzen gegangen. Wir haben Curling wirklich gelernt und trainiert. Wir waren offenbar so gut, dass der Österreichische Curling Verband uns im März zur Curling-Weltmeisterschaft für Frauen nach Dänemark mitnehmen wollte. So viele Frauenmannschaften gibt es ja nicht.

MM: Wie geht’s mit der Maja Landauer weiter?

Straßer: Ich weiß nicht, ob ich was sagen darf. So, wie die letzte Staffel geendet hat, wo sie sich sehr schuldig gemacht hat, ist die Frage, ob und wie es weitergeht. Ich glaube aber, es schaut ganz gut aus.

MM: Nun haben Sie sich die Figur Cissy Kraner erarbeitet. Premiere von „Alles für’n Hugo“ ist am 27. Februar im Rabenhof, es folgen Bundesländertermine, wie am 16. März im Treibhaus Innsbruck oder am 12. April im Danubium Tulln. Wer würde Sie sonst noch reizen?

Straßer: Lady Gaga möchte ich gern einmal in einem Kinofilm spielen. (Sie lacht.) Ich würde überhaupt mein Leben als Schauspielerin jederzeit gegen eines als Popstar tauschen. Das fänd‘ ich geil.

Die Kritik zu „Alles für’n Hugo“: www.mottingers-meinung.at/?p=32204

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25. 2. 2019

Leopold Museum: Victor Hugo. Der schwarze Romantiker

November 7, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Skurrile Randexistenzen und düstere Schlösser

Victor Hugo: Marmorierter Klecks, um 1856. Privatsammlung, © Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, René Steyer

Der Schriftsteller Victor Hugo, Gallionsfigur der französischen Romantik und Homo Politicus schlechthin, wurde schon zu Lebzeiten zu einer Institution. Die emotionale Kraft, die seinen Jahrhundertromanen wie „Der Glöckner von Notre Dame“ und „Les Misérables“ innewohnt, fesselt bis heute eine weltweite Leserschaft. Der visionäre Schriftsteller frönte jahrzehntelang auch einer malerischen  Passion.

Mit Darstellungen von skurrilen Randexistenzen zollte er Francisco de Goya Tribut. Mit märchenhaft-düsteren Darstellungen von Kathedralen und Schlössern beschwor er die Geister einer Vergangenheit herauf, deren kostbare Relikte er gefährdet glaubte. Das Leopold Museum zeigt nun ab 17. November unter dem Titel „Victor Hugo. Der schwarze Romantiker“ einige dieser Werke.

Victor Hugos Freizügigkeit im Umgang mit Malmitteln war schier grenzenlos: In Sepia klecksend, fallweise unter Verwendung unkonventioneller Materialien wie Kaffeesatz oder Staub, ließ er oft das Zufallsprinzip walten, woraus Bilder des Erahnten, der vagen Möglichkeiten resultierten. Durch das Aufkommen des jungen Mediums Fotografie sahen sich viele Maler um 1850 gezwungen, ihre Rolle in der visuellen Kunst neu zu definieren. Wechselwirkungen blieben dabei nicht aus:

Victor Hugo, der mit den frühen fotografischen Verfahren bestens vertraut war und insbesondere während seines Exils auf  Jersey 1853 sich selbst als Fotograf versuchte, ließ in seiner Malerei ausgerechnet die Kinder krankheiten des jungen Mediums – etwa Überbelichtungen oder verschwommene Partien – zu einem neuen Stilmittel werden.

Victor Hugo: Spitzen und Gespenster, 1855/1856. Privatsammlung, © Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, René Steyer

Victor Hugo: Blick auf Türme mit einem Stern im Himmel. Privatsammlung, © Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, René Steyer

Während das Hinterlassen von Spuren – etwa in Form von Fingerabdrücken – sowie „fotogenische Zeichnungen“ die Pioniere der Fotografie reizten, erfuhr die Monotypie nicht zuletzt in Hugos malerischem Werk eine Renaissance; vielfach zeigen sich dabei in seinen Werken Ansätze der abstrakten Malerei. In der umfangreichen Schau im Grafischen Kabinett werden etwa 80 Blätter von Victor Hugo den Werken seiner vormodernen Vorgänger wie Alexander Cozens und William Turner gegenübergestellt. Gleichzeitig wird das Doppeltalent Hugo unter Berücksichtigung der fruchtbaren Verbindungen zu den Persönlichkeiten aus den Bereichen Literatur und Kunst in den Kontext eines bewegten Zeitalters eingebettet.

www.leopoldmuseum.org

7. 11. 2017

Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (herrlich, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sondern schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

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  1. 9. 2017