Romy Schneiders „3 Tage in Quiberon“

April 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Regisseurin Emily Atef im Gespräch über ihren Film

Emily Atef. Bild: Peter Hartwig

1981 verbringt der Weltstar Romy Schneider drei Tage in dem kleinen bretonischen Kurort Quiberon, um sich dort vor ihrem nächsten Filmprojekt ein wenig Ruhe zu gönnen. Trotz ihrer negativen Erfahrungen mit der deutschen Presse willigt die Schauspielerin in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs  ein, zu dem der von Schneider geschätzte Fotograf Robert Lebeck die dazugehörige Fotostrecke liefert. Aus dem geplanten Termin entwickelt sich ein Katz- und Mausspiel zwischen dem Journalisten und der Ausnahmekünstlerin, das alle an ihre Grenzen bringt …

Inspiriert von den beeindruckenden, sehr persönlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Robert Lebeck von Romy Schneider in Quiberon gelangen, erzählt die Regisseurin und Drehbuchautorin Emily Atef  mit einer herausragenden Marie Bäumer in der Hauptrolle von einem entscheidenden Ereignis in der letzten Lebensphase einer der berühmtesten europäischen Schauspielerinnen.   In den Nebenrollen brillieren Birgit Minichmayr als Romys – fiktive – Freundin Hilde, Robert Gwisdek als Michael Jürgs und Charly Hübner als Robert Lebeck. Kinostart ist am 13. April. Emily Atef im Gespräch:

MM: Wie kamen Sie auf das Thema für den Film?

Emily Atef: Das Thema kam zu mir. Es war die Idee des französischen Produzenten Denis Poncet, der mit Marie Bäumer befreundet war, und es nicht verstehen konnte, dass sie nicht Romy spielt. Sie wurde sehr oft gefragt, und sie hat immer verneint, weil sie sich nicht anmaßen wollte, in einem Biopic zu spielen. Und dann haben sie Quiberon-Bilder gesehen, und sagten: Das ist es! Und da Sie merkten, dass der Film ein deutscher Film sein müsste, wegen der Sprache, der deutschen Protagonisten,  kam die Idee schließlich zu mir, auch weil Marie meine zweiten Film „Das fremde in Mir“ sehr mochte. Mich haben die Fotos von Robert Lebeck so bewegt, sie sind so wahrhaftig, reportagehaft, ungeschminkt, am Lachen, am Tanzen, am Hadern, am Weinen … Auch das Interview von Michael Jürgs hat mich umgehauen – und da sah ich einen Film. Auch ich hätte nie ein Biopic gemacht, denn man kann in 90 Minuten kein Leben erzählen, aber „3 Tage in Quiberon“, das geht gut.

MM: Der Film ist nun ein großartiges Kammerspiel geworden. Wie ist darin das Verhältnis von Fakt und Fiktion?

Atef: Ich habe vieles neu- und umgeschrieben. Viele Zitate sind auch authentisch. Ich habe mich mit Robert Lebeck, der ja 2014 verstorben ist, und Michael Jürgs getroffen. Das war sehr spannend. Die Freundin habe ich auch kennengelernt, doch die wollte nichts mit dem Projekt zu tun haben, das war ihr alles zu emotional. Aber sie hat mir erlaubt, eine fiktive Freundin zu kreiieren, so habe ich die österreichische Kindheitsfreundin Hilde Fritsch erfunden, und es war ein großes Glück für mich, dass ich diese vollkommen fiktive Figur zur Verfügung hatte. Michael Jürgs habe ich mehr zum Antagonisten gemacht, als er mutmaßlich war. Nach den Gesprächen und dem Sichten von ungefähr 600 Bildern, von denen gerade mal 20 bekannt sind, musste ich aber meine eigene Version der Geschichte schreiben …

MM: Das heißt?

Atef: Dass mich existenzielle Fragen interessiert haben. Dinge, die stellvertretend Frauen auch heute angehen. Über Mutterschaft, über Arbeit, Ruhm, Freundschaft – und, ob es überhaupt möglich ist, mit jemandem eine Freundschaft aufzubauen, der das von zu Hause aus nicht gelernt hat.

MM: Das macht die Erfindung der Hilde Fritsch umso betrüblicher, als Romy Schneider offensichtlich keine solche Jugendfreundin hatte.

Atef: Das stimmt. Sie hatte nicht viele Menschen, die für sie da waren.

Trotz ihrer Vorbehalte gegenüber der deutschen Presse willigt Romy Schneider (Marie Bäumer) in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) ein. Bild: © Filmladen Filmverleih

Romy Schneiders (Marie Bäumer) beste Freundin Hilde (Birgit Minichmayr, l.) ist in dieser schwierigen Lebensphase für Romy da. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Und so zeigt Marie Bäumer Ihrer Intention gemäß mehr als Romy Schneider, nämlich einen Menschen, der an der Klippe steht?

Atef: Einen Menschen, der an der Klippe steht, aber auch einen, der bereit ist, nun eine Entscheidung zu treffen. Der Film handelt von einer Person, die zu sich kommt, auch wenn es vielleicht nur für einen Nachmittag ist, der Film handelt von einer Person, die ihren Frieden findet, auch wenn der nur ein paar Wochen dauern wird. Das ist es, das ist mir auch sehr wichtig dieser Tiefgang. Diesen seelischen Moment kann Romy niemand nehmen. Sie hatte ein hartes Jahr hinter sich, und wie wir wissen, das härteste noch vor sich. Doch auch, wenn ich in allen meinen Filmen Frauen in existenziellen Krisen zeige, brauche ich einen Hoffnungsschimmer. Und den gibt es am Schluss mit einer Szene in Paris …

MM: Mussten Sie für Ihren Dreh eine Erlaubnis einholen?

Atef: Ich hatte extrem viel Glück. Michael Jürgs hat mir alles erzählt, was ich wissen wollte, ich habe ihn mehrmals getroffen, und auch sein Darsteller Robert Gwisdek traf sich mit ihm. Ich habe ihm dann das Buch geschickt, und er meinte: Ich bin ja ein Satan von Anfang bis Ende. Das war hart für ihn, aber er hat mir nichts dreingeredet. Ich finde, Jürgs macht im Film die größte Entwicklung von allen Figuren durch: Ein junger, ehrgeiziger Journalist, der die große Story will, der seine Karriere pushen will, der Millionen Hefte verkaufen will, aber nach drei Tagen nur seine ganze Art zu Arbeiten hinterfragt. Das ist eine große Verwandlung, die Jürgs dann auch akzeptiert hat, obwohl er ziemlich geschluckt hat. Und ich sagte wieder, Romy hat dir im Endeffekt vertraut und sie hatte recht, er hat ihr ja auch den Final Cut gegeben. Im echten Leben sind die beiden nämlich befreundet geblieben, und sie hat ihm noch ein Interview gegeben. Das einzige, nachdem ihr Sohn tödlich verunglückt war. Das Interview war aber so unendlich traurig, dass Jürgs es nicht freigegeben hat. Da hat er sie geschützt.

MM: Apropos, wenn jemand vor der Kamera so viel gibt, wie Marie Bäumer, gehen Sie da als Regisseurin auch in Beschützerhaltung?

Atef: Ja, das ist wichtig. Ich habe drei Jahre an dem Projekt gearbeitet, da haben wir uns auch befreundet, aber sie konnte nicht über die Rolle reden, sie hatte Angst davor, sie zu spielen. Einen Monat vor Drehbeginn sagte ich, jetzt müssen wir aber, und dann hat sie sich voll drauf eingelassen. Marie war wahnsinnig fragil in dieser Drehzeit, sie musste auch tief in die Krise von Romy schlüpfen und konnte dazu kaum schlafen, um Kräfte zu sammeln. Durch diese Anstrengung hatte sie aber die Ausstrahlung, die man nun in den Bildern sieht. Dazu diese Halbinsel Quiberon, die immer noch die emotionale Energie von damals ausstrahlt, weil sich dort kaum etwas verändert hat. Das war auch für mich superanstrengend. Ich hatte den Vorteil, dass mein Produzent Karsten Stöter mir die Zeit gegeben hat, mit den Schauspielern intensiv zu arbeiten, und auch sagen zu können, heute klappt’s nicht, machen wir das morgen.

MM: Und die Entscheidung in Schwarzweiß zu arbeiten …

Atef: … hat den einen oder anderen Geldgeber anfangs nicht entzückt. Für mich kam aber nichts andere infrage, inspiriert von Lebeck habe ich die Szenen schon beim Schreiben immer in Schwarzweiß gesehen. Ich konnte nicht anders. Und es ist auch eine Brücke zur Fiktion, das Schwarzweiße macht klar, dass das nicht die x-te Reportage über Romy Schneider ist.

Charly Hübner spielt Robert Lebeck. Bild: © Filmladen Filmverleih

Marie Bäumer. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Mit Marie Bäumer spielen handverlesene Schauspieler: Birgit Minichmayr, Charly Hübner und Robert Gwisdek.

Atef: Mir ist dieses Quartett superwichtig. Dass jede Figur ihre Perspektive hat. Natürlich kreisen alle um Romy, aber die anderen Figuren sind mehr als Staffage, sie haben ein Eigenleben, der Fotograf in seinem Zwiespalt zwischen Freund sein wollen – und trotzdem die Doppelseite im Stern haben, egal, ob’s Romy dabei gut geht oder nicht, der Journalist, der sich vorgenommen hat, über Leichen zu gehen und das dann doch nicht kann und überraschenderweise für sich selbst sehr getroffen ist, die Freundin, die zum Bodyguard werden muss. Sie ist mein Blick auf die Sache, ihr:  Was geht denn hier ab? Und Birgit spielt das ganz großartig. Sie kann Missbilligung ausdrücken, ohne das Gesicht verziehen zu müssen. Sie wirkt, auch wenn sie mal im Hintergrund sitzt. Als ich anfing, diese fiktive Hilde zu schreiben, habe ich Birgit sofort in jeder Zeile gesehen. Sie spielt mit jeder Pore.

MM: Hat Michael Jürgs eine Erklärung dafür, warum sich Romy Schneider in diesem Gespräch so geöffnet hat? Im Film hat nicht zuletzt der Alkohol die Schuld daran.

Atef: Ich vermute, sie wollte in Deutschland ihr Bild in der Öffentlichkeit zurechtrücken. Die Deutschen waren ja sehr beleidigt, dass ihre Romy mit diesem Filou Alain Delon nach Frankreich abgehauen ist, und dort jetzt „solche“ Filme dreht, nachdem sie in Deutschland so ein braves Mädchen war. Ihre „Sissi“! Die wollten nicht, dass sie erwachsen wird und sich emanzipiert! Sie wurde deshalb fertiggemacht in der Presse, und hat auch wenig deutsche Interviews gegeben. Hier ging’s nur über ihre Fehlgeburten, Scheidung, Probleme … in Frankreich hat man sie so geliebt, dass man ihr das nicht angetan hat, obwohl es auch da Boulevardpresse gab. Im Jürgs-Interview wollte sie sich den Deutschen zeigen, wie sie wirklich ist. Sie sagt ja: Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren. Das ist Originaltext. Sie wollte sich erklären, und natürlich klappt das nicht.

MM: Wenn man sich mit solch einem Interview beschäftig, wächst die eigene Skepsis gegenüber der Presse?

Atef: Gegenüber einer gewissen Art von Journalist, ja. Es gibt immer welche, die einem Dinge in den Mund legen, die Sachen erfinden, um ihre Interviews zu verkaufen. Der öffentliche Mensch kann dann nur seine Anwälte bemühen, aber das ist denen egal, weil sie mit der Auflage genügend verdienen. Heute ist es noch schlimmer als damals, denn wenn heute ein Promi etwas sagt, verbreitet es sich im Internet einmal um den Globus und verschwindet nie mehr wieder. Damals haben die Leute die Zeitschrift irgendwann weggeworfen und gut war’s.

MM: Wäre Romy Schneider eine schlechtere Schauspielerin gewesen, wäre sie nicht so dünnhäutig gewesen?

Atef: Es gibt auch fantastische Schauspielerinnen mit einem gesunden Privatleben, Meryl Streep zum Beispiel.

MM: Wollen Sie, dass Ihr Film den Blick auf Romy Schneider verändert?

Atef: Nein, das war nie meine Absicht. Weder, dass man etwas Neues über sie erfährt, noch dass sich der Blick ändert. Ich möchte, dass man mit der Film-Romy mitleidet und mitlacht, und dass man von ihr berührt ist, von allen Figuren eigentlich. Ich möchte mit diesem Film dem Publikum die Chance geben, dabei zu sein bei diesen fiktiven Geschehnissen. Im Sinne, wie Picasso sagt: Kunst ist eine Lüge, die wahrhaftiger ist als die Wahrheit.

www.3-tage-in-quiberon.de

10. 4. 2018

Vor der Morgenröte

Mai 31, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Josef Hader beeindruckt als Stefan Zweig

Josef Hader und Aenne Schwarz. Bild: © Filmladen Filmverleih

Der Donauwalzer treibt dem berühmten Österreicher im brasilianischen Exil die Tränen in die Augen: Josef Hader und Aenne Schwarz als Stefan und Lotte Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Großer Bahnhof selbst noch im kleinsten Kaff. Stefan und Lotte Zweig besuchen 1941 eine brasilianische Zuckerrohrplantage, ein Dorfbürgermeister passt sie ab, der Ehrengast entrinnt seiner Ehrung nicht, peinlich ist das, die vor Aufregung schwitzenden Honoratioren mit ihren Ansprachen zum Fremdschämen.

Schon zwinkert Zweig seiner Frau verschwörerisch zu, da schrammelt die Kapelle den windschiefsten Donauwalzer, den man je gehört hat, und der Schriftsteller hat plötzlich Tränen in den Augen. Das ungefähr sind die Temperaturen zwischen denen sich Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“ bewegt. Am 3. Juni läuft er in den österreichischen Kinos an.

Josef Hader spielt Stefan Zweig. Er spielt ruhig, fast erstarrt, schweigsam, fast sprachlos, fremd und verloren und fassungslos, erschöpft von der Welt und der auf ihr herrschenden Zustände. Sonst ein Meister von feinem Spott und beißendem Sarkasmus, hat sich Hader für diese neue Rolle ein völlig neues schauspielerisches Instrumentarium zugelegt. Das heißt, das typische Staunen über den ihn umgebenden Irrsinn, sein Unverständnis über die Unzulänglichkeit des Menschseins, sind schon noch da, doch dazu ist Hader wie unter Zweigs Haut geschlüpft. Er hat sich den Autor quasi angezogen, den Pazifisten und Humanisten, den überzeugten Europäer und den Pessimisten, den schwierigen, vergrübelten, verschlossenen Menschen, der an sich und an den Umständen zerbrach. Nicht nur äußerlich möchte man Ähnlichkeit orten, sondern auch was das Wesen betrifft, eine Seelenverwandtschaft unter Künstlern, ohne die diese brillante Darstellung kaum möglich gewesen wäre. Josef Hader ist einmal mehr großartig.

Regisseurin Schrader erzählt episodisch. In sechs Bilder berichtet sie von Zweig im amerikanischen Exil, wie exemplarisch hat sie dafür einzelne Situationen ausgewählt. Auf dem Höhepunkt seines weltweiten Ruhms wird er in die Emigration getrieben und verzweifelt angesichts des Wissens um den Untergang Europas, den er schon früh voraussieht. „Wer keine Heimat hat, hat keine Zukunft“, lässt Schrader den Schriftsteller sagen. Rio de Janeiro, Buenos Aires, New York, Petrópolis sind vier seiner Stationen, er wird herumgereicht, ohne wirkliche Hilfe zu erfahren, der Star soll sich zur Weltlage äußern und verweigert sich. Zweig glaubte nicht an die Wirkung politischer Statements, an Widerstandsgesten, die aus der sicheren Deckung gegeben zum Selbstlob werden; nur wer sich damit in Gefahr bringt, habe das Recht, das Wort zu ergreifen.

Vom P.E.N.-Kongress 1936, bei dem der von Charly Hübner gespielte Emil Ludwig eine Wutrede gegen das Dritte Reich hält, schreibt Zweig an seine erste Frau Friderike: „…  mit Riesenformat war ich abgebildet, wie ich bei der Rede Ludwigs weinte (!!!). Ja, so stand es mit Riesenlettern – in Wahrheit hatte ich mich so widerlich gefühlt, als man uns als Märtyrer hinstellte, dass ich den Kopf in die Hände stützte, um mich nicht photografieren zu lassen, und gerade das photografierten sie und erfanden den Text dazu. Mich ekelt dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten.“

Josef Hader und Charly Hübner. Bild: © Filmladen Filmverleih

Buenos Aires, P.E.N.-Kongress 1936: Mit Charly Hübner als Emil Ludwig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader, Barbara Sukowa. Bild: © Filmladen Filmverleih

New York 1941: Stefan Zweig trifft sich mit seiner geschiedenen Frau Friderike (Barbara Sukowa). Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader und Matthias Brandt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Petropolis 1941: Mit Matthias Brandt als Ernst Feder. Bild: © Filmladen Filmverleih

Es sind Szenen, wie diese, im Szenenbild von Silke Fischer und durch die Kamera von Wolfgang Thaler akribisch nachgestellt, mit denen Schrader ihren Film auf die nächste, eine abstraktere Ebene hebt, weg von Zweig hin zu der generellen Frage, ob und wenn ja welche Verantwortung der öffentliche Mensch für eine Gesellschaft trägt, ob „Prominenz“ zur Aussage gleichsam verpflichtet oder ob, wie Zweig die internationalen Journalisten höflich, aber bestimmt abblitzen lässt, allein über das Werk Wirkung anzustreben ist.

Doch nicht nur dieses Ausstellen einer Bekenntnisunkultur holt der Film ans Heute heran. Eindrücklich auch ein Moment von Barbara Sukowa als Friderike Zweig, in dem sie erzählt, wie sie mit tausenden anderen Menschen, die alle vor Krieg und Verfolgung flüchten wollten, am Quai von Marseille stand, Gedränge und Geschiebe, Angst und Panik, jeder will auf ein Schiff. Wie sich die Bilder gleichen, wenn dieser Tage auf der anderen Seite des Mittelmeers Menschen mit ähnlichen Motiven ihr Leben riskieren. Ein Europa, das Niemals Vergessen! wollte, hat vieles aus seiner Erinnerung getilgt …

Hader spricht im Film sechs Sprachen, es wird nicht synchronisiert, auch damit macht man klar, was es heißt, ein Leben ohne Verwurzelung zu führen. Maria Schrader zeigt, wie es ist, wenn – Zitat Zweig – „ein halber Kontinent auf einen anderen flüchten möchte“. Das „Wem helfen?“ betrifft auch den Autor, bei dem täglich Bittbriefe von Freunden und Nicht-einmal-Bekannten eingehen. Dabei ist „Vor der Morgenröte“ ein spröder, unaufgeregter Film. Beinah emotionslos, wie beiläufig schildert er die Haltepunkte einer Reise ins Nirgendwo, und wie die Menschen keine Ahnung haben von der Existenz des jeweils anderen. Wie die Brasilianer keine Vorstellung vom Grauen in Europa finden, so sieht Zweig die Armut und die Ausbeutung der Arbeiter in seinem Gastland nicht. Als hätten Folklore, Freundlichkeit und die für ihn zweifellos faszinierende Tatsache, dass die Brasilianer ohne Rassenkonflikte nebeneinander leben können, seinen Blick auf größere Zusammenhänge verblendet. Das aus dieser Sicht entstandene Buch „Brasilien – Land der Zukunft“ wurde von den linken Intellektuellen des Landes entsprechend heftig kritisiert.

Neben Barbara Sukowa und Charly Hübner hat Hader weitere hervorragende Schauspielkollegen an seiner Seite. Burgtheatermimin Aenne Schwarz spielt seine zweite Frau Lotte, Sarah Viktoria Frick Friderickes Tochter Suse. Als Ernst Feder ist Matthias Brandt zu sehen; mit ihm übt Zweig in Petrópolis so viel Schachspiel, wie er’s fürs Schreiben seiner „Schachnovelle“ braucht. Die erdrückende Ruhe des im Film alles Nicht-Gesagten und Zweigs Melancholie des Verlorenseins endet im Selbstmord 1942. Diese letzte Szene ist ohne Schnitt an einem Stück und mit nahezu unbewegter Kamera gefilmt.

Das ist Maria Schraders letztes Bild von Stefan Zweig: Zusammen mit Lotte liegt er wie schlafend auf dem Bett, kurz ermittelt die Polizei, knapp telefoniert sie der Dienststelle durch, was passiert ist. Der Hund Pucky bellt, ein kleiner Terrier, den ihm sein brasilianischer Verleger Abrahão Koogan gerade erst zum Geburtstag geschenkt hat, die Haushälterin schluchzt. Man hat es gewusst und ist doch nicht weniger schockiert und erschrocken als die Zeitgenossen. Zweig wollte „in der Welt voller Hassgeschrei, feindlicher Absperrung und brutalisierender Angst, die uns heute umgibt, nicht fortleben“, schrieb Thomas Mann später. Aus dem Abschiedsbrief ergibt sich der Filmtitel: „Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus!“

Josef Hader im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20252

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z1RAT0c9mwc

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

Wien, 31. 5. 2016

Josef Hader spielt Stefan Zweig – ein Gespräch

Mai 25, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Film „Vor der Morgenröte“

Im Exil in Brasilien: Josef Hader als Stefan Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Exil in Brasilien: Josef Hader als Stefan Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 3. Juni läuft Maria Schraders aktueller Film „Vor der Morgenröte“ in den heimischen Kinos an. In der Hauptrolle: ein fulminanter Josef Hader als Stefan Zweig. In sechs Episoden erzählt die Filmemacherin über das Leben des österreichischen Schriftstellers im Exil.

Bereits 1934 verließ Zweig Salzburg, um ins Ausland zu gehen und nie zurückzukehren. Schrader zeigt Stationen seines Wegs, von seinem ersten Aufenthalt in Brasilien und der Teilnahme am P.E.N.-Kongress in Buenos Aires 1936 über den Besuch New Yorks und seiner ersten Frau Friderike im Jahr 1941 bis zu seinem Freitod 1942 im brasilianischen Petrópolis. Dort schreibt Zweig zuvor sein wohl berühmtestes Werk „Die Schachnovelle“.  „Vor der Morgenröte“ ist ein seltsam sinnliches und dabei sprödes Werk über das Wesen eines Künstlers, ein Film über eine Zeit auf der Flucht und damit ein Film zur Zeit. Mit Hader spielen unter anderem Barbara Sukowa, Matthias Brandt, Charlie Hübner und die Burgschauspielerinnen Aenne Schwarz und Sarah Viktoria Frick. Josef Hader im Gespräch:

MM: Sie haben sich Stefan Zweig äußerlich sehr anverwandelt, aber auch innerlich scheint man durchaus Parallelen zu finden. Wie haben Sie sich in Zweig hineingedacht und was haben Sie dabei gefunden?

Josef Hader: Ich habe ein paar Biografien gelesen, mir den einzigen Kurzfilm angeschaut, in dem er zu sehen ist und mir zwei Tonaufnahmen angehört, auf denen er Gedichte liest. Das war alles, dann muss man irgendwie sich vorstellen, wie er gewesen sein könnte. Mehr bleibt einem nicht über.

MM: „Vor der Morgenröte“ ist kein Biopic, sondern Regisseurin Maria Schrader und Sie umreißen in Episoden eine Figur. Der Film hat nicht vor, Stefan Zweig in allen seinen Kompliziertheiten zu erklären, sondern ihn darzustellen.  Was war Ihnen wichtig, über Stefan Zweig zu erzählen?

Hader: Ich glaube, diese ganz psychologische Erklärung, wie das in Biopics üblich ist, das wollte Maria Schrader nicht, sondern, dass es ihr mehr um die intellektuelle Auseinandersetzung gegangen ist, mit den Themen Flucht, Exil, der Künstler und die Politik … Es ist kein Drama voller leidenschaftlicher Momente, sondern es ist ein kleiner Film mit sehr feinen Szenen. Meiner Meinung nach geht es nicht um dramatische Höhepunkte dieses Lebens, sondern um Szenen, in denen es immer um den Künstler im weitesten Sinn und die Politik geht. Um die Politik, die ihn daran hindert, sein Leben zu leben. Um die Frage, welche Position nimmt man als Künstler gegenüber der Politik sein. Stefan Zweig ist da sehr interessant, weil er die Haltung vertreten hat, dass Stellungnahmen nur dann Sinn haben, wenn man damit Gefahr riskiert. Alles das, was wir machen, uns hinstellen hie und da und sagen, wir sind für oder gegen irgendetwas, wir halten eine kleine Rede bei einer Demonstration, wir sagen in einem Zeitungsinterview, wir sind diesem oder jenem Präsidentschaftskandidaten zugeneigt, alles das, hat Stefan Zweig befunden, ist sinnlos und hat keine Wirkung. Und im tieferen Sinn hat er Recht.

MM: Weil?

Hader: Weil tatsächlich ein Bekenntnis, das nicht mit einer Gefahr verbunden ist, sondern eher mit Beifall, nicht mutig ist und daher keine Wirkung haben kann. Ich bin seiner Ansicht. Trotzdem mache ich es aber anders.

MM: Im Sinne von, man ist ja doch Teil dieser Bekenntniskultur und als solcher sehr gefragt: Der Journalist ruft den Künstler an und bittet um eine Meinung …

Hader: Schnell ein Statement zu dem und dem. Ich mach‘ das auch immer wieder. Ein bissel halte ich mich zurück, aber ich bin nicht so konsequent wie Stefan Zweig.

MM: Wie steht’s mit der Prominenz? Wenn Stefan Zweig oder Josef Hader eine Meinung haben, wird sie in größerem Wirkradius gehört werden. Ist der Bekanntheitsgrad nicht eine Verpflichtung, sich zu äußern?

Hader: Es gibt keine Verpflichtung, die daraus resultiert, welchen Beruf man hätte oder welchen Bekanntheitsgrad, sondern es ist so, dass man am ehesten als Bürger eine Verpflichtung hat, am politischen Leben teilzunehmen. Dazu gehört ab und zu auch, dass man aufzeigt und was sagt.

MM: Man sieht im Film Stefan Zweig in Südamerika, vor allem auch im Exil in Brasilien. Er ist begeistert von dem Land und den Leuten. Es verwundert, dass er auf all seinen Rundreisen die Armut und das Elend dort nicht wahrgenommen hat.

Hader: Das muss aus seiner Sicht so sein. In seinem „Brasilien“-Buch schildert er begeistert eine heile Welt, und der Grund, dass er die sozialen Spannungen, die damals ebenso geherrscht haben wie heutzutage, nicht sieht, liegt wohl darin, dass er aus Europa gekommen ist. Und aus dem damaligen Europa kommend haben viele Dinge auf ihn unglaublich eindrucksvoll und idyllisch gewirkt. Zum Beispiel, dass in Brasilien Menschen verschiedener Rassen und Hautfarben miteinander leben, ohne dass sie sich gegenseitig verfolgen, ohne dass sie den anderen bedrohen. Er musste den Eindruck bekommen, dass das im Vergleich zu Europa wirklich eine heile Welt ist. Die Unterschiede, wie, dass die Weißen immer die Chefs sind und viel verdienen, und die Schwarzen sind die Diener und Arbeiter und verdienen wenig, diese Unterschiede haben ihn nicht so interessiert. Vor allem, weil damals auch in Europa viel größere soziale Gefälle existiert haben als heute. Zum anderen, weil ihn die Tatsache generell, dass Rassen miteinander und nebeneinander leben, so begeistert hat.

MM: Er wurde offensichtlich sehr herumgereicht, von Ehrung zu Ehrung. Einerseits hat man in Ihrer Darstellung das Gefühl, er ist wahnsinnig gebauchpinselt, andererseits wollte er nicht unbedingt eine Person des öffentlichen Lebens sein. Waren da zwei Seelen in seiner Brust?

Hader: Das kann ich überhaupt nicht beantworten. Ich habe mir eine kleine Filmszene von ihm angeschaut, heute würde man sagen, ein Hobbyfilm, ohne Ton, in Schwarzweiß, wo er anlässlich der Salzburger Festspiele auf einer Party ist. Man sieht nur 20 Sekunden, wie eine Verehrerin auf ihn einredet und ihm sein Buch hinhält, und er steht daneben und fühlt sich nicht wohl und ist verlegen. Ich habe mir gedacht, das wird schon etwas über ihn aussagen, ich habe dann versucht sein Verhältnis zum Erfolg aus diesen 20 Sekunden zu gestalten, das ist sicher eine Verkürzung, aber jeder Film ist eine Verkürzung. Insofern ist es wahrscheinlich in Ordnung.

MM: Wenn man eine real existiert habende Person porträtiert, und es gibt so wenig Vorlage, ist man da als Schauspieler sehr frei in der Gestaltung? Oder schüchterner, weil man befürchtet, diesem Menschen unrecht zu tun?

Hader: Es ist sicher schwieriger jemanden zu spielen, den wir alle noch kennen, oder aus Filmen kennen, von dem wir wissen, wie er gesprochen und sich bewegt hat. Ich finde es einfacher jemanden zu spielen, von dem man nicht genau weiß, wie er war. Das ist ungefährlicher und gleichzeitig interessanter. Wenn man jemanden spielt, wie Hitler oder Goebbels, wird man als Schauspieler leicht zum Kopierer, weil man versucht ihn möglichst originalgetreu nachzumachen und das sind dann oft so hermetische Figuren. Abgesehen davon, dass ich das gar nicht könnte. Ich habe ja schon mit Stefan Zweig Neuland betreten.

MM: Wie sind Sie in dieses hineingeraten?

Hader: Maria Schrader hat mich getroffen und gefragt, ich habe das Drehbuch gelesen und mir gedacht, das klingt interessant, wenn ich scheitere, kann mir auch nicht viel passieren.

MM: Wieso?

Hader: Weil ich eh andere Sachen kann, und wenn ich diese Sache nicht kann, dann halt nicht, aber wenn, wird’s schön. Ich dachte, das wird spannend, ohne dass es mich allzu sehr in Gefahr bringt.

MM: Und jetzt, wie ist das Bauchgefühl?

Hader: Keine Ahnung. Ich habe irgendwas gemacht, das ich nicht beurteilen kann.

MM: Aber der Reiz, Stefan Zweig zu sein, war …

Hader: Diese tragikomischen Momente, die ich schon aus dem Drehbuch herausgelesen habe, dieser leicht neurotische, überforderte Zug, dass er manchmal fast wie ein trotziges, kleines Kind ist, und dann wieder der große Autor, der überzeugt ist von dem, was er sagt, und an das glaubt. Das waren alles Dinge, die habe ich im Drehbuch gelesen und gewusst, die kann ich spielen. Es waren aber auch Dinge im Drehbuch, da habe ich gewusst, die kann ich nicht spielen – und ich hab’s auch nicht getan.

MM: Wo wurde gedreht. Bis Südamerika hat’s nicht gereicht?

Hader: Nein, New York war in einem Studio in Halle an der Saale, Buenos Aires wurde teilweise in Berlin gedreht, teilweise in Lissabon, und Brasilien auf der Insel São Tomé in der afrikanischen Bucht vor Lagos. Die Sprache und die kolonialen Gebäude dort sind portugiesisch, es schaut unberührter aus als im heutigen Brasilien, abgesehen davon, dass wir für Brasilien wahrscheinlich kein Geld gehabt hätten.

MM: In diesem Film sprechen Sie fünf Sprachen. Der Film wird nicht synchronisiert, wohl weil zum Exilantenschicksal Zweigs die Vielsprachigkeit dazugehört. Wie ging es Ihnen mit den vielen Sprachen?

Hader: Das Unglück ist, dass ich nie Französisch gelernt habe, weil ich auf ein humanistisches Gymnasium gegangen bin. Die Sprache, in der Stefan Zweig sich ausdrücken konnte, wie in einer zweiten Muttersprache, weil er sie von klein auf gelernt hat, wie es im Wiener Großbürgertum üblich war, die konnte ich gar nicht. Das war das größte Handicap, die anderen Sprachen waren nicht so schwierig, aber Französisch war die große Hürde, und ich halte auch persönlich nur sehr wenige Stellen im Film aus, an denen ich es spreche. Gott sei Dank wissen nicht so viele Leute, wie gut Zweig das konnte.

MM: Sie aber hatten ein Hörbespiel.

Hader: Ja, und damit festgestellt, dass Zweig die Sprache des Wiener Großbürgertums gesprochen hat. Es gibt wie gesagt zwei von ihm vorgelesene Gedichte, und in einem kommt der Name August Rodin vor, und den spricht er so aus, wie das jemand aus Hietzing oder Döbling machen würde. Insofern ist das eine Sprache, die mir nicht ganz unvertraut ist, ich kenne aus der Großelterngeneration noch einige, die so gesprochen haben, als ich noch ein Kind war. Ich bin zwar nicht im Wiener Großbürgertum aufgewachsen, aber wir hatten Sommergäste aus verarmten höheren Kreisen. (Er lacht.)

Barbara Sukowa. Bild: © Filmladen Filmverleih

Barbara Sukowa als Zweigs erste Frau Friderike. Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader und Aenne Schwarz. Bild: © Filmladen Filmverleih

Aenne Schwarz spielt Lotte, Zweigs zweite Frau. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Wie war es, sich zwischen den beiden darstellerischen Polen Aenne Schwarz und Barbara Sukowa zu bewegen? In der Beziehung zu seinen Frauen kommt ja noch eine Farbe Zweigs zum Vorschein: seine Egomanie.

Hader: Und er hat sich natürlich bei der älteren Frau, mit der er viel länger verheiratet war, viel mehr getraut, dieser Egomanie freien Lauf zu lassen, als bei der jüngeren Frau. Wir haben mit diesen Szenen begonnen und es war gleich einmal am Anfang so, dass man einen hohen Berg besteigen musste. Diese Szenen, wo er trotzig ist, wo er kleinlich ist, und das alles musste ich ja mit Barbara Sukowa sein, das war sicher kein leichter Beginn der Dreharbeiten. Aber sie war unglaublich freundschaftlich und großartig zu mir. Aenne ist dann später dazugekommen, wir haben einfach die lockereren Szenen miteinander, wie wir da aufgelöst und verschwitzt durch die brasilianischen Zuckerrohrplantagen laufen. So etwas spielt sich leichter, als ein Streit in einem New Yorker Appartement, das in Halle an der Saale liegt.

MM: Was war die größte Herausforderung beim Dreh?

Hader: Wenn ich ganz ehrlich bin, war das Allerunangenehmste, dass Stefan Zweig so ein großer Hundefreund war. Ihm, also mir, wird in Brasilien von Freunden einer geschenkt für den zurückgelassenen. Und ich habe einen unglaublich schlecht riechenden Hund gehabt, der war wirklich grauslich. Ich bin schon ein Tierfreund, das möchte ich betonen, aber mit einem Hund, der so unglaublich aus dem Mund stinkt, auf dem Boden herumzukriechen und sich über das Gesicht schlecken lassen, ich glaube, das war das Allergrauslichste. Das ist nicht leicht, weil man muss sich ja nicht einmal über das Gesicht schlecken lassen, sondern zig Mal, bis die Kamera sagt, das passt jetzt. Na, pfui. Man soll ja überhaupt wenig mit Tieren spielen, aber mit solchen Tieren ist es noch schwieriger.

MM: Wie, wie schon gesagt, generell im Film nicht erklärt wird, so unvermittelt kommt auch der Selbstmord. Gerade hat Stefan Zweig noch einen stinkenden Hund geschenkt bekommen, schon ist er tot.

Hader: Wobei so ein stinkender Hund ja den Überlebenstrieb bei nicht so vitalen Menschen stärken müsste. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich denke mir, dass der Film den Selbstmord so unerklärlich lassen wollte, wie er auch für die Zeitgenossen war. Am Anfang haben ja berühmte Kollegen richtiggehend mit Unverständnis reagiert, teilweise auch mit Verärgerung. Thomas Mann fand das eine Zeit lang ganz ungehörig, dass ausgerechnet der Autor, der als einziger von allen keine finanziellen Schwierigkeiten hatte, weil er als Weltautor überall auf der Welt Verleger hatte, sich umbringt, während die anderen verzweifelt von Tag zu Tag leben und schauen müssen, wie sie Geld auftreiben. Mann hat später erst gerechter geurteilt.

MM: Aus Zweigs Abschiedsbrief ist der Filmtitel …

Hader (zitiert): „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“ Er wollte betonen, dass er sich nicht deswegen umbringt, weil er glaubt, dass der Zweite Weltkrieg für die Allierten verloren sei. Dem wollte er im Abschiedsbrief entgegentreten, und sagen, er glaubt, dass die Sonne wieder aufgehen wird, er vertschüsst sich aber vor der Morgenröte. Und zwar deshalb, weil er zu müde ist, einen Neuanfang zu machen, so schreibt er. Teilweise herrscht aber immer noch die Meinung, dass Stefan Zweig sich wegen der Kriegserfolge des Dritten Reichs getötet hat. Es gibt von einigen Biografen die Theorie, dass er immer schon schwer depressiv war, sich durch die Arbeit aber immer herausziehen konnte, und dass das am Schluss aus mancherlei Gründen nicht mehr möglich war. Zweig hatte immer eine große Bibliothek für seine Arbeit, auch die gab’s dort, wo er am Schluss war, nicht. Nichts hat ihn mehr beflügelt zu schreiben.

MM: Es gibt von ihm den Satz, ein Migrant hätte nicht eine neue Heimat gewonnen, sondern nur die alte Heimat verloren.

Hader: Ich glaube, dass Heimat sowieso etwas ist, dass man schwer finden kann. Was Heimat ist, kann sich im Laufe eines Lebens ändern, aber wenn man aus seiner Heimat weg muss und sich gar nicht aussuchen kann, wo man hinkommt, dann ist es noch viel schwerer auf die Schnelle etwas als Heimat zu fühlen. Stefan Zweigs Problem war allerdings nicht, dass er aus Salzburg weg musste, sondern, dass er aus Europa emigrieren musste. Seine Heimat war Europa, eigentlich das Europa vor dem Ersten Weltkrieg, das geht aus seiner posthum erschienenen Autobiografie hervor, ein Europa, das zumindest in kultureller Hinsicht ein vereintes Europa war.

MM: Ein moderner Gedanke.

Hader: Mehr als das. Die Künstler waren überzeugte Europäer und ständig miteinander im Austausch, das hat schon mit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr funktioniert, weil die Fronten plötzlich auch durch die Köpfe gezogen worden sind und die politische Atmosphäre anders aufgeladen war.

MM: Ist dieser Europa-Gedanke der Grund, warum man jetzt einen Film über Stefan Zweig macht?

Hader: Ich denke, dass die Zwischenkriegszeit für uns interessant ist, weil da viele Dinge falsch gemacht worden sind, und das könnte für uns zumindest eine Inspiration sein, nicht mehr dieselben Fehler zu machen, sondern vielleicht andere.

Mit seinem Team bei den Dreharbeiten zu "Wilde Maus". Bild: © Wega Film/Petro Domenigg

Mit seinem Team bei den Dreharbeiten zu „Wilde Maus“. Bild: © Wega Film/Petro Domenigg

MM: Sie verbringen Ihre Tage derzeit im Schneideraum bei der Fertigstellung des Films „Wilde Maus“. Das erste Projekt, bei dem Sie nicht nur Autor und Schauspieler sind, sondern auch Regisseur. Haben Sie jetzt mehr Verständnis für die andere Seite bekommen?

Hader: Die hab‘ ich eh immer schon gehabt. Ich hatte eigentlich nie große Konflikte mit Regisseurinnen und Regisseuren, ich hab‘ nur gemerkt, wo ich mich wohler fühle und wo weniger, und ich habe versucht ein Regisseur zu sein, wo sich die Kollegen wohlfühlen. Nicht, weil ich so ein selbstloser Mensch bin, sondern weil meine tiefe Überzeugung ist, dass man damit die besten Ergebnisse bekommt.

MM: Warum war es Ihnen ein Anliegen, diesen Film selber zu machen und nicht in fremde Hände zu geben?

Hader: Ich schreibe seit zwanzig Jahren auch immer wieder allein Drehbücher, die habe ich halbfertig gelassen und sie immer wieder für andere Projekte verwurschtet, zwei, drei Ideen kamen in Kabarettprogramme, ein paar in die Brenner-Filme, eines über Pathologen habe ich mit David Schalko umgearbeitet. Aber irgendwie war ich damit unzufrieden, ich wollte einmal wissen, was dabei herauskommt, wenn ich mich zusammenreiße und die Disziplin aufbringe, so ein Projekt durchzuziehen. Da ist mir zu Hilfe gekommen, dass ich älter werde und die Lebenszeit immer kürzer wird, da reißt man sich dann eher zusammen und sagt sich: Jetzt machst es.

MM: Wie kommt man auf die Idee, eine Geschichte über einen arbeitslosen Kulturkritiker zu schreiben? Sie haben verzweifelt einen Menschen gesucht, den keiner mag.

Hader: Der Beruf war nicht so entscheidend, ich wollte eine elementare Situation – Arbeitslosigkeit, die Geschichte sollte aber im Mittelstand spielen. Ich wollte kein Sozialdrama machen, sondern ein bissel schon eine Satire über die neuen Bürger. Damit meine ich die grünangehauchten, coolen Falter-Leser, die glauben, ihre Eltern waren Bürger. Ich finde, dass die, dass wir, genauso sind wie unsere Eltern. Um das miteinander zu vereinen, habe ich überlegt, welcher Beruf ist derzeit schwer gefährdet, wo werden dauernd Arbeitsplätze abgebaut, was ist die Stahlindustrie des Mittelstands? Und das sind die Printmedien.

MM: Man hört, der Film will auf die Berlinale?

Hader: Ich persönlich will mit dem Film ins Kino. Das wird im Februar soweit sein. Falls sich vorher ein Festival interessiert, ist es fein, wenn nicht auch. Wir kommen mit „Vor der Morgenröte“ nach Locarno (der Film ist mittlerweile auch für den deutschen Filmpreis nominiert, Anm.), dort habe ich schon einmal zusammen mit Roland Düringer und Joachim Bissmeier den Schauspielpreis für „Der Überfall“ bekommen. Das war die schönste Kinovorstellung, bei der ich jemals war, auf dieser großen Piazza im Freien. Ich war auch schon in Karlsbad, in Sarajewo, also ich bin überhaupt nicht fixiert auf ein Festival. Die Berlinale wäre halt die letzte Chance vor dem Kinostart von „Wilde Maus“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z1RAT0c9mwc

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

www.hader.at

Wien, 25. 5. 2016