Volksoper: Gypsy

September 11, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

A Musicalstar is born

Tingel-Tangel-Familie: Toni Slama  als Herbie, Lisa Habermann  als Louise, Marianne Curn als June und Maria Happel als Rose. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Riesenjubel und -applaus endete Sonntagabend die Eröffnungspremiere der Volksoper. Direktor Robert Meyer hat einmal mehr eine Musicalrarität ans Haus geholt, „Gypsy“, und für diese Maria Happel in der Hauptrolle. Es ist das erste Mal, dass die Burgschauspielerin in einem klassischen Musical spielt, und sie singt und swingt und tanzt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. A Musicalstar is born!

Wie ein Hurrican wirbelt ihre „Mama Rose“ über die Bühne, den Mops in der Tasche, ihre beiden Töchter an der Hand – und schon ist man mitten drin im Chaosleben der Vaudeville-verrückten Übermutter. „Gypsy“ erzählt die wahre Geschichte der Rose Thompson Hovick, die in den 1920er-Jahren der USA aufbrach, um ihre beiden Töchter zu Bühnenstars zu machen. Dazu tingelte die kleine Truppe, die Rose rund um die Mädchen aufgestellt hatte, quer durch die Vereinigten Staaten, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Das Ende des Vaudeville war bereits eingeläutet, und Karriere auf diesem Gebiet eigentlich nicht mehr machbar.

Rose, von ihrer Biografin nicht von ungefähr „Dr. Jekyll and Mrs. Hovick“ genannt, verschliss Bühnen- wie Lebenspartner, und trieb Baby June und Louise zu Höchstleistungen an. Beide Töchter wendeten sich schließlich von ihr ab: June brannte durch, mit 13!, heiratete und wurde eine erfolgreiche Schauspielerin, Louise unter dem Künstlernamen „Gypsy Rose Lee“ zum Burlesque-Star. Beide therapierten ihre schwierige Beziehung zu ihrer Mutter in Autobiografien.

Louises Aufzeichnungen nahmen Liedtexter Steven Sondheim, Autor Arthur Laurents und Komponist Jule Styne als Vorlage für ihr 1959 am Broadway uraufgeführtes Musical „Gypsy“. Diesem konnte die Kritik gar nicht genug Rosen streuen. Man schrieb von endlich einer Charakterrolle in einem Musical, nannte die Rolle der Mama Rose „die frivole Antwort auf King Lear“, und das Stück schließlich gar „die Mutter aller Musicals“. Apropos, Rosen: Einer der größten Hits in „Gypsy“ ist „Everything’s Coming up Roses“, außerdem bekannt sind „You’ll Never Get Away From Me“ und der Auftrittssong der Mädchen „Let Me Entertain You“, der sich wie ein roter Faden durch das Musical zieht.

Die  jungen Darsteller: Sophie Grohmann, Emil Kurz, Simon Gaunersdorfer, Louisa Popovic, Maria Happel, Sophie-Marie Hofmann, Lino Gaier, Lili Krainz und Toni Slama. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Die Zeitungsjungen-Nummer läuft Jahrzehnte: Lino Gaier, Louisa Popovic, Sophie-Marie Hofmann und Lorenzo Popovic. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper tauchen Regisseur Werner Sobotka und sein Ausstatterduo Stephan Prattes und Elisabeth Gressel lustvoll in die verwehte Welt des US-Unterhaltungstheaters ein, und machen den Abend zur schillernden Hommage ans eigene Metier. Sobotka inszeniert wie stets mit viel Liebe für Details, mit Witz und einem Hauch Satire. Vor allem nach der Pause, die Szenen in Minskys Burlesque-Theater, da lebt er seinen Hang zum Skurrilen aus. Die Optik wechselt zwischen showbiz-grellbunt und ärmlich-privat, hat Roses Truppe doch alles, nur kein Geld.

Happels Kostüme sind mitunter von atemberaubender „Hässlichkeit“, wenn Rose aus Schlafdecken Mäntel und Kleider näht, nur Baby June mit blondgefärbten Löckchen ist immer wie aus dem Schaufenster entwendet. Dirigent Lorenz C. Aichner macht das Volksopernorchester wieder einmal zur Big Band, schmissig schon die Ouvertüre während der alte Filmaufnahmen auf die Varieté-Atmosphäre einstimmen, und so wird den ganzen Abend mit Tempo und „Rums“ für die Bumps – dies der von Trommelwirbel begleitete Hüftkick der Tänzerinnen –  musiziert. Die Choreografien von Danny Costello sind lebhaft, very twenties und mit viel Stepptanz. „Gypsy“, das ist ein rundum sympathischer Abend.

Roses Truppe: Simon Stockinger, Peter Lesiak, Maria Happel, Georg Wacks, Oliver Liebl, Toni Slama, Maximilian Klakow und Marianne Curn. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Peter Lesiak (mit Lisa Habermann) glänzt in einer einwandfreien Steppnummer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In dessen Mittelpunkt, wie gesagt, Maria Happel glänzt. Kaum geht der Vorhang hoch, ist man mitten drin in „Onkel Jockos Kindercontest“, bei dem Baby June das Publikum erstmals mit Piepsstimme beschwört: „Let me entertain you!“ Ein kecker Augenaufschlag, ein Spagat (tatsächlich wurde June von Pädophilen verfolgt), und eine Mutter, die es schafft sich selbst aus dem Hintergrund ihre Vorhänge abzuholen. Happel verleiht der Mama Rose herben Charme und Humor, doch nie vergisst sie die Tragik im Leben dieser Nervensäge, die ihre eigene verkorkste Existenz an ihren Töchtern gutmachen möchte.

Darstellerisch vielschichtig changiert sie zwischen liebevollem Muttertier und Mamamonster, dem der Familiensinn immer dann zu fehlen scheint, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht. Und wehe, sie wird böse! Ansonsten lacht und flirrt und strahlt sie – ganz perfekte Vermarkterin ihrer Mädchen. „Meine Töchter sind mein Job!“, rechtfertigt sie ihren Selbstverwirklichungstrip. In dieser ersten Szene brillieren eine Reihe von Kinderdarstellern als wären sie alte Theaterhasen, allen voran die großartigen Livia Ernst als Baby June und Katharina Kemp als Louise.

Beim Tingeln werden aus den angesagten „1,07 Meter pure Energie“ teenagerhafte 1,60 Meter, immer noch lautet der Song „Let me entertain you!“, immer noch folgt die Zeitungsjungen-Nummer, immer noch will Rose so beharrlich wie erfolglos ihre Töchter berühmt machen. Die Wienerin Marianne Curn und die Linzerin Lisa Habermann schlüpfen nun in die Rollen von June und Louise, beide debütieren in ihren Parts an der Volksoper, und überzeugen gesanglich wie darstellerisch. Während Curns June noch vor der Pause verschwindet, hat Habermann mehr Zeit einen Charakter zu gestalten – und sie nützt sie auch. Wie ihre Louise vom Entlein, der Mutter nur zweitliebste Tochter, meist in eine Bubenrolle verbannt und von der Truppe als „Kumpel“ wahrgenommen, zum strahlend schönen Schwan wird, diese Entwicklung arbeitet Habermann erstklassig heraus.

Zum hervorragenden Damentrio gesellt sich Toni Slama als Roses Lebensgefährte Herbie, ein geduldiger, gefühlvoller Mensch und Manager der Truppe, der nicht von ungefähr an Roses Seite ein Magengeschwür bekommt, und sie verlassen wird, als sie zum x-ten Mal die Hochzeit wegen eines Engagements verschiebt. Slama agiert mit viel Herz und (als ehemaliger Sängerknabe) mit einigem an Stimme, Happel und er sind jedenfalls ein hinreißendes Paar, auch wenn’s für Rose und Herbie nicht reicht. Aus den die Mädchen auf der Bühne umringenden „Jungs“ ragt Peter Lesiak als „Tulsa“ mit einer ausgezeichneten Steppnummer heraus. Wolfgang Hübsch hat einen Kurzauftritt als Roses Papa.

Im Burlesque-Theater: Christian Graf als Tessie Tura, Maren Kern, Martina Dorak, Jens Claßen, Simon Stockinger und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine letzte Aussprache, und schon hat Rose den Nerz: Lisa Habermann und Maria Happel. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

So vergehen die Jahre, in denen Rose nicht loslassen kann und immer noch zur Gute-Nacht-Geschichte antritt, ohne wahrhaben zu wollen, dass ihre Babys längst im gebärfähigen Alter sind. Die „Jungs“ hauen irgendwann ab, June ist weg, Rose fördert nun Louise – und befördert sie in Minskys Burlesque-Theater in New York. Dieser Abstieg entpuppt sich bald als Louises künstlerischer Aufstieg, die, zum ersten Auftritt von der Mutter gedrängt, Talent im Ausziehgenre zeigt.

Sobotka lässt eine illustre Truppe das Etablissement bevölkern. Neben Martina Dorak als trompeteblasender „Miss Electra“ (eine Art Xena, die Stripteaseprinzessin), gelingt Christian Graf als so abgebrühter wie abgeklärter Lehrmeisterin „Tessie Tura“ im rosa Tutu mit Schmetterlingsdildo ein Kabinettstück. Lousie legt Bekleidung wie Mutterbindung ab, und Mama Rose ist ihren Job und damit den Sinn ihres Lebens los.

Wie die Happel sich diesen Moment der Verzweiflung mit der Schlussnummer „Rose’s Turn“/Nun ist Rose dran von der Seele singt und schreit, das ist große Kunst. In der Realität folgten Streit und Gerichtsprozesse. Auf der Bühne ist bei Schluss noch nicht Schluss.

Es kommt zur Aussprache zwischen Rose und Louise – aus der, was Wunder, Rose als Siegerin hervorgeht. Sie hat es geschafft, sich auf die High-Society-Party ihrer Tochter einzuladen, und der dafür auch noch einen teuren Nerz abgeluchst. Und so können sie beide im Triumph die Bühne verlassen: Mama Rose und Maria Happel.

Maria Happel im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25867

www.volksoper.at

  1. 9. 2017

Michael Madsen: The Visit

September 30, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine unheimliche Begegnung mit sich selbst

JohnRummel,Vorsitzender von COSPAR, dem Gremium zum planetaren Schutz Bild: Heikki Faerm © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

John Rummel, Vorsitzender von COSPAR, dem Gremium zum planetaren Schutz
Bild: Heikki Faerm © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

Nicht erst seit Scully und Mulder fragt sich die Menschheit, ob die Wahrheit irgendwo da draußen ist. Dokufilmer Michael Madsen geht der Frage nach der Möglichkeit außerirdischen Lebens in seinem Film „The Visit“, der ab 9. Oktober in den heimischen Kinos läuft, auf ungewöhnliche Weise nach. Er stellt sie als Faktum hin. Die Aliens sind da. Auf der Erde. Mal kurz Hallo sagen.

 

Eine Doku über etwas, das (noch) nicht dokumentiert ist. Madsen befragt dazu Experten der NASA, der UNOOSA, von COSPAR und SETI, Militärs und politische Sprecher. Auch Kurt Waldheim ist unter den Interviewpartnern. Die Gespräche zeigen, worauf Madsen hinweisen will: Im Dialog um die anderen, geht es immer um einen selbst. Oder wie Doug Vakouch, Leiter der Abteilung für interstallare Nachrichtenerstellung am SETI-Institut, sagt: „Als die Menschen die Voyager-Aufzeichnungen zusammengestellt haben, war eine der schwierigsten Fragen: Sprechen wir auch über unsere Eigenschaften, auf die wir nicht so stolz sind? Die Dinge, von denen wir wünschten, dass sie nicht so wären? Berichten wir von Krieg, über Kämpfe zwischen den Menschen? Erzählen wir von unserer Fähigkeit, unsere eigene Zivilisation zu zerstören? Solche Bilder wurden nicht in die Voyager-Aufzeichnungen aufgenommen, und es gab von manchen die Kritik, dass diese Nachricht damit nicht ehrlich sei.“

Josefstadt-Star Michael Dangl ist der Sprecher der Doku. Ihre Stimmen leihen außerdem Michou Friesz, Wolfgang Hübsch und Dörte Lyssewski. Der zu Teilen in Wien und Umgebung gedrehte Film ist eine Nikolaus-Geyrhalter-Produktion.

www.thevisit-doku.at

Wien, 30. 9. 2015

Volksoper: Im weißen Rössl

September 7, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein hinreißendes himmelblaues Bilderbuch

Sigrid Hauser (Josepha Vogelhuber), Carsten Süss (Dr. Otto Siedler), Ensemble, Fuhre Mist (li.) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Sigrid Hauser (Josepha Vogelhuber), Carsten Süss (Dr. Otto Siedler), Ensemble, Fuhre Mist (li.)
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Achtung, dies ist eine Gesundheitswarnung: Rund um die Volksoper wurden gestern nach 21.30 Uhr Menschen mit seligem Dauergrinsen gesichtet. Nicht wenige sollen sogar vor sich hin gesummt haben! Sollten Sie diese oder andere glücklich machende Nebenwirkungen nicht wünschen, meiden Sie Vorstellungen von „Im weißen Rössl“. Sie könnten sonst hin- und mitgerissen sein.

Regisseur Josef E. Köpplinger beschenkte die Volksoper zum Saisonauftakt mit seiner großartigen Inszenierung des Benatzky-Singspiels. Da ging’s nicht nur optisch nach dem Motto: Alles dreht sich, alles bewegt sich!, da wurde, weil Schmelz ja nicht von Schmalz kommt, und das eine daher ohne das andere existieren kann, der Operette auch ihre Würde zurückgegeben. Köpplinger brachte eine erst 2008 in Zagreb wiedergefundene Originalfassung mit nach Wien. Mit Jazzcombo, Zithertrio, Todesjodler und Kuhglocken. Und siehe, die himmelblaue Welt kann mit Michael Brandstätter am Pult swingen und grooven, was das Zeug hält. Zum Schenkelklopfen kommen allerdings nur die Schuhplattler. Die Kriegs- und durch seltsame Verfilmungen Nachkriegsgeschädigte darf wieder eine frivole, mit parodistischen Elementen versetzte Revue sein. Eine Travestie der Alpenglühromantik. Man möchte vermuten, der Benatzky hätt‘ seinen Spaß g’habt!

Es gibt so viel zu sehen, man weiß gar nicht, wo zuerst hinschauen. Köpplinger ließ sich von Erik Charells Uraufführungsgeist inspirieren. Rainer Sinell gestaltete als Bühnenbild ein quietschbuntes Bilderbuch mit Schäfchenwölkchen auf Häuserfassaden, hinten – nona – der Wolfgangsee, dahinter ein Postkartenidyll, eine bis in die Berg‘ hinauf begehbare Ansichtskarte. Auf diesen Spielebenen spielt sich’s ab. Etwa die Tragödie von Lois und Hias, zwei rechtschaffenen Salzkammergütlern, die nur ihrer ehrlichen Arbeit nachgehen wollen, aber von Unfug treibenden Touristen ins Seebadliegenlotterleben getrieben werden. Oder das Drama der vom wirren Oberförster mit der Flinte verfolgten Briefträgerin. Sie wird im See eine schöne Leich‘ sein. Köpplinger inszeniert mit erkennbarer Lust an der Freude alles, was Haxn hat. Mit Papierbus, Minibahn oder Dampfschifferl Zuagraste. Sportler, die ihrem Sportsgeist zum Opfer fallen. Tanzende Kühe und Marienkäfer im Frack. Blumen, eigentlich ohne Beine, herausgeputzt als schillernde Revuegirls. Amore in glitzerblauen Lederhosen. Und wenn dem wunderbar gewalzten Liebeslied gar nicht mehr zum Zuaaaschau’n is‘, schickt er einen Bauer mit einer Fuhre Mist vorbei. Hurra! Mitunter passt nicht einmal mehr ein Löschblattl auf die Bühne.

Gut, dass da eine den Überblick behält: Sigrid Hauser ist als Rössl-Wirtin Josepha eine Idealbesetzung. Hantig, aber herzlich, hat sie das Heft in der Hand. Die resche-fesche Hauser ist wie immer ein Glücksfall fürs Haus. Sie kann nicht nur singen und spielen, sondern auch g’scheit juchazen. Und jodeln. Daniel Prohaska nähert sich mit seiner Charmeoffensive dem großen Peter Minich an. Er ist als Zahlkellner Leopold so erbarmungswürdig liebeskrank, man möchte ihm ein Zwickerbusserl geben. In der Mittellage ist Prohaska bekannt weich und romantisch, diesmal strahlen auch die Spitzentöne. Doch Hauser und Prohaska sind nicht das einzige Traumpaar der Operette. Schwere Konkurrenz steht auf in Form von Mara Mastalir und Carsten Süss (der gewohnt stark bei Stimme ist und seine Belcanto-Qualitäten ausspielt) als Ottilie und Dr. Siedler, sowie von Juliette Khalil und Markus Meyer als lispelndes Klärchen und schönem Sigismund. Volksoperndebütantin Khalil überzeugt in ihrer ersten Rolle mit komischem Talent und S-angeskunst. Sie wird auch die Dorothy in „Der Zauberer von Oz“ übernehmen. Burgschauspieler Meyer genießt sichtlich einmal mehr einen Ausflug ins Musikalische. Er ist nicht nur ein Wirbelwind auf der Bühne, er gibt der manchmal auch verdolmten Figur Charakter und Tiefe. Sein Sigismund betrachtet sich mit Selbstironie und einer Spur Sarkasmus.

Meyer ist nicht der einzige Burggast. Als Giesike ist Bernd Birkhahn so richtig knorke, Hans Dieter Knebel berührt als Professor Hinzelmann. Er interpretiert außerdem Hans von Frankowskis und Franz Pragers Wienerlied „Erst wenn’s aus wird sein“. Köpplinger folgt mit dieser Idee einer Rössl-Tradition, haben doch schon Robert Stolz mit „Die ganze Welt ist himmelblau“ und „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“, Bruno Granichstaedten mit „Zuschau’n kann i net“ und Robert Gilbert mit „Was kann der Sigismund dafür …?“ musikalische Einlagen beigesteuert. Helga Papouschek, selbst einmal eine formidable Rössl-Wirtin, hat nun als nervige Reiseleiterin/ältliche Braut/englische Tourengeherin die Lacher auf ihrer Seite. Sie versprüht ein Feuerwerk an Komödiantik. Simon Fischerauer ist ein drolliger Piccolo. Den jungen Mann behält hoffentlich nicht nur Volksopern-Direktor Robert Meyer im Auge. Weil’s ins Köpplinger-Konzept passt, wird Kaiser Wolfgang Hübsch mit einer Oh-du-mein-Österreich-Kakophonie begrüßt. Sein „Es ist im Leben eben so“  wiederum ist ein in seiner Schlichtheit bewegender Höhepunkt dieser Produktion, die ansonsten vom Tempo regiert wird.

Josef E. Köpplinger hat den Kitsch über Kimme und Korn anvisiert und durch Karikatur zur Strecke gebracht. Er setzt aber nicht nur auf Gags, sondern auch auf Gefühl. Das ist eine angenehme Farbe angesichts einiger zur „Rössl“-Zertrümmerung angetretenen Arbeiten der letzten Zeit. Das Ensemble ist hochkarätig und vom jungen Grazer Brandstätter mit sicherer Hand geführt. Am Ende: Jubel, Trubel. Besser kann’s kaum gehen.

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Wien, 7. 9. 2015

Sigrid Hauser kann gut lustig sein …

August 18, 2015 in Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Volksoper startet mit „Im weißen Rössl“

Wolfgang Hübsch (Der Kaiser), Daniel Prohaska (Leopold Brandmeyer), Sigrid Hauser (Josepha Vogelhuber), Ensemble der Volksoper Wien Bild: (c) Barbara Pálffy / Volksoper

Wolfgang Hübsch (Der Kaiser), Daniel Prohaska (Leopold Brandmeyer), Sigrid Hauser (Josepha Vogelhuber), Ensemble der Volksoper Wien
Bild: (c) Barbara Pálffy / Volksoper

Premiere: 6. September! Der vielleicht nachhaltigste Operettenerfolg der Zwischenkriegszeit, Ralph Benatzkys Singspiel „Im weißen Rössl“, kehrt nach mehr als zehn Jahren an die Volksoper zurück. Erstmals erklingt hier die rekonstruierte Originalfassung der Berliner Uraufführung von 1930 mit einer Jazz-Combo im Orchestergraben und einem Zither-Trio. Regisseur Josef E. Köpplinger schickt das Publikum auf eine opulente, wilde Reise durch die emotionalen Höhen und Tiefen im Postkartenidyll Salzkammergut. Mit dabei: Sigrid Hauser als Rössl-Wirtin, die an der Volksoper bereits in Produktionen wie „Hello, Dolly!“ und „Guys and Dolls“ große Erfolge feierte, Daniel Prohaska als Zahlkellner Leopold, Burgschauspieler Markus Meyer als schöner Sigismund, Bernd Birkhahn als Wilhelm Giesecke, Mara Mastalir als Ottilie, Carsten Süss als Rechtsanwalt Dr. Siedler, Hans Dieter Knebel als Prof. Hinzelmann und Wolfgang Hübsch als Kaiser.

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Wien, 18. 8. 2015

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Das Käthchen von Heilbronn

Juli 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mach‘ mir den Hengst, Liebster!

Anna Unterberger und Nikolaus Barton Bild: Lalo Jodlbauer

Anna Unterberger und Nikolaus Barton
Bild: Lalo Jodlbauer

Das erste von einigen Komplimenten, die man Regisseurin Maria Happel und ihren Schauspielern machen muss, ist, wie sie die Sprachgewalt Kleists wortmächtig und dennoch ungekünstelt umgesetzt haben. Chapeau! bei einem Text, wo’s beispielsweise heißt: Und wo der Zeisig sich das Nest gebaut, der zwitschernde, in dem Hollunderstrauch, soll sich ein Sommersitz dir auferbaun … Da verlangt Natur nach Natürlichkeit. Die Sommerspiele Perchtoldsdorf haben sich für das erste Jahr der Intendanz Michael Sturminger was „Leichtes“ ausgesucht: Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“. Und unter Happel wird dieses Schauermärchen, die Ritterromanze tatsächlich leicht. Wie dem darin auftretenden Cherub wachsen dem Abend in der Dämmerung Flügel. Happel inszeniert nicht unkomisch, trotzdem ohne an Kleist Verrat zu begehen. Der hat nämlich sein ganzes Sein in diesen Stoff verwoben. Den steten Kampf von Instinkt gegen Intellekt. Seinen verlorenen gegen die Depression. Kleist ist hier Teil all seiner Figuren.

Der Inhalt: Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn klagt vor einem heimlichen Femegericht den Grafen Wetter vom Strahl an, seine Tochter Käthchen durch Teufelskünste entführt zu haben. Käthchen, vom ersten Anblick des Ritters wie gebannt, ist ihm überallhin gefolgt. Der Graf, von jeglichem Verdacht im Femegericht frei gesprochen, befiehlt dem Mädchen, mit seinem Vater nachhause zurückzukehren. Seine Zuneigung zu dem nicht adeligen Käthchen unterdrückt er. Kurz darauf befreit der Graf in einer einsamen Hütte die gefesselte Kunigunde von Thurneck aus einem Kidnapping-Versuch ihres früheren Verlobten und bringt sie auf sein Schloss. Der Graf glaubt, in ihr die Kaisertochter zu erkennen, die ihm in einem prophetischen Fiebertraum zu Silvester angekündigt wurde und verlobt sich mit ihr. Käthchen, auf dem Weg ins Kloster, erfährt durch Zufall von einem Anschlag, den der Rheingraf, ein weiterer verflossener Liebhaber der Kunigunde, auf die Burg Thurneck und das mittlerweile verlobte Paar plant. Käthchen eilt zur Burg, um ihren geliebten Grafen zu warnen. Aus Angst vor den eigenen Gefühlen will der Graf sie davonjagen, aber der Angriff beginnt. In kurzer Zeit steht die Burg in Flammen. Kunigunde, die das seltsame Verhältnis ihres Verlobten mit dem jungen Mädchen misstrauisch beargwöhnt, schickt Käthchen mitten ins Feuer, um aus ihrem Zimmer ein wertvolles Futteral zu holen. Auf wundersame Weise von einem lichtumflossenen Engel gerettet, gelingt es Käthchen samt Futteral aus dem einstürzenden Schloss zu entkommen. Von diesem Moment an sind die Gefühle des Grafen für das Mädchen nicht mehr zu unterdrücken. Unter dem Holunderbusch spricht Käthchen im Schlaf und bekennt dabei dem Grafen, dass auch sie einer geheimnisvollen Traumweissagung folgt, die nun Schlag auf Schlag in Erfüllung geht. Käthchen entpuppt sich als die verheißene Kaisertochter und somit steht einem Happy End nichts mehr im Wege.

Vor der Perchtoldsdorfer Burg spielt sich das Geschehen in terrassenförmigen, halb durchsichtigen, steilen Spielfächen aus schwarzem Plexiglas ab (Bühne: Andreas Donhauser, Sebastian Eckl, Paul Sturminger). Die Darsteller agieren sozusagen immer am Abgrund, immer absturzgefährdet. Die Kostüme (Renate Martin, Marie Sturminger) sind angedacht historisch. An Special effects wurde nicht gespart: Die Burg brennt tatsächlich! Einen Wasserfall gibt es auch. Ansonsten kommt Happel weitestgehend ohne Requisiten aus. Keine Schwerter (außer in der Schlussszene), keine Briefe, Dokumente, Depeschen, nicht Pfeil und Bogen noch Pferde. Alles muss man sich imaginieren. Wobei Imagination klarerweise eines der Schlagwörter des Kleist’schen Werks ist. Aber das Publikum bringt’s schon zum Lachen, wenn die edlen Herren wiehernd und schnaubend über die Bühne traben. Die Ritter ohne Kokosnuss. Mach‘ mir den Hengst, Liebster! Selten hat Kleist so viel Spaß gemacht – ein Umstand, an dem sich in den Pausengesprächen die Geister scheiden …

Das Ensemble wird exzellent angeführt von Dirk Nocker als Theobald Friedeborn, Käthchens Vater. Er spielt alle Facetten seines Könnens aus, vom Berserker zum Besorgten zum Betroffenen, der erkennen muss, dass sein Kind des Kaisers (Seine Majestät Wolfgang Hübsch) ist, weil die Gattin sich einst seitenspringend in den Garten verführte, äh, verfügte. Eigentlich die darstellerische Leistung des Abends. Doch stehen die anderen nicht nach. Anna Unterberger gibt das Käthchen mit der Hingabe eines Groupies, so flehendlich selbstlos, dass man dem Grafen zurufen möchte: Jetzt nimm’s endlich! Hollunderblütentrunken ist sie – Baum ist entsprechend aufgestellt. Und bis fast 23 Uhr muss sie warten, bis ihr Graf auch den „Joint des Mittelalters“ inhaliert hat. Im damaligen Volksglauben wurde ein Kranker schon dadurch geheilt, dass er unter einem Hollunder ein Schläfchen machte. Und Heilung braucht der von Nikolaus Barton gespielte Friedrich Wetter Graf vom Strahl dringend. Edel ist er, doch gerade erst von einer unerklärlichen Schwermut geheilt (?), ein Zer- und Vergrübler. Allerdings viel weniger Elegiebürscherl als der „Prinz von Homburg“ in der einen oder anderen Regiearbeit. Bleibt als weitere Hauptrolle Kunigunde von Thurneck, von Veronika Glatzner einwandfrei großartig als berechnendes Kunstgeschöpf verkörpert – wenn man da noch von Körper reden kann. Ein Geist, der, würde man heute sagen, über eine Schönheits-OP-Katastrophe regiert. Kleist wollte Kunigunde ursprünglich als Nixe haben. Happel nimmt in einer Badeszene, in der die äußere Hülle wieder Form annehmen soll, Bezug darauf. Ein Moment für Connaisseurs. Dennoch, und damit ist die Nadel im Heuhaufen gefunden, wäre in der Kunigunde mehr drin gewesen. Mehr Buhu, mehr Spuk, mehr Argh!

Die übrigen teilen ihre Talente auf mehrere Rollen auf. So ist Maria Happel, wie so gern gesehen, das komische Element – von der Köhlersfrau bis zu Kunigundes Tante. Die Frau schont sich wirklich nicht, wenn es darum geht, sich in hautenge Catsuits zu zwängen. Wunderbar (tragi-)komisch ist auch Sebastian Edtbauer als Gottschalk, des Grafen ergebener, ständig Äpfel essender Knecht. Cornelia Köndgen überzeugt sowohl als des Grafen herrische Mutter wie als schrullige Haushälterin im Schloss. Michael Masula verleiht Grafen, Rittern, Nachtwächtern und einem Erzbischof Würde. Paula Nocker wechselt von Köhlerjunge zur Nichte der Gräfin, und Annemarie Nocker hat die überhaupt wichtigste Rolle: den Cherub, der alles zum Guten wendet.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.mottingers-meinung.at/maria-happel-und-michael-sturminger-im-gespraech/