Terrence Malick: Ein verborgenes Leben

Januar 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Franz Jägerstätter

Dorf- und Liebesidyll: August Diehl und Valerie Pachner als Franz und Fani Jägerstätter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Masse-und-Macht-Bilder von Leni Riefenstahl überschneiden sich mit Dorf- und Liebesidyll, Gras mähen, Vieh füttern, Küsse geben, gewaltige Choräle mit filigranen Violinklängen, im fernen Berlin jubeln die Menschen jenem Mann zu, der sich zu ihrem „Führer“ aufgeschwungen hat, und auch in St. Radegund heben die Leute zu seinen Ehren den rechten Grußarm. Nur Franz Jägerstätter macht die neuen Sitten nicht mit, ihm ist es statt ums „Sieg Heil!“ um sein Seelenheil zu tun, weshalb der Bauer Begegnungen auf dem Feldweg mit einem „Pfui Hitler!“ beendet.

Das ist 1940 im oberösterreichischen Bezirk Braunau brandgefährlich. Kinomystiker Terrence Malick hat in seinem ab morgen auf den heimischen Leinwänden zu sehenden Film „Ein verborgenes Leben“ das reale des Franz Jägerstätter verfilmt. In Österreich ist die Geschichte des Wehrdienst-, weil Führereid-Verweigerers seit Axel Cortis Film, Erna Putzs Büchern und Felix Mitterers Drama (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=4764, Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=4738) bekannt.

Nun wird das Schicksal des stillen Widerstandskämpfers, der 1943 im Zuchthaus Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet und 2007 im Linzer Mariä-Empfängnis-Dom seliggesprochen wurde, dies wohl auch international werden. Regisseur und Drehbuchautor Malick nimmt sich für seine Story gute drei Stunden Zeit, um von Jägerstätters Blinde-Kuh-Spiel mit seinen Kindern zur blinden Wut des Volkskörpers zu kommen. Er erzählt weniger Handlung als Stimmungen, Emotionen, erzählt vom Fluss der Zeit, vom Sonnenstand, während sich ein Glaubenssatz im Gehirn festsetzt. Immer wieder verschneidet er Original-Wochenschauen, Tod, Zerstörung, Sinnlosigkeit, mit den grandiosen Aufnahmen von Kameramann Jörg Widmer.

Dessen Kamera lässt die Protagonisten mitunter fast steil ins Bild ragen, so als seien sie fragile Zeugen ihrer selbst. Das hat man so noch nicht gesehen. So wie Widmer an den Originalschauplätzen von der Weite der Landschaft in die Enge der Gefängniszellen, von sattem Grün zu wild und düster zu bleichem Grau-in-Grau wechselt, so schaffen die mal melancholische, mal minimalistische, mal auf Beethoven, mal auf Arvo Pärt zurückgreifende Musik von James Newton Howard, und die Tatsache, dass August Diehl und Valerie Pachner aus dem Off aus dem Briefwechsel zwischen Jägerstätter und seiner Frau Franzis­ka vorlesen, zusätzlich Atmosphäre.

Tobias Moretti als Vikar Fürthauer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Inhaftiert im Linzer Ursulinenhof. Bild: © Filmladen Filmverleih

Franz findet Kraft im Gebet. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit Bruno Ganz als Richter Lueben. Bild: © Filmladen Filmverleih

Diehl ist in seiner feinnervigen, von einem inneren Leuchten beseelten Darstellung des Charakters Jägerstätter brillant, und Malick umwebt den Gewissens- auf seinem Weg zum Schmerzensmann sanft und behutsam mit passendem szenischen Panorama, gemeinsam erkunden sie den Kosmos ihrer Schlüsselfigur bis ins Kleinste. „Besser die Hände gefesselt als der Wille!“ Dieser Ruf des Tiefgläubigen ist überliefert, und Malick macht in seiner Umsetzung des Stoffes deutlich, dass diese unpathetisch und elegisch zugleich geht. Der Herrgott ist allüberall, vom Winkel bis zum Marterl, Worte werden wenige gewechselt, doch jeder zweite Satz ist wie ein Bibelzitat, wuchtig, eindringlich, Jeremia 23. Gegen das Böse aufzustehen, heißt dabei der Amboss, nicht der Hammer zu sein. Auch, wenn Malick selbst dies verneint, er hat einen Märtyrerfilm gedreht.

Ob Diehls Jägerstätter als Sämann übers Feld stapft. Ob er sich im finsteren Wehrmachtsuntersuchungs- gefängnis des Linzer Ursulinenhofs, während – Schnitt – Jörg Widmer ein Waldmüller-Licht auf die Gesichter seiner drei Töchter fallen lässt, den Hochmut vorwirft, durch seine stolze Entscheidung besser als die anderen Eingezogenen sein zu wollen. Ob er verlegt nach Berlin-Tegel die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut und Erinnerungsrückblenden an daheim erträgt. Diehl spielt Verzweiflung, Müdigkeit, Tränen stets nur an, nie aus. Bemerkenswert ist, wie er körperlich mehr und mehr verfällt, seine Überzeugung von den Nazi-Schergen bis zur letzten Sekunde geprüft, Diehls stumm leidendes Gesicht dabei, im Hintergrund Hass und Flehen, Befehls- und Schmerzensschreie, in Großaufnahme. Am Ende wankt er zwischen der Kraft des Gebets und seinem Zweifel am Glauben, soviel zu Matthäus 27 bis Lukas 23.

In seiner Bezugnahme auf das Christentum ist Malick kompromiss- und furchtlos, ohne Berührungsängste, aber, siehe Michael Nyqvist als Bischof Fliesser, der Jägerstätter anordnet dem Vaterland zu dienen, kritisch gegenüber der Institution Kirche. „Ein verborgenes Leben“ ist ein Antikriegsfilm ohne Front und Schlachtfelder und Gemetzel. Heidegger-Übersetzer Malick und mit ihm Widmer machen die Abwesenheit ihres Helden durch Verlassenheit deutlich, im Haus, im Stall, Blicke auf leere Stiegen und Türstaffeln, verwaiste Holzpantoffel, dazu Valerie Pachner, die als Fani Jägerstätter den Volkszorn wegen ihres Verräter-Ehemanns stoisch erträgt. Malick ist nicht der Filmemacher, dem es darum ist, Gegenwart herzustellen, und doch gelingt es ihm hier auf besondere Art – und dank eines hochkarätigen Casts, Ausnahmeschauspieler allesamt, die in noch in kürzesten Szenen eindringlich ihr Können zeigen.

Die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut erdulden: August Diehl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Allen voran Karl Markovics, der als St. Radegunds regimetreuer Bürgermeister Kraus aktuell anmutende Phrasen wie „Ausländer überfluten unsere Straßen, Immigranten ohne Achtung vor unserer Vergangenheit, wir müssen unser Land verteidigen!“ drischt. Oder Tobias Moretti als Vikar Ferdinand Fürthauer, der Jägerstätter mit beinah denselben Worten vor den existenziellen Konsequenzen seines „Opfers“ warnt. Johannes Krisch als Müller Trakl und Wolfgang Michael als Eckinger sind zumindest im Kopf Widerständler. Ulrich Matthes begleitet als Fanis Vater Lorenz Schwaninger diese bis nach Berlin.

Martin Wuttke hat als Major Kiel eine Epilepsie-Epiphanie, Michael Steinocher ist als Offizier Kersting ein brutaler Gefangenenwärter, Thomas Mraz der windige Staatsanwalt Kleint, Berlinale-Pensionist Dieter Kosslick der Richter Musshoff. Zwei herausragende Szenen gibt es mit Franz Rogowski als ebenfalls zum Tode verurteilten Waldland, der sich in eine gespenstische Enthauptungsfantasie hineinsteigert, und mit Bruno Ganz, der als Richter Werner Lueben kein zweiter Freisler ist.

Sondern versonnen im Verhör, eine Pontius-Pilatus-Figur, deren Frage an Jägerstätter „Verurteilen Sie mich?“ den späteren Suizid des Senatspräsidenten beim Reichskriegsgericht – offiziell: plötzlicher Tod wegen seelischen Erschöpfungszustands, vermutet: Gewissensnot wegen seiner Todesurteile gegen drei Pfarrer, Verstrickung in die Attentatspläne gegen Adolf Hitler – vorwegnimmt. In beiden Begegnungen erkennt Jägerstätter, dass Mitgefühl, nicht Mitleid, denn was nützt es, wenn ein anderer mit einem leidet, den Christenmenschen macht.

Dass Malick zum Schluss seine ruhige Konsequenz mit dem Gang zum Schafott, einem Bild des Fallbeils, dem lapidaren Ruf des Scharfrichters „Der nächste …“ bricht, hätte zwar nicht sein müssen, denn in seiner Gesamtheit ist „Ein verborgenes Leben“ ein kostbares Kinogeschenk, diese Geschichte einer reinen Seele, eines Menschen, der lieber Außenseiter ist, als Teil einer Gemeinschaft potenziell gewalttätiger Mitläufer und ergo Mittäter. Jägerstätter-Tochter Maria hat den Film über ihren Vater bereits gesehen. Im Sonntag-Interview bekräftigt sie, wie wichtig es sei, „dass man nicht alles nachmachen soll, was einem so vorgegeben wird, sondern überlegen, ob das auch gut ist“: „Nicht auf das schauen, was die anderen sagen, sondern sich selbst informieren und nachdenken, was ist richtig und was nicht.“

www.ein-verborgenes-leben.de

  1. 1. 2020

Howard Jacobson: Pussy

Februar 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist …

Statt mit einem „Es war einmal“ mit einem „Es passiert gerade“ beginnt Kultautor Howard Jacobson sozusagen sein neues Albtraummärchen „Pussy“. In einem „Zornesanfall des Unglaubens“, erzählte er dem Observer hätte er mit dem Schreiben dieses Romans begonnen; der vermerkt dazu: „Wenn Trumps Präsidentschaft irgendetwas Positives bewirkt hat, dann ist es die Tatsache, dass einer der besten Schriftsteller unserer Zeit diese geschliffene und gnadenlose Satire verfasst hat.“

Der Satz steht auch auf dem Buchrücken. Womit die Parameter abgesteckt wären. „Pussy“ ist so überdrüber, dass es der Wahrheit entsprungen sein musste. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist ausdrücklich erwünscht und nicht zufällig. Protagonist des Ganzen ist Prinz Fracassus, dessen Lebenslauf von der Wiege bis zur ersten Wahl zu folgen ist. Er ist Sohn des Herzogs von Urbs-Ludus, einer Wolkenkratzermetropole hinter hohen Mauern, einer Meritokratie, in der sich die Bevölkerung „Bauträger“ nennt.

Fracassus nun, gesegnet mit einem wilden Schopf aus gaggerlgelbem Haar, ist ein rechter Rüpel. Er verachtet Frauen und schikaniert Untergebene, was beides beachtlich ist, angesichts des Umstands, dass er sich eigentlich für nichts und niemanden außer sich selbst interessiert. Sein Sprachschatz umfasst gerade ein paar Worte, die wiederzugeben der Anstand verbietet. Wäre die Frisur nicht sein eigen, müsste man sagen, er ist Toupet mit Tourette. Er ist eine Figur „abzüglich einer zuvorkommenden Art, einer großmütigen Gesinnung, jeglicher Kritikfähigkeit, eines Gespürs für Lächerlichkeit, einer schnellen Auffassungsgabe und eines Händchens für Sprache.“ Dennoch wird er zum Liebling des Wahlvolks.

Die Menschen, die ihm dazu verhelfen, skizziert Jacobson in zahlreichen Details. Man spürt beim Lesen deutlich seine Wut, die Verhältnisse, die schon so sind, xenophob und misogyn und insgesamt ignorant, darzustellen. Da sind zunächst Ex-Model-Mutter und Vater-Fürst mit dem bestechenden Credo: „Eine liebenswerte, kommerzorientierte Jux-und-Tollerei-Plutokratie kann man nicht nach demokratischen Richtlinien führen …“ Zwei Lehrer, die sexyhexy Frau Dr. Cobalt und Professor Probius – Leitsatz: „Eine schlechte Grammatik bringt schlechte Menschen hervor“ -, der wegen „erkenntnismäßigen Herablassens“ aus dem Universitätsdienst entlassen wurde.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Da ist der Führer der Partei der einfachen Leute, Caleb Hopsack, der persönlich auf allergrößtem Fuß lebt. Und Sojjourner, die für die Liberalen antritt, und sich durch großspuriges Blabla aus dem Rennen wirft. Und da ist der großartige Bundesgenosse aus dem Nachbarstaat, der sein Volk in einer es erstickenden Umarmung an die gerne nackt gezeigte Brust zieht und Minderheiten in ihren Arbeitsmöglichkeiten ausblutet. „An den Wänden seines Büros hingen Fotos von Spravchik in Badehose, wie er einen Jeep fuhr, tauchte, surfte … auf einem maß er sich mit einem Eisbären im Armdrücken, auf einem anderen entfernte er vorsichtig einen Stachel aus der Pfote eines Löwen.“

Jacobson ironisiert seine dieser Tage allgegenwärtigen Geschöpfe auch als politische Archetypen. Er stellt ihr Philistertum aus. Er demonstriert seine Verachtung für den Mangel an Stil und Intellekt, der da in die höchsten politischen Kreise (nicht nur) der USA eingezogen ist. Er zeigt einen Krieg, einen Politthriller um die Seelen der Menschen – und er zeigt Vermögen und Unvermögen wahrer Demokratien. Was Jacobson nicht tut, ist Erklärungen auszustellen. Er stellt eben lieber dar. Seine Satire kennzeichnet Geschehnisse, zwischen den Zeilen gelesen überhöht sie sie nicht einmal. Das ist viel, aber gleichzeitig auch alles. Literarische Analysen gibt es nicht.

Derweil wird Fracassus zum Twitter-Star. Seine 140-Zeichen-Botschaften erreichen den Kern der Menschen. Er lernt Steuervermeidung ist nicht -hinterziehung, den Einsatz von Poledance bei wichtigen politischen Fragen und, dass Ideologie in erster Linie Unterhaltung ist. „Flüchtlinge? – Ballert sie ab!“, twittert er – und die Menge lacht über den Scherz. Am Ende wird er der Sieger über alle und alles sein. Es ist ein Sieg der Einfalt. Ein Fernsehsender folgt Fracassus nun rund um die Uhr. Und Brightstar, Internet-„Plattform für nativistischen, homophoben, konspirationsaffinen, völkischen Ethno-Nationalismus“. Von Professor Probius gibt es noch ein Zitat: „So etwas wie Volkes Wille gibt es nicht. Es gibt bloß den Willen derjenigen, die dem Volk sagen, was Volkes Wille sein soll.“

Über den Autor: Howard Jacobson, geboren 1942 in Manchester, zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Booker-Preis. Mit „Pussy“ erscheint Jacobsons neuester Roman auf Deutsch bei Tropen.

Tropen Verlag, Howard Jacobson: „Pussy“, Roman, 272 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Johann Christoph Maass.

www.klett-cotta.de

  1. 2. 2018

Howard Jacobson: Shylock

August 25, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Pfund Fleisch soll diesmal vom Penis sein

Shylock von Howard Jacobson

Shylock von Howard Jacobson

Im April 2016 startete The Hogarth Press, vor fast hundert Jahren von Virginia und Leonard Woolf gegründet, ihr Shakespeare-Projekt. Zum 400. Todestag des britischen Barden wurden internationale Autoren, darunter Margaret Atwood oder Jo Nesbø, eingeladen, die Neuerzählung eines von ihnen gewählten Shakespeare-Werkes zu präsentieren. Nun liegt auch beim deutschen Partnerverlag Knaus Howard Jacobsons „Shylock“ vor, und das Buch entpuppt sich als eine beinah unverschämte Umschreibung, als höchst burlesker Umgang mit dem vermeintlichen Antisemitismus des „Kaufmann von Venedig“. „Shylock“, das ist ein sardonisches Spiel mit Shakespeare.

Dass Jacobson, der sich nicht erst seit der „Finkler-Frage“ am Jüdischsein abarbeitet, der seine Zweifel und Verzweiflungen daran, dieses Lebensthema gleichsam zum Dreh- und Angelpunkt seiner Literatur gemacht hat, den „Kaufmann“ gewählt hat, nimmt kaum Wunder. Es sei dies, sagt er, „das verstörendste Schauspiel aus der Feder des Dramatikers, aber für einen britischen Romancier, der zufällig noch Jude ist, auch die größte Herausforderung.“

Was ihm gelungen ist, ist die moderne Paraphrase einer Überfluss- und Überdrussgesellschaft, in der sich einige wenige das Recht herausnehmen, es zu machen. Jacobson zeigt eine wohlstandsverrückte Welt, in der Wert gleich Wertsteigerung ist. Dazu hat er die venezianischen Kaufleute ins britische Kunsthändlermilieu versetzt. Auf einem Friedhof in der Grafschaft Cheshire, wie alle spielt auch dieser Roman Jacobsons am Fuße seines Geburtsberges, des Alderley Edge, lernen die Protagonisten einander kennen. Wenn sie’s denn tun, denn diesbezüglich beschleichen einen Bedenken. Der reiche Kunsthändler Simon Strulovitch gabelt am Grab von dessen Frau Leah den inbrünstig mit der Verstorbenen Zwiesprache haltenden Shylock auf – und kann sich der seltsam strengen, auch sinistren Gestalt nicht mehr entziehen. Er nimmt ihn mit nach Hause.

Wie sich die Schicksale gleichen. Auch Strulovitch hat eine abtrünnige Tochter, die als üppig-sinnliche, magentahaarige Schönheit beschriebene Beatrice, die ebenfalls in die falschen Kreise geraten ist, nämlich die der leichtlebigen Millionenerbin Plurabelle und ihres Kunstankäufers und Strulovitchs Kaufmannskonkurrenten D’Anton – man beachte die Namensgebungen, nur um sich dort in den dümmlichen Fussballstar Howsome zu verlieben. Der hat’s zweifellos in den Beinen, und sicher auch anderswo, aber definitiv nichts im Kopf. Zuletzt fiel er auf, weil er nach einem verwandelten Elfmeter den jubelnden Fans mit hochgestrecktem rechtem Arm dankte, was er nun als Missverständnis entschuldigt. Aber auch Plurabelle und D’Anton, sie ganz überspannte, er die dandyhafte Variante der Upperclass-Dekadenz, haben über die „Hakennasigen“ ihre eindeutige Meinung. Und die ist eine Mischung aus Faszination und Grauen vor dem „Fremden“. Beatrice, „Kind der ersten Generation, die ohne Gedächtnis auf die Welt kommt“, bemerkt von alledem natürlich nichts.

Wie schon im dystopischen Vorgänger „J“ fügt Jacobson auch hier Hitler und Holocaust in die Handlung; er tut’s, man kann es nicht anders sagen, mit jüdischem Mutterwitz und dem doppelbödigen Humor der dem Mordgesindel Entronnenen, diesmal allerdings unterbrochen durch die empörten Zwischenrufe des die Zukunft nicht ahnenden Shakespeare. „Früher haben sie mich angespuckt, jetzt erzählen sie mir jüdische Witze“. Sagt Shylock. Strulovitch wünschte, darauf eine Antwort zu haben. „Aber für mich ist ein Witz, der mir erzählt wird, wie eine kleine weiße Fahne. Hör zu, wir kommen in Frieden“. „ Dann sag mir einen Witz, der nett gemeint ist.“ Gemeinsam jedenfalls schmieden die beiden geschundenen Väter einen bösen Plan. Will Howsome die Beatrice haben, muss auch er sein Pfund Fleisch dafür geben. Nur reicht heute sein Herz nicht mehr, es soll ein Stück seiner Männlichkeit sein. Die Vorhaut. Strulovitch verlangt vom Liebhaber seiner Tochter die Beschneidung. Wenn denn er sie verlangt. „Kannst du mir sagen“, wollte Strulovitch wissen, „wie wir vom Metaphorischen ins Wörtliche geraten sind? Alles fing damit an, dass ich einen Goi, der mit meiner Tochter schläft, aufgefordert habe, seine guten Absichten zu beweisen. Und unversehens, unter deiner Anleitung, schneide ich ihm den Penis ab.“ „Willkommen in meiner Welt“, sagte Shylock.

Der übrigens zutiefst bedauert, in seiner Angelegenheit das Messer nicht ebenfalls tiefer angesetzt zu haben. Den Kern des Buches bilden diese aberwitzig abgründigen und wortverspielten Gespräche des Shylock mit Strulovitch. Teils sind sie zutiefst theosophisch, teils ein heiterer Diskurs über Shakespeares Ansinnen in der Shylock-Sache, gespickt mit Seitenhieben auf moderne Unterhaltungsunsinnigkeiten wie Kochtalkshows und Sticheleien gegen Schriftstellerkollegen, vor allem Paulo Coelho kriegt als selbsternannter Prophet wieder einiges ab, teils frivol und frech – denn freilich dreht sich vieles um den einen. Shylock ist Strulovitch unsympathisch, und dennoch kommt er nicht von ihm los. Er ist wie eine dunkle, radikalere, archaischere Seite seiner selbst, und daher immer da; er spricht aus, was sich der andere auszuleben wünscht, als würde Strulovitch, der Belesene vom Volk des Buches, sich Shakespeares Shylock nur imaginieren. Es ist, als hätte Jacobson die Figur in Hälften geteilt, und dennoch sind die beiden weniger die zwei Seiten einer Person, als dass der andere schon war, wo der eine erst hin muss. Das ist ein großartiger Kunstgriff.

Und apropos Kunst: Einbettet ist die ganze Gemächtgeschichte in eine wunderbare Intrige rund um eine Vorstudie zu Solomon Joseph Solomons Gemälde „Love’s First Lesson“, die sowohl Strulovitch als auch D’Anton erwerben wollen. Was da an Briefen die Besitzer wechseln, Schriftstücke in nicht für sie bestimmte Hände geraten, ist dem Shakespeare’schen Verwechslungsschabernack innigst verwandt. Plurabelle indes bereitet schon die Beschneidungsparty vor, bei der sie den Juden als im Wortsinn Unmenschen anprangern will, der für sie typische große Bahnhof mit Liveübertragung im Fernsehen etc. ist ihr dabei wichtiger als die körperliche Unversehrtheit eines Freundes …

Der Schluss ist, wie er war. Mit der offenbleibenden Frage, ob Shylock und Strulovitch tatsächlich die Betrogenen sind. Am Ende nämlich kehren die beiden ihre Standpunkte um. Howard Jacobson ist bei allem Zynismus Humanist. Wie Shakespeare, der, davon ist Strulovitch überzeugt, in Wirklichkeit wahrscheinlich Shapiro hieß. Weil er nämlich eins wusste: Rachmones, das ist zuerst und wird es immer bleiben ein jüdisches Konzept.

Über den Autor:
Howard Jacobson, 1942 in Manchester geboren, lebt in London. Er hat bisher vierzehn Romane und vier Sachbücher vorgelegt und zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden schon vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt er für „Die Finkler-Frage“ 2010 den Man Booker-Preis, den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt. Nach „Liebesdienst“ (2012) und „Im Zoo“ (2014, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14443), für den er den Bollinger Everyman Wodehouse Prize for Comic Fiction erhalten hat, ist die Shoa-Groteske „J“ Jacobsons kontroversiellster Roman (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16405). Er stand 2014 auf der Shortlist des Booker-Preises.

Knaus Verlag, Howard Jacobson: „Shylock“, Roman, 288 Seiten. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.

www.knaus-verlag.de

Wien, 25. 8. 2016

Howard Jacobson: J

Dezember 1, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Shoah als zynische Zukunftsvision

J von Howard Jacobson

J von Howard Jacobson

Es gibt auffallend wenig deutschsprachige Rezensionen dieses Buches. Howard Jacobson, der Darling des Literaturbetriebs, preisgekrönt, weil immer satirisch, stets sarkastisch, durchwegs brillant – diesmal kaum besprochen? Der jüdische Witz ist ja witzig, aber Humor mit Holocaust? „J“ heißt sein neues Buch; das J ist zwei Mal durchgestrichen, der Protagonist kann es nämlich nicht aussprechen, er muss sich dabei den Mund mit zwei Fingern zuhalten. Das J steht für Jacobson und für Jude. Für Joke. Das Hebräische hat kein J. Das J fehlt.

„J“ ist ein beunruhigendes Buch. Zu sagen, es ist ein untypischer Jacobson-Roman stimmt und stimmt nicht. Natürlich erzählt er mit der ihm eigenen Wortwürze über den Krampf der Geschlechter, freilich berichtet er mit Ironie über die Idiotie derer, die glauben, das Leben wäre bewältigbar. Doch da ist mehr. Und dieses mehr fordert vom Leser viel. Es ist, als wäre dieses Buch O’Brien und man selber Winston Smith; es ist, als wäre dieses Buch Ahab und man selbst der weiße Wal. Orwells „1984“ ist das, was einem beim Lesen nicht aus dem Sinn will, Jacobson beruft sich allerdings auf Melville. Wie auch immer, die Jagd ist eröffnet. Die Flucht vor nichts Gutem.

Das heißt, nein. Denn der Autor tut die ersten 200 Seiten lang nichts wesentliches. Eine Geduldsprobe. Er entwirft eine dystopische Welt, faszinierend fremd, und setzt zwei Figuren hinein, derart farblos fade Nichtcharaktere, dass einem ihr Schicksal so ziemlich egal ist, dass man schon … vorblättert zum Ende … es gibt einen Selbstmord. Sprung von der Klippe in die Arme der längst verstorbenen Mutter. Auch sie schied freiwillig – naja? – aus dem Leben. Nun will man wissen, warum. Und ab der Mitte entfaltet sich der Roman zu einer Geschichte, so grauenhaft, dass es einem den Atem abschnürt. Das ist das Buch, das man lesen will. Lesen muss. Um ehrlich zu sein, wenn man’s schließlich weglegt, ist man alles andere als gutgelaunt. Der Zerrspiegel, den Jacobson der Gesellschaft diesmal vorhält, zeigt allzu deutlich das jederzeit wieder Unmenschenmögliche.

Fremd. Ist ein Schlagwort über dem Ganzen, „Ich bin ich, weil ich nicht du bin“, der offizielle Stehsatz. Der Brite Jacobson entwirft ein Inselantiidyll, darauf das Fischerdorf Ludgvennok, nunmehr Port Reuben; alles und jeder hat neue Namen, denn es gab einen Zwischenfall, einen Gewaltausbruch, Celan-esk beschrieben als „was geschehen ist, falls es geschehen ist“. Die Täter nahmen wie zur Buße die Identitäten ihrer Opfer an. Rosenthal, Feigenblat, Gutkind. Eine große, glückliche semitische Familie entstanden aus Antisemitismus. Damit nie wieder geschieht, „was geschehen ist, falls es geschehen ist“, hat man sich strenge Regeln auferlegt. Beispiel Kultur: Kultur ist gefährlich, weil Reaktion auf etwas, das schon Reaktion auf etwas war. Jazz ist ergo nicht „verboten“, sondern vom „populären Geschmack abgeschafft“; noch ein durchgestrichenes J, weil alles was Improvisieren meint, unvorhersehbar und daher unkontrollierbar ist. Bücher sind in diesem Sinne „vergriffen“. Die Bildende Kunst hat sich dem Angenehmen ergeben – kitschige Sonnenuntergänge statt sexuell gequälte Leiber sozusagen. „Entartet“ sagt man aber nicht mehr. Dafür „Entschuldigung!“ wie Guten Tag. Ununterbrochen bittet jemand für etwas um Verzeihung. Nicht Vergebung. Hier wird nichts, kein Verbrechen zugegeben; die Niemalsvergesser sind allesamt Neurotiker. Die moralische Botoxbehandlung – glatt und gleich – nützt aber nichts, die Gesellschaft ist gewaltbereiter denn je. Sie sucht ein neues Ventil. „Gesellschaft bedeutet stets Ärger“, sagt eine Figur im Buch.

Das Ventil. Ein Mann und eine Frau werden eingeführt. Sie werden einander auf dem Wochenmarkt in Port Reuben von einem Fremden praktisch in die Arme geschleudert. Kevern Cohen und Ailinn Solomons. Zwei unsympathische Weirdos. Zwei Außenseiter. Er ist besessen zwänglerisch, mit einer angeborenen Trostlosigkeit bestraft, für seine Nachbarn „nicht einfältig, sondern zu schlau“; er sagt, sein Vater war ältlich an Jahren, seine Mutter im Geiste, sie waren jedenfalls „anders“ als die anderen. Sie hat etwas Provisorisches, etwas unfertig Fluchttierhaftes an sich; sie wird als außergewöhnlich schön beschrieben, und als Waisenkind versteckt in einem Kloster. Ihre Mutter war nicht systemkonform, doch das weiß sie nicht. Beide sind unglücklich aus Selbstschutz, in ihnen wohnt ein tausendjähriger Schrecken, und auch das wissen sie nicht. Sie beschließen einander zu lieben. Mit allen Höhen und noch mehr Tiefen. „Du mögest für Liebe Anlass sein, aber nie für Ekel“, war das Gebet von Keverns Mutter für ihren Sohn. Sie wusste, dass Hass verbrennt, aber nie verbrennt. Jacobson richtet den Suchscheinwerfer in diese Seelen, die begreifen möchten, warum sie so geschunden sind. Nun erklärt sich der Aufbau des Romans. Dessen erste Hälfte, das Sittenbild dieser schönen neuen Welt, ist die furchtbare Folie auf der sich die Handlung entwickelt. Weil geschehen wird, was geschehen muss. Zwei Morde geschehen, drei – ein Toter ist eine Katze. „Man kann nur hassen“, sagt wieder diese Figur im Buch, „was Ähnlichkeit mit einem hat, was eine Variante von einem selbst ist.“

Zu diesem Zeitpunkt ist man als Leser in der Postapokalyse bereits aufgegangen. „J“ zeigt sich endlich als zynische Zukunftsvision der Shoah, als eine enigmatische Parabel über Herrenmenschendenken und nationalistischen Irrsinn, über Rassen- und Religionswahn. Wie in Fußnoten spannt Jacobson den Bogen vom Dritten auf weitere Reiche. Denn „J“ liest sich auch als eine Absage an das Treiben der Kolonialmächte, das Königreich England hat sich da durchaus nicht mit Ruhm bekleckert, und den Glauben, ein Vereinigter Staat müsse der ganzen Welt Gesetz und Ordnung bringen. Die Zahl der Toten sei kein Maßstab für die Größe des Unheils, schreibt er an einer Stelle. Und: „Welches Land wäre nicht irgendwann im Verlauf seiner Geschichte ein Mal ein Leichenhaus gewesen?“ Den Ethnien werden Berufe zugeordnet: Afrikaner – Sport, Inder – Elektronik, Araber – ja, ihnen wird die eigentliche Schuld an „was geschehen ist, falls es geschehen ist“ gegeben, sie dürfen gerade noch möglichst unauffällig und untätig herum sitzen. Tatsächlich lässt einen Jacobson lange im Ungewissen, ob hier nicht ein Kontrollstaat, ein Terrorregime gegen den Terror errichtet wurde. Er projiziert ins Buch die Untugenden dieser Tage. Dazu gehört die infantile Hoffnung auf einen Rückzug ins Private als Lösung aller Probleme. Als helfe Kopf in den Sand gegen Kopf ab.

Kontrolle. Ist das zweite Schlagwort über dem Ganzen. Über Kevern, den Kreuz- und Querdenker, wird Protokoll geführt, jemand legt einen Akt über ihn an, diese Passagen in einem anderen Schriftbild. Und auch Ailinn wird überwacht. Ihre Zimmerwirtin, die unwichtigste Figur bislang, wird plötzlich zur großen Spielerin. Zur Gottseibeiunsspielerin einer allmächtigen Behörde. Esme heißt sie, Nussbaum nicht Chestnut, verkrüppelt, weil über den Haufen gefahren, weil selbst kurz nicht systemkonform. Und Kevern und Ailinn sind ihre Adam und Eva, ihre Zuchtobjekte für eine neu aufzuflammende „kulturelle Feindschaft“ an der die Gesellschaft gesunden soll, heißt: sich abreagieren kann.  Das neue Ventil wird das altbekannte sein. Jacobson entwirft ein Weltbild, in dem die Schaffung eines Feindbilds immanent ist. Man muss hassen und verachten, um zu überleben. „Wenn man einen Menschen auswringt wie einen Putzlappen, ist das lustig?“, fragt Kevern nach Erkenntnisgewinn. Und ein Mitbeamter Esmes frohlockt schon in Erwartung der Zuchterfolge über endlich wieder höllischkomischen Boulevard, Pointe, Paradoxa und Bitteres auf der Bühne – und Blasphemie. Jacobson in Hochform über alle Klischees zum Jüdisch sein! Nun gilt es Konsequenzen an der Klippe zu ziehen …

„Die großen von Alleinherrschern angetriebenen Völkermorde aus der jüngsten Vergangenheit haben uns eingelullt, zu glauben, etwas von solchem alle Dimensionen sprengenden Irrsinn könne sich niemals wiederholen – nirgendwo, und schon gar nicht hier. Aber weiter unten auf der Skala des Schreckens und verknüpft mit einer sehr viel bescheideneren Zielsetzung lassen sich immer noch Massaker anstiften – kleinere Blutbäder, nachrangige Morde, Gemetzel bescheideneren Umfangs.“ Das ist aus einem ungeschriebenen Brief von Ailinns Urgroßvater. Welch ein Buch, welch ein wunderliches, aberwitziges, wichtiges Buch.

Über den Autor:
Howard Jacobson, 1942 in Manchester geboren, lebt in London. Er hat bisher dreizehn Romane und vier Sachbücher vorgelegt und zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden schon vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt er für „Die Finkler-Frage“ 2010 den Booker-Preis, den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt. Nach „Liebesdienst“ (2012) und „Im Zoo“ (2014, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14443), für den er den Bollinger Everyman Wodehouse Prize for Comic Fiction erhalten hat, ist „J“ Jacobsons neuester Roman. Er stand 2014 auf der Shortlist des Booker-Preises.

DVA, Howard Jacobson: „J“, Roman, 416 Seiten. Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen.

www.randomhouse.de/dva

Wien, 1. 12. 2015

Howard Jacobson: Im Zoo

August 24, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesker Grabgesang aufs gute Buch

Im Zoo von Howard Jacobson

Im Zoo von Howard Jacobson

Bei den Amazon-Kundenrezensionen wird er im Schnitt mit vier von den fünf möglichen Sternen bewertet. Für Howard Jacobson eigentlich eine Unmöglichkeit, lässt er doch in seinem Roman „Im Zoo“ sein schriftstellerisches Alter Ego Guy Ableman darüber wehklagen, dass jede Erwähnung auf der Webseite des Buch-und-Mehr-Versands seine Verkaufszahlen weiter in den Keller treibe. Oder ist das eine Übertreibung? Nichts Genaues weiß man nicht, hätte Otto Grünmandl an dieser Stelle gesagt. Wohl aber, dass nicht alles in Ablemans, fast hätte man schon geschrieben Jacobsons, Literatur-Betriebsabrechnung, ihrem satirischen Schrei nach Satisfaktion, der Unwahrheit entspricht. Der vom Briten, beziehungsweise seinem Protagonisten, gewährte groteske Blick in den Bauch des Buchmarkts ist zu authentisch, um nicht alle an der Nase herumzuführen. Fast hätte man schon geschrieben zu verarschen. Aber das führt thematisch zu sehr an den Umstand heran, dass Jacobson seinem an Logorrhoe leidenden Ich-Erzähler die Verstopfung als körperliches Symptom seiner Schreibblockade verordnet hat …

Worum sich’s dreht ist schwer zu sagen bei einem Roman, der um einen Autor kreist, der sich der Handlung als bourgeoiser Anbiederung an den, als Buckelei vor dem Leser verweigert. Guy Ableman rotiert um sich selbst, weinerlich, wehleidig, ein Pornograf des allgemeinen Intellektverfalls, der so gern wie in besseren Tagen unfromme Verstörung unter seinen Anhängern verbreiten würde, aber ausgeschlossen, weil die gibt es ja nicht mehr, sondern nur noch analphabetische Hirnamputierte, die ganze Literaturwelt in Trümmern, das Verlagswesen so tot wie sein sich selbst aus dem Leben geschossen habender Verleger, sein Agent auf dem Weg in die Pension; die neuen Bosse der Bücherbranche verlangen von ihm, dem 600-bis-700-Seiten-Fossil, zu „tittern“ und eine Idee für eine App vorzulegen und wer hätte das je von den Henrys James und Miller verlangt … Jacobsons Ableman sudert seinen Grabgesang in konzentrischen Kreisen, badet in Selbstmitleid wie Kleopatra in Eselsmilch. Lasterhaft luxuriös und lasziv. Für sein als Trauerrede getarntes, prall gefülltes Branchenbashing sind Feindbilder schnell gefunden: Erstens alles von wie gesagt Amazon und Kindle bis zum Literarischen Quartett und Nimm-drei-zahl-zwei-Diskonteraktionen, zweitens – und niemals mag Jacobson an eben dieses verfassende Kolleginnen und Kollegen gedacht haben – Teenievampirschnulzen, Zauberschüleridiotien, Tudorwälzer, schwedische Kommissare und welch anderer Schwachsinn ihn sonst noch aus den Regalen der Buchhandlungen vertrieben haben mag. Mit Ironie und noch mehr Selbstironie legt Jacobson den Offenbarungseid offen. „Ich weiß, wann ein Schriftsteller in Schwierigkeiten steckt. Wenn er Zuflucht darin sucht, über das Schreiben zu schreiben“, schreibt er.

Natürlich ist „Im Zoo“ von Jacobsons Lieblingsthemen gespickt. Sexualität und Eifersucht (die in „Liebesdienst“ im Zentrum stand) sind zwei davon. Ableman, kurzzeitig berühmt durch „Schweinskram“-Bücher, ist seit zwanzig Jahren Ehe unsterblich verliebt – in seine Schwiegermutter. Er will Poppy poppen. Wähnt sie und Ehefrau Vanessa, die beiden schwesterngleichen rothaarigen Hexen, die mit ihrem Wildkatzenduft ihre Umgebung kirre machen, in allerlei eindeutig zweideutigen Stellungen mit allerlei Herren, und geht damit doch nur seiner Fantasie auf den Leim. Der Nabelschauer, der so gern der Wüstling von Wilmslow – Ablemans Heimatort – wäre, ist aber nicht einmal ein, wie er’s auch so gern wäre, „Im Zoo“ der Zivilisation gezähmtes Tier, sondern nur ein Biedermann. Jacobsons drastisch-provokanter Umgang mit dem Judentum, der die „Finkler-Frage“ zu einem berauschenden Lesevergnügen machte, entlädt sich diesmal an Ablemans Elternhaus, einem Kabinett des Schreckens, wo man sich urplötzlich mit tiefer Inbrunst an seine jüdischen Wurzeln erinnert.

Um den Seelen- und Geisteszustand seines Ego- und Erotomanen zu beschreiben, hat Jacobson das „indirekte Schreiben“ (artverwandt mit der indirekter Rede) erfunden. Dazu gehören auch Wortneuschöpfungen wie „mundschreiben“, heißt: etwas, das im Kopf schon Gestalt angenommen hat, steht deswegen noch lange nicht auf dem Papier, oder „Wortwundbrand“. Jacobson bewitzelt den Genderzwang („sein Schrägstrich ihr“), lässt Ableman mit Grammatikregeln hadern, lässt Nebenfiguren auf unvergleichliche Weise lebendig werden: „Er hätte gerne gelächelt, schien mir, aber sein Gesicht ließ ihn nicht“, formuliert er über einen Buchkritiker. Ein Literaturveteran leidet an durchgescheuertem, weil als Radiergummi verwendetem Mittelfinger. „Ich muss die Wörter berühren, selbst diejenigen, die ich verwerfe“, sagt er. Für die Figur eines Filmproduzenten hingegen entschuldigt sich der Autor, welcher der beiden auch immer. Es sei ihm peinlich, einen so platten Charakter eingeführt zu haben, lässt er den Leser wissen. Und hat für diesen gleich die nächste Breitseite parat. Zum Schluss hin nimmt „Im Zoo“ nämlich noch einmal gewaltig Fahrt auf; alles kommt für Ableman anders als man gedacht hätte. Als „Guy Ableman unter dem Pseudonym Guido Cretino“, das macht man so, um zu zeigen, dass man auch schlichter kann, um Spuren seines anderen, hochtrabenden Schreibstils zu verwischen, und doch auf sich zu verweisen – und niemals hat Jacobson hier an einen weiteren Man-Booker-Preis-Kollegen gedacht – wird er wieder extrem erfolgreich. Mit dem dümmsten Buch der Welt. Einer Welt, wie man ja jetzt schon weiß, voller hirnamputierter Analphabeten. Welch ein Spaß. Welch ein ab- und tiefgründiger, boshafter, brillanter, motherfucking Spaß.

Über den Autor:
Howard Jacobson, 1942 in Manchester geboren, lebt in London. Er hat bisher dreizehn Romane und vier Sachbücher vorgelegt und zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden schon vielfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er für „Die Finkler-Frage“ 2010 den Man-Booker-Preis, den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt. Nach „Liebesdienst“ (2012) und „Im Zoo“ (2014), für den er den Bollinger Everyman Wodehouse Prize for Comic Fiction erhalten hat, ist „J“ Jacobsons neuester Roman. Er stand 2014 auf der Shortlist des Booker-Preises.

DVA, Howard Jacobson: „Im Zoo“, Roman, 448 Seiten. Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen

www.randomhouse.de/dva/

Wien, 24. 8. 2015