Halloween-Tipps: Party machen in Gruselgebäuden

Oktober 26, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

The Murder House / The Mortuary / Das schaurige Haus

The Mortuary. Bild: Polyfilm Verleih

Nur wegen #Corona muss Halloween 2020 noch lange nicht ausfallen. Zwar ist vor Trick-or-Treat-Umzügen abzuraten, doch Party machen in Gruselbauten ist allemal möglich – wann sonst als an Samhain sollte man sich schon mit einer Maske schmücken? Zu den bekannten Kürbisköpfen wie Michael Myers, dem guten

alten Freddy, Leatherface oder Mörderpuppe Chucky gesellen sich dies Jahr ein paar neue Spukgestalten. Netflix bietet auf www.netflix.com/at/browse/genre/108663 Serien wie „Spuk in Bly Manor“, „Der Nebel“ und „Ratched“ (über die böse Oberschwester in „Einer flog über das Kuckucksnest“) teilweise kostenlos an. Dazu Horror-, Psycho- und Kinderfilme von „House at the End of the Street“ über „Haus der 1000 Leichen“ bis „Hotel Transilvanien“, und Haus, das ist auch das Stichwort für drei besondere Halloween-Tipps:

The Murder House

Das „American Horror Story“-Mörderhaus öffnet sich am Halloween-Wochenende für einen paranormalen Livestream, beginnend am 29. Oktober in der Abenddämmerung bis Sonnenuntergang am 1. November. Hausbesitzer Prof. Dr. Ernst von Schwarz und Gattin Angela Oakenfold veröffentlichen auf mottingers-meinung.at vorab eine Teilnehmerliste zur Veranstaltung im berüchtigten historischen Denkmal in Los Angeles:

Screenshot: The Murder House

Screenshot: The Murder House

Die allererste paranormale Untersuchung wird von Exorzisten-Bischof James Long durchgeführt, der in „Ghost Adventures“, „The Possessed“, „Gates Of Hell“, „Exorcism Live!“ und „Portals To Hell“ aufgetreten ist.  Die berühmte Hellseherin und weiße Hexe Patti Negri aus „Ghost Adventures“ wird die erste Séance des Hauses leiten. Michelle Belanger, Vampir-Spezialistin und gefeierte Autorin, die in „Paranormal State“, „Portals To Hell“ und „The Real Vampire Files“ zu sehen war, wird in die gespenstische Welt des Okkulten eintauchen. Zur Geisterjagd wie zur Séance sind die Zuschauer herzlich eingeladen.

Die renommierte Historikerin und Halloween-Expertin Lisa Morton nimmt einen mit auf eine Entdeckungsreise durch die Geschichte und Traditionen von All Hallows’ Eve. Die Tarot-kundige Sasha Graham wird die Rätsel des Kartensets lüften, und ein glücklicher Ticketbesitzer erhält eine virtuelle Lesung live on air. Energieheiler Satish Dholakia wird Ratschläge geben, wie man sich vor negativen Energien und unerwünschten bösen Entitäten schützen kann. Der Psychiater Dr. Waguih Ishak wird über die süchtig machende Natur des Grauens und die Pathologie der Angst sprechen. Hausbesitzer und Kardiologe Prof. Dr. Ernst von Schwarz vertieft sich in die Geschichte der mittelalterlichen Foltertechniken.

Der „Murder House“-Livestream wird mit 15 Kameras, die im gesamten 10.000 Quadratmeter großen Haus aufgestellt sind, das ganze Wochenende lang live übertragen. Über den Live-Stream hinaus sehen die Zuschauer das tägliche Programm. Während der Live-Stream mit Eintrittskarte für alle zugänglich ist, wird „The Murder House“ sein Innerstes für sechs glückliche – oder unglückliche – Fans öffnen. Je zwei von ihnen werden sich für je eine der drei Nächte im schrecklichen Keller wiederfinden, während sie live in die Welt gestreamt werden – und ein Arzt ihre Lebenszeichen und ihren psychologischen Zustand überwacht …

Ein Ticket zu 25$/knapp 22€ ermöglicht drei Tage lang 24 Stunden virtuellen Zugang zum Haus und allen Veranstaltungen. www.themurderhouse.com           Trailer: vimeo.com/469181741

The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte

Eine dunkle Erzählerstimme raunt Bedrohliches, die Kamera entschwebt durch einen Wald, vorbei an einem Schild mit der Aufschrift „Raven’s End“, ein Unwetter tobt, die Raben krächzen – und ein Bub hastet mit seinem Fahrrad durch Forst und Flur. Bis er zu einem abgelegenen Anwesen kommt, dem örtlichen Leichenschauhaus, das zugleich ein Krematorium ist.

Mit seinem Spielfilmdebüt „The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte“, seit Freitag in den Kinos zu sehen oder z.B. via Amazon zu streamen, hält Drehbuchautor und Regisseur Ryan Spindell an jener Gruselatmosphäre und seinem Sinn für morbiden Spaß fest, die man von seinen schwarzhumorigen Kurzfilmen kennt. Wie in diesen mixt er auch hier Horror-, Fantasy- und Comedy-Elemente. „The Mortuary“ ist als Anthologie konzipiert, die Episoden sind mit einer Rahmenhandlung verknüpft – und fürs Finale hat Spindell seinen 22-Minüter „The Babysitter Murders“ aus dem Jahr 2015 wieder aufgegriffen.

The Mortuary: Clancy Brown. Bild: Polyfilm Verleih

The Mortuary. Bild: Polyfilm Verleih

The Mortuary. Bild: Polyfilm Verleih

The Mortuary. Bild: Polyfilm Verleih

Vor allem aber beschert einem „The Mortuary“ ein Wiedersehen mit spooky Highlander Clancy Brown. Denn wer in Raven’s End stirbt, landet auf dem Tisch des von ihm grandios verkörperten Leichenbestatters from Hell Montgomery Dark. Bei ihm sind die Verstorbenen in besten Händen. Als sich eines Tages die furchtlose Sam, Leinwandentdeckung Caitlin Fisher, um die freie Assistentenstelle bewirbt, ist er beeindruckt von ihrer Faszination fürs Makabre – und auf ihren Wunsch hin beginnt er Geschichten über seltsame Todesfälle zu erzählen. Und so geht es von einem kurzen Kammerspiel, das in den 1950er-Jahren angesiedelt ist und einer Diebin im Badezimmer des gerade Bestohlenen eine höchst unangenehme, Cthulhu-artige Überraschung beschert, zu einem drastischen Stück Body-Horror, das in ein Sixties-College führt.

Wo einem arroganten Aufreißer-Studenten eine tödliche Lektion in Sachen Safer Sex erteilt wird – Stichwort: Wo kommen die Babys her? Ja, genau … Von Szene zu Szene steigert Spindell die Subtilität seines Horrors, auf nicht wenig Blut folgen ungeahnte Absurditäten, auf eine düstere Geschichte in den 1970er-Jahren über einen verzweifelten Ehemann, der in einem mörderisch moralischem Dilemma steckt, und wie perfide, man identifiziert sich tatsächlich mit ihm, nicht mit dem Opfer, folgt schließlich jene „Halloween“-Variation um eine junge Frau in einem nächtlichen Haus und eine grausame Mordserie in einem US-Vorort der 1980er. Ryan Spindell bedient sich des episodischen Horrorgenres wie „Der grauenvolle Mr. X“ und „Die Todeskarten des Dr. Schreck“, und Clancy Brown steht großen Vorbildern wie Vincent Price, Peter Cushing oder Christopher Lee in nichts nach.

Spindells volle Aufmerksamkeit gilt aber der Sam von Caitlin Fisher, der er nicht den weiblichen Stereotyp von Hysterie, Kreischen, hilf- und vor allem kopflosem Wegrennen, sondern die Rolle einer intelligenten, so gar nicht unschuldigen Frau auf den Leib geschrieben hat. Dieser gehört das trick- und twistreiche Ende: ein entschlossener Babysitter, Verfolgungsjagden durchs Haus, Gegner, die sich bis zum Letzten bekämpfen und alles als Waffe hernehmen, das zur Hand ist, ein gestresster Tunnelblick, verzerrte Stimmen – und die feministische Erkenntnis, das nichts zwingend so sein muss, wie es auf den ersten Blick scheint … www.trapdoorpictures.com/the-mortuary-collection-main          Trailer:www.youtube.com/watch?v=f9T3ld_juyo           www.youtube.com/watch?v=iZHg9xcK83s

Das schaurige Haus

Für weniger starke Nerven und als Gruselspaß für die ganze Familie empfiehlt sich das Spielfilmdebüt „Das schaurige Haus“ von Daniel Geronimo Prochaska, Sohn des mit „Das finstere Tal“ oder „In 3 Tagen bist du tot“ genre-affinen Filmemachers Andreas Prochaska. Der Mystery-Film, ab Freitag im Kino, der auf dem gleich- namigen Jugendroman der deutschen Autorin Martina Wildner basiert, erzählt vom 16-jährigen Hendrik aus Hannover, der mit Mutter und kleinem Bruder Eddi nach Bad Eisenkappel/Železna Kapla in Kärnten übersiedelt.

Schon kurz nach der Ankunft mehren sich die seltsamen Geschehnisse im eher Bruchbude als Bauernhaus zu nennendem neuem Heim. Eddi beginnt mit Schlafwandeln, Hendrik plagen Albträume, ein Foto der Vorgängerfamilie hängt, wie oft auch weggeräumt, am nächsten Morgen wieder an seinem Platz an der Wand, in die Eddi plötzlich slowenische Wörter ritzt, die geheimnisumwitterte Nachbarin steht betend am Fenster, und – eh klar – hinterm Hof liegt ein verwitterter Friedhof.

Das schaurige Haus. Bild: Filmladen Filmverleih

Das schaurige Haus: Inge Maux. Bild: Filmladen Filmverleih

Als Eddi auch noch Slowenisch zu sprechen anfängt, die Augen in diesen Szenen pechschwarz angelaufen, ach, es gibt nichts Schöneres als unheimliche Kinder, als sich Hendrik mit Nerd Fritz anfreundet und in die fesche Ida verliebt, beschließen die Jugendlichen dem Spuk ein Ende zu bereiten. Die Story dahinter kennt Fritz: Einst wohnte im Haus eine aus Slowenien stammende Mutter, die ihre beiden Söhne ermordet haben soll, bevor sie sich das Leben nahm – und deren Geister wollen nun via der Körper von Hendrik und Eddi Rache nehmen.

Die Leinwand-Adaption von „Das schaurige Haus“ trieft gleich „The Mortuary“ vor Genreklischees, nur weiß man hier nicht mit so nonchalantem Augenzwinkern damit umzugehen. An der Goonies’schen Coming-of-Age-Abenteuer-Horror-Story: „Outcast mit nervigem Sidekick meets Teenagerromanze“ erfreuen, neben den jugendlichen Darstellern León Orlandianyi und Benno Rosskopf als Gebrüder Hendrik und Eddi, Marii Weichsler als toughe Ina und dem wundersamen Lars Bitterlich als Fritz, Inge Maux als seltsame Nomen-est-omen-Nachbarin Frau Seelos, die sich mit Salzringen gegen jenseitige Mächte schützt, und last, but not least Michael Pink als Immobilienmakler Röckl.

Der Friesacher in perfektem Karntnerisch, der das Sinistre seiner Figur erst gar nicht verbirgt. Bei ihm laufen die Fäden denn auch zusammen, in einem Schluss, der sehr nach „Landkrimi“ schmeckt (der noch nicht ausgestrahlte Kärntnerische, betitelt „Waidmannsheil“, ist übrigens tatsächlich von Daniel Geronimo Prohaska). Die Zuschauer wird das am Filmvergnügen nicht hindern, doch sei’s gesagt: Der Teufel steckt im Detail. Und so verärgert, im Buch geht es um eine norddeutsche Familie, die ins Allgäu zieht, warum ein slowenisches Gespensterkind „Ralf“ heißen muss, wo doch ein Radin oder Rajko möglich gewesen wäre, oder wie ein Paar aus dem bäuerlichen Milieu sich eine „Haushälterin“ einstellen sollte, wo’s eine Wirtschafterin sein müsste.

Dass Daniel Geronimo Prohaska für seine Deix‘ischen Dorfbewohner den Humor fürs Culture Clashen gepachtet hat, ist der große Pluspunkt des Films. Im wirklichen Leben, mit einer amerikanischen Freundin, die drüben natürlich Deutsch-Deutsch lernte, folgender Szene selbst beigewohnt: Hendrik/US-Freundin geht in die Greißlerei und verlangt sechs Brötchen. In Floridsdorf, Greißlerin: Brötchen is bei mir wos mit an Ei und an Gurkerl. Im Film, Greißlerin: Ah, wos? Ah so, Semmeln!

Das schaurige Haus: www.dasschaurigehaus.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=IdrDBKfeTgw

26. 10. 2020

Wiener Festwochen: Tianzhuo Chen – 自在天 / Ishvara

Mai 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Magic Mush/Room im MuseumsQuartier

Ein einzigartiges Performerpaar spielt mit Religionen und Riten: Beio (li.) und China Yu (re.) verkörpern den Gegensatz von Fleisch und Geist. Bild: Zhang Yan

Premiere eins unter dem neuen Festwochen-Intendanten Tomas Zierhofer-Kin war nun also … und sie war … weniger spektakulär sensationell, als es die Vorablobpreisungen erwarten hätten lassen. Aber immerhin: sehr schön anzuschauen. Die paar Buhrufer hatten zweieinhalb Stunden Zeit, um sich zu verabschieden, der große Rest des Publikums warf sich einander am Ende glückselig in die Arme. Man selbst warf zwei Kopfschmerztabletten ein.

Was nichts mit der Qualität der Aufführung, sondern lediglich mit den blendenden Lichteffekten zu tun hatte. Tatsächlich forderte eine männliche Stimme mittendrin lautstark „Scheinwerfer aus!“ – was immer sie damit sagen wollte. Und apropos, Kopfschmerz: Beipackzettel gibt es genug. Im – vielen Dank! – immer noch erhältlichen Gratisprogramm findet sich eine präzise Erklärung des zu Sehenden, dazu gibt es ein Beiblatt mit deutschsprachiger Übersetzung der chinesisch gesprochenen Textstellen.

Zierhofer-Kin, der Sprechtheater fad und Musiktheater altvaterisch findet, so zumindest lässt sich seine Pressekonferenz interpretieren, die den „Salon Burgtheater“ gleich mal auf die Barrikaden trieb, eröffnete mit seiner Vorstellung von Festwochen. Er lud den Shootingstar der chinesischen Performerszene, Tianzhuo Chen, Jahrgang 1985, zum Tanz – und das Ergebnis ist – ein Magic Mush/Room im MuseumsQuartier. Der Querdenker der Bejinger Kunstszene arbeitet sich in „自在天 / Ishvara“ an so ziemlich jeder Religion und jedem Ritus ab, den’s/die es überhaupt gibt.

Heißt: Als Vorlage für seine siebenszenige Aufführung dient ihm der indische Mythos Bhagavad Gītā, ein Teil des Mahabharata, der Gesang des Erhabenen im Endloskrieg der Generationen durch die Gezeiten. Darin begegnen einander drei Konzepte, das sterbliche Fleisch, die ewige Seele und die ehrfürchtige Hingabe, und treten von Dämonen gepeinigt in einen Wettstreit ums Überleben. Drei Temperamente gibt es außerdem, davon das liebste „Rajas“ – leidenschaftlich, missgestimmt, sehnsüchtig. „Ishvara“ selbst bezeichnet den jeweils höchsten Gott, egal, ob man – im Hinduismus ist das möglich – diesen als Vishnu oder Shiva glaubt.

Was Tianzhuo Chen daraus entwickelt ist, als hätte sich Monty Python (tatsächlich hält eine Comic-Gotteshand den Kopf eines Enthaupteten, siehe auch die Göttin Durga) mit einem Manga-Mädchen verpaart. Diese wird später zu einer Art Heiliger Sebastian, die Heiligen Drei Könige setzen auf Golgatha vor das Kreuz einen Halbmond, halt: falsch, das sind schon besagte Dämonen. Einer schlägt die Trommel, einer lässt den Zopf kreisen, ein Paar tanzt in Zeitlupe Jive, Darsteller tragen einen aufgemalten Davidstern. Kakushin Nishihara spielt die Satsuma Biwa bis die Ohren bluten, und die Schweizer DJane Aïsha Devi orchestiert das Geschehen mit ihren grandiosen Klagelauten.

Tradition knüpft an Moderne: China Yu spielt mit Geschlechterrollen … Bild: Zhang Yan

… und zerstört in einer späteren Szene eine aufblasbare Riesenfrau. Bild: Zhang Yan

Und dies das tatsächliche Problem des Abends: Man kann der ultimativen Ekstase nicht in Reih und Glied sitzend beiwohnen, da hilft’s auch nichts, dass sich die Herren im Ensemble beim frenetischen Schlussapplaus ihrer Lendenschurze entledigen und wie die Götter sie schufen über die Bühne hüpfen …

Anyway, im Mittelpunkt der Aufführung stehen die beiden exzeptionellen Performer Beio und China Yu, ersterer unverkennbar Butoh-geschult und mit zweiterem Gründer der Asian Dope Boys, schon aufgrund ihrer Körperlichkeit zeigen sie die Gegensätze von Fleisch und Geist an, Prakrti und Bhakti, der Sinnenmensch und der Gläubige am Teichufer. Der Sound wummert in den Eingeweiden, die Augen kämpfen gegen das Licht, die Darsteller wiegen und verbiegen sich höchst ästhetisch, während „Handlung“ abläuft.

Kostüme und Ganzkörperbemalungen sind opulent, wie schade, dass vieles oft im künstlichen Nebel außer Sicht gerät. Manieristisch? Ist dieser Abend zweifellos. Tianzhuo Chen setzt mehr auf Effekt denn auf Erleuchtung, setzt auf Eskapismus statt auf Erklärungen.

In zwei vergleichsweise stillen Szenen schildert die junge JoJo den mehrfachen Mord an ihrem immer wiederkehrenden Ehemann (daher: vorher Text lesen!), China Yu zerstückelt später eine aufblasbare Riesenfrau, entreißt ihr Gedärme und Nabelschur – und lässt so JoJo wieder in die Welt treten. Provokation mag das in Bejing gewesen sein, beim abgeklärten Wiener Publikum lösen diese Sequenzen freundliches Interesse aus. Eine Gruppe in den oberen Reihen hat sich entschlossen, jeden Bühnenfurz zu bejubeln, um den Schimpf-Zuschauern etwas entgegenzuhalten. Die opulenten Bilder werden von unzähligen Handykameras dokumentiert.

Der Rave erreicht den Höhepunkt, im orgiastischen Geschehen hat man längst kapiert, dass hier mehr Event-Fashion-Show als sonst was abläuft. Und dann – haut’s einem Tianzhuo Chen um die Ohren – die Emotion – in einem berührenden Schlussbild. China Yu hält JoJo in einer Art Pietà fest und singt mit ihr ermattet-grotesk ein berührendes Pop-Liebesduett. Danach dreht er wieder, wie zu Anfang, Schirmchen … Der bildende Künstler Tianzhuo Chen changiert bei seiner ersten Theaterarbeit zwischen symbol/trächtig und bedeutungs/schwanger. Der Mensch unterwirft das Göttliche, um selbst gottgleich zu werden, und das alles ist dann wie ein Ecco homo. Oder ist das schon zu viel interpretiert? Man sollte „Ishvara“ einfach einsickern und wirken lassen – die #viennapartyweeks 2017 sind jedenfalls eröffnet.

www.festwochen.at

Wien, 14. 5. 2017

Belvedere: Erwin Wurms „Fat House“

Mai 1, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein „fettes“, kleinbürgerliches Statussymbol

Erwin Wurm, Fat House, 2003. Bild: Johannes Stoll, Dominik Buda © Belvedere, Wien

An Erwin Wurm führt 2017 kein Weg vorbei. Er ist international in mehreren großen Ausstellungen vertreten und bespielt neben Brigitte Kowanz den Österreichischen Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig. Das Belvedere dokumentiert die Arbeit des renommierten Künstlers für die Biennale und zeigt ab Juni seine performativen Skulpturen und Plastiken im 21er Haus. Zum Auftakt begrüßt Wurms „Fat House“ ab 1. Mai die Museumsbesucher am Oberen Belvedere.

Erwin Wurm ergründet seit mehr als 30 Jahren die Ausdrucksmöglichkeiten der Bildhauerei. Sein vielfältiges, tiefgründiges und zugleich ironisches Œuvre umfasst nahezu alle Gattungen und erweitert den Skulpturbegriff um interaktive, soziale sowie zeitliche Aspekte. Mit seinen „Fat Sculptures“ – „verfettete“, kleinbürgerliche Statussymbole wie Autos oder Einfamilienhäuser – liefert der Bildhauer bissige und treffende Kommentare zur gegenwärtigen Konsumgesellschaft. Ab heute wird an der Südseite des Oberen Belvedere eines der berühmten dicken Häuser von Erwin Wurm stehen, das seit kurzem zur Sammlung des Belvedere gehört. Im Inneren des fettleibigen Hauses wird ein Video projiziert, in dem ein aufgequollenes und vor sich hin räsonierendes Auto den eintretenden Besuchern existentielle Fragen stellt, wie: „Wann ist ein Haus Kunst, und wer befindet darüber?“ Die bei freiem Eintritt begehbare Plastik im Garten gibt einen Vorgeschmack auf Wurms Biennale-Beitrag in Venedig sowie auf die Ausstellung „Erwin Wurm – Performative Skulpturen“, die ab 2. Juni im nahe gelegenen 21er Haus zu sehen sein wird.

Erwin Wurm, House Attack, Performance 2012. Bild: © Gerald Y. Plattner

Erwin Wurm, House Attack, Performance 2012. Bild: © Gerald Y. Plattner

Die Einzelausstellung zeigt etwa 40 performative Skulpturen und Plastiken, darunter eine Reihe neuer Werke, die Erwin Wurm eigens für die Schau erarbeitet hat. In seinen jüngsten Arbeiten setzt sich der Ausnahmekünstler mit herausragenden Beispielen der Architektur und Objekten des täglichen Gebrauchs auseinander. Ausgangsbasis sind Modelle und Blöcke aus Ton, die in der Regel von Wurm selbst oder von Personen, die er instruierte, gezielt bearbeitet werden. Spannung entsteht im Dialog zwischen der Urform und den Spuren, die die performativen Eingriffe hinterlassen. Der Körper wird dabei zum Material und Medium von Handlungsvollzügen. Den Werken aus Ton stehen in der Ausstellung Abgüsse aus Bronze, Aluminium, Eisen oder Polyester gegenüber.

Kurator Alfred Weidinger begleitete Erwin Wurm und Brigitte Kowanz für das Belvedere filmisch bei den Vorbereitungen zur Biennale in Venedig – von den ersten Ideen bis zur Projektumsetzung. Die dabei entstandenen Dokumentationen und Künstlerporträts werden auf der Biennale im Mai 2017 erstmals gezeigt und sind anschließend auch im 21er Haus zu sehen.

www.21erhaus.at

Wien, 1. 5. 2017

Open House im Landestheater Niederösterreich

September 11, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Am 19. und 20. September

Bild: Gerald Lechner

Bild: Gerald Lechner

Engagierte, brisante und literarische Stücke zeigt das Landestheater Niederösterreich in der Spielzeit 14/15, der dritten unter der künstlerischen Leitung  von Bettina Hering. Die Bearbeitung der Vergangenheit sowie die Analyse der Gegenwart sind prinzipiell ein Anliegen – in der kommenden Spielzeit erst recht! Wie für viele Institutionen ist auch hier der Ausbruch des 1. Weltkriegs, der sich  2014 zum hundertsten Mal jährt, die Initialzündung. Von dieser Urkatastrophe Europas und ihren Auswirkungen zieht man, unter dem Spielzeitmotto Stell Dir vor es ist Krieg., einen zeitlichen und inhaltlichen Bogen und beschäftigt sich mit den  gewaltsamen Auseinandersetzungen über die Jahrhunderte.

13 Tage bevor das Landestheater Niederösterreich mit der Premiere von Joseph Roths RADETZKYMARSCH und Die Rebellion in der Regie von Philipp Hauß mit Myriam Schröder und Moritz Vierboom als Gäste im Ensemble in die neue Spielzeit startet, gibt es im Landestheater Niederösterreich bei freiem Eintritt ein OPEN HOUSE mit einem dichten Programm für Jung und Alt. Am 19. und 20. September öffnet das Landestheater Niederösterreich seine Türen und bietet die Möglichkeit das Haus, den Spielplan und viele MitarbeiterInnen aus verschiedensten Blickwinkeln und in vielen Facetten kennenzulernen.

Im Programm für Jung und Alt bei freiem Eintritt!

Kostüm-, Requisiten-und Stoff-Flohmarkt, Literarische Wege & Technikwege durch das Haus, Spielzeit-Show -Die ganze Spielzeit in 60 Minuten, Offene Probe der Eröffnungspremiere Radetzkymarsch und Die Rebellion, Poetry Slam, Szenen aus der Bürgerproduktion 2.0, Präsentation Jugendclub 12 +, Gewinnspiel, Bilderbuchkino, Führungen Kinderlesungen, Malen, Schminken, Verkleiden, Basteln und vieles mehr …

OPEN HOUSE -DAS PROGRAMM IM DETAIL

FREITAG, 19. September
Ab 18.00
Requisiten-Flohmarkt: Entdecken Sie Schätze aus der Requisite. Sämtliche Erlöse und Spenden aus dem Flohmarkt gehen an das Ambulatorium Sonnenschein – Sozialpädiatrisches Zentrum St. Pölten.

Präsentation Jugendclub 12 +
Der Jugendclub 12 + des Landestheaters Niederösterreich zeigt Arbeitsergebnisse und Textcollagen der letzten Spielzeit.
……………………………………………………………………………………..

18.30 bis 20.00
Wege durch das Haus: Entdecken Sie das Landestheater auf neuen Wegen. Lesungs-Weg Vom Foyer über die Unterbühne zu den Garderoben, zum Kulissendepot in den Fundus. Stationslesungen von Ensemblemitgliedern mit Texten von Hulda Mical, Joseph Roth, Georg Friedrich Nicolai u.a. Technik-Weg Lernen Sie das Landestheater Niederösterreich und seine technischen Abteilungen kennen: Unterbühne, Schneiderei, Bühne, Inspizientenpult, Maske und Fundus. Die MitarbeiterInnen geben Auskunft über ihre Aufgabengebiete und die  Abläufe im Theater.
……………………………………………………………………………………..

18.45 und 19.45
Szenen aus der Bürgerproduktion 2.0: Wiedersehen im Horváth-Land. Das Bürgertheater des Landestheaters Niederösterreich unter der Leitung von Renate Aichinger zeigt Szenen aus der Bürgerproduktion der vergangenen Spielzeit.
…………………………………………………………………………………….

20.30 bis 20.50
Öffentliche Probe von Joseph Roth Radetzkymarsch und Die Rebellion, Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit, Regie Philipp Hauß.
…………………………………………………………………………………….
20.50 bis 21.50
Spielzeit-Show Die ganze Spielzeit des Landestheaters in 60 Minuten. Ensemblemitglieder präsentieren Häppchen zu allen Premieren der Spielzeit 14/15.
…………………………………………………………………………………….
22.10 bis 23.00
Poetry Slam – dead or alive: Die Ensemblemitglieder des Landestheaters Niederösterreich Jan Walter, Lisa Weidenmüller, Helmut Wiesinger und Tobias Voigt slammen gegen eine Truppe von Profi-Slammer rund um Moritz Beichl mit Yasmin Hafedh, Christopher Hütmannsberger, El Awadalla und MC Poesie.
…………………………………………………………………………………….
Abenteuernacht
Mutige Jugendliche ab 12 Jahren haben die Möglichkeit von Freitag auf Samstag im Theater zu übernachten. Pack Schlafsack und Zahnbürste ein und melde dich um 18.30 am Infostand im Theaterfoyer an. Gemeinsam besucht man das Showprogramm, isst zu Abend, Improvisieren und Spielen und zieht sich dann zum Schlafen in die Theaterwerkstatt zurück. Achtung: begrenzte TeilnehmerInnenzahl. Unkostenbeitrag: € 8,–

SAMSTAG, 20. September

9.30 bis 14.00
Kostüm-und Stoff-Flohmarkt Sämtliche Erlöse und Spenden aus dem Flohmarkt gehen an das Ambulatorium Sonnenschein – Sozialpädiatrisches Zentrum St. Pölten.
…………………………………………………………………………………….
9.30 bis 14.00
Verkleiden, Schminken, Malen und Basteln für Kinder
…………………………………………………………………………………….
9.45 bis 13.00
Familienführungen 9.45, 10.30, 11.15, 12.00 und 13.00 Lernen Sie das Landestheater Niederösterreich hinter den Kulissen kennen. Bühne, Unterbühne, Schneiderei, Fundes, Kulissendepot sind einige der Stationen, die Sie im Rahmen dieser Führungen sehen werden.
…………………………………………………………………………………….
10.00 & 11.30
Bilderbuchkino Janosch, Hasenkinder sind nicht dumm. Mit unserer Theatervermittlerin Nehle Dick.
…………………………………………………………………………………….
10.30 & 12.30
Kinderlesung Otfried Preußler, Das kleine Gespenst. Mit den Ensemblemitgliedern des Landestheaters Niederösterreich Swintha Gersthofer und Lisa Weidenmüller.

www.landestheater.net

Wien, 11. 9. 2014

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Mai 14, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Auf der Suche nach Unsterblichkeit

Die sonderbare Buchhandlung des Mr Penumbra von Robin SloanMr. Penumbras Buchhandlung in San Francisco hat 24 Stunden am Tag geöffnet. Doch Kunden sind selten, gibt es doch wenig Literarisches zu erstehen. Und die seltenen, seltsamen Personen, die sich in das verstaubte Geschäft verirren, wollen bloß das eine: Sie leihen sich alte Codices aus. Drei Stockwerke hohe Regale beherbergen riesige Folianten, die keine Texte beinhalten, sondern nur ellenlange Reihen aus Buchstaben.
Drei Mitarbeiter teilen sich die 8-Stunden-Schichten, einer von ihnen ist Clay Jannon. Die Rezession hat ihn seinen Job als Webdesigner gekostet, und so meldet er sich auf eine Stellenanzeige hin bei Mr. Penumbra, einen etwas schrulligen älteren Herrn. Mit Büchern hat Clay wenig am Hut. Er ist kein typischer Bücherfreak, sondern ein erfolgloser Computernerd, der nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Aber ein Job ist ein Job. Er übernimmt die Nachtschicht, und bald wird ihm klar, dass im Buchladen irgendetwas nicht stimmt: Denn die Buchhandlung des Mr. Penumbra ist bloße Fassade, hinter der eine Geheimgesellschaft von Lesern verkehrt. Und langsam beginnt auch Clay der Faszination der Bücher und seiner Geheimnisse zu erliegen. Mit der Unterstützung anderer Nerds, seiner Freundin Kat, einer rationalen Mitarbeiterin von Google und seines ältesten Kumpels Neel, Experte für die 3D-Animation von Brüsten in Computerspielen, und natürlich mit Mr. Penumbra selbst, macht er sich daran, dieses Geheimnis zu lüften. Ein Geheimnis, das bis in die Anfangszeiten des Buchdrucks zurückreicht, in den Codex Vitae des Buchdruckers Aldus Manutius zu suchen ist, der den Wunsch des Menschen nach Unsterblichkeit zu verbergen scheint.
Robin Sloan entführt den Leser in eine vertraute und trotzdem mitreißend andersartige Welt mitten im Alltag. Der Erstling des 1979 geborenen US-Autors ist eine moderne Abenteuergeschichte, Krimi und Satire zugleich. Er bewegt sich im Sog aus Google, E-Books, Computerspielen, Raubkopien, Open Access und Leistungsschutzrecht, frei zugänglicher und teuer lizenzierter Software, gigantischer Digitalisierungsvorhaben, aber auch in der faszinierenden Welt alter Buchdruckkunst und besonderer Schriftzeichen.
Um das Geheimnis zu entschlüsseln landen Clay und seine Freunde schließlich in den tiefsten Gewölben der Gemeinschaft des „Ungebrochenen Buchrückens“ in New York, modernste Technologien sollen bei der Lösung des Rätsels helfen.
Am Schluss müssen die Beteiligten erkennen, dass sie Teil eines großen Spiels waren, und es bleibt die Erkenntnis: auch High-Tech stößt an seine Grenzen. Sloan hat ein leises Buch und eine moderne Liebeserklärung an Bücher, Worte und Buchstaben geschrieben. Und die Lösung des Geheimnisses? Es gibt zwar keine Unsterblichkeit, aber dafür ist Freundschaft ein umso wichtigeres Gut, dass die Jahrhunderte überdauert.

Über den Autor:
Robin Sloan wurde 1979 in der Nähe von Detroit geboren und hat an der Michigan State University Wirtschaftswissenschaften studiert. Er hat für Twitter und verschiedene andere Onlineplattformen gearbeitet und schreibt gerade an einem neuen Roman. Er lebt in San Francisco.

Blessing, Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“, 352 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Ruth Keen.

www.randomhouse.de/blessing

Wien, 14. 5. 2014