Akademietheater: Hotel Strindberg

Januar 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Misanthropen beim Misstrauisch-Sein beobachten

Franziska Hackl, Caroline Peters und Martin Wuttke, Roland Koch und Michael Wächter, Barbara Horvath und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Wucht, die ganze Wut des Autobiografischen enttarnt sich erst am Ende. Davor ist’s fast Sport Querverweise und Verbindungen zu suchen. Da gerinnt ein „Gespenstersonaten“-Thema zu jenem von „Der Vater“, dort blitzt ein „Pelikan“ auf, da scheint eine Figur aus „Nach Damaskus“ zu der „Stärkeren“ zu werden, und nachdem zwei „Mit dem Feuer spielen“ tritt prompt der „Gläubiger“ auf …

Mit seinem „Hotel Strindberg“ versucht Theatermacher Simon Stone den ganzen Kosmos des schwedischen Schriftstellers zu fassen. Eine Übung, die angesichts der Uraufführung am Akademietheater als aufs Vorzüglichste gelungen bezeichnet werden kann.

August Strindberg, der Frauenhasser und darob vielfach Geschiedene, der oft dem Wahnsinn Nahe, von Obsessionen Besessene, von seinen eigenen Dämonen Gejagte, der nicht nur Theaterstücke, Romane, Erzählungen schrieb, sondern auch als Maler und Fotograf seiner Zeit weit voraus war, inspirierte Stone entlang von dessen Stücken einen eigenständigen Text zu verfassen. In sechs übereinander geschachtelten Hotelzimmern und einem Stiegenhaus (Bühne: Alice Babidge), in Betten, auf Sofas und vor dem Fernseher führt er Paare und deren Krisen vor. Wie ein Voyeur blickt man durch Fenster auf diese mal tragischen, mal komischen, stets aber leicht grotesken Begegnungen.

Fast fünf hochemotionale, mitunter überreizte Stunden lässt sich Stone Zeit, um die Schicksale seiner Figuren darzulegen; getrennt von zwei Pausen gilt es diese Misanthropen beim Misstrauisch-Sein zu beobachten, der zweite Teil dabei der stärkste, der letzte schon ein wenig zerfasert und deshalb schwerer zu fassen. Dies Panoptikum mit Beziehungsgeschädigten gestalten neun Schauspieler mit ganzer Spielfreude und in unzähligen Rollen. Sie sind Fernsehmacher, Dramatiker, Fotografen, Fremdgeher, Ehefrauen, (Ab-)Wartende, sie ergehen sich in Grausamkeiten aller Art, Sex inbegriffen, tragen ihre Psychoduelle aus, und der Tod, der kommende wie der schon geschehene, ist ihnen ein beinah ständiger Begleiter.

Barbara Horvath und Franziska Hackl, Martin Wuttke, Max Rothbart und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters und Martin Wuttke, Max Rothbart, Simon Zagermann und Barbara Horvath. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

All das besticht durch Sprachwitz und Situationskomik. Vor allem Caroline Peters und Martin Wuttke verstehen es, mittels eines Satzes vom Anrührenden ins Absurde zu kippen. Als Alfred und Charlotte tragen sie einen immerwährenden Ehestreit ums Kind und dessen Künstlerkarriere aus, wunderbar, wie sie ihn zwar mit Gemeinheiten bewirft, dabei aber in Sorge ist, er könnte über seine runtergelassenen Hosen stolpern und sich verletzen, als Julia und Erik sehen sie sich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Eine weitere Szene mit der Peters, die man nicht missen möchte, ist, wenn sie ihren Schwiegersohn auf der Treppe verführt … Franziska Hackl schreit die ganze Verzweiflung ihrer Figur heraus, als diese, schwanger, erkennen muss, dass sie keine Verlobte, sondern nur ein Seitensprung ist. Dies die eindrücklichsten, intensivsten Leistungen des Abends.

Mit der von Roland Koch, der als spooky zuvorkommender Concierge, als Charlottes Bruder Klaus oder Jakobs Schwager über die Gänge schleicht. Letzterer, Michael Wächter als Autor in der Schaffenskrise, hat gerade seine noch nicht ganz Ex-Frau gewürgt und braucht mit dem ohnmächtigen Körper dringend Hilfe … Barbara Horvath, Simon Zagermann und Max Rothbart gestalten unter anderem eine Dreiecksgeschichte, bei der in die Herzen Zank und Zerwürfnis gepflanzt wird. „Sie wollen keine Gleichberechtigung, sie wollen Rache“, stellt ein Mann über die Frauen in einer von Stones Miniaturen fest, die immer öfter parallel statt nur nebeneinander verlaufen. Immer wieder auch steigen die Schauspieler in das Zimmer ein, das der Musik von Bernhard Moshammer vorbehalten ist, und greifen dort zu den Instrumenten.

Die Fülle des Szenenchaos findet sich schließlich im so zu nennenden dritten Akt zusammen. Da werden im Erdgeschoss die Rezeption und im ersten Stock der Frühstücksraum nach und nach ausgeräumt, der Mensch so nackt wie die Bühne, und die Welt endlich, was sie ist: ein Irrenhaus. Figuren verschwimmen, Falsche erkennen einander, Klaus wird erst der Concierge, dieser dann der von Julia gefürchtete David, die von Jakob bis zum Sterben strangulierte Sylvie wieder taucht auf; auch andere Gespenster irren durch dies Haus der Halluzinationen.

Max Rothbart und Anne Schwarz, Michael Wächter und Franziska Hackl, Simon Zagermann und Ensemble, Martin Wuttke. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und inmitten all der verlorenen Seelen gibt Martin Wuttke den Nick-Cave-Klon. Sein nach einer Offenbarung Charlottes seiner Identität verlustig gegangener Alfred wird zu Holger, dem abgefuckten, von Aenne Schwarz erotisch umringten Punkopa, der noch einmal ein Album aufnehmen will und an Songtexten bastelt. Oder ist das alles nur ein Albtraum? Umringt von hysterischen bis besorgten (Ex-)Ehefrauenfiguren kreischt und tobt und zetert sich Wuttke dem Ende entgegen.

Also wird nun klar, von wo aus August Strindberg die Simon-Stone-Storys die ganze Zeit beobachtet hat. Nämlich, wenn der virtuose Wuttke zum Schluss kommt. „Ich hab‘ das geschrieben …“

www.burgtheater.at

  1. 1. 2018

Hotel Rock’n’Roll

August 24, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Man weiß in Wahrheit gar nicht wo anfangen. Bei den gewagten Rollstuhlstunts. Oder beim neongrünen Neptundrummer oder überhaupt beim Augenkrebsambiente. Beim mutmaßlichen Chartstürmer-Song „Futschikato Masalani“- wobei hier abzuwarten bleibt, ob die Metal- oder die Reggae-Version Platz eins erobern wird. Wurscht. Weil im pulpfiction-filmigen Vorspann verleihen sich die Macher eh schon selber das Prädikat wertvoll. Schonungslos. Amazing; bzw. fuckin‘ awesome, wie der Steirer sagt.

Ein solcher, nämlich Michael Ostrowski, verantwortet den All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn, der sich „Hotel Rock’n’Roll“ nennt und am 26. August in den heimischen Kinos anläuft, als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller. Der Film ist die Steigerungsform von „Nacktschnecken“ und „Contact High“, heißt: der Abschluss von Michael Glawoggers „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie. Als Glawogger 2014 bei Dreharbeiten in Liberia überraschend verstarb, war fürs Team klar, dass das bis dato bereits weit gediehene Projekt zu einem guten Ende zu bringen ist.

Was über weiteste Strecken auch perfekt gelang, samt einer Art Happy End, das es nun endlich für alle Figuren gibt. Ostrowski und Co-Regisseur Helmut Köpping haben Glawoggers filmische Handschrift mit großem Engagement zur eigenen erneuert, und auch wenn dessen surrealistische Sensoren die Untiefen der Handlung an der einen oder anderen Furt vielleicht tiefer ausgelotet hätten, bleibt genug Dada, um zweifelsfrei festzustellen: „Hotel Rock’n’Roll“ ist völlig gaga. Nach Softporno-Paraphrase und Rauschroadmovie ist man nun beim gepflegten Hotelfilm angelangt. Eine Reverenz an ein Nachkriegsgenre, das Größen wie Jerry Lewis oder hierzulande mit einem Hauch Heimat Peter Alexander bestens bedient haben.

Mit einem Wort die Chaosclique rund um Mao, Max und den unvermeidlichen Schorschi wird sesshaft. Dieses aber ausgerechnet in der Provinz, weil Mao irgendwo im Nirgendwo einen abgefahren abgefuckten Schuppen erbt, samt Schulden, wie sich später herausstellen wird. Also will man G‘schertindien keinesfalls seinen Bewohnern über-, sondern dort den richtigen Spirit einziehen lassen. Die Hotelband übt zwecks Tilgung der Rückstande fürs Benefiz, man hat zwar nur einen Song, diesen aber in xen Varianten, da kracht der Schorschi mit seiner Corvette in den Schwimmteich, im Kofferraum die geklaute Kohle von einem Banküberfall.

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava, Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen's natürlich zurück: Deltev Buck, Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen’s natürlich zurück: Deltev Buck und Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Was folgt, ist wohl klar, samt Harry, der vergisst, dass er eigentlich honoriger Betreiber des Alpengasthofs Alzheimer, ergo die Konkurrenz der Hotel-Rock’n’Roller ist, und sich auf sein kriminelles Genie besinnt. Doch nicht nur, dass sich Komplize und Love Interest Schorschi, nach Beinbruch mit Gipsfuß auf einen Rollstuhl angewiesen, bei Mao und Max als Gärtner verdingt, hat er doch ein ausgewiesenes Händchen fürs Graserl, ist der ganzen Sache auch noch ein höchst aufdringlicher Inspektor auf der Spur …

Beim Finale Furioso sind natürlich alle dabei – und in darstellerischer Hochform: Michael Ostrowski als substanziell lässiger Max und Pia Hierzegger als hantige Mao, die sich sinnlos bemüht, irgendwelche Fäden zusammenzuhalten. Der großartige Georg Friedrich als Schorschi, der sich nicht nur als einwandfreier Stuntman erweist, sondern über sein selbstzerstörerisches Kleinkriminellentum auch die Weltsager hat –  einer der besten: „Illegalität ist immer Ausdruck der Auflehnung gegen die herrschenden Zustände“, Detlev Buck als ebenso skrupulöser wie skrupelloser Harry und selbstverständlich Hilde Dalik als Max‘ Angebetete.

Neu in der Band ist Gerald Votava als Jerry, Raimund Wallisch ist ja aus der Formation ausgestiegen, und Votava ist nicht nur als Mensch und Schauspieler, sein Jerry nicht nur punkto Verwirrt- und Verplantsein ein Gewinn, sondern vor allem auch als Gitarrero – quasi der Schnittling auf dieser supersympathischen Suppn. Johannes Zeiler gibt den ehrgeizig verbissenen Kiberer Walzer, Helmut Köpping himself den wamperten Bankdirektor, die sich gemeinsam auf die Jagd nach dem gestohlenen Geld machen.

Echte Rock'n'Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Echte Rock’n’Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

In kleineren Rollen machen sich Willi Resetarits als selbst im Sterben sinistrer Erbonkel, Sven Regener als satanischer Pfarrer, Hermann Scheidleder als „Alzheimer“-Gast und die steirische Urmutter Stefanie Werger einen Karl. Letztere betreibt, apropos Mutter, einen Escort Service, bei dem sich Jerry eine Dame bestellt, für die er schließlich die australische Singer/Songwriterin Jayney Klimek hält. Dies nur einer der unzähligen irren Handlungsstränge, die einem in den diversen Durcheinanders auf- und davonlaufen, um zum Schluss wieder zueinander zu finden.

Die Pointen sitzen ergo erst an Stellen, wo man’s gar nicht mehr erwartet hätte, und ihr Witz ist das ewige Missverstehen der Menschen. In diesem Sinne und vor allem in der Figur Schorschi ist „Hotel Rock’n’Roll“ fast ein extremphilosophisches Werk. Ein Unfug auf höchstem Niveau. Und jedenfalls nix für Non-Nihilisten. Oder wie Jerry beim Anblick des Erb-Guts sagt: „Des is weniger Stairway to Heaven als mehr Highway to Hell.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=4PhKKXmQTOM

Michael Ostrowski im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21535

www.hotel-rocknroll.com

Wien, 24. 8. 2016

Hotel Rock’n’Roll: Michael Ostrowski im Gespräch

August 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Weniger stoned, dafür mit mehr Stunts

Gerald Votava, Pia Hierzegger und Michael Ostrowski. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Hotelerbin Mao mit ihren Mitstreitern Max und Jerry: Gerald Votava, Pia Hierzegger und Michael Ostrowski. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Am 26. August startet in den heimischen Kinos der neue Streich der Chaostruppe rund um Mao, Max und Schorsch ist die nächste, die letzte Runde. „Hotel Rock’n’Roll“ heißt der Abschluss der „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie von Michael Glawogger. Nach dessen plötzlichem Tod bei Dreharbeiten in Liberia 2014 übernahm Michael Ostrowski die Ausführung des Films. Der Schauspieler und Drehbuchautor führte zum ersten Mal auch Regie.

Der Inhalt: Mao erbt von ihrem Onkel ein abgetakeltes Hotel auf dem Land und gemeinsam mit ihren stets gutgelaunten Freunden Max und Jerry versucht sie, den Spirit des Rock’n’Roll dort wieder aufleben zu lassen. Leider haben sie dabei nicht mit der gierigen Konkurrenz, einem Haufen Schulden und dem unvermeidlichen Schorsch gerechnet, der ihnen nach einem missglückten Bankraub die Polizei ins Haus bringt. Mit dabei sind wieder Pia Hierzeger, Hilde Dalik, Georg Friedrich und Detlev Buck, und neu Gerald Votava. Michael Ostrowski im Gespräch:

MM: Sie sind zur Dreifaltigkeit des Films geworden, Drehbuchautor, Regisseur, Hauptdarsteller, hat das mehr Vorteile oder mehr Nachteile?

Michael Ostrowski: Ich glaube, dass das ein großer Vorteil ist, weil man den Film so sehr gut kennt. Ich hätte bei jedem Dialog mitreden können, ich habe die Bilder im Kopf gehabt, das hilft extrem, anders hätte ich mir die Arbeit gar nicht vorstellen können. Ich glaube, dass es viel schwerer ist, wenn man keinen Überblick hat. Außerdem hatte ich Helmut Köpping als Co-Regisseur, der andere Dinge als ich im Fokus hatte, andere Leut‘, das hat uns als Team gutgetan.

MM: Das Projekt wurde ja noch von und mit Michael Glawogger angedacht. Es stand für euch immer außer Frage, den Film auch ohne ihn zu machen?

Ostrowski: Das Drehbuch war sehr weit, ich habe den Michi Glawogger vor seiner Abfahrt zur Weltreise sehr oft getroffen, wir haben uns ausgetauscht übers Drehbuch, haben gemeinsam geschrieben. Es war meine Aufgabe, es fertigzustellen, einzureichen, mich um die Finanzierung zu kümmern, damit wir, wenn er zurückkommt, drehen können. Das Projekt war also sehr weit gediehen, und es war für uns, als er gestorben ist, klar, dass ich, wir alle, die beteiligt waren, es auf keinen Fall aufgeben.

MM: Es war als Trilogie angedacht …

Ostrowski: Ab „Contact High“, um genau zu sein. Da wurde uns bewusst, dass es eine „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie werden muss. Das war so typisch für den Glawo, ich sag‘ das zu ihm, und nach zwei Sätzen sagt er: Ja, klar, mach‘ ma draus eine Trilogie. Aber „It’s all one song“, sagt Neil Young, ich sage: It’s all one movie.

MM: Nun ist „Nacktschnecken“ ein softporniger Hausfilm, „Contact High“ ein Roadmovie. Was ist „Hotel Rock’n’Roll“?

Ostrowski: Eine Mischung aus Heimat- und Hotelfilm, Boulevard und Rock’n’Roll. Es war immer schon als Genremix geplant, weil wir sehen wollten, wie man dieses Grundthema, jemand erbt ein heruntergekommenes Hotel, wird bedroht durch die Konkurrenz, die Bank …, das ja in zahlreichen Filmen der Nachkriegsära vorkommt, neu machen könnte. Also diese Grundstruktur hernehmen und sie brechen mit einer Rock’n’Roll-Geschichte, in der eine irre Band auftritt, in der laute Musik gespielt wird. An dieser Aufgabe haben wir uns beim Drehbuch schreiben abgearbeitet.

MM: Ein bissl klingt das jetzt nach einem Peter-Alexander-Gunther-Philipp-Film.

Ostrowski: Total. Lustig, dass Sie das sagen, weil der Glawo war ein großer Fan von Gunther Philipps Wackelohren, davon hat er gern gesprochen. Ich war immer ein Fan von Jerry Lewis, dessen erster Film als Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller, „The Bellboy“, ein Hotelfilm ist. Er ist aus dem Jahr 1960, ein Schwarzweißfilm, den er gedreht hat, ohne zu sprechen. Jerry Lewis ist damit ein unglaubliches Risiko eingegangen, Hut ab! Ich will damit nur sagen, es gibt ein paar Hotelfilmvorbilder, die uns sehr stark inspiriert haben. Der Glawo hat auch einen Roman geschrieben, „69 Hotelzimmer“, der posthum erschienen ist. Das ist ein ganz tolles Buch, in dem er alle seine Reiseerlebnisse verarbeitet. Wir sind also beide Hotelfans, und die Liebe zu diesem Ort war der Ausgangspunkt für „Hotel Rock’n’Roll“.

Die Hotelband. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Ein Song wird x-mal variiert: Die Hotelband bei ihrem ersten großen Auftritt. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Lukas König. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Unterwasserdrummer und Aushilfsneptun Lukas König. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

MM: Und euer Hotel? Wie haben Sie diese verwunschene Villa gefunden? Eingebettet in ihre grüne Hölle?

Ostrowski: Ha, das hat unser Kameramann Wolfgang Thaler zum Drehort auch gesagt: Das ist die grüne Hölle. Die Villa ist am Semmering, ganz versteckt, und gehört zwei Schwestern, die dort die Hälfte der Woche wohnen. Die haben sich auf unsere Zeitungsannonce hin gemeldet, und das war fein, weil man da weiß, dass man willkommen ist. Dieser Drehort war essentiell wichtig, weil ich hin kam und wusste, dass ich da richtig bin. Anders hätte ich den Film nicht drehen können.

MM: Dazu der Teich …

Ostrowski: Ja, der war echt dort, das glaubt man gar nicht. Geschrieben haben wir, der Schorsch, also Georg Friedrich, fährt nach seinem Banküberfall mit seiner Corvette in einen Pool, und das Auto bleibt stecken, mit dem geraubten Geld im Kofferraum. Und dann erst ging mir auf, im durchsichtigen Wasser funktionieren weder die Tauchversuche von Max und Jerry, wenn sie die Geldtasche suchen, weil da steckst den Kopf unter Wasser und hast es, noch der mystische Auftritt unseres Wassermanns und Unterwasserdrummers Lukas König. Da seh‘ ich diesen verwahrlosten Teich und denke mir, das ist es. So einfach war’s dann allerdings doch nicht.

MM: Weil?

Ostrowski: Wir die Wasserschutzrechte beachten mussten. Es gab also eine zweite Corvette, die war völlig ausgebaut, damit nix mehr drin ist, in dem Benzin oder Öl sein könnte, und die haben wir versenkt.

MM: Klingt stressig. Dabei wirkt im Film dank natürlicher Zutaten alles so entschleunigt. Aber wie bei jeder Komödie sind Tempo und Timing wahrscheinlich ein Wahnsinn, oder?

Ostrowski: Dank natürlicher Zutaten und solcher als dem Labor (er lacht). Nein, kein Stress, tatsächlich ist bei unserem Team das Wichtigste, dass man die Akteure einfach machen lässt; die kennen ihre Figuren und wissen schon, wie sich was anfühlen muss. Es war mir vor allem ein Anliegen Gerald Votava als Jerry in die Familie zu bringen, weil die anderen kennen einander ja schon ewig, er ist neu dazugekommen, er musste erst sehen, wie unser Timing ist, wie wir spielen, welche Sprache wir sprechen … Georg Friedrich wiederum ist ein Mensch, der nicht gerne probt. Er hat echt früh seinen Text gelernt, eine alte Version vom Drehbuch, das weiß er, aber das tut er halt. Ich hab‘ aber in der Zwischenzeit einige Sager wieder rausgestrichen, und er sagt (Ostrowski spricht in täuschend echtem Georg-Friedrich-Tonfall): Des is oba schod, weu des is lustig. Dann haben wir’s natürlich wieder reingenommen, weil er ein Feeling hat, was ihm gefällt, und ich nehme ihn damit sehr ernst.

MM: Also was jetzt, war’s harte Arbeit oder lustig?

Ostrowski: Ich finde nicht, dass es harte Arbeit war. Harte Arbeit ist das Rundherum, diese Scheißproduktionsmaschine, die funktionieren muss, aber Spielen ist immer ein freudvolles, lustiges Tun.

MM: Nun sagten Sie vorhin „Familie“, das Team ist über die Jahre ein Freundeskreis geworden. Sagt man sich da leichter oder schwerer was ins Gesicht?

Ostrowski: Leichter, finde ich, viel leichter. Ich habe nicht das Bedürfnis mit Menschen zu arbeiten, mit denen ich ein Spannungsverhältnis habe. Ich brauche keinen Psychoterror am Set oder auf einer Theaterbühne, damit ich was Gutes zusammenbringe. Ich hab’s lieber in einer Gemeinschaft und im Guten. Man muss halt lernen, wie man Kritiken formuliert. Das ist ein großer Punkt. Ich bin da auch sehr sensibel als Schauspieler, ich will auch nicht, dass mir jemand sagt, es war Scheiße, was ich gemacht habe. Das finde ich abwerten, das motiviert mich nicht, da bin ich blockiert fürs nächste Mal.

MM: Was sagen Sie dann? Da war schon sehr viel Schönes dabei?

Ostrowski: Ich bin kein Pädak-Regisseur, aber ich sag‘ einmal grundsätzlich, ja okay, weil oft weiß ich’s gar nicht besser. Ich würde mir gar nicht anmaßen zu sagen, ich weiß es besser. Der eine macht’s auf die Art, der andere auf eine andere, das muss man sich anschauen und ausprobieren. Als Schauspieler habe ich das Bedürfnis jeden Take zu variieren, weil es keinen Sinn macht, immer gleich zu spielen. Ich schaue, dass der Rhythmus stimmt und dass man die Pointen richtig setzt, und es freut mich auch an den Kollegen, wenn sie mir Varianz anbieten. Die kriege ich aber nur, wenn ich ihnen die Freiheit dafür gebe.

MM: Haben sich die Filmfiguren entwickelt? Oder sind sie Typen wie bei Volkstheater, wie beim Kasperltheater, die immer gleich bleiben sollen?

Ostrowski: In gewisser Weise sind sie Archetypen und sollen bleiben, was sie sind. Der Schorschi wird immer ein kleinkrimineller Gangster mit Hang zu Vandalismus und Selbstzerstörung sein. Aber trotzdem entwickeln sie sich, weil sich die Menschen, die sie darstellen, entwickeln. Man muss sich ja nur die Fotos aus den beiden früheren Filmen anschauen, da sieht man, wie wir uns alle verändert haben, älter geworden sind, aber im positiven Sinn. Das ist das Geheimnis der Schauspielerei, wie du dich wandelst, so wandelt sich deine Figur.

MM: Und die Figur von Raimund Wallisch war auserzählt?

Ostrowski: Der Raimund hat mir vor Jahren gesagt, er will nicht mehr dabei sein. Ich bemühe da eine Bandmetapher: Er ist ausgestiegen und hat sein Soloprojekt gestartet. Da kann man nicht diskutieren, das war seine Entscheidung und die ist zu respektieren. Im Endeffekt aber, wie bei vielem, wo man am Anfang denkt: Was mach‘ ich jetzt?, hat auch das eine positive Wende genommen. Weil Gerald Votava nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Musiker dazugekommen ist, und ich weiß nicht, ob ich den Film so hätte machen können, wenn er nicht so ein exzellenter Gitarrist wäre.

MM: Womit wir bei der Musik sind: Die neuen Hotelbesitzer sind eine Rock’n’Roll-Band mit genau einem Song. Spielt ihr wirklich alle selber?

Ostrowski: Wirklich. Gerald die Gitarre, Pia den Bass, Schorsch das Schlagzeug. Georg Friedrich hat’s von Lukas König gelernt, und zwar so, dass er Rock, Punk und Reggae live gespielt hat. Ich habe früher einmal in einer Band Bass gespielt und gesungen, jetzt hab‘ ich mir den leichtesten Job ausgesucht, ich bin der Sänger.

MM: Und der Komponist. Denn das einzige Lied der Band, der Futschikato-Song, stammt aus Ihrer Feder. Da sind einige Vokabel drinnen, die waren sogar mir neu.

Ostrowski: Nämlich?

MM: Kann ich jetzt nicht sagen, vor allen Dingen später nicht schreiben, F**knecht zum Beispiel. Oder Nudelwalker in diesem Zusammenhang.

Ostrowski: Letzteres ist eh klar, ersteres ein Mann, der sich gern Frauen unterwirft. (Er singt leise): Genderbender, Riesenständer, Frauenbauer, Maunerhauer, hauma uns in die Mischmaschin, die MaunerWeibaMischmaschin … Ich habe diesen Text schon sehr früh geschrieben, ihn dem Michi Glawogger geschickt, und durch alle Drehbuchfassungen blieb er erstaunlicherweise immer drin. Hab‘ ich mir gedacht, so schlecht kann er nicht sein.

MM: Euer Humor ist sehr eigen. Sind Sie damit auch schon auf Ablehnung und Unverständnis gestoßen? Gab’s negative Reaktionen?

Ostrowski: Klar gibt’s Leute, die finden uns geschmacklos. Bei „Contact High“ war aber eher das Problem, dass Zuschauer es nicht gepackt haben, dass sich der Film aus seinem vordergründigen Realismus löst. Dass da Dinge passieren, die nicht realistisch, sondern auf einer anderen, einer surrealen Ebene erzählt werden. Da kannst nur sagen: Aha, okay. Glawo und ich haben Film immer als ein Medium gesehen, das sich fantasievoll über die Realität erhebt. Dass man dabei mit Sehgewohnheiten bricht, da muss man drüber stehen. Manche Leute konnten mit dem Drogenerfahrungsding aus „Contact High“ wenig anfangen, deshalb war der Film einerseits limitierter, andererseits haben wir eine unfassbare Fangemeinde, die ganze Passagen auswendig zitieren kann. „Hotel Rock’n’Roll“ ist ein anderes Thema, familienfreundlicher, weniger stoned. (Er lacht.)

Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Schorsch und seine Corvette landen im Teich: Georg Friedrich macht seine Stunts selber. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Georg Friedrich, Detelv Buck und Pia Hierzegger. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Schorsch mit Gipsfuß, von „Harry“ Detlev Buck liebevoll geschultert. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

MM: Dafür mit mehr Stunts! Autostunts und Rollstuhlstunts.

Ostrowski: Georg Friedrich hat sich nicht geschont, er lässt es sich ja nicht nehmen, alle Stunts selbst zu machen. Er ist eine Naturgewalt, eine schauspielerische Kraft, die für mich spitze ist. Wie er da aber aus dem Rollstuhl fällt, der Schorsch bricht sich nämlich das Bein, wenn Sie das meinen, das war nicht geplant. Wir haben einfach gefilmt, wie er damit herum fährt, er hat einen Wheelie gemacht und auf einmal hat’s ihn rausg’haut. Natürlich hält man da die Kamera drauf.

MM: Wenn man Ihnen so zuhört, hat man den Eindruck, Regie führen hat Sie schon angefixt. Möchten Sie weitermachen? Alles in Ihrer Hand haben?

Ostrowski: Es hat was, aber ich muss es nicht regelmäßig machen. Es hat mich an meine Grenzen geführt. Im Guten und im weniger Guten. Ich mein‘, es war alles easy, und ich mag‘ das schon sehr gern, aber alles mit Maß und Ziel. Sehr gern bin ich mit Alarich Lenz im Schneideraum gesessen, das ist zwar eine unbezahlte, aber eine sehr schöne Arbeit, das würde ich gern wieder machen, dieses Zusammenbasteln eines Films.

MM: Die Trilogie ist nun beendet. Wie geht’s mit der Neigungsgruppe weiter? Ihr könntet ja eine österreichische „Carry On“-Truppe werden?

Ostrowski: Ich weiß es ehrlich noch nicht. Ich muss erst einmal schauen, was aus diesem Film wird. Ich plane weniger als ich Dinge auf mich zukommen lasse und dann Bauchentscheidungen treffe. Ich schau‘, dass ich das machen kann, was mir am meisten Spaß macht, ich will mich nicht zwingen lassen, das ist mein einziges Ziel. Ich drehe gerade einen „Bibi und Tina“-Film, Detlev Buck führt Regie, und er stellte mich am Set vor mit den Worten: He’s a free man. Wahrscheinlich ist es das. Aber ich glaube nicht, dass die, wie haben Sie gesagt?, Neigungsgruppe nichts mehr miteinander zu tun haben wird.

www.hotel-rocknroll.com

Wien, 19. 8. 2016

Kammerspiele: Menschen im Hotel

März 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur ein Glühwürmchen in der Dunkelheit

Siegfried Walther, Silvia Meisterle und Raphael von Bargen Bild: Herwig Prammer

Der großartige Siegfried Walther, Silvia Meisterle und Raphael von Bargen
Bild: Herwig Prammer

Es fehlt an Prunk und Pomp. An diesem Marmor, der doch nur falsch und Stuck ist. An der Behauptung etwas großes und dabei letztlich Kulisse zu sein, die die Grandhotels einer längst verwehten Zeit ausmacht. Wie die Figuren in Vicki Baums „Menschen im Hotel“. 1928 entwarf die österreichische Autorin ihr Panorama Fleisch gewordener Trompe-l’œils, Cesare Lievi hat nun an den Kammerspielen eine Bühnenfassung in Szene gesetzt – und ist dabei einen Schritt weiter, vielleicht einen zu weit gegangen.

Der italienische Regisseur hat sich einer Art Neorealismo verpflichtet, und, als wolle er im Sinne Roland Barthes‘ „als Wirklichkeit darstellen, was die bürgerliche Gesellschaft sich bemüht zu verbergen“, von Anfang an die klappernden Skelette unter den mühsam aufgerichteten Fassaden freigelegt. Das ist im Baum’schen Kosmos zwar an späterer Stelle korrekt, doch so raubt es dem Abend vom Fleck weg die Elegance, das Geheimnis, die Ambivalenz. Bis hin zum mit Schiebetüren für den schnellen Szenenwechsel überaus funktionalen Bühnenbild von Maurizio Balò glaubt man sich in einem strengen, spröden Schwarzweißfilm, in dem die Schauspieler ihren Text herstelzen. Anna Bergmann, von der die Buchbearbeitung stammt, erlaubt kaleidoskopartige Einblicke in das Panoptikum der Vicki Baum. Sie hat die Reisenden, die sich durchs Hotel wie Dantes Ovid durch den Orkus bewegen, auf eine Handvoll reduziert. Eine alternde Primaballerina verliebt sich in einen nicht ganz ehrenwerten jungen Baron, der es auf ihren Schmuck abgesehen hatte. Ein kleiner Angestellter, den nahen Tod vor Augen, beginnt das Leben in vollen Zügen zu genießen. Ein Generaldirektor zockt um die Zukunft seiner Firma und bedrängt eine Sekretärin, die doch eigentlich zum Film möchte. Sie alle beobachtet ein Arzt, ein Dauergast der Hölle, dem dieser Nicht-Ort zum Abbild des Lebens geworden ist.

Die Hölle. Zehn Jahre ist es her, dass die eine vorüber rauschte, zehn Jahre wird es in Österreich noch dauern, bis die nächste kommt. Vicki Baum erkannte früh die Gefahr, die vom Nationalsozialismus ausging. Aber davon wissen ihre Figuren noch nichts, diese Pechvögel und Glücksritter, diese Blender und Betrüger größeren und kleineren Ausmaßes. Sie laborieren noch an ihren Erste-Weltkriegsnarben, während schon die Weltwirtschaftskrise und der Zweite neue Wunden schlagen wollen. Keiner ist hier, was er vorgibt, ja nicht einmal, was er selber glaubt, zu sein. Alle suchen. Und währenddessen findet das Eigentliche anderswo statt.

Lievi hat das firnissfrei inszeniert, hat versucht, die vordergründige Krimihandlung und die tiefgründige Liebesgeschichte als Gesellschaftspanorama der „Goldenen“ Zwanzigerjahre zu entwerfen. Mit „Filmscheinwerfern“ und „Dolby Surround“, sogar mit einem automatischen Klavier, setzt er auf den Kinoeffekt, schön auch die Idee, das Publikum quasi in der Portiersloge zu platzieren, aber seine Gesellschaft, sie schillert zu wenig. Die Geschäftemacher und Gschaftlhuber, die Lobbyisten in der Lobby, die durch riskante Affären verbundenen Zwangs- und Zweckgemeinschaften sind allesamt als Scherenschnitte angelegt. Wo sich die Figuren Maske um Maske um Maske abreißen lassen sollten, enttarnen sie sich flink, freiwillig, allzu friktionsfrei. Als hätten sie sich bei ihrem Tanz auf dem Vulkan die Fersen schon verbrannt, bevor der Vorhang überhaupt aufging, und wollten nun nur noch ins rettende Fußbad. Es ist seltsam, wie eine Sache gefühlt zu kurz geraten und trotzdem langatmig sein kann.

Raphael von Bargen legt den Baron von Gaigern als leutseligen Lebemann an. Zwar erschließt sich nicht wirklich, warum er sich Hals über Kopf in die von Sona MacDonald als exaltierte Hysterikerin gespielte Grusinskaya verliebt, aber immerhin kommt es ihm zu, durch ihr Leid sein Menschsein zu finden. Silvia Meisterle ist als Stenotypistin Flämmchen verhalten sexy, Marianne Nentwich eine dauerbesorgte Suzette, Alexander Absenger ein Raubtier als Chauffeur. Alexander Waechter hat als Arzt Dr. Otternschlag immerhin die besten Sätze. Wie ein schwarzes Gewissen wacht er, der vom Leben nichts mehr erwartet und ergo nicht enttäuscht werden kann, über die anderen. Die Drehtür muss immer offenstehen, sagt er, und meint damit den Ausgang in den Selbstmord. „Man kommt an, man bleibt ein bisschen, man reist ab … hundert Türen auf dem Gang, und keiner weiß was von dem Menschen, der nebenan wohnt. Und wenn Sie abreisen, kommt ein anderer an und legt sich in Ihr Bett, Schluss.“ Welch ein Resümee über die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Ansonsten bleibt auch Waechter unauffällig.

Während die Kollegen sich um Typgestaltung bemühen, sind da zwei, die aus ihren Figuren Charaktere formen. Und zwar solche von Fallada-Format. Vor allem Siegfried Walther ist großartig als sterbenskranker Kringelein, der brave Buchhalter, der verzweifelte „kleine Mann“, der den Rücken durchstreckt und, ein erstes und letztes Mal, sich aufbäumt. „Und wenn ich ein Dreck bin, dann sind Sie ein viel größerer Dreck, Herr Generaldirektor“, haucht er atemlos über seinen neuen Mut. Und das macht Walther ganz fabelhaft. Er verkörpert ein Zeitsymptom, er und der von Heribert Sasse dargestellte Generaldirektor Preysing, zwei unterschiedliche Systeme. Das untergehende und ein aufkeimendes Europa, und wenn Lievis Arbeit dieser Tage etwas zu sagen hat, dann an dieser Stelle. Die Wirtschaft hat moralisch wieder abgewirtschaftet. Und der Angestellte sieht sich beraubt um die Stelle, mit der er sich gern identifizieren konnte. Befristung und schnell-schnell heißen die neuen Schlagworte. Coupon schneiden siegt über Arbeitsplätze sichern.

Sasse selbst überzeugt als Turbokapitalist, der glaubt, sich mit Geld alles nehmen zu können. Wenig erinnert noch an den Original-Preysing, der zu ehrlich für die neuen Regeln der Börse war. Dieser hier ist skrupellos und schmierig und wird in seiner Ekelhaftigkeit die Rechnung präsentiert bekommen. Am Ende, wenn sich die Szenen in einem Kunstgriff ineinander schieben und alle Schauspieler gleichzeitig auf der Bühne sind, wird Kringelein auf- und Preysing zusammenbrechen. Vicki Baum sagte einmal, sie gebe sich keinen „Glühwürmchenillusionen“ über die Zukunft hin. Ein Glück. Cesare Lievi lässt in der Dunkelheit zumindest eins leuchten.

Diese Rezension bezieht sich auf die Vorpremiere am 16. März.

Raphael von Bargen im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18096

www.josefstadt.org

Wien, 17. 3. 2016

Raphael von Bargen im Gespräch

März 11, 2016 in Bühne, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt im Film „Thank You For Bombing“ und an den Kammerspielen „Menschen im Hotel“

"Menschen im Hotel" an den Kammerspielen: Sona MacDonald und Raphael von Bargen Bild: Jan Frankl

„Menschen im Hotel“ an den Kammerspielen: Sona MacDonald und Raphael von Bargen. Bild: Jan Frankl

Schauspieler Raphael von Bargen ist vielbeschäftigt: Am 11. März wird bei der Diagonale Barbara Eders Satire „Thank You For Bombing“ präsentiert, in der er den US-Kriegsberichterstatter Cal spielt (Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=17967). Ab 18. März läuft der Film in den Kinos. Am 17. März hat an den Kammerspielen Vicki Baums „Menschen im Hotel“ Premiere. In der Regie von Cesare Lievi schlüpft von Bargen in die Rolle des Baron von Gaigern. Zwei Rollen, denkt man, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und doch gibt es da etwas, das sie verbindet. Ein Gespräch über Dreharbeiten in Kabul, Leben im Krieg und was er aus den Menschen macht:

MM: Als ich das Gespräch vorbereitet habe, fiel mir eine Gemeinsamkeit zwischen dem Film „Thank You For Bombing“ und der Kammerspiele-Premiere „Menschen im Hotel“ auf: Wir unterhalten uns über ein Panoptikum vereinsamter, seelisch deformierter Menschen mit gestörtem Verhältnis zur Realität.

Raphael von Bargen: Das ist richtig, das betrifft grob alle Projekte, in denen ich die vergangenen 15 Jahre gearbeitet habe (er lacht).

MM: Lassen Sie uns mit Barbara Eders Film beginnen. Sie haben in Afghanistan gedreht. Welche Erfahrungen macht man da? Welche Eindrücke nimmt man mit?

Von Bargen: Der erste Eindruck war natürlich ein wilder. Barbara Eder wurde auf einem Hügel mit Steinen beworfen, von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen, und ist nur knapp ohne Verletzung davongekommen. Ein paar Tage zuvor hatte sich im Nachbarcamp ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, da hatte es Tote gegeben. Die Menschen schauen finster und man glaubt, in einem aggressiven Land mit einer unglaublich aggressiven Bevölkerung zu sein. Was aber relativ schnell zu lernen war, ist, wenn man grüßt, und zwar von meinem Herzen zu dir (er macht eine Handbewegung von seiner Brust zu der seines gegenüber), lachen auf einmal die Leute. Nur schauen, nur starren ist einfach sehr unhöflich. Ich habe Afghanen kennengelernt, die bezaubernd sind, sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Es gab auch mit den Amerikanern bizarre Begebenheiten, etwa als an einem Drehort plötzlich die CIA mit Black Hawk Helicoptern aufgestiegen ist oder wir von ihnen mit einem SUV quer durch Kabul verfolgt worden sind …

MM: Sie spielen einen amerikanischen Kriegsberichterstatter namens Cal.

Von Bargen: Und hatte vor Ort auch Gelegenheit mit Journalisten und Soldaten zu sprechen. Das sind Jungs, die sind ganz nett, aber auch brandgefährlich. Die leben den ganzen Tag in diesen Camps, haben keine Ablenkungen, keine Vergnügungen, das ist eine G1 Verordnung, und einen vielleicht beidseitig missverstandenen Auftrag. Das sind zum Teil Testosteronmaschinen, deren Laune nicht die beste ist. Einer hat zu mir gesagt, er würde am liebsten alles kurz und klein schießen – und dann natürlich: Just jokin‘, just jokin‘. Aber das gibt einem schon zu denken.

MM: Fragen sich die „Westmenschen“ in Afghanistan nie, was sie da eigentlich machen? Ich weiß schon, der Welt Gesetz und Ordnung geben, aber …

Von Bargen: Naja, nein, die fragen sich gar nichts. Es gibt keine Informationsquelle zu Afghanistan, die nicht irgendwie bearbeitet ist. In diesem Konflikt geht es nicht mehr darum, zu kommunizieren. Es geht nicht darum, sich mit diesem Land auseinanderzusetzen. Der Nahe Osten ist für mich von einer erschreckenden Bodenlosigkeit. Der Westen kommt in ein Land und diktiert wie die Dinge zu funktionieren haben. Wer bin ich denn, dass ich den Menschen dort sage, wie Zusammenleben funktionieren soll? Das ist eine Hybris, die kann ich nicht gutheißen. Dass ich auch nicht gutheißen kann, wie die Dinge in Afghanistan funktionieren, das steht auf einem anderen Blatt. Mit unserer Überheblichkeit werden wir das auch nicht ändern … nur durch eine lebendige Kommunikation. Aber seit dem Dreh hat sich die Gesamtsituation diesbezüglich natürlich geändert und verschärft …

MM: Sie meinen die Flüchtlinge, die auch aus Afghanistan kommen?

Von Bargen: Ja, und man muss nachfragen, warum die Situation in den derzeitigen Krisenländern so ist, wie sie ist. Warum ist Krieg? Warum fliehen die Menschen? Da lehnt sich einer der Hauptakteure, die USA, gerade ganz bequem zurück und berichtet einfach nicht. Meine Mutter lebt in Florida, die hat quasi Nachrichtensperre, die ruft mich in Österreich an, um zu erfahren, was los ist. Die Amerikaner konzentrieren sich jetzt auf ihren Wahlkampf, die wollen keine Störungen „von außen“, sind aber seit je „außen“ involviert.

MM: Das ist etwas, das der Film auch in der Figur des Cal thematisiert: Das Missverstehen und auch Missachten der anderen Kultur.

Von Bargen: Einerseits das. Der Titel des Films „Thank You For Bombing“ ist ja symptomatisch in der Figur verankert. Wir haben eine so hohe Reizschwelle, das heißt: ich brauche harte Bilder, um überhaupt noch wahrzunehmen, dass etwas passiert. Bei Kriegsberichterstattern ist das große Problem, dass die Medien sie nur noch als Freelancer beschäftigen. Also fahren einige Wahnsinnige, auch Vorbilder meiner Figur, auf eigene Kosten in den Krieg. Machen da Bilder, vollkommen geisteskrank, wo sich niemand hintraut, und ob sie Geld dafür kriegen, zeigt sich erst in dem Moment, in dem sie abliefern.

MM: Wie ordnen Sie Cal ein – zwischen der Pflicht zur Berichterstattung und Voyeurismus? Sympathisch ist er nicht.

Von Bargen: Natürlich nicht. Er hat kein normales Leben mehr, er ist abgestumpft, lebt aber auch in einem Rausch. Cal ist ein Adrenalinjunkie, er ist ein Idealist, das ist sein erster Zugang zum Beruf. Und so, wie die anderen Krieg betrachten und die afghanische Kultur betrachten, wird er zum Zyniker und beschließt, sein Umfeld bis aufs Blut zu reizen. Sein einziger Freund ist sein Fahrer, ein Mensch, zu dem er eine emotionale Nähe entwickelt, aber der Zahn wird Cal ja auch noch gezogen.

MM: Wer war der Kollege?

Von Bargen: Mohammad Jamil Jalla lebt tatsächlich in Kabul, er ist ein junger Regisseur und Schauspieler, ein faszinierender, junger Kollege. Ich mochte den sehr gern.

MM: Wie war die Arbeit? Es gab keine fertigen Dialoge?

Von Bargen: Nein, es gab keine Texte. Barbara hatte ein erstes Drehbuch, das wir immer wieder neu mit Szenen gefüllt haben. Wir haben über Ideen diskutiert, auch geblödelt, aber dann sehr ernst besprochen, was geht und was nicht. Wir hatten eine Szene, da zieht ein Kind auf dem Markt in Kabul eine Pistole. Die Situation in Kabul selbst strich diese Szene, denn wenn auf dem Marktplatz eine Waffe gezogen wird, sind die Folgen kaum absehbar. In Summe haben wir zumindest anfangs die Situation in diesem Land unterschätzt. So auf easy, weil wir sind ja Künstler, geht in Afghanistan gar nichts.

MM: Sehen Sie nun Nachrichten mit anderen Augen?

Von Bargen: Ja, ich sitze nun und denke mir, wer hat das gefiltert? Es gab, da waren wir noch in Afghanistan, einen Bericht auf allen Sendern, dass eine Stadt in der Nähe von Kundus von den Taliban überrannt worden wäre. Wie saßen beim Chef der dortigen CNN-Abteilung, da sagt ein junger Mann: Wieso, was soll da sein? Ich komme gerade von da, da ist nichts los. Dafür wiederum geschehen natürlich andere Dinge, von denen die Welt nichts wissen soll.

MM: Wie unfassbar zynisch das nun ist, dass Afghanistan zum sicheren Rückreiseziel für Flüchtlinge erklärt wurde.

Von Bargen: Ja. Unwissenheit ist mitunter ein Segen. Wobei es sicherlich weit weniger dramatisch ist in Afghanistan als in anderen Ländern. Ich glaube nicht, dass sich die Komplexität dessen, was sich in Kriegsgebieten abspielt, irgendeinem Normalsterblichen erschließt. Das ist in der Gesamtstruktur zu kompliziert. Nur zu sagen, da ist etwas befriedetes Gebiet und jetzt ist auch gut, ist zu wenig, das wird nichts ändern. Derzeit baut sich alles so massiv auf, man sollte also nicht daran arbeiten, Feindbilder zu schaffen, sondern einander einmal zuzuhören. Berichterstattung reduziert sich auf die Belastbarkeit einzelner Menschen. Ob ich das global sehe oder als Konflikt in einem Dorf – es reduziert sich auf Menschen, die miteinander eine Geschichte haben und erleben.

MM: Die Geschichte von zwei Menschen erzählt auch „Menschen im Hotel“.

Von Bargen: Es sind Figuren, die mit ihren Sehnsüchten im Stück auf dem Vulkan tanzen. Es ist ein heftiges Stück.

MM: Das auch im Krieg – oder der Zeit zwischen den Kriegen handelt. Sie spielen Baron von Gaigern.

Von Bargen: Eine einst gutsituierte Persönlichkeit, in dessen Leben einiges schief gelaufen ist. Es wird erzählt, dass er als Soldat in Frommelles, einem blutigen Gemetzel, im einzigen, in dem auch Hitler als Meldegänger war, eingesetzt war. Das alles hat ihn geprägt, er ist traumatisiert, sagt aber, wenn das nächste Mal Krieg ist, geh‘ ich wieder hin. Er ist ein Spieler, ein Extremsportler, der den Nervenkitzel braucht, er becirct Frauen, aber nicht ohne diese gewisse Todessehnsucht. Und dann trifft er diese Frau, Sona MacDonald als ehemalige Balletttänzerin Grusinskaja, deren Schmerz etwas so Existenzielles hat, das es ihn anrührt. Da besinnt er sich, dass er eigentlich ein Ehrenmann ist. Und er verliebt sich wirklich in ein Bild, das ihn spiegelt.

MM: Er erkennt, hier ist kein Spiel mehr möglich, hier wird bar bezahlt. Große Gefühle, schluchzende Geigen. Autorin Vicki Baum wird unterstellt, Trivialliteratur geschrieben zu haben.

Von Bargen: Ich finde das nicht. Ich habe das Buch wirklich gerne gelesen. Es ist eine Zeitbetrachtung, eine sehr klare Zeitbetrachtung. Es ist nicht Boulevard – oder Pop-Literatur würde man heute sagen. Natürlich ist die Sprache ein wenig manieristisch, aber die Psychologie, die sie in die Figuren steckt, ist großartig. Die sind extrem vereinsamt, extrem verinselt in ihrer Zeit. Diese merkwürdige Zeit des Umbruchs, dieses Nicht-Wissen-Wohin in diesem Hotel, das hat sie ganz toll beschrieben. Das Hotel ist Fassade, im doppelten Sinne, und daran zerbrechen die Leute letztlich.

MM: Es gibt ein Zitat: Man kommt an, man bleibt ein bisschen, man reist ab …

Von Bargen:  … hundert Türen auf dem Gang, und keiner weiß was von dem Menschen, der nebenan wohnt. Die besagte Vereinzelung der Figuren und der Fatalismus des Arztes Otternschlag . Das passt übrigens auch zu „Thank You For Bombing“.

MM: Wie ist die Inszenierung?

Von Bargen: Cesare Lievi versucht keine Radikalisierung des Materials auf Biegen und Brechen, aber er legt schon auch den Finger in die Wunde unserer Zeit. Er nimmt den Text sehr ernst, er sieht die Figuren von ihrer existenziellen Not getrieben, von ihrer Sucht zu Wirken und ihrer Sehnsucht nach Erlösung. Wenn uns das gelingt, dann sind wir richtig, dann ist es ein sehr tragisches Stück. Was ich beispielsweise sehr gerne mag, ist, dass es nirgendwo blumig ist. Sehnend ja, verzweifelt ja, aber nie blumig. Es werden andauernd Erwartungen angehoben und auf ihrem Zenit zerschlagen. Als wollte Vicki Baum sagen, man kann vom Leben nur dann nicht enttäuscht werden, wenn man sich mit den Enttäuschungen des Lebens abgefunden hat. Die Charaktere  hoffen, in ihrem gegenüber, im Morgen Glückseligkeit zu finden. Und kaum haben sie einen Schritt darauf zugemacht, kommt garantiert das Schicksal, der Umstand, das Leben …

MM: Es gibt zwei Filme …

Von Bargen: Und auch unsere Arbeit wird in weitestem Sinne filmisch. Das entspricht dem Fluss, den der Roman hat. Man wird von Szene zu Szene geführt, in einem Raum, den nur die Behauptung des Spiels zu einem anderen macht. Das Hotel atmet, es setzt unter Stress, man wird gesehen und versucht zu verheimlichen, das ist ungefähr die Temperatur.

MM: Was macht den Reiz aus, das zu spielen?

Von Bargen: Dass dieser Baron von Gaigern mehrere Rollen spielt, dass er scheinbar nur aus Fassaden besteht. Er ist vieles gleichzeitig, und jedes Mal, wenn jemand anderes auftritt, ist er ein anderer Mensch. Dem versuche ich mit meiner Darstellung gerecht zu werden. Eigentlich kann man bis zum Schluss nicht wissen, was das für ein Typ ist. Bis ihm die Nähe zu einem Menschen die Maske abreißt. Ich glaube, dass das den Zuschauern sehr nahe gehen kann. Cesare macht es einem sehr leicht, sich einzulassen. Wer von uns trägt schließlich keine Maske?

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Wien, 11. 3. 2016