Akademietheater: Diese Geschichte von Ihnen

Februar 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frage nach dem Zweck unheiliger Mittel

Nicholas Ofczarek und August Diehl Bild: Bernd Uhlig / Burgtheater

Nicholas Ofczarek und August Diehl
Bild: Bernd Uhlig / Burgtheater

Die dritte Szene ist nichts für schwache Nerven. Da ist mitanzusehen, was man bis dahin nur vernommen hat. Vernommen auch, weil hier alles einem Verhör gleicht. Eine Situation spiegelt sich in der nächsten. Die Eskalation nimmt bis zur endgültigen Entgleisung immer mehr Tempo auf. Runde um Runde. Ein Bühnenboxkampf. In drei Szenen in drei Stunden werden viele Bilder eines Mannes entworfen, die sich lang nicht und dann doch plötzlich zu einem zusammensetzen. Andrea Breth hat am Akademietheater John Hopkins‘ „Diese Geschichte von Ihnen“ inszeniert. Eine ganz außerordentliche Arbeit mit einem ganz außerordentlichen Nicholas Ofczarek.

Hopkins hat das Drama 1968 geschrieben, da hatte er bereits das Drehbuch zum James-Bond-Film „Thunderball“ und 50 Episoden der BBC-Polizeiserie „Z-Cars“ verfasst; das Recherchieren dafür hatte ihn zu seinem Stück inspiriert. 1970 gab’s mit Peter Palitzsch in Stuttgart einen Theaterskandal, alles dachte an die Tötung von Benno Ohnesorg. 2016 denkt man immer noch an den Bankierssohn Jakob von Metzler und die von Wolfgang Daschner angedrohte „Rettungsfolter“. „Held oder Verbrecher?“, fragten die Medien damals. Daschner bekam eine Geldstrafe und eine Verwarnung; der Elfjährige war ermordet, als man ihn fand. Sergeant Johnson also, Hopkins‘ Antiheld, prügelt einen Menschen zu Tode. Er ist völlig überzeugt, den Mann erwischt zu haben, der für eine Serie von Kinderschändungen verantwortlich ist. Doch ist dieser Baxter tatsächlich der Gesuchte gewesen? In Szene eins kehrt Johnson betrunken nach Hause zurück, Szene zwei konfrontiert ihn mit dem internen Ermittler, die dritte Szene schließlich ist die Rückblende auf die Tat.

Ofczarek findet für seine Darstellung die Temperatur herzerfroren. Sein Johnson klammert sich an seine zynische Verzweiflung, als sei sie die Türschnalle zum Notausgang aus dieser Situation. Er schwankt zwischen Cop-Attitüde und den Tränen eines Kindes. Er verbreitet mit seiner Angst Schrecken. Man weiß nicht, ob er nun mehr um seinen Job fürchtet oder um seine Menschlichkeit. Doch wie alle Hopkins’schen Figuren wird auch er sich als Januskopf erweisen, der um die eigene Achse rotiert. Und der Alkohol fließt. Und die Prügel beginnen. Im Zusammentreffen mit Maureen wird die Gewalt gegen Baxter schon vorweggenommen. Sie attackiert ihn, Andrea Clausen als Lockenwicklergattin vor ihrem mit Heile-Welt-Nippes angeramschten 70er-Jahre-Wandverbau. Eine Scheußlichkeit, und wie die spätere Baustelle des Polizeireviers, von Martin Zehetgruber erdacht. Ein hellbrauner Bretterverschlag gegen das Draußen, das sich ganz offensichtlich im gesellschaftlichen Umbau befindet. Europa, es hat sich empathiebefreit, und dies seine größte Sünde, und wer noch welche aufbringt, der … Maureen, das macht Clausen deutlich, hat ihren Mann schon öfter so erlebt. Sie ist verhärmt und ungeliebt; man hat sich ohnedies nichts mehr zu sagen, daher glaubt man der Clausen auch kein Wort. Käme mein Mann nach Hause und sagte, er hätte einen Igel überfahren, ich wäre mehr aus dem Häuschen. Breth lässt ihre Lieblingsschauspielerin eine weitere ihrer spröden, kargen, unnahbaren Frauenfiguren gestalten. Das wirkt im Zusammenhang ein wenig gekünstelt.

Doch gerade das macht Breths Zugang zur Geschichte klar. Hopkins ist ein Meister der Regieanweisungen, und Breth hat sie alle ernst genommen. Sie spielt sein Stück wie eine Partitur. Siedelt es an zwischen Polizeireport und Theatertonfall. Gestaltet Psychothriller und das Psychogramm eines Täters. Eines Opfers. Die Grenzen werden noch ebenso verschwimmen wie die Schuldfrage. Die Er-lösung bleibt aus. Während sich der Irrsinn aus Johnsons Kopf zu Bühnenbildern formt, lässt Breth ihr Ensemble all die Brutalität mit einer gewissen Beiläufigkeit abhandeln. Als gäbe es keine andere Möglichkeit das vorzutragen, es zu ertragen, als in Lakonie. Es geht in „Eine Geschichte von Ihnen“ um Selbstbehauptung und um das Nichtfunktionieren von Kommunikation. Breth lässt die Darsteller die Abarten von Macht durchexerzieren, Hopkins hat deren Verhältnis immer wieder neu geordnet, und Breth lotet es aus.

Und so, wie man das Gefühl nicht los wird, Maureen und Johnson befänden sich in einer Art perversem Ehespielchen, folgt darauf die Katz-und-Maus-Hatz. Mit Roland Koch als distinguiertem Ermittler Cartwright. Auch er ein unklarer Charakter. Kochs Cartwright ist Helfer und Verderber in einem. Ein Aufklärer, aber zu wessen Gunsten? Objektiv, aber zu wessen Vorteil? Er ist der Typ, der Unruhe und Unbehagen verursacht. Wie er da den verständnisvollen Vorgesetzten mimt, führt diese Einvernahme folgerichtig zur nächsten, der letzten. Noch wird der Infight mit Argumenten geführt, doch schon sind die beiden Protagonisten von Hopkins geschickt in einen Nervenkrieg verstrickt. Und dann liegen diese blank und auch Cartwright langt zu. Der emotionale und der pragmatische Bulle sind ja doch artverwandt. Koch überzeugt in dieser Rolle. Naturgemäß. Wie er unterdrückte Wut ahnen lässt, als er sein Gegenüber mit verständnisvoller Miene zermürbt. Cartwrights Chefinspektor-Fassade bröckelt umso mehr, je länger die Szene dauert. Hinter dem Berg aus Professionalität taucht ein monströses Hinterland auf. Die Distanz, die er vom labilen Johnson zu seinem Beruf fordert, ist längst perdu. Hopkins manipuliert mit einem Stück über Manipulation.

Andrea Breth hat daraus die Fragen zur Zeit destilliert. Zeigt auf, wie es ist, wenn die Rechtsstaatlichkeit an ihre Grenzen stößt. Was passiert, wenn sie überschritten werden. Und wohin es führt, wenn Terror mit Terror beantwortet wird. Welcher Zweck heiligt welche Mittel? „Diese Geschichte von Ihnen“ ist eine über nicht verhandelbare gesellschaftliche Grundsätze. Bei gleichzeitiger Relativierung des Begriffs Wahrheit. Das ist so klug, dass eine einzige Antwort unmöglich ist. Breth lässt Fantasien offen. Ihr ultimatives Spiel ist das mit den Gedanken der Zuschauer. Einer davon ist: Wer ist hier eigentlich der Lustmörder?

Am Ende der Anfang. Nicholas Ofczarek trifft auf August Diehl, Johnson endlich auf Baxter. Der merkt schnell, dass er der intellektuell, in dem Sinne auch der moralisch überlegene ist, als er keine Gegenwehr leistet; er gibt sich provokant überheblich, ist nervös-blasiert, hochreflektiert – und bösartig. Zu ähnlich ist die Vergangenheit dieser beiden, als dass sie sich in dieser Gegenwart nicht zeigen müsste. Diehl wimmert, schreit und flüstert. Knochen brechen, Blut fließt, und Baxter analysiert kühl Johnsons Seelenzustände. Einer ist des anderen in die Enge getriebenes Tier. Baxter schafft es, Defensive mit Sadismus zu kombinieren, Johnson schlägt genussvoll zu. Ofczareks explodierende Gewaltbereitschaft, seine Weinerlichkeit und schmierige Jovialität treffen auf Diehls brillante Verkörperung von einem, der leidet – und es genießt? Ofczarek bricht über die Szene herein wie ein rasender Rachegott. Er fordert sie jetzt ein. Für die Demütigungen einer kaputten Ehe, einer missglückten Karriere, eines aus der Bahn geworfenen Lebens. Für all die vergewaltigten Kinder. Breths Abend ist in seiner extremen Körperlichkeit wie geschaffen für seine intensive Bühnenpräsenz, sein Spiel kennt keine Sekunde Pause, er führt und prägt diese Aufführung. Doch der feinnervige Diehl schenkt dem Berseker nichts. Und schließlich hat dieser sich selbst entlarvt.

All das, weil Sprache doch nur im Ungenauen bleiben kann, interpretiert schon mehr, als die Breth es tut. Die Grande Dame des deutschsprachigen Theaters ist nicht zur allumfassenden Enträtselung angetreten. Eine, die den Menschen so klar sieht, weiß freilich, dass dessen Wesen im Unklaren bleiben muss. Und so entlässt sie einmal mehr aus dem Theater, ihrer moralischen Anstalt, ohne den mahnenden Zeigefinger bemüht zu haben. Was sie aufwirft, sind Fragen. Welche Bedingungen muss eine gerechte Gesellschaft erfüllen? Gibt es für Menschenrechte Grenzen? Wo überschreitet Toleranz ihren Wert? John Hopkins erhielt 1996 den Humanitas-Preis, für seine Arbeiten, in denen er die Menschenwürde und das Recht auf Freiheit hervorhob.

www.burgtheater.at

Wien, 1. 2. 2016

Anthony Hopkins ist „Hitchcock“

März 25, 2013 in Film

Nie wieder Duschen hinterm Vorhang

Alfred Hitchcock, das Original Bild: Image by © Bettmann/CORBIS

Alfred Hitchcock, das Original
Bild: Image by © Bettmann/CORBIS

Zum Sir ernannt wurde Filmgroßmeister Alfred Hitchcock ja von der dunkelhaarigen Queen. Seine vielen Filmblondinen wussten zu berichten, dass der Master of Suspense – ganz unsirig – auch im Fummeln Meister war. Nun ja, Genies dürfen so ihre Eigenheiten haben. Und Alfred Hitchcock ging schließlich nicht als Erfinder der Besetzungcouch, sondern des gut gemachten Thrillers in die Ewigkeit ein. Dafür sorgte er allein schon durch Cameo-Auftritte in seinen Werken. Unvergesslich im Profil.

Sacha Gervasi, bis dato Dokufilmer, holt den „Psycho“-Paten für sein Spielfilmdebüt auf die Leinwand zurück. Wie leinwand das ist, darüber scheiden sich die von Gervasi gerufenen Kritiker-Geister. Die er nun nicht mehr los wird … Der Inhalt seines Biopics orientiert sich aus weiter Ferne am exzellent recherchierten Buch „Alfred Hitchcock and the Making of Psycho“ von Stephen Rebello. Nur macht Gervasi aus der Sachlektüre eine unterhaltsame Ehekomödie. Auch eine Möglichkeit. Hitch ist besessen von einem Schundschocker. Die Rechte dafür hat er schon erworben. Für 9000 Dollar kaufte er (über einen unbekannten Agenten) Autor Robert Bloch 1959 seinen Roman „Psycho“ ab. Der Schriftsteller  ließ sich von dem realen Fall des Frauenmörders Ed Gein inspirieren, der zwei Jahre zuvor unweit von Blochs damaligem Wohnort in Wisconsin gefasst worden war. Die Studios – dies eine Parallele zu Gervasis Unterfangen – fassen das Skript nicht einmal mit der Feuerzange an: eine Muttermumie, ein Messermord, viel nackte Haut – und das zu Zeiten, wo das Zeigen einer Kloschüssel schon verpönt war. No way. Erst als Anthony Perkins als Norman Bates – beziehungsweise Anthony Hopkins als Hitchcock – verpflichtet werden kann, gibt es ein Go.

Doch der Duschvorhang und was hinter ihm geschah, dient im Film nur vordergründig als Handlung. Tatsächlich geht es Gervasi um das Eheverhältnis zwischen Hitchcock und seiner Frau, der Cutterin und Drehbuchautorin Alma Reville. Motto: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Bei Anthony Hopkins sind es gleich mehrere. Der Oscarpreisträger spielt zwar fanastisch alle Schrullen, Obsessionen und den makaberen Humor seiner Figur wie einen Joker nach dem anderen aus, hat Diktion und Körpersprache der Originals – wie man es von ihm gewohnt ist – verinnerlicht, wirkt aber durch die missglückte Arbeit der Makeup-„Künstler“ optisch wie Madame Tussauds entsprungen. Die Damen sind nicht nur schauspielerisch brillant, sondern auch schön getroffen: Helen Mirren, ebenfalls bereits oscarbepreist, als Alma ist die wahre Heldin des Films: des legendären Zampanos stets unbedankte Ideenlieferantin, die durch Schnitt und Musikauswahl viel zur Spannung der Filme beitrug. Scarlett Johansson (als Duschszenen-Opfer Marion/Janet Leigh) und Jessica Biel (als ihre Schwester Lila/Vera Miles) sind großartig als Hitchcock’sche Klischee-Blondies. Toni Colette in Brünett mimt die patente, gestrenge Produktionsassistentin Peggy Robertson.

Was den Film für Menschen mit Humor noch sehenswert macht: Gervasi persifliert „Psycho“-Szenen, indem er sie von Hitch/Hopkins vorführen lässt. So beobachtet der Regisseur seine Darstellerinnen ebenso durch ein Loch in der Wand, wie Norman Bates seine Opfer. Diesen, also Anthony Perkins, spielt James D’Arcy. Und es ist nur eine der Anekdoten, die Gervasi in seinem Film aufkocht, dass sich der Filmemacher ihm mit folgendem Satz vorgestellt haben soll: „You may call me Hitch. Hold the Cock“. Das kann man mögen. Oder nicht. Wir mögen’s.

Hitchcock, USA 2012. Regie: Sacha Gervasi; mit Anthony Hopkins, Helen Mirren, Toni Collette, Danny Huston, Scarlett Johansson, Jessica Biel, Michael Stuhlbarg.

www.hitchcock-derfilm.de

www.hitchcockthemovie.com

Trailer auf Deutsch: http://www.youtube.com/watch?v=I-JJOcg1KgI

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 3. 2013