Matthias Hartmann inszeniert „Die Räuber“

September 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater als Live-Film – ein einmaliges Experiment

Schillers "Räuber" als Echtzeitdrama: Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco Koenig, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth, Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann. Bild: ServusTV

Schillers „Räuber“ als Echtzeitdrama: Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco König, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth, Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann. Bild: Servus TV

Am Schluss fordert Karl den Showdown, den ihm Schiller immer vorenthalten hat. Eine letzte Begegnung mit seinem Bruder Franz, und er soll sie bekommen, skizziert als dekadentes Graphic-Novel-Film-Fest, auf dem Franz imaginiert, er fliege aus dem Fenster, mit schwarzen Flügeln in die ewige Dunkelheit, während Karl ihn wie einen Stein zu seinen Füßen stürzen sieht. Tatsächlich bleibt dann doch die Hutschnur.

In dieser Art funktioniert also Matthias Hartmanns Neuinszenierung von „Die Räuber“. Der nunmehrige Kreativdirektor des Red Bull Media House erfand für Servus TV ein Format, das Theater in einen live gespielten Film transformiert, als Alternative für all die, wie er im Interview sagt, die abgefilmtes Guckkastentheater nicht mehr ertragen können. Wie er selbst übrigens. Unter Verwendung von elf Kameras, einer Vielzahl an Green-Screens, Spezial-Effekten und einer fulminanten Lichtregie hob er Schillers Sturm-und-Drang-Drama auf die Bühne des Salzburger Landestheaters, um es von dort Sonntagabend live auf den Fernsehschirm zu übertragen. Der ganze Film zum Nachsehen: www.youtube.com/watch?v=3qWWo6j4fQY

Besonders reizvoll war aber, sich die Sache online anzuschauen, konnte man da doch zwischen Kameraperspektiven wählen, auf die Making-Of- oder die Backstage-Kamera umschalten, und sich so zeitgleich das Spektakel aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Die Backstage-Aufnahmen zum Nachsehen: www.youtube.com/watch?v=CWPKIc_CQIM

Regisseur Matthias Hartmann mit Emanuel Fellmer und Friedrich von Thun als Franz und altem Moor. Bild: Leo Neumayr/ServusTV

Matthias Hartmann mit Emanuel Fellmer und Friedrich von Thun. Bild: Leo Neumayr/Servus TV

Im Hintergrund die Making-of-Kamera: Laurence Rupp als Karl Moor. Bild: ServusTV

Im Hintergrund die Making-of-Kamera: Laurence Rupp als Karl Moor. Bild: Servus TV

Doch auch im Fernsehen war das Bild mitunter in bis zu sechs einzelne unterteilt, immer wieder sieht man Menschen vor blinkenden Monitoren oder kulissenschiebende Bühnenarbeiter, damit dieser Effekt auch hier annähernd zustande kam. Der technische Aufwand, den der für die Gesamtleitung verantwortliche Parviz Mir-Ali und Video Supervisor Renée Abe betrieben, ist enorm. So waren etwa die Szenen mit der luxuriösen Besetzung Friedrich von Thun als altem Moor, ein Sir selbst im Verlies, Harald Serafin als unbestechlichen, sehr ernsthaften Daniel, Tobias Moretti als Pater oder Oliver Stokowski als durch den Krieg wie an der Moral versehrten Hermann vorproduziert, aber wurden mit dem Live-Geschehen, als wär’s eins-zu-eins gespielt, überblendet. Diese Sequenzen sind so gut gemacht, dass man zwei Mal hinschauen muss, und dies ja auch die Intention dahinter, um zu erkennen, was grad „echt“ ist und was nicht.

Die intensivste Szene dieser Art ist die zwischen Moretti und Laurence Rupp als Karl Moor, zweiterer ganz fabelhaft live auf der Bühne, ersterer via Video. Die beiden haben ja seit „Das jüngste Gericht“ Erfahrung als Filmgespann, aber wie da Moretti als sinistrer Geistlicher und Rupp als ehrhafter Räuberhauptmann in die Auseinandersetzung ums Christenmenschsein treten, das ist … Gänsehaut. Die schauspielerische Neu-Entdeckung des Abends ist allerdings Emanuel Fellmer, der als Franz Moor mit der Kamera und ergo mit dem Publikum spielt und kommuniziert; er sucht den Kontakt, sucht Verbündete für sein übles Tun, frech und unverblümt, und das sagt er einem sozusagen auch noch mitten ins Gesicht. Und weil die Bösewichte bekanntlich immer die besseren Rollen sind – auch Nico Ehrenteit überzeugt als „Chronist“ Spiegelberg, ein Schurke, der nicht nur den Moderator gibt, ins Werk und dessen Aufführungsgeschichte einführt, sondern auch die Schauspieler vorstellt. Ihm doch egal, dass Coco König als Amalia da noch im Bademantel ist.

Hartmann zeigt sich in all seinen Qualitäten, seine Lust am Spiel und seine Liebe zu den Schauspielern, er zeigt ein von ihm exzellent geführtes Ensemble und seinen Sinn für Humor. Etwa wenn Franz, vermeintlich ganz Herr des Geschehens, mit den Fingern schnippt, und hinter ihm der falsche Prospekt erscheint. Es wird, wie gesagt, per Hand gezeichnet, vor allem das Morden und Brandschatzen, eine Miniaturstadt geht in Flammen auf, das hat man zwar schon gesehen, ist als Effekt aber immer noch gut. Man wird bei der blutigen Folter Rollers, ihn stellt Wolf Danny Homann dar, nicht geschont, und was Schiller nicht niederschrieb, bei Hartmann darf er sich für den Hauptmann opfern. Und es wird gerappt, auch dafür eignen sich die Verse vorzüglich, für dieses trotzig-verzweifelte „Keinen Vater mehr, Keine Liebe mehr!“ Hartmann mischt Illusionen und Visionen, die Produktion hat die Schnittgeschwindigkeit eines Krimis.

Das zeigt die Backstage-Kamera: mit enormem Technikaufwand entstehen "Die Räuber". Bild: Leo Neumayr/ServusTV

Die Backstage-Kamera zeigt den enormen Technikaufwand, mit dem „Die Räuber“ live entstehen. Bild: Leo Neumayr/Servus TV

Nun mag die Inszenierung für Schiller-Experten und Räuber-Auskenner wie Schulfernsehen wirken, und dem einen oder anderen Puristen soll’s nicht gefallen, wenn dem von Ehrenteit vorgetragenen Erklärstück allzu viel Zeit und ergo in manchen Teilen auch die Schönheit von Schillers Sprache geopfert wird. Doch mag dies ein Weg sein, ein neues, ein junges Publikum zu den Klassikern zu holen.

Dafür hat sich Hartmann mit Co-Regisseur Michael Schachermaier auch den richtigen Mann an die Seite geholt. Die einzig wirkliche Kritik nämlich ist die Zeit. Neunzig Minuten, wiewohl Hartmann ohnedies ungeniert eine Viertelstunde überzogen hat, sind für Schillers „Räuber“, für die Tiefe und Tragweite des Werks, doch zu knapp bemessen. Aber da hatte wohl wieder einmal ein Fernsehredakteur seine Bedenken in punkto was man den TV-Zuschauern zumuten kann und darf … Matthias Hartmanns Live-Theater-Film ist ein gelungenes Experiment, ein einmaliger erster Versuch, an dem es nun mit Mut zu feilen gilt. Bravo! Bitte mehr davon!

Am 18. Oktober kommt die Produktion als Gastspiel ans Wiener Volkstheater: www.volkstheater.at.

www.servustv.com

www.salzburger-landestheater.at

Wien, 5. 9. 2016

Anna Badora startet durch

August 17, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Fasching“ wird’s am Volkstheater. Mit Adele Neuhauser

Der Marienthaler Dachs: Günter Franzmeier als Vater Staat Bild:  © Robert Polster

Der Marienthaler Dachs: Günter Franzmeier als Vater Staat
Bild: © Robert Polster

Das klingt schon mal spannend! Das klingt nach gesellschaftspolitisch engagiertem Stadttheater! Was Wien dringend braucht … Mit einer Vielzahl von Programmpunkten eröffnet Anna Badora ihre Intendanz am Volkstheater, darunter „Hakoah Wien“ (Wiener Premiere: 9. September) als Übernahme von ihrer vorherigen Wirkungsstätte, dem Schauspielhaus Graz, ebenso wie „Nora³“ (Wiener Premiere: 12. September) vom Düsseldorfer Schauspielhaus.

Auf zwei Produktionen ist aber Augenmerk zu legen:

„Fasching“ von Gerhard Fritsch hat am 5. September Premiere. Badora selbst führt bei der österreichischen Erstaufführung des „verkannten Werks“ – Zitat – Regie. Der Wiener Schriftsteller Gerhard Fritsch (1924–1969) schuf mit seinem Opus magnum das eindrucksvolle Panorama einer Kommune ohne Reue, sexuell aufgeladen und politisch aggressiv. In wechselnden Masken und Kleidern wird der Ausnahmezustand Fasching zum Gesetz erklärt: Felix Golub kommt nach zwölf Jahren in das Städtchen zurück, in dem er als Deserteur untergetaucht war. Gerettet hatte den damals 17-Jährigen eine geheimnisumwitterte Baronin und Miedermacherin – sie folgte dabei vorgeblich einem alten Gesetz: „Der Feigling wird in Frauenkleider gesteckt.“ Felix hasste seine lebensrettende Frauenrolle, nutzte sie aber trickreich, um den verliebten Nazi-Befehlshaber zur Kapitulation zu bewegen. So bewahrte er im April 1945 die Stadt vor der Zerstörung … Als Felix nun aus russischer Kriegsgefangenschaft wiederkommt, wird er nicht als Heimkehrer oder Held begrüßt, sondern zur Lachnummer gemacht. Er verkennt die Zeichen – schließlich ist Fasching und jeder zu Scherzen aufgelegt. Zu spät begreift er, dass er der Spaßgesellschaft in die Falle geht. An den Ort des Verbrechens kehrt hier nicht der Täter zurück, sondern das Opfer. Um abermals Opfer zu werden … Die Bühnenfassung dieses exemplarischen Romans der österreichischen Vergangenheitsbewältigung und des schwarzen Humors stammt von Badora und Roland Koberg. Die sprachlich experimentelle Spielvorlage versuchen Christian Dolezal, Thomas Frank, Puppenbauer Nikolaus Habjan, Katharina Klar, Adele Neuhauser, Stefanie Reinsperger, Christoph Rothenbuchner, Nils Rovira-Munoz, Stefan Suske und Elena Schmidt mit Leben zu füllen.

Am 25. September folgt „Der Marienthaler Dachs“ von Ulf Schmidt in der Regie von Volker Lösch. In dem Gewinnerstück des Heidelberger Stückemarkts 2014 analysiert Schmidt in einer vielschichtigen Parabel die Zusammenhänge von Arbeits-, Wirtschafts- und Finanzwelt, ausgehend von der soziographischen Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Hans Zeisel und Paul Lazarsfeld. Zwischen dem Haus Bank-Rott, dem Marktplatz und der Nord- und Südbank lungern Arbeitslose aller Altersgruppen. Vater Staat ist konzeptionslos, denn Mutter Konzern schafft es nicht mehr, die Wirtschaft anzukurbeln. Beider konsumversessene Tochter Gesellschaft kommt ihren Verpflichtungen nicht nach, der Kleine Mann bleibt auf der Strecke. Während die Haustiere so mancher braver Bürger in fremden Suppentöpfen verschwinden, macht das Milchmädchen mit dem Herrn Knecht ihre eigene Rechnung. Es gibt keine Arbeit mehr, dabei haben doch alle im einstmals so glücklichen Marienthal ihren Selbstwert daraus bezogen. Die Schuldigen für die Misere stehen rasch fest, denn den Josefstalern jenseits der Grenze war noch nie zu trauen. Bald werben rivalisierende Heilsbringer um politische Anhängerschaft. Und in seinem Turm, hoch über allen, thront der Dachs, dem die Marienthaler bedingungslos ihre Opfer bringen. Zwar spricht er nur durch sein Medium zu ihnen. Aber die nervöse Befindlichkeit des Da(x)es dirigiert das öffentliche Leben. Dramatiker, Blogger und Digitalberater Schmidt konzipierte das böse Märchen als begehbare Installation. Lösch, der in vielen seiner politisch brisanten Arbeiten im deutschsprachigen Raum die Spezifik sozialer Gruppen untersucht, filtert daraus eine Analogversion mit Schauspielern und einem Laienchor aus Wiener Arbeitslosen. Mit Gabor Biedermann, Haymon Maria Buttinger, Günter Franzmeier, Sebastian Klein, Steffi Krautz, Evi Kehrstephan, Kaspar Locher, Elisabeth Prohaska, Nadine Quittner, Claudia Sabitzer, Christoph Rodler, Martin Schwanda, Jan Thümer, Martin Esser, Wolf Danny Homann, Niklas Maienschein und Dominik Puhl.

www.volkstheater.at

Wien, 17. 8. 2015