Streaming: Big-Bang-Theorie-Star Jim Parsons in „Hollywood“ und „The Boys in the Band“

Januar 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Traumfabrik wird endlich zum Equality-Land

Hoffnungsvolles Ausharren bei der Oscar-Verleihung: Joe Mantello, Jim Parsons, Dylan McDermott, Holland Taylor und Patti LuPone. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Oft wenn Hollywood sich den Rückspiegel seiner Goldenen Ära vorhält, entgleitet das Ergebnis ins Sentimentale. Nostalgie mit Melancholie. Da tut es gut, wenn einer die Suggestionskraft hat, die cinematographische Märchenpracht ins Sagenhafte zu übersteigern. Ryan Murphy und Ian Brennan haben’s getan, die beiden vormals verantwortlich für „Glee“, „Ratched“, „American Horror Story“, Murphy, dessen

Dienste sich Netflix 2018 für unvorstellbare 300 Millionen Dollar für fünf Jahre exklusiv sicherte, nun für die Netflix-Serie „Hollywood“, ein topaktuelles Gegennarrativ zur gängigen L.A. Story. Wird doch in dieser den Mythos aufmotzenden Hommage die Traumfabrik endlich zum Equality-Land, „Hollywood“ spielt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als das berühmte Sign tatsächlich noch um die vier Buchstaben L.A.N.D. länger war, und Murphy und Brennan zeigen ganz Tinseltown, als ob #BlackLivesMatter und der #LGBTQ-Pride darüber hinweggefegt wären.

Die sieben Episoden folgen einer Handvoll blutjunger Protagonistinnen und Protagonisten, die nach Rampenlicht, Ruhm und Reichtum streben, Ex-Soldat und Schauspielanfänger Jack Castello, Drehbuchdebütant Archie Coleman, Regieneuling Raymond Ainsley und die Schauspiel-Elevinnen Camille Washington und Claire Wood, in Klarnamen David Corenswet, Jeremy Pope, Darren Criss, Laura Harrier und Samara Weaving – Archie und Camille Afroamerikaner, sie die Lebenspartnerin des halbphilippinischen, aber „weiß“ wirkenden Raymond.

Claire die Undercover-Tochter von Studio Boss Ace Amberg aka Rob Reiner – und hauptsächlich ist es die „Alte Garde“, die „Hollywood“ darstellerisch wertvoll macht: „Two and a Half Man“-Mutter Holland Taylor und Joe Mantello als Produzentenduo Ellen Kincaid und Dick Samuels, Dylan McDermott als Tankstellengigolo Ernie West und Tony-Award-Gewinnerin Patti LuPone als Avis Amberg, die den Chefsessel ihres Göttergatten entert, als diesen bei einem Pantscherl der Herzkasperl holt.

Rock Hudson mit Lebenspartner Archie Coleman: Jake Picking und Jeremy Pope. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Tankstellen-Toy-Boys: Darren Criss und David Corenswet. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Probeaufnahmen für „Peg“: Jim Parsons und Jake Picking. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

And the Oscar goes to …: Jeremy Pope, Darren Criss und Laura Harrier. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

An nackter Haut und Sexszenen wird nicht gespart, vor allem, weil die Jungs als Brotjob Ernies illustre Kundschaft mit Blow Jobs beglücken. „Dreamland“ heißt das Codewort des Zapfsäulenbordells, wo auch Avis eine treue Freierin von Jack ist, und da kommt auch der grandios agierende Jim Parsons ins Spiel, als Hollywood-Agent Henry Willson, der die Herrenriege, bevor er sie unter Vertrag nimmt, erst einmal zur Fellatio bittet. Statt Besetzungscouch steht hier gleich ein komplettes -bett, 70 Jahre vor #MeToo, und Parsons ist brillant als von Selbsthass zerfressener Unsympath, fulminant sein Isadora-Duncan-Tanz mit den sieben Schleiern, der den sexuellen Missbrauch seines Klienten-Frischfleischs als Selbstverständlichkeit nimmt.

Der homosexuelle Henry Willson ist ein dem realen Leben entliehener Charakter, und Roy Fitzgerald, den in der Serie halb fiktionalisiert und ausdrucksstark Jake Picking verkörpert, war wirklich sein Schützling. Willson macht aus ihm „Rock Hudson“, auch Sekretärin Phyllis Gates, mit der Willson Hudson pro forma verheiratete, kommt vor. Aber laut Murphy und Brennan verliebt sich der schüchterne, nicht übermäßig helle Stiefvaterkomplexler Rock in Archie, die beiden werden ein Paar, das zum Happy End den Red Carpet Hand in Hand beschreiten wird.

Die Traumfabrik-Talente nämlich haben einen ebensolchen: Archie hat ein Drehbuch geschrieben, „Peg“ – Entwistle, die sich, da aus ihrem ersten Film geschnitten, 1932 vom Hollywood-H in den Tod stürzte, Raymond will Regie führen und die Titelrolle mit Camille besetzen, womit sie die erste Schwarze in einer Hauptrolle wäre. Eine Unternehmung, von der Avis und Ellen als emanzipierte Regentinnen eines rassistischen, schwulenfeindlichen, frauenverachtenden Hollywoods alsbald überzeugt sind, die jedoch, man wird es sehen, auch den Ku Klux Klan samt seinen brennenden Kreuzen auf den Plan ruft …

Queen Latifah als die erste schwarze Oscar-Preisträgerin Hattie McDaniel. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Michelle Krusiec als die um ihre Hauptrolle betrogene Anna May Wong. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Laura Harrier als Leinwandschönheit Camille Washington. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Viel nackte Haut, hier die von David Corenswet als Jack Costello. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Namedropping ist bei einer Produktion wie dieser gleichsam Pflicht, Tallulah Bankhead, Vivien Leigh und Noël Coward haben Kurzauftritte bei einem von George Cukors Erotikdinnern, bei dem Jack und Archie als Fill-up-Boys im Einsatz sind, Ernie himself exklusiv als Entspannung für die hochneurotische Vivien, der oberintrigante Henry Rock an den Mann ist gleich Dick bringen will, Hollywood eine Männerwelt, in der man im Wortsinn die Hose runterlassen und bei der Stange bleiben muss – und das alles zum wunderbar swingenden Soundtrack von Ella Fritzgerald bis Frank Sinatra und Sets, die nur möglich sind, wenn Geld keine große Sache ist.

Michelle Krusiec spielt Anna Mae Wong, zu dieser Zeit die weltweit prominenteste Filmschauspielerin chinesischer Herkunft, die um die Hauptrolle in der Pearl-S.-Buck-Verfilmung „Die gute Erde“ betrogen wurde, weil MGM sicherheitshalber die weiße Luise Rainer besetzte – die prompt einen Oscar erhielt, Queen Latifah Camilles Mentorin Hattie McDaniel, die für die Rolle der braven Sklavin Mammy in „Vom Winde verweht“ als erste Schwarze einen Academy Award, den Nebendarstellerinnen-Oscar bekam, und auf diese Art Figuren festgelegt blieb.

Berührend ist die Szene, in der sie Camille erzählt, man hätte sie bei der Preisverleihung von den anderen Nominierten getrennt und an einen Tisch in der hintersten Reihe gesetzt, weshalb Camille entschieden auf den ihren in der ersten Reihe bestehen müsse. Tatsächlich war erst Whoopi Goldberg im Jahr 1991 die zweite afroamerikanische Nebendarstellerinnen-Oscar-Preisträgerin, 2002 Halle Berry die bisher einzige schwarze Oscar-Preisträgerin in der Hauptdarstellerinnen-Kategorie.

Backstage-Bangen: Patti LuPone, Dylan McDermott, Holland Taylor und Samara Weaving. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Soviel zu #OscarsSoWhite, wiewohl das am britischen Theater schon längst übliche Colorblind Casting allmählich zumindest die Bildschirme erobert (siehe: Bridgerton, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=43837). Im Gegensatz dazu wird sich in der schönen, heilen Flimmerwelt, in der die einzige maßgebliche Color die Technicolor ist, bereits im Vorspann gegenseitig den Hollywoodland-Schriftzug hochgeholfen, bis die Heldinnen und Helden mit einer Grandezza in den Sonnenaufgang blicken, die all das Behauptete wie wahr erscheinen lässt.

Murphy unterläuft das klassische, nach außen puritanisch-bigott-biedere, nach innen von Ressentiments beherrschte Hollywood optisch wie inhaltlich mit den Mitteln ebendieses klassischen Hollywoods. Das hat Charme. Die Serie, die mit ihrem kontrafaktischen Finale furios die Filmgeschichte umschreibt, hat deutlich mehr mit Tarantinos historisch freihändiger Hollywood-Fantasie zu tun als mit dem Harvey-Weinstein-Skandal. Sie ist, was die Traumfabrik im Idealfall immer schon war: erstklassige Unterhaltung. Mit Sprung im Spiegel.

Eine Staffel zwei ist möglich, Fans betteln in den Social Media geradezu darum. Zum Ende der ersten entwickelt Jim Parsons als Henry Willson, Spoiler: der Saulus wird zum Paulus und arbeitet sich zum Produzenten hoch, das Script einer Liebesromanze zwischen zwei Männern mit Rock Hudson in der Hauptrolle, dies Henrys Buße für seine Sünden am schönen Vierschröter – und Avis scheint nicht abgeneigt. Und wenn sie nicht gestorben sind, gewinnen sie zwar keinen Oscar, aber vielleicht einmal einen Emmy…

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Q3EASLgzOcM            www.youtube.com/watch?v=W0WsEyqx0r4           www.netflix.com

FILMTIPP: The Boys in the Band

Jim Parsons und „Spock“ Zachary Quinto in der Broadway-Verfilmung

Tuc Watkins, Andrew Rannells, Matt Bomer, Jim Parsons, Zachary Quinto, Robin de Jesús, Brian Hutchison, Michael Benjamin Washington, Charlie Carver. Bild: S.E. White/Netflix ©2020

Und noch einmal Ryan Murphy, Joe Mantello – als Regisseur des Gay-Dramas – und Jim Parsons. „The Boys in the Band“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks aus dem Jahr 1968 von Mart Crowley, für dessen Bildschirm-Variante Produzent Murphy versprach, ausschließlich die schwulen Schauspieler aus dem 2018er-Broadway-Revival zu besetzen. Es ist also New York in den 1960ern, und Michael, Jim Parsons, richtet für Harold, Zachary Quinto, eine

mitternächtliche Geburtstagsparty aus. Ein schönes Fest soll es werden, zu der Michael den gesamten Freundeskreis eingeladen hat: seinen Liebhaber Donald (Matt Bomer), den ob seines Lovers gelangweilten Larry (Andrew Rannells) mit Lebenspartner Hank (Tuc Watkins), den stilbewussten Chauvi Bernard (Michael Benjamin Washington) und den stets zu Scherzen aufgelegten Emory (Robin de Jesús). Anfangs ist die Stimmung ausgelassen, was sich liebt, das neckt sich, die Intellektuellen-Clique ist unter sich und genießt den Abend.

Jim Parsons mit de Jesús und Rannells. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Zachary Quinto mit Carver und de Jesús. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Dass der gutaussehende, jedoch kulturell weniger bewanderte Stricher Cowboy Tex (Charlie Carver), er ist Harolds Geschenk, nicht wirklich in die Runde passt, sorgt schon für erste zynische Kommentare. Problematisch wird es jedoch, als unangemeldet Alan (Brian Hutchison) auftaucht, ein früherer Kommilitone von Michael, der unbedingt mit ihm reden will und den Emory kurzerhand als homosexuell outet. Harold erscheint und hat für alle nur Gehässigkeiten übrig, doch dann verstrickt der beleidigt-betrunkene Michael seine Gäste in ein sadistisches Spiel: Jeder muss eine ehemalige heimliche Liebe anrufen, und dieser am Telefon ebendiese und seine Homosexualität gestehen. Und Essig ist’s mit der Feierlaune, die Situation eskaliert …

Wie in „The Boys in the Band“ gekeift, gelästert, gedemütigt wird, der Tonfall so giftig und untergriffig, das ist durchaus ein Vergnügen. Man merkt dem Cast an, dass er aufeinander eingespielt ist, alldieweil man sich fragt, warum die dargestellten Männer eigentlich miteinander befreundet sind. Auf Entgleisungen folgen Handgreif- lichkeiten folgt Selbsthass. Parsons und Quinto im Infight sind allemal ein Hit, nicht zuletzt, wenn Harold Michael auf den Kopf zusagt, dass der seine Homosexualität verabscheut und lieber ein Hetero wäre. Im Streit werden Geheimnisse gelüftet und unausgesprochene Gefühle offenbart, Hank trägt immer noch seinen Ehering, Bernard laboriert als „doppelte Minderheit“ an seiner Hautfarbe ebenso wie an seiner sexuellen Orientierung.

Wäre Michael lieber ein Hetero? Jim Parsons und Matt Bomer als Lover Donald. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Förmlich sieht man die alten Narben zu frischen Wunden aufreißen, und fantastisch gespielt ist die Hassliebe, die die das Kammerspiel dominierenden Michael und Harold von Jim Parsons und Zachary Quinto verbindet. An keiner Stelle weiß man, ob man die beiden von Herzen verabscheuen oder mit ihnen leiden soll. Abseits von #LGBTQ sind dies die universellen Themen: Freundschaft und dennoch die Lust an Verletzungen, das Verlangen nach Liebe und trotzdem das Zurückstoßen derer, die es tun, Worte und wie sie zu Stichwaffen werden. Kurz gesagt: „The Boys in the Band“ ist absolut sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=862Pb9oDDAo           www.youtube.com/watch?v=WAIQbHJ9sAk           www.netflix.com

  1. 1. 2021

James Ellroy: Hollywood Nachtstücke

Dezember 29, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Mord und Totschlag in der Stadt der Engel

„Halb verschüttete Erinnerungen kommen wieder hoch. Sie haben alle denselben Ursprung: L.A., wo ich in den 50er Jahren aufwuchs. Die meisten sind nur synaptische Schnappschüsse, die schon im nächsten Augenblick verblassen. Ein paar werden auf wundersame Weise zu Literatur: Ich erkenne ihr dramatisches Potenzial und schlachte es in meinen Romanen aus …“ Mit diesem Bekenntnis, aus Fakt Fiction zu machen, beginnt James Ellroy seinen Erzählband „Hollywood Nachtstücke“.

Der Zeitraffer-Blick des US-Autors aufs Autobiografische, Highschool-Abbrecher, das nackte Grauen namens Army, dem Vietnamkrieg mit einer irre wehruntauglichen Stotternummer entkommen, 1975 Einlieferung in die Psychiatrie wegen akuter Psychose, die Obsessionen „saufen, kiffen, lesen und in anderer Leute Häuser einbrechen, um Damenunterwäsche zu beschnüffeln“, die Suche nach einem tieferen Sinn bei gleichzeitigem Absturz in ein schwarzes Loch, verweist direkt auf sein literarisches Schaffen – und auch auf die Novelle und fünf Short Stories in diesem Buch.

1958, da ist Ellroy zehn, fällt seine Mutter einem Sexualverbrechen zum Opfer, einem Mordfall der nie aufgeklärt wurde, James zieht zu seinem Vater, nur um Zeuge von dessen sozialem Abstieg zu werden. Also, Kino, Krimis, Kampf mit den inneren Dämonen, und immer wieder dies düstere Bild: „Frauen werden erwürgt und bleiben auf ewig ungerächt.“ Seinem Anti-Helden dieser Tage widmet Ellroy die erste Geschichte „Dick Continos Blues“, der 2017 mit 87 Jahren verstorbene Sänger, Akkordeonist, Schauspieler, den James schon als Teenager im B-Movie „Daddy-O“ sah, in der Rolle eines Fahrers illegaler Straßenrennen, der unschuldig ins Drogenmilieu abrutscht.

Ein charmanter, gutaussehender Heißsporn, Contino: „Ich würze den Schmalz bloß mit einer Prise Sex“, der Ich-Erzähler: „Du wirkst wie einer, der hin und wieder ganz gern seinen strammen Knüppel aus dem Sack holt“, den Ellroy in ein Karriereloch steckt. Weshalb sich, um die Publicity wieder anzukurbeln, eine skurrile Farce um eine fingierte Entführung entspinnt. Mit dabei Gangsterboss und Nachtklubbesitzer Spade, sein Liebchen Nancy, die in dessen Band Posaune spielt und – brieflich – mit allen Perversen im San Quentin State Prison verkehrt, ein hoffnungslos in Nancy verschossener lesbischer Cop, ein Zniachtl von einem kommunistischen Filmregisseur, die hoffnungsvolle Leinwandtalenttochter von Polizeichef DePugh und diverse Leichen.

Durch eine Perlenkette bizarrer Zu- und Unfälle geraten diese Rotschopfgöttin Jane und Dick statt zum vorgetäuschten Kidnapping in die Fänge des „Würgers von West Hollywood“, womit die Ellroy’schen Ingredienzien für den Blutcocktail gut geschüttelt sind. Sex & Drugs & Gewaltorgien, bei Ellroy ist mehr eben mehr und groß wirklich groß. Er befördert seine Leser ohne Rücksicht auf Verluste ins Off-Hollywood, schickt sie auf Erkundungstour auf der grindigen Seite der Glamourmetropole, die Welt der Blindgänger, Verbrecher, Prostituierten, Stoßspieler. Auch der „Dick Continos Blues“ wird noch zum veritablen Schocker mit vorquellenden Gedärmen und einem Autostunt – aus purer Panik.

Ellroys Polizisten und Privatdetektive sind Prototypen des Stereotypen, die Sätze lässig zerkauende Schnüffler, zumindest in der eigenen Wahrnehmung Womanizer, in der Regel Ex-Boxer, meist aus Oklahoma in den Goldenen Westen gekommen – und von ihrem Schöpfer stets dazu verurteilt, kräftig eins aufs Maul zu bekommen. Eine der trefflichsten Charakterisierungen ist die des LAPD-Warrants-Beamten David Evans in „Telefon Axminster 6-400“, Opportunist aus – woher sonst? – Oklahoma, der in Rollen von Prügel-Rüpel bis Vorgesetzten-Einschleimer schlüpfen kann, sein Partner voll Unverständnis, „wie man so eigennützig und anständig zugleich sein konnte“, der lebt für Duesenbergs, Packards und ausländische Nobelschlitten.

Und „da seine Klamotten samt und sonders aus der Asservatenkammer stammten, er bei Nutten Gratisnummern schnorrte, umsonst aß und im Gästezimmer eines Wohnheims für vorzeitig entlassene Strafgefangene hauste, blieb ihm genügend Geld für die Finanzierung seines Steckenpferds.“ Die Frauen erwarten die Gesetzeshüter kurzgeschürzt und heiß, die Gauner cool und narbenwangig, bei Schlägereien ist das Brechen von Knochen zu hören, bei Schießereien pfeifen die Kugeln, die Sheriffs changieren zwischen „abgebrühte Clowns“ und „Pudding im Hirn“, die Zuständigkeitsstreitereien mit dem FBI sind ein tägliches Missvergnügen, die Wagen allesamt Sport-, Opfer mitunter nur angebliche.

Bild: pixabay.com

Die schwarze Dahlie: Aaron Eckhart, Scarlett Johansson und Josh Hartnett. Bild: Universal Pictures

L.A. Confidential: Kim Basinger, Russell Crowe, Guy Pearce und Kevin Spacey. Bild: Warner Bros. Entertainment

Bild: pixabay.com

 

 

 

 

 

 

 

Für Ellroy-Auskenner gibt’s eine Wiederbegegnung mit Lee Blanchard vom L.A. Police Department und dem wegen Korruption gefeuerten Turner „Buzz“ Meeks, nun Diener zweier Herren, Troubleshooter für Milliardär Howard Hughes und Halbweltkönig Mickey Cohen. Die beiden Macher befreundet, weshalb sich die Story „Since I Don’t Have You“, die förmlich nach Verfilmung schreit, ins Crescendo steigert, suchen die zwei Schlitzohren via des dritten Früchtchens Meeks doch je ein ihnen den Kopf verdreht habendes Mädchen. Nur stellt sich die zwischen Howards „Bumsburg“, herrlich die Beschreibung des marokkanischen Salons, des Billy-the-Kid-Raums für Jane-Russell-Lookalikes und von „Big Ernie“ Hemingways Trophäenzoo, und Mickeys Hinterzimmer wechselnde Braut als dieselbe Gretchen Rae heraus. Die die Abzocke in ein paar biedere Businesskostüme zwecks beruflichen Vorwärtskommens investiert hat – und welchen Auftrag- und Geldgeber nun mit der Wahrheit verärgern?

In seinen nihilistischen Hardboiled Novels ist Ellroy auch politisch. Sein Los Angeles der machtgierigen Machos und berechnenden Biester wird beherrscht von sozialer Kälte, Intoleranz und Rassismus – wobei sich die Unterdrückten untereinander oft weniger solidarisch verhalten als ihre Unterdrücker. Merke: Der Mensch ist von Natur aus böse. Wie eine Maschinengewehrsalve feuert Ellroy seine gesellschaftskritische Stakkato-Prosa auf den Leser ab. In „Dick Continos Blues“ etwa nimmt er den amerikanischen Faschismus aufs Korn, in Gestalt jener Prediger, für die Jesus ein „Arier“ und „Mein Kampf“ das verschollene Buch der Bibel ist, und thematisiert zugleich J. Edgar Hoovers Kommunistenhatz in Künstlerkreisen. In der gleichnamigen Story beschäftigt er sich mit dem in den 1930- bis 1960er-Jahren so genannten Stadtviertel „High Darktown“ und damit mit der Grenze zwischen White Trash und einer damals gerade aufkommenden schwarzen Oberschicht.

Auf die die Wirtschaft, kein Scherz!, in diesen Tagen mit extra Imagespots – wie auf den „Neger“ zugehen, wie die „Negerin“ bedienen? – geschult wurde. Motto: Man könne sich diese Konsumkraft doch nicht wegen der falschen Hautfarbe entgehen lassen. Ellroy überquert in etlichen Erzählungen „die Demarkationslinie von weißem Mittelmaß zu schwarzem Stolz“, von verwilderten Vorgärten zu gepflegtem Grün vor protzigen Villen – High Darktown, uneinnehmbare Festung in einer Gegend niedrigster Kriminalitätsrate, in der sich die Polizei aus allem raushält, in der Einbrecher allerdings „mit einer tödlichen Ladung Schrot aus einem Tausend-Dollar-Gewehr in Empfang genommen wurden, abgefeuert von schwarzen Finanziers mit einem aristokratischen Temperament, das dem eines beliebigen weißen Bonzen in nichts nachstand.“

In „Liebestraum“ lässt sich Privatdetektiv Hearns knapp nach Pearl Harbor als „Internierungshelfer“ anheuern, heißt, dass er flüchtige Japaner, da potenzielle Feinde, zurück ins Lager schaffen soll. Dabei stößt er nicht nur auf eine geheime „Japsen“-Bruderschaft, die tatsächlich Traktate über die jüdisch-kommunistische Weltverschwörung zum Sturz des nationalsozialistischen Friedensparadieses druckt, sondern auch auf höchst seltsame Machenschaften in der Ausländerbehörde. Und dann gibt es doch noch „Ein kleines Glück“, nicht zwischen Mann und Frau, sondern Mann und Hund. Das abgehalfterte, von seiner Bewährungshelferin sekkierte Ex-Schwergewicht Stan „The Man“ Klein übernimmt den – wie sich herausstellen wird – brandgefährlichen Job, für den Killerhund eines verstorbenen, steinreichen Kriminellen das Kindermädchen zu spielen, bis der Rechtsanwalt die Verlassenschaft erledigt hat.

Der Hund ist nämlich Alleinerbe. Doch da gibt’s einen Haufen ehelicher und unehelicher Kinder, die gar nicht erst vorhaben das Testament anzufechten, sondern eine mörderische Verschwörung planen, um den Vierbeiner um sein Recht und um die Ecke zu bringen. Darf man’s verraten? Ende gut, cineastische Umsetzung wäre noch besser, ist die Story doch ein gefundenes Fresschen für Filmemacher mit Sinn fürs Freakige. Schlusszitat Stan: „Wenn ich den Moralischen kriegte, runzelte Basko die Stirn und legte den Kopf schief; wenn er das Maul zu einem gigantischen Gähnen aufriss, war das für mich das Stichwort, die Klappe zu halten. Wenn er eindöste, trug ich ihn nach oben und brachte ihn ins Bett: ein bisschen Schmelzkäse in Brandy, eine kleine Gutenachtgeschichte – detaillierte Schilderungen meiner sexuellen Heldentaten schienen ihm am besten zu gefallen. Und wenn ich zu übertreiben anfing, schlief er ein.“

Über den Autor: James Ellroy, 1948 in Los Angeles geboren, lernte die dunkle Seite des American Dream sehr früh kennen. Als Jugendlicher geriet er aus der Bahn und konnte sich erst durchs Schreiben wieder fangen. Er begann 1979 mit „Browns Grabgesang. Mit „Die schwarze Dahlie“, Band I des berühmten L.A.-Quartetts, einer True Story, die auf der bestialischen Verstümmelung und nach wie vor unaufgeklärten Ermordung der Elisabeth Short basiert, gelang ihm 1987 der internationale Durchbruch. In „Die Rothaarige. Die Suche nach dem Mörder meiner Mutter“ stellte sich Ellroy 1994 seinem Lebenstrauma, der Vergewaltigung und Tötung seiner Mutter Geneva „Jean“ Ellroy 1958 in einem schäbigen Vorort von Los Angeles. Unter anderem wurde Ellroy mit dem Maltese Falcon Award, dem Grand Master Award und fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Zahlreiche Bücher wurden verfilmt, darunter „L.A. Confidential“ 1997 von Curtis Lee Hanson und „Die schwarze Dahlie“ 2006 von Brian De Palma. Ellroy heiratete 1991 die Literaturkritikerin Helen Knode, ließ sich scheiden, und lebt heute wieder mit seiner Ex-Frau zusammen. Für sie zog er nach Colorado.

Ullstein Buchverlage, James Ellroy: „Hollywood Nachtstücke“, Erzählungen, 288 Seiten. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Mohr.

www.ullstein-buchverlage.de

29. 12. 2019

Jüdisches Museum Wien: Trude & Elvis

April 1, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sekretärin des King war eine Jüdin aus Wien

Elvis und Trude: Diktat im Dressing Room: Bild: James Forsher Estate

Das wussten wohl die wenigsten: Zu Beginn seiner fulminanten Karriere hatte Elvis Presley eine Privatsekretärin namens Trude Forsher, die aus einer Wiener jüdischen Familie stammte. Die Beziehung der beiden beleuchtet ab 5. April die Ausstellung „Trude & Elvis. Wien – Memphis – Hollywood“ im Jüdischen Museum Wien.

Elvis spielte 1956 gerade in seinem ersten Film „Love Me Tender“, als Trude das Team seines Managers Colonel Tom Parker verstärkte. In einer Zeit, als Frauen im Berufsleben noch nicht selbstverständlich waren, avancierte sie rasch zu seiner Werbemanagerin und erlebte den Aufstieg von Elvis Presley zum Superstar mit. Trude Forshers persönliches Glück blieb allerdings auf der Strecke: Ihr Mann konnte mit ihrem Erfolg nicht Schritt halten und verließ die Familie …

Mit knapper Not entkam Trude Forsher, geborene Adler, im August 1938 dem NS-Terror, indem sie eine Stelle als Dienstmädchen in London annahm.

Sie war gerade 18 Jahre alt und hatte keinerlei Berufserfahrung. Daher musste sie oft ihre Arbeitgeber wechseln, dazwischen lebte sie auf der Straße. Durch ihre Überzeugungskraft fand sie Unterstützung und es gelang ihr, ihre Eltern nach dem Novemberpogrom 1938 nach London zu holen. Ein in den Vereinigten Staaten lebender Verwandter ermöglichte es Trude und ihren Eltern, in die USA zu kommen. In New York traf sie einen Bekannten aus Wien wieder, Bruno Forsher. 1942 wurde geheiratet, zwei Söhne folgten. 1951 übersiedelte die Familie nach Kalifornien. Dort stießen sie auf entfernte Verwandte, die ebenfalls aus Wien stammenden Musikproduzenten Jean und Julian Aberbach. Deren 1944 gegründeter Verlag Hill and Range Songs hatte sich in der Country & Western Musik bereits einen Namen gemacht und widmete sich nun dem gerade aufkommenden Rock‘n‘Roll.

Mit Zsa Zsa Gabor 1967. Bild: James Forsher Estate

Elvis, Colonel Parker und Trude 1958. Bild: James Forsher Estate

Hier waren fast alle Komponisten von Elvis Presley unter Vertrag. Als ihr ein Job bei Elvis angeboten wurde, wusste Trude Forsher nicht einmal wer er war. Plötzlich gehörte sie zum innersten Kreis des King und arbeitete in Hollywood für ihn und den Colonel. Trude war nicht nur die einzige Frau im Team, sondern auch die einzige Jüdin. Dies war für Parker vermutlich mit ein Grund für ihre Anstellung, da zahlreiche wichtige Akteure des US-Showbiz jüdisch waren. Mit Trude als Vorzimmerdame erwartete er sich wohl einen Verhandlungsvorteil. Trude arbeitete für Elvis während seiner ersten sechs Filme, hautnah erlebte sie auch seine Trauer über den frühen Tod  seiner vielgeliebten Mutter im August 1958 mit.

Bruno Forsher sah es nicht gern, dass seine Frau mit den Menschen um Elvis und mit dem Star selbst freundschaftlichen Umgang pflegte, vermutlich vergönnte er Trude auch ihren Erfolg nicht. Schließlich ließ er sich scheiden, was zur traurigen Ironie führte, dass Trude ihren Job verlor, weil eine geschiedene Frau im Elvis-Team in den prüden 1950er-Jahren keinen guten Eindruck hinterlassen hätte. Frei von allen Verpflichtungen gründete Trude mit Adolph Zukor II., dem Enkel des legendären Filmmoguls und Gründer der Paramount Pictures, die TV-Produktionsfirma „Zukor-Forsher-Productions, Inc.“.  Zukors Name öffnete alle Türen, und gemeinsam produzierten die beiden einige erfolgreiche Fernsehshows. Trude war damals die einzige Frau, die in der amerikanischen Unterhaltungsbranche eine so wesentliche Position inne hatte.

Trude als einzige Frau bei einer Besprechung im Büro von Colonel Parker. Bild: James Forsher Estat

Nach ihrer Pensionierung engagierte sie sich sozialpolitisch für geschiedene Mütter, deren Ex-Ehemänner die Alimente verweigerten, und im Sozialreferat des Rathauses von Los Angeles. Für ihr soziales Engagement wurde Trude Forsher mehrfach ausgezeichnet. Trude Forsher starb im Jahr 2000 in Los Angeles. Trudes Sohn James Forsher stellt nun dem Jüdischen Museum Wien ihren umfangreichen Nachlass mit zahlreichen Unikaten aus der frühen Glanzzeit des Rock‘n‘Roll zur Verfügung. Parallel zur Ausstellung drehte Kurt Langbein mit dem ORF eine TV-Dokumentation.

www.jmw.at

Wien, 1. 4. 2017

Volksoper: Axel an der Himmelstür

September 18, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Operettenrarität als ganz großes Kino

Bettina Mönch als Gloria Mills, die Hollywood Harmonists Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Stefan Bischoff und Andreas Bieber als Axel Swift. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bettina Mönch als Gloria Mills, die Hollywood Harmonists Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Stefan Bischoff und Andreas Bieber als Axel Swift. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Volksoper startet mit einem Riesenerfolg in die neue Saison. Das Premierenpublikum von „Axel an der Himmelstür“ amüsierte sich zweieinhalb Stunden lang prächtig, entsprechend gab’s am Ende viel Jubel und Applaus. Dabei ist das musikalische Lustspiel von Ralph Benatzky und Paul Morgan gar nicht das Hitfeuerwerk, wie man es vom berühmten Komponisten gewohnt ist, und auch die Handlung ist überschaubar. Aber was Regisseur Peter Lund und sein Leading Team aus der Operettenrarität zaubern, ist einfach hinreißend. Ein gut gelauntes Ensemble präsentiert sich in Bestform und geht mit überbordender Spielfreude ans Werk.

Das Ergebnis ist ganz großes Kino. Im Wortsinn. Denn Lund, Bühnenbildner Sam Madwar und Kostümbildnerin Daria Kornysheva, die drei am Haus schon verantwortlich für „Frau Luna“, machen aus dem Stück einen Live-Schwarzweißfilm in bester Stummfilmtradition, so als müssten jeden Moment Harold Lloyd oder Fatty Arbuckle von der im Hintergrund gespannten Leinwand steigen. Auf dieser läuft Zeichentrick, laufen die Darsteller immer wieder mit den Strichmännchen um die Wette, dazu alte Fotografien von Beverly Hills Villen und den großen Studios. Was man eben so braucht für „Holly-Holly-Hollywood“, und eine Show mit allem – inklusive Showtreppe.

Über diese wird später Bettina Mönch schweben. Ganz überspannte Leinwandgöttin und immer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Vor exakt 80 Jahren wurde „Axel an der Himmelstür“ am Theater an der Wien uraufgeführt, und die bis dahin unbekannte Zarah Leander über Nacht zum Star. „Gebundene Hände“ ist ihr bekanntestes Lied daraus. Es wirkt wie ein schlechter Scherz der Geschichte, dass, während Benatzky angewidert in die Schweiz ging, sich Leanders Bühnenpartner Max Hansen nach Dänemark flüchtete, und Paul Morgan noch 1938 im KZ Buchenwald ermordet wurde, Zarah Leander dank dieser Rolle zum Liebling des NS-Regimes aufstieg.

Peter Lund nun hat das Stück liebevoll restauriert, ein paar dramaturgische Holprigkeiten behoben und ein von den Erfindern allzu kurz angedachtes Buffopaar weiterentwickelt. Mit viel Pep erzählt er diese Persiflage aufs Filmbusiness, der Abend ist schwungvoll, schmissig und satirisch, letzteres nicht zuletzt dank der fein hinterlistigen Gesangstexte aus der Feder von Hans Weigel. Das Tempo ist hoch, das Timing stimmt. Zu all dem trägt wesentlich Lorenz C. Aichner am Pult bei, der die neuen Arrangements von Kai Tietje zum Strahlen bringt. Musikalisch geht’s von Wienerlied bis Walzer, von Blues und Foxtrott bis L’Amour-Hatscher, Höhepunkt ist ein Verführungstango, bei dem freilich sie führt.

Roman Martin, Boris Eder, Stefan Bischoff, Jakob Semotan, Kurt Schreibmayer als Cecil McScott, Maximilian Klakow, Johanna Arrouas und Oliver Liebl. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Set fehlt der Star: Kurt Schreibmayer als Filmmogul McScott, mit Sekretärin Johanna Arrouas und seinem Stab. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bettina Mönch und Andreas Bieber. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Doch die Leinwandgöttin champagnisiert mit dem Schreiberling: Bettina Mönch und Andreas Bieber. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Sie, das ist die unvergleichliche Gloria Mills. Eine unnahbare, vor allem auch interviewunwillige Schauspielerin. Das weckt den Ehrgeiz des kleinen Klatschreporters Axel Swift, der sich mit einer Story über den Kinostar den journalistischen Durchbruch erhofft. Er verkleidet sich, um in ihr Haus zu kommen, und fliegt natürlich auf. Doch, ah, die kühle „Abgöttin dieses Jahrhunderts“ hat ein einsames und ergo heißes Herz. In der Zwischenzeit läuft Axels Geliebte Jessie wegen seines vermuteten Seitensprungs Amok, sie schnappt sich den arglosen Friseur Theodor und macht sich ebenfalls auf zur Mills-Villa. Und dann gibt es da noch Glorias verbrecherischen Verlobten Prinz Tino, einen Heiratsschwindler par excellence, und den berühmten Douglas-Fairbanks-Diamanten. Und plötzlich ist der wertvolle Stein verschwunden …

Bettina Mönch brilliert als Gloria Mills. Als großartige Komödiantin versteht sie es, diese Schönheit in Stasis aus der Fasson zu bringen, immer wieder trägt sie ihre Figur gekonnt aus der Kurve, wenn diese klagt, sie sei eine Puppe mit aufgepfropftem Image, wenn die Diva die Contenance verliert und die Stimme vom Kristallklaren ins Keifende driftet. Die Mills ist auch im echten Leben eine wahre Tragödin – und wie die Mönch das zeigt ist filmreif. Singt sie „Yes, Sir!“ macht sie daraus eine freche Revue-Nummer, wird sie von Axel aufgefordert „Zieh‘ dich aus, schöne Frau, denn du musst ins Bett“, wirft sie sich mit Verve aus der Schale.

Andreas Bieber ist ein wunderbarer Axel Swift „mit dem Stift“, den Wienerischen Stiftlmeier hat er aus Karrieregründen abgelegt. Bieber slapstickt sich durch die Szenen, dass es eine Freude ist, er ist nicht nur sängerisch und als Darsteller auf der Höhe, er macht aus seinem Axel eine Mischung aus hoffnungslos gutmütigem Tropf und beruflichem Ehrgeizling, sondern auch als Stepptänzer. Mönch und er agieren als Hinweis darauf, wie sehr Benatzky auf dem Weg war, die ehrenwerte Operette Richtung Musical zu drehen.

Boris Eder als Theodor Herlinger und Johanna Arrouas als Jessie Leyland. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Buffo-Paar: Boris Eder als Theodor Herlinger und Johanna Arrouas als Jessie Leyland. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Als Buffo-Paar Jessie Leyland, temperamentvolle Sekretärin der Scott Film Corporation, und ihr melancholischer Studio-Friseur Theodor Herlinger glänzen Johanna Arrouas und Boris Eder. Ihnen zuzuschauen macht einfach Spaß, wie sie vor Eifersucht schäumt und er sie mit Krautfleisch zu beschwichtigen sucht, wie sie später in der Unterwäsch‘ auf der Suche nach einem Liebesnest durchs Nobeldomizil pirschen. Den beiden gehört einer der schönsten Momente der Aufführung, in dem der Emigrant aus Ottakring seinem US-Girl die alte Heimat preist.

„Es sieht nah‘ und ferne das Publikum gerne den echten Film aus Wien“ heißt die Nummer, eine Liebeserklärung an die Stadt samt ihrer Klischees, Strauss und Stephansdom, Kaiser und Grinzing. Da nimmt die Volksoper sich selber und die von ihr gezeigten Genres mit großer Lust aufs Korn. Boris Eder dazu perfekt im Wienerischen und dessen Schmäh, dass er das kann, hat er ja bereits als Kerkermeister im „Bettelstudent“ bewiesen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19470). Die Hollywood Harmonists, Stefan Bischoff, Jakob Semotan, Oliver Liebl, Roman Martin und Maximilian Klakow, in diversen Rollen, Kurt Schreibmayer als tyrannischer Filmmogul Cecil McScott und Gerhard Ernst als kauziger Kriminalinspektor runden mit ihrem vergnüglichen Spiel diesen rundum gelungenen Abend ab.

www.volksoper.at

Wien, 18. 9. 2016

OFF Theater: Von Hollywood nach Uganda

März 4, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Maria Fliris Erfolgsproduktion ist wieder in Wien

Bild: Mark Mosman

Bild: Mark Mosman

Nach einer Tour durch Österreich und Deutschland kommt das Stück  „Von Hollywood nach Uganda“ wieder nach Wien, diesmal ins OFF Theater. Ab 13. März zeigt Maria Fliri in der Regie von Barbara Herold „Wie eine Comedy-Autorin dazu kam, Afrikas geheimen Krieg aufzudecken“ – so der Untertitel der Produktion. Die ist, gestaltet nach den Erlebnissen und dem Roman von Jane Bussmann, ein zorniges, wahrhaftiges und herzzerreißend komisches Stück über Kriegsverbrechen, Filmstars und andere Abscheulichkeiten. 2003 beschließt die Promi-Journalistin Jane Bussmann, „ein nützlicher Mensch zu werden“. Sie verlässt die Glamour-Welt Hollywoods und reist einem gutaussehenden Friedensunterhändler nach Uganda hinterher, um dort über den „bösesten Mann der Welt“ zu recherchieren: Joseph Kony, Anführer der Rebellenarmee Lord’s Resistance Army, hat in zwanzig Jahren bis zu 60.000 Kinder verschleppt und sie im Busch zu Kindersoldaten und Sexsklavinnen „ausgebildet“. In der grotesken Komödie spielt Fliri diese „schlechteste Auslandkorrespondentin aller Zeiten“.

Eine Comedy über Kindersoldaten und Sexsklavinnen schreiben. Geht das? Darf man das? Jane Bussmann hat es getan, weil sie mit ihren engagierten und erschreckenden Recherchen über den Krieg in Norduganda bei den Medien auf wenig Interesse stieß. Und sie war zornig genug, um das zu tun, was sie als Comedy-Autorin am besten kann. Sie schrieb eine Komödie über Kindersoldaten, Sexsklavinnen, Menschenrechtsverletzungen und über ihre eigene Verwandlung von einer abgebrühten Klatschreporterin in eine engagierte Auslandskorrespondentin, die nach Uganda fliegt, weil sie für einen gutaussehenden Friedensstifter schwärmt. Und die dabei nicht nur Erfolgserlebnisse hat. Bussmanns Kniff besteht darin, dass sie zunächst auf glänzend entlarvende Weise den Glamour-Wahnsinn Hollywoods beschreibt, den sie als Promi-Journalistin porentief kennt, um anschließend die Mittel der Satire in gleicher Weise auf den Wahnsinn des Bürgerkriegs und die Verhältnisse in Uganda anzuwenden. Hier spart sie auch nicht mit Selbstironie und kritisiert ihr eigenes Streben und Scheitern bei dem Versuch, endlich ein nützlicher Mensch zu werden.

Die anscheinend provokante Entscheidung, die Stilmittel von Comedy und Unterhaltung auf das sensible Thema ‚Kindersoldaten in Afrika‘ und die damit verbundenen Gräuel anzuwenden, ist bei Jane Bussmann letztlich aus Hilflosigkeit entstanden. Der Hilflosigkeit, nicht zu wissen, wie man Aufmerksamkeit für Menschen erregt, die keine Lobby haben, weil sie arm sind, unrentabel und „schwarz“. Jane Bussmanns Recherchen führen auch zu erstaunlichen Erkenntnissen über die ugandische Regierung, die 1,6 Millionen Menschen zu deren vermeintlichen Schutz in Lagern festhält, um so Milliarden für humanitäre Unterstützung zu erhalten. Jane Bussmann schreibt rasant, pointiert und rasend komisch. Oft ist ihr Humor makaber, aber sie schafft immer das Kunststück, dass die Personen, um die es geht, niemals der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

„Ich lache nicht über Sexsklaven, ich lache über unsere Ausflüchte, warum wir sie nicht retten.“ Jane Bussmann, www.fairplanet.net

www.dieheroldfliri.at

Video: https://vimeo.com/43804661

www.off-theater.at

Wien, 4. 3. 2014