Nicht ganz koscher

August 5, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Nahost-Buddy-Komödie mit brüderlicher Botschaft

Durch die Wüste: Ben (Luzer Twersky) und Adel (Haitham Omari). Bild: © enigma Film

Als Adel Ben etwas von seinem Dosenfleisch anbietet, lehnt der höflich ab. „Weil es nicht koscher ist?“, fragt der Beduine. „Nein, sondern weil die Konserve aus dem Jahr 1987 ist“, antwortet der orthodoxe Jude. Darauf Adel: „Warum? Das war ein gutes Jahr, der Beginn der ersten Intifada!“ Dies ist so ziemlich der Humor der Buddy-Komödie „Nicht ganz koscher“, die heute in den heimischen Kinos anläuft, ein seelenvolles Roadmovie rund um den Sinai, ein eigenwilliges, launiges

Plädoyer für die Verständigung zwischen Juden und Arabern, und gleichzeitig ein ironisches Spiel mit allen nur denklichen Klischees und Vorurteilen. Es sind die Filmemacher Stefan Sarazin und Peter Keller, die ihre Protagonisten statt durch ein Nahostkonflikt-Politdrama mit einer brüderlichen Botschaft auf Reisen schicken. Das Ganze beginnt im ägyptischen Alexandria, wo ein ehrenwertes Mitglied der jüdischen Gemeinde gestorben ist. Doch fürs bevorstehende Pessach-Fest braucht es zehn Männer, und außerdem gibt es zwischen Gemeindevorsteher Gaon und dem Präfekten einen Uralt-Vertrag, dass, sollten für den Minjan, mit dem an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert wird, nicht genügend Männer vorhanden sein, aller jüdischen Besitz an den ägyptischen Staat geht. „Das ist kein Exodus, sondern ein Exitus“, jammert Gaon.

Da kommt’s allen Seiten gerade recht, dass der orthodoxe Neffe Ben von der Familie aus Williamsburg, Brooklyn, nach Jerusalem befohlen wurde, um auf Brautschau zu gehen. Nunmehr auf der Flucht vor dem Heiratsvermittler, denn Ben hat heimlich sein Herz an die „moderne“ Toybe aus Mo’s Bagel Shop verloren, bietet er sich an, die große Mizwe zu erfüllen und die einst größte jüdische Gemeinde in der Diaspora zu retten. „Aber du hast noch gar nichts gegessen“, entsetzt sich die Tante – und bis das getan ist, bis Rogelach und Babke und Falshe Fish für die Verwandtschaft verpackt sind, hat Ben seinen Flug verpasst – und weltfremd und naiv, wie ein New Yorker im „Feindesland“ nur sein kann, beschließt er den Landweg einzuschlagen.

Adel (Haitham Omari) ertappt Ben (Luzer Twersky) beim Pick-up-Klau. Bild: © Holger Jungnickel / enigma Film

Doch die Rostlaube gibt ohnedies bald den Geist auf. Bild: © Ludwig Sibbel / enigma Film

Lernen am Lagerfeuer: Koscher ist nicht gleich halal und Beduinen-Brot braucht Jerusalem-Würze. Bild: © enigma Film

Kamel Adelbaran wird zum Lebensretter für die verunfallten Ben und Adel. Bild: © enigma Film

Dies eine dieser Szenenfolgen, die die Culture-Clash-Komödie bemerkenswert machen: Ben landet in einem von einem vor sich hin räsonierenden Palästinenser gelenkten Taxi an einem sichtlich nie frequentierten Grenzübergang. Aus dem Radio hört man Meldungen von Raketeneinschlägen; die ägyptischen Beamten trauen angesichts von Peyes, Fedora und Zizijot ihren Augen nicht; im Linienbus nach Kairo entspinnt sich eine ins Handgreifliche kippende Diskussion: Den Juden mitnehmen oder nicht? Mittels Abakus wird über dessen Schicksal entschieden. „Das ist ein demokratisches Land“, sagt der Busfahrer demonstrativ bedauernd, weil die muslimische Mehrheit der Fahrgäste für Bens Rauswurf gestimmt hat.

So steht der nun schwerbepackt und denkbar ungünstig gekleidet mitten im Nirgendwo von 60.000 km2 Wüste, die Landschaftsbilder von Holger Jungnickel sind atemberaubend, als ein rostiger Pick-up neben ihm hält, am Steuer ein mürrischer Mann, der kurz und knapp erklärt: „Ich fahr dich, aber erst muss ich mein Kamel finden.“ Warum er das tut, wo ihm die Aufgabe doch offenkundig so zuwider ist? „Beduinen-Gesetz: Ich muss dich beschützen“, so Adel noch nicht ahnend, dass er in weiterer Folge etliche der 613 Gebote der Thora kennenlernen wird …

Ihre beiden Hauptdarsteller hätten die Regisseure und Drehbuchautoren Sarazin und Keller nicht besser casten können. „Ben“ Luzer Twersky wurde 1985 in eine ultraorthodoxe Gemeinde in Brooklyn geboren. Um sich seinen Lebenstraum erfüllen zu können und Schauspieler werden, musste der chassidische Jude erst seine religiöse Gemeinschaft verlassen. In der bewegenden Netflix-Dokumentation „One of Us“ ist er einer der drei portraitierten jungen Menschen, die aus der rigiden Gemeinde der chassidischen Juden in New York ausbrechen, wofür sie einen radikalen Bruch mit ihrer Vergangenheit und ihrer Familie in Kauf nehmen müssen. Die Rolle des Ben weist nicht nur stark autobiografische Züge auf, Twersky war am Set auch ein wichtiger Berater der Filmemacher in allen jüdisch-religiösen Detailfragen.

Luzer Twersky als in der Wüste. Bild: © enigma Film

Adel (Haitham Omari) als Ben. Bild: © enigma Film

Gaon begrüßt „Ben“ beim Pessahmahl. Bild: © enigma Film

Der Präfekt: Yussuf Abu-Warda. Bild: © enigma Film

„Adel“ Haitham Omari, ein muslimischer Palästinenser aus Ostjerusalem, wurde einem internationalen Publikum 2014 mit einer der Hauptrollen im Sundance-Gewinner „Sand Storm“ bekannt. Er spielte unter anderem in dem preisgekrönten Drama „Bethlehem“ on Yval Adler, Dror Zahavis „Crescendo – #Make Music, Not War“ mit Peter Simonischek (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41854) und „Gaza mon Amour“. Die beiden Größen des palästinensisch-jüdischen Kinos, Makram Khoury und Yussuf Abu-Warda, ersterer zu sehen in Julian Schnabels „Miral“, Fatih Akins „The Cut“, der TV-Serie „Homeland“, gerade abgedreht ist Terrence Malicks „The Way of the Wind”, zweiterer auch ein viel verehrter Grand-Seigneur des palästinensisch-jüdischen Theaters, liefern sich als Gaon und Präfekt manch wilde Schlacht – wenn der Präfekt da nur nicht zu früh sein Siegestänzchen tanzt.

Derweil müssen zwischen Felsen und Dünen der in seine Gebräuche versponnene Großstädter und sein Survival Guide mit dem Palästinenser-Tuch zwecks Überlebensstrategie zueinander finden. Ben ahnt nicht, dass seine ausgedehnten Waschzeremonien hier den Tod durch Verdursten bedeuten können, und zumindest der Pick-up gibt wegen zu wenig Kühlflüssigkeit alsbald den Geist auf. Schlafen unter freiem Himmel ist auch nicht wirklich Bens Sache, und, naja, koscher ist eben doch nicht halal. „Dein Gott mag mein Brot nicht?“, beginnt Adel sich darüber zu ärgern, mit welcher Chuzpe Ben das Chubz mit Original-Jerusalem-Gewürz dem Ewigen näherbringt.

Bis es aus ihm herausbricht: „Du kommt in Muslimland, du läufst rum wie Moses, jedes Auto ist für dich ein Taxi, jedes Wasser für wash-wash – und du machst mein Brot koscher!“ Schüchterne Antwort Bens: „Ja, aber Moishe hatte 40 Jahre, ich habe nur vier Tage, und er ging in die andere Richtung.“ Beim Anblick einer weißen Taube nennt Ben sie ein Friedenssymbol. Darauf Adel: „Ihr teilt kein Essen, ihr teilt kein Land. Welcher Frieden?“ Nur beim Einhalten beider Gebetszeiten, sind die zwei ein Team. Und beim Backen eines Versöhnungs-Kugel.

 

Möge Gott, Hashem, Allah uns allen Geduld mit uns allen geben. Das Trennende ist stets auch das Verbindende, und jedes Missverständnis kann, wenn man’s zulässt, zu mehr Verständnis führen. „Sehr gutes Restaurant, hier müssen wir öfter essen“, feixt Adel beim Verzehr des überm Lagerfeuer zubereiteten traditionell-jüdischen Nudelauflaufs. Mit diesem Satz wird es eine Schlusspointe haben, heißt der Film doch im Englischen, in das sich die Doppeldeutigkeit von „Nicht ganz koscher“ nicht übersetzen lässt, „No Name Restaurant“.

„Nicht ganz koscher“ ist ein wundersames „Was Menschen einander näherbringt“-Märchen, das keinen Zynismus zum Glauben gestattet. Um das bis ins Letzte zu bezeugen, soll hier gespoilert werden, denn auch die dritte abrahamitische Religion kommt noch ins Spiel – in Gestalt der Mönche aus dem Kloster „Zum Brennenden Dornbusch“. Kurz: Adel und Ben haben einen Unfall, der sich zum Überlebenskampf ausweitet. Die beiden werden zwar vom plötzlich wie aus dem Nichts erscheinenden Kamel Adelbaran gerettet, doch Ben ist fiebrig, hustet, hat wohl eine Lungenentzündung.

Die christlich-orthodoxen Mönche nehmen die beiden auf, pflegen Ben – doch was wird aus Pessach? Während dem delirierenden Ben ein Krankenlager gerichtet wird, verbringt Adel die Nacht grübelnd auf dem heiligen Berg. Bei Sonnenaufgang hat er dann die vielleicht rettende Idee: Mit der Kleidung und den abgeschnittenen Schläfenlocken des bewusstlosen Ben sowie einem Begleitschreiben des Popen im Gepäck, macht er sich im Dienstwagen des Klosters eiligst auf den Weg nach Alexandria. Wo ihn Gaon mit den Worten empfängt: „Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich weiß der Himmel schickt Sie.“

 

Während der Präfekt, dem die Wahrheit natürlich nicht verborgen bleibt, ein Adel denunzierendes Schreiben mit seinem Zigarrenanzünder verbrennt, will er doch seinen lebenslangen Schachgegner Gaon nicht verlieren. Und als nun Adel an der feierlichen Sedertafel der jüdischen Gemeinde bravourös versucht, seine völlige Unkenntnis der rituellen Gepflogenheiten zu verbergen, nimmt Ben im Kloster all seinen Mut zusammen und greift zum Telefon. Zaghaft beginnt er zum ersten Mal ein Gespräch mit seiner angebeten Toybe, seiner Taube.

Alle Menschen sind schon Brüder – und Schwestern. Dass Stefan Sarazin und Peter Keller ihre Ode an die Freu(n)de mit einem charmanten Lächeln erzählen, ist per se das Statement, sich von Politik, Religion und Machtgehabe nicht in eine Ecke drängen zu lassen. Denn unter der zauberhaften Oberfläche verbirgt sich ein reeller Kern. Im Interview erzählen die Regisseure, dass sie bei ihren Recherchen immer wieder festgestellt haben, im Alltag ist das Zusammenleben gar nicht so konfliktbeladen – etwa in Haifa, wo Juden, Muslime und Christen weitgehend entspannte Nachbarn sind.

Es seien die politischen Eliten, deren jeweilige Interessen ein Aufeinander-Zugehen verhindern, sind die Filmemacher überzeugt. Da braucht es eben ein komödiantisches Paar wie Ben und Adel, um die Hintergründe immer gleicher Nachrichten zu beleuchten. Zum Ende der Utopie sitzen Juden, Christen und Muslime im tatsächlichen Symbol des gemeinsamen Bootes. Im „No Name Restaurant“, denn Gott hat nicht einen, sondern viele Namen, gibt es beides: „Adel‘s gegrilte Fish“ und „Ben‘s gefilte Fish“.

 www.nichtganzkoscher-film.de

 

BUCHTIPP

Hoffmann und Campe Verlag, Goldie Goldbloom: „Eine ganze Welt“, Rezension www.mottingers-meinung.at/?p=45739: Surie Eckstein ist die Protagonistin in Goldie Goldblooms Roman „Eine ganze Welt“, „eine Frau, von der die anderen Leute glaubten, sie wüssten alles über sie – Ausländerin [denn zu dieser macht sie sich freiwillig im eigenen Land], religiöse Fanatikerin, ein anachronistischer Witz, eine ungebildete Mutter“, die kaum englisch, sondern jiddisch spricht, die unter der obligaten Perücke kahlgeschoren ist und den Körper verhüllende Kleidung trägt.

Surie lebt in Williamsburg, New York, als wertgeschätztes Mitglied der chassidischen Gemeinde, ihr Mann Yidel ist der Sofer des Tempels. Dass ausgerechnet die Rebezn Eckstein im „biblischen“ Alter von 57 Jahren noch einmal schwanger wird, ist ein Skandal. Ein Sex-Skandal, würde die Geburt doch bekanntmachen, dass Yidel sie „über das normale Alter hinaus“ begehrenswert findet …

FILMTIPP

Der Netflix-Zweiteiler „Unorthodox“ von Regisseurin Maria Schrader erzählt von der 19-jährigen Chassidin Esty, die vor einer arrangierten Ehe aus Williamsburg nach Berlin flieht, und dort ungeahnte Freiheiten kennenlernt. Während sie an der Barenboim-Said-Akademie Musik zu studieren beginnt, reisen ihr Ehemann Yakov und dessen Cousin Moische an, um sie gegebenenfalls mit Gewalt zurückzuholen … www.netflix.com   Trailer: www.youtube.com/watch?v=t5mzqg-d_tU

  1. 8. 2022

Volksoper: Sweet Charity

September 17, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fellini meets Horváth in diesem Musical

Lisa Habermann als Charity Hope Valentine. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Es wäre höflich gewesen, Robert Meyer noch ein paar Jahre als Volksopernchef zu gönnen. Angesichts der speziellen #Corona-Bedingungen, von denen niemand weiß, wie lange sie das Kulturleben strukturell und finanziell belasten werden, hätte mit dem Bedarf an Stabilität argumentiert werden können. Nach dem Motto ,Mitten im Fluss wechselt man die Pferde nicht‘ würde Meyer das Volksopernschiff weiter durch unsichere Zeit führen …“, schreibt der Standard völlig richtig.

Nun, zwei Spielzeiten lang ist Robert Meyer zum Glück noch Kapitän auf der Brücke, und mit „Sweet Charity“ steuert er mutmaßlich den nächsten Publikumserfolg an. Um die Spannung kurz zu halten: Das von weiland Bob Fosse konzipierte, inszenierte, choreografierte, von Cy Coleman nach Neil Simons Libretto nach Federico Fellinis Film „Die Nächte der Cabiria“ komponierte Musical ist:

Bei überschaubarer Handlung musikalisch herausragend. Und nun von der Crew um Regisseur Johannes von Matuschka mit einem Pep auf die Bühne gebracht, dass dem „Big Spender“ die Augen übergehen. Die Ohren übrigens auch, aber die Redensart gibt es nicht.

Charity Hope Valentine also ist, heut‘ würd‘ man sagen, Pole-Tänzerin im Animierclub Fandango Ball House, und verstrickt sich in immer neue „problematische Episoden mit Männern“. In diesen läuft auch das Geschehen ab, erst der Ganove Charlie, der sie ihrer Barschaft geraubt, dann der Cinecittà-Star Vittorio Vidal, mit dem sie nur die Nacht verbringt, um ihn wieder mit seiner furiosen Verlobten Ursula zu versöhnen, schließlich der Stadtneurotiker Oscar Lindquist, der sie vorm Altar stehen lässt, weil dem Mann fürs Leben der Job für gewisse Stunden denn doch zu sehr aufs Gemüt schlägt …

In dem von Momme Hinrichs und Torge Møller aka fettFilm gestalteten Setting machen riesige Charity-Leuchtlettern die Runde, die Lichter der Großstadt dienen auch als Vittorios Möbelage oder Künstlerinnengarderobe im Fandango, und einmal formen sie sich zu den Worten „Love“ und „Hope“ – Matuschkas Reverenz an Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, ersterer der unerschütterliche von Charity, dass alles sich zum Besseren wenden wird – Zitat: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ © Oscar Wilde. Doch Matuschka lässt Charity, nachdem Charlie sie zu Beginn beim Handtaschenraub ins Wasser gestoßen hat, aus diesem nicht mehr auftauchen; am Ende auf der Vidiwall wieder die Ertrinkende, der letzte Luftbläschen aus dem Mund quellen.

Julia Koci als Nickie und Caroline Frank als Helene. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Caroline Frank, Julia Koci und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci, Christian Graf als Herman und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit derlei Tiefgang will Matuschka durch die Untiefen tauchen, und man muss ihm zugutehalten, dass er ein Feuerwerk an inszenatorischen Ideen abfackelt. Aber, und wie schön ist das, Herzstück des Abends sind die Akteure, allen voran Lisa Habermann als Charity, der man den naiv-natürlichen Rotschopf, den tollpatschig-temperamentvollen Wildfang in jeder Sekunde abnimmt. Schauspielerisch, gesanglich, tänzerisch ist Habermann top, sie swingt sich durch Cy Colemans mit Jazzklängen und Latinorhythmen gespickten Songs, dass es eine Freude ist. Lorenz C. Aichner am Pult tut mit dem im Broadwaysound routinierten Volksopernorchester das Seine dazu. Große Klasse an der schlaksigen Habermanns Seite ist Peter Lesiak als Oscar, der sich vom Hyperventilierer im kaputten Aufzug zum innig Liebenden zum bigotten Trauringverweigerer steigert.

Rührend die Szene mit Axel Herrigs Vittorio, und das Highlight der Auftritt von Drew Sarich als teuflisch skurriler Sektenverführer Daddy Brubeck dessen pseudoreligiöse Heilsbringung er mit Rockröhre schmettert, und apropos: Kaum jemand hätte vermutet, dass derlei auch in Julia Koci steckt, die ihre Rolle als Charitys Arbeitskollegin Nickie aber sowas von rockt. In einem Haus, dass selbst die sogenannten supporting roles mit Publikumslieblingen wie Christian Graf als gestrenger Etablissement-Chef Herman, Caroline Frank als laszive Escortlady Helene, Jakob Semotan und Oliver Liebl als Daddys durchschlagskräftige Bodyguards besetzen kann, bleiben keine Wünsche offen.

Die Neuübersetzung von Alexander Kuchinka, der aus dem “Fickle Finger of Fate“ eine „schnöde Schrulle des Schicksals“ macht, die Choreografien von Damian Czarnecki, der Chor unter der Leitung von Holger Kristen – alles passt, und die eine oder andere Länge wird sich im Laufe der Spielzeit noch einschleifen.

Lisa Habermann und Axel Herrig als Vittorio Vidal. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lisa Habermann und Peter Lesiak als Oscar Lindquist. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In seinem Spiel von „real“ und „surreal“ setzt Matuschka auch auf die Multiplikation von Figuren, und das durchaus mit gesellschaftskritischem Witz, etwa wenn er die Gaffer am Seeufer zu Knallchargen in knallbunten Regenpelerinen macht. Dann wieder atmen die mit viel Szenenapplaus bedankten Tanzsequenzen Sixties-Flair, bei der hinreißenden Discokugelnummer „The Rich Man’s Frug“ und in Daddy Brubecks „Puls des Lebens“-Kirche, in der der bewusstseinserweiternde Guru seine Schäfchen per „Big Brother“-Auge überwacht, glaubt man sich tatsächlich mitten im New Yorker Bohu.

Fazit: „Sweet Charity“ an der Volksoper ist eine opulente Show mit schwungvollen Revuenummern, und lässt dennoch die Tristesse eines Lebens als „Private Dancer“ spüren. Lisa Habermann agiert mit jener Überdosis Temperament, mit der von Depressionen und Traurigkeit Gebeutelte ihre Tragik zu übertünchen suchen. Der Moment ist es, an dem Christian Grafs Herman und dessen Damen vom Gewerbe sich schon in Hochzeitslaune singen, aber ach …

Trailer und Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=Kra5SNswaNE           www.youtube.com/watch?v=qh_RnkfchCI           Interview mit Lisa Habermann und Johannes von Matuschka: www.youtube.com/watch?v=1Hg8KwfXnM0        Open-Air-#Corona-Proben: www.youtube.com/watch?v=Uwki79ezG0w

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Volksoper: Der fliegende Holländer

März 11, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sitz der Seele ist eine graue Kunsthalle

Seelenraum mit Meerblick: Markus Marquardt als resigniert habender, todessehnsüchtiger Holländer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das gibt es auch an der Volksoper nicht alle Tage, dass beim Schlussapplaus nicht nur die Hände, sondern auch die Füße des Publikums zum Einsatz kommen. Solcherart mit allen Gliedmaßen bejubelt wurden Dirigent Marc Piollet und der Chor des Hauses, der sich unter der Leitung von Holger Kristen einmal mehr als ein stimmlicher Klangkörper von großer Stärke und Schönheit erwies. Auch Solistinnen und Solisten sowie das Leading Team rund um Regisseur Aron Stiehl wurden nach der Premiere gefeiert.

Mit dieser Neuinszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ hat man einiges gewagt und manches gewonnen. Worauf Stiehl und mit ihm Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann verzichtet haben, ist ein Schiff. Stattdessen dominiert ein raffiniertes Labyrinth die Bühne, eine graue Kunsthalle voller Gemälde vom Meer. Immer wieder öffnen sich neue Durchlässe, schließen sich andere. Räume, die Stiehl schon vorab als Sitz der Seele definierte, setzt er doch ganz auf die psychologische Durchdringung der Charaktere. Jeder scheint hier mit sich allein, die Bilder im Kopf visualisiert durch Farblicht- und Schattenspiele, eindrücklich etwa, wenn der Holländer seinen riesenhaften über die erstarrte Senta wirft. Bisweilen öffnen sich Luken, die den Blick auf die aufgewühlte See freigeben, am Ende, als Dalands Männer die Crew des Holländers wecken wollen, wird das Setting höllenrot.

Der goldene Koffer wechselt den Besitzer: Markus Marquardt als der Holländer, Stefan Cerny als Daland und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Senta in ihrer Kopf-Kunsthalle: Meagan Miller mit Tomislav Mužek als Erik. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Amme als gouvernantische Gesangslehrerin: Martina Mikelić als Mary und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stiehl und Schlößmann erschaffen so gekonnt szenische Spannungsfelder, nur muss zwischen den einsamen Weltenwanderern, die die beiden in ihre Fantasie stellen, die Interaktion naturgemäß auf der Strecke bleiben. Dies tatsächlich die einzige Kritik an diesem Abend, dass so wenig geschauspielert wird. Gesungen wird meist von der Rampe weg, kaum jemals drehen sich die Protagonisten zueinander, und dass Stiehl als Bewegungsmuster ein allseits gern verwendetes Arme-Wegstrecken eingefallen ist, macht das Gestische nicht besser. Einzig die Begegnung Eriks mit Senta lässt Bewegtheit aufkommen.

Ansonsten sind Ergriffenheit und Erregung dem Gesanglichen zu entnehmen. Dafür hat sich die Volksoper mit Markus Marquardt als Holländer und Meagan Miller als Senta im Fach erprobte Sänger ans Haus geholt, mit dem fulminanten Stefan Cerny als Daland steuert man den eindrucksvollsten Part aus dem eigenen Ensemble bei. Cerny gestaltet seinen Kapitän als zur Brutalität neigenden Geschäftemacher, eine Gefühlsrohheit, die nicht nur seine Tochter, die er für einen symbolisch goldenen Koffer verschachert, zu spüren bekommt, sondern auch der profund singende JunHo You als Steuermann – wenn er sich vom Chef schlagen lassen muss.

Gegenentwurf dazu ist Markus Marquardts Holländer, den der Volksopern-Debütant als resigniert habenden Todessehnsüchtler ausweist. Dass Marquardt in den Höhen nicht durchgängig überzeugt, federt Piollet am Pult gekonnt ab, indem er die lyrischen Passagen der Solo-Parts mit ausreichend Atmosphäre unterlegt. Was auch der anmutig phrasierenden Stimme von Meagan Miller zugutekommt, die die Senta als von der romantischen Schauerstory in Schwärmerei versetzten Backfisch anlegt.

Bissl hysterisch, bissl verhaltensauffällig, mit ihren Meeresbildern hantierend – denn ein Holländer-Porträt gibt es in Sentas Gehirnkino selbstverständlich nicht. Überwiegend allerdings lenkt Piollet das Wagner’sche Frühwerk im Fortissimo durchs Geschehen. Aus dem Orchestergraben bebt’s und donnert’s, dass nicht einmal die obligate U6 zu hören ist – expressiv, eindringlich und hochintensiv.

Als die vom Feiern angesäuselten Seemänner die Crew des Holländers wecken wollen, färbt sich die Bühne höllenrot: JunHo You als der Steuermann Dalands und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Vortrag glänzend und auch der einzige, der sich um die Darstellung seiner Rolle bemüht, ist Tomislav Mužek als Jäger Erik. Auch er ein Hausdebütant. Warum Stiehl, der so sehr auf Abstraktion setzt, Sentas Amme Mary von Kostümbildnerin Franziska Jacobsen als strenge Gouvernante einkleiden ließ, erschließt sich nicht. Martina Mikelić besteht die Chorprobe der Spinnerinnen zwar mit Bravour, muss aber mal ein Mädchen in die Ecke stellen, mal eines mit dem Lineal züchtigen. Ihr mehrmaliges Aufstampfen bleibt erfolglos.

Auch sie weiß keinen Rat gegen Sentas Holländer-Wahn. Immerhin nutzt auch der Damen-Chor seinen großen Moment. Fazit? Aron Stiehl und Frank Philipp Schlößmann gelingen bewegende Bilder in einer Aufführung, in der sich sonst kaum etwas bewegt. Mehr inszenatorischer Zugriff statt eines Verharrens in Stasis hätte dem Ganzen gutgetan. So bleibt die sängerische Leistung zu loben, die vom Orchester mit Verve umflutet wird.

Regisseur Aron Stiehl und Dirigent Marc Piollet im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=eq7WiO5MjuQ

www.volksoper.at

  1. 3. 2019

Theater in der Josefstadt: Professor Bernhardi

November 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Heraufdämmern einer neuen Zeit

Der Herrscher und der Kronprinz-Gegenspieler: Herbert Föttinger als Bernhardi, Florian Teichtmeister als Ebenwald. Bild: Sepp Gallauer

Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ist stets das Stück zur Zeit, geht es um Kalkül und politisches Kleingeld. Selten aber tritt das so zutage, wie in der Inszenierung von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt, die Donnerstagabend Premiere hatte. Beinah fröstelt es einen ob der Aktualität der hier gesagten Sätze. Kica arbeitet das Heraufdämmern einer neuen Zeit, den Schnitzler’schen Subtext, mit scharfer Klinge heraus, dabei steht ihm ein exzellent agierendes Ensemble zur Seite, beinah zwei Dutzend der Spitzenkräfte des Hauses, mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle – ein primus inter pares. Mutmaßlich noch nie war Föttinger so brillant denn als Professor Bernhardi.

Drei Stunden lang entrollt sich das Spiel für Männer (mit Alma Hasun in der einzigen Frauenrolle der Krankenschwester Ludmilla) in der renommierten Privatklinik Elisabethinum. Hierarchien werden ausgelotet, Intrigen und Pläne geschmiedet, Machtkämpfe um Karrierebestrebungen ausgetragen. Da begeht Bernhardi fast im Wortsinn den „Kardinalfehler“. Er lässt einen Pfarrer nicht zu einer Sterbenden vor, die sich in ihren letzten Stunden in einem euphorischen Zustand befindet.

Er möchte ihr einen schönen Tod bereiten, die Letzte Ölung soll sie nicht erschrecken. Die Frau stirbt ohne Salbung, und ein unfassbare Hexenjagd gegen den „Juden“ setzt sich in Gang. Etwas, das man heute wohl Dirty Campaigning nennen würde … Föttinger hat sich den Bernhardi anverwandelt, er holt die Figur nahe an sich heran. So nahe, dass man sicher meint Dinge, wie „Dass ich im Ernstfall der Mann bin durchzusetzen, was ich will, habe ich schon einige Male bewiesen“ oder „Es ist immer meine Gewohnheit gewesen, den Leuten ins Gesicht zu sagen, was ich denke“, nicht nur aus dem Mund des Klinik-, sondern auch des Theaterdirektors schon im Wortlaut gehört zu haben. Viel von sich hat er in die Figur fließen lassen. Föttingers Bernhardi ist erst ein nonchalanter, dennoch apodiktischer Herrscher, changierend zwischen dem freundlichen Wissen um seine Bedeutung und deren Überschätzung, als er den Sturm auf sich zukommen sieht. Dann aber ist er bereit, den Preis für seine Integrität zu bezahlen.

Auf ironische Art hinterfragt er die ernstesten Angelegenheiten, wie Kicas Arbeit überhaupt bemüht ist, den schwarzen Humor der Götter in Weiß, den sarkastischen Grundton des Schnitzler-Textes nicht in der Gedankenschwere des Themas versinken zu lassen. Fürs Ende, nach Bernhardis Verbüßung seiner Haftstrafe, hat sich Föttinger weder ein Aufbegehren noch die Resignation überlegt. Sein Bernhardi ist ruhiger geworden, auch grantiger. Mitten im Weltanschauungskonflikt tritt er leise ab. Er will mit Politik, die ihn mittels einer nicht namentlich genannten Parlamentspartei erst zum Buhmann degradierte, nun – die Liberalen natürlich – zur Lichtgestalt machen will, nichts zu tun haben.

Die Ärzteschaft in heller Aufregung: Wojo van Brouwer, Johannes Seilern, Alexander Strömer, André Pohl, Peter Scholz und Michael König. Bild: Sepp Gallauer

Hochwürden hat keine Handschlagqualität: Matthias Franz Stein mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Aussprache mit dem Minister: Bernhard Schir als Teflonmann Flint mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Womit er der einzige ist. In Kicas Lesart macht jeder Politik, selbst der Geistliche, Matthias Franz Stein hat als Franz Reder seinen großen Auftritt nach der Pause, der die Moral seiner Kirche über medizinische Barmherzigkeit stellt, und der keinen Präzedenzfall schaffen wollte, indem er auf sein Recht aufs Sakrament verzichtete. Das Elisabethinum ist in zwei Lager gespalten. Für Bernhardi sind André Pohl als Ehrenmann Dr. Cyprian, Michael König als aufbrausender Dr. Pflugfelder oder – ganz wunderbar – Johannes Seilern als schelmischer Idealist Dr. Löwenstein.

Auf der Gegenseite gehen die Christen in Stellung. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, befindet Christian Nickel als Dr. Filitz mit vor Empörung zitternder Unterlippe ob der Affäre Bernhardi und droht zu demissionieren. Peter Scholz‘ Dr. Adler versucht sich mit Opportunismus über die Runden zu retten, doch selbst das Bernhardi-Protegé Wenger (Alexander Strömer) stellt sich gegen seinen Beförderer …

Kica lässt das alles in großer Einfachheit und Klarheit spielen. Keine Geste ist hier zu viel, kein Tonfall eine Übertreibung, die Aufführung ist so straight, wie die Männer, die in ihr auftreten. Das Bühnenbild ist weiß-grau-karg; zwei verschiebbare Wände und ein paar Versatzstücke genügen Kica, um Klinik und Privatwohnung des Professors anzudeuten.

Mit Föttinger dominieren zwei Darsteller das Geschehen. Florian Teichtmeister ist als Vizedirektor Dr. Ebenwald der Kronprinz-Gegenspieler und outet sich gleich in der ersten Szene als Antisemit. Weil Bernhardi bei der Klärung einer Fachfrage die Oberhand behalten hat, schießt er mit judenfeindlichem Geschütz: „Große Freude in Israel – wie?“

Gallig süffisant und gleichzeitig jovial dauergrinsend ist Teichtmeisters Ebenwald (im Pausengespräch meinte jemand: „Zum Speiben gut!“), ein ehemaliger Burschenschafter mit immer noch buberlhaftem Charme, den die Überzeugung verließ, als sie der Karriere schadete. Nun kann sie wieder hochkochen. Bernhard Schir überzeugt als Minister Flint (mit einem großartig bärbeißig-beamteten Martin Zauner als Hofrat Winkler an seiner Seite), ein eitler, großsprecherischer Teflonmann, als Politiker ein so guter Schauspieler, dass er seine Parolen bald selber glaubt. Schir gestaltet den Flint als Karl-Kraus’sche Figur. Er sei der Mann, der eben mache, was gemacht werden müsse, kommt ihm locker über die Lippen. Auch solche Aussagen erkennt man aus diesen Tagen wieder.

Bernhardis Maxime „Du sollst dich nicht in die Nähe der Politik begeben“ hält Föttinger übrigens nicht immer durch. In einer Werbekampagne zu Saisonbeginn produzierte die Josefstadt selbst satirische Fake News. Unter anderem fand sich da die „Meldung“, HC Strache gehe für ein Jahr in Bildungskarenz. Das veranlasste die FPÖ im Gemeinderat zu einer Anfrage an Andreas Mailath-Pokorny: Wegen der „Ehrenrührigkeit“ der Aussage solle er die Subventionsgelder vom Theater zurückfordern. Der Kulturstadtrat hat naturgemäß abgelehnt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=uk82aGywkiM

www.josefstadt.org

  1. 11. 2017

Volksoper: Die Räuber

Oktober 15, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Zurücklehnen und genießen

Die dunkle Seite der Macht – Karl inmitten seiner Räuber: Vincent Schirrmacher mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper gibt es zum zweiten Mal seit 1963 eine Inszenierung von Verdis „Die Räuber“ zu erleben – und die Inszenierung krankt vornehmlich an zwei Dingen: An der immer noch verwendeten deutschen Fassung von Hans Hartleb, die so hanebüchen Reim‘-dich-oder-ich-fress‘-dich daherkommt, dass es einem ein Graus ist. Und an dem vollkommen fehlenden Willen zur szenischen Gestaltung des Abends.

Regisseur Alexander Schulin dachte sich offenbar „Zurücklehnen und genießen“, denn dieses kann man mit Dirigent Jac van Steen wunderbar tun. Augen zu und durch! Verdi komponierte „Die Räuber“ 1847 nach Friedrich Schillers gleichnamigen Sturm-und-Drang-Drama für das Haymarket Theatre in London. Bei einem Kuraufenthalt im Veneto fasste er den Entschluss, sich des Stoffes anzunehmen; die Idee dazu entstand wohl in Gesprächen mit seinem Freund Andrea Maffei, der sein Kurgenosse war und Schillers Stück ins Italienische übersetzt hatte. Verdi, der eine Vorliebe für explosive Vater-Kind-Beziehungen hatte, fand Gefallen an der Geschichte rund um den Konflikt des ungleichen Brüderpaars Karl und Franz Moor. Bei der Uraufführung am 22. Juli des Jahres stand der Komponist selbst am Dirigentenpult, die Aufführung wurde zum Triumph.

Das „Melodramma tragico“ des Meisters ist noch ganz dem Belcanto verpflichtet, dies der ausdrückliche Wunsch der britischen Auftraggeber, lässt aber bereits seine späteren Werke erahnen. Entsprechend verbreitet das Orchester der Volksoper unter van Steen keinerlei Italianitá. Man setzt auf Heftigkeit und Kraft, und beides tut der Theatralik der Oper gut. Van Steen versteht Verdis Theaterinstinkt und dessen Abzielen auf größtmögliche Wirkung. Er spannt die Rezitative wie eine Feder für den folgenden Gefühlsausbruch.

Maximilian, Graf von Moor, ist erschüttert über die Intrigen seines Sohnes Franz: Kurt Rydl und Boaz Daniel mit David Sitka als Herrmann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Amalia leidet unter dem Treiben im Schloss: Sofia Soloviy und Boaz Daniel mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er versteht die Vaterfigur des Maximilian, Graf von Moor, gleich wie in „Rigoletto“ oder „Don Carlo“ als den Kern der Melodieschöpfung, und ergo das Duett Amalia/Franz als erotisch und leidenschaftlich, das von Amalia und Karl aber als keusch und bereits himmelwärts gewandt. Verdis Oper endet lapidar mit Amalias Tod von Karls Hand und mit dessen Ausruf: „Und nun zum Schafott!“ Der Chor, Einstudierung: Holger Kristen, ist van Steen die dunkle Seite der Macht – und wie immer an der Volksoper grandios. Das Brüderpaar verkörpern Vincent Schirrmacher als Karl und Boaz Daniel als Franz.

Schirrmacher ist ein Sänger und Schauspieler, wie ihn sich jedes Opernhaus nur wünschen kann. Der Tenor, dessen Stimme sich früher für das italienische Fach als bedingt geeignet erwies, „dreht voll auf“, wenn man’s so flapsig sagen darf, setzt ganz auf die dramatische Verzweiflung seiner Partie – und überzeugt kraftvoll und verwegen gesanglich auf ganzer Linie. Boaz Daniel, seinerseits in der Staatsoper so was wie der „Mann für alle Fälle“, liefert einen korrekten Franz ab. Sein Bösewicht besticht durch seine Trockenheit; Gefühle sind diesem Teufel fremd. Kurt Rydl hat als Maximilian einen „dunklen Abend“.

Er fokussiert seine Stimme auf das Leid seiner Figur, und mit rauem Timbre und merklichem Vibrato gestaltete er einen Vater, der einsehen muss, mehr als eine falsche Lebensentscheidung getroffen zu haben. Die beste Leistung bietet die ukrainische Sopranistin und Hausdebütantin Sofia Soloviy als Amalia, der gefürchteten Jenny-Lind-Partie, von Verdi der „schwedischen Nachtigall“ auf den Leib geschrieben – und angeblich der Grund für die seltene Aufführung der Oper. Soloviy geht durch diesen Mythos ohne Schaden zu nehmen. Sie hat italienisches Timbre, versteht es, klar zu phrasieren und kann ihre Stimme in höchste Höhen schrauben. Als Hermann und Roller ergänzten David Sitka und Christian Drescher achtbar die Riege der Solistin und der Solisten.

Karl will seinen von Franz in den Tod getriebenen Vater rächen: Kurt Rydl und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Was nun die Optik betrifft, hatte Alexander Schulin wenig Einfälle. Nichts ist hier so effektvoll wie die Musik. Das Vorspiel wird ihm zum Celloabend von Roland Lindenthal im Hause Moor. Danach bestimmt ein schwarzer Kubus von Bettina Meyer die Bühne. Er kann sich um die eigene Achse drehen und stellt – siehe Interview im Programmheft – die Innenwelten dar. Die im Schloss und die seelischen. So viel zum Raumkonzept, ah ja, die Bäume im Wald sind Neonröhren. Dazu passen die historisierenden Kostüme von Bettina Walter nicht.

Personenführung gibt es de facto keine. Sämtliche Bewegungen der Solisten und des sonst so spiel- und rollengestaltungsfreudigen Chores sind vorhersehbar (furchtbar, wie Franz mit in der Luft zappelnden Beinchen stirbt); dass Rydls alter Moor auch der Pfarrer Moser ist, fällt nicht weiter auf, man denkt, ein Greis im Nachtgewand … Alle Gesten wirken wie aus den anno-anno-Jahren, als man Opernsängern vorwarf, gerade mal drei Handbewegungen zu beherrschen. Wie Stewardessen beim Erklären des Befindens der Notausgänge.

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  1. 10. 2017