Theater zum Fürchten: Elektra

Dezember 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Gothic-Look wie Game of Thrones

Kim Bormann ist eine inbrünstige, blutrünstige Elektra. Bild: Bettina Frenzel

Die Wände des Bunkers sind blutverschmiert, Agamemnon steht auf einer wie ein Racheschrei, doch nur die Außenseiterin trauert um den abgeschlachteten König: „Elektra“. Der Hofmannsthal’- sche Text dient nun in der Scala, der Wiener Dependance des Theaters zum Fürchten, Regisseur Matti Melchinger als Spielvorlage. Dieser hat die Tragödie in einem Aufzuge zur Essenz verdichtet, schlanke 75 Minuten dauert seine Aufführung, und wiewohl er dem Dichter nichts nimmt, wird

der royale Massenmord in Melchingers rasanter, riskanter Radikalität zum modern anmutenden Mythos. Es scheint, als wolle TzF-Prinzipal Bruno Max den mit „Equus“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35706) eingeschlagenen Weg mit dieser Arbeit richtungsweisend fortsetzen, und tatsächlich ist Sam Madwar, der für die Peter-Shaffer-Inszenierung verantwortlich zeichnete, nun als Ausstatter am Werk. Gemeinsam mit Kostümbildnerin Katharina Kappert hat er eine „Game of Thrones“-düstere Welt erschaffen, archaisch, eisenhart, Lederoptik und ein Goth-Punk-Look, der Robert Smith neidisch machen könnte. Nur, dass es für Kim Bormanns Elektra, man weiß es, Hofmannsthal schrieb die seine unter dem Eindruck der Seelenerkundungen Sigmund Freuds, keine „Cure“ mehr gibt. Als Soundtrack laufen also auch keine Songs der britischen Kultband, sondern Arcade Fire’s „My Body Is a Cage“.

Bormanns Performance allein lohnt schon den Besuch dieses Abends. Ihre mykenische Revanchistin erweist sich vom ersten Auftritt an als Fall für die Psychoanalyse, ihr pathologisches „Ich kann nicht vergessen“ ist der Satz, der einem schon zu Beginn des Stücks durch Mark und Bein fährt. Bormanns Elektra krankt definitiv am zum Namen gehörenden Komplex, wenn diese Schattenvisionen ihres Vaters imaginiert. Die TzF-Debütantin spielt die Figur inbrünstig blutrünstig, großartig, wie sich bei Begegnungen mit der Mutter der Ekel auf ihrem Gesicht spie- gelt, während sie ihrerseits versucht, Schwester Chrysothemis mit innigen Umarmungen auf ihre Seite zu ziehen.

Angela Ahlheim, Kim Bormann, die Mägde Maja Sikanic, Regina Schebrak und Ivana Stojkovic. Bild: Bettina Frenzel

Klytämnestra und Aegisth verhöhnen Elektra: Kim Bormann, Bettina Soriat und Leonhard Srajer. Bild: Bettina Frenzel

Orest ermordet die Mutter, Elektra triumphiert: Felix Krasser und Kim Bormann. Bild: Bettina Frenzel

Mit dem Hof der Atriden ist bei Melchinger längst kein Staat mehr zu machen. Wie von der Zeit zerfledderte Zombies hangeln sich die Gestalten über die Repräsentationstreppe in den mit Mulch bedeckten, mit Gerümpel zugemüllten Hinterhof, die Kledage ein Abglanz besserer Tage, da und dort die Haut rot verschrammt. Klytämnestra trägt eine groteske barocke Herrenperücke, als wolle sie per Haartracht ausweisen, dass nach dem kriegerischen Haudrauf nun eine aufgeklärte Absolutistin das Zepter schwingt. Wobei Bettina Soriat die aufgesetzte Aufgeklärtheit sofort ab absurdum führt, wenn ihre Gattenmeuchlerin die wehklagende Tochter im Wortsinn, weil: Treppe, von oben herab verhöhnt.

Soriat lässt Klytämnestra zwischen Tyrannenmörderin und Totschlägerin changieren, da diese selbst nicht darüber zu richten vermag, ob sie dem Volk eine Wohl- oder der Familie eine Untat getan hat. Die stärksten Szenen der Produktion sind ergo das Aufeinanderprallen von Mutter und Tochter, auf das die Regie auch fokussiert. Im intellektuellen wie körpergewaltigen Infight schenken einander die beiden Schauspielerinnen nichts, und apropos: verbal brutal, beeindruckend ist, wie die Darsteller allesamt die Sprachgewalt des Fin de Siècle-Schriftstellers stemmen, jedenfalls machen die Konfrontationen Klytämnestras mit Elektra in Melchingers Interpretation klar, dass erstere um nichts weniger als zweitere an einem Agamemnon-Trauma leidet.

Leichter hat’s die Herrscherin da mit ihrem Lover, Leonhard Srajer als blondinnenblöder, proletoid-putzsüchtiger Aegisth, den die an Jahren Ältere zum Sextoy degradiert hat, auch dieser Aspekt der gruseläugigen Dauergeilen so kaltherzig erzählt, dass es einem unter die Haut geht. Auftritt, um alles zu Ende zu bringen, Felix Krasser als nach langer Flucht heimkehrender Orest, dessen einlenkendes „Lass‘ die Toten tot sein“, von Elektra alsbald zur Mordgier umgepolt wird. Selten noch war der manipulative Charakter der „Strahlenden“ so deutlich zu erkennen, Elektra, die sich zur höheren Instanz erhebt, die das „gerechte“ Gemetzel befiehlt, die sich in ihre Rechtsprechung hineinsteigert – ohne Rücksicht auf Verluste, siehe die maliziösen Mägde von Regina Schebrak, Maja Sikanic und Ivana Stojkovic.

Nur die Außenseiterin trauert um Agamemnon: Bormann, Sikanic, Stojkovic, Srajer und Schebrak. Bild: Bettina Frenzel

Die Schwester entdeckt dem Bruder ihren Racheplan: Kim Bormann und Felix Krasser. Bild: Bettina Frenzel

Chrysothemis verabscheut Orests grauenhafte Tat: Felix Krasser und Angela Ahlheim. Bild: Bettina Frenzel

Siegestanz vor vielen Toten: Kim Bormann, hinten die ebenfalls erschlagenen Mägde. Bild: Bettina Frenzel

Mit Hinweis auf sein gottgegebenes Heldentum treibt die Schwester dem Bruder das Zaudern aus, ihr hohlwangiger Hass begleitet von einem heulenden Wind, rote Lichtblitze beleuchten die Selbstjustiz, ein Apfel wird als sozusagen Reichsinsignie zertreten, Heil!-Rufe ertönen, Elektra tanzt vor Leichenhaufen, Orest wirft sich den Purpurmantel über. Bleibt bei diesem Drama, auf die bisher beinah unerwähnte der Dreierkonstellation zu kommen: Angela Ahlheim als Chrysothemis, angewidert von den Geschwistern, von Elektras inzestuösen Annäherungsversuchen, von Orests blutverschmierten Armen.

Für sie, für deren Ausgestaltung allerdings noch Raum wäre, obzwar die gezeigte Kurzfassung wenig Platz dafür bietet, hatte Melchinger eine schöne Idee. Bei ihm darf die jüngste des Hauses zum Schluss einen mit EU-Sternen beklebten Trolley nehmen und das antike Griechenland mutmaßlich für immer verlassen.

www.theaterzumfuerchten.at           www.kimbormann.com

  1. 12. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Schwierige

Oktober 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Konversationston den Kern getroffen

Michael Dangl als Kari Bühl und Matthias Franz Stein als Stani. Bild: Erich Reismann

Vom Leben leicht, aber doch ennuyiert: Michael Dangl als Kari Bühl und Matthias Franz Stein als Stani. Bild: Erich Reismann

Als die Mauer des Schweigens endlich fällt, sind nur Geschwätz, Geplapper, Plattitüden zu hören. Als die Fassade zusammenbricht, wird der Blick frei auf eine Schattenwelt der Reichen und Mächtigen. Denn ohne es selbst zu wissen, sind sie schon die Randfiguren, die über das Schicksal des Jahrhunderts nicht mehr bestimmen werden. Dafür lassen sie bereits einen anderen an der Außenlinie ihrer Gesellschaft balancieren. In kornblumenblauem Anzug und mit Blondschopf.

„Es gibt Leut‘, in deren Mund sich alle Nuancen verändern“, heißt es an einer Stelle über ihn. Janusz Kica hat am Theater in der Josefstadt Hugo von Hofmannsthals „Der Schwierige“ inszeniert, jenes hintergründige Lustspiel, an dem der Autor elf Jahre feilte, Hofmannsthal, der Sprachzweifler und -verzweifler, der genau diese Eigenschaften seinem Protagonisten auf den Leib schreib. An einem einzigen Tag hat dieser Hans Karl Bühl, genannt Kari, mehrere Liebesangelegenheiten zu lösen. Er will seinen besten Freund Hechingen wieder mit dessen Ehefrau Antoinette versöhnen, sie nebenbei Karis letzte Affäre, und soll auf Geheiß seiner Schwester Crescence seinen Neffen Stani mit der jungen Helene Altenwyl verloben. Für die aber hegt Kari Gefühle, die er sich nicht einzugestehen vermag.

Der Rest sind Irrungen und Wirrungen und ein groß angelegtes Panorama einer Welt von Gestern, die bei Kica ihre Ansprüche allerdings erst aktuell abgegeben zu haben scheint. Als wär’s ein Wahlgang. An dessen Ende bekanntlich immer eine Urne steht. Kica trifft mit dem Hofmannsthal’schen Konversationston den Kern der Sache, er hat an der Patina dieses Gesellschaftstableaus gekratzt, bis einem die Gegenwart grell entgegenleuchtet, er holt dieses doch ein wenig aus der Zeit gefallene Stück vortrefflich ins Hier und Jetzt. Und die Josefstädter verstehen all diese subtilen Zwischentöne auch zu spielen. Der Tonfall, er ist eben der ihre, die Sachverständigen für Salonkomödie bewegen sich gepflegt und sicher auf ihrem Terrain. Über das sie herrschen, wie wohl derzeit kaum ein anderes Theater im deutschsprachigen Raum.

Alma Hasun als Helene Altenwyl mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Noch keine Liebeserklärung: Alma Hasun als Helene Altenwyl mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Roman Schmelzer als Hechingen mit Pauline Knof als Ehefrau Antoinette. Bild: Erich Reismann

Roman Schmelzer als Hechingen mit Pauline Knof als Ehefrau Antoinette. Bild: Erich Reismann

Im spartanischen Bühnenbild von Karin Fritz brilliert Michael Dangl als Kari Bühl. Er ist weniger Molière’scher Misanthrop, auch dieser Art wird der Charakter ja mitunter gedeutet, als ein charmanter Äquidistanz-Halter zum (anderen) Ende der Menschheit, und er ist ein durchaus spitzbübisches Schlitzohr. Als Baseline spielt Dangl dazu das Trauma eines Kriegsheimkehrers, eines im Feld verschütteten, und vielleicht rührt daher ja diese Furcht vor allem, was im Leben gut und schön sein kann. Kari schwärmt vom Clown Furlani, einem dummen August im Zirkus, und dies die treffendste Beschreibung für Dangls Rollengestaltung: einer, der allen helfen möchte, alles klären möchte, und alles in Konfusion bringt; einer, der nichts mit Absicht tut, aber beständig auf die Absichten der anderen reagieren muss. Dann wieder berührt er in intimen Momenten mit Alma Hasuns Helene. Er gibt seinem Spiel tausend Facetten und alle sind sie faszinierend anzuschauen.

Mit ihm auf der Bühne ganz großartig Ulli Maier als seine exaltierte Schwester Crescence, Pauline Knof als manisch-hysterische Antoinette Hechingen, Alexandra Krismer als ihre geschwätzige Freundin Edine oder Therese Lohner als ihre Kammerjungfer, die sich mit ihrer Herrin längst als ein „Wir“ versteht. Die Damen schrauben sich darstellerisch in lichte Höhen, daneben gibt Roman Schmelzer als abservierter Ehemann Hechingen den guten Tropf, die dritte Partei, der definitiv das Je ne sais quoi und die Sleekness fürs großbürgerliche Parkett fehlt.

Zweitere bringt per Geburt der Stani von Matthias Franz Stein mit. Stein gestaltet einen Schnösel par excellence, einen, der von den eigenen großen Plänen leicht, aber doch ennuyiert ist, gestaltet die Sorte Reiterhammerl-Rich-Kid, die, mit dem goldenen Löffel großgefüttert, nun glaubt, über das Wohl und Wehe anderer urteilen zu dürfen. Mutmaßlich nie zuvor war Stein in seiner Darstellung so prägnant, wie in dieser Rolle, als einer, der nie um eine Antwort verlegen ist, an dem nie auch nur der geringste Selbstzweifel nagt, das personifizierte Coming out des neuen Selbstbewusstseins – man sieht seinem Stani zu, wie er sich mit Teflon überzieht und weiß, da wird einer, auch wenn er jetzt noch in der zweiten Reihe steht, Karriere machen. Der Tag X wird kommen.

Die Schattenwelt und der Eindringling: Alma Hasun, Michael König, Michael Dangl, Ulli Maier und Christian Nickel als Neuhoff. Bild: Erich Reismann

Die Schattenwelt und der Eindringling: Alma Hasun, Michael König, Michael Dangl, Ulli Maier und Christian Nickel als Neuhoff. Bild: Erich Reismann

Wohl auch für Christian Nickels Neuhoff. Der sympathische Schauspieler überzeugt in einer für ihn ungewöhnlichen Position als unsympathischer Emporkömmling. Sein Neuhoff ist ein Anbiederer an die alten Machtverhältnisse und speit vor Zorn Gift und Galle über sie. Er verachtet vor allem Kari und will ihn durch Schmeicheleien doch für sich gewinnen. Er ist der Raubfisch im gutsituiert-trägen Karpfenteich.

Wie er stammtisch-eloquent herumscharwenzelt, aber wenn er seine Ziele nicht erreicht, dann plötzlich in pure Gewalt ausbricht, da zeigt Nickel neue Seiten seiner Kunst. Noch wird sein Neuhoff geschlagen vom Platz gehen, noch haben Stani und er sich in gegenseitiger Geringschätzung nichts zu sagen, noch … Janusz Kica ist es mit seiner Arbeit nicht nur gelungen, den Hofmannsthal’schen Text mit hohem Anspruch umzusetzen, er hat daraus auch eine Art Gesellschaftsfarce gemacht, eine, wenn man’s denn so sehen möchte, Politsatire, die auf Fragen verweist, auf die man sich möglichst schnell eine Antwort suchen sollte. Die Bilder gleichen sich, die Personen sind bekannt.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ty5qAJv13nQ

www.josefstadt.org

Wien, 7. 10. 2016