Alte Bibliothek – wortwiege wien: Maries Abschied

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege, für den Winter vom niederösterreichischen Thalhof nach Wien übersiedelt, zeigt als zweite Produktion (nach „Chikago“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30151) unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

Die Großmutter: Roman Blumenschein. Bild: Christian Mair

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg …

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Im zweiten Teil setzt sich die Aufführung im Foyer fort, und für „Die Großmutter“, eine der prägnantesten, einprägsamsten Geschichten der Ebner-Eschenbach, verwenden Krassnigg und Christian Mair einmal mehr die von der wortwiege neu belebte Kunstform der Kinobühnenschau. Erni Mangold auf der Leinwand und Roman Blumenschein auf der Spielfläche treten mit einander in Dialog. Ihr inneres Erleben mit seiner Bühnenerzählung.

Sie am Donauufer, und dennoch bei ihm, vor dem zur „Pathologie“ umgewandelten Buchlager. Denn die alte Frau sucht ihren Enkel, der von der Arbeit als Flößer nicht nach Hause gekommen ist, und selbstverständlich brilliert die Mangold in der Darstellung dieser von bösen Ahnungen gequälten Resoluten. Welch ein Gesicht. Welch stille, schlichte Größe. Wie sie scheint’s ungern und zögerlich ihr rührendes Schicksal preisgibt. Wie sie den „noch guten“ Mantel ihres Enkels einfordert und an sich presst. Blumenscheins Arzt, der der Großmutter zunächst den Zutritt ins Institut verweigert, muss anerkennen, dass sie sich „dem Elend nicht unterwirft, sondern gegen es kämpft“. Ergo werden seine Gewissheiten über Leben und Tod und Trauer schon bald auf den Kopf gestellt sein …  „Maries Abschied“ ist ein ergreifender, mitreißender, ans Herz und Hirn gehender Theater- und Filmabend – und hoffentlich von der wortwiege und für ihr Publikum kein endgültiges Adieu von der Ebner-Eschenbach.

Nächste Spieltermine: 6. bis 8. Dezember; Trailer: vimeo.com/280377871

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 11. 2018

Salon5 im Theatermuseum: Bosch on stage

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater-Triptychon über den Schöpfer des Weltgerichts

Beim Imbissstand auf dem Flughafen herrscht Slibowitz-Stimmung: Kirstin Schwab, Doina Weber und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Bevor es losgeht, die wunderbare Gelegenheit, die Werke in Augenschein zu nehmen. Die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste ist ja bis auf Weiteres zu Gast im Theatermuseum, hier hängen nun die meisterlichen Arbeiten von Hieronymus Bosch, darunter der Weltgerichts-Triptychon. Schauen, staunen, da mischen sich Schauspieler unter die Betrachter, im Theatermuseum wird derzeit auch Theater gespielt: „Bosch on stage“ von Jérôme Junod.

Der Autor hat seine Weltgerichtskomödie anders als bei den Salzburger Festspielen für Wien auch selbst in Szene gesetzt. Eine fabelhafte Arbeit ist es, die Junod da gelungen ist, gleichsam ein Theater-Triptychon, der in drei Bildern Urteile und Vorurteile zu Bosch auf höchst unterhaltsame Art festhält. War der niederländische Renaissancemaler strenger Christ, Häretiker, Alchemist, Moralist? War er homosexuell und/oder von Perversionen wie der Folter angeturnt? Hatte er Albträume, Drogenerfahrungen oder eine reine Freude an symbolischen Botschaften? Dem und mehr forscht „Bosch on stage“ nach. Dass sich dabei immer wieder an Österreich und seinem Kunst- und Kulturverständnis – die Habsburger und ihre Adelsherren überrollten ja weiland das freie Brabant – gerieben wird, ist im herrschaftlichen Palais Lobkowitz ein zusätzliches Vergnügen.

Die Handlung beginnt auf einem Flughafen, auf dem die Kunsthistorikerin Caroline, gespielt von Petra Staduan, festsitzt, weil ihr Flug nach Wien gestrichen wurde. Dabei hätte sie so dringend zu einem Bosch-Symposium ihres Vorgesetzten gemusst. Also Trost suchen am Imbissstand, wo bald der Slibowitz fließt, auf dass der Irrwitz beginnen kann. Figuren wie Bosch’sche Landsknechte, Landstreicher und eine Reinigungskraft mit Hummerscherenhand schleichen über die Bühne, dazu gespenstische Sphärenklänge von Christian Mair. Der dreiteilige Bühnenbildaufbau von Lydia Hofmann wendet dem Publikum seine Kasperletheaterseite zu, in und vor ihm gestalten Doina Weber und Kirstin Schwab als Servierkräfte ein Kabinettstück über des Volkes Stimme zu Hieronymus Bosch.

Eine merkwürdige Reinigungskraft geht um …: Roman Blumenschein. Bild: Barbara Palffy

… fast wie vom Meister selbst erfunden: Horst Schily, Jeanne-Marie Bertram und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Prof. Schlubitschnigg lädt zum Bosch-Symposium: Martin Schwanda mit Doina Weber und Jeanne-Marie Bertram. Bild: Barbara Palffy

Dem das von Martin Schwanda als Wiener Professor Schlubitschnigg in nichts nachsteht. Von seiner besten wissenschaftlichen Kraft allein gelassen, muss er nun eine Konferenz stemmen, über deren Inhalte er keine Ahnung hat. Herrlich, wie er am Telefon einem japanischen Kollegen den Weg ins Theatermuseum via Kaffeehäuser und Stadtheuriger beschreibt. Das Ensemble, verstärkt um Jens Ole Schmieder als französischem Forscher und Roman Blumenschein als dessen deutschem Pendant, ergeht sich derweil in Theorien, Interpretationen und anderen Irrungen und Wirrungen.

Eine schöne Szene, in der Kirstin Schwab als Wiener Wissenschaftlerin mit aufgerissenen Augen über Panik auslösende Schreckensszenarien schwadroniert, während sich Doina Weber in esoterische Ekstase redet, dieweil Schmieders Prof. Flambertin unbedingt an die Fortführung mittelalterlicher Drolerien glauben will.

Teil drei: Caroline hat es in die Vergangenheit in des Meisters Haus geschafft, um diesen zu seinem Werk zu befragen. Horst Schily gibt Hieronymus Bosch als bärbeißigen und wenig auskunftsbereiten Maler, Doina Weber dessen Frau Aleid, Blumenschein dessen Schüler Joachim (alle in wunderbaren Kostümen von Antoaneta Stereva), der die Werke letztlich auszuführen behauptet – und Schwanda brilliert ein zweites Mal als habsburgischer Höfling, der Bilder zu kaufen kommt, und höchst unhöflich abgewiesen wird …

Junod nimmt sich in seiner klugen Komödie nicht nur sehr humorvoll des akademischen Treibens an, eine Parodie, die die p.t. Beteiligten daran im Publikum sichtlich amüsierte, sondern er beschäftigt sich auch ernsthaft mit dem Bosch-Pandämonium.

Sein Meister entpuppt sich als ein Hiob, ein Haderer mit Gott, ein Kritiker seiner Zeit und an deren Gesellschaft, der aber wenig hilfreich bei der Lösung der von ihm gestellten Rätsel ist. Auf jede Frage hat er eine Gegenfrage, und dann doch möglicherweise eine Antwort. „Das Lachen ist vielleicht der letzte Trost, der uns übrigbleibt.“ In diesem Sinn ist „Bosch on stage“ auch tröstlich – und ergo absolut sehenswert.

boschonstage.at

  1. 11. 2017

Wiener Festwochen: Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)

Juni 5, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Jonathan Meese und der Urknall im Universum Wagnerz

Die Gralsritter sind auf dem Mond gelandet und haben gleich einen Eiskasten (re.) aufgestellt: Wolfgang Bankl, Sven Hjörleifsson und Johanna von der Deken. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Im Vorfeld hatte man sich zwei Mal versprochen und gemeint, man gehe in „Mondbasis Alpha 1“, für alle, die diese alte Science-Fiction-Serie noch kennen. Peinlich? War’s dann nicht mehr. Der österreichische Komponist Bernhard Lang und Universalkapazunder Jonathan Meese haben Wagners „Parsifal“ in der Tat auf den Mond geschossen. So kam bei den Festwochen „Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)“ zur Uraufführung. Eine Überschreibung.

Der Grüne Hügel hatte eine ohnedies Light-Produktion des Originals nicht gewollt, Intendant Tomas Zierhofer-Kin schnell zugegriffen und das Projekt zu einem eigenständigen weiterentwickeln lassen – und man kann sich nun beruhigt zurücklehnen und sagen: Solange es einen Kulturmanager wie ihn in dieser Stadt gibt, wird Wien nicht Bayreuth werden.

Denn die Aufführung ist genialisch-großartig. Der Urknall im Universum Wagnerz sozusagen. Und wurde vom Publikum – das bis auf eine Handvoll Flüchtlinge bis zum Schluss gespannt und erwartungsfröhlich blieb – mit Riesenjubel und noch mehr Applaus bedankt. Jonathan Meese empfing es mit Standing Ovations, der, so sichtlich gerührt, dass er die (beschlagene?) Brille abnehmen musste, küsste sich durch seine Künstler und sein Leading Team. Es ist unwahrscheinlich, dass auch nur einer auf der Bühne seinem Schmatz entkam.

Tómas Tómasson leidet als irre gewordener Amfortas als wirbelnder Lollipopallergie. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Wohnsitz der Ritter ist die Villa Wahnfried. In der Mitte Daniel Gloger als Parzifal-Zed mit Gralsholzgliederpuppe. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

„Mondparsifal Alpha 1-8“ ist erstaunlich viel Wagner, ist echt Oper, nicht Performance. Bernhard Lang, der auch das Libretto verfasste, hielt sich ziemlich exakt an die Handlung des Bühnenweihfestspiels. Bis auf einen Schlusspunkt: Kundry darf bei ihm leben. Ein Akt der Emanzipation, wäre doch auch ein noch so hehres Erlösungsfrauenopfer im 21. Jahrhundert irgendwie seltsam. In seiner Komposition fehlt keine Wagnernote, er hat sie neu arrangiert, dekonstruiert und wieder zusammengesetzt.

Und das Ergebnis sind teil lyrische Töne gleich Sphärenklängen, dann muten Passagen jazzig an, wobei verstärkt Schlagwerk und Synthesizer zum Einsatz kommen. Die persönlich liebste Stelle ist das Vorspiel zum zweiten Aufzug: eine Reverenz an die Musik von 1970-Jahre-Krimiserien, sehr suspense-ig und rasant.

Das korreliert naturgemäß mit Meeses Konzept. Der führt nämlich eine Menge neuer Figuren ein, beziehungsweise definiert er die vorhandenen neu. Der Individualmythologe – und in dieser Funktion ist er durchaus Wagner-Epigone – geht auch diesmal dieser seiner Lieblingsfunktion nach. In roter Schrift (in weißer darüber der gesungene Text) verkündet er sein Manifest, und das switcht zwischen Kunst conquers all und Mach‘ Kunst or die trying.

Sein Parsifal wird später auf der Bühne die Diktatur der Kunst ausrufen. Meese nimmt Richard Wagner so ernst, dass er an ihm Spaß haben kann – und das muss man mit dem Humor nehmen, den der Abend versprüht. Keine politische Kraft ist stärker als das Lachen, und Narren sind so frei, wie die Kunst es zu sein hat. Das hat das Premierenpublikum erkannt und amüsiert sich prächtig.

Meese zitiert alles, was nicht bei drei im dritten Rang ist. Er bedient sich aus der Trash- und Popkultur, aus Schundheftchen, bei alten Filmen und noch früheren Fernsehserien. Sein Bühnenbild ist erst eine explodierte Mondlandschaft (mit Rieseneiskasten, denn schließlich geht’s unter den Rittern sehr um Fressen und für Amfortas ums Gefressenwerden), er zeigt seine Version der Villa Wahnfried als Gralshort und einen Wicker Man, in der Menschenopferburg residiert Klingsor. Im dritten Aufzug lässt er zum Karfreitagszauber Fritz Langs „Die Nibelungen“ laufen. Der Meister selbst residiert in Loge eins und zeichnet, schreibt und collagiert live.

Die Figuren hat er sich auf seine Weise anverwandelt: Parsifal ist im heißen roten Höschen und mit Proletenschnäuzer der Zed aus „Zardoz“, ein Sean-Connery-Lookalike, und man muss sagen, dass der Sir nie einen schlechteren Film gemacht hat. Kundry ist Barbarella, und als sie Parsifal täuschen will und sich als Herzeleide ausgibt, kommt sie mit einem Indianerkanu aus den Ewigen Jagdgründen. Meese hat für eine Minute seiner Inszenierung mehr Ideen (und noch dazu lauter logische), als andere Regisseure im ganzen Leben.

The writing on the wall. In der Loge rechts der Chef beim Livezeichnen, -schreiben und collagieren. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Und endlich Erlösung: Daniel Gloger als C3PO-Parzifal mit Zardoz-Maske lässt sich von den Mangamädchen feiern. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Gurnemanz ist ein etwas beleibterer Meese-Klon, natürlich er der Spielmacher. Amfortas hat was von Captain Kirk und leidet an wirbelnder Lollipopallergie, nein, natürlich, die Wunde ist eine Hypnosescheibe. Klingsor schließlich schaut aus wie ein abgefuckter Elvis, und seine bösen Mädchen wie einem Mangamärchen entsprungen. Am Ende wird Parsifal ein goldener C3PO-König sein, mit Zardoz-Maske, auch diese Kombination stimmt: Der Sklave, der sich selbstermächtigt, der „Brutale“, der ein „Ewiger“ wird. Und, dass er mit der Frage „Würdest du Gott töten?“ konfrontiert wird, passt auf Meese wie hingespuckt, der durch Kunst alle Herrschaftssysteme und ergo auch Religionen vernichten will. „Entmitläufert euch!“ ist seine schönste Message.

Gesungen wird in Deutsch, Englisch, Französisch und einer Kunstsprache, die mit Hojotoho! und Wallala, weiala weia! ohne Weiteres mithalten kann. Die Solistinnen und Solisten sind in dieser exaltierten Arbeit allesamt auf der Höhe, getragen von der höchst inspirierten Dirigentin Simone Young, den wunderbaren Klangforum Wien und Arnold Schoenberg Chor.

Countertenor Daniel Gloger ist als Parsifal darstellerisch wie sängerisch eine Sensation, der Mann hat offenbar Kondition ohne Ende – und Improvisationstalent, als die Hynosewunde nicht am heiligen Speer haften bleiben will. Magdalena Anna Hofmann gibt der Kundry mit ihrem sicher geführten Sopran Kraft. Die Bassbaritone Wolfgang Bankl als Gurnemanz, Tómas Tómasson als Amfortas mit dem irren Blick und Martin Winkler als Klingsor überzeugen mit jedem Ton. Winkler, wie man ihn kennt und schätzt, bringt natürlich schauspielerisch eine komische Note ein.

Am Ende gibt’s für alle Eis. Vanille, Erdbeer und Schokolade retten die Welt als Quadrat, Kreis und Dreieck. Dramaturg Henning Nass hat’s in der Werkeinführung erklärt, eine Hommage an Fürst Hermann von Pückler-Muskau. Es folgt der Unendlichachter und Parsifals Aufforderung an Kundry: Ruf mich an! Weiter geht’s nun im Oktober in Berlin mit „Mondparsifal Beta 9-23 (Von einem, der auszog, den „Wagnerianern des Grauens“ das „Geilstgruseln“ zu erzlehren …)“. Thomas Oberender war schon spicken, und er wird wohl daheim berichten, dass man sich freuen kann.

www.festwochen.at

Wien, 5. 6. 2017

Volkstheater: Hochstaplernovelle

März 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fulminantes Solo von Schauspieler Martin Schwanda

Gerissen und geschmeidig: Martin Schwanda verwandelt sich in Robert Neumanns Hochstapler, Dieb und Trickbetrüger Emil. Bild: Christian Mair.

Da ist er also wieder. Emil. Nun begleitet er einen schon seit – wie vielen? – Jahren. Für eine Festwochenproduktion 2013 entdeckte Regisseurin und Salon5-Intendantin Anna Maria Krassnigg den vergessenen, weil von den Nazis aus den Bücherregalen verbannten Wiener Autor Robert Neumann. Entdeckte unter anderem auch seine „Hochstaplernovelle“ aus dem Jahr 1930 und dramatisierte sie. Aus dem „kleinen“ Abend, einer szenischen Lesung in der LiteraTurnhalle, wurde ein durchkomponierter Abend für Krassniggs niederösterreichischen Thalhof – nun machte Emil in der vollbesetzten Roten Bar des Volkstheaters Station.

Martin Schwanda verwandelte sich aufs Neue, und aufs Neue war’s großartig, in den kultivierten, scharfzüngigen, routinierten Gentleman-Betrüger Emil, der Identitäten – bevorzugt solche mit einem „von“  – wechselt, wie andere die Wäsche. Bares bis Brillanten, er ertrickst sich, was grad geht. Doch von seinem gewohnten Jagdrevier, der Côte d’Azur, später Venedig, verschlägt es ihn Richtung „Balkan“. Kleine Fische für den Meeresangler.

Und trotzdem wird er irgendwo im Hotel Nirgendwo auf seine Meister treffen. Ein geheimnisvolles Fürstenpaar … Schwanda, geschmeidig tänzelnd, blasiert, gerissen, bewegt sich zwischen den Zuschauern, macht sie zu seinen Statisten und zur Staffage. Er schenkt den Damen tiefe Blicke – die Verehrerinnen des Ausnahmeschauspielers sitzen bebend mit später zu überreichenden Blumenbouquets auf den Knien, spricht die Herren in Komplizenschaft an. Mehrere Stationen, einen Kartenspieltisch, einen Tennis-Schiedsrichterstuhl, eine aus blaugrünem Licht gepflanzte „Gartenlaube“, hat er sich für seinen Abend aufgebaut. Und einige Versatzstücke bereitgelegt. Je nach Schwindel eine neue Dame, markiert durch ein keckes Hütchen, einen Sonnenschirm aus Spitze, und auch die lässt er in Aufregung erschaudern. Ein Fächer aus Federn wird zum heiß behauchten Nacken. Ein gehäkelter Pompadour Opfer seines nächsten Häkel. Gezinkte Karten im Ärmel sind ein Muss.

Aus Perlenkette und Abendpumps wird ruckzuck eine Baronin. Bild: Christian Mair

Die Herren werden zur Abzocke an den Spieltisch geladen. Bild: Christian Mair

Schwanda hat sich Neumanns glänzend stilistische Sprache, ihre verwehte Elegance, zu eigen gemacht. Er gestaltet den weltversponnenen Professor, den akkuraten Industriellen, die bulgarische Baronesse, deren Akzente, Dialekte, Sprechweisen, Schrullen. Beinah zwei Dutzend Charaktere füllen so facettenreich die Rote Bar. Aus Emil, diesem aus ärmsten Kleinstadtverhältnissen Emporgekrochenen, hat Schwanda zwischenzeitlich den britischen Lord Chesterton gemacht. Hinter dessen Distinguiertheit lässt er von Zeit zu Zeit den unfeinen Taschendieb hervorblitzen. Ein Dämon, ein Spielteufel ist Emil am Kartentisch.

Christian Mair sorgt mit seiner Live-Musik, mit Soundteppich und Geräuschkulisse, für die richtige Atmosphäre im Raum, Ausstatterin Lydia Hofmann schwebt mal im Pelz, mal im Negligée als Denise durchs Bild. Aber: Mit Denise arbeitet Emil nicht mehr – und diesmal erfährt man im Gegensatz zu früheren Fassungen sogar den Grund. Ein wunderbarer Abend, ein fulminantes Solo. Das so nur durch die Initimität und das Flair der Roten Bar möglich war. Und durch Martin Schwanda, diesen Vortragenden der Luxusklasse, diesen Experten für die Vielschichtigkeit der Wiener Zwischenkriegszeit-Literatur. Er lädt ein in sein Kopftheater; locker-leicht entlarvt er dort eine Gesellschaft, die punkto Gier der heutigen nicht unähnlich und in der jeder um irgendeinen Preis käuflich ist. Emil wird sich mit dem „Fürstenpaar“ in Komplizenschaft (ver)einigen. Doch die neuen Zeiten mit ihren neuen Herren klopfen schon an die Tür. Das damalige Ende ist bekannt, das jetzige muss freilich noch ausstehen. Emil, auf ein nächstes Mal!

www.martinschwanda.com

salon5.at          www.volkstheater.at

Wien, 16. 3. 2017

Salon5 im Theater Nestroyhof Hamakom: Morsch

Mai 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fußgetrampel für das Vernichtungslager-Musical

Generation zwei: die Alltagsfaschistenfamilie. Martin Schwanda, Jan Nikolaus Cerha, Saskia Klar. Bild: Andrea Klem

Generation zwei: Die Alltagsfaschistenfamilie am Mittagstisch. Martin Schwanda, Jan Nikolaus Cerha und Saskia Klar. Bild: Andrea Klem

Es beginnt mit dem Ende, und es beginnt in der Zukunft. Ein Mann und eine Frau auf einer Pritsche, sie warten auf ihren Tod, darauf, dass sie abgeholt werden. Ein nicht näher benanntes totalitäres Regime hat sie ausgesondert, für „unwert“ erklärt, warum, sie wissen es nicht, aber weiß man das je?, und nun … Kuchen essen und abwarten.

Jérôme Junod, der Schweizer Dramatiker und Regisseur, hat im Theater Nestroyhof Hamakom seinen Text „Morsch“ inszeniert, und die Produktion der Gesellschaft für Musische Unterhaltung und des Salon5 erweist sich als grandioser Abend. Fünf Szenarien hat Junod nebeneinander entworfen, ineinander verschachtelt, fünf Generationen, die an einer Geschichte kranken, doch das entschlüsselt sich erst am Schluss, und, nein, das Ganze ist keine Dystopie. Endzeit ist immer jetzt. „Morsch“, das heißt eben nicht nur verrottet, sondern auch verkommen – oder verfallen. Einer Ideologie zum Beispiel. Fünf Stationen sind auf der Bühne aufgebaut, das lässt ein hohes Spieltempo zu, und die Darsteller Martin Schwanda, Saskia Klar und Jan Nikolaus Cerha turnen sich mit Verve durch dieses theatralische Zirkeltraining. Jeder von ihnen in mindestens vier Rollen.

In eine von der Inszenierung nicht vorgesehene Chronologie gebracht zeigen sie fünf Generationen: Da sind Maier und Luchs, zwei Insassen in einem Foltergefängnis, die auf ihre Befreiung durch oppositionelle Truppen warten. Eine Alltagsfaschistenfamilie am Mittagstisch, vor allem der Vater trägt Trauer um die vergangenen, glorreicheren Tage, und Maier ist sein Nachbar. Schließlich ist Maier verstorben, er hat ein Buch über seine Haft verfasst, und ein Literarisches Terzett befindet im Fernsehen darüber, ob die beschriebenen Schrecken nicht eigentlich Fiktion sein müssen. In Generation vier ist Maier schon Schullektüre, allerdings eine für fad befundene, wie auch die Verfilmung, zum Glück aber gibt’s ein fetziges Musical darüber … Und später? Zurück auf … Der Mensch wird aus der Geschichte nicht lernen, weil sich Geschichte nicht wiederholt, sondern immer wieder von vorne anfängt.“Wie damals. Niemals vergessen“, spottet Schwanda.

Junod erzählt das alles parallel, im Minutentakt wechseln seine Schauspieler zwischen Bretterverschlag, Ledercouch und Spielplatz – Bühne und Kostüme sind von Lydia Hofmann. Mit jeder Szene ändert sich gleichsam die Temperatur, von Tragödie zu Komödie, von Satire zu Sarkasmus. Wunderbar wandelbar ist Jan Nikolaus Cerha, der einmal als angsterfüllter Maier, einmal als schnippische Mutti mit Lockenwicklern die große Bandbreite seines Könnens zeigt. Szenenapplaus gibt’s es für ihn und Saskia Klar, als sie den großen Hit des Vernichtungslagersingspiels zum besten geben. Liebe ist die Antwort, Liebe wird uns retten. Da ist aus Luchs bereits ein Engel geworden, weil soviel Schmalz muss sein, und Lachen ist bei dieser Produktion nicht erlaubt, sondern erwünscht. Wie es sich für Fans des Genres gehört, dankt das Publikum für diese Sequenz mit Fußgetrampel und Bravopfiffen – die Musik ist von Christian Mair.

Generation eins: Jan Nikolaus Cerha und Martin Schwanda als Maier und Luchs. Bild: Andrea Klem

Generation eins: Jan Nikolaus Cerha und Martin Schwanda als Maier und Luchs. Bild: Andrea Klem

Generation fünf oder zurück auf Anfang: Saskia Klar und Martin Schwanda. Bild: Andrea Klem

Generation fünf oder zurück auf Anfang: Saskia Klar und Martin Schwanda. Bild: Andrea Klem

„Morsch“ behandelt von der Vergangenheit bewältigte Menschen, und in seinen Rück- und Vorblenden, die die Geschehnisse allmählich aufdröseln, die großen Fragen der Zukunft Europas. Wie überheblich über das Leid anderer diskutiert wird, wie leicht man über den Terror hinwegsieht, wenn er nicht in der eigenen Haustür stattfindet, wie schnell eine Gesellschaft zur entsolidarisierten Zone wird. Sind die Menschen noch nicht oder schon wieder nicht bereit für … Menschlichkeit? Junod stellt Fragen nach Identität und deren Verlust, nach plötzlichem „Fremdsein“ und danach, wie dünn der Firnis der Zivilisation tatsächlich ist. Er empfiehlt sich mit dieser atemberaubenden Arbeit für größere Aufgaben. Mit denen er auch bereits betraut wurde.

Martin Schwanda brilliert als Luchs und später als Vati, der sich mit sich selber in eine Täter-Opfer-Debatte verstrickt. „Alle sind sie dieselben“ ist ein gedankliches Erbe, das manche mitgekommen haben, in einer Welt, in der für manch andere das Wort „Schuld!“ eine Begrüßungsfloskel geworden ist. Nach 75 Minuten dann ein Twist in Generation eins, der alles bisher gesehene in ein neues Licht taucht. Junod ist ein Fuchs.

In Generation fünf enttarnen sich Verfolgte und Verfolger als alte Bekannte. Wie sich die Bilder nun gleichen. In Russland erwacht ein neuer Stalin-Kult, in Deutschland marschieren besorgte Patrioten, und in Österreich, man wird sehen, machen fürs Erste die Klettermaxe mobil. Heimat steht auf jedem Wahlplakat. Doch: Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist nicht Liebe – Heimat ist Friede. Das ist von Paul Keller.

Das Ensemble im Gespräch: vimeo.com/164706925

Trailer: vimeo.com/159630016

www.salon5.at    www.hamakom.at

Wien, 12. 5. 2016