Nurejew – The White Crow

September 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der waghalsige Weg vom Sowjetflüchtling zum Weltstar

Der ukrainische Balletttänzer Oleg Ivenko brilliert in seiner ersten Schauspielrolle, hier als Rudolf Nurejew als Krieger Solor in „La Bayadère“. Bild: Alamode Film

„Monsieur Nurejew muss sich jetzt entscheiden“, sagt der Flughafenpolizist, und markiert damit den Moment, auf den der ganze Film abzielt. Der 23-jährige Balletttänzer sitzt im Wachzimmer auf dem Aéroport de Paris – Le Bourget, es ist der 16. Juni 1961, sein Blick ist gesenkt, die Hände zittern. Wird er im Westen bleiben oder in die Sowjetunion zurückkehren? Und was wird aus seiner Familie, wenn er sich für ersteres entscheidet? Wird er hier überhaupt Fuß fassen können oder nur als Trophäe des Kalten Kriegs gelten?

Man weiß, wie’s ausgeht, auch, dass der nunmehr Staatenlose 1964 als Tänzer und Choreograph an die Wiener Staatsoper engagiert wurde und im Zuge dessen die österreichische Staatsbürgerschaft annahm. Doch dank der virtuosen Darstellung von Oleg Ivenko kann man nicht anders, als augenblicklich um den verängstigten Flüchtling zu bangen. Der junge ukrainische Tänzer von der Tatar State Ballet Company verkörpert im Biopic „Nurejew – The White Crow“, ab 27. September in den Kinos, den späteren Weltstar. Es ist Ivenkos erste Arbeit als Schauspieler, und wie er sich dem egozentrischen, exzentrischen, mittelschwer explosiven Genie in körperlicher und künstlerischer Haltung nähert, ist von unfassbarer Authentizität.

Ralph Fiennes hat sich für sein drittes Regievorhaben nach dem Lesen der Biografie von Julie Kavanagh für diesen Wendepunkt im Leben der Legende begeistert, hat Dramatiker und Drehbuchautor David Hare ins Team geholt, der, wie er es formuliert, bereits das „berühmte Monster“ Nurejew kennenlernte, und der nun für sein Tun mit Clara Saint, Pierre Lacotte und weiteren Freunden und Wegbegleitern des Tanzgottes sprach. Gemeinsam entwickelten Fiennes und Hare für ihren Film eine Nouvelle-Vague-Ästhetik, die Kameramann Mike Eley in cremigen Bildern, und Production Designerin Anne Seibel und Kostümbildnerin Madeleine Fontaine perfekt bis ins kleinste Roaring-Sixties-Detail umsetzten.

Und weil es Fiennes, der auch Russisch spricht, wichtig war, mit russischen Schauspielern zu drehen, sind Chulpan Khamatova als Ksenija Puschkin, Fiennes selbst spielt Nurejews brillanten Lehrmeister Alexander Puschkin, Alexey Morozov als KGB-Agent Strischewsky, der ukrainische Ballettstar Sergei Polunin als Juri Solowjew und Anna Polikarpova, bis vor Kurzem Erste Solistin des Hamburg Ballett, als Primaballerina Natalia Dudinskaya Teil des Casts. Für die richtige Atmosphäre sorgt einmal mehr die Musik von Komponist Ilan Eshkeri, der auch bei den bisherigen Fiennes-Projekten dabei war, und der den Sound zwischen klassisch russisch und modern minimalistisch wechseln lässt.

Regisseur Ralph Fiennes spielt Rudis berühmten Leningrader Ballettlehrer Alexander Puschkin. Bild: Alamode Film

Nurejew ist sich ab seinen ersten Solos absolut sicher, dass er schon bald ein Weltstar sein wird: Oleg Ivenko. Bild: Alamode Film

Auch die Erzählebenen wechseln. Fiennes hat die drei Zeitfenster Paris 1961, Ausbildung am Choreografischen Institut Leningrad ab 1955 und die Kindheitsjahre in den späten 1940ern, gedreht auf 16 mm und in bis beinah zum Schwarzweiß gedämpften Farben, ineinander verwoben. „Nurejew – The White Crow“ beginnt am Anfang, am 17. März 1938, als Rudi in der bis zum Bersten vollen Transsibirischen Eisenbahn geboren wird. Auf diese Art zur Welt gekommen zu sein und sein Minderwertigkeits- empfinden wegen seiner ärmlichen Herkunft, werden den Hochsensiblen fürs Leben prägen.

Und wohl Ursache – zumindest interpretieren es Fiennes und Ivenko so – für seine wie eine Waffe geführte Hybris sein. Haupthandlungsstrang ist freilich Paris, wo Nurejew als Mitglied der Gastspieltruppe des Kirow-Ballett an der Opéra Garnier auftritt; aus den Schlüsselszenen dieses ersten Aufenthalts im Westen entwickeln sich die Rückblenden. An die 1940er-Jahre, und wie ihn die anderen Kinder schon im baschkirischen Dorf nahe Ufa „weiße Krähe“ nennen, den außergewöhnlichen Außenseiter, den der russische Kinderstar Maksimilian Grigoriyev spielt.

An seinen aus dem Dienst in der Roten Armee heimkehrenden Vater, der Rudi bei einem Jagdausflug allein im Wald zurücklässt; wie er mit seiner Mutter und seinen vier Schwestern dank einer in der Lotterie gewonnenen Eintrittskarte in Ufa seine erste Ballettaufführung sieht; der frühe Unterricht bei den ehemaligen Ballerinen Anna Udeltsova und Elena Vaitovich. An die Ausbildung in Leningrad ab 1955, wo Nurejew als 17-Jähriger fast zu spät ankommt, und daher sofort beschließt, die Ballettschule in der Hälfte der Zeit zu absolvieren. Da zeigt Oleg Ivenko Nurejews Hartnäckigkeit, seinen Fleiß, aber auch sein aufbrausendes Temperament, wenn er Lehrer ablehnt, die ihn zu wenig fordern, oder den von Nebojša Dugalić dargestellten Ersten Solotänzer Konstantin Sergejew, weil ihn irritierend, aus dem Ballettsaal wirft. Schließlich darf Rudi bei Alexander Puschkin vortanzen und wird in dessen Klasse aufgenommen. Eindrucksvoll intensiv ist dieses Zusammenspiel von Fiennes und Ivenko, der Zögling, der an des Meisters Lippen hängt, wenn dieser „Nur durch Disziplin erreicht man Freiheit“ doziert, dabei selbst aber vorm Apparat kapituliert hat.

Auf Sightseeingtour in der Sainte-Chapelle: Oleg Ivenko, rechts: seine späteren Lebensretter Pierre Lacotte (Raphaël Personnaz) und Clara Saint (Adèle Exarchopoulos). Bild: Alamode Film

Nurejew liebt das Flair in den Straßen von Paris und genießt das Sitzen in den legendären Kaffeehäusern: Oleg Ivenko. Bild: Alamode Film

Fiennes spielt Puschkin mit väterlicher Milde als Antithese zum Klischee des gestrengen Ballettlehrers, aber auch einer seltsam bizarren Bedachtsamkeit, mit einer Art gewaltsam erzwungener Zurückhaltung, die die politische Dimension seines Jobs verdeutlicht, ein Beiklang, der die gesamten 127 Minuten des Films begleitet. Sozusagen als Klammer dazu dient ein Verhör Puschkins durch den KGB, bei dem er beteuert, nichts von Nurejews Fluchtplänen gewusst zu haben. Als ihn daheim dann seine Frau fragt „Alles in Ordnung?“, wird er mit einem hocherfreuten „Ja!“ antworten.

Ksenija ist es auch, die Rudi nach einer Knöchelverletzung aus dem Krankenhaus holt, ihn in der ehelichen Wohnung, genauer: in deren Schlafzimmer aufnimmt, und dort Rudis „Entjungferung“ erledigt. „Nurejew – The White Crow“ bleibt stets nah an seinem Protagonisten. In langen Sequenzen von Proben und Auftritten zeigt nicht nur Ivenko sein Können, sondern auch, dass Rudis Selbstherrlichkeit, mit der er seinem Umfeld gehörig auf die Nerven geht, durchaus berechtigt war. Mit lakonischem Humor geht Ivenko an diesen Wesenszug heran: Als der noch unbekannte Tänzer auf einem Bankett etwa gefragt wird, ob er auf der Bühne gewesen sei, lautet die Replik trocken: „Hätte ich getanzt, hätten Sie es bemerkt“.

Dies vorgetragen nicht mit der Arroganz eines Angebers, sondern in der Vorahnung, dass er mit dieser Aussage einmal recht haben wird. Ivenko gestaltet seine Figur als wissbegierigen, intelligenten, charismatischen Mann, dem es nicht genügt, die Pflicht von Choreografien zu erfüllen, weil er das Leben zur Kür machen will. In Paris wird er zu Clara Saint und Pierre Lacotte sagen, er habe das „Feminine“ in seinen Stil integriert, um ebenso zu strahlen wie die beneideten Ballerinen, und um die männlichen Rollenparts endlich zu emanzipieren.

Auch Nurejews Bisexualität thematisiert Fiennes‘ Film unaufgeregt. Louis Hofmann ist als Rudis erster Geliebter, der ostdeutsche Tänzer Teja Kremke, zu sehen, ein Freigeist, der in Nurejew erste Fluchtgedanken keimen lässt. Kremke war Nurejew auch künstlerisch ein wichtiger Partner, hat er doch dessen Darbietungen gefilmt und gemeinsam mit Rudi auf Fehler analysiert – eine Erinnerung, ausgelöst beim Betrachten antiker Männerstatuen im Louvre. In Paris genießt Nurejew „La Liberté“, die Freiheiten und Freizügigkeiten des Westens in vollen Zügen.

Im Ballettsaal mit Juri Solowjew: Oleg Ivenko und der ukrainische Ballettstar Sergei Polunin. Bild: Alamode Film

Ein Wunsch aus Kindertagen erfüllt sich, als Rudi in Paris eine Modelleisenbahn ersteht: Oleg Ivenko und Sergei Polunin als Juri Solowjew. Bild: Alamode Film

Er kauft sich – sein größter Wunsch – eine Modelleisenbahn, mit der er mit Juri Solowjew, Zimmergenosse seit Institutstagen, spielt, pflaumt nicht gleich spurende Verkäufer und Kellner an, schlendert allein durch die Pariser Parks, bei all diesen Unternehmungen misstrauisch beäugt und wegen „kapitalistischen Verhaltens“ offiziell verwarnt von KGB-Aufpasser Strischewsky, den Alexey Morozov die Angst um die eigene Person aus allen Poren schwitzen lässt. Nurejew findet verlässliche Freunde im französischen Balletttänzer Pierre Lacotte und in der kunstsinnigen, irgendwie geheimnisumwitterten Chilenin Clara Saint.

Raphaël Personnaz und Adèle Exarchopoulos überzeugen als diese Charaktere, mit denen Rudi die Nachtclubs der Stadt und Jazzspelunken, in den Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzen, unsicher macht. Dass Clara die Verlobte des bei einem Autounfall gestorbenen Sohns von André Malraux, seines Zeichens Links-Gaullist, Kulturminister und Autor des Romans „La Condition humaine“, war, wird Nurejew vor seiner Rückführung in die UdSSR bewahren. Dass der impulsive Rudi auch sie immer wieder beleidigt und beschämt, verzeiht sie ihm in ihrer bedingungslosen Zuneigung permanent …

In dieser letzten halben Stunde verwandelt Fiennes seinen Film in einen dramatischen Politthriller, der verdeutlicht, welche vernichtende Wirkung repressive Regime auf den Einzelnen haben. Als es nämlich weiter gehen soll zur nächsten Tourneestation London, wird Nurejew von Strischewsky und seinen Schergen von der Truppe abgesondert. Erst heißt es, er solle zurück in die Heimat, um bei einem Staatsempfang zu tanzen, dann seine Mutter sei erkrankt. Mit allen Mittel und allen möglichen Psychospielchen will man ihn nach Moskau verfrachten, wo er von der Bildfläche verschwinden soll.

Als Strischewsky mit Anklageerhebung droht und Nurejew nach dem Warum fragt, lächelt dieser zynisch: „Uns fällt schon was ein“ (es wurde eine Verurteilung in Abwesenheit wegen Landesverrats). Da projiziert Oleg Ivenko eine Furcht in seinen bis dahin unbezähmbare Kraft versprühenden Blick, dass es einem Gänsehaut macht. Und während die Ballettkollegen sich mit eingezogenem Kopf Richtung Gate davonschleichen, weicht der zur Verabschiedung mitgekommene Pierre als menschliches Schutzschild nicht von Rudis Seite – bis Clara alle ihr zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung gesetzt hat. Was folgt ist ein fulminanter Showdown, ein spektakulärer Befreiungsakt aus den restriktiven Fängen des sowjetischen Systems. Der Rest ist Geschichte …

 

Video: Teja Kremke fotografiert und filmt Rudolf Nurejew

www.nurejew-thewhitecrow.de

  1. 9. 2019

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Maries Abschied

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege, für den Winter vom niederösterreichischen Thalhof nach Wien übersiedelt, zeigt als zweite Produktion (nach „Chikago“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30151) unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

Die Großmutter: Roman Blumenschein. Bild: Christian Mair

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg …

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Im zweiten Teil setzt sich die Aufführung im Foyer fort, und für „Die Großmutter“, eine der prägnantesten, einprägsamsten Geschichten der Ebner-Eschenbach, verwenden Krassnigg und Christian Mair einmal mehr die von der wortwiege neu belebte Kunstform der Kinobühnenschau. Erni Mangold auf der Leinwand und Roman Blumenschein auf der Spielfläche treten mit einander in Dialog. Ihr inneres Erleben mit seiner Bühnenerzählung.

Sie am Donauufer, und dennoch bei ihm, vor dem zur „Pathologie“ umgewandelten Buchlager. Denn die alte Frau sucht ihren Enkel, der von der Arbeit als Flößer nicht nach Hause gekommen ist, und selbstverständlich brilliert die Mangold in der Darstellung dieser von bösen Ahnungen gequälten Resoluten. Welch ein Gesicht. Welch stille, schlichte Größe. Wie sie scheint’s ungern und zögerlich ihr rührendes Schicksal preisgibt. Wie sie den „noch guten“ Mantel ihres Enkels einfordert und an sich presst. Blumenscheins Arzt, der der Großmutter zunächst den Zutritt ins Institut verweigert, muss anerkennen, dass sie sich „dem Elend nicht unterwirft, sondern gegen es kämpft“. Ergo werden seine Gewissheiten über Leben und Tod und Trauer schon bald auf den Kopf gestellt sein …  „Maries Abschied“ ist ein ergreifender, mitreißender, ans Herz und Hirn gehender Theater- und Filmabend – und hoffentlich von der wortwiege und für ihr Publikum kein endgültiges Adieu von der Ebner-Eschenbach.

Nächste Spieltermine: 6. bis 8. Dezember; Trailer: vimeo.com/280377871

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 11. 2018

Salon5 im Theatermuseum: Bosch on stage

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater-Triptychon über den Schöpfer des Weltgerichts

Beim Imbissstand auf dem Flughafen herrscht Slibowitz-Stimmung: Kirstin Schwab, Doina Weber und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Bevor es losgeht, die wunderbare Gelegenheit, die Werke in Augenschein zu nehmen. Die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste ist ja bis auf Weiteres zu Gast im Theatermuseum, hier hängen nun die meisterlichen Arbeiten von Hieronymus Bosch, darunter der Weltgerichts-Triptychon. Schauen, staunen, da mischen sich Schauspieler unter die Betrachter, im Theatermuseum wird derzeit auch Theater gespielt: „Bosch on stage“ von Jérôme Junod.

Der Autor hat seine Weltgerichtskomödie anders als bei den Salzburger Festspielen für Wien auch selbst in Szene gesetzt. Eine fabelhafte Arbeit ist es, die Junod da gelungen ist, gleichsam ein Theater-Triptychon, der in drei Bildern Urteile und Vorurteile zu Bosch auf höchst unterhaltsame Art festhält. War der niederländische Renaissancemaler strenger Christ, Häretiker, Alchemist, Moralist? War er homosexuell und/oder von Perversionen wie der Folter angeturnt? Hatte er Albträume, Drogenerfahrungen oder eine reine Freude an symbolischen Botschaften? Dem und mehr forscht „Bosch on stage“ nach. Dass sich dabei immer wieder an Österreich und seinem Kunst- und Kulturverständnis – die Habsburger und ihre Adelsherren überrollten ja weiland das freie Brabant – gerieben wird, ist im herrschaftlichen Palais Lobkowitz ein zusätzliches Vergnügen.

Die Handlung beginnt auf einem Flughafen, auf dem die Kunsthistorikerin Caroline, gespielt von Petra Staduan, festsitzt, weil ihr Flug nach Wien gestrichen wurde. Dabei hätte sie so dringend zu einem Bosch-Symposium ihres Vorgesetzten gemusst. Also Trost suchen am Imbissstand, wo bald der Slibowitz fließt, auf dass der Irrwitz beginnen kann. Figuren wie Bosch’sche Landsknechte, Landstreicher und eine Reinigungskraft mit Hummerscherenhand schleichen über die Bühne, dazu gespenstische Sphärenklänge von Christian Mair. Der dreiteilige Bühnenbildaufbau von Lydia Hofmann wendet dem Publikum seine Kasperletheaterseite zu, in und vor ihm gestalten Doina Weber und Kirstin Schwab als Servierkräfte ein Kabinettstück über des Volkes Stimme zu Hieronymus Bosch.

Eine merkwürdige Reinigungskraft geht um …: Roman Blumenschein. Bild: Barbara Palffy

… fast wie vom Meister selbst erfunden: Horst Schily, Jeanne-Marie Bertram und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Prof. Schlubitschnigg lädt zum Bosch-Symposium: Martin Schwanda mit Doina Weber und Jeanne-Marie Bertram. Bild: Barbara Palffy

Dem das von Martin Schwanda als Wiener Professor Schlubitschnigg in nichts nachsteht. Von seiner besten wissenschaftlichen Kraft allein gelassen, muss er nun eine Konferenz stemmen, über deren Inhalte er keine Ahnung hat. Herrlich, wie er am Telefon einem japanischen Kollegen den Weg ins Theatermuseum via Kaffeehäuser und Stadtheuriger beschreibt. Das Ensemble, verstärkt um Jens Ole Schmieder als französischem Forscher und Roman Blumenschein als dessen deutschem Pendant, ergeht sich derweil in Theorien, Interpretationen und anderen Irrungen und Wirrungen.

Eine schöne Szene, in der Kirstin Schwab als Wiener Wissenschaftlerin mit aufgerissenen Augen über Panik auslösende Schreckensszenarien schwadroniert, während sich Doina Weber in esoterische Ekstase redet, dieweil Schmieders Prof. Flambertin unbedingt an die Fortführung mittelalterlicher Drolerien glauben will.

Teil drei: Caroline hat es in die Vergangenheit in des Meisters Haus geschafft, um diesen zu seinem Werk zu befragen. Horst Schily gibt Hieronymus Bosch als bärbeißigen und wenig auskunftsbereiten Maler, Doina Weber dessen Frau Aleid, Blumenschein dessen Schüler Joachim (alle in wunderbaren Kostümen von Antoaneta Stereva), der die Werke letztlich auszuführen behauptet – und Schwanda brilliert ein zweites Mal als habsburgischer Höfling, der Bilder zu kaufen kommt, und höchst unhöflich abgewiesen wird …

Junod nimmt sich in seiner klugen Komödie nicht nur sehr humorvoll des akademischen Treibens an, eine Parodie, die die p.t. Beteiligten daran im Publikum sichtlich amüsierte, sondern er beschäftigt sich auch ernsthaft mit dem Bosch-Pandämonium.

Sein Meister entpuppt sich als ein Hiob, ein Haderer mit Gott, ein Kritiker seiner Zeit und an deren Gesellschaft, der aber wenig hilfreich bei der Lösung der von ihm gestellten Rätsel ist. Auf jede Frage hat er eine Gegenfrage, und dann doch möglicherweise eine Antwort. „Das Lachen ist vielleicht der letzte Trost, der uns übrigbleibt.“ In diesem Sinn ist „Bosch on stage“ auch tröstlich – und ergo absolut sehenswert.

boschonstage.at

  1. 11. 2017

Wiener Festwochen: Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)

Juni 5, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Jonathan Meese und der Urknall im Universum Wagnerz

Die Gralsritter sind auf dem Mond gelandet und haben gleich einen Eiskasten (re.) aufgestellt: Wolfgang Bankl, Sven Hjörleifsson und Johanna von der Deken. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Im Vorfeld hatte man sich zwei Mal versprochen und gemeint, man gehe in „Mondbasis Alpha 1“, für alle, die diese alte Science-Fiction-Serie noch kennen. Peinlich? War’s dann nicht mehr. Der österreichische Komponist Bernhard Lang und Universalkapazunder Jonathan Meese haben Wagners „Parsifal“ in der Tat auf den Mond geschossen. So kam bei den Festwochen „Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)“ zur Uraufführung. Eine Überschreibung.

Der Grüne Hügel hatte eine ohnedies Light-Produktion des Originals nicht gewollt, Intendant Tomas Zierhofer-Kin schnell zugegriffen und das Projekt zu einem eigenständigen weiterentwickeln lassen – und man kann sich nun beruhigt zurücklehnen und sagen: Solange es einen Kulturmanager wie ihn in dieser Stadt gibt, wird Wien nicht Bayreuth werden.

Denn die Aufführung ist genialisch-großartig. Der Urknall im Universum Wagnerz sozusagen. Und wurde vom Publikum – das bis auf eine Handvoll Flüchtlinge bis zum Schluss gespannt und erwartungsfröhlich blieb – mit Riesenjubel und noch mehr Applaus bedankt. Jonathan Meese empfing es mit Standing Ovations, der, so sichtlich gerührt, dass er die (beschlagene?) Brille abnehmen musste, küsste sich durch seine Künstler und sein Leading Team. Es ist unwahrscheinlich, dass auch nur einer auf der Bühne seinem Schmatz entkam.

Tómas Tómasson leidet als irre gewordener Amfortas als wirbelnder Lollipopallergie. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Wohnsitz der Ritter ist die Villa Wahnfried. In der Mitte Daniel Gloger als Parzifal-Zed mit Gralsholzgliederpuppe. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

„Mondparsifal Alpha 1-8“ ist erstaunlich viel Wagner, ist echt Oper, nicht Performance. Bernhard Lang, der auch das Libretto verfasste, hielt sich ziemlich exakt an die Handlung des Bühnenweihfestspiels. Bis auf einen Schlusspunkt: Kundry darf bei ihm leben. Ein Akt der Emanzipation, wäre doch auch ein noch so hehres Erlösungsfrauenopfer im 21. Jahrhundert irgendwie seltsam. In seiner Komposition fehlt keine Wagnernote, er hat sie neu arrangiert, dekonstruiert und wieder zusammengesetzt.

Und das Ergebnis sind teil lyrische Töne gleich Sphärenklängen, dann muten Passagen jazzig an, wobei verstärkt Schlagwerk und Synthesizer zum Einsatz kommen. Die persönlich liebste Stelle ist das Vorspiel zum zweiten Aufzug: eine Reverenz an die Musik von 1970-Jahre-Krimiserien, sehr suspense-ig und rasant.

Das korreliert naturgemäß mit Meeses Konzept. Der führt nämlich eine Menge neuer Figuren ein, beziehungsweise definiert er die vorhandenen neu. Der Individualmythologe – und in dieser Funktion ist er durchaus Wagner-Epigone – geht auch diesmal dieser seiner Lieblingsfunktion nach. In roter Schrift (in weißer darüber der gesungene Text) verkündet er sein Manifest, und das switcht zwischen Kunst conquers all und Mach‘ Kunst or die trying.

Sein Parsifal wird später auf der Bühne die Diktatur der Kunst ausrufen. Meese nimmt Richard Wagner so ernst, dass er an ihm Spaß haben kann – und das muss man mit dem Humor nehmen, den der Abend versprüht. Keine politische Kraft ist stärker als das Lachen, und Narren sind so frei, wie die Kunst es zu sein hat. Das hat das Premierenpublikum erkannt und amüsiert sich prächtig.

Meese zitiert alles, was nicht bei drei im dritten Rang ist. Er bedient sich aus der Trash- und Popkultur, aus Schundheftchen, bei alten Filmen und noch früheren Fernsehserien. Sein Bühnenbild ist erst eine explodierte Mondlandschaft (mit Rieseneiskasten, denn schließlich geht’s unter den Rittern sehr um Fressen und für Amfortas ums Gefressenwerden), er zeigt seine Version der Villa Wahnfried als Gralshort und einen Wicker Man, in der Menschenopferburg residiert Klingsor. Im dritten Aufzug lässt er zum Karfreitagszauber Fritz Langs „Die Nibelungen“ laufen. Der Meister selbst residiert in Loge eins und zeichnet, schreibt und collagiert live.

Die Figuren hat er sich auf seine Weise anverwandelt: Parsifal ist im heißen roten Höschen und mit Proletenschnäuzer der Zed aus „Zardoz“, ein Sean-Connery-Lookalike, und man muss sagen, dass der Sir nie einen schlechteren Film gemacht hat. Kundry ist Barbarella, und als sie Parsifal täuschen will und sich als Herzeleide ausgibt, kommt sie mit einem Indianerkanu aus den Ewigen Jagdgründen. Meese hat für eine Minute seiner Inszenierung mehr Ideen (und noch dazu lauter logische), als andere Regisseure im ganzen Leben.

The writing on the wall. In der Loge rechts der Chef beim Livezeichnen, -schreiben und collagieren. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Und endlich Erlösung: Daniel Gloger als C3PO-Parzifal mit Zardoz-Maske lässt sich von den Mangamädchen feiern. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Gurnemanz ist ein etwas beleibterer Meese-Klon, natürlich er der Spielmacher. Amfortas hat was von Captain Kirk und leidet an wirbelnder Lollipopallergie, nein, natürlich, die Wunde ist eine Hypnosescheibe. Klingsor schließlich schaut aus wie ein abgefuckter Elvis, und seine bösen Mädchen wie einem Mangamärchen entsprungen. Am Ende wird Parsifal ein goldener C3PO-König sein, mit Zardoz-Maske, auch diese Kombination stimmt: Der Sklave, der sich selbstermächtigt, der „Brutale“, der ein „Ewiger“ wird. Und, dass er mit der Frage „Würdest du Gott töten?“ konfrontiert wird, passt auf Meese wie hingespuckt, der durch Kunst alle Herrschaftssysteme und ergo auch Religionen vernichten will. „Entmitläufert euch!“ ist seine schönste Message.

Gesungen wird in Deutsch, Englisch, Französisch und einer Kunstsprache, die mit Hojotoho! und Wallala, weiala weia! ohne Weiteres mithalten kann. Die Solistinnen und Solisten sind in dieser exaltierten Arbeit allesamt auf der Höhe, getragen von der höchst inspirierten Dirigentin Simone Young, den wunderbaren Klangforum Wien und Arnold Schoenberg Chor.

Countertenor Daniel Gloger ist als Parsifal darstellerisch wie sängerisch eine Sensation, der Mann hat offenbar Kondition ohne Ende – und Improvisationstalent, als die Hynosewunde nicht am heiligen Speer haften bleiben will. Magdalena Anna Hofmann gibt der Kundry mit ihrem sicher geführten Sopran Kraft. Die Bassbaritone Wolfgang Bankl als Gurnemanz, Tómas Tómasson als Amfortas mit dem irren Blick und Martin Winkler als Klingsor überzeugen mit jedem Ton. Winkler, wie man ihn kennt und schätzt, bringt natürlich schauspielerisch eine komische Note ein.

Am Ende gibt’s für alle Eis. Vanille, Erdbeer und Schokolade retten die Welt als Quadrat, Kreis und Dreieck. Dramaturg Henning Nass hat’s in der Werkeinführung erklärt, eine Hommage an Fürst Hermann von Pückler-Muskau. Es folgt der Unendlichachter und Parsifals Aufforderung an Kundry: Ruf mich an! Weiter geht’s nun im Oktober in Berlin mit „Mondparsifal Beta 9-23 (Von einem, der auszog, den „Wagnerianern des Grauens“ das „Geilstgruseln“ zu erzlehren …)“. Thomas Oberender war schon spicken, und er wird wohl daheim berichten, dass man sich freuen kann.

www.festwochen.at

Wien, 5. 6. 2017

Volkstheater: Hochstaplernovelle

März 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fulminantes Solo von Schauspieler Martin Schwanda

Gerissen und geschmeidig: Martin Schwanda verwandelt sich in Robert Neumanns Hochstapler, Dieb und Trickbetrüger Emil. Bild: Christian Mair.

Da ist er also wieder. Emil. Nun begleitet er einen schon seit – wie vielen? – Jahren. Für eine Festwochenproduktion 2013 entdeckte Regisseurin und Salon5-Intendantin Anna Maria Krassnigg den vergessenen, weil von den Nazis aus den Bücherregalen verbannten Wiener Autor Robert Neumann. Entdeckte unter anderem auch seine „Hochstaplernovelle“ aus dem Jahr 1930 und dramatisierte sie. Aus dem „kleinen“ Abend, einer szenischen Lesung in der LiteraTurnhalle, wurde ein durchkomponierter Abend für Krassniggs niederösterreichischen Thalhof – nun machte Emil in der vollbesetzten Roten Bar des Volkstheaters Station.

Martin Schwanda verwandelte sich aufs Neue, und aufs Neue war’s großartig, in den kultivierten, scharfzüngigen, routinierten Gentleman-Betrüger Emil, der Identitäten – bevorzugt solche mit einem „von“  – wechselt, wie andere die Wäsche. Bares bis Brillanten, er ertrickst sich, was grad geht. Doch von seinem gewohnten Jagdrevier, der Côte d’Azur, später Venedig, verschlägt es ihn Richtung „Balkan“. Kleine Fische für den Meeresangler.

Und trotzdem wird er irgendwo im Hotel Nirgendwo auf seine Meister treffen. Ein geheimnisvolles Fürstenpaar … Schwanda, geschmeidig tänzelnd, blasiert, gerissen, bewegt sich zwischen den Zuschauern, macht sie zu seinen Statisten und zur Staffage. Er schenkt den Damen tiefe Blicke – die Verehrerinnen des Ausnahmeschauspielers sitzen bebend mit später zu überreichenden Blumenbouquets auf den Knien, spricht die Herren in Komplizenschaft an. Mehrere Stationen, einen Kartenspieltisch, einen Tennis-Schiedsrichterstuhl, eine aus blaugrünem Licht gepflanzte „Gartenlaube“, hat er sich für seinen Abend aufgebaut. Und einige Versatzstücke bereitgelegt. Je nach Schwindel eine neue Dame, markiert durch ein keckes Hütchen, einen Sonnenschirm aus Spitze, und auch die lässt er in Aufregung erschaudern. Ein Fächer aus Federn wird zum heiß behauchten Nacken. Ein gehäkelter Pompadour Opfer seines nächsten Häkel. Gezinkte Karten im Ärmel sind ein Muss.

Aus Perlenkette und Abendpumps wird ruckzuck eine Baronin. Bild: Christian Mair

Die Herren werden zur Abzocke an den Spieltisch geladen. Bild: Christian Mair

Schwanda hat sich Neumanns glänzend stilistische Sprache, ihre verwehte Elegance, zu eigen gemacht. Er gestaltet den weltversponnenen Professor, den akkuraten Industriellen, die bulgarische Baronesse, deren Akzente, Dialekte, Sprechweisen, Schrullen. Beinah zwei Dutzend Charaktere füllen so facettenreich die Rote Bar. Aus Emil, diesem aus ärmsten Kleinstadtverhältnissen Emporgekrochenen, hat Schwanda zwischenzeitlich den britischen Lord Chesterton gemacht. Hinter dessen Distinguiertheit lässt er von Zeit zu Zeit den unfeinen Taschendieb hervorblitzen. Ein Dämon, ein Spielteufel ist Emil am Kartentisch.

Christian Mair sorgt mit seiner Live-Musik, mit Soundteppich und Geräuschkulisse, für die richtige Atmosphäre im Raum, Ausstatterin Lydia Hofmann schwebt mal im Pelz, mal im Negligée als Denise durchs Bild. Aber: Mit Denise arbeitet Emil nicht mehr – und diesmal erfährt man im Gegensatz zu früheren Fassungen sogar den Grund. Ein wunderbarer Abend, ein fulminantes Solo. Das so nur durch die Initimität und das Flair der Roten Bar möglich war. Und durch Martin Schwanda, diesen Vortragenden der Luxusklasse, diesen Experten für die Vielschichtigkeit der Wiener Zwischenkriegszeit-Literatur. Er lädt ein in sein Kopftheater; locker-leicht entlarvt er dort eine Gesellschaft, die punkto Gier der heutigen nicht unähnlich und in der jeder um irgendeinen Preis käuflich ist. Emil wird sich mit dem „Fürstenpaar“ in Komplizenschaft (ver)einigen. Doch die neuen Zeiten mit ihren neuen Herren klopfen schon an die Tür. Das damalige Ende ist bekannt, das jetzige muss freilich noch ausstehen. Emil, auf ein nächstes Mal!

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Wien, 16. 3. 2017