Paul Theroux: Mutterland

Dezember 19, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Königin Lear narrt ihre Kinder

Dieser Roman macht einen erst wütend, bevor man darin eine Familienfarce vermuten möchte, über die zu lachen sich lohnt. Das heißt: nein, konkret, der Ärger hat nichts mit diesem besonderen Buch zu tun, sondern mit seinem Protagonisten, Ich-Erzähler Jay Justus, wie sein Erfinder Paul Theroux Romancier und Reiseschriftsteller, weil er es nicht schafft, von der Verwandtschaft loszukommen, die Nabelschnur zu kappen, einfach die Koffer zu packen und abzuhauen. Weg von Intrige, Neid und Missgunst. Durchs Feuilleton geistert die Frage, wie autobiografisch diese Arbeit sein mag, hatte doch auch der Autor – gleich seiner Figur – sieben Geschwister und eine Mutter, die 102 Jahre alt wurde.

Theroux sagt, er hätte diese Geschichte zu deren Lebzeiten nicht schreiben können, die Matriarchin hätte dann nämlich Sätze zu lesen bekommen, wie „Mutter war undurchschaubar und rätselhaft, manchmal uneinsichtig, wie eine zornige Gottheit. Unsicher in ihrer Macht besaß sie eine ungeduldige, fordernde Grausamkeit, die aus einem anderen Jahrhundert, einer anderen Kultur zu stammen schien und nie befriedigt war. Das machte sie zu einem notorischen Spielverderber.“

„Mutterland“ ist zweifelsfrei ein Therapiebuch, für den Verfasser und für alle von ihrer Erziehung Deformierten, denen kindliche Dankesschuld wie die katholische Erbsünde in die Wiege gelegt wurde. In Endlosschleife beschreibt Theroux seine Charaktere in den immer gleichen schadenfrohen Formulierungen, schreibt über Mutters Mythos der Aufopferung für die Familie, über ihr Druckmittel Kopfschmerzen, über ihre Stehsätze zu den Sorgen ihrer Kinder „Davon weiß ich nichts!“, „Und wessen Schuld ist das?“, beschreibt eine überlebensgroße Schurkin, manipulativ und mit krankhaftem Hang zu Hiobsbotschaften, seine Geschwister als einen „wütenden, isolierten Volksstamm im Krieg mit sich selber“. Theroux hat mit dickem Pinsel gemalt, sein Jay ist ein beinah Thomas Bernhard’scher Akteur, dessen verzweifelter Zynismus ein Superlativ – und dennoch werden viele finden, dass ihnen dieser Typus der selbstmitleidigen, dauerbeleidigten, einem das Glück und die Zufriedenheit aussaugenden Mater Dolorosa bekannt ist.

Mutters Stunde schlägt mit dem Tod des Vaters. Da ist sie über Achtzig und wird noch mehr als zwanzig Jahre leben, während Jay auf seinen Siebziger zusteuert, da versammeln sich alle Kinder ums Grab in Cape Cod, ohne Aussicht die Halbinsel in Massachusetts jemals wieder zu verlassen. Denn Mutter besteigt gleich einer „Königin Lear“ ihren Thron in Form eines neuen Lederfauteuils und beginnt mit eiserner Faust zu regieren. Über Fred, den verschlagenen Anwalt von „Mutterland“, über den cholerischen Lyriker Floyd, die Schwestern Franny und Rose, beide, so Jay boshaft, „voluminöse Grundschullehrerinnen“, über Krankenpfleger-Sohn Hubby, dieser ein „kreativer Meister im Herabwürdigen und Fehlerfinden“, den fröhlich-unaufrichtigen Diplomat Gilbert – und Jay. Nur eine findet Gnade vor Mutters Augen, Angela, ihr Engel, im Wortsinn, weil sie doch knapp nach ihrer Geburt verstarb.

Jay erzählt nun sein Leben entlang dem seiner Mutter. „Zwei Ehefrauen – erledigt. Zwei Kinder – erledigt. Haus und Grundbesitz erworben und verloren, dito jedes Möbelstück“, lautet sein Resümee gleich zu Beginn. Die folgenden mehr als 650 Seiten sind die Variation seiner Familienaufstellung, eine Vivisektion der verwandtschaftlichen Verdrossenheit, und Jay dabei in der Rolle sowohl des Beichtkinds als auch des Petzers. Mit literarischer Verve legt Theroux die die Familie Justus beherrschenden Macht- und Unterdrückungs- mechanismen bloß, zitiert von der Shakespeare-Tragödie bis zu Henry Millers Rimbaud-Buch „Vom großen Aufstand“: „… der Dämon der Revolte hatte schon früh von mir Besitz ergriffen. Meine Mutter hatte ihn mir eingepflanzt. Und gegen sie, gegen alles, was sie verkörperte, richtete ich meine unkontrollierbare Energie.“

Köstliche Szenen ergeben sich aus diesem Kampf. Etwa die großartig gallige Schilderung vom Fest zu Mutters 90. Geburtstag, um den Tisch lauter Menschen, die sich am liebsten an die Gurgel gehen würden. Oder Jays und Floyds Einbruch in Mutters Haus, um deren Kontoauszüge einzusehen, verteilt sie ihre Gaben, darunter immerhin zwei Häuser, ein Grundstück und etliche hohe Geldbeträge, doch höchst ungerecht unter ihrem Nachwuchs. Allianzen werden geschlossen und zerbrechen wieder. Königin Lear narrt ihre Kinder. Und wird, so Jay, einem Raubvogel immer ähnlicher. Zwar dürr, aber in Topform und hellwach.

Jeder neue Eklat zieht Rundumanrufe unter den Rivalen um Mutters Gunst nach sich, Beschwerden, Beschimpfungen, eskalierende Unflätigkeit. Mutters „bevorzugtes Kommunikationsmittel war das Telefon. Es kam ihrem Bedürfnis nach Geheimniskrämerei und Manipulation entgegen. Sie wurde gern vom Klingeln des Telefons überrascht, liebte die Unberechenbarkeit des Gesprächs, die Macht aufzulegen.“ Für Jay bedeuten die Telefonate eine durch Mutters Indiskretion zerstörte Beziehung, ein durch Floyds vernichtende Rezension geflopptes Buch, aber auch das Wiederfinden eines in Studentenzeiten gezeugten und zur Adoption weggegebenen Sohnes. Am Ende kommt Mutters Ende – und für Jay die Erkenntnis: „Erst als ich alt war und Mutter uralt, hatte ich begriffen, dass sie meine Muse war.“ Diese Wirkmacht lässt sich an diesem wunderbaren Roman ablesen.

Über den Autor: Paul Theroux, geboren 1941 in Medford, Massachusetts/USA, ist mit mehr als dreißig veröffentlichten Büchern einer der weltweit populärsten Gegenwartsautoren. Weltruhm erlangte er vor allem als Reiseschriftsteller. Daneben verfasst er autobiographisch beeinflusste Romane. Theroux ist seit 2013 Mitglied der American Academy of Science and Arts. Er lebt mit seiner Familie auf Hawaii und auf Cape Cod.

Hoffmann und Campe, Paul Theroux: „Mutterland“, Roman, 656 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Theda Krohm-Linke.

www.hoffmann-und-campe.de

  1. 12. 2018

Burgtheater: Der Besuch der alten Dame

Mai 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Güldener Humor in Güllen

Geld, nicht Gefühl, regiert die Welt: Burghart Klaußner als Alfred Ill und Maria Happel als Claire Zachanassian. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Frank Hoffmann inszenierte Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ am Burgtheater, und was man dazu sagen kann, ist: Keine besonderen Vorkommnisse. Der Luxemburger Regisseur und Intendant der Ruhrfestspiele – die Aufführung ist eine Koproduktion – ließ seiner Riege Burgstars Raum und Zeit, ihr ganzes Können zu entfalten, setzte dabei zumindest anfangs ganz aufs Komödiantisch-Groteske.

Und fiel weder angenehm noch unangenehm durch überbordende Regieeinfälle oder zwanghaftes Aktualisieren auf. Güldener Humor in Güllen, sozusagen. Alles schön solide. Handwerklich perfekt, aber mit wenig Kontur. Dass Dürrenmatt in Anmerkungen davon abriet, sein Stück als Allegorie zu sehen, und damit wohl vor verfremdendem Pathos warnen wollte, nimmt Hoffmann allzu genau. Er lässt das Geschehen weitgehend wie vom Blatt abrollen, und findet dabei weder Distanz noch Nähe dazu. Was die Tragikomödie hergibt, wenn hier „Im Namen von Europa“ die „abendländischen Prinzipien“ beschworen werden, muss man sich schließlich selber zusammenreimen. Hoffmann überlässt sich über weite Strecken einem kommentarlosen, einem so ort- wie zeitlosen Ablauf der Handlung.

Im düsteren Bühnenbild von Ben Willikens entfaltet sich, was ein Albtraumspiel hätte werden können; wie in einer unaufgeräumten Lagerhalle auf einem verlassenen Industriegelände liegen und stehen die Reste menschlicher Existenzen herum. Darin die Güllener, bis auf Petra Morzé als Mathilde Ill, ein sangesfreudiger Männerchor, Dietmar König als freigeistiger Lehrer, Daniel Jesch als athletischer Polizist, Marcus Kiepe als hinterfotziger Arzt, Michael Abendroth als doppelzüngiger Pfarrer, aufgescheuchte Honoratioren, Opportunisten und Pragmatiker, die das Geld schon verplanen, bevor Korruption überhaupt geschehen ist. Seltsam drübergespielt wirkt das alles.

Nur Roland Koch gibt den geschwätzigen Bürgermeister als Kabinettstückchen, immer wieder wird er von lauter Musik, von krachenden, scheppernden Industriegeräuschen in die Schranken gewiesen. Der berühmte Panther rührt sich lauthals aus dem Off – Raubtierkapitalismus, eh klar. Petra Morzé gelingt als Mathilde ein eigenes Kunststück. Wie sie mit ihrem Alfred einen Ausflug im Auto genießt, von dem sie weiß, dass es sein letzter sein wird, drückt sie in einem Jammerschrei aus, der angstvoll klingen soll, aber schon ein Leben ohne ihn anstimmt.

Die Güllener spekulieren aufs große Ganze: Burghart Klaußner, Michael Abendroth, Marcus Kiepe, Daniel Jesch, Petra Morzé, Dietmar König und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und mitten drin die Happel mit konkavem Hütchen und kess ausgestelltem Rocksaum. Maria Happel glänzt als Milliardärin Claire Zachanassian, ist als solche hier weder Monster noch Kunstmenschin, sondern eine aus Fleisch und Blut, keine Dämonin, sondern eine geschäftstüchtige Multikonzernmanagerin, der auch einmal die Gefühle aufsteigen. Wiewohl die schnell wieder weggedrückt werden.

Wie Happel von skurriler Fröhlichkeit zu eiskaltem Furor wechselt, ist sehenswert, am eindrücklichsten die Szenen mit dem großartigen Burghart Klaußner als Alfred Ill, da wird ein Übers-Haar-Streichen gleichsam zum Todesurteil. Wobei Klaußner den Ill nicht als vordergründig rattig-ängstlichen Kleinbürger, sondern als Mann mit stolzer Würde anlegt. Gegen Ende nimmt der Abend Fahrt auf, wenn die finale Bürgerversammlung Ill aburteilt und die abgewrackte Stahlhütte bis fast an die Rampe heranrückt. Da geht das Saal-Licht an und mit den Bürgern, die unter Ausreden, mit Ausflüchten und zugunsten der Konjunktur über den Tod befinden, sind natürlich die Zuschauer gemeint. Das ist zwar keine nagelneue Inszenierungsidee, aber immer noch eine wirkmächtige. Wie aus dem langen, zufriedenen Applaus zu schließen.

www.burgtheater.at

  1. 5. 2018

Volkstheater: Klein Zaches – Operation Zinnober

Februar 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

E.T.A. Hoffmanns Politparabel als Gute-Laune-Grusical

Ein großartiger Klein Zaches: Gábor Biedermann, privat 1,87 Meter, spielt auf der Bühne den Zwerg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Jahr 1819 schrieb E.T.A. Hoffmann sein Kunstmärchen vom Klein Zaches. Darin erklimmt ein körperlich wie geistig Verwachsener die Karriereleiter in einem Kleinstaat, indem er anderer Leistungen schlichtweg annektiert. Sein Erfolgsrezept lautet Frechheit, Fake und alternative Fakten. Je höher er steigt, desto mehr wird er brachialer Machtmensch, jede Pose eine Bedrohung, und doch von den abgesägten Honoratioren heftig beklatscht.

Die die Politiker mit Blindheit schlug, ist die Fee Rosabelverde. Sie und ihresgleichen wurden vom Großfürst nämlich aus dem Reich gejagt; der Herrscher setzt neuerdings auf abendländische Aufklärung statt auf das Wirken der Wesen aus dem von bösen Dschinns zerstörten Dschinnistan. Das Asylrecht gilt nicht mehr; Rosabelverde sinnt auf Rache – und platziert im Staat einen Schläfer. In zwanzig Jahren solle er wie eine Bombe platzen, dieser Klein Zaches, dem sie rote Zauberhaare gibt und ihn Zinnober nennt. Der Trug gelingt, nun hält ihn jeder für schön und klug …

Entsprungen ist diese pechschwarze Fantasie aus Hoffmanns Abscheu der Restauration, Spekulationen über Vorbilder für die Figuren gibt’s seit der Entstehungszeit. Erschreckend ist die Aktualität der Erzählung; auch heute findet man Ähnlichkeit mit lebenden Volksverdrehern und deren untoten Parolen, es existieren genug, die nur Zinnober reden. Fürs Volkstheater hat nun also der ungarische Autor Péter Kárpáti aus der literarischen Vorlage ein Theaterstück gemacht, auf Vorschlag von Landsmann Victor Bodo, der „Klein Zaches – Operation Zinnober“ zur Uraufführung brachte. Eine Idee, die so logisch wie reizvoll wie gefährlich war, zumal von zwei Theatermachern, die aus dem Orbán-System kommen. Doch siehe da: Wunder finden statt.

Die Staatsspitze wird im Waschzuber weichgekocht: Gábor Biedermann, Thomas Frank, Jan Thümer und Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Volk auf Talfahrt: Anja Herden, Christoph Rothenbuchner, Evi Kehrstephan, Stefan Suske, Claudia Sabitzer und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kárpáti und Bodo haben auf Zeigefinger wie Zaunpfahl verzichtet, nur einmal gibt es Elendsgestalten hinter Maschendraht; sie brauchen keine plumpen Annäherungsversuche ans Heute, um ihren Abend ebenda zu verorten. Bodo setzt ganz auf Märchen, seine Inszenierung ist ein Gute-Laune-Grusical, bitter, böse, provokant. Alles dreht sich, alles bewegt sich in diesem Kuriositätenkabinett, Kleider qualmen vor Wut, Köpfe rauchen unter der „Durchleuchtung Typ F“-Folter. Menschen werden zu Ratten und als solche erschlagen. Dazu gibt’s Live-Musik unter der Leitung von Klaus von Heydenaber und Live-Kamera von Pablo Leiva.

Hoffmann wird nicht durchdekliniert, Bodo hat lieber frei assoziativ gearbeitet, da kann man schon einmal den Überblick verlieren, da hört man ab und an im Publikum einen Geduldsfaden reißen, wenn sich auf der Bühne der narrative verliert. Kurz, die Aufführung dient der Aufklärung nicht, macht aber Spaß. Bodo hat in der Minute mehr Einfälle, als andere in einem ganzen Regieleben, und das aufgekratzt agierende Ensemble setzt sich in seinen vor Absurditäten strotzenden Albtraumbilder astrein in Szene.

Die Arbeit, die es hier leistet, ist Körperarbeit. Es wird geturnt, getanzt, gefochten, das alles auch in Zeitlupe – und in einem der schönsten Momente sogar die Schwerkraft ausgetrickst. Dazu gilt es das Bühnenmobiliar von Lörinc Boros zu bewegen, Auto, Waschzuber, Gewächshaus, selbst die Wände, ein Darsteller macht den hoppelnden Hasen, ein anderer mit drei Palmwedeln den Wald. Es ist der große Reiz dieser Inszenierung, dass das Publikum das Entstehen des Theaterzaubers wie ein Working in Progress mitverfolgen kann. Die Kamera zoomt noch den kleinsten Schweißtropfen, Stirnrunzeln, ein Verziehen der Mundwinkel, ein angstvoller Seitenblick, hingeworfen auf die Leinwand, dazu „Special Effects“, etwa, wenn bewusstseinsverändernde Substanzen eingenommen und Gesichter rot und blau werden. Ein Höhepunkt des Abends ist ein Zauberduell, als wären Merlin und Mim neuerdings in der „Matrix“.

Ihr Name war nicht Olympia: Aus Candida wird eine gespenstische Maschinenbraut für Zinnober – Evi Kehrstephan und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der geheimnisvolle Egon mit den Studenten Balthasar und Fabian: Günter Franzmeier mit Hirschkopf, Christoph Rothenbuchner und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gábor Biedermann gibt den Zaches/Zinnober. Der 1,87-Meter-Mann verzwergt sich allein durch Mimik und Gestik, das ist große Kunst, wie er aus dem unflätigen Unhold einen ordinären Aufsteiger macht, die Schläge, die er bisher fürchtete nun selber austeilend. Das Triumvirat aus Staatssekretärin (Claudia Sabitzer), Minister (Thomas Frank) und Großfürst (Jan Thümer) ist rasch aufgerollt, einen Widerpart immerhin findet Zinnober im Studenten Balthasar, den Christoph Rothenbuchner als sich ständig selbst über den Haufen werfenden, verzweifelt Liebenden spielt. Das Objekt – im Wortsinn – seiner Hingabe ist Candida, die von ihrem Vater in einen Automaten verwandelt wurde. Evi Kehrstephan spielt mit weißen Horroraugen die Gespensterbaut, Stefan Suske den zwielichtigen Wissenschaftler. Spuk verbreitet auch Anja Herden als Fee Rosabelverde, die Menschen meist von der Leinwand aus überwachend, eine übergroße Big Mother – zum Fürchten, wenn sie Gift und Galle speit. Luka Vlatkovic spielt Balthasars Gefährten Fabian.

Und dann ist da noch Günter Franzmeier als Egon. Angetan wie ein postkommunistischer Hausmeister schlurft er über die Bühne, und doch ist klar, dass er ein Geheimnis birgt. Er kann nämlich nicht nur E-Gitarre spielen, wie schön, dass man den Franzmeier endlich wieder einmal lässt!, sondern auch die Erde kippen. Und Offenbach singen. Am Ende gibt’s einen Attentatsversuch mit Schere und viel Applaus für Schauspieler und Leading Team; ein Extradank ging an die Bühnenarbeiter, die hier Enormes leisten.

www.volkstheater.at

Wien, 13. 2. 2017

Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

August 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

 Eine Satire als Plädoyer gegen den Krieg

bild 1„Hört mal her: Billy Pilgrim hat sich aus dem Lauf der Zeit gelöst.“ So beginnt die Geschichte und sprunghafte Zeitreise von Billy Pilgrim. Kurt Vonneguts Roman „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“, einer der wichtigsten Antikriegsromane der Weltliteratur und Meisterwerk der amerikanischen Postmoderne, 1969 erstmals veröffentlicht, ist nun endlich in neuer Übersetzung von Gregor Hens bei Hoffmann und Campe erschienen. Ein Antikriegsbuch mit jeder Menge Science Fiction, autobiografisch und eine Satire über die USA, streckenweise sehr traurig und doch komisch. Was macht der Krieg mit einem Menschen? Was machen die Bilder und Erinnerungen? fragt das Buch, das ein Kaleidoskop des Irrsinns und des Absurden entwirft und nicht nur die Zerstörung einer Stadt, sondern auch die eines Menschen beschreibt.

Auf 240 Seiten folgt man dem abenteuerlichen Leben Billy Pilgrims, der durch alle Phasen und Episoden seines Lebens driftet. Er hat als US-Soldat die Ardennenoffensive und als deutscher Kriegsgefangener das Bombeninferno von Dresden 1945 in einem ehemaligen Schlachthof (Nummer 5) überlebt. Zurück in seiner Heimat fällt er aus der Zeit, er bewegt sich zwischen den verschiedenen Episoden seiner Biographie: der Hochzeitsnacht und dem Kriegsgefangenenlager, einer Nervenheilanstalt und einem ehemaligen Schlachthof in Dresden, einer behäbigen Existenz als Optiker und einem Zoogehege auf dem Planeten Tralfamador, wo Billy Pilgrim als Spezies Mensch ausgestellt wird. „Wie das so ist.“ Ein Satz, der den Leser das ganze Buch hindurch begleitet.

Als Soldat ist Billy völlig ungeeignet, trotzdem schlägt er sich als wahrhaft reiner Tor durch die Gräuel und Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges, während andere Kameraden sterben, etwa Edgar Derby, der am Schluss wegen Plünderung verurteilt und erschossen wird, oder Roland Weary, der Billy mehrmals das Leben rettete. Und dann gibt es noch das Schlüsselerlebnis: die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 durch die Alliierten. Ein Ereignis, das weder Billy noch Autor Vonnegut je wieder loslässt. „Der Himmel war schwarz vor Rauch. Die Sonne war ein winziger, grimmiger Knopf. Dresden glich einer Mondlandschaft, die Stadt bestand nur noch aus Mineralien. Die Steine waren heiß. Alle Bewohner des Viertels waren tot. Wie das so ist … Der Zweck des Ganzen war, den Krieg schneller zu beenden.“ Bei der Bombardierung der Stadt und dem nachfolgenden Inferno kamen mindestens 25.000 Menschen ums Leben, zum Großteil Zivilisten. Für viele US-Militärs ist diese Episode des Zweiten Weltkrieges immer noch tabu, umso bemerkenswerter, dass Vonnegut sie aufgriffen und zu einem wichtigen Teil seines Romans gemacht hat.

„Schlachthof 5“ ist ein Plädoyer gegen den Krieg, in dem die Soldaten, viele kaum dem Kindesalter entwachsen, ihre Unschuld verloren haben – ob im Zweiten Weltkrieg oder in Vietnam oder im Kinderkreuzzug von 1212, als Tausende von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Deutschland und Frankreich unter der Leitung visionärer Knaben zu einem unbewaffneten Kreuzzug ins Heilige Land aufbrachen. Viele starben beim Marsch über die Alpen oder ertranken bei Schiffbrüchen, andere wurden in Nordafrika als Sklaven verkauft. Palästina erreichte niemand. Nur wenige kehrten wieder in ihre Heimat zurück. Vonneguts Sprache ist voller lebendiger Bilder, manchmal grausam und schockierend, aber auch witzig. Der Vietnamkrieg – das Buch wurde wie gesagt knapp vor 1969 geschrieben – hinterließ seine Spuren.

Zwischen seinen Kriegserlebnissen reist Pilgrim immer wieder in seinem Leben vor und zurück, auch ins Jahr 1967, als ihn die fliegende Untertasse aus Tralfamador verschleppte. Eine Entführung von Außerirdischen, die ihm allerdings niemand abkauft. Er schildert eine Zivilisation, die sich ebenfalls zwischen den Zeiten bewegt und ihr eigenes Ende kennt, indem sie das gesamte Universum in die Luft fliegen lässt. An manchen Tagen haben sie Frieden, an manchen Tagen Kriege. „Wir können nichts gegen sie ausrichten, deshalb vermeiden wir einfach, sie anzusehen. Wir ignorieren sie. Wir bringen eine Ewigkeit damit zu, die angenehmen Augenblicke zu betrachten“, erklärt ein Wärter Billy. Wie das so ist!

Am Schluss des Buches besucht der Autor – im Roman trifft er in deutscher Gefangenschaft in der Stadt auf Billy – mit einem ehemaligen Kameraden noch einmal Dresden, viele Jahre nach dem Krieg. Auch Billy Pilgrim kehrte in die Stadt zurück. Aber nicht in die Gegenwart, sondern in das Dresden, zwei Tage nach der Zerstörung 1945. Auf den letzten Seiten des Romans schildert Vonnegut aus Billys Sicht in erschütternden Bildern, eine einst blühende barocke Metropole, die nun „einer Mondlandschaft gleicht“. „Nichts rührte sich dort draußen, es gab keinerlei Verkehr. Nur ein einziges Fahrzeug stand da, ein zurückgelassener Karren mit zwei Pferden. Der Karren war grün und sargförmig. Vögel zwitscherten. Ein Vogel sagte zu Billy Pilgrim ,Tschilp-tschilp?‘“

Über den Autor:
Kurt Vonnegut wurde 1922 in Indianapolis geboren, seine Vorfahren stammen aus dem westfälischen Münsterland. Anfang 1943 meldete er sich als Freiwilliger zur US Armee und geriet während der Ardennenoffensive in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Bombardierung Dresdens erlebte er im Keller eines früheren Schlachthofs, eine Erfahrung, die in seinen Roman „Schlachthof 5“, der ihn 1969 weltbekannt machte, einfloss. An Kurt Vonneguts Haustür in New York hing bis zu seinem Tod 2007 ein Schild mit der Aufschrift: „Sei, verdammt noch mal, freundlich.“

Hoffmann und Campe, Kurt Vonnegut: „Schlachthaus 5 oder Der Kinderkreuzzug“, Roman, 240 Seiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Hens.

www.hoffmann-und-campe.de

Wien, 11. 8. 2016

Theater zum Fürchten: Nacht.Stücke.

August 8, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

E.T.A. Hoffmann als extravagantes Stationentheater

Bild: Bettina Frenzel

Bild: Bettina Frenzel

Bild: Bettina Frenzel

Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten begibt sich auch diesen Sommer unter die Erde. Ab 14. August zeigt die Truppe rund um Prinzipal Bruno Max „Nacht.Stücke. – Die seltsamen Leiden des E.T.A. Hoffmann“ im Mödlinger Bunker. Gemeinsam mit den Darstellern durchwandert das Publikum den begabten Kopf, das verstörende Leben und das außergewöhnliche Werk dieses Fantasten, dem der Schablonen-Titel „schwarzer Romantiker“ nicht annähernd gerecht wird. Hinter jeder Biegung und in jedem Raum des kilometerlangen Tunnelsystems warten neue Schauspieler, neue Schauplätze, neue Hinweise zur Lösung des unlösbaren Rätsels Hoffmann.

Die verzweigte Stollenanlage des ehemaligen Mödlinger Luftschutzbunkers wird auch diesmal umgestaltet zu einem Kosmos aus Träumen, Ängsten, Exzentrik und skurrilen Bildern, die von den mehr als fünfzig Darstellern zum Leben erweckt werden. Autor und Regisseur Bruno Max sorgt für die Konzeption, Alexandra Fitzinger für die aufwändigen und gothic-schicken Kostüme und Ausstatter Marcus Ganser für die in die Tunnel eingebetteten überraschenden Räume.

Ein hautnahes Theatererlebnis der besonderen Art: Die Zuschauer können sich nämlich nicht in der Sicherheit eines Plüschsessels verstecken, sie sind den Schauspielern und der labyrinthischen Handlung in den Tiefen des Berges mit allen Sinnen wortwörtlich ausgeliefert … Zu sehen bis 4. September, jeweils Donnerstag bis Sonntag. Da das Publikum in kleinen Gruppen durch die Inszenierung geführt wird, gibt es gestaffelte Beginnzeiten: ab 18.30 bis 21.15 Uhr.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 8. 8. 2016