Schauspielhaus Graz/ORF III-Stream: jedermann (stirbt)

April 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlagerschulzen am Würstelstand

Die Tafel des reichen Mannes hier als Tresen einer Imbissbude: Nico Link, Katrija Lehmann, Fredrik Jan Hofmann, Raphael Muff. Lukas Walcher und Evamaria Salcher. Bild: © Lex Karelly

ORF III zeigte gestern im Rahmen der Reihe „Wir spielen für Österreich“ Ferdinand Schmalz‘ zeitgenössisches, grandios wortwitziges Gaukler-Spiel über die Gier und andere Todsünden: „jedermann (stirbt)“ aus dem Schauspielhaus Graz. Die Inszenierung von Daniel Foerster, nominiert für den Nachspielpreis des Heidelberger Stückemarkts 2020, ist noch sechs Tage in der ORF-Mediathek abzurufen. Schrill, schräg, exaltiert und exzentrisch, so präsentiert sich hier die Tischgesellschaft

des reichen Mannes, anderes als in der schwarzgoldenen Uraufführung von Stefan Bachmann am Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28390), ein Video macht den Anfang, als hätt‘ der Herrgott die Sache immer schon auf dem (Bild)-Schirm gehabt. Aus den Garderoben, der Kantine, dem Regieraum eilt sie herbei, die High Society, der Hochfinanzhai hat zur Gartenparty geladen – die Ausstatterinnen Miriam Haas und Lydia Huller haben ihm dafür statt Weltbühne eine Imbissbude aufgestellt.

Schmalz hat seinen Hofmannsthal studiert, bevor er dessen Werk über- und ergo fortschrieb. Derart ist ein Zeitgeist-Zerrspiegel entstanden, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht, sondern vielmehr die akuten Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Dafür hat Schmalz die Figuren neu gruppiert – zur Buhlschaft-Tod, zum armen Nachbar Gott, zu den Werken-Charity, die gleichzeitig der Mammon ist, ganz erschöpft von den vielen Charity-Veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern …

… und dennoch kein Spendenfluss ohne seitenblickendes Fressen und Saufen und Steuervorteile … wobei oder weshalb der Obolus derzeit lieber an gemeinnützige Vereine, vornehmlich solche ohne jegliche im Ibiza-Ausschuss nachzuweisende Verbindung zur einen oder anderen Partei, entrichtet wird … Katrija Lehmann – auch fabelhaft in „Zitronen Zitronen Zitronen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45582, nächster Stream-Termin am 29. April) und „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44995, VR-Brille nun österreichweit zu bestellen) – Katrija Lehmann hat als Charity einen Oscar-reifen Melodram-Auftritt, bevor sie ermattet in Jedermann Raffael Muffs Arme sinkt.

Der arme Nachbar Gott: Henriette Blumenau. Bild: © Lex Karelly

Raphael Muff als Jedermann in der Neonlichtdämmerung. Bild: © Lex Karelly

Lukas Walcher, Katrija Lehmann und Raphael Muff. Bild: © Lex Karelly

Und apropos, arm: In Jedermanns blitzeblank-weißem Paradies, im Dorado des obszönen Lifestyles sind Krethi und Plethi nicht willkommen. Heißt im speziellen Fall, der arme Nachbar-Gott (ist weiblich): Henriette Blumenau mit Perlenbart, die zwar ihren alttestamentarischen Senft zu Jedermanns bevorstehendem Ableben gibt, ansonsten aber mit der Würzpaste ausgiebig besudelt wird. Die diesbezügliche Squeeze-Flasche ist rasch zur Hand, weil: Imbissbude. „Swallow“ steht in Neonschrift über dem Kiosk, Schlucks!, Schlucks runter! Das Friss-oder-stirb gilt denen vorm Zaun, dort wo’s brodelt, wo es Krieg und Kriegsopfer geben soll.

Doch das kriegt er, der’s mit der Wirtschaft-Treibende, der Börsentitan, der sich die Erde als Investment Untertan macht, der eitle Hedgefonds-Hero, nur sehr peripher mit. Zu sehr umgarnt ihn Buhlschaft-Tod, Lukas Walcher als Schwarze Witwe im kleinen Schwarzen, als unheimliche, androgyne Erscheinung die Sensation des Abends. Lasziv lockend, macht er Jedermann glauben, er sei der siebte Sohn des siebten Sohnes, während er in Wahrheit schon den Herzkasperl-Griff à la Domplatz trainiert. Welch eine Performance, die nur so vor Gift trieft.

Auch Raphael Muff spielt grandios als Jedermann, der Kapitalismusgewinnler ein Großkotz, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen, und dennoch zeigt Muff auch sympathische Seiten, kann in stillen Momenten Empathie erweckten. Prätentiös, prahlsüchtig, proletenhaft, am Ende des Tages aber verängstigt und klein, gestaltet Muff im Wortsinn einen jedermann, wie ihn sich Salzburg kaum besser wünschen kann, der Spekulant, der sich punkto Lebenszeit verspekuliert hat, und nun fürchtet, was alle fürchten: alleine gehen zu müssen. In einem Gnadenbild gewährt ihm Göttin Blumenau deshalb eine Pietà.

Foersters Inszenierung schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, und spickt mit Verve die sprachgewaltigen, poetischen Verse mit einem flotten Liedchen hie und da. Schlagerschnulzen am Würstelstand, sozusagen. Höhepunkt: eine Ode an den Fleischkonsum, Musik: Jan Preißler, wen kümmert schon die Klimabilanz solang die eigene stimmt? Wie schön, dass neben Sarkasmus auch der Schenkelklopf-Humor zu seinem Recht kommt.

Das Opferlamm ist auserkoren: Blumenau, Muff, Walcher, Lehmann, Link, Hofmann und Salcher. Bild: © Lex Karelly

Schenkelklopfen mit dickem und dünnem Vetter: Frederik Jan Hofmann, Raphael Muff und Nico Link. Bild: © Lex Karelly

Link als Jedermanns Mutter, Jedermann rechtet mit Gott um sein Überleben: Muff und Blumenau. Bild: © Lex Karelly

Im Wortsinn ein Totentanz: Wenn Link, Muff, Blumenau, Walcher und Salcher tanzen, ist’s ein „Thriller“. Bild: © Lex Karelly

Diesen besorgen vor allem Frederik Jan Hofmann und Nico Link als dicker und dünner Vetter, zwei Volksverdreher, äh: Vertreter in Badehosen, die Schulden für eine Politkampagne angehäuft haben, erst schmeicheln, sich gar demütigen und hündisch züchtigen lassen, aber die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl Jedermanns Konzerne übernehmen werden. Link übernimmt mit geflochtenem Haarkranz und im Trachtendirndl auch den Part von Jedermanns bigott-ländlich-sittlicher Mutter, Lehmann lässt als Mammon die Jedermann-Marionette an ihren Fäden zappeln. Evamaria Salcher will als Jedermanns Frau, man möcht‘ sie für den Glauben halten, dessen Sünden jedenfalls nicht ausbaden.

„jedermann (stirbt)“ vom Grazer Schauspielhaus schillert in allen Farben der Gegenwart, überzeugt durch ein fabelhaftes Ensemble, hervorragende Regieeinfälle und zombieösen Michael-Jackson-Thriller-Totentanz. Daniel Foerster hat aus Ferdinand Schmalz‘ Vorlage ein absurdes Theater, ja, ein Grand Guignol gemacht, samt Kasperl, Gretel, Krokodil jenseits aller Gendergrenzen. Doch bei all dem – siehe Würstelstand – blunznfetten Champagnisieren schreit die gesellschaftspolitische Brisanz laut auf: die Finanzoligarchie ist eine vielköpfige Hydra, sie zu bezwingen eine Herkules-Aufgabe.

„die eigentliche lehr, / die wir aus diesem spiele ziehen können, / ist, dass einer hier geopfert wird, / um unsere gemeinschaft rein zu waschen“, heißt es bei Schmalz, und ein Schelm, wer da ans Tagesaktuelle denkt. „Für all die lebenden Toten, für all die toten Lebenden“, sagt Buhlschaft Walcher singe man jetzt. Auf Deutsch, die ersteren in Europa, die zweiteren hinterm Festungswall. „Wir sind die Welt, wir sind die Kinder, wir haben den besseren Tag, also fangt an zu geben …“ Wahre Worte, die niemand leugnen kann.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=O6SDIlBXUyM           schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com           tvthek.orf.at

  1. 4. 2021

H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hofmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hofmann im Amalthea-Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hofmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hofmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hofmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

amalthea.at           www.mandelbaum.at           www.residenzverlag.com           www.suhrkamp.de

13. 4. 2021

Goldie Goldbloom: Eine ganze Welt

April 6, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Clinch mit Gottes Regeln

„Ist das nicht aufregend?“, fragt Hebamme Val die schwangere Frau. Surie zögert. „Nein“, sagt sie. „Ich habe mich darauf gefreut, endlich ein bisschen Zeit für mich zu haben.“ Sie hätte aber doch zehn Kinder und zweiunddreißig Enkelkinder, was machten da ein, zwei zusätzliche schon groß aus, meint die Geburtshelferin. „Surie antwortete leise, dass ein einziges Kind eine ganze Welt sei …“

Surie Eckstein ist die Protagonistin in Goldie Goldblooms neuem Roman „Eine ganze Welt“, „eine Frau, von der die anderen Leute glaubten, sie wüssten alles über sie – Ausländerin [denn zu dieser macht sie sich freiwillig im eigenen Land], religiöse Fanatikerin, ein anachronistischer Witz, eine ungebildete Mutter“, die kaum englisch, sondern jiddisch spricht, die unter der obligaten Perücke kahlgeschoren ist und den Körper verhüllende Kleidung trägt.

Surie lebt in Williamsburg, New York, als wertgeschätztes Mitglied der chassidischen Gemeinde, die anderen, das sind die jenseits der Synagoge in der Kent Street, die allzu leicht ein Urteil über das fällen, was ihnen „fremd“ ist. Das jüdische Brooklyn liegt für sie im Nirgendwo eines gewesenen Jahrhunderts, ein Schtetl, wie’s ihnen

nur in Barbra Streisands „Yentl“ gefällt. Den ultraorthodoxen Gläubigen sind die Vorurteile der Yuppie-Hood freilich einerlei, jetzt aber fürchtet Surie den Schuldspruch ihrer nächsten Nachbarschaft. Im „knarzenden Alter“ von 57 Jahren erwartet sie Zwillinge, welch ein Regelverstoß! Im Gegensatz zu Ehemann Yidel, dem 62-jährigen Sofer des Tempels, dessen schlimmster es ist, abends unter der Dusche zu singen. Sie hat den Brustkrebs überwunden, und die beidseitige Mastektomie. Soll sie die bevorstehende Niederkunft als nahezu so wundersam preisen, wie die von Sarah, Abrahams Frau?

Die Schande! Der Skandal! Ein Sex-Skandal, würde die Geburt doch bekanntmachen, dass Yidel sie „über das normale Alter hinaus“ begehrenswert findet. Nach der Geburt des jüngsten Sohnes Chaim Tzvi, als sie es bereits „ungefährlich“ wähnten, hatten sie die Betten zusammengeschoben und kostbare Tage einer stillen Innigkeit waren abgebrochen. „Die meisten Mütter in der Gemeinde hatten mit Anfang vierzig den Laden dichtgemacht“, nun würden sie beim Anblick des „sexbesessenen Flittchens“ erröten – und alle Heiratschancen für ledige Kinder und Kindeskinder wären auf ewig zunichte gemacht …

Mit solch frechen, flotten Formulierungen führt die Chicagoer Autorin Goldie Goldbloom, sie selbst chassidisch, achtfache Mutter, queer und bekannte Streiterin für LGBTQ-chassidische Jugendliche, in Suries Gedanken- und eine den meisten unbekannte Welt ein, zu deren Erklärung es ein Glossar und eine Eckstein’sche Familientafel braucht. Eine Welt, in der einzig die ein Leben lang die Gebote Gottes studierenden Männer das Sagen haben: „Nuschim, zeyt schtil!“ – und trotzdem die ungarische Holocaust-Überlebende und Urgroßmutter Dead Onyu das letzte Wort hat. Und im Gegensatz zur jüdisch-amerikanischen Literatur von Philip Roth bis Chaim Potok erfährt Surie keinen Glaubensverlust.

Gleich einem weiblichen Hiob liebt sie Gott, sie kämpft nicht mit IHM, sondern jenen restriktiven Regeln, die ihr mehr und mehr von ihren Mitmenschen diktiert und deshalb ablehnenswert scheinen. Dies trifft vor allem auf den Umgang der Gemeinde mit Suries Sechstgeborenem Lipa zu, geboren 1981, gestorben 2003, der nach Kalifornien ging, eigentlich dorthin vertrieben wurde. Eine unausgesprochene Verbannung, ausgesprochen wegen Lipas Homosexualität, das Problemkind, das in Manhattan der-Teufel-weiß-wen datete und sich mit HIV infizierte. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Lipa in seinem Ghetto nie von Aids gehört hatte, Goldbloom schreibt, dass er, der das Wort schwul gar nicht kannte, also auch „Kondome für Gebiete, über die mehrere Staaten herrschten, hielt“.

„Surie zog Gummihandschuhe und einen Mundschutz an und warf das Geschirr, von dem er aß, in den Ofen im Keller.“ Als der Anruf kam, „hielt Yidel das Telefon weg von seinem Ohr, weil ihm nicht klar war, wie die Infektion weitergegeben wurde“. Die Eltern müssen den Leichnam des Sohnes in San Francisco identifizieren, ein ausgemergelter Körper, 35 Kilo schwer und voller Drogeneinstiche. Lipa hatte sich im Golden Gate Park erhängt, das wird sich Surie nie verzeihen, dass sie ihm die goldbestickte „girly Jarmulke“ und anderes und damit ihre Empathie vorenthielt, doch immer noch, wenn sie mit Yidel über Lipa reden will, verlässt der fluchtartig das Haus. Das wird sie ihm nicht verzeihen.

Diese 288 Seiten währende Schuld, diese offene Wunde unter all den Eckstein’schen Narben, ist die eigentliche Story in „Eine ganze Welt“, nicht die späte Schwangerschaft. Eine ganze Welt, das sind zum Ersten die ungeborenen Babys, dann die gesamte Familie, schließlich Hasidic Williamsburg. „Wenn ich noch einmal die Chance hätte, würde ich ihn nach Hause holen und im bequemsten Bett schlafen lassen, und ich würde zu ihm sagen, dass er seinen Freund mitbringen soll, und meine Kinder und Enkelkinder sollen ihn anlächeln und nie damit aufhören. Weil Elternliebe nie aufhört, nie aufhören sollte“, sagt Surie zu Val.

Die Beziehung der orthodoxen Jüdin mit der unkonventionellen Hebamme wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Während die Krankenhausärzte einerseits über die ihnen medizinischen wie medialen Ruhm sichernde Sensation jubeln und sich andererseits mittels Aktenvermerken „für den Fall, dass etwas schiefgeht“ absichern, Stichwort: Hochrisikoschwangerschaft, während Surie über einen Abbruch derselben, der nicht rabbinisch sanktioniert wäre, nachdenkt, und sich ihr ob dieses sündigen Denkens der Magen umdreht, erkennt Val das Talent der vielfachen, in Geburten erfahrenen Mutter, auf ängstliche Schwangere beruhigend zu wirken.

Surie, die Yidel nach wie vor nichts gesagt hat, weil sie befürchtet, er wäre zornig und würde sie nicht länger lieben – Dead Onyu, der sie sich anvertraute, freut sich zwar schon darauf, „die kleinen Bubeles in ihren identischen Sachen“ und im brandneuen, von ihr gestifteten „europäischen“ Kinderwagen durch den Bezirk zu kutschieren, die älteste Tochter Tzila Ruchel aber war so angewidert von Mutters Gräueltat, dass Surie befürchtete, sie werde sich übergeben -, Surie also wird Laienhebamme im Krankenhaus. Für sie ein Grund, Yidel auszuweichen, der ihre wachsende Leibesfülle den Wechseljahren zuschreibt, für ihn ein Grund, seinen Freunden zu schildern, wie sehr sich seine Frau bei Bikur cholim engagiere – es gibt keine größere Mizwe!

Lügen, Schwindeleien, Notlügen, zu denen Surie nun regelmäßig Lipa erscheint, die Fäuste vor Wut geballt, den Mund offen, als würde er schreien. Doch Goldbloom wandelt die Momente des weiblichen Gehorsams in winzige Momente der Wahl, und Surie versteht die Bedeutung dieser kleinen Entscheidungen. Sie emanzipiert sich auf ihre Art, berät eine vierzigjährige Anwältin, die über Schwangerschaftsstreifen klagt, macht einer jungen Mexikanerin nach der sechsten Fehlgeburt Mut. Die Beschäftigung wird zum Beschwichtigungsmechanismus für Suries eigene Situation.

Bild: pixabay.com

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Und plötzlich sitzt sie als Jiddisch-Dolmetscherin der Teenager-Tochter einen Nachbarin gegenüber, geschwän- gert von jenem Schulpsychologen, zu dem Surie Lipa schickte – was diesen weiland in Panik versetzte. Surie, die keinen Kopf mehr dafür hat, mit ihren Freundinnen die beste Fleckentfernung und das schmackhafteste Kochrezept zu diskutieren, beschließt zu handeln. Sie sucht die Mutter des Mädchens in der Division Avenue auf – „On Division“ ist der Original-Titel des Romans -, die nicht öffnen will. „In der Mikwe würden die Männer am Erew Schabbes sagen, dass Rebezn Eckstein die Tür einer Frau eingetreten hatte“, doch Surie will ihre Schutz- befohlene vor einem Schicksal, wie es Lipa ereilte, ein „verlorenes Kind“ der Gemeinde zu werden, bewahren.

Dies der Goldbloom größte Abkehr von der jüdisch-amerikanischen Autoren-Tradition, die sich gemeinhin auf die persönliche Befreiung konzentriert, Asher Lev mit Kunst, Alexander Portnoy via Sex. Suries Befreiung aber soll der Weg zu einer gesellschaftlichen, sozialen, zeitgeschichtlichen sein. Statt dass Goldbloom Surie von ihrer Gemeinschaft befreit, bittet Surie ihre Gemeinschaft sich von ihrem schlimmsten Selbst zu befreien. Goldbloom kann dies genau deshalb tun, weil Surie den chassidischen Regeln folgt, Regeln, die ihr Dasein heiligen, wobei sie aber langsam und schmerzhaft akzeptiert, dass sie umso weniger bedeuten, je wirkmächtiger sie Lipas Leben zur Hölle gemacht haben.

Diese Akzeptanz ermöglicht es Surie, Regeln mit Bedacht zu brechen. Sie wägt ihren Ungehorsam sorgfältig ab. Persönliche Freiheit wird für Surie wichtig, aber nicht in dem, was ihr Mann das gojische „Ich, Ich, Ich“ nennt; sie befreit sich für die Menschen, die sie liebt, wie sie Gott liebt – und auf die Leserin strahlt Hoffnung … Das alles erzählt Goldie Goldbloom nicht ohne Humor, nicht ohne jüdischen Witz. So oft man über die bigotte Verbohrtheit der Williamsburger den Kopf schüttelt, so oft muss man auch schmunzeln.

Ob Surie ihr Hebammen-Lehrbuch im Wäschekorb versteckt, wo Yidel es findet und „das schmutzige Ding“ in den Ofen wirft, worauf Surie am nächsten Tag ein neues Exemplar mit nach Hause bringt: „Wenn jemand außerhalb der Familie erfuhr, dass sie sich zur Hebamme ausbilden ließ, würde keine Schule in ganz Williamsburg mehr ihre Kinder aufnehmen. Niemand würde mehr Yidel damit beauftragen eine neue Thorarolle zu schreiben. Ein Stein würde durch ihr Fenster fliegen. Schulfreunde würden nicht mehr zum Spielen kommen. Das Fleisch vom Metzger wäre zu fett, und die Papiertüte würde auf dem Nachhauseweg zerreißen …“

Ob Ruchel unter der Matratze ihres jüngeren Bruders Mattis gewisse Heftchen findet, Mattis, um dessen Schidech sich die Mutter längst kümmern sollte, und der sich nun als siebzehnjähriger „Leptup-Pornograph“ entpuppt, wo bereits der Besitz eines solchen satanischen Geräts den Ausschluss aus der Schil bedeutet. Mattis wandelte auf Lipas Spuren, er schämt sich ein Chasside zu sein und will lieber als hipper New Yorker leben!

Ob die allzu intelligente Enkelin Miryam Chiena Bubbie Suries Aufklärungs- und Geburtshilfe-Illustrationen findet und erklärt haben will, „etwas, worüber kein anderes Mädchen Bescheid wusste, und das Kind dann wieder in die Schule zu schicken, sei doch, als würde sie ein Geschoss abfeuern …“ Gern hätte man mehr gewusst über die arme Gittel, die Tochter, mit deren missglückter Hochzeit das Buch beginnt, mit einem Bräutigam, „der sich die Schläfenlocken schnitt, der eine lange Hose statt der würdevollen dreiviertellangen mit den weißen Kniestrümpfen trug“ – und seine Mutter kein Kopftuch! Und sein billiger Schtrajml – alles tropfte vor Modernität!

Inwieweit Surie die chassidischen Lebensgewohnheiten und das 21. Jahrhundert in sich vereinen und mit ihrem Glauben vereinbaren kann, gilt es selber nachzulesen. Die Wehen setzen ein, der noch immer ahnungslose Yidel ist in der Schil, wegen Schawuot darf nicht telefoniert werden, auch nicht mit Val, und weil keiner die Schabbat-Schaltung des Lichts geändert hat, ist es in der Wohnung stockdunkel. Ihre Unwahrheiten, ihre Heimlichkeiten drohen Surie zum Verhängnis zu werden. „Val glaubte, dass Geheimnisse etwas über Charakterstärke aussagten. Jetzt wusste Surie, dass das nicht stimmte. Geheimnisse waren die Wurzel von Schwäche …“

„Eine ganze Welt“ ist ein wunderbares Buch voller Weisheit über den Unterschied zwischen dem Leben, wie es sein sollte und wie es ist, über Ressentiments hie wie da, und wie es sie zu überwinden gilt. Goldie Goldbloom zeigt auf, wie schwierig es sein kann, sich selbst zu akzeptieren, sich in Selbstreflexion zu üben, sich selbst zu erkennen, und wie das, was – nicht nur chassidischen – Frauen als Stabilität und Sicherheit vermittelt wird, oft nur zu deren Käfighaltung führt. Ihr Roman gleicht einem Plädoyer für Mitmenschlichkeit, fürs Miteinander, für die Gleichheit aller Menschen, einem Plädoyer dafür, dass Regeln für Menschen, nicht die Menschen für die Regeln gemacht sind. Dem deutschsprachigen Feuilleton ist dieses literarische Kleinod weitestgehend entschlüpft, drum sei hier noch ein Wort gesagt: Lesenswert!

Über die Autorin: Goldie Goldbloom, geboren 1964 in Perth, Australien, wurde für ihren ersten Roman „The Paperbark Shoe“ mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman „Eine ganze Welt“ war in den USA ein großer Erfolg, wurde mit dem Jewish Fiction Award 2020 geehrt und erscheint in zahlreichen Sprachen. Goldbloom lebt als Chassidin in Chicago und hat acht Kinder.

Hoffmann und Campe Verlag, Goldie Goldbloom: „Eine ganze Welt“, Roman, 288 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube.

hoffmann-und-campe.de           www.goldiegoldbloom.com

FILMTIPP:

Der Netflix-Zweiteiler „Unorthodox“ von Regisseurin Maria Schrader erzählt von der 19-jährigen Chassidin Esty, die vor einer arrangierten Ehe aus Williamsburg nach Berlin flieht, und dort ungeahnte Freiheiten kennenlernt. Während sie an der Barenboim-Said-Akademie Musik zu studieren beginnt, reisen ihr Ehemann Yakov und dessen Cousin Moische an, um sie gegebenenfalls mit Gewalt zurückzuholen … www.netflix.com   Trailer: www.youtube.com/watch?v=t5mzqg-d_tU

  1. 4. 2021

Fang Fang: Wuhan Diary

September 5, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Virus mit trockenem Humor bekämpft

„Natürlich fehlt es bei aller Rührung nicht an Komik. Es gibt ein Video, das das medizinische Hilfsteam der Provinz Sichuan bei seiner Abfahrt nach Hubei zeigt. Ein Ehemann ruft seiner Frau im Bus zu: ,Zhao Yingming, komm gesund zurück! Dann übernehme ich für ein Jahr die gesamte Hausarbeit, versprochen!‘ Zhao Yingming ist wohl inzwischen wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt. Umgehend kursierte im Netz ein Video, worin es heißt: ,Geschätzte Netizens, überwacht bitte, ob der Ehemann tatsächlich sein Jahr Hausarbeit abarbeitet!‘ Es löste großes Gelächter aus.“

Derart sind die Blog-Einträge, die die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang von 25. Jänner bis 24. März 2020 als Online-Tagebuch veröffentlichte. Fang Fangs Impressionen aus ihrer Heimatstadt Wuhan in der Provinz Hubei, Geschichten aus einer Neun-Millionen-Einwohner-Metropole, der #Corona-Metropole, die 76 Tage lang komplett von der Außenwelt abgeriegelt wurde, Fang Fangs Schilderungen voll Wärme, Mitgefühl, Zorn und immer wieder Hoffnung, die in China mehr als 100 Millionen Internetfollower fanden, sind nun auf Deutsch als Buch erschienen.

„Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ liefert einen unverstellten Blick auf den Beginn der #Corona-Pandemie, ist ganz nah an den Menschen, ihren Nöten und Ängsten, ihrer überbordenden Nachbarschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft. Und wie Fang Fang das Virus mit dem sprichwörtlichen Wuhaner trockenem Humor bekämpft und die Propaganda des Pekinger Parteiregimes mit glühender Leidenschaft ad absurdum führt, lehrt sie den Leser die Chinesinnen und Chinesen neu einzuschätzen und zu schätzen – ihren Mut, ihre Findigkeit in vertrackten Situationen, ihren Hang zur Anarchie, wo immer das offizielle Narrativ ein Freizeichen dafür lässt.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis“, schreibt Fang Fang, das erste „Wir“ dabei eine höfliche Formulierung für zwanzig Tage systemimmanentes Lügen und Verschweigen, samt Kriminalisierung couragierter Ärzte, in denen das Wissen um #Covid-19 nicht publik gemacht wurde – mit katastrophalen Folgen für die ganze Welt.

Bild: pixabay.com

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Denn bereits im Dezember 2019 warnte der Arzt Li Wenliang in einer WeChat-Gruppe Kollegen angesichts einer Serie von Lungenentzündungen im Zentralkrankenhaus Wuhan vor einem neuartigen Virus – worauf er und sieben weitere Ärzte unter Androhung von Strafe eine Schweigepflichtserklärung unterschreiben mussten, an die sich Li Wenliang freilich nicht hält. Der Tod des Whistleblowers Anfang Februar löste in ganz China Proteste aus. Bei Fang Fang ist zu lesen, wie die Wuhaner am Abend mit Taschenlampen und Smartphones einen Lichtstrahl in den Nachthimmel senden, um den tapferen Mediziner zu ehren.

Auch von sich selbst berichtet Fang Fang. Wie sie eine Liste zusammenstellt, wen sie wann und wo ohne Maske getroffen hat. Von der quälenden Ungewissheit, ob sie oder einer aus ihrer Familie sich infiziert haben. Vom verzweifelten Versuch, Schutzmasken zu kaufen. Von langen Menschenschlangen vor den Krankenhäusern und einem Personal knapp vor dem Kollaps. Wir haben der Regierung allzu sehr vertraut!, empört sie sich in diesem Post. „… nun irrten unzählige Erkrankte in eisiger Kälte durch Sturm und Regen in der Stadt herum, auf der vergeblichen Suche nach medizinischer Behandlung.“  Die Ermahnungen der Ärzte? „Solange ihr noch Reis habt, esst lieber nackten Reis, auf keinen Fall die Wohnung verlassen! Na gut, wir hören auf sie.“

Und während die pensionierte Vorsitzende des regionalen Schriftstellerverbandes im Fernsehen zusieht, wie in nur zehn Tagen das Notkrankenhaus Huoshenshan aus dem Boden gestampft wird, wird erstmals einer ihrer Blog-Einträge gesperrt. „Es gibt ein Schweigen, das lügt“, zitiert Fang Fang Victor Hugo, und berichtet: „Die Netzzensur erregt bereits den Zorn der Bevölkerung. Die Leute spielen Katz und Maus mit ihr, ein Text wird nach dem Löschen sofort wieder gepostet, gelöscht, erneut gepostet, gelöscht, erneut gepostet. Schlag auf Schlag. Die Zensur kommt kaum nach, kriegt es nicht in den Griff.“ Das Bewahren eines Textes wird zur heiligen Verpflichtung. Seltsam mutet es an, zu Zeiten von Fake News und Hass im Netz, zu erfahren, dass andernorts das World Wide Web der Hort der Wahrheit und des Widerstands ist.

Bild: pixabay.com

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Fang Fang notiert lakonisch. Den Durchhaltewillen der Großstadtbewohner, die Unfähigkeit von Funktionären, die Aufopferung von Ärzten, die physischen und psychischen Herausforderungen der Quarantäne. Nichts entgeht ihrem scharfen Auge. Sie beteiligt sich an Gruppeneinkäufen und Kochdiensten für ihren Häuserblock, sie weiß ums Decke-auf-den-Kopf-Fallen: „Mein ältester Bruder beschreibt es in einfachen Worten: ,Es ist sehr langweilig. Wir glotzen Serien, um uns die Zeit zu vertreiben‘“, sie sorgt sich um die Waisen der Epidemie, die von den Behörden „eingesammelt“ werden : „… das jüngste nur vier, fünf Jahre alt. Sie fürchten sich vor Leuten in Schutzanzügen, auch vor Leuten mit Schutzmasken“.

Und sie sorgt sich um ihren betagten Hausgenossen: „Mein alter Hund ist schmutzig und stinkt, sein altes Hautleiden ist wieder aufgebrochen. Meine Hände sind verbraucht und rissig, ich wage nicht, ihn zu waschen. Wann öffnen die Tierkliniken? Ich lasse ihn jeden Tag in den Hof und tröste ihn: Warte nur ein paar Tage, bald fühlst du dich wieder besser.“

Als sie sich über dröhnende Erfolgsmeldungen mokiert, den leere Phrasen dreschenden Kader, die Unfähigkeit der „Maulwerktätigen“, wird sie, kein Parteimitglied, aber auch keine Dissidentin, gezielt angegriffen. Man beschimpft und bedroht sie, auch Todesdrohungen sind dabei, von Stunde zu Stunde schwebt die Sperrung ihres Accounts wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf. Dennoch gibt sie Auskunft über den Einsturz des Xinjia-Hotels in Quanzhou, das als Quarantänestation benutzt wurde, über den Unmut des WHO-Mitglieds Yuen Kwok-yung: „Man hat uns während unseres Aufenthalts in Wuhan ausschließlich ,Mustereinheiten‘ vorgeführt. Sie hatten auf jede unserer Fragen eine Antwort parat, es war offensichtlich alles einstudiert“, über Leichensäcke, die bei Nacht und Nebel in Transporter geschichtet werden.

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Fang Fang verfügt mittlerweile über unzählige Quellen, es nimmt Tage in Anspruch alle Nachrichten auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Den sie mit Hass und Häme überschüttenden, mutmaßlich regierungsgesteuerten Trollen steht eine Armada von Menschen gegenüber, die der Schriftstellerin verifizierte Informationen zukommen lassen, die sie dann ihrerseits weitergibt. Fang Fang gibt nicht nur den Bewohnern Wuhans eine Stimme, sondern öffnet nun auch Herz und Hirn der deutschsprachigen Leser. Welch eine mutige Frau, welch ein Buch!

Was das „Wuhan Diary“ zeigt ist, dass im Reich der Mitte nichts mehr unbeweint, unbenannt, verschwinden und vergessen werden kann. Wenn jetzt eine Parteizeitung aus dem Testament eines am Virus Sterbenden lediglich den Satz „Meinen Leichnam vermache ich dem Land“ zitiert, gibt es eine Schriftstellerin, die ihrem millionenfachen Lesepublikum mitteilen kann: „Tatsächlich stehen in den letzten Worten noch weitere vier Zeichen: ‚Ach, meine Frau!‘. Hat die Zeitung für diese ‚kleine‘ Liebe nur Verachtung übrig?“ Es ist tragisch und paradox, dass ausgerechnet diese zutiefst menschliche, auf ihre Art patriotische Stimme zum Schweigen gebracht werden soll.

Ein letzter Eintrag sei zitiert, 5. März 2020, Vizeministerpräsidentin Sun Chunlan besucht ein Wohnviertel in Wuhan, wofür die Gegend aufpoliert, die Lebensmittel in den Läden aufgestockt werden. Fang Fang: „Heute erregt ein Video gewaltigen Aufruhr in Wuhan: Bei der Inspektion eines Wohnviertels durch eine Führungspersönlichkeit der Zentralregierung rufen Leute aus den umliegenden Wohnhäusern ,Fake! Alles Fake!‘. Die Führungspersönlichkeit bricht den Besuch daraufhin auf halbem Weg ab.“  Nun sage keiner, davon könne man hierzulande nichts lernen …

Über die Autorin: Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. In den vergangenen 35 Jahren hat sie eine Vielzahl von Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Stets spielten die Armen und Entrechteten in ihren Werken eine große Rolle. 2016 veröffentlichte sie den von der Kritik gefeierten Roman „Weiches Begräbnis“, für den sie mit dem renommierten Lu-Yao-Preis ausgezeichnet wurde.

Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

www.hoffmann-und-campe.de

  1. 9. 2020

Paul Theroux: Mutterland

Dezember 19, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Königin Lear narrt ihre Kinder

Dieser Roman macht einen erst wütend, bevor man darin eine Familienfarce vermuten möchte, über die zu lachen sich lohnt. Das heißt: nein, konkret, der Ärger hat nichts mit diesem besonderen Buch zu tun, sondern mit seinem Protagonisten, Ich-Erzähler Jay Justus, wie sein Erfinder Paul Theroux Romancier und Reiseschriftsteller, weil er es nicht schafft, von der Verwandtschaft loszukommen, die Nabelschnur zu kappen, einfach die Koffer zu packen und abzuhauen. Weg von Intrige, Neid und Missgunst. Durchs Feuilleton geistert die Frage, wie autobiografisch diese Arbeit sein mag, hatte doch auch der Autor – gleich seiner Figur – sieben Geschwister und eine Mutter, die 102 Jahre alt wurde.

Theroux sagt, er hätte diese Geschichte zu deren Lebzeiten nicht schreiben können, die Matriarchin hätte dann nämlich Sätze zu lesen bekommen, wie „Mutter war undurchschaubar und rätselhaft, manchmal uneinsichtig, wie eine zornige Gottheit. Unsicher in ihrer Macht besaß sie eine ungeduldige, fordernde Grausamkeit, die aus einem anderen Jahrhundert, einer anderen Kultur zu stammen schien und nie befriedigt war. Das machte sie zu einem notorischen Spielverderber.“

„Mutterland“ ist zweifelsfrei ein Therapiebuch, für den Verfasser und für alle von ihrer Erziehung Deformierten, denen kindliche Dankesschuld wie die katholische Erbsünde in die Wiege gelegt wurde. In Endlosschleife beschreibt Theroux seine Charaktere in den immer gleichen schadenfrohen Formulierungen, schreibt über Mutters Mythos der Aufopferung für die Familie, über ihr Druckmittel Kopfschmerzen, über ihre Stehsätze zu den Sorgen ihrer Kinder „Davon weiß ich nichts!“, „Und wessen Schuld ist das?“, beschreibt eine überlebensgroße Schurkin, manipulativ und mit krankhaftem Hang zu Hiobsbotschaften, seine Geschwister als einen „wütenden, isolierten Volksstamm im Krieg mit sich selber“. Theroux hat mit dickem Pinsel gemalt, sein Jay ist ein beinah Thomas Bernhard’scher Akteur, dessen verzweifelter Zynismus ein Superlativ – und dennoch werden viele finden, dass ihnen dieser Typus der selbstmitleidigen, dauerbeleidigten, einem das Glück und die Zufriedenheit aussaugenden Mater Dolorosa bekannt ist.

Mutters Stunde schlägt mit dem Tod des Vaters. Da ist sie über Achtzig und wird noch mehr als zwanzig Jahre leben, während Jay auf seinen Siebziger zusteuert, da versammeln sich alle Kinder ums Grab in Cape Cod, ohne Aussicht die Halbinsel in Massachusetts jemals wieder zu verlassen. Denn Mutter besteigt gleich einer „Königin Lear“ ihren Thron in Form eines neuen Lederfauteuils und beginnt mit eiserner Faust zu regieren. Über Fred, den verschlagenen Anwalt von „Mutterland“, über den cholerischen Lyriker Floyd, die Schwestern Franny und Rose, beide, so Jay boshaft, „voluminöse Grundschullehrerinnen“, über Krankenpfleger-Sohn Hubby, dieser ein „kreativer Meister im Herabwürdigen und Fehlerfinden“, den fröhlich-unaufrichtigen Diplomat Gilbert – und Jay. Nur eine findet Gnade vor Mutters Augen, Angela, ihr Engel, im Wortsinn, weil sie doch knapp nach ihrer Geburt verstarb.

Jay erzählt nun sein Leben entlang dem seiner Mutter. „Zwei Ehefrauen – erledigt. Zwei Kinder – erledigt. Haus und Grundbesitz erworben und verloren, dito jedes Möbelstück“, lautet sein Resümee gleich zu Beginn. Die folgenden mehr als 650 Seiten sind die Variation seiner Familienaufstellung, eine Vivisektion der verwandtschaftlichen Verdrossenheit, und Jay dabei in der Rolle sowohl des Beichtkinds als auch des Petzers. Mit literarischer Verve legt Theroux die die Familie Justus beherrschenden Macht- und Unterdrückungs- mechanismen bloß, zitiert von der Shakespeare-Tragödie bis zu Henry Millers Rimbaud-Buch „Vom großen Aufstand“: „… der Dämon der Revolte hatte schon früh von mir Besitz ergriffen. Meine Mutter hatte ihn mir eingepflanzt. Und gegen sie, gegen alles, was sie verkörperte, richtete ich meine unkontrollierbare Energie.“

Köstliche Szenen ergeben sich aus diesem Kampf. Etwa die großartig gallige Schilderung vom Fest zu Mutters 90. Geburtstag, um den Tisch lauter Menschen, die sich am liebsten an die Gurgel gehen würden. Oder Jays und Floyds Einbruch in Mutters Haus, um deren Kontoauszüge einzusehen, verteilt sie ihre Gaben, darunter immerhin zwei Häuser, ein Grundstück und etliche hohe Geldbeträge, doch höchst ungerecht unter ihrem Nachwuchs. Allianzen werden geschlossen und zerbrechen wieder. Königin Lear narrt ihre Kinder. Und wird, so Jay, einem Raubvogel immer ähnlicher. Zwar dürr, aber in Topform und hellwach.

Jeder neue Eklat zieht Rundumanrufe unter den Rivalen um Mutters Gunst nach sich, Beschwerden, Beschimpfungen, eskalierende Unflätigkeit. Mutters „bevorzugtes Kommunikationsmittel war das Telefon. Es kam ihrem Bedürfnis nach Geheimniskrämerei und Manipulation entgegen. Sie wurde gern vom Klingeln des Telefons überrascht, liebte die Unberechenbarkeit des Gesprächs, die Macht aufzulegen.“ Für Jay bedeuten die Telefonate eine durch Mutters Indiskretion zerstörte Beziehung, ein durch Floyds vernichtende Rezension geflopptes Buch, aber auch das Wiederfinden eines in Studentenzeiten gezeugten und zur Adoption weggegebenen Sohnes. Am Ende kommt Mutters Ende – und für Jay die Erkenntnis: „Erst als ich alt war und Mutter uralt, hatte ich begriffen, dass sie meine Muse war.“ Diese Wirkmacht lässt sich an diesem wunderbaren Roman ablesen.

Über den Autor: Paul Theroux, geboren 1941 in Medford, Massachusetts/USA, ist mit mehr als dreißig veröffentlichten Büchern einer der weltweit populärsten Gegenwartsautoren. Weltruhm erlangte er vor allem als Reiseschriftsteller. Daneben verfasst er autobiographisch beeinflusste Romane. Theroux ist seit 2013 Mitglied der American Academy of Science and Arts. Er lebt mit seiner Familie auf Hawaii und auf Cape Cod.

Hoffmann und Campe, Paul Theroux: „Mutterland“, Roman, 656 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Theda Krohm-Linke.

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  1. 12. 2018