2017 steht im Zeichen von Maria Theresia

Oktober 13, 2016 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Große Schau in Wien und Niederösterreich

Maria Theresia im pelzverbrämten Kleid (1743), Maler: Jean-Étienne-Liotard. © Dauerleihgabe der Österreichische-Nationalbank, Bild: A. E. Koller

Maria Theresia im pelzverbrämten Kleid (1743), Maler: Jean-Étienne-Liotard. © Dauerleihgabe der Österreichische-Nationalbank, Bild: A. E. Koller

Das Team der Kuratorinnen und Kuratoren gab gestern anlässlich des Namenstags der europäischen Regentin am 15. Oktober erste Einblicke in die Themen der Sonderausstellung „300 Jahre Maria Theresia: Strategin – Mutter – Reformerin“, die ab 15. März an vier Standorten in Wien und Niederösterreich zu sehen sein wird. Leben, Familie und politisches Werk Maria Theresias werden beleuchtet und ihr Mythos hinterfragt.

„Diese Ausstellung hat auch dank der guten Kooperation mit dem KHM-Museumsverband zwei große Stärken“, erklärt Franz Sattlecker, Geschäftsführer der Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H.: „Wir zeigen Geschichte mit Originalobjekten an ihren Originalschauplätzen. An vier Standorten können wir diese spannende europäische Persönlichkeit gleichzeitig in all ihren Facetten beleuchten. Bei Maria Theresia rechnen wir auch mit großem internationalem Interesse an der Schau“, gibt sich Sattlecker optimistisch.

„Das Leitsujet der Ausstellung ist ein Gemälde von Jean-Étienne Liotard“, erklärt Elfriede Iby. „Das Portrait Maria Theresias war das Ergebnis eines spontanen Zusammentreffens der Monarchin mit dem Künstler und legte den Grundstein für zahlreiche Aufträge der Regentin und des Hofadels.“ Elfriede Iby kuratiert gemeinsam mit Werner Telesko die Ausstellung im Hofmobiliendepot Ÿ- Möbel Museum Wien.

Familienporträt um 1754, Maler: von Martin van Meytens. © Sammlung Bundesmobilienverwaltung, Bild: Fritz Simak

Familienporträt um 1754, Maler: von Martin van Meytens. © Sammlung Bundesmobilienverwaltung, Bild: Fritz Simak

Unter dem Titel „Familie und Vermächtnis“ ist hier nicht nur das mariatheresianische Rokoko am Beispiel von Schloß Schönbrunn ein Thema. „Wir beschäftigen uns mit der großen Familie von Maria Theresia, ihrer Heiratspolitik, aber auch mit ihrem Vermächtnis“, ergänzt Werner Telesko. „Wenn man sich mit dem Mythos der europäischen Regentin auseinandersetzt, ist die Bildpolitik ein ganz zentrales Thema.“

Die Kaiserliche Wagenburg Wien steht unter dem Motto „Frauenpower und Lebensfreude“. „Wir stellen Maria Theresias Lebensfreude, ihre ebenso opulenten wie publikumswirksamen Feste und ihre aus heutiger Sicht so besonders faszinierende Selbstdarstellung im Spannungsfeld zwischen weiblicher Identität und ‚männlicher‘ Herrschermacht vor“, berichtet Monica Kurzel-Runtscheiner, Direktorin der Kaiserlichen Wagenburg Wien. „Denn zu reiten, zu tanzen oder mit der Kutsche zu fahren war damals zugleich Vergnügen und Statement.“

Schloss Hof: Spielzimmertisch. Bild: Fritz Simak

Schloss Hof: Spielzimmertisch. Bild: Fritz Simak

Schloss Niederweiden: Wildküche. Bild: skb

Schloss Niederweiden: Wildküche. Bild: skb

Auf Schloss Hof und Schloss Niederweiden im niederösterreichischen Marchfeld sind „Bündnisse und Feindschaften“ sowie „Modernisierung und Reformen“ die Schlagworte. „Als Politikerin ist Maria Theresia durchaus ambivalent“, bilanziert Karl Vocelka: „Kriege, Leid und Intoleranz prägten ihre Regierungszeit ebenso wie nachhaltig wirksame Reformen und eine zukunftsweisende Modernisierung des Staates“, so der Kurator der beiden Standorte.

www.mariatheresia2017.at

Wien, 13. 10. 2016

KosmosTheater: „Der varreckte Hof“ vom Ringsgwandl

Oktober 15, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Garstig-gspaßiger Grabgesang auf den Bauernstand

Linde Prelog, Emese Fáy, Thomas Richter, hinten: Rina Kaçinari, Jelena Popržan Bild: Bettina Frenzel

Linde Prelog, Emese Fáy, Thomas Richter, hinten: Rina Kaçinari, Jelena Popržan
Bild: Bettina Frenzel

Mit dem Begriff Heimat hat er’s insofern, als er sieht, dass weder deren Vergangenheit noch die Gegenwart bsonders ist. Die Berge immerhin haben die Grausamkeiten von gestern überlebt; die Landschaft wird so wohl auch noch „die paar“ Seilbahnen und Einkaufszentren überdauern. Heimat ist, wo die Stubn ist. Auch wenn es die elterliche seiner Kindheit nicht mehr gibt, was wäre für Georg Ringsgwandl typischer als eine Stubenoper zu schreiben? „Der varreckte Hof“ ist nun im KosmosTheater.

Für Nichtauskenner in der Dialektik: Varreckt meint nicht nur das Hingeschiedene, sondern vor allem auch verdammt im Sinne von vermaledeit. Keine Idylle nirgendwo. Was ungefähr schon die Handlung ist. Die Weichsenriederin wird wunderlich, jedenfalls tut sie immer dann dement, wenn ihr was nicht in den Kram passt. Kinder nebst Schwiegersohn sind, was Pflege betrifft, bedürftig, heißt: unwillig bis überfordert. Eine exjugoslawisch-billige Haushaltssklavin muss her, im KosmosTheater sind’s zwei, um der Mutter beizustehen. Doch die hat mit dem vom Verfall bedrohten Hof bald eigene Pläne. Ein Stoff von quasi Schönherr’scher Dramatik im anarcho-alpenländischen Ringsgwandl-Sound.

Regisseurin Dora Schneider, die gemeinsam mit „Weichsenriederin“ Linde Prelog den Text vom Bayrischen ins Österreichische übertragen hat, hat sich außer den ausgezeichneten Schauspielern Emese Fáy als Tochter Gerlinde, Thomas Richter als Schwiegersohn Günter und Peter Bocek als Sohn Rupert das Duo Catch-Pop String-Strong auf die Bühne geholt. Rina Kaçinari und Jelena Popržan sind Ivanka und Svetlana – und für den Groove zuständig. Für Gstanzlblues und Polkajazz. Vom Violoncello bis zur Maultrommel wird auf allem musiziert, was man schlagen und zupfen kann, mehr als ein halbes Dutzend Instrumente, inklusive Thomas Richter an der Gitarre. Lieblingsgerät ist ein kunterbuntes Kinderxylophon. Gesungen wird sowieso. Der Titelsong als langsamer Walzer, ein Ratznlied mit Banjo und Jodeljaulen, der Arbeitsviech-Tango: „Sie reden mit dir am Gemeindeamt, als wärst du aus einem Entwicklungsland.“

Der Staffabrucker Punk und Poet und Philosoph hat ins Volksmusikalische tiefe Einsichten über die hierzulandische Leut’seligkeit gepackt. Anders als dem Günter geht ihm nicht Friede vor Wahrheit, diesem einzig echten Volksrock’n’roller, der eben dieser Mentalität aufs Maul schaut, bis er ihr eins draufgeben kann. Der Gspaß ist garstig. Ein Grabgesang aufs Bauernsterben. Ganz tief drin steckt da auch ein Landeshauptmann, der, weil ihm keiner die Flüchtlingsfrage beantworten kann, seine Politik zum Glück eh nicht ändern muss. Wozu also nachdenken, ob seine Kernwähler, die Brüsselprotestierer … da ist schon so viel Milch verschüttet, das geht auf keine Kuhhaut mehr, da kann man sich, was man so hört, in Oberösterreich demnächst schwarzblau ärgern. Dora Schneider inszeniert hinterlistig, mit sehr viel Sinn für Hintersinn. Zwischen bauernmalerischer Kredenz und kruzifixbefreitem Herrgottswinkel (Ausstattung: Claudia Vallant) fährt sie Momente auf, die so bedrückend, beängstigend, so beklemmend sind, dass sie direkt ins Herz beißen. Ringsgwandl, der Arzt, weiß, wo es weh tut, und Schneider legt den Finger in die gesellschaftliche Wunde.

„Unsere Errungenschaften sind die Liebe zu Allergien, die Umwelt- und Verarmungsangst sowie eine gewisse Unschlüssigkeit im Umgang mit Amokschützen und Neonazis“, ist ein Satz des großen Kabarettisten. Um den herum ist die Stubenoper gebaut. Und um die zwei Bedeutungen von Buckeln. Allein aufm Rücken Schweres (er)tragen oder wem andern in dessen verlängerten kriechen. Emese Fáy ist eine prächtige Filia Dolorosa, eine vom Leben aus der Kurve getragene Handarbeitslehrerin im Häkeloutift, die aus Frust Sachen kauft, um die man sich nichts kaufen kann, unfähig sich die Namen der Heimhilfen zu merken, aber gleichsam eifersüchtig auf deren gutes Verhältnis zur Mutter. Ihr Ehemann, Thomas Richter, Naturschutzbeamter im Burnout, ist ein ebenbürtiges Pendant. Zwei Alternative ohne Alternativen. Denen Mamas Liebling, der Industriemanager, ein Dorn im Auge ist. Peter Bocek gestaltet diesen Rupert als Fall-Studie, er wird nämlich vom Arbeitsplatz rationalisiert, als Allesschönreder. Grundlos, da hat einer keinen Bezug zum Boden, was, das kennt man von der Mühlviertler Verwandtschaft, für eine Bäuerin, die ihr Blut hineinvergossen hat, an ihrer Brut das Schlimmste ist. Wehleidig sind sie alle drei. Was ihnen wirklich fremd ist, sind sie selbst. Was wiederum der Ivanka und der Svetlana wurscht ist. Man steht über Kleinkriegen, wenn man aus einer Krisenregion kommt.

Apropos, steht über: Über dieses geniale Quintett triumphiert Linde Prelog als Mutter Weichsenrieder. Etwas zu schreiben über Naturgewalt oder originell Original sein, ist schon falsch, weil die Prelog ihre Aufgabe mit extremer Künstlerischkeit angeht. Sie rockt das Haus. Ist schreckliche Unheilsprophetin und personifizierte Alterssturheit und ein messerschmidt’sches Verschmitztgesicht. Auf den Stock gestützt, auf der Suche nach dem Nachtscherm, nur die musikalische Begegnung mit ihrem Buben kann ihr noch holde Töne entlocken, geht sie ihrem Ende entgegen, wie der alte Hofhund, von dem sie singt, der in Erinnerung an bessere Tage den Halbmond anheult. „Da Hof is gschlampat, i bin geschlampat, de Kiah und draus des Gros is gschlampat.“ Es ist in Wahrheit nicht zum Aushalten. Dabei will die Weichsenriederin nur eins: „dass’ weida geht“, Handbewegung Schwangerschaftsbauch. Und wenn’s der von der Ivanka unter Mitarbeit vom Rupert ist. Ein Stammhalter vom wurmigen Apfel.

Ob ihr diese und andere Wünsche in Erfüllung gehen werden, lassen Ringsgwandl und Schneider im Ungewissen. Gewiss ist, dass es rund geht im KosmosTheater: Musiktheater mit Message, hin- und mitreißend.

www.kosmostheater.at

Wien, 15. 10. 2015

„Faust III“ in Prinz Eugens Schloss Hof

Juni 17, 2013 in Tipps

Ein Fest für alle Sinne

Bild: BRETTERHAUS – Herbert Kern

Bild: BRETTERHAUS – Herbert Kern

Mehr als Theater – Schauspiel, Musik, Festmahl, Kunst & Natur an verschiedenen Szenenorten im und rund um das Schloss Hof: Von 20. bis 23. Juni zeigt das Bretterhaus „Faust III“. Peter F. Schmid – Autor und Initiator des Theaters  – hat der Tragödie ersten und zweiten Teil  in unterhaltsamer, bisweilen slapstickartiger Weise für die Bühne bearbeitet. Die Zuseher können Faust, Mephisto, Rita & Co zu den Stationen in die größte Schlossanlage der Monarchie begleiten. Gespielt wird vor prächtigen Fassaden, in barocken Sälen, auf imperialen Höfen, in schaurigen Kellergewölben, auf feudalen Gartenterrassen und vor prachtvollen Brunnenanlagen – das „Spiel des Lebens“  im Marchfeld. Inhalt: Heinrich wähnt sich im Himmel. Doch Mephisto hat noch einen Trumph in der Hinterhand. Faust muss auf die Erde zurück – mit dem Versprechen, nach der kleinen und der großen nun „die innere Welt“ kennenzulernen. Und dem kann Faust, der ständig Unzufriedene und Suchende, nicht widerstehen … „Faust III“ wird ständig weitergeschrieben. Die jeweils neuen Szenen werden in die Inszenierung aufgenommen: Live Rockmusik wird neben klassischen Versen geboten, auf Tanz folgt Spiel im und mit dem Publikum, existenzielle Dialoge wechseln mit slapstickartigen  Szenen in der Tradition eines Woody Allen.

www.FAUST-III.com

Von Michaela Mottinger

Wien, 17. 6. 2013