Philipp Hochmair in „Glück gehabt“

Dezember 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine verhängnisvolle Austro-Affäre

Ein Horror von einer Komödie: Philipp Hochmair splattert sich als von Pech und leblosen Körpern verfolgter Artur durch „Glück gehabt“. Bild: © Prisma Film

Polykrates, das war nach Herodot, später Schiller jener Tyrann von Samos, der sein Glück bis zu seinem Verderben herausforderte, gemäß der Formel Hybris weckt den Wankelmut der Tyche und führt einen schnurstracks in die Arme der Nemesis. „Das Polykrates-Syndrom“ nannte Autor Antonio Fian sein 2014 veröffentlichtes Buch, einen Splatterroman zur Weihnachtszeit. In welchem der antike Herrscher allerdings eher als eine Art moderne Zivilisationskrankheit auftritt.

Fians Antiheld Artur ist ein Fettnäpfchentreter, dessen forcierte Suche nach … die vermehrte Produktion von Unglück nach sich zieht. Regisseur Peter Payer hat sich des Stoffs als seiner nun vierten Literaturverfilmung nach Albert Drach, Christine Nöstlinger und Ödön von Horváth angenommen. „Glück gehabt“ läuft ab Freitag in den Kinos, eine bizarre Horrorkomödie über eine verhängnisvolle Austro-Affäre, mit Philipp Hochmair als vom Pech verfolgten Artur. Und, um dies gleich vorwegzunehmen, Payer hat Fians lakonischen Plauderton ziemlich platt gemacht, weshalb, was auf Papier fantastisch, auf der Leinwand nur bedingt funktioniert. Den Witz der Vorlage am meisten erfassen Arturs Karikaturen, etwa wenn die sexy Lady im Trenchcoat statt des stolzen Löwinnenkopfes plötzlich einen scharfzahnigen Haifischschädel trägt.

Die sexy Lady, das ist Julia Roy als Alice, die tatsächlich wie ein Raubtier in das Leben des talentierten, aber ehrgeizlosen Comic-Zeichners, ergo Copyshop-Angestellten einfällt. Und apropos, Artur liegt bereits mit Alice im Bett, als ihm plötzlich einfällt, dass er ja verheiratet ist. Mit Rita, gespielt von Larissa Fuchs, eine über die Jahre mit zunehmender Routine geerdete Ehe, sie Gymnasialprofessorin mit Sprung auf einen Direktorinnenposten, aber Artur für Schauspielexzentriker Hochmair in Payers Drehbuch-Interpretation ein zu simpler, zu wenig vielschichtiger Charakter, der All Time Loser, der sich selber Feigling nennt, und dem im Zweifelsfall ein kühles Blondes ist gleich Bier lieber ist als eine heiße Rothaarige.

Gemma Tauben schießen am Balkon: Barbara Petritsch spielt Arturs schreckschraubige Mutter. Bild: © Prisma Film

Das tote Arschloch muss weg: Robert Stadlober mit Julia Roy als Alice und Philipp Hochmair. Bild: © Prisma Film

Die Ehefrau trifft auf die Geliebte: Larissa Fuchs als Rita, Julia Roy und Philipp Hochmair. Bild: © Prisma Film

Die Freundin platzt ins Säge-Werk: Claudia Kottal als Sylvia, Philipp Hochmair und Larissa Fuchs. Bild: © Prisma Film

Die Schöne jedenfalls entpuppt sich bald als Biest, schon steht Artur vor der Leiche ihres Ex-Lebensgefährten, Robert Stadlober als in Buch wie Film als „Arschloch“ betitelter, und den gilt es nun wegzuschaffen, ausgerechnet auf der schneeverweht-rutschigen Höhenstraße – die Szene ein Kabinettstück von Hochmair, Arturs persönliches „Immer Ärger mit Arschloch“, dazu Zitat Alice: „Wenn du so fickst, wie du autofährst …“ Payer liebt unter seinen Szenen vor allem die über die Skurrilitäten des Alltags. Artur hat nicht nur mit Frau und Geliebter zu kämpfen, sondern als dritte im Weiberbunde mit seiner schreckschraubigen Mutter, Barbara Petritsch, die auf dem Balkon ihrer Seniorenheimwohnung mit dem Wassergewehr auf Tauben schießt.

Claudia Kottal ist als Ritas immer zur Unzeit auftauchende Freundin Sylvia zu sehen, Raimund Wallisch als Arturs Billardpartner Richard, um das Namedropping abzuschließen, bevor das Kammerspiel gruselig wird. Lucas Rifaat wird als Arturs Nachhilfeschüler von Alices Nacktheit aus dem Konzept gebracht, als Rita mitten im Blowjob anruft, gibt Artur sein Stöhnen als Schnupfen aus. „Inhalier‘ noch vor dem Schlafengehen“, sagt die Treusorgende zur falschen Person. Böses Mädchen, braver Bub, noch rätselt Artur bezüglich der Eichhörnchenstellung, aber da überrascht ihn Alice mit der freudigen Kunde …

Langsam, zu langsam greift der Gedanke Raum, dass das Leben immer lebensgefährlich ist. Immer mehr ergreift Alice von Artur Besitz, wenn das Glück ein Vogerl ist, dann in Arturs Falle ein Kuckuck, schleicht sich die nunmehrige Albtraumfrau doch bei seiner Mutter ein, bei seinem besten Freund, sogar bei seiner Frau. Die allerdings erkennt den Verrat, und zack, zweite Leiche. Also muss zur Beseitigung wieder Artur ran, Methode: Badewanne, Elektromesser, Axt, eine morbid-makabre 180-Grad-Profirollwende im seichten Dahinplätschern, und Hochmair zwischen Sägen und Speiben endlich in seinem Element.

Gruppenfoto der Lebenden mit den Untoten: Julia Roy, Robert Stadlober, Philipp Hochmair und Larissa Fuchs. Bild: © Jan Frankl/Prisma Film

Nebenan im Wohnzimmer, wo der Christbaum steht, läuft währenddessen Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, dirigiert von Nikolaus Harnoncourt. Aber während Antonio Fian auf diesen Seiten Bret Easton Ellis schlägt, reicht Peter Payer nicht an Mary Harron heran. „Arschloch“ Robert Stadlober steht von den Toten auf, und kommentiert wichtigtuerisch-wiedergängerisch die ins Endlose gedehnte Tranchieraktion, und der Seltsamkeiten nicht genug, berichtet Mutter Petritsch von Diebstahl, Erbschleicherei, Mord und Totschlag im Heim, und zack, die dritte Leiche.

Das alles hätte sehr, sehr komisch sein können, der Einfach-Gestrickte, der durch die Doppelbödigkeit seiner Umwelt fällt, wie der liebe Augustin in die Pestgrube, und letztlich im Wortsinn mit einem blauen Auge davonkommt. Fians mit Pointen durchsetzte Prosa ist dafür das genau richtige Fundament aus intelligentem schwarzem Humor und irritierend schlechtem Geschmack. Aber ach …, „Glück gehabt“ – der Film hängt mit seinem Protagonisten in den Seilen, und wie dieser schreit „Ich bin nicht bequem, ich bin einfach nur entspannt“, so wollte man sich’s mit dieser Adaption wohl auch machen. Kein Untergang des Abendlandes, auch wenn Torbergs Tante Jolesch in ebendiesem sagt: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“

 

www.glueckgehabt-film.at

  1. 12. 2019

Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes: Jedermann Reloaded

Dezember 11, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der reiche Schwelger rockt sich zu Tode

Von der Bühne vor die Kamera: Nach erfolgreich absolviertem Konzert im Stephansdom, wo sein Auftritt mit „Jedermann Reloaded“ beinah 70.000 Euro für ein Aids-Hospiz in Südafrika einbrachte, dreht Philipp Hochmair nun wieder einen Film. In Wien. Seit Anfang Dezember spielt er in der Regie von Peter Payer den Artur in „Glück gehabt“. Payers Drehbuch entstand nach dem Roman „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian, Ende 2019 soll die schwarze Komödie in die Kinos kommen.

Den nächsten Auftritt mit seiner Band Die Elektrohand Gottes, Gitarrist Tobias Herzz Hallbauer, Elektroklangkünstler Jörg Schittkowski und Schlagwerker Alvin Weber, hat Hochmair auch schon geplant – für den 14. März am Burgtheater.

Bis dahin können sich Fans am frisch erschienenen Album „Jedermann Reloaded“ erfreuen. Nach fünf Jahren Beschäftigung mit dem Projekt, das damals als Bühnensolo am Hamburger Thalia Theater begann, hebt Hochmair sein Experiment auf die nächste Ebene. Intimer, musikalisch subtiler, die Sprache intensiver als bei der bekannten Live-Performance, ist diese Aufnahme geworden. Hochmair öffnet den Blick nach innen, in Jedermanns Kopf, das schafft eine neue Nähe zum Hoffmannsthal’schen Text.

Und wieder ist Hochmairs Jedermann alle. Die Mutter, der Mammon, der Gute Gesell und der Teufel. Der reiche Mann hält Zwiesprache mit zwei Mikrofonen, treibende Gitarrenriffs und die erprobt jaulenden Elektrosounds jagen den Ruhelosen vor sich her, diverse Klänge im Zwischenraum von Hans Werner Henze und Heavy Metal, wie Die Presse einmal schrieb. Die Stimmung kippt vom Exzentrischen ins Albtraumhafte, bis zum Ende der vierzehn Tracks die Musik fast zum Choral wird. Wenn sich der Sünder endlich mit seinem Gott versöhnt.

„Jedermann Reloaded“ geht einem als Studio-Album nicht weniger unter die Haut, denn als wuchtiges Sprachklangtheater. Alldieweil befassen sich Hochmair und Band schon mit ihrem nächsten Coup, dem „Schiller-Balladen-Rave“.

Elektrohand Records, Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes: „Jedermann Reloaded“, Rock, erhältlich als CD oder LP.

Philipp Hochmair im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30729

www.philipphochmair.com          www.elektrohand.com          www.hoanzl.at

  1. 12. 2018

Philipp Hochmair: „Jedermann Reloaded“, das Album

November 25, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin ein Glückskind“

Philipp Hochmair macht den „Jedermann“. Bild: © Rafalea Proell

Philipp Hochmair ist „Jedermann“. In einem leidenschaftlichen Kraftakt schlüpft er in alle Rollen und macht Hugo von Hofmannsthals Stück zu einem vielstimmigen Monolog. Sein Jedermann ist ein Rockstar. Getrieben von Gitarrenriffs und den experimentellen Sounds der Band „Die Elektrohand Gottes“ verwandelt Hochmair das hundert Jahre alte Mysterienspiel in ein apokalyptisches Sprechkonzert.

Die langjährige intensive Beschäftigung mit dem Originaltext ermöglichte es dem Schauspieler im Sommer 2018 quasi über Nacht für den erkrankten Tobias Moretti einzuspringen und – von Presse und Publikum bejubelt – bei den Salzburger Festspielen die Rolle auf dem Domplatz zu übernehmen. Hochmair begann sein Jedermann-Experiment 2013, seither entwickelt er die Performance als Work in Progress weiter. Das Studioalbum „Jedermann Reloaded“ ist nach fünf Jahren Tourerfahrung schließlich ein weiterer Schritt. Der Blick kehrt sich nach innen, die Reise führt in Jedermanns Kopf. Album-Release ist am 29. November im Burgtheater, tags darauf gibt es eine Benefizvorstellung im Stephansdom. Philipp Hochmair im Gespräch über seinen Jedermann, die „Vorstadtweiber“ und „Blind ermittelt“:

MM: Warum ist von all Ihren Arbeiten gerade der „Jedermann“ zum Lebensthema geworden?

Philipp Hochmair: Weil es eben ums Leben geht, und um die Hauptfrage, ob man richtig gelebt hat. Die sollte man sich in der Mitte des Lebens stellen, und darum ist in der Mitte meines Lebens auch dieses Stück auf mich zugekommen, mit einer Macht und einer Pracht, die man sich gar nicht vorstellen kann. Ich finde den Text mit den Themen, die er so essentiell anspricht, auch total zeitgemäß. Mir gefällt, wie der Jedermann erkennt, dass er einen falschen Weg gegangen ist, dass er eine Entwicklung durchmacht, die für ihn doch noch positiv endet. Das auszusagen scheint mir wichtig in einer Zeit, in der sich alles um Werte dreht, in der man sich an Sicherheit und Kapital und Versicherungen klammert, und ausklammert, dass man endlich und schwer verletzlich ist. Für mich ist „Jedermann“ das Stück der Stunde.

MM: Dabei war Ihre erste „Jedermann“-Erfahrung gar nicht so positiv.

Hochmair: Damals, noch vor der Schauspielschule, bin ich noch auf der Zuschauertribüne auf dem Domplatz gesessen, und was ich gesehen habe, war für mich als Spartenfremdem unbefriedigend. Ich habe mich einfach nur gewundert, was das sein soll. Das hat mich beschäftigt und mich umgetrieben, und dazu geführt, zu sagen, ich finde meine eigene Form. Diese Recherche endet fürs Erste im Album „Jedermann Reloaded“, das ist der aktuelle Zwischenstand einer langen Suche, die vor fünf Jahren mit dem Bühnenprogramm begonnen hat.

MM:  Und wie war’s vergangenen Sommer selber als Jedermann auf dem Domplatz zu stehen, in Vertretung des erkrankten Tobias Moretti?

Hochmair: Wahnsinn. Wenn der Anlass nicht so traurig gewesen wäre, würde ich sagen, das war ein ganz tolles Erlebnis.

MM: Aber ist es nicht seltsam in eine bestehende Inszenierung einzusteigen?

Hochmair: Im Gegenteil, es wäre für mich viel anstrengender gewesen, langwierig zu proben. Aber so ist mir das wie durch ein Wunder erspart geblieben. Ich hätte nicht die Zeit gehabt, für drei Monate fast durchgehend in Salzburg zu sein, dazu hatte ich in diesem Jahr zu viele andere Projekte, habe auch gleichzeitig in Hamburg einen Film gedreht … Also war’s einfach ein Einsteigen und Auftreten und aus.

MM: Nun also zum Album: Was ist daran die Weiterentwicklung Ihrer Beschäftigung mit dem „Jedermann“? Was ist anders, was ist neu?

Hochmair: Dieses Album eröffnet einen Blick nach innen, in Jedermanns Kopf, und das hat eine andere Intimität, eröffnet eine andere Nähe zu dieser Literatur.

MM: Ich hatte beim Anhören den Eindruck, es ist musikalisch subtiler als auf der Bühne, und die Sprache intensiver und in der Betonung ausgefeilter.

Hochmair: Genau, weil das Ganze aus einer Ruhe geboren ist. Wir hatten alle Zeit der Welt, haben am Sound, am richtigen Ton gefeilt, wohingegen man auf der Bühne getrieben ist, den Raum zu füllen, die Zuschauer mitzureißen, da agiert man ganz anders. Es nun einmal so „aufzuführen“, war eine dazu vollkommen konträre Erfahrung. Ich bin froh, dass es uns gelungen ist, nach fünf Jahren das Projekt einmal ganz genau zu definieren, auf der Bühne ist viel Improvisation und Reagieren auf den Raum. Jetzt haben wir einen klaren Klang für die von uns gewünschte Stimmung.

MM: Wäre ein Live-Album nicht die logischere Fortsetzung gewesen? Hatten Sie keine Bedenken, dass es ohne die Opulenz und Dekadenz der Auftrittsorte nicht geht?

Hochmair: Ein Live-Album könnte man jetzt immer noch machen – es wäre für uns und den Zuhörer wieder eine ganz neues Erlebnis.

MM: Ihre Auftritte sind von der Verausgabung her durchaus exzessiv zu nennen. Wann haben Sie dieses Rockstar-Gen in sich entdeckt, wie haben Sie sich die entsprechende Attitüde angeeignet?

Hochmair: Mein Mephisto oder mein Dorfrichter Adam gingen schon in diese Richtung, da habe ich das schon einmal ausprobieren können. Ich habe auch Kafkas „Amerika“ als Soloabend gespielt. Das letzte Kapitel, „Das Naturtheater von Oklahoma“, ist eine Hommage ans Theaters – alles ist plötzlich möglich, alles ist richtig … das war wahrscheinlich für mich die ersten Schritte in diese freiere Performance. Nach diesem Prinzip habe ich mich auch in den „Jedermann“ hineingeschmissen. Auf dem Domplatz ist die Aufführung doch ein ganz klar abgestecktes gesellschaftliches Ereignis, bei „Jedermann Reloaded“ haben wir diese Gesetzmäßigkeiten ausgehebelt und machen unser eigenes Ding, geprägt vom Psychedelic Rock und vom Glam Rock.

MM: Ist es das Reizvolle zwischen dem Exzess mit der Elektrohand Gottes und dem arrivierten Theaterapparat zu pendeln?

Hochmair: Ja. Das ist mein Lebensthema, vielleicht, die offene vs die geschlossene Form. Ich kann gut in staatlichen Institutionen Kunst machen, fühle mich aber genauso wohl in einer Punkband, wo man sich sozusagen tagtäglich überlegen muss, wo die nächsten Subventionen herkommen. Ich kann mit der Punkband an neue Orte gehen, wo ich neue Erfahrungen sammeln kann, ich kann die Punkband aber auch an Orte wie das Burgtheater mitnehmen, wo man mich als Schauspieler kennt. Dieses Cross-Over macht mir Spaß.

MM: Inwieweit ist das „Jedermann“-Projekt ein Selbstversuch? Und wie steht’s mit dem schönen Scheitern am Stück?

Hochmair: Ich begreife das Leben als Selbstversuch. Und was das Scheitern betrifft, wir scheitern jeden Abend am Stück. Das ist das Spannende, anders würde ich es gar nicht wollen. Das Stück ist eine Rampe, die man nehmen muss, und wir stürzen uns diese Piste runter.

Mit der „Elektrohand Gottes“. Bild: © Rafalea Proell

MM: Sie erzählen immer wieder von sich aus, dass Sie Legastheniker sind, und von Ihren Schwierigkeiten, sich Texte zu erarbeiten …

Hochmair: Ja, deshalb will ich sie, wenn ich sie einmal kann, auch nicht wieder hergeben. Deshalb kann ich sie auch so gut, dass ich über Nacht woanders einspringen kann. Der „Jedermann“ ist schwer erkämpftes Terrain, ein Berggipfel, der nun Heimat geworden ist.

MM: Es gibt von Ihnen ein Interview, aufgenommen in der Ehrengalerie des Burgtheaters, da sagen Sie den Weltklasse-Satz: „Ich wollte nicht neben meiner Statue sterben.“ Das bedeutet?

Hochmair: Eine Sehnsucht nach Dynamik und Austausch, Reisen und Entwicklung. Ich will niemals stehenbleiben und zufrieden sein mit dem, was ich tue oder schon erfahren habe. Deshalb habe ich auch zwei Mal den schweren Schritt getan, aus fixen Ensembles wegzugehen, einmal vom Burg-, einmal vom Thalia Theater. Aber er war notwendig.

MM: Gibt es denn Tage, an denen Sie in den Terminkalender schauen und denken: Oh, mein Gott …?

Hochmair: Jeden Tag, das ist ein Dauerzustand geworden. Aber das ist toll, der Preis eben dafür, dass ich die Sicherheit für meine Freiheit und für die Vielseitigkeit aufgegeben habe.

MM: Diese Vielseitigkeit, Sprechtheater, Musik, Film, Fernsehen, führt allerdings dazu, dass Sie mit diversen Etiketten versehen werden. Meine liebste Punzierung Ihrer Person ist immer noch „Bildungsbürgerpunk“. Wie leben Sie damit?

Hochmair: Das ist ein lustiges Wort, das ich sogar selber aus einer Laune heraus kreiert habe. Es soll absurd klingen, so wie Elektrohand Gottes. Was die anderen Zuschreibungen betrifft: Wenn’s der Wahrheitsfindung dient, werde ich mich nicht entgegenstellen. Mein Ziel ist, klassische Literatur einem breiten Publikum näherzubringen, wenn man dazu Begriffe hat, die Brücken schlagen, die Türen öffnen, ist es nur gut. Sie sollen ja nur dazu dienen nicht zu verschrecken, sondern Lust zu machen.

MM: Finden Sie, dass „Jedermann Reloaded“ dem Theater ein neues Publikum erobert hat?

Hochmair: Absolut. Ich spiele auch viel an Schulen, um ganz junge Leute ins Boot zu holen. Mein nächstes Projekt mit der Band sind Schiller-Balladen als Rave, da waren wir auch viel in Schulen, und das zu testen. Wir haben das auch schon in Bad Vöslau open air gespielt, irre, wenn die Leute zur „Glocke“ dancen. Geil!

MM: Mit dem „Jedermann Reloaded“ sind Sie schon ziemlich herumgekommen. Bis China. Wie war‘s dort?

Hochmair: Unglaublich toll. In China regiert der Turbokapitalismus schlechthin, dort ist der „Jedermann“ das Thema, seine Sehnsucht nach Glaube und Orientierung, aber auch die Frage, warum darf ein reicher Mann alles? Das Publikum war total begeistert, wir haben die Halle echt gerockt. Wir haben in einem Theater mit 2000 Sitzplätzen gespielt, in einer Stadt, die Albert Speer, der Sohn des gleichnamigen NS-Architekten,  umgebaut hat. So schaut’s dort teilweise aus, wie Hannover-Innenstadt, und gehst du 200 Meter weiter, bist du in einem urchinesischen Stadtteil, wo das Essen ein Hundertstel von dem kostet, wie um die Ecke. Absurd.

MM: Album-Release ist am 29. November im Burgtheater, und tags darauf am 30. 11. geben Sie eine Benefizvorstellung im Stephansdom.

Hochmair: Das wird noch einmal etwas ganz Besonders, nicht nur wegen des guten Zwecks, sondern auch wegen des Rahmens. Ich finde es eine große Geste, dass der Stephansdom für eine Rockband seine Türen öffnet, aber die Kirche braucht ja auch neues Publikum. Es wird akustisch und optisch zwar sicher eine Herausforderung, aber das ist ja das Aufregende. Wir wollen auch mit dem Domorganisten zusammenarbeiten, er soll mit uns spielen, und das wird auch wieder ein Experiment werden. Der Erlös des Abends geht an das „Brotherhood of Blessed Gérard“ Malteser-AIDS-Hospiz in der südafrikanischen Region KwaZulu-Natal. Der Malteser-Orden hat um Hilfe gebeten, Kardinal Schönborn meinte, da müsse man handeln, Gery Keszler hat mich gefragt, so kam das alles zustande.

MM: Sie sind auch eines der neuen Gesichter der „Know Your Status“-Kampagne des Life Ball?

Hochmair: Das ist eine unbedingt unterstützenswerte Initiative, natürlich mache ich da mit. Die Sprüche, die auf meinem Körper stehen, sind auch alle von mir.

MM: Themenwechsel – Sie spielen nicht mehr in den „Vorstadtweibern“, Joachim Schnitzler ist Geschichte?

Hochmair: Nein, das hat sich geändert. Ich habe sie vermisst, sie haben mich vermisst, jetzt kommen wir wieder zusammen. Schnitzler ist also in der vierten Staffel kurz dabei, und in der fünften, an der gerade geschrieben wird, wieder länger. Schnitzler hat ja doch viele Leute umgebracht, musste ins Gefängnis, und Gefängnisszenen gab es wohl genug, jetzt werden ihm andere Dinge passieren, ich komme also weiter vor.

MM: Außerdem geht „Blind ermittelt“ weiter.

Hochmair: Ja, es gibt zwei neue Folgen, die Drehbücher habe ich schon zu Hause. Ab Mitte März wird wieder gedreht. In 14 Tagen beginne ich mit Peter Payer einen großen Kinofilm in Wien, „Glück gehabt“ heißt der, nach der Buchvorlage „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian. Das Polykrates-Syndrom beschreibt den Unwillen einer Person mit ihrem Glück umzugehen. Es gibt eine Ballade von Schiller, „Der Ring des Polykrates“, die kommt auch in unserem Schiller-Rave vor. Da geht es um einen Dialog zwischen den Herrschern Griechenlands und Ägyptens, die ihr Glück nicht annehmen und nicht verstehen und immer wieder infrage stellen – aber es kommt immer wieder mit voller Wucht zurück. Am Ende wirft Polykrates zum Beweis seines Unglücks seinen wertvollsten Besitz, einen Ring, ins Meer, und dann wird ihm ein Fisch zubereitet, und als er den aufschneidet, findet er darin seinen Ring. Der Film-Protagonist ist so ähnlich, und um dessen Achterbahn der Gefühle dreht sich diese schwarze Komödie.

MM: Ich mag Zufriedenheit ja lieber als Glück.

Hochmair: Ich nicht. Ich bin ein Glückskind.

Die Album-Kritik: www.mottingers-meinung.at/?p=30983

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25. 11. 2018

Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Sich einfach in den Film fallenlassen“

Der Mann mit dem Messer. Philipp Hochmair spielt den Koch Nick. Bild: © Polyfilm Verleih / Wojciech Sulezycki

Freitag lief in den heimischen Kinos „Tiere“ mit Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr an. Als Nick und Anna wollen die beiden eine Auszeit in der Schweiz nehmen. Doch nach einem Unfall mit einem Schaf kommt alles anders. Der Tod des Tieres wird zum Ausgangspunkt einer schwarzen Komödie der Irrungen über die Rätsel von Liebe und Täuschung.

Und zu einem raffinierten Mindgame zwischen Wien und den Alpen. Seltsame Dinge geschehen im Ferienhaus, die scheinbar nur Anna wahrnehmen kann. Liegt es an dem Autounfall, den sie mit Nick hatte? Bildet sie sich das alles nur ein? Oder ist das alles nur ein Traum – und falls ja: Wer träumt ihn eigentlich? Dem in der Schweiz lebenden polnischen Regisseur Greg Zglinski ist mit „Tiere“ ein sehr besonderer Film gelungen; in den Nebenrollen brillieren Michael Ostrowski, Mona Petri und Mehdi Nebbou. Philipp Hochmair im Gespräch:

MM: Ehedrama, Psychothriller, Horrormärchen – wie würden Sie „Tiere“ beschreiben?

Philipp Hochmair: Der Film ist das alles, er entzieht sich vor allem jeder Kategorie, er ist also Drama, Komödie, Heimatfilm – alles gleichzeitig. Und das macht ihn für mich so besonders.

MM: Dies ist eigentlich ein unmöglich zu führendes Interview, denn man darf nicht ein Wort zu viel sagen, um die Pointe von „Tiere“ nicht zu verraten.

Hochmair: Genau … Mir haben aber auch schon Leute gesagt, sie hätte in dem Film nichts verstanden. Wir werden in diesem Interview dazu ermuntern, dass es nicht darum geht, den Film zu verstehen, sondern sich einfach in den Film fallenzulassen und ihn auf sich wirken zu lassen.

MM: Ich nehme an, all diese Vielschichtigkeiten haben Sie in dieses Projekt geführt?

Hochmair: Der Regisseur Greg Zglinski hat Birgit Minichmayr und mich als das zentrale Paar ausgewählt. Der Autor und ursprüngliche Regisseur des Films Jörg Kalt hat sich tragischer Weise vor zehn Jahren das Leben genommen. Damals stand das Projekt schon einmal vor Drehbeginn. Das zentrale Paar Anna und Nick gibt es auch in seinen anderen Filmen. In „Richtung Zukunft durch die Nacht“ waren es Simon Schwarz und Kathrin Resetarits. Simon Schwarz war also schon vor mir Nick, und Kathrin Resetarits Anna. Dieser Nick und diese Anna verkörpern bei Jörg Kalt  den Mann und die Frau die aneinander scheitern. Die sich suchen aber nicht finden. Weil sie vielleicht trotz ihrer Liebe nicht in der gleichen Welt leben …

MM: Das ist eine schöne Linie

Hochmair: … und dass immer wieder andere Schauspieler dieses Paar spielen, hat mich interessiert. „Richtung Zukunft durch die Nacht“ ist mehr eine Komödie, die Manie und Heiterkeit. Hier in „Tiere“ haben wir die Depression als Gegenstück. Die Beschäftigung mit dem Menschen Jörg Kalt ist sicher auch ein wichtiger Zugang zu dem Film „Tiere“.

MM: Wie ist denn dieser Nick, den Sie spielen?

Hochmair: Wir befinden uns in einem Zwischenraum zwischen Tod und Leben. Eine Autofahrt Richtung Zukunft durch die Nacht in eine Auszeit, die eine Ehekrise lösen soll. Zwischen Lüge und Wahrheit. Nick ist mit seiner Beziehung zu Anna in einer Krise, und die beiden steuern auf eine Katastrophe zu. Er müsste sich ehrlich verhalten, aber das schafft er nur bedingt. Vieles, was passiert, kann auch nur in seinem oder ihrem Kopf passiert sein.

MM: Wie waren bei so einem verrätselten Film die Dreharbeiten?

Hochmair: Eigentlich ganz klassische Filmarbeit. Wir haben jede Situation ganz konkret genommen. Aber die Dreharbeiten waren in jeder Hinsicht besonders: ein besonderes Drehbuch, mit einem sehr besonderem Team, in besonderer Landschaft. Und es hat mir Spass gemacht, einen Koch zuspielen.

In der Schweiz soll es beschaulich werden: mit Birgit Minichmayr Bild: © Polyfilm Verleih

Doch es kommt ganz anders: mit Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Weil?

Hochmair: Ich leidenschaftlich koche. Jörg Kalt angeblich auch, das merkt man ganz deutlich an seinem Drebuch … Eine kleine Anekdote: Jörg Kalt, hat der Coop 99 – der Produktionsfirma des Filmes – einmal angeboten bei einem anderen Projekt, dem Film „Die Fetten Jahre sind vorbei“ als Koch das Film-Catering zu machen. Und hat, vor allem ohne sich als Regisseur oder Filmemacher aufzutreten, das Team ganz liebevoll bekocht. Das war für mich sicher auch ein Schlüssel zur Rolle „Nick“. Ich habe mich mit diesem Nick gut gefühlt. In Lausanne auf dem Berg leben, das Kochen, seine undurchsichtigen Wege … das konnte ich gut nachvollziehen. Ich habe selbst kurz davor auch in Lausanne gelebt und gearbeitet, habe dort meinen Werther-Monolog am Théâtre de Vidy auf Französisch produziert. Sicher auch deswegen ist die Rolle Nick trotz aller Verwirrung und trotz aller Fremdheit der zeitlichen Verwirrungen für mich sehr nachvollziehbar, konkret und persönlich.

MM: Apropos, Theater: Sie sind nicht nur mit „Werther“, sondern auch mit Ihrem „Jedermann Reloaded“ und mit Schiller-Monologen unterwegs, haben im Berliner Gropius-Bau Kafkas „Prozess“ gemacht. Am Theater lieber Solist?

Hochmair: Die Organisation von Staatstheatern, die oft Jahre im Voraus ihren Spielplan festlegen müssen, und von TV-Serien, wie zum Beispiel den „Vorstadtweibern“, oder internationalen Filmproduktionen, die sehr spontan planen,  lässt sich schwer vereinen. Das lässt sich im Moment für mich leider nicht so gut verbinden. Meine eigenen Produktionen wie „Jedermann-Reloaded“ oder „Werther“ sind da wie kleinen Ruderboote, die ich alleine ganz gut lenken kann. Ich war zum Beispiel gerade ein Monat in Kapstadt um zu Drehen, das wäre so mit einem fixen Theatervertrag nicht möglich.

MM: Aber Sie könnten Burgtheater und „Vorstadtweiber“ machen.

Hochmair: Das wäre natürlich eine gute Kombination … Aber so spiele ich an den Toren Wiens, nicht weit weg vom Burgtheater, in Bad Vöslau, im „Schwimmenden Salon“ von Angelika Hager jedes Jahr …

MM: Die „Presse“ hat Sie nach einem Auftritt dort einen „Bildungsbürgerpunk“ genannt. Passt das?

Hochmair: Gutes Stichwort. Ich versuche zwar wildes, innovatives, Theater zu machen, aber die Zuschauer sind lustiger weise doch das klassische Theaterpublikum, und nicht die 15- bis 18-Jährigen aus der Rapperszene. Ich habe gerade meinen „Jedermann“  im Linzer Posthof gezeigt, einem Ort für Rockkonzerte und ich dachte, da werden die jungen Massen strömen. Aber nein … trotz Rockband, trotz Techno bleibt es ja klassische Literatur, also auch bildungsbürgerliches Theater … Daher wahrscheinlich der „Bildungsbürger Punk“. Ich irritiere und animiere mit Mitte 40 eben eher meine Generation als ganz junge Leute.

MM: Wenn Sie nun so leicht verzweifelt die „Mitte Vierzig“ murmeln, wohin geht Ihr Wollen und Werden und Wirken?

Hochmair: Den Weg weitergehen, den ich gerade gehe. „Vorstadtweiber“ möchte ich gerne noch ein paar Staffeln machen, will als „Joachim Schnitzler“ noch so richtig auf den Putz hauen! Am 8. Jänner wird’s in der dritten Staffel so richtig krachen. Dann schauen wir weiter …

Die Frage bleibt, ob und was Nick im Schilde führt: Philipp Hochmair. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Einen weiteren Film haben Sie kürzlich abgedreht: „Candelaria“. Der kommt 2018 ins Kino?

Hochmair: Das hoffe ich. Eine kolumbianisch-kubanisch-deutsche Koproduktion. Wir befinden uns in den 90er-Jahren in Kuba. Im Zentrum steht ein sehr altes Ehepaar. Das Land befindet sich in der grossen Kries und die Leute sind sehr, sehr arm.

Ich spiele einen deutschen Krisengewinner, eine Art Unterweltskönig. „Candelaria“, die Frau, findet durch Zufall eine Vidokamera und ihr Mann beginnt sie damit unter anderem beim Duschen zu filmen. Das alte Paar entdeckt darüber auf sehr rührende Weise seine Sexualität wieder. Nur landet aber dummerweise dieses sehr private Filmmaterial bei mir, und ich will dann damit Geld machen. Daraus spinnt sich ein sehr anrührender Film in einer ganz anderen Kultur.

MM: Bis wir den sehen können, was wünschen Sie sich für „Tiere“?

Hochmair: Ich wünsche mir dass sich viele Zuschauer auf dieses filmische Experiment einlassen und auf die Reise, die auf den ersten Blick vielleicht etwas wirr erscheint, einlassen. Ich denke, es ist ein gelungenes Experiment. Wie schon gesagt: Gleichzeitig Komödie, Drama, Thriller und Liebesfilm.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26976

www.tiere.film

20. 11. 2017

Viennale 2017: Tiere

Oktober 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schwarze Katze kündigt Mord an

Anna und Nick haben sich auseinander gelebt: Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair agieren im Psychothriller „Tiere“ ganz großartig. Bild: © Polyfilm Verleih

Ein Autounfall ändert das Leben von Anna und Nick radikal. Gerade war man noch unterwegs ins Schweizer Bauernhaus, das man für ein halbes Jahr gemietet hatte, als Aussteiger-Domizil für den Haubenkoch und die Kinderbuchautorin – und dann ein Schaf auf der Straße, ein Peng, Auto hin, Schaf tot, Frau im Krankenhaus …

„Tiere“ heißt der Film von Greg Zglinski, der am 30. Oktober Österreich-Premiere bei der Viennale hat, am 17. November in den Kinos anläuft, und in dem Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair als Anna und Nick in gewohnter Weise begeistern. Es ist – zumindest vordergründig – die Geschichte einer Ehekrise, die der polnisch stämmige und in der Schweiz aufgewachsene Filmemacher Zglinski nach einem Drehbuch des 2007 verstorbenen Jörg Kalt in seiner ersten internationalen Produktion erzählt. Die beiden Wiener Bobos haben sich in ihrem sehr stylischen Leben nämlich längst auseinandergelebt. Ihre Beziehung ist durch seine Untreue, ihre Eifersucht und berufliche Selbstzweifel auf beiden Seiten ramponiert, die Schweiz hätte es richten sollen, aber ach! Zum Glück nur eine Platzwunde an Annas Schläfe.

Und dann geht sie los, die Suspense-Story oder Die Frage, wer hier verrückt ist oder gemacht werden soll – und vor allem von wem? Denn es gibt nichts, was der eine sagt, das vom anderen nicht in Zweifel gezogen würde. Meint sie, man sei gestern angekommen, erwidert er, es sei zwölf Tage her. Spricht er mit ihr am Esstisch, erscheint sie plötzlich aus dem ersten Stock mit der Frage: Mit wem redest du? Schreibt sie einen neuen Roman in ihr Heft oder sind die Seiten leer? Reist er tatsächlich durch die Region, um neue Rezepte zu sammeln, oder geht er mit einer Eisverkäuferin am Genfer See fremd? Anna traut bald ihrem Verstand nicht mehr. „Ich bin anders als sonst?“, so sie zu Nick. „Irgendwie schon“, antwortet der. – „Das war’s eh, was ich fragen wollte.“

Bei Mischa in der Wiener Wohnung fließt Blut: Mona Petri. Bild: © Tellfilm/Wojciech Sulezycki

Derweil pflegt Anna ihre Schreibblockade: Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

Und dann ist da eine schwarze Katze, die französisch spricht, und wie alle ihre Artgenossen den sechsten Sinn hat, und Anna mitteilt, dass Nick sie ermorden will. In der Nacht darauf ersticht sie ihn mit dem Tranchiermesser, erstickt er sie mit einem Kopfpolster, aber alles nur ein Traum – oder doch nicht? So funktioniert Zglinskis Film zwischen real und surreal. Es geht de facto um Leben und Tod. Und auch wenn nicht alle Szenen innerhalb der Logik des Films evident sein werden, sobald der Regisseur seine Lösung fürs Ende präsentiert (Stichwort: Kapuzenmann im Regen), so ist „Tiere“ doch ein gut gemachter Psychothriller mit Horrormärchenelementen. Und reichlich schwarzem Humor.

Zglinskis nimmt sich, unterstützt von Piotr Jaxas an David Lynch geschulter, raffinierter Kameraführung und Laurent Jespersens hartem Sounddesign, vieles, was das Genre zu bieten hat. Immer wieder fährt die Kamera, fährt das Auto durch einen blutroten Tunnel als wäre er eine Metapher für die Wunden, die Anna und Nick einander schlagen. Parallelwelten tun sich auf. Die Korridore, die Vorzimmer sind gleich gestaltet, lange Gänge, über die es zu irren gilt, egal, ob in der Stadt oder auf dem Land. Und auch eine geheimnisvolle Tür, die verschlossen bleiben muss, und zum Schluss wie von Geisterhand geöffnet werden wird, gibt es überall. Alle Frauen sind optisch oder tatsächlich? eine.

Schauspielerin Mona Petri als Drolerien-Forscherin Mischa, die sich Anna und Nick im heimischen Altbau als Untermieterin genommen haben, als seine Geliebte Andrea und als Schweizer Eisverkäuferin. Andrea wird in Wien aus dem Fenster springen, ein Vogel wird in der Schweiz durchs Fenster fliegen – ein Doppelselbstmord, und Mischa eine Wiedergängerin? „Ich habe plötzlich das Gefühl gehabt, die seh‘ ich nie wieder“, sagt Anna nachdem sie Mischa/Andrea/oder wem? zum Abschied die Hand quetscht.

Im Schweizer Bauernhaus sollte alles besser werden, doch nicht nur ein Schaf kommt unter die Räder: Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

Systematisch zieht Zglinski das Netz der Verunsicherung enger. Er arbeitet mit Verschiebung von Perspektiven, Verwechslungen, falschen Annahmen, falscher Wahrnehmung, Lüge. Virtuos jongliert er mit den enigmatischen Wiederholungen seiner Story, bis der Zuschauer selbst nicht mehr weiß, was er sieht und was er glauben soll.

Blut fließt. Auch Mischa wird sich eine Kopfwunde zuziehen, und nach der Spitalsbehandlung „den Arzt mit dem fehlenden Finger“ erneut in der Klinik besuchen wollen. Nur, dass der den erst Tage später durch Andreas Ex verlieren wird. Mehdi Nebbou und Michael Ostrowski komplettieren in diesen Rollen den Cast. Normal ist in diesem Film keiner. Und zwischen all den Rissen, Zeitsprüngen und Gedächtnislücken brillieren die Minichmayr und Philipp Hochmair. Wie ihr Gesicht zunehmend entgleist, während Hochmairs Nick souverän und freundlich bleibt. Wie ihre Anna mit spitzer Boshaftigkeit und übellaunigen Blicken seiner arrogant-überheblichen Selbstsicherheit Contra gibt. Und gerade, als man von ihrer labilen Unsicherheit und ihrem peniblen Zwänglerisch-Sein genug hat, dreht sich die Handlung ein letztes Mal, ein verwirrender Zeitungsartikel taucht auf – und Nick …

Greg Zglinskis komplex verrätselte „Tiere“ (der Titel auch dem Kinderspiel geschuldet, das Anna und Nick auf Autofahrten spielen) ist eine magische, eine mystische Interpretation eines Daseins, für das es mehr geben muss, als die Schulweisheit sich träumen lässt. Angedockt an den wenigen Meisterwerken von M. Night Shyamalan erzählt er in großer atmosphärischer Dichte von der menschlichen Existenz – und dem letzten Liebesbeweis, den man dieser erbringen kann. Wer aus dem Film geht, hat garantiert Herzklopfen. Entlassen mit der Frage, nicht was, sondern wer Wirklichkeit ist.

Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“: www.mottingers-meinung.at/?p=27417

www.viennale.at

www.tiere.film

  1. 10. 2017